Sturmversteck und Gunkholing

In enger Folge ziehen derzeit kräftige Tiefdruckgebiete über die Chesapeake Bay, nicht untypisch für diese Jahreszeit. Die Lücken zwischen ihnen nutzen wir für die Fahrt nach Süden.

Screenshot, Quelle: Windy.com

Aber wenn das Tief naht, verkriechen wir uns. In diesem Fall hinein in die verzweigten Creeks von Solomon‘s Island. Wobei, ganz tief hinein brauchen wir gar nicht, schon die verschlungene Einfahrt gewährt guten Schutz. Mit dem Dinghy erkunden wir die von herbstlich gefärbten Bäumen gesäumten Verästelungen des Mill Creek und des von ihm abzweigenden St. John Creek, über drei Kilometer weit hinein. „Gunkholing“ nennen die Amerikaner das Herumfahren in diesen manchmal flachen und mit tiefgehenden Booten schwer zu navigierenden Inlets, wobei man dann herrliche Einblicke in die zum Wasser ausgerichteten Gärten der anliegenden Häuser bekommt.

Naja, Häuser. Am Eingang des Creeks sind es eher Villen, mal mehr, mal weniger geschmackvoll, die oft eher Motoryachten, schnelle Sportangler und Spielzeuge wie Jetskis an ihren Anlegern präsentieren. Weiter innen im Creek werden die Häuser oft etwas kleiner, liegen versteckter.

Manche der festen Stege am Ufer finden wir schon überspült, denn das Tiefdruckgebiet presst offenbar reichlich Wasser in die Chesapeake Bay hinein, ein ungewöhnliches Hochwasser ist angekündigt, Hochwasser- und Sturmwarnung bis hinauf nach Washington DC.

Ein Spaziergang zum WestMarine Bootsausstatter folgt, auf dem Rückweg besuchen wir noch Mareike, die in einer Marina im Nebencreek an ihrer Moana arbeitet und verabreden uns für morgen zum Abendessen.

Im Ort kommen wir dabei durch ein „historisches Viertel“ mit zum Teil wirklich alten, zum Teil aber auch brandneuen Häusern und Häuschen im historischen Baustil.

Zurück an Bord genießen wir noch ein wenig die Ruhe vor dem angesagten Sturm. Die Wettermodelle sind sich nicht ganz einig, bis zu 10 Bft könnten es nach dem NAM-Modell in der Chesapeake werden, hier für Solomon’s sagen immerhin drei von vier Modellen um die 40 kn und darüber (8 bis 9 Bft) voraus, lediglich das sonst in den Böen oft genauere ECMWF beschränkt sich diesmal auf 34 kn.

Screenshot, Quelle wiederum Windy.com

Wir machen die Flora klar für den Starkwind, kontrollieren Anker und Ankerkralle, sichern die Fock zusätzlich und stauen windanfällige Sachen wie z.B. den Rettungskragen) unter Deck. Und wirbekommen die Sendefunktion unseres AIS nach mehreren Emails mit dem Hersteller und einem Softwareupdate endlich wieder zum Laufen.

Und dann heißt es Abwarten.

Pura Vida.

Auf nach Süden

War der kurze 20 sm Hüpfer nach Annapolis auch schon mal ein toller Saisonauftakt, eine ganze Woche hätten wir dort eigentlich gar nicht bleiben wollen.

Dass es trotzdem so kommt, ist neben dem Wetter einigen Bootsarbeiten und – vor allem – den Treffen mit anderen Seglern geschuldet. Außerdem tut es gut, wieder anzukommen auf dem Boot, sich Zeit zu nehmen. 😎 Die Atmosphäre der Stadt aufzunehmen und auf uns wirken zu lassen.

Wir kümmern uns nochmals um unseren Generator, aber da kommen wir derzeit nicht wirklich weiter. Trotz neuer Kondensatoren kommt beim Start zunächst zwei mal eine Fehlermeldung, beim dritten Start läuft dann der Generator problemlos. Noch nicht optimal!

Den neuen Teppich hatten wir uns (von Hallberg-Rassy Parts) nach Herrington schicken lassen. Beim alten war an den Rändern die Kettelung z.T. aufgegangen, einige Druckknöpfe waren defekt, vor allem aber war die Gummierung der Rückseite nach 10 Jahren nun so porös und bröselig geworden, dass wir eine Reparatur der übrigen Macken für nicht sinnvoll hielten.

Neue Druckknöpfe und das passende Werkzeug hatten wir mitbestellt. Beim Auspacken jetzt in Annapolis die freudige Überraschung: Druckknöpfe sind schon drin!

Und sie passen ziemlich gut bei den ersten drei Teppichen, die wir austauschen. Beim vierten, dem großen im Salon, machen wir dann aber lange Gesichter: die Ausschnitte für die Füße des Salontisches passen nicht, sind ein paar Zentimeter versetzt. Grrr 😖.

Tatsächlich schaffen wir es mit etwas Überredungskunst, eine Boat-Canvas-Werkstatt zum KURZFRISTIGEN Umsäumen der von uns angepassten Ausschnitte zu bringen. Per Dinghy schaffen wir den Teppich zu ihnen in den Backcreek, kaufen Lebensmittel ein und schwupp, können wir den Teppich wieder mitnehmen. Jetzt passt er 😁.

Mehrmals treffen wir Annemarie und Volker von der „escape“, feiern ausgiebig Abschied, denn zumindest für diese Saison trennen sich unsere Wege. Wir sind gespannt, wo sie sich wieder kreuzen.

Peter, ein deutscher Segler, den wir im letzten Jahr kennengelernt haben, lädt uns in sein Haus in Annapolis ein, wo wir einen sehr netten Abend mit ihm und seiner Frau verbringen.

Am nächsten Tag kommt Mario vorbei, ein amerikanischer Eigner einer anderen Hallberg-Rassy 43. Bootsbesichtigung und fachsimpeln.

Aber dann geht es los. Herrliches Segeln mit raumem bis achterlichem Wind, der anfangs zwar noch in Böen 30 kn erreicht, dann aber schnell abnimmt, so dass wir ein Reff nach dem anderen ausschütteln können.

Trotz des herrlichen Sonnenscheins und des achterlichen (und damit scheinbar ja weniger starken) Windes ist es frisch, Wiebke mummelt sich im Cockpit in eine Decke. Wird doch Zeit, südlicher zu gehen.

Das letzte Stück der 45 sm nach Solomons müssen wir wieder etwas anluven, schön, dass bei der Schotführung nur die durch die Spibaumnock geführte Spischot losgeworfen und die Fockschot dichtgenommen werden muss, der Baum kann erst einmal stehenbleiben:

Pura Vida.

Zurück im Wasser 🤩

Es ist immer aufregend, wenn der eigene Dampfer in Gurten hängend in der Luft schwebt, der Kran (Travellift) sich in Bewegung setzt und mit leichtem Schaukeln das Boot zum Wasser karrt. Dann – ganz langsam – hinunterlässt. Wir springen an Bord, kontrollieren die Seeventile und …

… 😖. Eins tropft. Nicht viel, aber eben doch stetig. HALT, Gurte noch nicht losmachen. Bei genauerer Kontrolle stellt sich heraus, dass nicht das (neu eingesetzte bronzene) Seeventil der Klimaanlagenpumpe undicht ist, sondern der nur der Deckel des Seewasserfilters darüber. Einmal aufmachen, neu mit Vaseline einsetzen, gut aber nicht zu fest zuschrauben, dicht. Erleichtert geben wir das Signal, dass die Gurte jetzt doch weg können. Der Motor, die Klimaanlage und der Generator müssen noch gecheckt werden. Das geht erst im Wasser, aber natürlich nicht an der Kranstelle. Also werden wir an einen Liegeplatz geschleppt und können dort in Ruhe alles erledigen.

Hm. In Ruhe? Ein bisschen mehr Ruhe, als wir uns gewünscht hatten. Am Donnerstag eingewassert, dürfen wir noch bis Sonntag auf dem Liegeplatz bleiben, dann müssen wir weg. Verlängern ist nicht möglich, der Hafen ist voll.

Egal, heute passiert eh nix mehr, fahren wir also auf die Bootsmesse nach Annapolis und treffen mit Annemarie, Volker (escape), Mareike (Moana), Kim und Chuck (La Rive Nord) alte Bekannte endlich wieder.

Nicht wie besprochen am Donnerstag, auch nicht am Freitag, sondern erst am Samstag (immerhin) kommt der Motor-Spezialist und erledigt seine Restarbeiten einschließlich des Spülens der Kühlkreisläufe mit einer Reinigungslösung, die Kalkverkrustungen und etwaigen Muschelbewuchs entfernt. Das muss einige Zeit einwirken, danach erst können wir die Maschinen starten.

Klappt beim Motor wunderbar. Beim Generator …

… leider nicht so perfekt. Er startet zwar, stellt sich aber nach zehn Minuten selbsttätig ab: „FEHLER AC-1 SPANNUNG“. Hm. Zugegeben hatten wir diese Fehlermeldung zuletzt gelegentlich, wenn wir starke Verbraucher angeschlossen hatten und das Batterieladegerät ebenfalls unter Last arbeitete. Dem hätten wir uns demnächst eigentlich in Ruhe widmen wollen, aber jetzt müssen wir es vorziehen. Na gut. Die wahrscheinliche Ursache sind nach gleichlautender Aussage im Manual und den Internet-Foren defekte Kondensatoren („Capacitors“, elektronische Bauteile, die die Spannung regeln). Nach einiger Suche und einem Anruf beim technischen Support von Whisperpower in Holland finde ich sie.

Bloß, wo kriege ich jetzt auf die Schnelle Ersatz her? Es gibt in Annapolis einen Whisperpower-Händler, aber derzeit ist Messe, die Auftragsbücher sind voll und Termine kaum zu bekommen. Aber Mike schaltet sich ein, lässt seine Beziehungen spielen und für Dienstag kündigt Nate von Hortonmarineservices seinen Besuch mit Ersatzkapazitatoren an. Wow.

Allerdings können wir bis dahin eben nicht in Herrington im Hafen bleiben. Wieder durch Vermittlung von Mike bekommen wir einen eigentlich unpassenden „Not“-Platz gegenüber bei Shipwright für einige weitere Tage.

Das ist mehr als gut, denn unsere Shades für das Bimini sind zwar in letzter Minute fertig geworden, allerdings sind am Bimini selbst noch in paar Nachbesserungen zu erledigen, die tatsächlich auch erst am Dienstag fertig sind. Zwischendurch haben wir es allerdings an Bord und können unsere Sunware-Solarpanele wieder auf ihm befestigen, die Loxx-Knöpfe dafür lassen sich vom alten Bimini wiederverwenden. Auch wenn es ein befremdliches Gefühl ist, in das niegelnagelneue Bimini gleich 20 Löcher zu stanzen 😬, wir wagen es und es passt.

Fühlt sich gut an, nun (soweit wir es beurteilen können) endlich alles auf Stand zu haben. Jetzt lockt die schon leicht herbstliche Chesapeake Bay und dann der Weg nach Süden.

Pura Vida.

Der SCHÖNE Schein und die Biodiversität

Genau hinschauen lohnt oft. Und die Geldscheine in Costa Rica laden dazu ganz besonders ein. Also in dem Fall mal nicht auf den Pfennig oder Cent schauen, sondern auf den Colón. Beziehungsweise auf die Colonnes, den für einen Euro bekommt man derzeit etwa 730 Colonnes, im Alltag sind wir also mit höheren Beträgen unterwegs als in Europa gewohnt. Natürlich würde man so auch schneller Millionär, (mit rund 1.370 Euro) aber ⚠️: wenn auf den Scheinen z.B. „ 2 MIL COLONES“ draufsteht, bedeutet das „nur“ Zweitausend Colones, also umgerechnet etwa 2 Euro 70 Cent.

Der kleinste Schein ist der 1.000er:

Die Vorderseite aller Scheine zeigt jeweils verdiente Persönlichkeiten des Landes und – farbig auf durchsichtigem Grund – einen Scherenschnitt, beim 1.000er den Umriss des Landes; somit auf der Rückseite spiegelverkehrt. Dafür bieten die Rückseiten viele Details. Auf dem 1.000 Colones Schein findet sich ein Weißwedelhirsch (nebst landessprachliche und wissenschaftlicher Bezeichnung), zudem ein Guanacastebaum (seit 1959 Nationalbaum) und eine nachtblühende Kakteenart. Die Landschaft bzw. das Ökosystem ist oben rechts vermerkt: Bosque Seco (Trockenwald) und diese Bezeichnung findet sich auch in den Wellen aus Buchstaben, die oben und unten klein über den Schein laufen.

Der nächst größere Schein ist der 2.000er:

Bullenhai, Kissenseestern und Meerfeder vor Korallen und Riffbarschen zeigen, dass es diesmal um die (Unterwasser-)Landschaft Korallenriff geht.

Ein besonderes Gimmik verbirgt sich in den kleinen, nur als Scherenschnitt gezeigten Schildkröten unter dem Hai: sie zeigen in miniaturkleinen Buchstaben das sich wiederholende Motto „Pura Vida“!

Als Nächstes kommt der 5.000er:

Hier sind es Weißschulterkapuzineraffe, Mangroven-Rennkrabbe und Rote Mangrove, das Ökosystem sind die Mangrovenwälder. Auch hier findet sich im Umriss des Krokodils oder Kaimans: Pura Vida.

Der 10.000er:

Da habe ich einen etwas älteren Schein im Portemonnaie, die durchsichtigen Merkmale der neuen Scheine fehlen. Er fühlt sich auch anders an, die neuen Scheine sind aus schmutz- und wasserabweisenden Kunststoff, sollen dadurch länger halten und besser recyclebar sein.

Das Dreizehenfaultier ist gut zu erkennen. Fun Fact: Alle Faultiere haben drei Zehen – an jedem der Hinterbeine. Die Unterscheidung in Zweizehen- und Dreizehenfaultiere erfolgt nach der Anzahl der sichtbaren „Finger“ an den Vorderbeinen.

Auf dem Schein sind außerdem sind eine Schlauchpilz- und eine Orchideenart (eine von über 1.500 in Costa Rica!) abgebildet. Im Umriss sind Tukane zu erkennen, klar, es geht um den Regenwald (Bosque Lluvioso).

Der größte Schein, den wir in die Finger bekamen, ist der 20.000er:

Groß abgebildet ist der Vulkankolibri, auch Vulkanelfe genannt. Zudem eine (allerdings giftige) Senecio aus der Familie der Gänseblümchen. Das Ökosystem Páramo bezeichnet die baumlosen Hochlandsteppen der Vulkangegenden.

Auf den Umrissen der Kaninchen lesen wir wieder: Pura Vida.

Soooo viel bunte Pflanzen- und Tierwelt. Und doch: nur ein klitzekleiner Ausschnitt, denn Costa Rica ist eines der 20 Länder mit der höchsten Biodiversität weltweit. Die Länder dieser Hotspots biologischer Vielfalt drängeln sich rund um den Äquator. Allein Costa Ricas Tierwelt umfasst in seinen 12 Mikroklimazonen unfassbare mehr als 500.000 Spezies, darunter über 250 Arten von Säugetieren, allerdings auch 300.000 verschiedene Insekten 😉.

Noch herausragender ist die Vielfalt bei den Pflanzen. Woran liegt diese enorme Biodiversität? Zum einen an der Lage an der Schnittstelle zweier von den Menschen erst spät intensiv besiedelten (und für sie „urbar gemachten“) Kontinenten. Zum anderen an der geographischen Lage in den Tropen, einer Gegend, die die Gletscher auch während der Eiszeiten nicht erreicht haben. Und letztlich auch daran, dass das Land noch bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts nur sehr dünn besiedelt blieb und das späte Bevölkerungswachstum zu einem erheblichen Teil erst erfolgte, als sich das Land schon für eine relativ naturverbundene und naturverträgliche Grundausrichtung entschieden hatte, etwa hinsichtlich der Ausweisung von Schutzgebieten und der weitgehenden Ausrichtung des Tourismus auf eher höherpreisiges „Öko“ statt auf Bettenburgen und Billigurlaub.

Bleibt das so? Wir hoffen es.

Pura Vida!

Zwei Wochen in Deutschland

Die Zeit saust dahin, obwohl (oder weil?) wir es ruhig angehen lassen. Wir genießen die Zeit mit Chief Jan (und Catalina, wenn sie da ist) in unserer Wohnung.

Wiebkes Mutter Uschi und Bruder Jörg wollen uns besuchen kommen, aber der Bahnstreik kommt dazwischen. Ihr Auto hat Uschi uns für unseren Deutschlandaufenthalt großzügig überlassen. Fahren wir halt umgekehrt mit dem Auto hinaus nach Hoya und machen dort mit den beiden eine wunderschöne Radtour durch die Feldmark in ein abgelegenes Bauern-Café mit herrlichem Kuchenangebot.

Unter der Woche treffen wir alte Freunde. Am Wochenende bekommen wir dann doch in Hamburg Besuch, meine Schwester Anja und Schwager Ralf kommen vorbei.

Eine gute Gelegenheit, mal wieder auf den Goldbekmarkt zu gehen und auch einen langen Spaziergang durch Winterhude, Barmbek und den Stadtpark zu machen. Natürlich mit Besuch an unserer Lieblingsfontäne, dem Pinguinbrunnen.

Anja ist aber von anderen Tieren noch mehr begeistert: Jan hat die immer mal wieder unsere Dachterrasse besuchenden Eichhörnchen in der langen Homeofficezeit inzwischen soweit gebracht, dass sie ihm Nüsse aus der Hand fressen. Probieren wir natürlich gleich aus und … es klappt!

Und, fehlt uns das Schiff? Wenn ich sehe, was Wiebke auf der Busfahrt zum Markt mit der Fahrkarte macht, offensichtlich schon:

Aber immerhin bekommen wir aus Herrington Rückmeldung, was inzwischen an Flora passiert. Mike koordiniert dort die Arbeiten bzw. macht einen größeren Teil davon selbst. Und er schickt uns Fotos. So zum Beispiel sah unser Leinenschneider an der Propellerwelle und das Kegelrad des Props vorher und jetzt aus:

Und so die Propellerflügel:

Gereinigt und poliert, nicht neu gekauft. Das klappt also soweit in der Ferne und auch hier. Die größeren Arbeiten stehen allerdings noch aus. Auch die Steuererklärung harrt noch darauf, dass ich mich endlich daran mache … 😔

Genau zwei Jahre …

… leben wir jetzt auf der Flora. Unfassbar viele Erfahrungen und Begegnungen, bei weitem übertroffene Erwartungen, Überraschungen, Aha-Erlebnisse und Genussmomente.

Insgesamt haben wir in dieser Zeit mit dem Boot 14.471 sm zurückgelegt. 8.846 sm waren es im ersten Jahr, von Griechenland quer durchs Mittelmeer, über Madeira, die Kanaren, die Kapverden, dann die Atlantiküberquerung, der Antillenbogens, die USVI und dann die Ankunft in der Chesapeake Bay in den USA. 🇬🇷 🇮🇹 🇪🇸 🇬🇮🇵🇹 🇮🇨 🇨🇻🇻🇨🇬🇩🇱🇨🇲🇶🇩🇲🇬🇵🇦🇬🇻🇮🇧🇸🇺🇸. Viele neue Länder und Regionen in Floras Kielwasser, viele verschiedene Gastlandsflaggen, die erstmals unter Floras Steuerbordsaling flatterten.

Jetzt in unserem zweiten Langfahrerjahr waren es “nur”5.625 sm und neben bereits besuchten “nur” drei neue Länder: 🇸🇽🇵🇷🇩🇴. Waren wir reisefaul 🙄? Nö, eher nicht 😁. Zum einen entspricht diese Strecke ziemlich genau der Entfernung (Luftlinie) zwischen Deutschland und Singapur, sooo wenig war es dann also auch wieder nicht. Vor allem aber geht es uns ja nicht darum, irgendwelche Rekordweiten zu erzielen oder möglichst viele Stempel in den Pass zu bekommen, sondern um das Erleben, das nähere Kennenlernen. Von Orten, noch viel mehr aber (und noch wichtiger) von Menschen. Und da war auch dieses zweite “Liveaboard”-Jahr ausgesprochen erfüllend. Einige Highlights unter vielen:

Es beginnt schon gleich im Juli, unsere Freunde Greg und Michael aus Washington kommen zu uns an Bord und begleiten uns für die nächsten gut zwei Monate. Gemeinsam erleben wir die Gänsehautmomente, direkt an der Freiheitsstatue in New York zu segeln und zu ankern.

Und viele weitere. Mit den beiden segeln wir durch den Big Apple hindurch in den Long Island Sound und weiter die US-Ostküste hinauf in die Neu-England-Staaten bis nach Maine an der kanadischen Grenze. Treffen zwischendurch mit Annemarie und Volker von der Escape oder Helena und Steve von der Amalia “alte” Freunde, lernen dazu neue kennen, genießen wunderbare Gastfreundschaft und traumhafte Landschaften, urige Orte und Lobster satt (mit dem wir uns für das erfolgreiche Umfahren der vielen Lobsterpots belohnen😜).

Der Sommer in Maine verwöhnt uns auch wettertechnisch, trotzdem beschert uns dieser Ausflug in den Norden ein wenig Frische und das Gefühl von Jahreszeiten. Auch das ein Luxus in den inzwischen zwei Jahren Dauersommer.

Über Cape Cod, Martha’s Vineyard und Nantucket, wo wir wieder einmal großzügige amerikanische Gastfreundschaft genießen dürfen, geht es dann zurück in den fast schon herbstlichen Spätsommer der Chesapeake Bay. Eine unglaublich intensive Zeit.

Auf eine ganz andere Art intensiv ist dann im November die Passage zurück in die Karibik. Hatten wir mit unserer Route in den Norden den in Rekordzahl aufgetretenen Hurrikans und tropischen Stürmen gut aus dem Weg gehen können, verbauen uns jetzt die Ausläufer der letzten (schon lange mit griechischen Buchstaben benannten) Stürme den Weg in die Bahamas. Wir planen kurzfristig um und machen uns mit 35 anderen Booten der “Salty Dawg” auf den Weg nach Antigua. Das alleine ist ein Seestück von über 1.700 sm. Wir benötigen dafür 10 Tage, fast immer hoch am kräftigen Wind segelnd, bei viel Welle. Es ist unsere bisher anstrengendste Passage, deutlich kräftezehrender als die Atlantiküberquerung im Jahr zuvor. Aber es ist angenehm, bei diesen Bedingungen eigentlich immer andere Segler in UKW- und AIS-Reichweite zu haben. Das schweißt zusammen, wie sich dann in English Harbour zeigt, wo die Salty Dawg Boote den Kai zunächst fast exclusiv für sich haben und eine enge Gemeinschaft formen. Nicht mit allen Schiffen, aber eben doch mit einigen. Auch hier haben wir wunderbare Freundschaften geknüpft, die trotz dann wieder getrennter Wege fortbestehen. Tropicool, Helacious, Kalli, Skylark, Fatjax, Landscape und noch einige mehr. Auch Kontakte vom letzten Jahr leben wieder auf, so z.B. mit Andrea und Kai von der Silence in der Nonsuch Bay, der vierköpfigen Crew der Alisara, Luise und Brent von der Knot Safety aus der Carlisle Bay Corona Group oder (später) Karen und Steve von der Second Chance aus der gleichen Gruppe. Neue kommen dazu. So verbringen wir wieder zweieinhalb Monate auf Antigua und Barbuda und wieder ist es wunderbar.

Ein Wohlfühlen-Weihnachten auf Barbuda mit den Crews der Gerty, der Escape, der San Giulio und der Oroboro und den Feiern bei Inoch am Strand, Silvester mit der Escape im kleinen Kreis nicht weniger schön, mit den beiden machen wir auch in der Folge noch vieles gemeinsam.

Als es dann für uns weitergeht, nutzen wir Sint Martin nur als kurze Zwischenstation und segeln schon eine Woche später nach Culebra in den Spanish Virgin Islands. Ein Traum.

Mit Heike und Jürgen von der Valentin erkunden wir Culebra, mit den Salty Dawg Kim und Chuck von der La Rive Nord die kleine Schwesterinsel Culebrita und später auch noch Vieques. Da kommen dann auch Andrea und Ingo von der Easy-One extra aus Curaçao hoch (kein angenehmer Törn), um wie im letzten Jahr mit uns Andreas Geburtstag zu feiern. Wir freuen uns bolle. Mit den beiden werden wir (was wir jetzt noch nicht wissen) die nächsten vier Monate Buddyboating und auch gemeinsame Landausflüge machen, in Puerto Rico z.B. in die faszinierende Hauptstadt San Juan und in den El Yunque Nationalwald.

Und so segeln wir eben auch gemeinsam nach Samaná in der Dominikanischen Republik. Als Törnziel für uns eine der großen Unbekannten, erweist sich unser Aufenthalt dort als ein weiteres Highlight dieser Saison. Keines unserer angelesenen Vorurteile wird bestätigt, statt dessen empfangen uns auf der Anreise Buckelwale und dann freundliche Menschen in dieser pulsierenden, lauten, bunten lebendigen Stadt.

Und auch das Hinterland begeistert, erst recht der in der großen Bucht gegenüberliegende Los Haitises Nationalpark. Hier, wie schon am Ankerplatz in Santa Bárbara de Samaná treffen wir Martina und Daniel mit ihrer Vairea wieder, die wir zuletzt im vorigen Jahr auf den USVI gesehen hatten. Die Freude ist groß.

Ein Schwerpunkt dieser Saison schließt sich an, die Bahamas. Im letzten Jahr konnten wir wegen COVID nur auf „Innocent Passage“ durchreisen, durften zwar ein paar mal ankern, aber nicht an Land gehen. Um so intensiver erkunden wir in diesem Jahr die Bahamas, bleiben dort gut zweieinhalb Monate und können trotzdem nur 30 Inseln und damit nur einen kleinen Teil der vielen Eilande besuchen. Über Great Inagua und das wunderbare Hogsty Reef geht es nach Acklins, wo uns die Südafrikaner Amy und Hylt auf ihrem Katamaran an das Jig-Fischen heranführen.

In den Ragged Islands treffen wir Helena und Steve mit Floras Schwesterschiff Amalia wieder, außerdem Stefan und Dorothee von der Invia. Und wir lernen einige neue Crews und auch neue Beschäftigungen kennen. Etwa das Anlegen von Pfaden auf diesen unwegsamen Inseln oder das Spearfishing. Die Geselligkeit der Cruiser bündelt sich am „Hog Cay Yacht Club“, unerwartet auf einer unbewohnten Insel!

In den Raggeds treffen wir außerdem erstmals auf „Blue Holes“ und das gleich in ganz verschiedenen Größen, Tiefen und Ausprägungen. Mal an Land gelegen und eher grün, mal zum Drübersegeln und dunkelblau aus dem typischen Türkis der Bahamas herausleuchtend, öfters als interessante und gern genommene Schnorchelziele.

Überhaupt, dieses türkisfarben leuchtende kristallklare Wasser.

Dazu reichlich unbewohnte Inseln, auf denen wir manchmal im Team Kokosnüsse ernten und verarbeiten.

Auf Long Island treffen wir die Vairea und die Invia wieder, dazu die Akka (vom letzten Jahr aus Deltaville) und erstmals die Lille Venn, die wir bisher nur über die sozialen Medien kannten und ein paar Mal knapp verpasst haben.

In den Exumas dann erneut die Amalia. Hört sich an, als würden wir nur im eigenen Saft der Cruiser schmoren? Das macht sicher einen großen Teil aus, weil man sich eben oft mehrfach trifft, sich trennt, wieder trifft, Gemeinsames erlebt, es ist aber eben auch nicht alles. Ein schönes Beispiel erleben wir auf Little Farmers Cay, der Nachmittag mit Jasmine und Isryel und die spontane Tanzperformance auf der Terrasse des Restaurants seines Großvaters hauen uns schlicht um.

Überhaupt machen uns die Exumas auch viel Spaß, obwohl sie touristischer und “voller” sind als die abgelegenen Raggeds. Wirklich voll erleben wir es nie, was sicher auch COVID und der dadurch verringerten Zahl von Charterern und dem völligen Fehlen von Kreuzfahrern geschuldet/gedankt ist. Die schwimmenden Schweine werden inzwischen auf anderen Inseln als Attraktion kopiert, es gibt tolle Höhlen und Flugzeugwracks zum Schnorcheln.

Und es gibt eine unfassbar schöne Landschaft mit Farben, an denen wir uns nicht sattsehen können:

Aber auch hier ist es das Miteinander, was dem Ganzen die Krone aufsetzt. In Shroud Cay findet zusammen: mit Natalja und Jochen von der Caroline haben wir schon länger online Kontakt, die schweizer Jollity mit Leonie, Jonas und Jonathan kennen wir aus Samaná, Mareike mit ihrer Moana hat letztes Jahr im Lockdown mit uns vor Jolly Harbour und später in der Carlisle Bay gelegen, Janna und Ilja haben wir auf Rudder Cut Cay kennengelernt und Andrea und Ingo ja schon letztes Jahr in Martinique. Anya und Rob von der etwas abseits ankernden Ronya hatten die Deutsche Tauchschule auf Key Largo, in der Wiebke und ich vor Jahren den AOWD-Tauchschein gemacht haben. Die Welt ist ein Dorf! Und manchmal ist das auch ganz gut so.

Da ist es dann fast schon müßig zu erwähnen, dass wir an unserem ersten Ankerplatz zurück in den USA die Vairea und die Tropicool vorfinden, die Jollity kommt etwas später an. Und die Escape holt uns zu unserer großen Freude auf dem nächsten Ankerplatz am Cape Lookout ein 😁.

Eine Aufzählung von Treffen, o.k.

Aber das Entscheidende ist natürlich nicht die Menge, die Anzahl, sondern der intensive Austausch, das gemeinsame Erleben, die Bereicherung durch die unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven. Manchmal über das Seglerische, manchmal über ganz Persönliches.

In einem Jahr, in dem COVID an so vielen Stellen Kontaktbeschränkungen mit sich brachte, freuen wir uns darüber ganz besonders. Für uns Segler in den USA und der Karibik war Reisen möglich, nicht überall, vielfach mit zum Teil mehrfachen PCR-Tests und ein paar Formalismen, aber es war möglich. Und die Segler unter sich (jedenfalls auf den einsameren Inseln), zumal wenn frisch getestet oder aus der (seglerischen) Quarantäne, zum Teil bereits durchgeimpft, praktisch immer im Freien, schienen ein relativ geringes Risiko zu sein.

Übrigens, auch wenn sich das in der knappen Zusammenschau eines ganzen Jahres nicht so anhört, Zeit genug für uns allein hatten wir auch.

Und weil ich mit den ganzen tierischen Highlights den Beitrag jetzt echt sprengen würde, hier nur ein einziges Foto als Stellvertreter für die unfassbar vielen wunderbaren Naturerlebnisse:

Adler, Flaggen und Abschied

Ich glaub, es geht schon wieder los (o.k., der Schlagerabend zum Abschied von der Crew der Easy-One sitzt mir noch in den Knochen). Aber tatsächlich kündigt sich nach der heftigen letztjährigen Saison die neue und als wiederum überdurchschnittlich prognostizierte Hurrikansaison langsam an, schon der dritte Tropensturm wurde benannt: Claudette. Der Landfall war war weit entfernt an der Südküste der USA und er richtete in Luisiana, Mississippi, Alabama und Teilen Floridas Unheil an, aber die Überbleibsel ziehen auch hier in der Chesapeake Bay vorbei.

Zunächst mal wird es nur etwas grau, aber wir verlassen trotzdem die Mobjack Bay und nutzen die Zeit vor dem Durchzug der Front und dem damit verbundenen Windsprung dazu, uns etwas weiter nach Norden in die Fishing Bay vor Deltaville zu verholen. Die Ausfahrt von unserem Ankerplatz im East River bei Mathews macht einmal mehr deutlich, wie weit verbreitet die Fischadler hier sind. Buchstäblich auf mindestens jedem zweiten Seezeichen hier brüten diese majestätischen Greifvögel derzeit und lassen sich dabei auch von dem Boot der ihren Bruterfolg überwachenden Biologen nur kurzzeitig aufschrecken:

Mathews hat uns wieder gut gefallen, anders als letztes Jahr passen wir dieses Mal auch die Dinghyfahrt in den Ort gut an die Tide an, erwischen wirklich die Zeit um Hochwasser und müssen deshalb nicht das letzte Stück durch den Schlamm staken. Neben dem Einkauf im FoodLion bleibt uns noch Zeit für ein Sandwich im urigen lokalen Diner und einen kleinen Rundgang durch das Örtchen. Eines fällt besonders auf: der in den USA ohnehin üppige Flaggenschmuck mit den „Stars and Strips“ wird hier noch einmal getopt:

Auf einer Wiese im Ortskern wehen die Flaggen dicht an dicht. Nun ist das Verhältnis der meisten US-Amerikaner zu ihrer Flagge ohnehin von einem starken Patriotismus geprägt. Flaggen wehen an vielen Häusern, nicht nur zu nationalen Festtagen. Das muss nicht zwingen in Nationalismus gesteigert sein, die ausgedrückte Liebe zum eigenen Land also nicht in Geringschätzung anderer Länder umgeschlagen sein, aber es wirkt auf uns trotzdem erst einmal etwas fremd. Und die Erklärung auf einem am Rand angebrachten Schild wirkt denn auch ziemlich pathetisch: Flags for Heroes, Flaggen für Helden. Wir erfahren, dass der örtliche Rotary Club hier von Sponsoren bezahlte Flaggen aufstellt, ein kleiner Sticker an jeder Flagge benennt den Sponsor und denjenigen, der für ihn eben ein „Held“ ist. Auf den ersten Schildern lesen wir mehrere Army- oder Navymitglieder mit ihren Dienstgraden und teilweise den Kriegen, in denen sie eingesetzt waren. Aber darin erschöpft es sich nicht. Weitere Schilder benennen zum Beispiel die Mutter, den Pastor, sogar den Manager des örtlichen Supermarktes und viele andere Helden des Alltags. Da wird der Umgang mit der Flagge dann deutlich vom Nationalen abgekoppelt.

Etwas im Gegensatz dazu scheint uns zu stehen, dass an den Segelbooten die Flaggenführung häufig nicht sehr ausgeprägt ist. Wir sehen viele Boote, die keine Nationale führen. Das war auch schon auf den Bahamas bei mehreren Yachten so, die sich dann später als amerikanische Boote erwiesen. Flaggenführung aus Formalismus oder bloß wegen internationaler Gepflogenheiten ist möglicherweise eher nicht so angesagt. Auch bei unserem Nachbarlieger können wir keine Flagge erkennen, lediglich der Heimathafen am Heck zeigt die Herkunft des Amerikaners.

Von Claudette bekommen wir dann übrigens vor Anker in der wunderschönen Fishing Bay nicht allzu viel mit, nur ein etwas regnerischer Tag, aber die später losgefahrene Easy-One muss ihre Fahrt dann doch noch einmal unterbrechen, umdrehen und sich hinter einer Landzunge verstecken um den kräftigen Winden zu entgehen. Und auch wir drehen nochmal um, denn als wir aus der Fishing Bay gerade wieder heraussegeln kommt uns an der Mündung des Piankatank River die Easy-One entgegen! Sie sind inzwischen wohlbehalten hier angekommen. Wir drehen um und laufen mit ihnen wieder ein. Das Wetter ist auch wieder besser und so können wir heute eine ausgiebige Fahrradtour mit den Leihfahrrädern der Marina machen. Unsere Wege trennen sich hier erst einmal, die Easy-One möchte in der Fishing Bay eine Pause einlegen, wir mit der Flora noch etwas die Chesapeake Bay hinauf segeln, weshalb wir am Abend eben mit Schlagersingen und Erinerungen an die letzten vier Monate den traurigen Abschied so gut es eben geht in Freude über das gemeinsam Erlebte umwandeln.

Um das Kap Hatteras in die Chesapeake Bay

Das Cape Lookout und insbesondere das Kap Hatteras genießen trotz ihrer optischen Schönheit unter Seglern einen eher zweifelhaften Ruf. Das liegt an den vorgelagerten Flachs, der schlechten Sichtbarkeit der niedrigen Outer Banks, vor allem aber an den Strömungen. Als wäre der Golfstrom nicht schon genug, arbeiten sich Ausläufer einer zweiten atlantischen Hauptströmung, des aus dem Nordpolarmeer kommende relativ kalten Labradorstroms eng an der Küste bis hier hinunter und drängen ab hier den Golfstrom nach Osten ab. Das ergibt eine intensiv arbeitende Wetterküche, die für unseren geplanten etwa 230 sm langen Übernachttörn in die Chesapeake Bay eben ein wohlgewähltes Wetterfenster erfordert.

Allzu zimperlich können wir da nicht sein, und so nehmen wir gemeinsam mit mindestens sechs anderen Booten die Chance eines Flautentages mit anschließend einsetzendem Südwestwind gerne wahr, auch wenn damit eine längere Strecke unter Motor verbunden ist.

Noch vor Sonnenaufgang gehen wir Anker auf, mogeln uns im ersten Büchsenlicht aus dem Barden Inlet und fahren erst einmal fast 10 sm in die “falsche” Richtung nach Südsüdosten um das weit aus greifende Flach vor Cape Lookout herum. Erst dann können wir nach Nordost Richtung Kap Hatteras schwenken.

Auf dem ersten Stück brausen trotz (bzw. wegen) der frühen Stunde die Sportfischerboote des Wettbewerbs in Beaufort rechts und links um uns herum, rauschen mit bis zu dreißig Knoten knapp an uns vorbei in Richtung Golfstrom und wühlen das Wasser dabei ziemlich auf.

Immerhin, noch können wir (wenn auch gelegentlich von den Motorbootwellen durchgeschüttelt) segeln, aber mit steigender Sonne setzt leider Flaute ein, wie vorhergesagt wird es ein Tag mit auch bei Flora rotierendem Motorstundenzähler. Wir trösten uns damit, dass wir sieben Segelboote zusammen am Tag weniger Diesel verbrauchen als eins dieser Boote in ein oder zwei Stunden.

Wir nutzen den von der Lichtmaschine im Überfluss bereitgestellten Strom, um vor der brackigen Chesapeake Bay unsere Frischwassertanks per Wassermacher noch einmal komplett voll zu machen.

Immerhin, zum Abend setzt der Wind langsam wieder ein und unter Groß und Code0 gleiten wir in die Nacht hinein.

Nachts haben wir zum Glück trotz Küstennähe nur relativ wenig Schiffsverkehr. Wechsel auf die Fock, zurück auf den Code0, Motorsegeln, weitere Segelwechsel und dann doch wieder längere Zeit motoren, so zeigt sich der zweite Tag.

Außerdem haben wir endlich wieder einmal Angelerfolg, eine schöne Spanische Makrele können wir an Bord ziehen. Trotzdem, das lange motoren hinein in die große Chesapeake Bay zieht sich, insbesondere nachdem wir das imposante Bauwerk des Chesapeake Bay Bridge Tunnels passiert haben, das sich mehr als 28 Kilometer lang über die Mündung der Bucht erstreckt. In beide Richtungen unserer Durchfahrt über einen der zwei Tunnelabschnitte läuft die Brücke aus unserem Blickfeld hinaus.

Und danach geht es eben noch stundenlang unter Motor weiter bis hinüber auf die westliche Seite der hier sehr breiten Bucht. Erst gegen 17.00 können wir den Anker im East River der Mobjack Bay fallen lassen. Es fühlt sich an, als wären wir in einem stillen, von hohen Bäumen und schönen Häusern umstandenen See vor Anker gegangen. Die Escape ist schon da, Easy-One und Tropicool finden sich kurz nach uns ein und ankern nicht allzu weit entfernt.

Keine 100 m hinter unserem Schiff hat ein Fischadler sein Nest auf einem Pfahl im Wasser gebaut, sein Schrei klingt durch die Abendstille über das glatte Wasser.

Schön, wieder hier zu sein.

Die Schönen und die „Biester“ mit dem dritten Auge

Das Dorf löst sich auf. Ein letzter gemeinsamer Spieleabend auf der Easy-One hier in den Allans Cays und dann geht die Caroline Richtung Nassau. Die schweizer Jollity und die Thula hatten sich schon in Norman’s Cay verabschiedet. Ein bisschen Wehmut und viel Freude über die schöne gemeinsame Zeit.

Wir ankern auf dem sandigen Flach im Pass zwischen Allans Cay und Leaf Cay. Einmal mehr viel Strömung, aber was für ein Ankerplatz.

Und weil ich mehrfach darauf angesprochen wurde: die drei Drohnenfotos sind farblich nicht bearbeitet, die Klarheit des Lichts hier und eben auch die blau-türkisen Farbspiele sind kaum zu glauben aber echt!

Neben der landschaftlichen Schönheit lockt die Inselgruppe der Allens Cays mit den hier heimischen Rock Iguanas, die sonst nur noch auf Andros und auf Bitter Guana Cay vorkommen, wo wir sie erstmals gesehen haben. Diese Reptilien erscheinen manchen (meiner Schwester z.B.) wie Biester aus einer anderen Zeit. Und wirklich, die Urzeit-Tiere haben mit ihrem Saurieraussehen etwas durch die Jahrtausende hinübergerettet, was ebenfalls schier unglaublich scheint: ein drittes Auge. Nicht das Ajna Chakra Yoga-Auge der Intuition, sondern ein biologisches. Echt jetzt. Das „Scheitelauge“ oder Pinealauge genannte Organ weist zwar keine Iris, aber tatsächlich Linse, Netzhaut und Sehnerv auf. Wie der Name verrät sitzt es mittig oben auf dem Schädel, geschützt von einer transparenten Schuppe. Klein und deshalb kaum zu erkennen, aber doch sehr faszinierend.

Überhaupt kann ich der Versuchung einer weiteren Portrait-Session mit diesen Echsen nicht widerstehen ☺️.

Die Schöne und das Biest (1):

Die Schönen und das Biest (2):

Die Möve macht ebenso wie die Fliege auf dem Auge im quadratischen Portraitfoto oben ganz gut die nicht so drachenmäßig beeindruckende Größe der „Northern Bahamas Rock Iguanas“ deutlich. Es ist übrigens eine Aztekenmöve, eine nahe Verwandte unserer Lachmöven (klingt auch ganz ähnlich, Beine und Füße sind aber schwarz statt rot und die weiße Schminke um die Augen ist kräftiger). Sie ist weit verbreitet, wir sehen (und erst recht: hören) hier kaum andere Seevögel. 😉

Nicht zum Lachen: unser schöner Schlaf in der Nacht nach dem Spieleabend wird von einem anderen Geräusch jäh unterbrochen. Nachts um 1.00 Uhr laufen die elektrischen Davits an. Will einer unser hochgezogenes Dinghy klauen oder hat der heftige Schauer vom Abend Spätfolgen hinterlassen? Wir stürmen nach einem Moment der Orientierung hinaus ans Heck, die Elektromotoren laufen noch immer und versuchen steuerbords, das Dinghy über den Anschlag hinaus hoch zu ziehen, während am Backbord-Davit das Heck von Florecita mit dem daran befindlichen Außenbordmotor komplett abgelassen wurde. Die Schalter am David sind beide funktionslos. Wir kappen an Steuerbord die Befestigung im Dinghy und wenden uns dann drinnen der Fehlersuche zu. Erstmal die Sicherung, aber in dem Moment brennt die 100 Amp Sicherung der Davits gerade durch.

O.k., Ruhe im Schiff. Dann die Achterkoje freiräumen, unter unseren Matratzen sitzt die Steuerung der Davits. Der Kasten fühlt sich warm an, aber nach dem Öffnen zeigt sich, dass nichts durchgeschmort ist. Nur die Relais sind heiß, aber jetzt ist ja die Sicherung raus. Also erst mal weiterschlafen und bei Tageslicht schauen was wir tun können. Hm. Beim Einschlafen gehe ich schon mal durch, wie wir das Dinghy manuell in den Davits sichern können. Zeigt mein (angemessen) geringes Vertrauen in meine eigenen Elektrik-Reparatur-Fähigkeiten, auf dem elektrischen Auge bin ich ziemlich blind, das manuelle Aufholen von Florecita müsste aber jedenfalls klappen.

Das Auseinanderbauen der Davits bringt dann leider auch keine neue Erkenntnis, keine offensichtlichen Scheuerstellen an den Kabeln, die Steckverbindungen scheinen in Ordnung. Immerhin bekommen wir das verklemmte Zugseil im Steuerborddavit wieder gängig.

Wir bauen die Schalter aus. Wenn wir jetzt eine neue Sicherung einsetzen, können wir jedenfalls sehen ob es an den Schaltern liegt. Aber halt, der kleine schwarze Kasten an der Steuerung der Davits, das ist doch das Empfangsteil der seit zwei Jahren nicht mehr funktionierenden Fernsteuerung. Sollte da …, aber das kann doch nicht sein, oder?

Die Fernsteuerung wird herausgesucht und BLINKT ROT! Haben wir in der nicht mehr funktionierenden, keine Regung bewirkenden Fernsteuerung wirklich die Batterien drin gelassen? Wie kann man denn so blöd sein? Und – ist das die Ursache? Batterien raus aus der Fernsteuerung, Sicherung rein. Nichts schmort, die Elektromotoren bleiben ruhig. Schalter wieder angeschlossen, funktioniert. Das wars.

Durchgebrannte Sicherung und Ursache

Erkenntnis des Tages: Wie bei dem französischen Volksmärchen (und seinem Disney-Derivat) ist nicht immer alles so biestig wie es beim ersten Anschauen scheint. 😁

Das Dorf

Die Welt ist ein Dorf? Manchmal scheint es so. Von Warderick Wells aus segeln wir nach Shroud Cay, haben unterwegs mal wieder etwas Empfang und da ploppt doch glatt eine WhatsApp von Mareike auf, dass sie heute Abend zu uns stößt. Klasse, zuletzt hatten wir sie und ihre Moana vor über einem Jahr auf Antigua getroffen und diesen März in der Dominikanischen Republik leider ganz knapp verpasst.

So kommt es hier auf Shroud Cay zu einer erstaunlichen Zusammensetzung des Ankerfeldes:

Ein bisschen Vereinstreffen unseres Clubs Trans-Ocean, darüber hinaus aber auch eine ungewöhnliche vorübergehende Bildung eines deutschsprachigen „Dorfes“ hier in den Exumas. Wobei die noch getoppt wird: ein weiteres Boot liegt noch etwas weiter draußen auf dem Ankerplatz, die amerikanisch geflaggte „Ronya“. Kaum ist unser Haken im Grund, meldet sie sich auf der Funke und schwenkt gleich zum Deutschen über, Rob ist Australier, Partnerin Anya aber kommt ursprünglich aus Rosenheim. Noch dörflicher wird es, als wir bei unserem ersten Treffen herausfinden: in Anyas Tauchschule auf Key Largo haben Wiebke und ich 2014 unseren AOWD-Tauchschein gemacht.

Noch immer nicht „Dorf“ genug? Am zweiten Abend kommt ein amerikanisches Motorboot dazu. Die deutschsprachige Gemeinschaft hat sich am Strand eingefunden, Jonathan und Jonas spielen Gitarre, haben sogar Liederbücher dabei, was das Mitsingen für den einen oder anderen erleichtert, es wird ein wunderschön entspannter geselliger Sundowner. Das Dinghy der Motoryacht landet an und begrüßt uns mit einem kräftigen Moin Moin. Verena und Jan sind aus Hamburg. Unfassbar.

Ein neues Drohnenbild mit den beiden weiteren Schiffen drauf gibt’s leider nicht, es kachelt hier derzeit ganz ordentlich. Bis 35 kn Wind waren es heute Nacht, aber Ankergrund und Landschutz sind gut 😌.

Der Wind hält uns aber nicht davon ab, mit den Dinghys Ausfahrten in die Shroud Cay durchziehenden Wasserläufe zu machen. Die Flüsse sind seicht, teilweise auch nur um Hochwasser herum befahrbar, aber sie schlängeln sich kreuz und quer durch die weitgehend flache Insel. Meist verlaufen sie durch Mangroven, manchmal aber auch an weiten Sandflächen vorbei, aus denen gelegentlich schon kleine Mangrovenschößlinge sprießen. „Mangrove Nursery“ wurde das auf Warderick Wells Cay genannt, frei übersetzt Mangroven-Kinderstube. Geschütztes Refugium sind diese hier sehr klaren Wasserrinnen aber auch für eine Vielzahl von Schildkröten, die wir von den ganz langsam dahintreibenden Dinghys aus durch das klare Wasser „fliegen“ sehen.

Wir erkunden an verschiedenen Tagen mehrere Flussläufe und sind immer wieder aufs Neue angetan.

Aber die Wartezeit auf ein Wetterfenster für die Weiterfahrt (dann zum Teil in verschiedene Richtungen, mal wieder stehen Abschiede bevor) verkürzen wir uns z.B. auch mit Ausflügen an die Strände und auf die Sandbänke, wo man hunderte von Metern vom Ufer entfernt nur knietief im hell-türkisblauen Wasser wandern kann. Die Kiter unter den Crews kommen hier ebenfalls voll auf ihre Kosten.

Unser deutsches Dorf auf Shroud Cay wird sich wieder auflösen, aber es ist schön zu sehen, dass den Abschieden eben auch Wiedersehen folgen. Die Welt ist doch ein Dorf.