Nur graduelle Verbesserung beim Seegang und der Seekrankheit.
Jedenfalls müssen wir uns keine Sorgen mehr darüber machen, dass die Fock beim Hochziehen in Fetzen gehen könnte. Eine besonders fiese Welle begräbt das Vorschiff unter Wassermassen und spült einen Zipfel der Fock außenbords. Den Rest erledigt das Wasser. Bevor wir sie zurück an Bord ziehen können, reißt die Fock. Sie hat immerhin 45.000 Seemeilen auf dem Buckel, das wird sie etwas mürbe gemacht haben. Wir bergen sie natürlich nochmal, auch wenn sich das jetzt in der Dunkelheit auf dem bockenden Vorschiff ziemlich langwierig und kräftezehrend gestaltet. Das Adrenalin kickt kurz die Seekrankheit weg, sie meldet sich danach aber gleich zurück.
Außerdem fällt unser UKW-Funkgerät aus. Wir hoffen auf einen Wasserschaden nur in der Kabelverbindung der Stromversorgung. Das müssen wir später am Ankerplatz klären, bis dahin haben wir ja noch unsere beiden Handfunkgeräte (mit allerdings deutlich geringerer Reichweite.
Weiter motorsegeln Richtung Minerva.
Etmal 107 Seemeilen, gesamt bisher auf dieser Passage 570 Seemeilen, noch zu Segeln bis Minerva etwa 190 Seemeilen.
Essen: Salzbrezeln und etwas Apfel (schmeckt rauf wie runter).
Schwacher Lichtblick: der wohl flachste Regenbogen unserer bisherigen Reise.
Und ein echter Hoffnungsschimmer: die Wellenhöhe geht weiter etwas herab und der Wind dreht leicht zu unseren Gunsten.
Außerdem fahren wir seit Kanada eine niegelnagelneue Ersatzfock unter unserer Achterkoje spazieren.
Die Wellen haben nochmal zugenommen und scheinen kreuz und quer zu kommen. Dazu Böen über 30 kn. Das Groß ist st inzwischen dreimal gerefft.
Der Wind ist um 30° nördlicher gesprungen, das ist unschön, denn nun segeln wir am Wind. War allerdings auch von allen Wettermodellen so vorhergesagt.
Demnach sollte sich die Windrichtung ab morgen wieder langsam verbessern.
Wiebke hält sich gut, ich muss beim Zähneputzen dann doch spucken. Immerhin sind danach meine Kopfschmerzen weg.
Zur Nacht kommt noch Regen dazu. Die Wolken verdecken meistens auch den Mond. Es fühlt sich an, als würden wir auf einem bockenden Bronco-Pferd durch die stockdunkle Nacht jagen. Einer von uns hält die Zügel, der andere versucht auf dem Rodeopferd zu schlafen. Alle drei Stunden wechseln wir uns ab. Obwohl, immerhin bleiben wir trocken. Die an die Bordwand klatschenden Dwarslöper schicken zwar Wasserfontänen Richtung Cockpit, aber die aufgebaute Kuchenbude hält sie draußen. Erstmal.
Irgendwann explodieren die Wellen so an der Bordwand, dass sich doch auch Wasser durch den Schlitz zwischen Sprayhood und Kuchenbude ins Cockpit ergießt. Immerhin bleibt die Bank auf der Leeseite trocken.
Die dauernden Schwallwasser-Schläge setzen leider auch den Fenstern zu. Die Dichtungen scheinen unter der Tropensonne doch gelitten zu haben, Tropfen füllen die Handtücher, die wir hinter die Gardinen gestopft haben.
Am Morgen (immerhin bei Tageslicht) bricht dann der erst drei Jahre alte Schäkel des in Hawaii erneuerten Fockfalls. Kleine Ursache, große Wirkung. Das Segel rutscht nach unten und teilweise auch ins Wasser. Es ist bei 25 kn Wind und drei Meter Welle eine ziemliche Plackerei, die Fock wieder an Bord zu ziehen und provisorisch an der Seereling zu sichern.
Ein Ersatzgenuafall ist im Mast zwar geriggt, bei den unveränderten Bedingungen wollen wir das Segel aber nicht neu einfädeln und hoch ziehen, weil es gefährlich schlagen könnte und vielleicht auch in Fetzen ginge.
Mit dem Groß allein können wir bei diesem Seegang aber die Höhe nicht halten. Wir beißen in den sauren Apfel und motorsegeln erstmal Richtung Minerva.
Shit happens. es gibt solche Tage.
Etmal 143 Seemeilen, gesamt 463 Seemeilen, noch gut 300 Seemeilen bis Minerva. Wir hoffen, dass der Wind wie angesagt wieder auf etwas südlicher als Ost dreht.
Eines der beliebtesten und bekanntesten Segelreviere Neuseelands ist die „Bay of Islands“ an der Nordostküste der Nordinsel. Etwa 20 km schneidet sie ins Landesinnere hinein, wird dabei bis zu 16 km breit. Trotz dieser überschaubaren Ausmaße weist sie offiziell 144 Inseln auf. Bei dieser Zählweise müssen offenbar neben kleinsten Inselchen auch größere Felsen eingeflossen sein. Dennoch bieten sieben größere Inseln und eine Vielzahl sich vom Festland in die Bucht hinein erstreckender Halbinseln so viele Buchten und damit Ankerplätze, dass sich bei jeder Windrichtung ein geschütztes Plätzchen finden lässt.
Außerdem findet sich mit dem Örtchen Opua in der Bay of Islands Neuseelands nördlichste Gelegenheit zum Ein- und Ausklarieren. Damit bietet es sich förmlich an, in der Bay of Islands auf ein Wetterfenster für den Absprung nach Fiji zu warten.
Whangārei Harbour verabschiedet uns mit einem kräftigen Schauer, aber als wir die Whangārei Heads passiert haben, klart es dann auf.
Und so wird es ein richtig schöner Segeltag. Zwar segeln wir meist hoch am Wind an der Ostküste hinauf, aber wegen des ablandigen Windes baut sich keine starke Welle auf. So war das geplant, fein, wenn es auch eintrifft. Unser Tagesziel ist die gut 52 Seemeilen entfernte Bucht Whangamumu.
Ein Traum. Die Bucht in der zerklüfteten Küste bietet in ihrer Südwestecke die Einfahrt in eine nochmals besser geschützte zweite Bucht.
Drumherum fast nur Natur, lediglich ein paar unauffällige Ruinen einer alten Walfangstation am Ufer. Das müssen wir uns natürlich ansehen. Ein Hinweisschild erläutert, dass früher Wale in die innere Bucht getrieben wurden, die dann mit einem Netzt abgesperrt wurde. Bis zu 10 Wale im Jahr konnten dann mit Harpunen erlegt werden. In der Walfangstation wurde der Walspeck dann zu Öl verarbeitet. In späteren Jahren (Anfang des 20. Jahrhunderts) gab es dann ein dampfbetriebenes Harpunierschiff, mit dem außerhalb der Bucht gejagt wurde. Bis zu 50 Wale im Jahr wurden damit erlegt und ebenfalls zur Weiterverarbeitung in die Bucht gebracht. Ein paar rostige Maschinenteile, die aus Beton gegossenen Kochstellen und ein von der Natur schon fast zurückerobertes ehemaliges Maschinenhaus sind noch zu sehen.
Wir wandern noch ein kleines Stückchen weiter zu einem Wasserfall mit Dusch- und Badebecken. In die andere Richtung verläuft ebenfalls ein schmaler Wanderpfad, der aber nach 100 Metern schon wieder endet (für uns, abgesperrt ist es nicht). Nur noch fußbreit läuft er am steilen Hang entlang weiter, den Rest hat offenbar kürzlich ein Erdrutsch mitgenommen. Auch die übrigen Hänge um die Bucht herum weisen vielfach die Narben frischer Erdrutsche auf. Ob das Vaianu war oder schon die starken Regenfälle davor?
Wie auch immer, der Schönheit von Whangamumu tut es keinen Abbruch.
Wir würden gerne noch bleiben, aber ab übermorgen ist kräftiger Nordwestwind angesagt, nicht eben ideal für unsere weitere Route. Deshalb geht es nach diesem herrlichen Zwischstopp schon am nächsten Morgen weiter nach Norden, nun wirklich zur Bay of Islands.
Wieder können wir wunderbar segeln.
Wir segeln sogar einen Kringel um die unverkennbare Landmarke am Cape Brett, das von uns so getaufte halbversunkene Mammut (die Insel Motukokako, besser bekannt als „Hole in the Rock“).
Fotosession am 148 m hohen Mammut 🦣:
Cape Brett markiert zugleich den Eingang in die Bay of Islands, die Halbinsel des Caps ist die Nordostspitze der Bucht. Wir biegen also am Mammut links ab. Unser erstes Ziel in der BOI (Bay of Islands, viele Kiwis lieben offenbar Abkürzungen) ist gleich deren größte Insel: Urupukapuka (die Maorí ziehen den Abkürzungen offenbar Dopplungen vor).
Wir wissen bis dahin noch nicht so recht was uns erwartet, aber Segelfreunde hatten uns von der Bay of Islands viel vorgeschwärmt.
Und so sieht unsere erste Ankerbucht aus, die Urupukapuka Bay:
Noch am Abend machen wir einen ersten kleinen Hike auf der Insel, am nächsten Morgen gleich einen zweiten, deutlich längeren. Die Wanderpfade auf Urupukapuka sind gut markiert. Sie führen kreuz und quer über das etwa drei Quadratkilometer große Eiland, manchmal unmittelbar an den Abgründen der steilen Klippen entlang, hinab zum Strand einer Bucht und wieder hinauf auf die Klippen. Mal über Schafweiden, dann wieder durch dichte niedrige Wälder aus Südseemyrthe. Das etwas weichere Manuka und das härtere Kanuka werden auch Teebaum genannt. Aus dem Nektar machen die Bienen den berühmten Hanuka-Honig. Wir sind erstaunt, das diese Bäume jetzt im Herbst noch Blüten tragen.
Ganz verlustfrei geht der Hike nicht ab. An Wiebkes linker Sandale löst sich die Sohle. Barfuß weiter? Aber nein, Notreparaturen sind wir ja gewohnt: ein Haarband wird geopfert und für den Rest des Hikes hält das ganz tatsächlich auch.
Die Aussichten auf der Wanderung sind phänomenal.
Was aber fast noch beeindruckender ist und diesen Hike ganz besonders macht: Urupukapuka ist – wie einige andere Inseln in der BOI – seit 2008 offiziell „mammal pest free island“. Alle vom Menschen eingeführten für die heimische Tierwelt schädlichen Säugetiere (wie Mäuse und Ratten, aber auch Katzen und Hunde) gibt es auf Urupukapuka nicht mehr. Die heimische Tierwelt kann sich hier wieder erholen und wurde zum Teil auch extra wieder angesiedelt. Kiwi-Vögel sehen wir zwar nicht (Kunststück, wir sind ja tagsüber unterwegs). Was aber deutlich auffällt, ist der fast überall präsente melodische Gesang der Tui. Das hatten wir bisher so noch nirgends in Neuseeland. Es braucht ein bisschen, ehe wir die eher scheuen Vögel auch entdecken. In der Ferne sieht man sie manchmal auf einem erhöhten Zweig, bei Annäherung verstecken sie sich aber gerne im dichten Geäst der Manuka oder anderer Bäume. In deren Schatten fallen ihr dunkles Gefieder und die weißen Federpuschel am Halsansatz dann kaum auf. Im Sonnenlicht dagegen entfaltet das Federkleid seine eigentliche Pracht.
Außerdem sehen wir erstmals die relativ kleinen endemischen Neuseelandpiper:
Zudem weitere endemische Vogelarten wie die meisenartigen Neuseeland-Fantails (Pīwakawaka) und die neuseeländischen Austerfischer.
Und natürlich, im weichen Abendlich besonders farbenfroh, die neuseeländischen Purpurhühner, hier Pūkeko genannt.
Ein elementar anderes, aber ebenfalls tierisches Begrüßungsgeschenk in der Bay of Islands gibt es am Abend an der Flora:
Delfine kommen in unsere Ankerbucht, erjagen sich ihr Abendbrot und spielen anschließend ganz dicht um die Boote herum.
Was für ein Empfang. Erster Eindruck: hier lässt es sich aushalten. ☺️
Die Stadt Whangārei liegt etwa 20 km von der eigentlichen Ostküste Neuseelands entfernt im Landesinneren. Und doch liegt sie direkt am Wasser, denn der Hātea River verbreitert sich gleich hinter der Stadt fast seeartig. Jedenfalls bei Hochwasser, obwohl selbst dann die Mangroven schon einen Teil des Überflutungsgebietes bedecken. Bis es dann an den Felsformationen der Whangārei Heads wieder eine schmale Flussmündung wird, ergibt sich eine weitläufige Wasserfläche mit vielen Buchten, eben der Naturhafen Whangārei Harbour.
Bei Ebbe allerdings zeigt sich ein ganz anderes Bild. Etwa zwei Meter beträgt der Tidenhub, aber das reicht aus, um die Landschaft völlig zu verändern. Sandbänke und Inselchen tauchen bei Ebbe auch im äußeren Teil des Whangārei Harbour auf, der innere Teil fällt sogar auf etwa Dreiviertel seine Fläche trocken. Ein schmales, gut betonntes Fahrwasser führt unter einer auf Anforderung öffnenden Klappbrücke hindurch bis zum Ort, aber selbst das ist für Kielboote wie unsere Flora nur um Hochwasser herum sicher zu befahren.
Da ankern wir doch lieber erst einmal im äußeren Whangārei Harbour, gleich hinter den Whangārei Heads.
Ein wunderschöner Ankerplatz, wobei die lokalen Boote an Bojen in Wassertiefen liegen, die für Flora bei Ebbe schon grenzwertig flach sind. Der Blick in die andere Richtung zeigt die Wattbereiche am Ufer noch deutlicher und lässt auch ein paar der bei Ebbe auftauchenden Sände erkennen.
Vom Ankerplatz setzen wir mit dem Dinghy zu einem öffentlichen Landesteg am Ufer über. Mehrere Wanderwege führen am Wasser entlang und auch hinauf zu den verschiedenen „Heads“. Wir entscheiden uns mit Rücksicht auf unsere untertrainierten Beine für den Weg auf den nur 210 m hohen Mt. Aubrey. „Moderately challenging“. Wir schnaufen trotzdem ganz ordentlich, denn der abwechslungsreiche Pfad führt teils auf Schotter, teils als gemähte Schneise durch Wiesen, größtenteils aber treppauf – treppab am steilen Mt. Aubrey entlang und durch den Wald auf seinen Felsengrat hinauf. 91 Stockwerke erkennt die Bewegungsapp im Handy daraus.
Spannend dabei ist für uns auch die bunte Mischung der Flora und Fauna zwischen heimatbekannt und exotisch. Wir sehen Amseln, Schwalben und Spatzen und wir hören zu unserer Überraschung tatsächlich einen Kiwi ausdauernd rufen (sehr charakteristisch irgendwo zwischen Schrei und Pfiff), zu sehen bekommen wir den eigentlich überwiegend nachtaktiven flugunfähigen Nationalvogel Neuseelands leider nicht.
Auch die Pflanzenwelt überrascht mit dem Nebeneinander von aus unserer Heimat bekanntem Hahnenfuß, Schafgarbe und Jungfer im Grünen neben exotischen Gewächsen, von denen allerdings viele (wie das weißblühende und für Pferde tödliche Crofton Weed) keineswegs heimisch in Neuseeland und eben manchmal auch gefährlich sind. Aber auch der wegen seiner Farbe und Blütezeit so benannte „Neuseeländische Weihnachtsbaum“ Pōhutukawa ist dabei.
Vielleicht ist es auch diese Melange aus heimatlich Vertrautem und Neuem die dazu beiträgt, dass wir uns hier in Neuseeland auf Anhieb richtig wohl fühlen.
Wenn das so ist, will das Wetter jedenfalls auch nicht zurückstehen. Während ich das schreibe, prasselt der Regen auf die Flora, die Kuchenbude ist aufgebaut, es ist kalt geworden. Heimatliches Hamburger November-Schmuddelwetter im Süd-Frühling in Whangārei.
Es bleibt durchwachsen. Erstmal segeln wir weiter unter der dicken grauen Wolke von gestern und so geht es auch in die Nacht. Der Wind dreht allerdings, zum Wachwechsel um 22.00 Uhr beschließen wir, den Spibaum zu setzen um vor dem Wind Schmetterling segeln zu können. Das hält dann auch bis zum Morgen durch, wenn auch bei leider abnehmendem Wind. Um 07.00 nehmen wir den Motor dazu. Eine Neuheit für uns, Motorsegeln vor dem Wind, aber nur so können wir eine Ankunft in Marsden Cove bei Tageslicht sicherstellen.
Zwischendurch können wir nochmal eine Zeitlang segeln, dann wird es doch wieder motorsegeln. Immerhin, wir sind inzwischen südlich der grauen Wolkenfront.
Und dann zeichnen sich langsam Umrisse am Horizont ab. Neue Wolken? Auch, aber: Nein. Land in Sicht! NEUSEELAND.
Am Nachmittag laufen wir an den Klippen der Whangārei Heads in den Hãtea River ein. Ein Orca zeigt kurz seine markante Rückenflosse, will sich aber leider nicht fotografieren lassen. Und wir sehen erstmals Austral-Tölpel, nahe Verwandte der für Helgoland so typischen Basstölpel, denen sie auch sehr ähnlich sehen.
Ein kleines Stück geht es flussaufwärts, links Industriekaianlagen, rechts aber wunderschöne Landschaft.
Wir biegen ab in den schmalen Kanal, der zur Marsden Cove Marina führt. Der Hafenmeister weist uns einen Platz im Quarantänebereich zu. Die Abfertigung wird heute nicht mehr erfolgen, MPI und Zoll kommen dann morgen früh an Bord.
Macht überhaupt nichts. Wir sind superglücklich, hier zu sein.
Essen: unterwegs Rührei mit einigem von dem, was das MPI uns morgen sonst wegnehmen würde, z.B. Datteln und Speck. Und heute Abend Nudeln mit Pilz-Sahne-Soße. Wie ein Kessel Buntes eben, passt doch ganz gut zu dieser ziemlich abwechslungsreichen Passage.
Strecke seit gestern 202 sm (in 31 Std), gesamt 761 Seemeilen.
Der Wind dreht endlich von NNE auf Ost und nimmt dabei kräftig zu. Für einige Boote um uns herum etwas zu kräftig, manche berichten von Böen um 45 kn. Über die WhatsApp-Gruppen erfahren wir von mehreren ausgefallenen Autopiloten und vom Wellengang weggerissenen Starlink-Antennen. Eines der Boote erleidet gleich beide Defekte. Wir sind in UKW-Reichweite und geben ihre Position und die Meldung, dass es ihnen gut geht an ein befreundetes Boot weiter. Die informieren dann den Shore-Contact des Bootes.
Es hat auch Vorteile, in einem großen Schwarm Zugvögel unterwegs zu sein.
Durch die großen Icons wirkt das allerdings wesentlich enger, als es tatsächlich ist. Wir haben heute wieder nur ein einziges anderes Boot sehen können.
Jedenfalls sind wir gewarnt, Reffen sehr früh und sehr tief. Mit drittem Reff im Groß und etwas eingereffter Fock geht es in die Nacht. Tatsächlich werden es für uns nur um die 30 kn in den Böen bei konstant zwischen 20 und 24 kn Wind. Etwas achterlicher als halb, das sorgt trotz der tiefen Reffs für eine sehr flotte Fahrt. Maximal rutschen wir mit 12,6 kn eine Welle herunter, meist sind wir mit 7 bis 8 kn unterwegs.
Es wird weiterhin kälter. Lange Hosen und sogar Socken kommen heraus, für die Nachtwache im Cockpit zusätzlich (trotz aufgebauter Kuchenbude) noch eine Fleecedecke.
Etmal: 150 sm, gesamt 559 sm. Noch 210 Seemeilen zu segeln bis Whangarei/NZ.
Essen: Wiebke hatte gestern in weiser Voraussicht auf die zu erwartende Schaukelei gleich einen großen Topf Curry gekocht. Also nochmal Thaicurry mit Kürbis, lila Süßkartoffeln, Paprika und Marlin (noch eingekocht aus dem Fang von Joe in den Tuamotus, leider das letzte Glas).
Das Wetter ändert sich. Es wird kälter und vor der Flora taucht ein dunkles Wolkenband auf, das zur Vorsicht mahnt.
Auf Windy.com schauen wir uns das aktuelle Satellitenbild und die dazugehörige Vorhersage für Regen und Gewitter an.
Hm. Wir bauen die Kuchenbude auf und machen das Cockpit regendicht. Das Wolkensystem ist beeindruckend groß, aber wenn wir uns beeilen, sollten wir vor den Gewitterzellen durch das Regenband durch sein. Also trödeln wir nicht, als der Wind nachlässt, sondern werfen wieder den Motor an.
So geht es abwechselnd Motoren und segelnd in und durch die Nacht.
Tatsächlich erwischt uns (jedenfalls bisher) kein Gewitter. Südlich des Regenbandes sollte eigentlich nach einer Schwachwindphase starker Südostwind einsetzen. Allerdings spüren wir davon bis jetzt nichts. Vielmehr dreht der Wind anders als vorhergesagt im Lauf der Nacht auf NNE und kommt damit genau von hinten, in Verbindung mit der höher werdenden Dünung aus SE ergibt das eine unangenehme chaotische See, Flora wird hin und her geworfen.
Etmal in den letzten 24 Stunden: 129 sm, gesamt 409 sm. Noch zu segeln bis Whangarei 370 sm, wir hatten also schon Bergfest.
Essen: Thai-Curry mit Kürbis (der musste schließlich zu Halloween mal angeschnitten werden und findet sich deshalb in den letzten Tagen öfter auf unserem Speiseteller).
Der Morgen beschenkt uns mit leichtem Wind, kurz segeln wir mit Code0 auf Halbwindskurs, dann raumt die leichte Brise etwas mehr und wir können auf unseren blauen Gennaker wechseln.
Langsam gleiten wir bei Sonnenschein über das tiefblaue Wasser. Wie das flappende Großsegel auf dem Bild schon andeutet: das leise Lüftchen reicht gerade so eben, um die Segel einigermaßen zu füllen. Immerhin, ein paar Stunden steht sie durch. Dann färben Schleierwolken den Himmel langsam von blau auf grau und die Brise wird zu einem Hauch, schläft schließlich völlig ein. Wir werfen den Jockel an und motoren durch die Flaute.
Es ist schon erstaunlich, was das weite Meer mit uns macht.
Bei Starkwind und hohen Wellen beansprucht das Boot, das Segeln, das Funktionieren den Großteil von uns. Das Außen hält uns auf Trab, es lässt nicht viel Platz für anderes. Bei Flaute aber scheint die Zeit still zu stehen. Egal ob wir dümpeln oder hindurchmotoren, es ist als lasse uns der Ozean hinter unsere Fassaden schauen. So, als wäre die glatte Wasseroberfläche gleichsam auch das Symbol für den Spiegel in unser Inneres.
Ein Hörbuch und zwei damit scheinbar überhaupt nicht zusammen hängender Diskurse beim Abtrocknen und beim Vorbereiten des Angelhakens machen deutlich, wie sehr diese Flaute uns auf uns selbst zurückwirft. Urplötzlich reißt die alte und fast geschlossen geglaubte Wunde unserer ungewollten Kinderlosigkeit auf, bringt Trauer, diffuse Schuldgefühle, Schmerz wieder ans Licht. Der erste Impuls ist Rückzug. Aber Flora hilft uns. In der relativen Enge des Bootes ist es schwer, sich abzukapseln. Wir reden. Liegen uns in den Armen. Finden wieder einen Weg, gemeinsam mit den schmerzhaften Gefühlen umzugehen, die aber eben auch zu unserem Leben dazugehören.
In der Nacht setzt das Wetter dann nochmal einen Kontrapunkt. Ich habe mich kaum in meiner Freiwache schlafen gelegt, als der Wind zurückkommt. Von achterlichen 4 Knoten steigt er auf gut segelbare 10 kn an. Also „all hands on deck“, wir setzen die Segel, binden sogar rein vorsichtshalber ein erstes Reff ins Groß. Eine halbe Stunde später stehe ich wieder im Cockpit. In Böen pfeifen jetzt 26 kn im Rigg und wir laufen inzwischen hoch am Wind. Safety first, wir gehen gleich ins dritte Reff. Eine gute Stunde später hat der Wind gedreht und etwas abgenommen, wir wenden und wechseln aufs zweite Reff.
Beim Wachwechsel herrscht dann wieder Flaute, also Segel weg und Motor an für den Rest der Nacht.
Seit heute Früh segeln wir wieder, hoch am Wind bei Vollzeug.
Etmal: 112 sm, gesamt bisher 280 sm. Noch zu segeln bis Whangarei voraussichtlich 510 sm.
48 Stunden halten wir durch, segeln langsam unserem Ziel Neuseeland entgegen. Eigentlich nicht einmal das, denn wir setzen einen südlicheren Kurs, fahren also einen kleinen Umweg. Das bringt uns etwas vorlicheren Wind jetzt (bei dem Leichtwind ein Vorteil) und wir spekulieren auf einen besseren (nämlich raumeren) Winkel für den später auf der Passage vorhergesagten stärkeren Wind.
Durch die Dünung des Pazifiks neigt das Großsegel dazu, in der Welle deutlich einzurucken, der Baum knallt dabei in die zuvor lose gekommene Großschot. Einen Bullenstander zum Fixieren des Baums können wir auf diesem Kurs nicht setzen, also lassen wir uns eine andere Variante einfallen, auch wenn die sicher nur für längere Leichtwindstrecken ohne ständiges Trimmen des Großsegels geeignet ist. Aus dem Ersatzgummi für unsere Harpune basteln wir einen Rückdämpfer für die Großschot.
Für uns funktioniert das ganz gut. Allerdings nur, bis der Wind raumt und wir vor den Wind gehen müssen.
Langsam ist eigentlich noch geschönt. Es ist Schleichfahrt auf Schmetterlingskurs. Aus 5 bis 6 kn achterlichem wahren Wind machen wir 3 kn Fahrt. Eigentlich schon ganz beeindruckend: 3 kn Fahrt bei 3 kn scheinbarem Wind. In Böen bis 8 kn werden sogar über 4 kn Fahrt durchs Wasser daraus. Nur reduziert der Gegenstrom die Fahrt über Grund dann trotzdem auf kaum über 3 kn. Aber immerhin: 2 Stunden solcher Schleichfahrt unter Segeln bedeuten streckenmäßig, eine Stunde weniger motoren zu müssen. Und wir haben es ja nicht eilig.
Heute Früh beim Wachwechsel machen wir dann aber doch den Motor an. Der Gegenstrom ist wieder auf einen Knoten angestiegen, der Wind fast ganz eingeschlafen. 0,8 Knoten Fahrt über Grund sind einfach zu deprimierend.
Wir sind aber in guter Gesellschaft. Obwohl wir in der Blase unseres Horizonts kein einziges anderes Segel erspähen können, wissen wir doch den Schwarm der segelnden Zugvögel um un herum. Wie die Gänse in V-Formation streben auf MarineTraffic gut sichtbar die pinken Dreiecke der Langfahrer aus Fiji und Tonga nach Neuseeland ins Winterquartier. Oder ins Südhalbkugel-Sommerquartier, je nach Definition.
Und wir sind mittendrin.
Etmal: Minus-rekordverdächtige 73 Seemeilen in den letzten 24 Stunden über Grund, ziemlich genau 3 kn im Schnitt.
Essen: Frisch gemachte Linsensuppe mit selbstgemachten Fenchel-Mettbällchen (die Crew der Naida hatte uns vor der Abfahrt aus Minerva gefrorenes Hackfleisch aus ihrem Überbestand geschenkt).
Wir segeln, zwar langsam, aber wir segeln und das bei herrlichem Wetter.
Der Wind ist schwach, meist zwischen 7 und 10 Knoten. Immerhin reicht das unter Groß und Code0, um nicht Motoren zu müssen, zumal die See auch angenehm ruhig ist. Allerdings haben wir eine Gegenströmung von jetzt noch 0,7 kn, zwischendurch war es mehr als ein Knoten. Das macht sich natürlich im Verhältnis zu der langsamen Fahrt besonders bemerkbar. Also zupfen wir ein bisschen mehr als sonst auf Passage üblich an den Schoten, so legen wir in den ersten 24 Stunden dann doch immerhin 95 Seemeilen zurück.
Der Strömung können wir übrigens kaum ausweichen, die Darstellung der Strömungsverhältnisse (auf Windy.com) gleicht eher einer surrealistischen Malerei und die kleinen Kringel verändern sich ständig:
Anders als ursprünglich geplant werden wir aber wohl nicht nach Opua (Bay of Islands) gehen, sondern direkt nach Marsden Cove / Whangarei. Der Grund ist, dass wir bisher trotz dreimaliger Übermittlung von Unterwasservideos und ergänzenden Unterwasserfotos kein Pre-Approval von der Biosecurity haben. So, wie die neuen Regeln zumindest am Anfang dieser Ankunftssaison angewendet wurden, wäre das etwa ein 1/3 Risiko dafür, im Ankunftshafen sofort aus dem Wasser gekrant werden zu müssen. In Opua würde das bedeuten, dass wir auch noch einen Rigger bezahlen müssten um das Vorstag abzubauen, weil sie dort ansonsten nur bis 40 Fuß rausnehmen können. Oder rückwärts, aber dann wäre unser Windgenerator im Weg. Um diese zusätzliche Komplikation zu vermeiden haben wir uns lieber für Marsden Cove/Whangarei als Ankunftsort in Neuseeland entschieden.
Die Planung für die Passage ist auch so schon komplex genug. Es sind nur rund 850 Seemeilen von Minerva bis nach Whangarei, aber die Wettersysteme verändern sich in diesem Bereich sehr schnell. Der Wendekreis des Steinbocks (also der südlichste Breitengrad, auf dem die Sonne mittags im Zenit stehen kann) verläuft in etwa in Höhe des Minerva Riffs. Mit der Passage verlassen wir also jetzt definitiv die relativ klimastabilen Tropen. Die Temperaturschwankungen (auch zwischen Tag und Nacht) nehmen spürbar zu und die weit südlich durchziehenden Sturmgebiete beeinflussen mit ihren Ausläufern die Windverhältnisse um so kräftiger, je weiter wir nach Süden kommen.
Aktuell sieht der Wind zwischen unserer Position (weißer Punkt in dem grünblauen Schwachwindbereich) und Neuseeland so aus:
Auffällig ist dabei der schmale blaue „Flautenfluss“ links in der Mitte des Bildes. Nördlich davon herrscht Nordwestwind, südlich davon Südostwind. Schaut man auf die Böen, wird vor dem Nordkap Neuseelands ein Bereich mit bis zu 45 Knoten (Windstärke 9) ausgewiesen. Er zieht nach Osten ab, quert also unsere Route.
Die Abfahrt haben wir deshalb so geplant, dass dieser Bereich vor uns durch sein sollte und das nächste Starkwindgebiet erst nach unserer Ankunft unsere Route quert. Der Kurs dafür ist nicht die gerade Strecke. Wir halten zunächst südlicher und schwenken dann erst auf Whangarei ein.
Kleiner Haken: auch der angesprochene Flautenfluss an der Grenze zweier gegenläufiger Wettersysteme verlagert sich östlich und da müssen wir durch. Es kann also sein, dass wir im Verlauf der Passage noch etwas motoren müssen. Dabei gilt es dann auch die Gewitter zu umfahren, die dieses Phänomen mit sich bringt.
Wenn die Vorhersage stimmt, können wir zwischen zwei stärkeren Zellen hindurch schlüpfen.
Und als weiterer bedeutsamer Parameter sind noch die Wellen zu berücksichtigen. auch hierfür bieten sowohl Windy als auch PredictWind Vorhersagemodelle für Richtung und Höhe an. Danach sind in der Spitze etwa 2,6 m Welle zu erwarten. Das ist für sich genommen ok, allerdings kann das Wellenbild wegen der gegenläufigen Systeme durchaus chaotisch werden. Unangenehm, aber bei dieser Höhe nicht gefährlich.
Soweit unsere Überlegungen. Dass wir damit nicht ganz falsch liegen, scheinen die professionellen Wetterrouter einiger anderer Boote zu bestätigen. Nach zuvor eher ablehnender Haltung haben sie gestern doch kurzfristig zum Aufbruch von Minerva geraten. Wir sind also mit einem kleinen Konvoi losgefahren.
Auf See verteilt sich das aber schnell. Inzwischen sehen wir nur noch zwei Boote in 12 Seemeilen Entfernung auf dem AIS, ihre Segel können wir am Horizont aber schon nicht mehr erkennen.
Na gut. So viel zu unserem Plan. Vermutlich am vierten November würden wir dann in Marsden Cove ankommen.
Bisher übrigens kein Angelglück.
Essen: Bratkartoffeln mit Frikadellen und Möhren-Krautsalat.