Ankersalat vor Water Island

Mal wieder was für die Segler: So schön unser Ankerplatz vor Water Island auch ist, einen Haken hat er doch. Wir haben uns in dem gemischten Bojen- und Ankerfeld einen Platz ausgewählt, der möglichst weit weg von freien und belegten Bojen ist, den Anker auf knapp 10 m Wassertiefe fallen lassen und ihn rückwärts eingefahren. Er hält supergut. Das anschließende routinemäßige Abschnorcheln des Ankers offenbart aber ein Problem.

Der Anker hält, bloß konnte er sich nicht eingraben, sondern hat sich im Gerümpel des Grundgeschirrs einer alten Mooringboje verfangen. Dabei hat sich die Spitze des Ankers unter der an beiden Enden im Boden befestigten Kette dieses Geschirrs verhakt. So lässt sich unser Anker nicht einfach aufholen. Wenn wir unsere eigene Kette (die in der Mitte oben aus dem Bild läuft) aufholen, bleibt der Anker unter der alten Bodenkette verhakt, selbst wenn wir mit der Flora nach vorne über unseren Anker hinwegfahren.

Unser Echolot zeigt 9,60 m Wassertiefe. Ich versuche schnorchelnd, eine Tripleine am Anker zu befestigen. Viel tiefer hätte es nicht sein dürfen, sonst hätte ich doch unsere Tauchausrüstung auspacken müssen. Im zweiten Versuch kann ich die Tripleine an der Leine anknoten, mit der wir den Anker unterwegs am Bugkorb sichern. An der Tripleine haben wir einen kleinen Fender als Ankerboje befestigt.

Rot: Tripleine

Einfach an der Tripleine zu ziehen wird aber wohl nicht reichen, um diesen verklemmten Anker zu lösen. Beim Ankeraufgehen heute ziehe ich deshalb mit Florecita über einen rechts und links am Dhinghymotor vorbeiführenden Hahnepot die Tripleine in entgegengesetzter Richtung unserer Ankerkette weg. Wiebke fährt gleichzeitig Flora nach vorn, gibt damit Lose in die Ankerkette und holt dann den Anker auf, nachdem er unter dem Grundgeschirr rausgezogen ist.

Klappt auf Anhieb. 😊

Und warum fahren wir nicht immer eine Tripleine mit Ankerboje? Immerhin könnten dann auch andere Skipper sehen, wo unser Anker liegt (und entsprechend Abstand halten). Wir finden, dass sie das Ankern und Ankeraufgehen im Normalfall unnötig verkompliziert. Außerdem haben wir schon einige Male gesehen, dass diese Leinen auch Ärger bereiten, etwa wenn Schiffe beim Schwoien (herumdrehen und hin und her treiben) über ihre eigene Boje treiben und sich diese an Kiel, Propeller oder Ruder verfängt und dann eventuell sogar den eigenen Anker aus dem Grund zieht. Oder (mehrfach gesehen) andere Boote die kleine Boje übersehen und sich die Leine um den Propeller wickeln.

An unserem neuen Ankerplatz in der schönen und geschützten Magens Bay im Norden von St. Thomas hat sich der Anker diesmal wieder ordentlich in den Sandgrund gegraben. So soll das sein!

Wir liegen hier direkt hinter der “Invia“ und statten Dorothee und Stefan gleich einen Besuch ab. Schön, die beiden auch endlich persönlich kennenzulernen, zumal wir einige gemeinsame Bekannte haben, sowohl Segler als auch Nichtsegler 😁.

Auf geht’s, endlich mal wieder

Nach fast zweieinhalb Monaten auf Antigua und Barbuda 🇦🇬 wollen wir mal wieder das Revier wechseln. Wir sind dankbar, dass wir die heiße Corona-Phase gerade hier in diesem abwechslungsreichen und mit Augenmaß auf die Pandemie reagierenden Inselstaat verbringen durften.

Wir klarieren in English Harbour aus. Das bedeutet, dass wir für die letzten drei Tage vor Anker in Falmouth eine Nationalparkgebühr und eine Müllgebühr zahlen müssen, aber dafür brauchen wir nicht extra nach St. John’s zu fahren. Stattdessen segeln wir bei herrlichsten Bedingungen nach Jolly Harbour (wo das Ausklarieren leider im Moment nicht möglich ist), tanken Flora nochmal voll und bereiten sie für die Überfahrt in die USVI vor. Der Außenborder kommt an den Heckkorb, wir erledigen diese kleine “Kranarbeit” ziemlich unproblematisch mit der Dirk. Florecita wird in den Davits fest verzurrt, bekommt also ihre Bellybands (breite Spanngurte, die unter ihrem Boden durchführen) und kleine Spanngurte, die sie quer verspannt am Schaukeln hindern. Der Code0 wird wieder einsatzbereit an die Reling geklippst und die Spinnakerschoten angeschlagen, unter Deck natürlich alles seefest gestaut. Der Wetterbericht ist gut. Es kann losgehen.

Um sechs Uhr weckt uns die aufgehende Sonne.

Und um sieben ziehen wir den Anker hoch und machen uns auf den Weg. Etwa 200 sm sind es bei Charlotte Amalie auf St. Thomas, dem Hauptort der USVI. Wir rechnen mit etwa 36 Stunden.

Der Tracker auf Noforeignland wird leider unseren Reisefortschritt diesmal nicht anzeigen, denn wir haben (als erforderlichen Test für die Salty Dawg Flotilla) den IridiumGo-Tracker auf PredictWind umgestellt. Dort wartet er aber noch auf Freigabe. Sobald die erfolgt, könnt Ihr die Position der Flora (und der anderen Salty Dawgs) HIER sehen.

Der Plan ist, keinen Plan zu haben.

Eine Planung ist ja die gedankliche Vorwegnahme von Handlungsschritten in Bezug auf ein Ziel. Man wägt Handlungsalternativen gegeneinander ab und fragt sich, wie man am besten das dem eigenen Gestaltungswunsch entsprechende Ziel erreicht. Oder simpler: was möchte man, was geht, wie geht’s?

Corona hat weltweit dafür gesorgt hat, dass bisherige Planungen (Reisepläne allemal, aber auch wesentlich wichtigere, manchmal gar existenzielle Dinge) durch den gedanklichen Schredder liefen. Gefühlt vor langer Zeit, tatsächlich aber ist die Bedrohung durch die Covid-19-Erkrankung überwiegend erst ab Anfang diesen Monats langsam in das Bewusstsein der meisten Menschen der westlichen Welt gesickert.

Nun gehört es ja zum Wesen jeder Planung, dass es eben auch anders kommen kann. Dann muss man die Planung überarbeiten, einen geänderten Plan machen. Handlungsalternativen neu bewerten. Allerdings: welche Handlungsalternativen? Die mittlere der simplen Fragen, “Was geht?” ist in Corona-Zeiten jedenfalls für die nähere Zukunft nicht einfach zu beantworten.

Für die Crew der Flora und für die meisten Segler hier in der Karibik ist die Begrenzung “nähere Zukunft” verknüpft mit dem Beginn der Hurrikansaison. Die ursprüngliche Planung sah dafür fast durchgehend vor, aus dem Hurrikangebiet herausgesegelt zu sein. Nach Norden an die US-Ostküste (unser Plan), nach Süden (je nach Versicherungsbedingungen Grenada, Trinidad, Kolumbien oder gar Surinam), nach Osten über den Atlantik zurück Richtung Europa oder nach Westen durch den Panamakanal in den Pazifik, letzteres dann idealerweise schon ein paar Monate früher.

Offiziell beginnt die Hurrikansaison am 01. Juni und endet am 30. November. Unsere Versicherung hat eine Ausschlussklausel für Sturmschäden im Hurrikangebiet in der Zeit vom 01. Juli bis 15. November. Und tatsächlich treten Hurrikans in der Karibik typischerweise erst ab Juli auf. Blöderweise zeigen sie keine allzu große Neigung, sich an Regeln zu halten, 2016 etwa hat sich Hurrikan Alex Mitte Januar (!) über die Bermudas und die Azoren hergemacht. Davon abgesehen waren die jeweils ersten Hurrikans der letzten fünf Saisons: Danny ab 18.08.2015, Earl ab 02.08.2016, Franklin ab 07.08.2017, Beryl ab 05.07.2018 und Berry ab 11.07.2019. Statistisch hätten wir also noch etwa drei Monate Zeit. Etwas komplizierter wird es noch dadurch, dass 2020 ein “El Niño”-Jahr erwartet wird, was das Wettergeschehen nochmals durcheinander bringt, im Nordatlantik allerdings eher etwas geringere Sturmneigung erhoffen lässt. Nebenbei bemerkt: die Namen beginnen in jedem Jahr mit A und arbeiten sich dann im Alphabet weiter, die Anfangsbuchstaben der ersten Hurrikans der Jahre zeigen also, dass jeweils vorher schon benannte tropische Stürme auftraten. Die haben aber eben nicht Hurrikanstärke erreicht, wir möchten ihnen aber trotzdem mit dem Boot nicht begegnen.

Gleichwohl: schauen wir bei uns selbst zurück, beschäftigt uns Corona etwa seit einem Monat und hat in dieser Zeit Veränderungen mit sich gebracht, die wir nicht für möglich gehalten hätten. Wie sollen wir jetzt die Veränderungen der nächsten drei Monate abschätzen?

Bei einem Treffen von Blauwasserseglern wird typischerweise zunächst nach dem gegenseitigen “woher” und “wohin” gefragt. Man kann Erfahrungen austauschen, vielleicht gemeinsame Pläne schmieden. Manchmal bekamen wir auf unsere Fragen auch wunderschöne offene Antworten wie “Wohin der Wind uns treibt, wir sind ja Zeitmillionär.” Oder fast philosophische wie “Unser Plan ist, keinen Plan zu haben.”

Derzeit bewirkt die Corona-Krise, dass von allen Reiseplänen nur der Plan keinen Plan zu haben ziemlich gut aufgeht. 😉

Das lässt sich in der Praxis aber nur schwer aushalten, wenn es nicht mehr darum geht, aus den vielen Optionen spontan die günstigste zu wählen sondern wirklich PLANLOS darauf zu warten, dass sich (bis zum Beginn der Hurrikansaison) irgendeine Option auftut.

Vielleicht ist so auch zu erklären, dass aus der Zurückseglergruppe Wünsche geäußert wurden, die ein großes Presseecho in Deutschland ausgelöst haben und deshalb auch zu besorgten Rückfragen bei uns geführt hat, bei den Adressaten, bei uns und auch bei vielen anderen Seglern aber Befremden auslösen. Der überzogene Wunsch einer Begleitfregatte der Bundesmarine für den Rückweg über den Atlantik nach Europa erweist den seemännisch sehr viel einsichtigeren Forderungen nach dem Einsatz für Planungssicherheit ermöglichende offene Nothäfen und Quarantänestege bzw. Quarantäne-Ankerbuchten aus unserer Sicht einen Bärendienst. In der Gruppe befinden sich neben geplanten Atlantikrunde-Seglern auch Crews von Booten, für die ursprünglich andere Pläne galten, die sich selbst nicht optimal aufgestellt sehen und die damit verständlicherweise ein höheres Maß an Planbarkeit für nötig erachten.

Für uns auf der Flora ist die Rückreise im Convoy über den Atlantik derzeit keine Option. Mindestens mal für die nächsten zwei Monate versuchen wir die Nichtplanbarkeit zu akzeptieren und hinsichtlich der Weiterfahrt planlos zu sein.

Solange es uns möglich ist, wollen wir hier auf Antigua genießen, was bei diesen Umständen genossen werden darf und relativ sicher genossen werden kann. Unser Boot, unseren Ankerplatz, die Strände, auch gelegentliche abstandswahrende Treffen mit anderen Seglern im kleinen Kreis. Wir sind froh, dass das hier bisher noch erlaubt ist. Allerdings ist gerade verkündet worden, dass ab Donnerstag Mitternacht (erst mal für eine Woche) eine komplette Ausgangssperre erfolgen soll. Details (z.B. darf man einkaufen gehen?) sind noch unklar.

Uns hat es jedenfalls vorgestern ermöglicht, mit Steve und Helena von der Amalia einen schönen Spaziergang um Pearns Point herum und über die leeren Nordstrände zum dortigen “Blowhole” zu machen, durch das die Brandung meterhohe Fontänen presst.

Und wenn wir jetzt verstärkt auf uns und unser Boot zurückgeworfen sind, lässt sich das trotzdem vergleichsweise gut aushalten (glauben wir zumindest). So sieht’s aus:

Wir wünschen allen die mit Covid-19 infiziert oder sonst krank sind einen milden Verlauf und allen anderen: bleibt gesund!

Segeln als Ablenkung: Schiffe gucken

Gestern haben die Corona-Nachrichten unser Verständnis von lang-, mittel-, und sogar kurzfristiger Törnplanung ziemlich erschüttert. Klar war unsere Reiseplanung bisher auch unsicher, aber das war durch das positive Gefühl fast unendlicher Auswahl-Möglichkeiten geprägt, abgesehen von Wind und Wetter eigenbestimmt. Jetzt mischt sich das Gefühl hinein, die Corona-Reaktionen verschiedener Länder könnten eine ganz andere, fremdbestimmte Unsicherheit erzeugen, Türen zu vielen Reisezielen einfach zuschlagen, uns irgendwo feststecken lassen.

Anderseits: „If you’re gonna get stuck, get stuck somewhere nice!“, wie es Melanie (www.melonthego.com) als ein Langfahrtsegler-Mantra formuliert.

Und da sich die Ereignisse und Maßnahmen zur Eindämmung von COVID-19 weiterhin überschlagen, etwa mit der gemeldeten Schließung der spanischen Häfen (nur für Kreuzfahrer?) und die Lage somit für uns ziemlich unübersichtlich ist, lenken wir uns doch erstmal ein bisschen ab.

Hier unmittelbar hinter unserem Ankerplatz English Harbor auf Antigua liegen derzeit diverse riesige Segelyachten am Steg bei Nelson‘s Dockyard, sie sind Teilnehmer der Antigua Superyacht Challenge. Heute findet nun das erste Rennen statt und der Kurs führt größtenteils in Landnähe an der Südküste Antiguas entlang. Praktischerweise gibt’s einen Wanderweg oben auf der Steilküste entlang und die Aussicht auf das Spektakel wollen wir uns nicht entgehen lassen.

Beim Hinaufsteigen auf die Klippen können wir noch hinunter in den Hafen schauen, wo die Crews die Schiffe auf das Rennen vorbereiten und zum Auslaufen klarmachen. Die kaum fassbare Dimension der Superyachten wird etwas deutlicher, wenn auf Vorschiff und Klüverbaum NEUN Besatzungsmitglieder das Vorsegel bereitmachen.

Wir klettern weiter die Klippe hinauf (an der steilsten Stelle ist dankenswerterweise ein Seil angebracht) und haben einen tollen Ausblick auf die herumwuselnden Schiffe in der Vorstartphase, die unter uns vorbeiziehen.

Der Start selbst ist dann eher unspektakulär und als solcher kaum zu erkennen, denn die Schiffe gehen mit einigem zeitlichen Abstand über die auch nur schwer als solche auszumachende Startlinie. Kurz danach versteckt eine durchziehende Regenfont die Schiffe vor unseren Blicken.

Darauf waren wir nicht eingestellt. Wir verstecken uns auch – vor dem Regen flüchten wir unter einen Felsüberhang und lassen den Schauer durchziehen.

Dann geht’s den Wanderweg entlang weiter in Richtung Falmouth Bay. Die Regattaflotte finden wir dabei wieder, mit bestem Blick auf die Wendemarke, an der das Spinnakermanöver gefahren wird.

Wobei, nicht jeder findet das so spannend wie wir 😉

Und für uns geht’s weiter zum Pigeon Beach hinunter, von wo wir allerdings nochmal einen tollen Blick haben

und dann zurück zur Flora. Kurz Baden und gleich wieder los, denn heute Abend ist wie jeden Donnerstag Reggae Night auf Shirley Heights, dem Aussichts- und Sundownerpunkt über English Harbor. Da können wir die Superyachten mit ihren roten Toplichtern und den illuminierten Masten und Salingen hinter unserem Ankerplatz um die Wette leuchten sehen.

Zu den Heiligen

Ein letzter Besuch auf dem großen samstäglichen Markt in Portsmouth, wir frischen unsere Bestände an lokalem Obst, Gemüse und Kräutern auf. Außerdem kaufen wir hausgemachtes Kokosnussöl, unsere Küche wird langsam karibischer. Neben den übrigen Marktständen kommen am Samstag offenbar viele lokale Verkäufer und handeln entweder direkt aus dem Kofferraum oder von kleinen Klapptischen oder auf der Straße ausgebreiteten Decken aus ihre Ware.

Beim Gang zum Markt und zurück werden wir einmal mehr eindringlich an die Auswirkungen des Hurrikans Maria vor gut zwei Jahren erinnert.

Auffällig sind außerdem die vielen öffentlichen Wasserhähne auf dem Gehweg. Viele Einheimische holen hier in Kanistern ihr Frischwasser, aber auch einige der kleinen Hütten (würden als Vorbild für den Microhome-Trend taugen) haben Anschluss ans Wassernetz, wie wir aus den aus dem Bürgersteig auftauchenden Wasseruhren zu erkennen glauben.

Dominica hat uns richtig gut gefallen.

Trotzdem, jetzt geht’s los zu den Heiligen. Übrigens, Dominica trägt seinen Namen nicht deshalb, weil Kolumbus langsam die Namen von Heiligen ausgegangen sind, wie der Revierführer Chris Doyle mit Blick auf die vielen nach Heiligen benannten anderen Inseln des Antillenbogens spaßig anmerkt. Vielmehr ist Kolumbus auf seiner zweiten Entdeckungsreise zwischen Dominica (das er benannt, aber nicht betreten hat) und Gouadeloupe auf den Inselbogen getroffen und hat erst danach die nördlicher gelegenen Inseln „entdeckt“, benannt und für die kastilische Krone in Besitz genommen, die Îles des Saintes (von ihm „Los Santos“ genannt) an Allerheiligen 1493. Die erste Entdeckungsreise hatte lediglich die Bahamas, Kuba und Hispaniola berührt.

Wie auch immer – die Îles des Saintes (Inseln der Heiligen) gehören zu Guadeloupe und damit wieder zu Frankreich. Und da wollen wir jetzt hin: