Guten Rutsch!

2020. Wohl für alle von uns ein Jahr, das in Erinnerung bleibt.

Die letzten Tage des Jahres stecken noch einmal voller Symbolik. Da ist zunächst unser Track am Ankerplatz in Spanish Point auf Barbuda. So hatten wir das auch noch nicht ❤️:

Wohl für kaum jemanden verlief es wie ursprünglich geplant. Wir konnten Familie und Freunde in Deutschland nicht treffen, machten uns aus der Ferne heimlich Sorgen um ihre Gesundheit (so wie umgekehrt vermutlich auch). Statt Heimflug wurde unser Törnplan um den Nordosten der USA bis hoch nach Maine erweitert. Ganz sicher haben wir es auf der Flora extrem gut getroffen, wir sind froh und überaus dankbar dafür. Uns ist sehr bewusst, wie viel Einschränkung und schmerzliches Vermissen für viele mit diesem Jahr verbunden ist, für die unmittelbar von der Krankheit betroffenen sowieso. Aber auch dann, wenn sie selbst und ihre Familie und Freunde nicht mit dem Virus angesteckt wurden, sondern ihr Leben sich “nur” veränderte durch alles was getan wurde, um die Pandemie einzudämmen und so beherrschbar wie möglich zu halten.

Es ist uns klar, dass es in einer Situation mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit zu Hause und limitierten Möglichkeiten von Treffen mit anderen auch manchmal schwer sein wird, Bilder und scheinbar ziemlich unbeschwerte Berichte von Segeltörns und Reisen in der Ferne zu lesen. Vielleicht ist es aber ja auch ab und zu ein kleiner Lichtblick.😉

Segler sind es gewohnt, dass Reisepläne sich ändern (oder sollten sich schnell daran gewöhnen). Die Natur ist stärker als der beste Plan.

Das gilt im Großen wie im Kleinen, also ziehen wir angesichts der Vorhersage für den Jahreswechsel den Anker aus dem Grund und machen uns nochmal auf den Weg. Kräftiger Wind und hohe Wellen, da kann ein bisschen mehr Schutz ganz sicher nicht schaden.

Auf dem schönen Segelschlag vor dem Wind hinunter nach Antigua bekommen wir selbst nur ein paar Tropfen ab, dürfen aber mehrfach wunderschöne Regenbögen bewundern.

Das setzt sich am Silvestermorgen unmittelbar fort und zwar in schneller Folge. Bis jetzt kurz (vor 10 Uhr morgens hier) habe ich fünf prächtige Regenbögen gezählt, die sich regelmäßig über unserem Nachbarschiff Escape wölben.

Mal sehen, ob es nachher etwas beständiger wird und wir tatsächlich gemeinsam am Strand von Great Bird Island den letzten Sonnenuntergang dieses Jahres feiern können. Gestern Abend war die Generalprobe jedenfalls schon mal herrlich:

Ganz herzlichen Dank für all Eure lieben und zahlreichen Wünsche zu Weihnachten und zum neuen Jahr auf allen möglichen Kanälen. Wir haben versucht, sie auch persönlich direkt zu beantworten, falls uns jemand durchgerutscht sein sollte, bitten wir um Entschuldigung. Wir wünschen Euch allen einen guten Start in ein hoffentlich gesundes, erlebnisreiches und frohes 2021 mit viel menschlicher Nähe.

❤️

Karibik und Begrifflichkeiten

Jetzt, wo wir uns zum zweiten Jahreswechsel in den kleinen Antillen fragen, was denn wohl das nächste Reiseziel in unserer begonnenen neuen Karibiksaison sein könnte, werfen wir auch gerne mal wieder einen Blick auf die Karte. Und die hält durchaus Überraschungen parat.

Für mich war es (etwas peinlich 😳 ) schon mal eine Überraschung, dass das Karibische Meer auf der Karte fast so aussieht als sei es ein Binnensee, lauter Land drumherum. Na gut, gerade bei den kleinen Antillen ist ja die Beschriftung meist viel größer als die Insel 😁.

Aber auch die Dimensionen und Verhältnisse erstaunen. Kuba, dass wir wirklich gerne auf eigenem Kiel besuchen wollen, liegt nicht nur ziemlich weit weg von Antigua, vor allem wenn dazwischen auf der Route derzeit „geschlossene“ Ziele wie die BVI, Puerto Rico (Nachtrag: seit 8.1. wieder auf), Haiti und Jamaika liegen. Kuba ist zudem auch ganz schön groß! Die größte Insel der Karibik, 1.250 km lang (675 sm, ungefähr soweit wie von der Elbmündung bis zu den Färöer Inseln). Und das heißt auch, dass es von der Südküste Kubas ein ziemlich langer und bei den vorherrschenden Winden nicht ganz einfacher Weg zu den Bahamas ist, unserer angedachten Station auf dem Weg zurück in die USA für nächsten Sommer. Hm. Wieso kann uns das noch erstaunen? Wir sind doch schon vor einem Jahr in die Karibik gekommen. Na ja, aber für den Weg in die USA und zurück nach Antigua haben wir ja schließlich jeweils eine „Abkürzung“ genommen und die großen Antillen komplett ausgelassen ☺️.

Und dann geben auch einige der Beschriftungen der Karten zu Denken, beziehungsweise, Anlass zum Nachschlagen. Karibik, diverse Antillen, was meint das überhaupt? Begrifflichkeiten und Zuordnungen sind hier ziemlich vielfältig, in meiner selbst gezeichneten Karte habe ich sie der Übersichtlichkeit halber erst einmal weggelassen.

In der Benennung zurückgehend auf den Stamm der Kariben, die zur Zeit Kolumbus die kleinen Antillen bevölkerten, versteht man unter der Karibik (im engeren Sinne) zunächst die Anrainerküste und die Inseln des karibischen Meeres. Das reicht von der mexikanischen Halbinsel Yucatán im Nordwesten bis zu der östlichen Inselkette der kleinen Antillen, wird im Westen und Süden durch kontinentales Festland begrenzt und im Norden …

… tja, da wird’s schon schwierig. Nach der Karte ist man geneigt zu sagen: durch die nördlicheren großen Antillen. Allerdings liegen sowohl die Bahamas als auch die Turks- und Caicos Inseln nicht im oder am Karibischen Meer. Sie zählen aber gleichwohl gemeinhin klar zur Karibik.

Und was sind dann nochmal die verschiedenen Antillen?

Also die Großen Antillen sind jedenfalls überwiegend genau das. Groß. Zumeist mindestens so raumgreifend, dass die Beschriftung auf der Karte nicht wesentlich größer ist als die Insel 😉. Das heißt, die Großen Antillen umfassen die Inseln von Kuba bis Puerto Rico (Insel) einschließlich Cayman Islands, Jamaica und der Insel Hispaniola (auf der Haiti und Dominikanische Republik liegen).

Im Gegensatz dazu die Kleinen Antillen: damit gemeint sind die wie mit einem tropfenden Füller im Halbkreis auf die Karte geklecksten Eilande ab den noch zu Puerto Rico gehörenden Jungferninseln Isla de Vieques und Culebra, den USVI, BVI und weiter über Anguilla, Antigua und Barbuda im Nordosten über Guadeloupe, Dominica, Martinique, St. Lucia, St. Vincent und Grenada bis hinunter nach Trinidad und Tobago im Bogen und dann weiter herum wieder nach Westen bis zum westlich von Curaçao liegenden Aruba (Aufzählung bei weitem nicht vollständig).

Und wo wir schon dabei sind: da gibt’s auch noch die Niederländischen Antillen, aber die fallen aus der Reihe, weil sie nur historisch zugeordnet sind: zwei (zumindest ehemals) niederländische Inselgruppen: die ABC-Inseln Aruba, Bonaire und Curaçao vor der venezolanischen Küste und die im Nordosten der Kleinen Antillen gelegenen Inseln Saba, Sint Eustatius und die Teilinsel Sint Maarten.

Entsprechend gibt’s auch die Französischen Antillen Guadeloupe, Martinique, Saint-Barthélemy und Saint-Martin. Immerhin ist eine Äquivalent für die (aktuell oder ehemalig) britischen Antilleninseln nicht gebräuchlich, zum Glück, denn dann würde es noch viel komplizierter. Zum einen, weil so viele Mächte irgendwann Anspruch auf mindestens eine Antilleninsel erhoben haben. So zum Beispiel auch Dänemark, Schweden und sogar das Herzogtum Kurland (gehört heute zu Lettland). Zum anderen deshalb, weil viele Inseln immer wieder den Besitzer wechselten, insbesondere zwischen England und Frankreich). Den Rekord hält wohl Tobago, dass zwischen 1498 und 1814 mindestens 33 mal den Besitzer wechselte, also im Schnitt alle neuneinhalb Jahre.

Als wäre es noch nicht genug der Begrifflichkeiten: insbesondere die englischsprachigen Segler (und Revierführer/Cruising Guides) unterscheiden nach Leeward Islands und Windward Islands. Die Leeward Islands meinen dabei den nördlichen Teil der Kleinen Antillen von den US Virgin Islands bis Dominica, die zu Puerto Rico gehörende Spanish Virgin Islands Isla de Vieques und Culebra werden aber nicht dazu gezählt.

Demgegenüber sind die Windward Islands der südliche Teil der kleinen Antillen von Martinique (manchmal sogar von Dominica) bis Grenada einschließlich des etwas weiter östlich liegenden Barbados. Allerdings: die zu Trinidad und Tobago gehörenden Inseln ebenso wie die vor Venezuela liegenden Inseln und die ABC-Inseln werden nicht zu den Windward Islands gezählt.

Und ganz besonders gemein: obwohl das sprachlich so nahe zu liegen scheint, ist der deutsche Begriff der Inseln über dem Winde wiederum anders definiert, er beinhaltet sowohl Leeward Islands als auch Windward Islands.

Sein Gegenbegriff sind vielmehr die Inseln unter dem Winde, nämlich die vor der Nordküste Venezuelas liegende Inseln von Isla Margarita im Osten bis Aruba im Westen. Trinidad und Tobago werden nicht dazu gezählt, meist jedoch das viel weiter nördlich liegende (aber zu Venezuela gehörende) Aves. Um es komplett konfus zu machen, heißen diese Inseln auf englisch „Leeward Antilles“, auch das wieder eine etwas unglückliche Abgrenzung gegenüber den Leeward Islands.

Demgegenüber entsprechen immerhin die „Greater Antilles“ den Großen Antillen“ und die „Lesser Antilles“ den kleinen Antillen.

Und dann sind da noch die Lucayen (Lucayan Archipelago), sie fassen die flachen Koralleneilande der nördlich der großen Antillen gelegenen Turks- und Caicos Inseln sowie der Bahamas zusammen und werden zur Karibik gezählt, obwohl der nördliche Teil der Bahamas schon jenseits des Wendekreises des Krebses und damit außerhalb der Tropen liegt.

Schließlich: als Westindische Inseln oder englisch Westindies bezeichnet man die Kleinen und Großen Antillen plus Lucayen.

Verwirrt? Wir auch.

Wohin denn nun? Klar ist aber jedenfalls schon mal, dass die Karibik groß und vielfältig ist und wir noch viel zu entdecken haben. Sehr viel!

😎

Reedville und Cruising Licence

Deltaville gefällt uns gut. Schöne geschützte Bucht, die auch zu Ankerliegern freundliche Marina, vor allem aber: nette Langfahrercommunity. Wir treffen drei Boote wieder, mit denen wir vorher schon Kontakt hatten (Arcadia 🇩🇪 , Worlddancer II 🇩🇪 und Alisara 🇬🇧 ), wir lernen natürlich auch neue kennen, hören interessante Geschichten, bekommen Tips, können ab und zu sogar selbst einen Tip geben, obwohl wir mit „nur“ einem Jahr Leben an Bord meist die Frischlinge sind.

Aber nach ein paar Tagen zieht es uns trotzdem weiter, schließlich wollen in Annapolis unsere Freunde Greg und Michael an Bord kommen und wir möchten auf der Strecke dort hinauf verschiedene Ecken der Chesapeake Bay kennenlernen und nicht hetzen.

Als nächsten Ankerplatz haben wir uns Reedville ausgesucht. Ein kleines Stück den Great Wicomico River hinauf und dann am Nordufer in den Cockrell Creek hinein. Das historische Fischerörtchen ist laut Törnführer ein „Must-visit-Port“ und bietet auch mehrere gute Ankerplätze.

Flora vor dem kleinen Creek, der zum Museumshafen führt. Die Main Street läuft einmal quer durch das Bild und ja, sie ist auch kaum länger.

Die Hauptstraße verläuft auf einem Landrücken zwischen den Creekausläufern „East Fork“ und „North Fork“, so dass sich auf beiden Seiten Wassergrundstücke befinden. Bebaut sind sie mit überwiegend historischen Wohnhäusern, die die verschiedenen Stilepochen der letzten anderthalb Jahrhunderte wie in einem Prospekt aufblättern, große Villen ebenso wie einfache Landhäuser. Dazwischen eine kleine, noch in Betrieb befindliche Holzbootwerft. Unübersehbar steht der 4. Juli und damit der Nationalfeiertag bevor, Flaggen und Girlanden finden sich fast überall zuhauf.

Die beiden Restaurants und auch das Eiscafé sind wohl covidbedingt nur am Wochenende geöffnet, also bleibt es bei einem Bummel durch den Ort. Auch das Fischereimuseum, dessen Steg auch als Dinghydock dient, ist leider geschlossen.

Steg des Fischereimuseums

Fischerei und Fischverarbeitung prägen aber den Ort noch heute. Eine große Flotte von Menhaden-Fischkuttern liegt rund um die „Omega-Protein“-Fischfabrik am Eingang des Creeks. Das sind sehr spezielle Fischereischiffe, die zwei kleinere Tochterboote am Heck transportieren. Mit denen wird ein Ringnetz um die Schwarmfische herum ausgebracht und dann auf den Großen Kutter gehievt. Der Name Omega-Protein verrät schon viel. Dem kleinen, mit dem Hering verwandte Menhaden-Fisch wird nämlich nicht wegen Schmackhaftigkeit nachgestellt, er ist fettig und sehr grätenreich. Statt als Speisefisch wird er zu Omega-3-Fischöl oder noch profaner zu Fischmehl verarbeitet. Das funktioniert offenbar nicht ganz geruchsfrei, aber wegen der Windrichtung ziehen nur selten Schwaden mit Fischmehl-Odor über unseren Ankerplatz und den Ort.

Das Morgenbad am Ankerplatz allerdings breche ich schon ab, bevor die Fußspitze das Wasser berührt, eine Vielzahl kleiner Quallen zieht rund ums Boot. Rippenquallen und Löwenmähnenquallen (=gelbe Feuerquallen), bäh. Dabei ist es sonst so schön hier.

Dann doch lieber los, schließlich ist Segelwind (allerdings aus Nord) und wir wollen heute Virginia verlassen und eine Ankerbucht auf der nördlichen Seite des Potomac, also in Maryland suchen. Der Wechsel des Bundesstaates bedeutet aber auch, dass wir die CBP (Coast and Border Protection) in Maryland einmalig über unseren Törnfortschritt und den Eintritt in ihr Zuständigkeitsgebiet informieren müssen. Also Anruf bei der Zentrale in Baltimore, durchstellenlassen zum Officer on Duty. Der muss erst ein paar Kollegen fragen, holt dann ein paar Daten zu Boot, Kapitän und Cruising Licence ein, fertig. Er ermahnt uns aber, das Procedere in jedem anderen Bundesstaat zu wiederholen. Ja, wissen wir. Auch, dass die Strafgebühren sonst heftig wären. Aber wir haben ja jetzt auch erfahren, wie problemlos das System zu funktionieren scheint.

Fein ist, dass wir bisher an jedem Segeltag hier in der Chesapeake Bay Delfine gesehen haben. Meist nur in einiger Entfernung, aber immerhin, damit hatten wir so gar nicht gerechnet. Schon jetzt sind es jedenfalls mehr, als wir in der Karibik beobachten konnten (o.k., dafür hatten wir da ein paar Mal Wale).

Und überhaupt, wer wollte sich beschweren, wenn er so den breiten Potomac hinaufsegeln darf.

Einsiedler

Dieses Bild geistert gemeinsam mit ein paar anderen maritim thematisierten Corona-Verhaltensregeln durch die sozialen Medien. Und in Zeiten von Ausgangssperre mag sich der ein oder andere vielleicht tatsächlich ein bisschen wie ein Einsiedlerkrebs vorkommen. Ganz besonders nahe liegt das Bild, wenn man als Segler sein Heim zwar nicht auf dem Rücken trägt, aber eben doch dauernd dabei hat.

Und ganz ehrlich, das empfinden wir gerade in dieser Zeit als ein riesengroßes Privileg. Gut, die Beweglichkeit ist immer noch eingeschränkt, aber wir dürfen mit unserem Heim den Ankerplatz wechseln und Antigua hat einige sehr schöne zu bieten.

Einsiedler oder Eremiten wollen wir deshalb aber trotzdem nicht werden, asketisch, bewusst ohne Ablenkungen und Reize. Im Gegenteil, soziale Kontakte sind uns wichtig und zum Glück können wir auch aus der Ferne die bestehenden weiter pflegen, durch diesen Blog und Eure Kommentare (über die wir uns riesig freuen) und durch andere soziale Medien; WhatsApp-Telefonie hilft uns ungemein. Auch wichtig für uns: neue soziale Kontakte am Ankerplatz entstehen, die UKW-Funkrunden in Jolly Harbour und ganz besonders auch zuletzt in der Carlisle Bay haben für ein tolles Gemeinschaftsgefühl gesorgt. Um so schöner, wenn wir dann bei Lockerung der Ausgangssperre Gesichter zu den Stimmen an der Funke zuordnen kann, am Strand noch maskiert 😷, von Dinghy zu Dinghy (oder Schiff) dann in voller Schönheit 😁. Wir haben es uns auch zur Gewohnheit gemacht, mit dem Dinghy bei unseren Nachbarn vorbeizufahren und uns vorzustellen, was meist gleich zu einem netten Gespräch führt. Der vor dem Lockdown übliche gemeinsame Sundowner fällt zwar aus, aber wer weiß, wann und wo wir den mal nachholen können, diese gemeinsam erlebte Sondersituation schweißt auch zusammen und bleibt ziemlich sicher in Erinnerung.

Und weil mir die “Trivia – unnützes Wissen” – Rätselrunden auf der Funke so gut gefallen haben: wusstet Ihr, dass wissenschaftlich die Familien der Diogenidae (linkshändige Einsiedlerkrebse) und der Paguridae (rechtshängige Einsiedlerkrebse) unterschieden wird?

Je nachdem, welches das größere Scherenbein ist, mit dem das geborgte Schneckengehäuse verschlossen wird. Den Unterschied kann man ganz gut auf der Zeichnung oben und dem Bild unten erkennen 😉.

Steht unsere Segelwelt Kopf?

Wir sind auf unserem Boot in der Karibik. Hätte man uns vor einem Jahr oder einem halben Jahr oder auch erst vor drei Monaten (zwei Tage vor dem Ende unserer Atlantiküberquerung) gefragt, wo wir im März 2020 sein möchten, dann wäre das genau unser Wunsch gewesen. Und genauer eingrenzen, etwa auf eine Insel, einen Staat, hätten wir es weder können noch wollen.

Etwas genauer: wir sind in Antigua & Barbuda 🇦🇬. Es ist schön hier, selbst wenn es heute regnet, wie man ja meinem Foto oben hoffentlich ganz gut entnehmen kann. Es gibt keine Ausgangssperre, die Versorgungslage ist gut, wir dürften hier den Ankerplatz oder Hafen im Land frei wählen und frei wechseln, auch ausreisen, wenn wir denn wollten. In anderen Ländern, auf anderen Inseln hier in der Karibik ist das heute nicht möglich, wir haben objektiv vergleichsweise viele Möglichkeite.

Trotzdem, es fühlt sich anders an. Warum? Segeln ist Freiheit, Bewegungsfreiheit zumeist ohne vorgeschriebene Bahn, das gute Gefühl den Motor auszumachen weil man den engen Tonnenstrich hinter sich gelassen hat. Stimmt irgendwie, aber romantisiert doch stark.

Wind, Tide, Wetter, Jahreszeiten … , noch mehr aber Zeit, Geld und Gesundheit sind einschränkende Faktoren, mal mehr, mal weniger. Die eigene Gesundheit, klar, die der Mitsegler, o.k., und – den Aspekt hatte man bisher gar nicht auf dem Schirm – eben auch die Gesundheit jener, deren Gast man eben derzeit ist wenn man wie wir gerade nicht im eigenen Land segelt. Auf einmal ist die gelbe „Q“-Flagge wirklich die Quarantäne-Flagge, die ursprüngliche Bedeutung scheint wieder auf, ihr Hissen und mithin die gesamte Einklarierung in dem vom Segler angesteuerten Land nicht mehr bloßer Formalismus, der manchmal gar als sinnlose Schikane empfunden wird.

Die Einschränkungen, die mit den Maßnahmen zur Eindämmung von COVID-19 einhergehen, sind starke Eingriffe in die persönliche (Bewegungs-)Freiheit. Die meisten von uns, auch die allermeisten Segler, sehen darin eine Notwendigkeit und akzeptieren diese.

Was die Langfahrtsegler hier in der Karibik und wohl auch anderswo massiv umtreibt ist nach meiner Wahrnehmung nicht so sehr, dass der “Plan A“ (in unserem Fall: Sommer an der US-Ostküste) vielleicht nicht umgesetzt werden kann, sondern dass derzeit überhaupt nicht absehbar ist, ob auch nur irgendeiner der Alternativpläne „B“ bis „D“ (für die Hurrikansaison z.B. Trinidad, Curaçao, für manch anderen auch vorherige Rückreise über den Nordatlantik oder Ein Törn an die südamerikanische Ostküste) umsetzbar wäre. Segler sind es gewohnt, Alternativpläne zu haben. Jede Planung verlangt nach Ausweichhäfen für Schwerwetter, Ausweichrouten. So haben wir es gelernt. Aber: das ist immer die eigene verantwortliche Entscheidung. Jetzt, in Corona-Zeiten, gilt das nicht. Ausweichrouten abzustecken funktioniert nicht. Statt Eigenverantwortung fühlen wir schwer zu ertragende Fremdbestimmung. Das passiert natürlich nicht nur durch den Coronavirus SARS CoV-19, aber durch eine Pandemie und die Reaktionen darauf passiert es eben vielen Menschen, vielen Seglern gleichzeitig.

Das ist schon für die Flora-Crew schwierig, obwohl wir über viel Zeit verfügen. Wie viel schwieriger mag es für Crews mit einem engeren Zeitplan sein, etwa auf einer geplanten Atlantikrunde?

Nur: wir sind damit nicht allein, haben diese Fremdbestimmung als Segler keineswegs exclusiv. Auch an Land können Menschen nicht zu Familienmitgliedern, müssen Einschränkungen hinnehmen, die wir jedenfalls in den letzten Jahrzehnten so nicht kannten, lösen sich Zukunftspläne und sogar wirtschaftliche Existenzen in Luft auf. Menschen erkranken, sterben vielleicht.

Wieviel brutaler eine schwere Erkrankung als die Freiheitseinschränkung ist wird vielleicht erst bewusst, wenn es nicht eine anonyme Gefahr ist sondern näher rückt, konkret wird. Einer unserer Bekannten hier auf dem Ankerplatz hat uns das gestern in einem missverständlichen Facebook-Post aus dem Krankenbett im Hospital heraus ziemlich deutlich gemacht.

Segeln – Langfahrtsegeln allemal – ist nicht nur Freiheit. Es ist auch ein Stückweit Unvorhersehbarkeit, Improvisation, manchmal auch notwendige Isolation etwa auf langen Passagen, beinhaltet das Anpassen von Plänen und Zielen, zudem oft unfreiwilliges Warten und eben auch Unsicherheit.

Wir versuchen, wegen der aktuellen Einschränkungen nicht Kopf zu stehen. Bisher gelingt es uns ganz gut.

Danke!

Was für ein Jahr. Wir haben nach emotionalen Abschieden in der Firma und privat tatsächlich die Leinen losgeworfen, sind auf die Flora gezogen, quer durchs Mittelmeer, hinunter zu den Kapverden und über den Atlantik in die Karibik gesegelt. Haben nun schon ein halbes Jahr lang uns bisher unbekannte Orte erkundet, tolle Naturerfahrungen gemacht, vor allem aber wunderbare Menschen kennengelernt, Besuch von lieben Freunden und Verwandten bekommen, Zuspruch und Unterstützung auch von Daheimgebliebenen erhalten, interessante Gespräche geführt. Und jetzt sind wir hier in den traumhaft schönen Tobago Cays, nehmen Abschied von 2019 und freuen uns auf 2020.

Wir sind froh und dankbar dafür, dies alles genießen zu dürfen. Und wir möchten Danke sagen an Euch, dass ihr auch über den Blog an unserer Reise teilnehmt und uns damit gleichzeitig auch ein gutes Stück Geborgenheit gebt, weil wir mit Euch in Kontakt bleiben können.

Alles Gute für 2020!

Hamburg – Peking

Wir sind nach einer schönen Nachtfahrt heute morgen um halb neun in Tarrafal auf São Vincente angekommen. Nachtfahrt deswegen, weil wir es uns wichtig war, mit Tageslicht an dem uns unbekannten Ankerplatz anzukommen. Andererseits wollten wir auch bei Tageslicht losfahren, weil ich beim Schnorcheln 🤿 gesehen hatte, dass sich unsere Ankerkette in Palmeira ein bisschen zwischen ein paar Felsen am Grund durchschlängelte, falls es beim Aufholen ein Problem geben würde ließe sich das bei Tageslicht besser lösen (ging aber alles glatt).

86 Seemeilen Strecke lagen vor uns, bei kalkulierten 5,5 kn wären das fünfzehneinhalb Stunden, bei 6 kn Geschwindigkeit 14 Stunden und 20 Minuten, bei für die Windverhältnisse sehr hohen 6,5 kn etwas über 13 Stunden. Hier geht die Sonne derzeit um 18.00 Uhr unter und morgens um viertel vor sieben wieder auf. Wir sind deshalb etwas vor Sonnenuntergang losgefahren, um bei allen drei Geschwindigkeiten im Hellen anzukommen. Den Gedankengang haben wir offenbar nicht exklusiv, fast zeitgleich mit drei weiteren Booten brechen wir in den Sonnenuntergang auf.

Und tatsächlich haben wir etwa in der Mitte unserer Berechnungen gelegen, waren knapp 6 kn (also etwa 11 km/h) „schnell“, da müsste man mit dem Fahrrad schon fast aufpassen um nicht umzufallen 😉. Aber für ein Fahrtensegelboot ist das schon eine ganz gute Durchschnittsgeschwindigkeit.

Vor genau fünf Monaten sind wir von Griechenland nach Italien losgesegelt, heute ist unser 154ster Reisetag. Um mit der Statistik noch etwas weiterzumachen: bisher haben wir auf dieser Reise 4.035 sm geloggt, also umgerechnet eine Strecke von 7.472 Kilometern. Das entspricht ziemlich genau der Entfernung zwischen Hamburg und Peking!

Hatten wir uns vorher gar nicht so klar gemacht. 🤔 Aber zum Glück haben wir diese Entfernung eben nicht „Luftlinie“ zurückgelegt, sondern sind von einem Ort zum anderen gebummelt. Zum Beispiel jetzt vom flachen Palmeira

hierher nach Tarrafal mit seiner deutlich steileren Küstenlinie. Hier führt uns heute wie vorgeschrieben der erste Weg direkt zur Polizei. Auch wenn wir das Land nicht gewechselt haben, in den Kapverden ist das Anmelden für die einzelnen größeren Inseln obligatorisch.

Tarrafal:

Vom Boot ausgebrachtes Netz wird zum Strand hin eingeholt
Flora vor Anker und unser Beiboot Florecita am schwarzen Sandstrand
und Sonnenuntergang heute in der Hängematte 😎



Fahrt zu den Kapverden – 5 Tage, 5 Nächte (Wiebke)

Kaum aus dem Hafen von Gomera, viel Wind und Welle. Ich steuere von Hand. Wie erwartet hält es aber nicht lange an. Im Windschatten von Teneriffa nimmt beides ab, wir riggen unsere Pasatbesegelung. Zur Nacht rollen wir den Code0 weg. Meine erste Wache in der Nacht ist nicht schön. Wind und Welle haben wieder deutlich zugenommen, Wolken sind auf gezogen. Als die Sonne ganz untergegangen ist, wird es stockdunkel. Ein komisches Gefühl im Finsteren durch die Welle zu preschen. Wir machen 3-Stunden-Wachen. Meine erste Wache beginnt um 6 Uhr abends. Eigentlich oft erst gegen 7, wenn Ralf sich bis kurz vor 9 Uhr hingelegt. Als ich um Mitternacht wieder hoch komme ist es schon besser, der Mond lugt ab und zu hinter dichten Wolken hervor, es ist nicht mehr stockdunkel. Um 3 Uhr nachts löst Ralf mich ab, ich darf nochmal 3 Stunden schlafen, bevor ich um 6 Uhr morgens dann wieder übernehme. Das Aufstehen ist Überwindung, aber eigentlich nicht schlimm. Gewöhnt man sich schnell dran. Auch der zweite Tag und die zweite Nacht sind von Wolken geprägt. Immer wieder Sprühregen. Es ist kalt. Viel kälter als auf den Nachtwachen im Mittelmeer und auch auf der Fahrt nach Gomera. Skiunterwäsche, dicke Skisocken, Segel-Latzhose, Fleecejacke, Windstoperjacke, Mütze. Und draußen noch die Fleecedecke bis zum Kinn hochziehen. Auch tagsüber bleibt es bei Jeans und Pulli. Die dritte Nacht wird schön. Ich habe die Wachen mit Sonnenuntergang, Mondaufgang und Sonnenaufgang.

Die Wolken haben sich verzogen. Schon bei Sonnenuntergang zeigen sich Venus, Jupiter und Saturn. Der Sternenhimmel wird immer deutlicher. In meiner zweiten Wache geht nach Mitternacht der Mond auf. Er liegt auf dem Rücken, wie eine Schale. In der dritten Wache geht gegen halb acht morgens die Sonne auf. Ich höre nachts ein Hörbuch, damit vergeht die Zeit schnell. Oder höre Musik, die Orchestersuiten von Bach nachts bei Wind und Welle, Grieg zum Sonnenaufgang, schön. Ansonsten passiert nicht viel. An Lesen kann ich bei dem Wellengang frühestens ab dem vierten Tag denken. Wir essen auch nicht viel. Morgens eine Scheibe trockenes Brot zum Kaffee, dann jeder eine halbe Kaki oder einen halben Apfel und ein paar Nüsse. Ich hatte Reis vorgekocht, davon mache ich am ersten Tag eine schnelle Tomatensuppe, die reicht auch noch für den zweiten Tag. Eventuell noch eine Scheibe Brot oder Knäcke mit Käse, ein paar Kekse, mehr brauchen wir nicht. Am dritten Tag Nudeln mit Pesto, am vierten Tag Reissalat mit Tomaten und Gurke, am fünften Tag den Rest Nudeln.

Ich bin gespannt, wie es auf der Atlantiküberquerung wird.

Angekommen auf Sal

Heute um 10.00 Ortszeit (=UTC -1h) haben wir den Anker in der Bucht von Palmeira auf Sal in den Kapverden fallen lassen. Wir haben also ziemlich genau fünf Tage (und Nächte) für die Überfahrt von La Gomera hierher gebraucht. Um nicht im Dunkeln anzukommen, mussten wir die Fock als ohnehin schon einziges Segel noch reffen. So konnten wir heute zum Sonnenaufgang die Insel vor uns sehen und im Hellen in die Ankerbucht fahren. Wir sind glücklich, dass wir auf eigenem Kiel und ohne Zwischfälle die Kapverden erreicht haben. Jonna von der Tangaroa begrüßt uns und hat Ralf eben zum Einklarieren mit an Land genommen, damit wir dann auch offiziell in die Kapverden eingereist sind.

Kapverdentörn 2

Ozeansegeln. Nicht nur die erste Nacht war schaukelig, auf diesem Törn scheint es so zu bleiben. Die Welle hat kaum abgenommen, der Wind gar nicht.
In den ersten beiden Nächten ist es stockfinster, der Halbmond geht erst gegen 22.00 Uhr auf (und in den nächsten Nächten immer später). Zudem ist er in den ersten beiden Nächten hinter dicken Wolken versteckt. Ein Boot hat Positionslichter, keine Scheinwerfer wie ein Auto. Ein etwas mulmiges Gefühl, so blind durch die Schwärze zu rauschen. Aber wir scheinen allein zu sein, keine Schiffssichtungen, erst in der dritten Nacht ein einzelner Frachter, der uns mit 4 sm Abstand überholt.
Jetzt haben wir auch unsere Seebeine gefunden, das Geschaukel der achterlich und dwars (von der Seite) anrollenden etwa 3 m hohen Wellen schlägt nicht mehr so auf den Magen.
Beim ersten Wachwechsel der dritten Nacht (machen wir alle drei Stunden, dann kann der jeweils andere etwas schlafen)können wir Bergfest feiern. Die Hälfte der kalkuliert 756 sm dieses Seeschlages (also rund 700 von 1.400 km) haben wir hinter uns. Diesmal ist der Himmel sternenklar, Mondaufgang erst gegen Mitternacht. Wobei, das hängt davon ab, ob wir die Uhr schon auf Kapverdenzeit umstellen (dann eine Stunde früher). Aber es bleibt kalt auf den Nachtwachen, selbst die Mützen kommen weiterhin zum Einsatz. Das hatten wir gar nicht so erwartet.
Das Angeln haben wir am zweiten Tag eingestellt, trotzdem fangen wir heute nachmittag einen Fisch: ein etwa 20 cm großer fliegender Fisch klatscht gegen unsere Scheibe und bleibt an Deck liegen. Wahrscheinlich hat ihn der Schatten unseres Bootes zur Flucht und damit zum Sprung aus dem Wasser veranlasst, sie segeln dann oft 50, machmal mehr als 100 m durch die Luft. Dieser hier nicht, als ich in der Sicherheitsleine eingepickt bei ihm auf dem Laufdeck bin, zappelt er schon nicht mehr. Er wird trotzdem über Bord geworfen.
Obwohl wir das Großsegel gar nicht und mit der Fock nur das kleinste unserer vier möglichen Vorsegel gesetzt haben, loggen wir Etmale von 155, 158 und 168 sm. Wir sind schnell, eigentlich zu schnell. Wenn wir so weiter segeln, kommen wir mitten in der Nacht an. Lässt der Wind nicht nach, müssen wir uns morgen etwas einfallen lassen. Aber bis dahin genießen wir erstmal, dass wir die Wellen mit ordentlich Druck im Segel abreiten können und somit hoffentlich nicht zu sehr zu ihrem Spielball werden.

(Wieder per IridiumGo über Satellit gepostet, also muss ich Bilder nachreichen, wenn wir wieder Netz haben. Auch etwaige Kommentare kann ich erst dann sehen und beantworten.)