Nur graduelle Verbesserung beim Seegang und der Seekrankheit.
Jedenfalls mĂŒssen wir uns keine Sorgen mehr darĂŒber machen, dass die Fock beim Hochziehen in Fetzen gehen könnte. Eine besonders fiese Welle begrĂ€bt das Vorschiff unter Wassermassen und spĂŒlt einen Zipfel der Fock auĂenbords. Den Rest erledigt das Wasser. Bevor wir sie zurĂŒck an Bord ziehen können, reiĂt die Fock. Sie hat immerhin 45.000 Seemeilen auf dem Buckel, das wird sie etwas mĂŒrbe gemacht haben. Wir bergen sie natĂŒrlich nochmal, auch wenn sich das jetzt in der Dunkelheit auf dem bockenden Vorschiff ziemlich langwierig und krĂ€ftezehrend gestaltet. Das Adrenalin kickt kurz die Seekrankheit weg, sie meldet sich danach aber gleich zurĂŒck.
AuĂerdem fĂ€llt unser UKW-FunkgerĂ€t aus. Wir hoffen auf einen Wasserschaden nur in der Kabelverbindung der Stromversorgung. Das mĂŒssen wir spĂ€ter am Ankerplatz klĂ€ren, bis dahin haben wir ja noch unsere beiden HandfunkgerĂ€te (mit allerdings deutlich geringerer Reichweite.
Weiter motorsegeln Richtung Minerva.
Etmal 107 Seemeilen, gesamt bisher auf dieser Passage 570 Seemeilen, noch zu Segeln bis Minerva etwa 190 Seemeilen.
Essen: Salzbrezeln und etwas Apfel (schmeckt rauf wie runter).
Schwacher Lichtblick: der wohl flachste Regenbogen unserer bisherigen Reise.
Und ein echter Hoffnungsschimmer: die Wellenhöhe geht weiter etwas herab und der Wind dreht leicht zu unseren Gunsten.
AuĂerdem fahren wir seit Kanada eine niegelnagelneue Ersatzfock unter unserer Achterkoje spazieren.
Schnelles Segeln, allerdings werden die Wellen höher und leider auch steiler. Etwa 2 bis 2,5 m hoch rollen sie seitlich an, die meisten laufen unter der Flora hindurch und wiegen sie hin und her. Immer mal wieder ist aber auch ein Dwarslöper dazwischen, der mit voller Wucht an die Bordwand klatscht und uns ordentlich durchschĂŒttelt.
Diese Bedingungen lassen dann auch bei Wiebke und mir ein flaues GefĂŒhl im Magen aufkommen. Nicht dramatisch, aber eben auch nicht schön. Wir nehmen eine Seekrankheitstablette, und wir liegen viel, schlafen viel.
Ein unbekanntes fiependes GerĂ€usch im Mastbereich schreckt uns auf, es entpuppt sich nach einiger Suche als Fehlalarm des Wassermelders in der Bilge am MastfuĂ.
Mehr Sorge macht uns danach bei einer besonders widrigen Welle ein Knarz- oder DurchrutschgerĂ€usch in der Steuerung. Die Nullstellung des Steuerrads scheint sich dabei verstellt zu haben. Kein groĂer SpaĂ, bei diesen Bedingungen die Achterkoje auseinander zu nehmen und den Quadranten freizulegen. Muss aber sein. Die Klemmschrauben am Ruderschaft scheinen aber fest zu sein. Wir wechseln vom Lewmar auf den Furuno-Autopiloten und bisher ist das GerĂ€usch nicht wieder aufgetreten. Das mĂŒssen wir uns aber wohl in Ruhe am nĂ€chsten Ankerplatz noch einmal genauer anschauen.
Etmal 169 Seemeilen, gesamt bisher 320 Seemeilen. Noch zu Segeln bis Minerva ca. 490 Seemeilen.
Essen: Wiebke schafft es, trotz der Bedingungen noch einen HĂŒhnernudeltopf zu kochen.
Um 9.15 Uhr haben wir einen Termin beim Zoll zum Ausklarieren. Das Online-Formular (C2B, Advanced Notice of Departure) dazu mussten wir schon vor der Terminvereinbarung per Email einreichen, dazu Passkopien,Bootspapiere und ein aktuelle Foto vom Schiff.
Beim Ausklarieren geht es dann alles ganz schnell. Ein paar Fragen, das Abgeben des gelben Zettels der Mehrwertsteuerbefreiung fĂŒr alle bootsrelevanten EinkĂ€ufe und Dienstleistungen (TIE) und schon wĂŒnscht man uns gute Reise.
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Diese Mischung zwischen etwas Wehmut beim Abschied und der Vorfreude auf die kommende Reise berĂŒhrt uns jedes Mal aufs Neue. Auch an diesem Morgen beim Aufwachen geht uns das so und wir sprechen darĂŒber. Ein neuer Abschied, ein neuer Start.
âUnd jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschĂŒtzt und der uns hilft, zu leben. Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten.â (aus dem Gedicht Stufen von Hermann Hesse).
Um 9:30 legen wir ab, motoren ein kleines StĂŒck durch den Veronika-Channel aus dem Waikare Inlet. Als wir an Russel vorbei sind, öffnet sich die Bucht etwas und der Wind reicht gerade eben so zum Segeln. Ganz langsam schiebt sich die Flora aus der Bay of Islands hinaus. Jayne und James mit der Scout schlieĂen motorsegelnd zu uns auf. Als am Ausgang der Bay of Islands der Wind zunimmt und die Segel richtig fĂŒllt, können wir so noch gegenseitig Fotos von unseren Booten beim Abschied aus Neuseeland machen.
Photocredit fĂŒr die Fotos der Flora: James (S/V Scout)
Wir haben beide das Ziel Minerva.
Der erste Nachmittag ist dann wunderherrliches Code0-Segeln bei Traumwetter.
Zum Abend wechselt die Scout auf den Solent, wir auf die Fock. Aber ĂŒber die Nacht wird der Abstand zwischen unseren Booten trotzdem gröĂer und so können wir die Scout heute nicht mehr sehen. Trotzdem gut, sie in der NĂ€he zu wissen.
In den ersten 24 Stunden haben wir 135 Seemeilen zurĂŒckgelegt, bis zum Schiffsmittag heute 151 Seemeilen.
Im Januar findet in DĂŒsseldorf jĂ€hrlich mit der BOOT statt. Mit 1.500 Ausstellern und 200.000 Besuchern ist es die weltgröĂte Yacht- und Wassersportmesse.
In den Jahren vor unserer Langfahrt war das fĂŒr uns natĂŒrlich immer ein Riesending. Boote anschauen, vor allem aber AusrĂŒstung und Zubehör. AuĂerdem gibt es BĂŒhnen, auf denen VortrĂ€ge zu Wassersportthemen gehalten werden. Da konnten wir anderen Seglern lauschen, die ĂŒber ihre Törns berichteten.
Und dieses Jahr? Haben wir selbst einen Vortrag ĂŒber unsere inzwischen fast 4 Jahre mit der Flora im Pazifik gehalten. Auf dem Blauwasser-Seminar 2026 (www.blauwasser.de).
Der Wind dreht endlich von NNE auf Ost und nimmt dabei krĂ€ftig zu. FĂŒr einige Boote um uns herum etwas zu krĂ€ftig, manche berichten von Böen um 45 kn. Ăber die WhatsApp-Gruppen erfahren wir von mehreren ausgefallenen Autopiloten und vom Wellengang weggerissenen Starlink-Antennen. Eines der Boote erleidet gleich beide Defekte. Wir sind in UKW-Reichweite und geben ihre Position und die Meldung, dass es ihnen gut geht an ein befreundetes Boot weiter. Die informieren dann den Shore-Contact des Bootes.
Es hat auch Vorteile, in einem groĂen Schwarm Zugvögel unterwegs zu sein.
Durch die groĂen Icons wirkt das allerdings wesentlich enger, als es tatsĂ€chlich ist. Wir haben heute wieder nur ein einziges anderes Boot sehen können.
Jedenfalls sind wir gewarnt, Reffen sehr frĂŒh und sehr tief. Mit drittem Reff im GroĂ und etwas eingereffter Fock geht es in die Nacht. TatsĂ€chlich werden es fĂŒr uns nur um die 30 kn in den Böen bei konstant zwischen 20 und 24 kn Wind. Etwas achterlicher als halb, das sorgt trotz der tiefen Reffs fĂŒr eine sehr flotte Fahrt. Maximal rutschen wir mit 12,6 kn eine Welle herunter, meist sind wir mit 7 bis 8 kn unterwegs.
Es wird weiterhin kĂ€lter. Lange Hosen und sogar Socken kommen heraus, fĂŒr die Nachtwache im Cockpit zusĂ€tzlich (trotz aufgebauter Kuchenbude) noch eine Fleecedecke.
Etmal: 150 sm, gesamt 559 sm. Noch 210 Seemeilen zu segeln bis Whangarei/NZ.
Essen: Wiebke hatte gestern in weiser Voraussicht auf die zu erwartende Schaukelei gleich einen groĂen Topf Curry gekocht. Also nochmal Thaicurry mit KĂŒrbis, lila SĂŒĂkartoffeln, Paprika und Marlin (noch eingekocht aus dem Fang von Joe in den Tuamotus, leider das letzte Glas).
Der Morgen beschenkt uns mit leichtem Wind, kurz segeln wir mit Code0 auf Halbwindskurs, dann raumt die leichte Brise etwas mehr und wir können auf unseren blauen Gennaker wechseln.
Langsam gleiten wir bei Sonnenschein ĂŒber das tiefblaue Wasser. Wie das flappende GroĂsegel auf dem Bild schon andeutet: das leise LĂŒftchen reicht gerade so eben, um die Segel einigermaĂen zu fĂŒllen. Immerhin, ein paar Stunden steht sie durch. Dann fĂ€rben Schleierwolken den Himmel langsam von blau auf grau und die Brise wird zu einem Hauch, schlĂ€ft schlieĂlich völlig ein. Wir werfen den Jockel an und motoren durch die Flaute.
Es ist schon erstaunlich, was das weite Meer mit uns macht.
Bei Starkwind und hohen Wellen beansprucht das Boot, das Segeln, das Funktionieren den GroĂteil von uns. Das AuĂen hĂ€lt uns auf Trab, es lĂ€sst nicht viel Platz fĂŒr anderes. Bei Flaute aber scheint die Zeit still zu stehen. Egal ob wir dĂŒmpeln oder hindurchmotoren, es ist als lasse uns der Ozean hinter unsere Fassaden schauen. So, als wĂ€re die glatte WasseroberflĂ€che gleichsam auch das Symbol fĂŒr den Spiegel in unser Inneres.
Ein Hörbuch und zwei damit scheinbar ĂŒberhaupt nicht zusammen hĂ€ngender Diskurse beim Abtrocknen und beim Vorbereiten des Angelhakens machen deutlich, wie sehr diese Flaute uns auf uns selbst zurĂŒckwirft. Urplötzlich reiĂt die alte und fast geschlossen geglaubte Wunde unserer ungewollten Kinderlosigkeit auf, bringt Trauer, diffuse SchuldgefĂŒhle, Schmerz wieder ans Licht. Der erste Impuls ist RĂŒckzug. Aber Flora hilft uns. In der relativen Enge des Bootes ist es schwer, sich abzukapseln. Wir reden. Liegen uns in den Armen. Finden wieder einen Weg, gemeinsam mit den schmerzhaften GefĂŒhlen umzugehen, die aber eben auch zu unserem Leben dazugehören.
In der Nacht setzt das Wetter dann nochmal einen Kontrapunkt. Ich habe mich kaum in meiner Freiwache schlafen gelegt, als der Wind zurĂŒckkommt. Von achterlichen 4 Knoten steigt er auf gut segelbare 10 kn an. Also âall hands on deckâ, wir setzen die Segel, binden sogar rein vorsichtshalber ein erstes Reff ins GroĂ. Eine halbe Stunde spĂ€ter stehe ich wieder im Cockpit. In Böen pfeifen jetzt 26 kn im Rigg und wir laufen inzwischen hoch am Wind. Safety first, wir gehen gleich ins dritte Reff. Eine gute Stunde spĂ€ter hat der Wind gedreht und etwas abgenommen, wir wenden und wechseln aufs zweite Reff.
Beim Wachwechsel herrscht dann wieder Flaute, also Segel weg und Motor an fĂŒr den Rest der Nacht.
Seit heute FrĂŒh segeln wir wieder, hoch am Wind bei Vollzeug.
Etmal: 112 sm, gesamt bisher 280 sm. Noch zu segeln bis Whangarei voraussichtlich 510 sm.
48 Stunden halten wir durch, segeln langsam unserem Ziel Neuseeland entgegen. Eigentlich nicht einmal das, denn wir setzen einen sĂŒdlicheren Kurs, fahren also einen kleinen Umweg. Das bringt uns etwas vorlicheren Wind jetzt (bei dem Leichtwind ein Vorteil) und wir spekulieren auf einen besseren (nĂ€mlich raumeren) Winkel fĂŒr den spĂ€ter auf der Passage vorhergesagten stĂ€rkeren Wind.
Durch die DĂŒnung des Pazifiks neigt das GroĂsegel dazu, in der Welle deutlich einzurucken, der Baum knallt dabei in die zuvor lose gekommene GroĂschot. Einen Bullenstander zum Fixieren des Baums können wir auf diesem Kurs nicht setzen, also lassen wir uns eine andere Variante einfallen, auch wenn die sicher nur fĂŒr lĂ€ngere Leichtwindstrecken ohne stĂ€ndiges Trimmen des GroĂsegels geeignet ist. Aus dem Ersatzgummi fĂŒr unsere Harpune basteln wir einen RĂŒckdĂ€mpfer fĂŒr die GroĂschot.
FĂŒr uns funktioniert das ganz gut. Allerdings nur, bis der Wind raumt und wir vor den Wind gehen mĂŒssen.
Langsam ist eigentlich noch geschönt. Es ist Schleichfahrt auf Schmetterlingskurs. Aus 5 bis 6 kn achterlichem wahren Wind machen wir 3 kn Fahrt. Eigentlich schon ganz beeindruckend: 3 kn Fahrt bei 3 kn scheinbarem Wind. In Böen bis 8 kn werden sogar ĂŒber 4 kn Fahrt durchs Wasser daraus. Nur reduziert der Gegenstrom die Fahrt ĂŒber Grund dann trotzdem auf kaum ĂŒber 3 kn. Aber immerhin: 2 Stunden solcher Schleichfahrt unter Segeln bedeuten streckenmĂ€Ăig, eine Stunde weniger motoren zu mĂŒssen. Und wir haben es ja nicht eilig.
Heute FrĂŒh beim Wachwechsel machen wir dann aber doch den Motor an. Der Gegenstrom ist wieder auf einen Knoten angestiegen, der Wind fast ganz eingeschlafen. 0,8 Knoten Fahrt ĂŒber Grund sind einfach zu deprimierend.
Wir sind aber in guter Gesellschaft. Obwohl wir in der Blase unseres Horizonts kein einziges anderes Segel erspĂ€hen können, wissen wir doch den Schwarm der segelnden Zugvögel um un herum. Wie die GĂ€nse in V-Formation streben auf MarineTraffic gut sichtbar die pinken Dreiecke der Langfahrer aus Fiji und Tonga nach Neuseeland ins Winterquartier. Oder ins SĂŒdhalbkugel-Sommerquartier, je nach Definition.
Und wir sind mittendrin.
Etmal: Minus-rekordverdĂ€chtige 73 Seemeilen in den letzten 24 Stunden ĂŒber Grund, ziemlich genau 3 kn im Schnitt.
Essen: Frisch gemachte Linsensuppe mit selbstgemachten Fenchel-MettbĂ€llchen (die Crew der Naida hatte uns vor der Abfahrt aus Minerva gefrorenes Hackfleisch aus ihrem Ăberbestand geschenkt).
Wir segeln, zwar langsam, aber wir segeln und das bei herrlichem Wetter.
Der Wind ist schwach, meist zwischen 7 und 10 Knoten. Immerhin reicht das unter GroĂ und Code0, um nicht Motoren zu mĂŒssen, zumal die See auch angenehm ruhig ist. Allerdings haben wir eine Gegenströmung von jetzt noch 0,7 kn, zwischendurch war es mehr als ein Knoten. Das macht sich natĂŒrlich im VerhĂ€ltnis zu der langsamen Fahrt besonders bemerkbar. Also zupfen wir ein bisschen mehr als sonst auf Passage ĂŒblich an den Schoten, so legen wir in den ersten 24 Stunden dann doch immerhin 95 Seemeilen zurĂŒck.
Der Strömung können wir ĂŒbrigens kaum ausweichen, die Darstellung der StrömungsverhĂ€ltnisse (auf Windy.com) gleicht eher einer surrealistischen Malerei und die kleinen Kringel verĂ€ndern sich stĂ€ndig:
Anders als ursprĂŒnglich geplant werden wir aber wohl nicht nach Opua (Bay of Islands) gehen, sondern direkt nach Marsden Cove / Whangarei. Der Grund ist, dass wir bisher trotz dreimaliger Ăbermittlung von Unterwasservideos und ergĂ€nzenden Unterwasserfotos kein Pre-Approval von der Biosecurity haben. So, wie die neuen Regeln zumindest am Anfang dieser Ankunftssaison angewendet wurden, wĂ€re das etwa ein 1/3 Risiko dafĂŒr, im Ankunftshafen sofort aus dem Wasser gekrant werden zu mĂŒssen. In Opua wĂŒrde das bedeuten, dass wir auch noch einen Rigger bezahlen mĂŒssten um das Vorstag abzubauen, weil sie dort ansonsten nur bis 40 FuĂ rausnehmen können. Oder rĂŒckwĂ€rts, aber dann wĂ€re unser Windgenerator im Weg. Um diese zusĂ€tzliche Komplikation zu vermeiden haben wir uns lieber fĂŒr Marsden Cove/Whangarei als Ankunftsort in Neuseeland entschieden.
Die Planung fĂŒr die Passage ist auch so schon komplex genug. Es sind nur rund 850 Seemeilen von Minerva bis nach Whangarei, aber die Wettersysteme verĂ€ndern sich in diesem Bereich sehr schnell. Der Wendekreis des Steinbocks (also der sĂŒdlichste Breitengrad, auf dem die Sonne mittags im Zenit stehen kann) verlĂ€uft in etwa in Höhe des Minerva Riffs. Mit der Passage verlassen wir also jetzt definitiv die relativ klimastabilen Tropen. Die Temperaturschwankungen (auch zwischen Tag und Nacht) nehmen spĂŒrbar zu und die weit sĂŒdlich durchziehenden Sturmgebiete beeinflussen mit ihren AuslĂ€ufern die WindverhĂ€ltnisse um so krĂ€ftiger, je weiter wir nach SĂŒden kommen.
Aktuell sieht der Wind zwischen unserer Position (weiĂer Punkt in dem grĂŒnblauen Schwachwindbereich) und Neuseeland so aus:
AuffĂ€llig ist dabei der schmale blaue âFlautenflussâ links in der Mitte des Bildes. Nördlich davon herrscht Nordwestwind, sĂŒdlich davon SĂŒdostwind. Schaut man auf die Böen, wird vor dem Nordkap Neuseelands ein Bereich mit bis zu 45 Knoten (WindstĂ€rke 9) ausgewiesen. Er zieht nach Osten ab, quert also unsere Route.
Die Abfahrt haben wir deshalb so geplant, dass dieser Bereich vor uns durch sein sollte und das nĂ€chste Starkwindgebiet erst nach unserer Ankunft unsere Route quert. Der Kurs dafĂŒr ist nicht die gerade Strecke. Wir halten zunĂ€chst sĂŒdlicher und schwenken dann erst auf Whangarei ein.
Kleiner Haken: auch der angesprochene Flautenfluss an der Grenze zweier gegenlĂ€ufiger Wettersysteme verlagert sich östlich und da mĂŒssen wir durch. Es kann also sein, dass wir im Verlauf der Passage noch etwas motoren mĂŒssen. Dabei gilt es dann auch die Gewitter zu umfahren, die dieses PhĂ€nomen mit sich bringt.
Wenn die Vorhersage stimmt, können wir zwischen zwei stĂ€rkeren Zellen hindurch schlĂŒpfen.
Und als weiterer bedeutsamer Parameter sind noch die Wellen zu berĂŒcksichtigen. auch hierfĂŒr bieten sowohl Windy als auch PredictWind Vorhersagemodelle fĂŒr Richtung und Höhe an. Danach sind in der Spitze etwa 2,6 m Welle zu erwarten. Das ist fĂŒr sich genommen ok, allerdings kann das Wellenbild wegen der gegenlĂ€ufigen Systeme durchaus chaotisch werden. Unangenehm, aber bei dieser Höhe nicht gefĂ€hrlich.
Soweit unsere Ăberlegungen. Dass wir damit nicht ganz falsch liegen, scheinen die professionellen Wetterrouter einiger anderer Boote zu bestĂ€tigen. Nach zuvor eher ablehnender Haltung haben sie gestern doch kurzfristig zum Aufbruch von Minerva geraten. Wir sind also mit einem kleinen Konvoi losgefahren.
Auf See verteilt sich das aber schnell. Inzwischen sehen wir nur noch zwei Boote in 12 Seemeilen Entfernung auf dem AIS, ihre Segel können wir am Horizont aber schon nicht mehr erkennen.
Na gut. So viel zu unserem Plan. Vermutlich am vierten November wĂŒrden wir dann in Marsden Cove ankommen.
Bisher ĂŒbrigens kein AngelglĂŒck.
Essen: Bratkartoffeln mit Frikadellen und Möhren-Krautsalat.
Es ist fast unwirklich. Wie eine maritime Fata Morgana in der WasserwĂŒste tauchen sie auf. Masten, die still stehen, obwohl doch um sie herum der Pazifische Ozean braust. Und ja, er braust noch, obwohl der Wind zuletzt etwas nachgelassen hat. Trotzdem, die zu den Masten gehörenden Segelboote liegen ruhig da, als ihre RĂŒmpfe beim NĂ€herkommen langsam sichtbar werden. Das ist es. Minerva, wir haben Dich erreicht.
Was fĂŒr ein Ritt. Nach nur knapp ĂŒber 48 Stunden liegen die 328 Seemeilen von der Haâapai-Gruppe aus hinter uns, wir laufen durch den Pass ins Minerva-Riff ein.
Der Anker fĂ€llt irgendwo im Nirgendwo, ein paar hundert Meilen sĂŒdlich von den Inselwelten in Tonga und Fiji, tausend Seemeilen nördlich von Neuseeland, mitten im tiefblauen SĂŒdpazifik. Aber er fĂ€llt eben nur 13 m tief, grĂ€bt sich sofort in den Sandgrund der Lagune. Das lĂ€sst sich vom Bug der Flora wunderbar verfolgen, denn das Wasser ist kristallklar. Kein BĂ€chlein trĂ€gt hier bei Regen Sedimente ein, weit und breit ist kein Land in Sicht.
Ein Atoll ohne Insel. Nur ein fast kreisrundes, perfektes Ringriff mit einem einzelnen Pass umfasst die Lagune.
Es wirkt als hĂ€tte die Natur hier einen Rastplatz fĂŒr die Segler eingerichtet, die jetzt im Oktober aus dem ZyklongĂŒrtel der SĂŒdhalbkugel-Tropen heraus nach SĂŒden gen Neuseeland ziehen und im April oder Mai wieder nach Norden Richtung Fiji oder Tonga segeln. Wir sind jedenfalls sehr froh ĂŒber die Möglichkeit, nochmal inne zu halten und auszuschlafen. Dazu kommt, dass das Wetterfenster fĂŒr die weitere Passage jetzt ânurâ eine Woche und nicht mehr 10 Tage umfassen muss. Die Vorhersagen werden deutlich prĂ€ziser, je kĂŒrzer der Zeitraum ist. Bei den hier schnell wechselnden Wettersystemen ist das um so wichtiger.
Und es ist natĂŒrlich auch einfach faszinierend, mitten auf dem Ozean zu ankern.
Ăbrigens sind die Minerva-Riffe vielleicht kurz davor, Inseln zu werden. Langsam streben sie aus dem Meer empor, in den letzten 100 Jahren hat sich ihre Struktur um gut einen Meter angehoben. Wenn nicht ein ansteigender Meeresspiegel dagegen arbeitet, werden sich irgendwann die ersten Motus auf dem Riff bilden. Noch aber ĂŒberspĂŒlt das Wasser zumindest bei Flut praktisch das ganz Riff, bei Niedrigwasser dagegen kann inzwischen (mit feuchten FĂŒĂen) auf dem breiten Riffdach spaziert werden.
Abgesehen von der bei Seegang an das Riff tosenden Brandung sind die Minerva-Riffe aber noch immer schwer auszumachen. Immerhin sind sie in den Seekarten korrekt verzeichnet und in Zeiten der GPS-Navigation somit vergleichsweise einfach anzulaufen oder zu umschiffen. Aber das war eben nicht immer so, die Reste mehrerer Wracks finden sich auf den Riffen. Selbst regelmĂ€Ăige Lotungen helfen nicht, ohne Vorwarnung steigen die WĂ€nde des Riffs steil aus der blauen Tiefe, in denen das klassische Lot noch keinen Grund findet. Und so geht auch der Name auf einen Schiffbruch zurĂŒck: 1829 strandete der WalfĂ€nger Minerva auf dem sĂŒdlichen Minerva-Riff, die Besatzung konnte sich in einem völlig ĂŒberladenen Walboot auf eine Insel der Lau-Gruppe im entfernten Fiji retten.
Ein kleines Video von Flora im Minerva-Riff:
Den Schaden an unserem Frischwassersystem können wir zum GlĂŒck auch beheben. Eine Dichtung am Boiler war verrutscht. Bei ruhigerem Wasser ein Easy-Fix.
Wir sind nicht die einzigen, die das Wetter fĂŒr den Sprung nach Minerva nutzen wollen. Die Katamarane Pisces und Inajeen und die Monos Naida und Claire de GouĂȘt sind kurz vor uns aufgebrochen, ihre AIS-Signale weisen uns quasi den Weg. Dazu kommt noch die Scout, die am Vortag schon mal 20 Meilen hinaus an eine vorgelagerte Insel verholt hat und ebenfalls etwas frĂŒher aufgebrochen ist, sie können wir zuerst nur auf dem âOver the Horizonâ-AIS auf PredictWind sehen. Aber dort bewegt sich eben dieser Pulk von (mit uns) 6 Schiffen auf Ă€hnlichem Kurs Richtung Minerva. Die anderen Segel sehen wir allerdings nur am Anfang, denn ein kleines bisschen unterscheiden sich die Kurse doch. Wir halten zunĂ€chst mehr nach West. Zum einen, um uns weniger zwischen den Flachs und Inselchen hindurchschlĂ€ngeln zu mĂŒssen, zum anderen aber auch, um einen Bogen um die beiden aktiven Unterwasservulkane zu machen, die auf dem direkteren Weg liegen. So kommt es, dass wir schon ab Mittag kein anderes Boot mehr zu Gesicht bekommen.
Es ist schönes und recht flottes Segeln. Wir wechseln mehrmals zwischen Schmetterling (ausgebaumte Fock auf der einen Seite, mit Bullenstander gesichertes GroĂ auf der anderen Seite) und Raumschotskurs mit beiden Segeln auf Steuerbord hin und her. Das funktioniert wunderbar einfach, weil der Spibaum fest gesetzt bleibt. Wir holen nur entweder die durch die Baumnock gefĂŒhrte Spischot an Backbord oder eben die normale Fockschot an Steuerbord dicht.
FĂŒr die rabenschwarze Neumond-Nacht kommt ein Reff ins GroĂ. Trotzdem legen wir in den ersten 24 Stunden 166 Seemeilen zurĂŒck, das ist mehr als ordentlich fĂŒr diesen Kurs.
Leider gibt es allerdings auch AusfÀlle.
Als wir den Wasserhahn in der KĂŒche benutzen wollen, sprotzt der Wasserstrahl. Die Fehlersuche ergibt ein Leck am Warmwasserboiler im Motorraum. Blöd, der ist nĂ€mlich nur erreichbar, wenn ich mich lang ĂŒber den Motor und Generator lege, bei dem herrschenden Seegang keine verlockende Option. Frischwasser gibt es also zumindest bis Minerva erstmal nur aus Flaschen, davon sind aber genĂŒgend an Bord.
Der zweite Schaden fĂ€llt uns dann heute FrĂŒh auf. Beim Routinegang ĂŒber Deck sehe ich einen etwa 20 cm langen Riss im Unterliek des RollgroĂsegels, durch die LieksverstĂ€rkung hindurch und dann fast parallel zum Unterliek. Die ĂŒber 40.000 Seemeilen der vergangenen 6 Jahre fordern wohl ihren Tribut.
Wenn wir noch vor der angekĂŒndigten Flautenphase in Minerva ankommen wollen, können wir aber auf das GroĂsegel nicht verzichten. Es bleibt uns nichts anderes ĂŒbrig, als das Unterliek (eher schlecht als recht) provisorisch mit Segelpatches zu flicken.
FachmÀnnisch und schön geht anders, aber das sollte hoffentlich das weitere Ausbreiten des Risses verhindern.
Und so segeln wir recht entspannt weiter.
Essen: Asiatische Nudelpfanne mit gebratener Ananas.