Nur graduelle Verbesserung beim Seegang und der Seekrankheit.
Jedenfalls mĂŒssen wir uns keine Sorgen mehr darĂŒber machen, dass die Fock beim Hochziehen in Fetzen gehen könnte. Eine besonders fiese Welle begrĂ€bt das Vorschiff unter Wassermassen und spĂŒlt einen Zipfel der Fock auĂenbords. Den Rest erledigt das Wasser. Bevor wir sie zurĂŒck an Bord ziehen können, reiĂt die Fock. Sie hat immerhin 45.000 Seemeilen auf dem Buckel, das wird sie etwas mĂŒrbe gemacht haben. Wir bergen sie natĂŒrlich nochmal, auch wenn sich das jetzt in der Dunkelheit auf dem bockenden Vorschiff ziemlich langwierig und krĂ€ftezehrend gestaltet. Das Adrenalin kickt kurz die Seekrankheit weg, sie meldet sich danach aber gleich zurĂŒck.
AuĂerdem fĂ€llt unser UKW-FunkgerĂ€t aus. Wir hoffen auf einen Wasserschaden nur in der Kabelverbindung der Stromversorgung. Das mĂŒssen wir spĂ€ter am Ankerplatz klĂ€ren, bis dahin haben wir ja noch unsere beiden HandfunkgerĂ€te (mit allerdings deutlich geringerer Reichweite.
Weiter motorsegeln Richtung Minerva.
Etmal 107 Seemeilen, gesamt bisher auf dieser Passage 570 Seemeilen, noch zu Segeln bis Minerva etwa 190 Seemeilen.
Essen: Salzbrezeln und etwas Apfel (schmeckt rauf wie runter).
Schwacher Lichtblick: der wohl flachste Regenbogen unserer bisherigen Reise.
Und ein echter Hoffnungsschimmer: die Wellenhöhe geht weiter etwas herab und der Wind dreht leicht zu unseren Gunsten.
AuĂerdem fahren wir seit Kanada eine niegelnagelneue Ersatzfock unter unserer Achterkoje spazieren.
Die Wellen haben nochmal zugenommen und scheinen kreuz und quer zu kommen. Dazu Böen ĂŒber 30 kn. Das GroĂ ist st inzwischen dreimal gerefft.
Der Wind ist um 30° nördlicher gesprungen, das ist unschön, denn nun segeln wir am Wind. War allerdings auch von allen Wettermodellen so vorhergesagt.
Demnach sollte sich die Windrichtung ab morgen wieder langsam verbessern.
Wiebke hÀlt sich gut, ich muss beim ZÀhneputzen dann doch spucken. Immerhin sind danach meine Kopfschmerzen weg.
Zur Nacht kommt noch Regen dazu. Die Wolken verdecken meistens auch den Mond. Es fĂŒhlt sich an, als wĂŒrden wir auf einem bockenden Bronco-Pferd durch die stockdunkle Nacht jagen. Einer von uns hĂ€lt die ZĂŒgel, der andere versucht auf dem Rodeopferd zu schlafen. Alle drei Stunden wechseln wir uns ab. Obwohl, immerhin bleiben wir trocken. Die an die Bordwand klatschenden Dwarslöper schicken zwar WasserfontĂ€nen Richtung Cockpit, aber die aufgebaute Kuchenbude hĂ€lt sie drauĂen. Erstmal.
Irgendwann explodieren die Wellen so an der Bordwand, dass sich doch auch Wasser durch den Schlitz zwischen Sprayhood und Kuchenbude ins Cockpit ergieĂt. Immerhin bleibt die Bank auf der Leeseite trocken.
Die dauernden Schwallwasser-SchlĂ€ge setzen leider auch den Fenstern zu. Die Dichtungen scheinen unter der Tropensonne doch gelitten zu haben, Tropfen fĂŒllen die HandtĂŒcher, die wir hinter die Gardinen gestopft haben.
Am Morgen (immerhin bei Tageslicht) bricht dann der erst drei Jahre alte SchĂ€kel des in Hawaii erneuerten Fockfalls. Kleine Ursache, groĂe Wirkung. Das Segel rutscht nach unten und teilweise auch ins Wasser. Es ist bei 25 kn Wind und drei Meter Welle eine ziemliche Plackerei, die Fock wieder an Bord zu ziehen und provisorisch an der Seereling zu sichern.
Ein Ersatzgenuafall ist im Mast zwar geriggt, bei den unverÀnderten Bedingungen wollen wir das Segel aber nicht neu einfÀdeln und hoch ziehen, weil es gefÀhrlich schlagen könnte und vielleicht auch in Fetzen ginge.
Mit dem GroĂ allein können wir bei diesem Seegang aber die Höhe nicht halten. Wir beiĂen in den sauren Apfel und motorsegeln erstmal Richtung Minerva.
Shit happens. es gibt solche Tage.
Etmal 143 Seemeilen, gesamt 463 Seemeilen, noch gut 300 Seemeilen bis Minerva. Wir hoffen, dass der Wind wie angesagt wieder auf etwas sĂŒdlicher als Ost dreht.
Eines der beliebtesten und bekanntesten Segelreviere Neuseelands ist die âBay of Islandsâ an der NordostkĂŒste der Nordinsel. Etwa 20 km schneidet sie ins Landesinnere hinein, wird dabei bis zu 16 km breit. Trotz dieser ĂŒberschaubaren AusmaĂe weist sie offiziell 144 Inseln auf. Bei dieser ZĂ€hlweise mĂŒssen offenbar neben kleinsten Inselchen auch gröĂere Felsen eingeflossen sein. Dennoch bieten sieben gröĂere Inseln und eine Vielzahl sich vom Festland in die Bucht hinein erstreckender Halbinseln so viele Buchten und damit AnkerplĂ€tze, dass sich bei jeder Windrichtung ein geschĂŒtztes PlĂ€tzchen finden lĂ€sst.
AuĂerdem findet sich mit dem Ărtchen Opua in der Bay of Islands Neuseelands nördlichste Gelegenheit zum Ein- und Ausklarieren. Damit bietet es sich förmlich an, in der Bay of Islands auf ein Wetterfenster fĂŒr den Absprung nach Fiji zu warten.
WhangÄrei Harbour verabschiedet uns mit einem krĂ€ftigen Schauer, aber als wir die WhangÄrei Heads passiert haben, klart es dann auf.
Und so wird es ein richtig schöner Segeltag. Zwar segeln wir meist hoch am Wind an der OstkĂŒste hinauf, aber wegen des ablandigen Windes baut sich keine starke Welle auf. So war das geplant, fein, wenn es auch eintrifft. Unser Tagesziel ist die gut 52 Seemeilen entfernte Bucht Whangamumu.
Ein Traum. Die Bucht in der zerklĂŒfteten KĂŒste bietet in ihrer SĂŒdwestecke die Einfahrt in eine nochmals besser geschĂŒtzte zweite Bucht.
Drumherum fast nur Natur, lediglich ein paar unauffĂ€llige Ruinen einer alten Walfangstation am Ufer. Das mĂŒssen wir uns natĂŒrlich ansehen. Ein Hinweisschild erlĂ€utert, dass frĂŒher Wale in die innere Bucht getrieben wurden, die dann mit einem Netzt abgesperrt wurde. Bis zu 10 Wale im Jahr konnten dann mit Harpunen erlegt werden. In der Walfangstation wurde der Walspeck dann zu Ăl verarbeitet. In spĂ€teren Jahren (Anfang des 20. Jahrhunderts) gab es dann ein dampfbetriebenes Harpunierschiff, mit dem auĂerhalb der Bucht gejagt wurde. Bis zu 50 Wale im Jahr wurden damit erlegt und ebenfalls zur Weiterverarbeitung in die Bucht gebracht. Ein paar rostige Maschinenteile, die aus Beton gegossenen Kochstellen und ein von der Natur schon fast zurĂŒckerobertes ehemaliges Maschinenhaus sind noch zu sehen.
Wir wandern noch ein kleines StĂŒckchen weiter zu einem Wasserfall mit Dusch- und Badebecken. In die andere Richtung verlĂ€uft ebenfalls ein schmaler Wanderpfad, der aber nach 100 Metern schon wieder endet (fĂŒr uns, abgesperrt ist es nicht). Nur noch fuĂbreit lĂ€uft er am steilen Hang entlang weiter, den Rest hat offenbar kĂŒrzlich ein Erdrutsch mitgenommen. Auch die ĂŒbrigen HĂ€nge um die Bucht herum weisen vielfach die Narben frischer Erdrutsche auf. Ob das Vaianu war oder schon die starken RegenfĂ€lle davor?
Wie auch immer, der Schönheit von Whangamumu tut es keinen Abbruch.
Wir wĂŒrden gerne noch bleiben, aber ab ĂŒbermorgen ist krĂ€ftiger Nordwestwind angesagt, nicht eben ideal fĂŒr unsere weitere Route. Deshalb geht es nach diesem herrlichen Zwischstopp schon am nĂ€chsten Morgen weiter nach Norden, nun wirklich zur Bay of Islands.
Wieder können wir wunderbar segeln.
Wir segeln sogar einen Kringel um die unverkennbare Landmarke am Cape Brett, das von uns so getaufte halbversunkene Mammut (die Insel Motukokako, besser bekannt als âHole in the Rockâ).
Fotosession am 148 m hohen Mammut đŠŁ:
Cape Brett markiert zugleich den Eingang in die Bay of Islands, die Halbinsel des Caps ist die Nordostspitze der Bucht. Wir biegen also am Mammut links ab. Unser erstes Ziel in der BOI (Bay of Islands, viele Kiwis lieben offenbar AbkĂŒrzungen) ist gleich deren gröĂte Insel: Urupukapuka (die MaorĂ ziehen den AbkĂŒrzungen offenbar Dopplungen vor).
Wir wissen bis dahin noch nicht so recht was uns erwartet, aber Segelfreunde hatten uns von der Bay of Islands viel vorgeschwÀrmt.
Und so sieht unsere erste Ankerbucht aus, die Urupukapuka Bay:
Noch am Abend machen wir einen ersten kleinen Hike auf der Insel, am nĂ€chsten Morgen gleich einen zweiten, deutlich lĂ€ngeren. Die Wanderpfade auf Urupukapuka sind gut markiert. Sie fĂŒhren kreuz und quer ĂŒber das etwa drei Quadratkilometer groĂe Eiland, manchmal unmittelbar an den AbgrĂŒnden der steilen Klippen entlang, hinab zum Strand einer Bucht und wieder hinauf auf die Klippen. Mal ĂŒber Schafweiden, dann wieder durch dichte niedrige WĂ€lder aus SĂŒdseemyrthe. Das etwas weichere Manuka und das hĂ€rtere Kanuka werden auch Teebaum genannt. Aus dem Nektar machen die Bienen den berĂŒhmten Hanuka-Honig. Wir sind erstaunt, das diese BĂ€ume jetzt im Herbst noch BlĂŒten tragen.
Ganz verlustfrei geht der Hike nicht ab. An Wiebkes linker Sandale löst sich die Sohle. BarfuĂ weiter? Aber nein, Notreparaturen sind wir ja gewohnt: ein Haarband wird geopfert und fĂŒr den Rest des Hikes hĂ€lt das ganz tatsĂ€chlich auch.
Die Aussichten auf der Wanderung sind phÀnomenal.
Was aber fast noch beeindruckender ist und diesen Hike ganz besonders macht: Urupukapuka ist – wie einige andere Inseln in der BOI – seit 2008 offiziell âmammal pest free islandâ. Alle vom Menschen eingefĂŒhrten fĂŒr die heimische Tierwelt schĂ€dlichen SĂ€ugetiere (wie MĂ€use und Ratten, aber auch Katzen und Hunde) gibt es auf Urupukapuka nicht mehr. Die heimische Tierwelt kann sich hier wieder erholen und wurde zum Teil auch extra wieder angesiedelt. Kiwi-Vögel sehen wir zwar nicht (KunststĂŒck, wir sind ja tagsĂŒber unterwegs). Was aber deutlich auffĂ€llt, ist der fast ĂŒberall prĂ€sente melodische Gesang der Tui. Das hatten wir bisher so noch nirgends in Neuseeland. Es braucht ein bisschen, ehe wir die eher scheuen Vögel auch entdecken. In der Ferne sieht man sie manchmal auf einem erhöhten Zweig, bei AnnĂ€herung verstecken sie sich aber gerne im dichten GeĂ€st der Manuka oder anderer BĂ€ume. In deren Schatten fallen ihr dunkles Gefieder und die weiĂen Federpuschel am Halsansatz dann kaum auf. Im Sonnenlicht dagegen entfaltet das Federkleid seine eigentliche Pracht.
AuĂerdem sehen wir erstmals die relativ kleinen endemischen Neuseelandpiper:
Zudem weitere endemische Vogelarten wie die meisenartigen Neuseeland-Fantails (Pīwakawaka) und die neuseelÀndischen Austerfischer.
Und natĂŒrlich, im weichen Abendlich besonders farbenfroh, die neuseelĂ€ndischen PurpurhĂŒhner, hier PĆ«keko genannt.
Ein elementar anderes, aber ebenfalls tierisches BegrĂŒĂungsgeschenk in der Bay of Islands gibt es am Abend an der Flora:
Delfine kommen in unsere Ankerbucht, erjagen sich ihr Abendbrot und spielen anschlieĂend ganz dicht um die Boote herum.
Was fĂŒr ein Empfang. Erster Eindruck: hier lĂ€sst es sich aushalten. âșïž
Das Wetter Àndert sich. Es wird kÀlter und vor der Flora taucht ein dunkles Wolkenband auf, das zur Vorsicht mahnt.
Auf Windy.com schauen wir uns das aktuelle Satellitenbild und die dazugehörige Vorhersage fĂŒr Regen und Gewitter an.
Hm. Wir bauen die Kuchenbude auf und machen das Cockpit regendicht. Das Wolkensystem ist beeindruckend groĂ, aber wenn wir uns beeilen, sollten wir vor den Gewitterzellen durch das Regenband durch sein. Also trödeln wir nicht, als der Wind nachlĂ€sst, sondern werfen wieder den Motor an.
So geht es abwechselnd Motoren und segelnd in und durch die Nacht.
TatsĂ€chlich erwischt uns (jedenfalls bisher) kein Gewitter. SĂŒdlich des Regenbandes sollte eigentlich nach einer Schwachwindphase starker SĂŒdostwind einsetzen. Allerdings spĂŒren wir davon bis jetzt nichts. Vielmehr dreht der Wind anders als vorhergesagt im Lauf der Nacht auf NNE und kommt damit genau von hinten, in Verbindung mit der höher werdenden DĂŒnung aus SE ergibt das eine unangenehme chaotische See, Flora wird hin und her geworfen.
Etmal in den letzten 24 Stunden: 129 sm, gesamt 409 sm. Noch zu segeln bis Whangarei 370 sm, wir hatten also schon Bergfest.
Essen: Thai-Curry mit KĂŒrbis (der musste schlieĂlich zu Halloween mal angeschnitten werden und findet sich deshalb in den letzten Tagen öfter auf unserem Speiseteller).
48 Stunden halten wir durch, segeln langsam unserem Ziel Neuseeland entgegen. Eigentlich nicht einmal das, denn wir setzen einen sĂŒdlicheren Kurs, fahren also einen kleinen Umweg. Das bringt uns etwas vorlicheren Wind jetzt (bei dem Leichtwind ein Vorteil) und wir spekulieren auf einen besseren (nĂ€mlich raumeren) Winkel fĂŒr den spĂ€ter auf der Passage vorhergesagten stĂ€rkeren Wind.
Durch die DĂŒnung des Pazifiks neigt das GroĂsegel dazu, in der Welle deutlich einzurucken, der Baum knallt dabei in die zuvor lose gekommene GroĂschot. Einen Bullenstander zum Fixieren des Baums können wir auf diesem Kurs nicht setzen, also lassen wir uns eine andere Variante einfallen, auch wenn die sicher nur fĂŒr lĂ€ngere Leichtwindstrecken ohne stĂ€ndiges Trimmen des GroĂsegels geeignet ist. Aus dem Ersatzgummi fĂŒr unsere Harpune basteln wir einen RĂŒckdĂ€mpfer fĂŒr die GroĂschot.
FĂŒr uns funktioniert das ganz gut. Allerdings nur, bis der Wind raumt und wir vor den Wind gehen mĂŒssen.
Langsam ist eigentlich noch geschönt. Es ist Schleichfahrt auf Schmetterlingskurs. Aus 5 bis 6 kn achterlichem wahren Wind machen wir 3 kn Fahrt. Eigentlich schon ganz beeindruckend: 3 kn Fahrt bei 3 kn scheinbarem Wind. In Böen bis 8 kn werden sogar ĂŒber 4 kn Fahrt durchs Wasser daraus. Nur reduziert der Gegenstrom die Fahrt ĂŒber Grund dann trotzdem auf kaum ĂŒber 3 kn. Aber immerhin: 2 Stunden solcher Schleichfahrt unter Segeln bedeuten streckenmĂ€Ăig, eine Stunde weniger motoren zu mĂŒssen. Und wir haben es ja nicht eilig.
Heute FrĂŒh beim Wachwechsel machen wir dann aber doch den Motor an. Der Gegenstrom ist wieder auf einen Knoten angestiegen, der Wind fast ganz eingeschlafen. 0,8 Knoten Fahrt ĂŒber Grund sind einfach zu deprimierend.
Wir sind aber in guter Gesellschaft. Obwohl wir in der Blase unseres Horizonts kein einziges anderes Segel erspĂ€hen können, wissen wir doch den Schwarm der segelnden Zugvögel um un herum. Wie die GĂ€nse in V-Formation streben auf MarineTraffic gut sichtbar die pinken Dreiecke der Langfahrer aus Fiji und Tonga nach Neuseeland ins Winterquartier. Oder ins SĂŒdhalbkugel-Sommerquartier, je nach Definition.
Und wir sind mittendrin.
Etmal: Minus-rekordverdĂ€chtige 73 Seemeilen in den letzten 24 Stunden ĂŒber Grund, ziemlich genau 3 kn im Schnitt.
Essen: Frisch gemachte Linsensuppe mit selbstgemachten Fenchel-MettbĂ€llchen (die Crew der Naida hatte uns vor der Abfahrt aus Minerva gefrorenes Hackfleisch aus ihrem Ăberbestand geschenkt).
Wir sind nicht die einzigen, die das Wetter fĂŒr den Sprung nach Minerva nutzen wollen. Die Katamarane Pisces und Inajeen und die Monos Naida und Claire de GouĂȘt sind kurz vor uns aufgebrochen, ihre AIS-Signale weisen uns quasi den Weg. Dazu kommt noch die Scout, die am Vortag schon mal 20 Meilen hinaus an eine vorgelagerte Insel verholt hat und ebenfalls etwas frĂŒher aufgebrochen ist, sie können wir zuerst nur auf dem âOver the Horizonâ-AIS auf PredictWind sehen. Aber dort bewegt sich eben dieser Pulk von (mit uns) 6 Schiffen auf Ă€hnlichem Kurs Richtung Minerva. Die anderen Segel sehen wir allerdings nur am Anfang, denn ein kleines bisschen unterscheiden sich die Kurse doch. Wir halten zunĂ€chst mehr nach West. Zum einen, um uns weniger zwischen den Flachs und Inselchen hindurchschlĂ€ngeln zu mĂŒssen, zum anderen aber auch, um einen Bogen um die beiden aktiven Unterwasservulkane zu machen, die auf dem direkteren Weg liegen. So kommt es, dass wir schon ab Mittag kein anderes Boot mehr zu Gesicht bekommen.
Es ist schönes und recht flottes Segeln. Wir wechseln mehrmals zwischen Schmetterling (ausgebaumte Fock auf der einen Seite, mit Bullenstander gesichertes GroĂ auf der anderen Seite) und Raumschotskurs mit beiden Segeln auf Steuerbord hin und her. Das funktioniert wunderbar einfach, weil der Spibaum fest gesetzt bleibt. Wir holen nur entweder die durch die Baumnock gefĂŒhrte Spischot an Backbord oder eben die normale Fockschot an Steuerbord dicht.
FĂŒr die rabenschwarze Neumond-Nacht kommt ein Reff ins GroĂ. Trotzdem legen wir in den ersten 24 Stunden 166 Seemeilen zurĂŒck, das ist mehr als ordentlich fĂŒr diesen Kurs.
Leider gibt es allerdings auch AusfÀlle.
Als wir den Wasserhahn in der KĂŒche benutzen wollen, sprotzt der Wasserstrahl. Die Fehlersuche ergibt ein Leck am Warmwasserboiler im Motorraum. Blöd, der ist nĂ€mlich nur erreichbar, wenn ich mich lang ĂŒber den Motor und Generator lege, bei dem herrschenden Seegang keine verlockende Option. Frischwasser gibt es also zumindest bis Minerva erstmal nur aus Flaschen, davon sind aber genĂŒgend an Bord.
Der zweite Schaden fĂ€llt uns dann heute FrĂŒh auf. Beim Routinegang ĂŒber Deck sehe ich einen etwa 20 cm langen Riss im Unterliek des RollgroĂsegels, durch die LieksverstĂ€rkung hindurch und dann fast parallel zum Unterliek. Die ĂŒber 40.000 Seemeilen der vergangenen 6 Jahre fordern wohl ihren Tribut.
Wenn wir noch vor der angekĂŒndigten Flautenphase in Minerva ankommen wollen, können wir aber auf das GroĂsegel nicht verzichten. Es bleibt uns nichts anderes ĂŒbrig, als das Unterliek (eher schlecht als recht) provisorisch mit Segelpatches zu flicken.
FachmÀnnisch und schön geht anders, aber das sollte hoffentlich das weitere Ausbreiten des Risses verhindern.
Und so segeln wir recht entspannt weiter.
Essen: Asiatische Nudelpfanne mit gebratener Ananas.
Fast zwei Monate sind wir schon in Tonga. Offizieller Beginn der Zyklonsaison im SĂŒdpazifik ist der erste November, es wird also langsam Zeit, uns auf den Weg Richtung Neuseeland zu machen.
Ein Wunschziel liegt auf dem Weg: Minerva. Ein fast unwirklich erscheinender Ankerplatz mitten im offenen Ozean. Keine Insel, nur ein Unterwasser-Riff im ringsherum buchstĂ€blich tausende Meter tiefen Pazifik. Kein Land in Sicht fĂŒr Hunderte von Seemeilen. Das Minerva-Riff ist ein Atoll, nur eben knapp unter dem Meeresspiegel. Irgendwo im Nirgendwo zwischen Tonga, Fiji und Neuseeland. Auf der Navionics-Seekarte und auf Google Earth sieht das so aus:
Da wollen wir hin!
Formal gehören die beiden Riffe Minerva Nord und Minerva SĂŒd zu Tonga und weiten damit Tongas Fischereirechte weit nach SĂŒden aus, darĂŒber gab es frĂŒher durchaus auch schon Streit mit Fiji.
Ausklarieren mĂŒssen wir trotzdem vorher. Und so fĂŒhrt uns unser Weg erst einmal wieder zurĂŒck ins Ărtchen Pangai und dort zunĂ€chst zum âMinistry of Infrastructureâ. Ganz leicht zu finden ist es nicht, denn das groĂe weiĂe Schild wĂŒrde zwar eigentlich das Ministeriumslogo und seine Bezeichnung tragen, nur ist es von der tropischen Sonne komplett ausgeblichen.
Aber es ist die auf Noforeignland angegebene Position, also klopfen wir und – siehe da – werden freundlich im Ministerium begrĂŒĂt. Aus der Tonnage unseres Bootes wird die zu entrichtende GebĂŒhr von 9,80 TOP ermittelt, etwa 3,50 âŹ.
Mit der Quittung laufen wir dann durch den Ort zum ZollbĂŒro, wo wir ohne weitere GebĂŒhr ausklarieren können. Auch hier ist das Hinweisschild ausgeblichen, aber von der Seite ist die ehemalige Aufschrift immerhin noch zu erahnen.
ZurĂŒck auf der Flora machen wir unser Boot klar fĂŒr die Passage. Der AuĂenbordmotor wandert auf den Heckkorb, das Dinghy wird in den Davits mit âBellybandsâ zusĂ€tzlich gesichert. Drinnen wird alles seefest verstaut, Flora ein letztes Mal gecheckt und dann kann es los gehen. Jetzt, unmittelbar vor der Abfahrt, können wir auch die nĂ€chsten Onlineformulare nach Neuseeland schicken. Das âANAâ (Advanced Notice of Arrival) mit diversen Anlagen und dann fĂŒr jeden von uns jeweils eine âTraveller Declarationâ. Also auch fĂŒr das ĂŒbernĂ€chste Ziel geht es voran.
Wir lichten den Anker morgens am 7:30 bei leichtem Nieselregen und aufgebauter Kuchenbude, weil der achterliche Wind den Regen von hinten ins Cockpit drĂŒckt.
Inzwischen aber scheint die Sonne, mit ausgebaumtem Vorsegel rauschen wir an den Ă€uĂeren Inselchen der Haâapai-Gruppe vorbei unserem Ziel entgegen. Etwa zweieinhalb Tage sollten wir bis Minerva unterwegs sein.
Innerhalb von Tonga segeln wir eine Inselgruppe weiter nach SĂŒden. Wir erledigen den erforderlichen Inter-Island-Checkout bei Zoll und Hafenbehörde in Neiafu und verholen uns fĂŒr die Nacht wieder an Ankerplatz #7. Den können wir am nĂ€chsten Morgen unproblematisch noch vor Sonnenaufgang verlassen, um uns auf den Weg zur 70 Seemeilen entfernten Haâapai-Gruppe zu machen und dort sicher noch bei Tageslicht anzukommen.
Als wir den Schutz der Vavaâu-Gruppe hinter uns lassen, beginnt der RockânâRoll.
Wir werfen mal wieder die Angelleinen aus und haben tatsĂ€chlich auch einen Biss, aber es ist leider ein Barrakuda. Der darf zurĂŒck in den Pazifik, nachdem ich ihm den Haken aus dem Maul mit seinen beeindruckend spitzen langen ZĂ€hnen herausoperiert habe. Aber es ist eine in jeder Hinsicht spritzige Passage, wir sind schneller als erwartet nach gut 9 Stunden bereits in Haâapai.
Zur BegrĂŒĂung springen mehrere Buckelwale, schieĂen (in einiger Entfernung) hoch aus dem Wasser, drehen sich in der Luft und platschen auf der Seite zurĂŒck ins Wasser. Ein tolles Spektakel.
Den idyllischen und ruhigen Ankerplatz zwischen den Riffen vor der nördlichen Insel Haâano haben wir ganz fĂŒr uns allein. Mit Blick auf das pilzförmige Inselchen, hinter dem sich am Ufer Sandstrand und schroffe FelskĂŒste abwechseln. Die Wale sehen wir leider nicht mehr, können sie im Schiff aber immerhin noch hören.
Der zweite Tag der Passage beginnt wie der erste, ziemlich rau. Das fordert leider auch Tribut, eine besonders fiese Welle schĂŒttelt die Flora durch und die halbkardanische Halterung bricht. FĂŒr die Nichtsegler: diese Halterung sorgt dafĂŒr, dass der Herd und damit die darauf befindlichen Pfannen und Töpfe in der Horizontalen bleiben, auch wenn das Boot von einer Seite zur anderen schaukelt.
Eigentlich wirkt der Herd nur etwas schief und er schwingt halt nicht mehr. Bei nĂ€herer Betrachtung mĂŒssen wir aber erkennen, dass die fest am Herd selbst verbaute linke Schwingachse gebrochen ist. Auf dieser Seite ist der Herd dadurch heruntergesackt und hat sich im Schacht verkantet.
Immerhin, dadurch laufen wir nicht Gefahr, dass uns der schwere Herd durch das Schiff fliegt.
Zum GlĂŒck wird der Seegang im Laufe des zweiten Tags auch langsam ruhiger, das Segeln angenehmer. Und nach nur etwa 52 Stunden sind wir auf Tonga angekommen, machen am Gouvernement Dock in Neiafu fest (in Tongas nördlicher Vavaâu-Gruppe).
Das âTonga Customs Advance Notice of Arrivalâ hatten wir wie gewĂŒnscht schon vorab per Email ĂŒbermittelt, trotzdem sind fĂŒr Zoll, Health und Immigration nochmal 8 Seiten Papier auszufĂŒllen. Aber das ganze Prozedere geht recht flott und die Officer sind freundlich.
Wir verholen uns ein kleines StĂŒckchen weiter in die Bucht und finden auch noch eine freie Mooring. Auf dem Weg sehen wir schon einige bekannte Yachten. Ganz besonders freuen wir uns, am Abend noch mit Heather und Jim von der Kavenga unser Ankommensbier trinken zu können.
Die beiden hatten wir zuerst auf Vancouver Island in Kanada getroffen und danach noch mehrfach unterwegs in den USA und in Französisch-Polynesien.
Am nĂ€chsten Tag widmen wir uns dem Saubermachen und AufrĂ€umen der Flora, der Wieder-Inbetriebnahme des Wassermachers und natĂŒrlich dem dringenden Projekt âHerdâ.
Der Ersatzteilefinder beim maritimen Versandhandel SVB versorgt uns mit einer Oxplosionszeichnung, das kaputte Teil ist aber leider nicht bei SVB erhĂ€ltlich. Kein Wunder, es ist fest mit der Seitenwand des Herdes vernietet. Also bauen wir den Herd aus und nehmen ihn auseinander. Wir können nur improvisieren. Die Seitenwand bringe ich mit dem Dinghy zu einem verfallenen Dock in der NĂ€he. Dort richtet der Funkenflug keine SchĂ€den an, als ich mit der Akkuflex die Vernietung von der Edelstahlwand entferne. Wieder an Bord kann ich den restlichen Niet ausschlagen und das Loch auf die GröĂe einer 8ter Senkkopfschraube vergröĂern, auf der Innenseite mit groĂer Unterlegscheibe und Muttern gekontert. Den Herd wieder zusammenbauen, dabei auch gleich die Mechanik der Frontklappe reparieren. Der Senkkopf kann dann von oben in die Halterung im Herdschacht rutschen, so die Theorie.
Wunder ĂŒber Wunder, die Kardanik funktioniert wieder. Mal schauen wie lange, aber fĂŒrs erste sollte es gehen.
Von Tonga haben wir noch nicht viel gesehen, aber das kommt jetzt.
TatsĂ€chlich ziemlich genau um Mitternacht passieren wir die Datumsgrenze zwischen American Samoa und Samoa. Der 14. Juni 2025 fĂ€llt also fĂŒr uns aus. Meine vierstĂŒndige Hundewache dauert vom Freitag (13.6.) 23.00 Uhr bis Sonntag (15.6.) 03.00 Uhr.
Ansonsten ist es eine recht ruhige letzte Nacht auf See fĂŒr diese Passage. Mit Dunkelwerden gehen wir mit dem GroĂsegel ins zweite Reff. Trotzdem sind wir noch zu schnell. Beim Wechsel zu meiner Wache (23.00 Uhr) rollen wir die Fock ein und gehen ins dritte Reff. Jetzt passt das ETA (die Estimated Time of Arrival, unsere voraussichtliche Ankunftszeit).
Am Morgen prÀsentieren sich Samoa und (nach per Funk vom Port Officer erhaltener Einfahrerlaubnis) die Ankerbucht von Apia dann so:
Es ist Sonntag, und so mĂŒssen wir auf die Offiziellen ein bisschen warten. Als erstes kommt mit eigenem Dinghychauffeur âHealthâ, der Officer klettert aber gar nicht in unser Mittelcockpit sondern wartet auf dem Seitendeck, bis wir die Formulare ausgefĂŒllt haben. Die Damen von Customs und Immigration muss ich dann mit unserem Dinghy abholen. Ein bisschen Smalltalk im Cockpit bei bereitgestellten Saft und Keksen, einige Formulare, schnell erledigt. Ich bringe sie zurĂŒck an Land und checke dann aus, ob im Hafen noch Platz ist. Die AnkergebĂŒhr und die Marina Preise liegen nicht allzu weit auseinander.
TatsÀchlich finden wir noch ein PlÀtzchen, wenn auch etwas eng zum Manövrieren. Aber die Nachbarn bieten Hilfe an, gut.
Wir verholen in die Marina, das klappt gut. Dort warten wir dann auf âBiosecurityâ. Als wir schon unseren Sundowner trinken, kommt der Officer doch noch. Auch er bleibt im Cockpit, wir fĂŒllen die gleichen Formulare zum dritten Mal aus. Allerdings fragt er nach einem Geschenk, ist aber mit einer gebrauchten Sonnenbrille zufrieden. Auch wir sind zufrieden, denn damit ist der offizielle Einklarierungsvorgang beendet, âSamoa is all yoursâ. Das ging (insbesondere fĂŒr einen Sonntag) besser als erwartet, wir haben auch von intensiven Schiffsinspektionen mit Ăffnen aller Schapps gehört und gelesen. Wie auch immer, vielleicht war die Ankunft an einem Sonntag (damit vermutlich âOvertime-GebĂŒhren) auch vorteilhaft.
Wir sind drin, morgen können wir die PÀsse und Schiffspapiere in der Behörde wieder abholen.