Zwischenstand aus Minerva

Ganz lange bleiben wir nicht das einzige Boot in Minerva, einen Tag nach uns kommt auch die Scout und ankert neben uns. Noch einen Tag spĂ€ter kommen auch Jacqui und Phil mit ihrer Skylark an. Alle hatten wir eine ziemlich unangenehme Passage, mĂŒssen uns erst einmal von der Seekrankheit erholen.

Hier in Minerva gilt es zunĂ€chst, das Schiff wieder in Ordnung zubringen. Die salzwassernasse Fock wird aus dem vorderen Bad wieder an Deck geschafft. Kleine Leckagen an ein paar Fenstern und Luken bei den schweren ĂŒberkommenden Wellen haben zudem fĂŒr reichlich zusĂ€tzliche Arbeit gesorgt. Die Stromversorgung der UKW-Funke habe ich repariert. Wir stellen aber fest, dass Seewasser in den lĂ€ngs durch die Flora fĂŒhrenden Kabelkanal gelangt ist und an verschiedenen Stellen in Schapps und SchrĂ€nke gelaufen ist. Die dadurch nass gewordene Kleidung mĂŒssen wir mit SĂŒĂŸwasser waschen. Kein Problem, sollte man denken, wir haben ja seit Whangarei jetzt wieder eine Waschmaschine an Bord. Stimmt – aber das Trocknen macht Probleme. Dauernd ziehen Squalls durch, bei diesen Regenschauern kann die WĂ€sche nicht draußen am Seezaun hĂ€ngen. Und wenn, dann können die Klammern sie kaum festhalten. Es blĂ€st. Böen bis 32 Knoten waren heute eigentlich angesagt, tatsĂ€chlich hatten wir mehr als 41 Knoten (WindstĂ€rke 9 Beaufort). Und morgen sind bis 37 kn angesagt. Erstaunlicherweise sind die Wellen hier in Minerva dabei noch recht ertrĂ€glich. Besonders wenn man bedenkt, dass (außerhalb des Riffs) knapp 4 m Welle stehen. FĂŒr morgen sind sogar 4,6 m vorhergesagt.

Wie sieht das aus? Jayne und James von der Scout haben mit ihrem Dinghy einen Ausflug an die innere Riffkante gemacht. Vom Riffdach aus gibts bei Niedrigwasser einen etwa kniehohen Wasserfall in die Lagune, draußen ans Außenriff donnern die brechenden Pazifikwellen. Von Bord der Flora zeigt sich das so:

Bei Hochwasser schafft es der Ozeanschwell stark abgeschwĂ€cht ĂŒber das Riffdach. Dann wird es hier am Ankerplatz unruhiger, aber bisher ist es immer noch gut ertrĂ€glich.

Nach dem Peak morgen sollen sich Wind und Wellen dann ab ĂŒbermorgen langsam wieder abschwĂ€chen.

Samstag kann ich dann vielleicht auch in den Mast, um das zum GlĂŒck am Fallenaustritt hĂ€ngengebliebene Fockfall herunterzuholen. In 20 m Höhe schaukelt mir das derzeit zu sehr.

Dann doch lieber erstmal an Bord der Scout mit Jayne und James dessen Geburtstag nachfeiern.

Überhaupt hat man ja von der Scout aus einen besonders schönen Blick auf die Flora, wie auch das von James geschossene Sonnenaufgangsfoto zeigt:

Auf der Horizontlinie ist ĂŒbrigens kein fernes Land zu sehen, sondern eben die Ozeanwellen außerhalb des Riffs.

Passage Opua nach Minerva, Tag 1

Um 9.15 Uhr haben wir einen Termin beim Zoll zum Ausklarieren. Das Online-Formular (C2B, Advanced Notice of Departure) dazu mussten wir schon vor der Terminvereinbarung per Email einreichen, dazu Passkopien,Bootspapiere und ein aktuelle Foto vom Schiff.

Beim Ausklarieren geht es dann alles ganz schnell. Ein paar Fragen, das Abgeben des gelben Zettels der Mehrwertsteuerbefreiung fĂŒr alle bootsrelevanten EinkĂ€ufe und Dienstleistungen (TIE) und schon wĂŒnscht man uns gute Reise.

👋

Diese Mischung zwischen etwas Wehmut beim Abschied und der Vorfreude auf die kommende Reise berĂŒhrt uns jedes Mal aufs Neue. Auch an diesem Morgen beim Aufwachen geht uns das so und wir sprechen darĂŒber. Ein neuer Abschied, ein neuer Start.

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschĂŒtzt und der uns hilft, zu leben. Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten.“ (aus dem Gedicht Stufen von Hermann Hesse).

Um 9:30 legen wir ab, motoren ein kleines StĂŒck durch den Veronika-Channel aus dem Waikare Inlet. Als wir an Russel vorbei sind, öffnet sich die Bucht etwas und der Wind reicht gerade eben so zum Segeln. Ganz langsam schiebt sich die Flora aus der Bay of Islands hinaus. Jayne und James mit der Scout schließen motorsegelnd zu uns auf. Als am Ausgang der Bay of Islands der Wind zunimmt und die Segel richtig fĂŒllt, können wir so noch gegenseitig Fotos von unseren Booten beim Abschied aus Neuseeland machen.

Wir haben beide das Ziel Minerva.

Der erste Nachmittag ist dann wunderherrliches Code0-Segeln bei Traumwetter.

Zum Abend wechselt die Scout auf den Solent, wir auf die Fock. Aber ĂŒber die Nacht wird der Abstand zwischen unseren Booten trotzdem grĂ¶ĂŸer und so können wir die Scout heute nicht mehr sehen. Trotzdem gut, sie in der NĂ€he zu wissen.

In den ersten 24 Stunden haben wir 135 Seemeilen zurĂŒckgelegt, bis zum Schiffsmittag heute 151 Seemeilen.

Essen: HĂ€hnchen in Pilz-Sahnesoße mit Brokkoli.

Vortrag beim Blauwasserseminar auf der BOOT

Im Januar findet in DĂŒsseldorf jĂ€hrlich mit der BOOT statt. Mit 1.500 Ausstellern und 200.000 Besuchern ist es die weltgrĂ¶ĂŸte Yacht- und Wassersportmesse.

In den Jahren vor unserer Langfahrt war das fĂŒr uns natĂŒrlich immer ein Riesending. Boote anschauen, vor allem aber AusrĂŒstung und Zubehör. Außerdem gibt es BĂŒhnen, auf denen VortrĂ€ge zu Wassersportthemen gehalten werden. Da konnten wir anderen Seglern lauschen, die ĂŒber ihre Törns berichteten.

Und dieses Jahr? Haben wir selbst einen Vortrag ĂŒber unsere inzwischen fast 4 Jahre mit der Flora im Pazifik gehalten. Auf dem Blauwasser-Seminar 2026 (www.blauwasser.de).

Hat richtig Spaß gemacht.

Passage Minerva nach NZ: Tag 6, Ankunft in NZ

Es bleibt durchwachsen. Erstmal segeln wir weiter unter der dicken grauen Wolke von gestern und so geht es auch in die Nacht. Der Wind dreht allerdings, zum Wachwechsel um 22.00 Uhr beschließen wir, den Spibaum zu setzen um vor dem Wind Schmetterling segeln zu können. Das hĂ€lt dann auch bis zum Morgen durch, wenn auch bei leider abnehmendem Wind. Um 07.00 nehmen wir den Motor dazu. Eine Neuheit fĂŒr uns, Motorsegeln vor dem Wind, aber nur so können wir eine Ankunft in Marsden Cove bei Tageslicht sicherstellen.

Zwischendurch können wir nochmal eine Zeitlang segeln, dann wird es doch wieder motorsegeln. Immerhin, wir sind inzwischen sĂŒdlich der grauen Wolkenfront.

Und dann zeichnen sich langsam Umrisse am Horizont ab. Neue Wolken? Auch, aber: Nein. Land in Sicht! NEUSEELAND.

Am Nachmittag laufen wir an den Klippen der Whangārei Heads in den HĂŁtea River ein. Ein Orca zeigt kurz seine markante RĂŒckenflosse, will sich aber leider nicht fotografieren lassen. Und wir sehen erstmals Austral-Tölpel, nahe Verwandte der fĂŒr Helgoland so typischen Basstölpel, denen sie auch sehr Ă€hnlich sehen.

Ein kleines StĂŒck geht es flussaufwĂ€rts, links Industriekaianlagen, rechts aber wunderschöne Landschaft.

Wir biegen ab in den schmalen Kanal, der zur Marsden Cove Marina fĂŒhrt. Der Hafenmeister weist uns einen Platz im QuarantĂ€nebereich zu. Die Abfertigung wird heute nicht mehr erfolgen, MPI und Zoll kommen dann morgen frĂŒh an Bord.

Macht ĂŒberhaupt nichts. Wir sind superglĂŒcklich, hier zu sein.

Essen: unterwegs RĂŒhrei mit einigem von dem, was das MPI uns morgen sonst wegnehmen wĂŒrde, z.B. Datteln und Speck. Und heute Abend Nudeln mit Pilz-Sahne-Soße. Wie ein Kessel Buntes eben, passt doch ganz gut zu dieser ziemlich abwechslungsreichen Passage.

Strecke seit gestern 202 sm (in 31 Std), gesamt 761 Seemeilen.

Passage von Minerva nach NZ, Tag 3

Kontraste.

Der Morgen beschenkt uns mit leichtem Wind, kurz segeln wir mit Code0 auf Halbwindskurs, dann raumt die leichte Brise etwas mehr und wir können auf unseren blauen Gennaker wechseln.

Langsam gleiten wir bei Sonnenschein ĂŒber das tiefblaue Wasser. Wie das flappende Großsegel auf dem Bild schon andeutet: das leise LĂŒftchen reicht gerade so eben, um die Segel einigermaßen zu fĂŒllen. Immerhin, ein paar Stunden steht sie durch. Dann fĂ€rben Schleierwolken den Himmel langsam von blau auf grau und die Brise wird zu einem Hauch, schlĂ€ft schließlich völlig ein. Wir werfen den Jockel an und motoren durch die Flaute.

Es ist schon erstaunlich, was das weite Meer mit uns macht.

Bei Starkwind und hohen Wellen beansprucht das Boot, das Segeln, das Funktionieren den Großteil von uns. Das Außen hĂ€lt uns auf Trab, es lĂ€sst nicht viel Platz fĂŒr anderes. Bei Flaute aber scheint die Zeit still zu stehen. Egal ob wir dĂŒmpeln oder hindurchmotoren, es ist als lasse uns der Ozean hinter unsere Fassaden schauen. So, als wĂ€re die glatte WasseroberflĂ€che gleichsam auch das Symbol fĂŒr den Spiegel in unser Inneres.

Ein Hörbuch und zwei damit scheinbar ĂŒberhaupt nicht zusammen hĂ€ngender Diskurse beim Abtrocknen und beim Vorbereiten des Angelhakens machen deutlich, wie sehr diese Flaute uns auf uns selbst zurĂŒckwirft. Urplötzlich reißt die alte und fast geschlossen geglaubte Wunde unserer ungewollten Kinderlosigkeit auf, bringt Trauer, diffuse SchuldgefĂŒhle, Schmerz wieder ans Licht. Der erste Impuls ist RĂŒckzug. Aber Flora hilft uns. In der relativen Enge des Bootes ist es schwer, sich abzukapseln. Wir reden. Liegen uns in den Armen. Finden wieder einen Weg, gemeinsam mit den schmerzhaften GefĂŒhlen umzugehen, die aber eben auch zu unserem Leben dazugehören.

In der Nacht setzt das Wetter dann nochmal einen Kontrapunkt. Ich habe mich kaum in meiner Freiwache schlafen gelegt, als der Wind zurĂŒckkommt. Von achterlichen 4 Knoten steigt er auf gut segelbare 10 kn an. Also „all hands on deck“, wir setzen die Segel, binden sogar rein vorsichtshalber ein erstes Reff ins Groß. Eine halbe Stunde spĂ€ter stehe ich wieder im Cockpit. In Böen pfeifen jetzt 26 kn im Rigg und wir laufen inzwischen hoch am Wind. Safety first, wir gehen gleich ins dritte Reff. Eine gute Stunde spĂ€ter hat der Wind gedreht und etwas abgenommen, wir wenden und wechseln aufs zweite Reff.

Beim Wachwechsel herrscht dann wieder Flaute, also Segel weg und Motor an fĂŒr den Rest der Nacht.

Seit heute FrĂŒh segeln wir wieder, hoch am Wind bei Vollzeug.

Etmal: 112 sm, gesamt bisher 280 sm. Noch zu segeln bis Whangarei voraussichtlich 510 sm.

Essen: KĂŒrbisrisotto mit Datteln im Speckmantel.

Passage von Minerva nach NZ, Tag 2

Geduldsprobe.

48 Stunden halten wir durch, segeln langsam unserem Ziel Neuseeland entgegen. Eigentlich nicht einmal das, denn wir setzen einen sĂŒdlicheren Kurs, fahren also einen kleinen Umweg. Das bringt uns etwas vorlicheren Wind jetzt (bei dem Leichtwind ein Vorteil) und wir spekulieren auf einen besseren (nĂ€mlich raumeren) Winkel fĂŒr den spĂ€ter auf der Passage vorhergesagten stĂ€rkeren Wind.

Durch die DĂŒnung des Pazifiks neigt das Großsegel dazu, in der Welle deutlich einzurucken, der Baum knallt dabei in die zuvor lose gekommene Großschot. Einen Bullenstander zum Fixieren des Baums können wir auf diesem Kurs nicht setzen, also lassen wir uns eine andere Variante einfallen, auch wenn die sicher nur fĂŒr lĂ€ngere Leichtwindstrecken ohne stĂ€ndiges Trimmen des Großsegels geeignet ist. Aus dem Ersatzgummi fĂŒr unsere Harpune basteln wir einen RĂŒckdĂ€mpfer fĂŒr die Großschot.

FĂŒr uns funktioniert das ganz gut. Allerdings nur, bis der Wind raumt und wir vor den Wind gehen mĂŒssen.

Langsam ist eigentlich noch geschönt. Es ist Schleichfahrt auf Schmetterlingskurs. Aus 5 bis 6 kn achterlichem wahren Wind machen wir 3 kn Fahrt. Eigentlich schon ganz beeindruckend: 3 kn Fahrt bei 3 kn scheinbarem Wind. In Böen bis 8 kn werden sogar ĂŒber 4 kn Fahrt durchs Wasser daraus. Nur reduziert der Gegenstrom die Fahrt ĂŒber Grund dann trotzdem auf kaum ĂŒber 3 kn. Aber immerhin: 2 Stunden solcher Schleichfahrt unter Segeln bedeuten streckenmĂ€ĂŸig, eine Stunde weniger motoren zu mĂŒssen. Und wir haben es ja nicht eilig.

Heute FrĂŒh beim Wachwechsel machen wir dann aber doch den Motor an. Der Gegenstrom ist wieder auf einen Knoten angestiegen, der Wind fast ganz eingeschlafen. 0,8 Knoten Fahrt ĂŒber Grund sind einfach zu deprimierend.

Wir sind aber in guter Gesellschaft. Obwohl wir in der Blase unseres Horizonts kein einziges anderes Segel erspĂ€hen können, wissen wir doch den Schwarm der segelnden Zugvögel um un herum. Wie die GĂ€nse in V-Formation streben auf MarineTraffic gut sichtbar die pinken Dreiecke der Langfahrer aus Fiji und Tonga nach Neuseeland ins Winterquartier. Oder ins SĂŒdhalbkugel-Sommerquartier, je nach Definition.

Und wir sind mittendrin.

Etmal: Minus-rekordverdĂ€chtige 73 Seemeilen in den letzten 24 Stunden ĂŒber Grund, ziemlich genau 3 kn im Schnitt.

Essen: Frisch gemachte Linsensuppe mit selbstgemachten Fenchel-MettbĂ€llchen (die Crew der Naida hatte uns vor der Abfahrt aus Minerva gefrorenes Hackfleisch aus ihrem Überbestand geschenkt).

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Passage von Minerva nach Neuseeland, Tag 1


Wir segeln, zwar langsam, aber wir segeln und das bei herrlichem Wetter.


Der Wind ist schwach, meist zwischen 7 und 10 Knoten. Immerhin reicht das unter Groß und Code0, um nicht Motoren zu mĂŒssen, zumal die See auch angenehm ruhig ist. Allerdings haben wir eine Gegenströmung von jetzt noch 0,7 kn, zwischendurch war es mehr als ein Knoten. Das macht sich natĂŒrlich im VerhĂ€ltnis zu der langsamen Fahrt besonders bemerkbar. Also zupfen wir ein bisschen mehr als sonst auf Passage ĂŒblich an den Schoten, so legen wir in den ersten 24 Stunden dann doch immerhin 95 Seemeilen zurĂŒck.

Der Strömung können wir ĂŒbrigens kaum ausweichen, die Darstellung der StrömungsverhĂ€ltnisse (auf Windy.com) gleicht eher einer surrealistischen Malerei und die kleinen Kringel verĂ€ndern sich stĂ€ndig:

Anders als ursprĂŒnglich geplant werden wir aber wohl nicht nach Opua (Bay of Islands) gehen, sondern direkt nach Marsden Cove / Whangarei. Der Grund ist, dass wir bisher trotz dreimaliger Übermittlung von Unterwasservideos und ergĂ€nzenden Unterwasserfotos kein Pre-Approval von der Biosecurity haben. So, wie die neuen Regeln zumindest am Anfang dieser Ankunftssaison angewendet wurden, wĂ€re das etwa ein 1/3 Risiko dafĂŒr, im Ankunftshafen sofort aus dem Wasser gekrant werden zu mĂŒssen. In Opua wĂŒrde das bedeuten, dass wir auch noch einen Rigger bezahlen mĂŒssten um das Vorstag abzubauen, weil sie dort ansonsten nur bis 40 Fuß rausnehmen können. Oder rĂŒckwĂ€rts, aber dann wĂ€re unser Windgenerator im Weg. Um diese zusĂ€tzliche Komplikation zu vermeiden haben wir uns lieber fĂŒr Marsden Cove/Whangarei als Ankunftsort in Neuseeland entschieden.

Die Planung fĂŒr die Passage ist auch so schon komplex genug. Es sind nur rund 850 Seemeilen von Minerva bis nach Whangarei, aber die Wettersysteme verĂ€ndern sich in diesem Bereich sehr schnell. Der Wendekreis des Steinbocks (also der sĂŒdlichste Breitengrad, auf dem die Sonne mittags im Zenit stehen kann) verlĂ€uft in etwa in Höhe des Minerva Riffs. Mit der Passage verlassen wir also jetzt definitiv die relativ klimastabilen Tropen. Die Temperaturschwankungen (auch zwischen Tag und Nacht) nehmen spĂŒrbar zu und die weit sĂŒdlich durchziehenden Sturmgebiete beeinflussen mit ihren AuslĂ€ufern die WindverhĂ€ltnisse um so krĂ€ftiger, je weiter wir nach SĂŒden kommen.

Aktuell sieht der Wind zwischen unserer Position (weißer Punkt in dem grĂŒnblauen Schwachwindbereich) und Neuseeland so aus:

AuffĂ€llig ist dabei der schmale blaue „Flautenfluss“ links in der Mitte des Bildes. Nördlich davon herrscht Nordwestwind, sĂŒdlich davon SĂŒdostwind. Schaut man auf die Böen, wird vor dem Nordkap Neuseelands ein Bereich mit bis zu 45 Knoten (WindstĂ€rke 9) ausgewiesen. Er zieht nach Osten ab, quert also unsere Route.

Die Abfahrt haben wir deshalb so geplant, dass dieser Bereich vor uns durch sein sollte und das nĂ€chste Starkwindgebiet erst nach unserer Ankunft unsere Route quert. Der Kurs dafĂŒr ist nicht die gerade Strecke. Wir halten zunĂ€chst sĂŒdlicher und schwenken dann erst auf Whangarei ein.

Kleiner Haken: auch der angesprochene Flautenfluss an der Grenze zweier gegenlĂ€ufiger Wettersysteme verlagert sich östlich und da mĂŒssen wir durch. Es kann also sein, dass wir im Verlauf der Passage noch etwas motoren mĂŒssen. Dabei gilt es dann auch die Gewitter zu umfahren, die dieses PhĂ€nomen mit sich bringt.

Wenn die Vorhersage stimmt, können wir zwischen zwei stĂ€rkeren Zellen hindurch schlĂŒpfen.

Und als weiterer bedeutsamer Parameter sind noch die Wellen zu berĂŒcksichtigen. auch hierfĂŒr bieten sowohl Windy als auch PredictWind Vorhersagemodelle fĂŒr Richtung und Höhe an. Danach sind in der Spitze etwa 2,6 m Welle zu erwarten. Das ist fĂŒr sich genommen ok, allerdings kann das Wellenbild wegen der gegenlĂ€ufigen Systeme durchaus chaotisch werden. Unangenehm, aber bei dieser Höhe nicht gefĂ€hrlich.

Soweit unsere Überlegungen. Dass wir damit nicht ganz falsch liegen, scheinen die professionellen Wetterrouter einiger anderer Boote zu bestĂ€tigen. Nach zuvor eher ablehnender Haltung haben sie gestern doch kurzfristig zum Aufbruch von Minerva geraten. Wir sind also mit einem kleinen Konvoi losgefahren.

Auf See verteilt sich das aber schnell. Inzwischen sehen wir nur noch zwei Boote in 12 Seemeilen Entfernung auf dem AIS, ihre Segel können wir am Horizont aber schon nicht mehr erkennen.

Na gut. So viel zu unserem Plan. Vermutlich am vierten November wĂŒrden wir dann in Marsden Cove ankommen.

Bisher ĂŒbrigens kein AngelglĂŒck.

Essen: Bratkartoffeln mit Frikadellen und Möhren-Krautsalat.

Minerva. Innehalten im Auge des Ozeans. Was fĂŒr ein Geschenk!

Dankbarkeit. Ehrfurcht. GlĂŒckseligkeit. Schwer in Worte zu fassen, was die ruhigen Tage hier im Minerva Riff uns so fĂŒhlen lassen.

Wir sind wie aus der Zeit gefallen, oder mehr noch: wie aus dem Raum, aus unserer an besonderen Orten ja schon nicht eben armen Welt. Hinein in diese Blase eines ganz eigenen Mikrokosmos.

Als stets prĂ€sentes HintergrundgerĂ€usch rauscht leise die Brandung auf dem Riff, sonst ist es einfach still. Der Wind hat deutlich abgeflaut. Keine Vögel, kein ZivilisationslĂ€rm, Allenfalls fĂ€hrt ab und zu ein Dinghy vorbei oder eine befreundete Crew kommt auf einen Schnack herĂŒber.

Denn ja, wir sind natĂŒrlich nicht alleine hier. Es ist Hauptsaison fĂŒr den Schwarm der seglerischen Zugvögel nach Neuseeland. Das schmĂ€lert aber keineswegs das GefĂŒhl, an einem einmaligen Ort sein zu dĂŒrfen. Eher im Gegenteil, diesen besonderen Ort gemeinsam mit Freunden erleben zu dĂŒrfen fĂŒhlt sich eher noch intensiver an, ein bisschen „wirklicher“.

Alle scheinen die „Pause“ bei wirklich idealen Bedingen hier auf Minerva zu genießen, ein Wetterfenster fĂŒr die Weiterfahrt nach Neuseeland zeichnet sich nicht vor Mittwoch ab.

Mit Ralf und David von der Barbarella fahren Wiebke und ich zum Schnorcheln an den Pass. SpektalĂ€re Drop-Offs machen deutlich, wie steil das Minerva-Riff aus der Tiefe des Pazifiks emporsteigt. Einmal mehr Ă€ndert sich die Fischwelt ein wenig, so sehen wir erstmals die weiß-gelb-schwarzen Diamant-Falterfische.

Am Nachmittag fahre ich dann mit Ralf, David, Phil und Jean-Luc hinĂŒber ans Riff. Das Riffdach ist rund um Minerva ziemlich breit und bei Ebbe ĂŒberwiegend gut begehbar. Es bietet gute Chancen, Lobster zu fangen, dieses Mal ist allerdings nur Jean-Luc erfolgreich, Phil fĂ€ngt ein eiertragendes Weibchen, das er gleich wieder frei lĂ€sst (einer der GrĂŒnde, warum wir nicht mit Harpunen auf Lobsterfang gehen).

Abends dann Potluck auf der französischen Inajeen bei Soize und Ben gemeinsam mit den Crews der Naida, der Clair de GouĂȘt und der Skylark.

Heute gibt’s dann fĂŒr Wiebke und mich Sonntags-Schnorcheln vom Feinsten. Nahe bei unserem Ankerplatz liegen im Flachwasser die Überreste des kleinen Stahlfrachters Commonderry der hier im Jahr 1969 und damit 83 Jahre nach seinem Stapellauf verunglĂŒckte. Wer sich fĂŒr die wirklich ereignisreiche Geschichte der Commonderry interessiert, findet hier nĂ€here Angaben.

Bug und Heck des auseinander gebrochenen Rumpfes liegen ein ganzes StĂŒck voneinander entfernt. Bei unserem ersten Besuch finden wir nur den Bug, einige Metallteile davon ragen auch bei Hochwasser an die OberflĂ€che.

Spannend, dass nach so vielen Jahren doch noch Details der Schiffstechnik auf dem Vorschiff erkennbar sind, obwohl sich eben auch farbenfrohe Korallen angesiedelt haben.

Das kleine Wrackteil des Schiffsbugs beherbergt eher wenige Fische. Ganz anders ist das bei den anderen Überbleibseln der Commonderry, die wir am Nachmittag bei etwas niedrigerem Wasserstand nĂ€her am Riffdach ausfindig machen.

Vor allem SchwĂ€rme von Gelbstreifen-Meerbarben und auch viele große Harlekin-SĂŒĂŸlippen mit ihren auffĂ€lligen schwarz-weißen Punktmustern halten sich mit unzĂ€hligen anderen Meeresbewohnern im und am Wrack auf. Und sie sind wenig scheu, das macht diesen Schnorchelgang im sonnendurchfluteten, glasklaren und damit farbenfrohen Flachwasser regelrecht magisch fĂŒr uns.

Das passt sich wunderbar ein in unsere Minerva-Stimmung.

Angekommen im Minerva-Riff. Irgendwo im Nirgendwo.

Es ist fast unwirklich. Wie eine maritime Fata Morgana in der WasserwĂŒste tauchen sie auf. Masten, die still stehen, obwohl doch um sie herum der Pazifische Ozean braust. Und ja, er braust noch, obwohl der Wind zuletzt etwas nachgelassen hat. Trotzdem, die zu den Masten gehörenden Segelboote liegen ruhig da, als ihre RĂŒmpfe beim NĂ€herkommen langsam sichtbar werden. Das ist es. Minerva, wir haben Dich erreicht.

Was fĂŒr ein Ritt. Nach nur knapp ĂŒber 48 Stunden liegen die 328 Seemeilen von der Ha’apai-Gruppe aus hinter uns, wir laufen durch den Pass ins Minerva-Riff ein.

Der Anker fĂ€llt irgendwo im Nirgendwo, ein paar hundert Meilen sĂŒdlich von den Inselwelten in Tonga und Fiji, tausend Seemeilen nördlich von Neuseeland, mitten im tiefblauen SĂŒdpazifik. Aber er fĂ€llt eben nur 13 m tief, grĂ€bt sich sofort in den Sandgrund der Lagune. Das lĂ€sst sich vom Bug der Flora wunderbar verfolgen, denn das Wasser ist kristallklar. Kein BĂ€chlein trĂ€gt hier bei Regen Sedimente ein, weit und breit ist kein Land in Sicht.

Ein Atoll ohne Insel. Nur ein fast kreisrundes, perfektes Ringriff mit einem einzelnen Pass umfasst die Lagune.

Es wirkt als hĂ€tte die Natur hier einen Rastplatz fĂŒr die Segler eingerichtet, die jetzt im Oktober aus dem ZyklongĂŒrtel der SĂŒdhalbkugel-Tropen heraus nach SĂŒden gen Neuseeland ziehen und im April oder Mai wieder nach Norden Richtung Fiji oder Tonga segeln. Wir sind jedenfalls sehr froh ĂŒber die Möglichkeit, nochmal inne zu halten und auszuschlafen. Dazu kommt, dass das Wetterfenster fĂŒr die weitere Passage jetzt „nur“ eine Woche und nicht mehr 10 Tage umfassen muss. Die Vorhersagen werden deutlich prĂ€ziser, je kĂŒrzer der Zeitraum ist. Bei den hier schnell wechselnden Wettersystemen ist das um so wichtiger.

Und es ist natĂŒrlich auch einfach faszinierend, mitten auf dem Ozean zu ankern.

Übrigens sind die Minerva-Riffe vielleicht kurz davor, Inseln zu werden. Langsam streben sie aus dem Meer empor, in den letzten 100 Jahren hat sich ihre Struktur um gut einen Meter angehoben. Wenn nicht ein ansteigender Meeresspiegel dagegen arbeitet, werden sich irgendwann die ersten Motus auf dem Riff bilden. Noch aber ĂŒberspĂŒlt das Wasser zumindest bei Flut praktisch das ganz Riff, bei Niedrigwasser dagegen kann inzwischen (mit feuchten FĂŒĂŸen) auf dem breiten Riffdach spaziert werden.

Abgesehen von der bei Seegang an das Riff tosenden Brandung sind die Minerva-Riffe aber noch immer schwer auszumachen. Immerhin sind sie in den Seekarten korrekt verzeichnet und in Zeiten der GPS-Navigation somit vergleichsweise einfach anzulaufen oder zu umschiffen. Aber das war eben nicht immer so, die Reste mehrerer Wracks finden sich auf den Riffen. Selbst regelmĂ€ĂŸige Lotungen helfen nicht, ohne Vorwarnung steigen die WĂ€nde des Riffs steil aus der blauen Tiefe, in denen das klassische Lot noch keinen Grund findet. Und so geht auch der Name auf einen Schiffbruch zurĂŒck: 1829 strandete der WalfĂ€nger Minerva auf dem sĂŒdlichen Minerva-Riff, die Besatzung konnte sich in einem völlig ĂŒberladenen Walboot auf eine Insel der Lau-Gruppe im entfernten Fiji retten.

Ein kleines Video von Flora im Minerva-Riff:

Den Schaden an unserem Frischwassersystem können wir zum GlĂŒck auch beheben. Eine Dichtung am Boiler war verrutscht. Bei ruhigerem Wasser ein Easy-Fix.

Tonga: ausklariert und auf nach Minerva

Fast zwei Monate sind wir schon in Tonga. Offizieller Beginn der Zyklonsaison im SĂŒdpazifik ist der erste November, es wird also langsam Zeit, uns auf den Weg Richtung Neuseeland zu machen.

Ein Wunschziel liegt auf dem Weg: Minerva. Ein fast unwirklich erscheinender Ankerplatz mitten im offenen Ozean. Keine Insel, nur ein Unterwasser-Riff im ringsherum buchstĂ€blich tausende Meter tiefen Pazifik. Kein Land in Sicht fĂŒr Hunderte von Seemeilen. Das Minerva-Riff ist ein Atoll, nur eben knapp unter dem Meeresspiegel. Irgendwo im Nirgendwo zwischen Tonga, Fiji und Neuseeland. Auf der Navionics-Seekarte und auf Google Earth sieht das so aus:

Da wollen wir hin!

Formal gehören die beiden Riffe Minerva Nord und Minerva SĂŒd zu Tonga und weiten damit Tongas Fischereirechte weit nach SĂŒden aus, darĂŒber gab es frĂŒher durchaus auch schon Streit mit Fiji.

Ausklarieren mĂŒssen wir trotzdem vorher. Und so fĂŒhrt uns unser Weg erst einmal wieder zurĂŒck ins Örtchen Pangai und dort zunĂ€chst zum “Ministry of Infrastructure”. Ganz leicht zu finden ist es nicht, denn das große weiße Schild wĂŒrde zwar eigentlich das Ministeriumslogo und seine Bezeichnung tragen, nur ist es von der tropischen Sonne komplett ausgeblichen.

Aber es ist die auf Noforeignland angegebene Position, also klopfen wir und – siehe da – werden freundlich im Ministerium begrĂŒĂŸt. Aus der Tonnage unseres Bootes wird die zu entrichtende GebĂŒhr von 9,80 TOP ermittelt, etwa 3,50 €.

Mit der Quittung laufen wir dann durch den Ort zum ZollbĂŒro, wo wir ohne weitere GebĂŒhr ausklarieren können. Auch hier ist das Hinweisschild ausgeblichen, aber von der Seite ist die ehemalige Aufschrift immerhin noch zu erahnen.

ZurĂŒck auf der Flora machen wir unser Boot klar fĂŒr die Passage. Der Außenbordmotor wandert auf den Heckkorb, das Dinghy wird in den Davits mit “Bellybands” zusĂ€tzlich gesichert. Drinnen wird alles seefest verstaut, Flora ein letztes Mal gecheckt und dann kann es los gehen. Jetzt, unmittelbar vor der Abfahrt, können wir auch die nĂ€chsten Onlineformulare nach Neuseeland schicken. Das “ANA” (Advanced Notice of Arrival) mit diversen Anlagen und dann fĂŒr jeden von uns jeweils eine “Traveller Declaration”. Also auch fĂŒr das ĂŒbernĂ€chste Ziel geht es voran.

Wir lichten den Anker morgens am 7:30 bei leichtem Nieselregen und aufgebauter Kuchenbude, weil der achterliche Wind den Regen von hinten ins Cockpit drĂŒckt.

Inzwischen aber scheint die Sonne, mit ausgebaumtem Vorsegel rauschen wir an den Ă€ußeren Inselchen der Ha’apai-Gruppe vorbei unserem Ziel entgegen. Etwa zweieinhalb Tage sollten wir bis Minerva unterwegs sein.