Genau zwei Jahre …

… leben wir jetzt auf der Flora. Unfassbar viele Erfahrungen und Begegnungen, bei weitem übertroffene Erwartungen, Überraschungen, Aha-Erlebnisse und Genussmomente.

Insgesamt haben wir in dieser Zeit mit dem Boot 14.471 sm zurückgelegt. 8.846 sm waren es im ersten Jahr, von Griechenland quer durchs Mittelmeer, über Madeira, die Kanaren, die Kapverden, dann die Atlantiküberquerung, der Antillenbogens, die USVI und dann die Ankunft in der Chesapeake Bay in den USA. 🇬🇷 🇮🇹 🇪🇸 🇬🇮🇵🇹 🇮🇨 🇨🇻🇻🇨🇬🇩🇱🇨🇲🇶🇩🇲🇬🇵🇦🇬🇻🇮🇧🇸🇺🇸. Viele neue Länder und Regionen in Floras Kielwasser, viele verschiedene Gastlandsflaggen, die erstmals unter Floras Steuerbordsaling flatterten.

Jetzt in unserem zweiten Langfahrerjahr waren es “nur”5.625 sm und neben bereits besuchten “nur” drei neue Länder: 🇸🇽🇵🇷🇩🇴. Waren wir reisefaul 🙄? Nö, eher nicht 😁. Zum einen entspricht diese Strecke ziemlich genau der Entfernung (Luftlinie) zwischen Deutschland und Singapur, sooo wenig war es dann also auch wieder nicht. Vor allem aber geht es uns ja nicht darum, irgendwelche Rekordweiten zu erzielen oder möglichst viele Stempel in den Pass zu bekommen, sondern um das Erleben, das nähere Kennenlernen. Von Orten, noch viel mehr aber (und noch wichtiger) von Menschen. Und da war auch dieses zweite “Liveaboard”-Jahr ausgesprochen erfüllend. Einige Highlights unter vielen:

Es beginnt schon gleich im Juli, unsere Freunde Greg und Michael aus Washington kommen zu uns an Bord und begleiten uns für die nächsten gut zwei Monate. Gemeinsam erleben wir die Gänsehautmomente, direkt an der Freiheitsstatue in New York zu segeln und zu ankern.

Und viele weitere. Mit den beiden segeln wir durch den Big Apple hindurch in den Long Island Sound und weiter die US-Ostküste hinauf in die Neu-England-Staaten bis nach Maine an der kanadischen Grenze. Treffen zwischendurch mit Annemarie und Volker von der Escape oder Helena und Steve von der Amalia “alte” Freunde, lernen dazu neue kennen, genießen wunderbare Gastfreundschaft und traumhafte Landschaften, urige Orte und Lobster satt (mit dem wir uns für das erfolgreiche Umfahren der vielen Lobsterpots belohnen😜).

Der Sommer in Maine verwöhnt uns auch wettertechnisch, trotzdem beschert uns dieser Ausflug in den Norden ein wenig Frische und das Gefühl von Jahreszeiten. Auch das ein Luxus in den inzwischen zwei Jahren Dauersommer.

Über Cape Cod, Martha’s Vineyard und Nantucket, wo wir wieder einmal großzügige amerikanische Gastfreundschaft genießen dürfen, geht es dann zurück in den fast schon herbstlichen Spätsommer der Chesapeake Bay. Eine unglaublich intensive Zeit.

Auf eine ganz andere Art intensiv ist dann im November die Passage zurück in die Karibik. Hatten wir mit unserer Route in den Norden den in Rekordzahl aufgetretenen Hurrikans und tropischen Stürmen gut aus dem Weg gehen können, verbauen uns jetzt die Ausläufer der letzten (schon lange mit griechischen Buchstaben benannten) Stürme den Weg in die Bahamas. Wir planen kurzfristig um und machen uns mit 35 anderen Booten der “Salty Dawg” auf den Weg nach Antigua. Das alleine ist ein Seestück von über 1.700 sm. Wir benötigen dafür 10 Tage, fast immer hoch am kräftigen Wind segelnd, bei viel Welle. Es ist unsere bisher anstrengendste Passage, deutlich kräftezehrender als die Atlantiküberquerung im Jahr zuvor. Aber es ist angenehm, bei diesen Bedingungen eigentlich immer andere Segler in UKW- und AIS-Reichweite zu haben. Das schweißt zusammen, wie sich dann in English Harbour zeigt, wo die Salty Dawg Boote den Kai zunächst fast exclusiv für sich haben und eine enge Gemeinschaft formen. Nicht mit allen Schiffen, aber eben doch mit einigen. Auch hier haben wir wunderbare Freundschaften geknüpft, die trotz dann wieder getrennter Wege fortbestehen. Tropicool, Helacious, Kalli, Skylark, Fatjax, Landscape und noch einige mehr. Auch Kontakte vom letzten Jahr leben wieder auf, so z.B. mit Andrea und Kai von der Silence in der Nonsuch Bay, der vierköpfigen Crew der Alisara, Luise und Brent von der Knot Safety aus der Carlisle Bay Corona Group oder (später) Karen und Steve von der Second Chance aus der gleichen Gruppe. Neue kommen dazu. So verbringen wir wieder zweieinhalb Monate auf Antigua und Barbuda und wieder ist es wunderbar.

Ein Wohlfühlen-Weihnachten auf Barbuda mit den Crews der Gerty, der Escape, der San Giulio und der Oroboro und den Feiern bei Inoch am Strand, Silvester mit der Escape im kleinen Kreis nicht weniger schön, mit den beiden machen wir auch in der Folge noch vieles gemeinsam.

Als es dann für uns weitergeht, nutzen wir Sint Martin nur als kurze Zwischenstation und segeln schon eine Woche später nach Culebra in den Spanish Virgin Islands. Ein Traum.

Mit Heike und Jürgen von der Valentin erkunden wir Culebra, mit den Salty Dawg Kim und Chuck von der La Rive Nord die kleine Schwesterinsel Culebrita und später auch noch Vieques. Da kommen dann auch Andrea und Ingo von der Easy-One extra aus Curaçao hoch (kein angenehmer Törn), um wie im letzten Jahr mit uns Andreas Geburtstag zu feiern. Wir freuen uns bolle. Mit den beiden werden wir (was wir jetzt noch nicht wissen) die nächsten vier Monate Buddyboating und auch gemeinsame Landausflüge machen, in Puerto Rico z.B. in die faszinierende Hauptstadt San Juan und in den El Yunque Nationalwald.

Und so segeln wir eben auch gemeinsam nach Samaná in der Dominikanischen Republik. Als Törnziel für uns eine der großen Unbekannten, erweist sich unser Aufenthalt dort als ein weiteres Highlight dieser Saison. Keines unserer angelesenen Vorurteile wird bestätigt, statt dessen empfangen uns auf der Anreise Buckelwale und dann freundliche Menschen in dieser pulsierenden, lauten, bunten lebendigen Stadt.

Und auch das Hinterland begeistert, erst recht der in der großen Bucht gegenüberliegende Los Haitises Nationalpark. Hier, wie schon am Ankerplatz in Santa Bárbara de Samaná treffen wir Martina und Daniel mit ihrer Vairea wieder, die wir zuletzt im vorigen Jahr auf den USVI gesehen hatten. Die Freude ist groß.

Ein Schwerpunkt dieser Saison schließt sich an, die Bahamas. Im letzten Jahr konnten wir wegen COVID nur auf „Innocent Passage“ durchreisen, durften zwar ein paar mal ankern, aber nicht an Land gehen. Um so intensiver erkunden wir in diesem Jahr die Bahamas, bleiben dort gut zweieinhalb Monate und können trotzdem nur 30 Inseln und damit nur einen kleinen Teil der vielen Eilande besuchen. Über Great Inagua und das wunderbare Hogsty Reef geht es nach Acklins, wo uns die Südafrikaner Amy und Hylt auf ihrem Katamaran an das Jig-Fischen heranführen.

In den Ragged Islands treffen wir Helena und Steve mit Floras Schwesterschiff Amalia wieder, außerdem Stefan und Dorothee von der Invia. Und wir lernen einige neue Crews und auch neue Beschäftigungen kennen. Etwa das Anlegen von Pfaden auf diesen unwegsamen Inseln oder das Spearfishing. Die Geselligkeit der Cruiser bündelt sich am „Hog Cay Yacht Club“, unerwartet auf einer unbewohnten Insel!

In den Raggeds treffen wir außerdem erstmals auf „Blue Holes“ und das gleich in ganz verschiedenen Größen, Tiefen und Ausprägungen. Mal an Land gelegen und eher grün, mal zum Drübersegeln und dunkelblau aus dem typischen Türkis der Bahamas herausleuchtend, öfters als interessante und gern genommene Schnorchelziele.

Überhaupt, dieses türkisfarben leuchtende kristallklare Wasser.

Dazu reichlich unbewohnte Inseln, auf denen wir manchmal im Team Kokosnüsse ernten und verarbeiten.

Auf Long Island treffen wir die Vairea und die Invia wieder, dazu die Akka (vom letzten Jahr aus Deltaville) und erstmals die Lille Venn, die wir bisher nur über die sozialen Medien kannten und ein paar Mal knapp verpasst haben.

In den Exumas dann erneut die Amalia. Hört sich an, als würden wir nur im eigenen Saft der Cruiser schmoren? Das macht sicher einen großen Teil aus, weil man sich eben oft mehrfach trifft, sich trennt, wieder trifft, Gemeinsames erlebt, es ist aber eben auch nicht alles. Ein schönes Beispiel erleben wir auf Little Farmers Cay, der Nachmittag mit Jasmine und Isryel und die spontane Tanzperformance auf der Terrasse des Restaurants seines Großvaters hauen uns schlicht um.

Überhaupt machen uns die Exumas auch viel Spaß, obwohl sie touristischer und “voller” sind als die abgelegenen Raggeds. Wirklich voll erleben wir es nie, was sicher auch COVID und der dadurch verringerten Zahl von Charterern und dem völligen Fehlen von Kreuzfahrern geschuldet/gedankt ist. Die schwimmenden Schweine werden inzwischen auf anderen Inseln als Attraktion kopiert, es gibt tolle Höhlen und Flugzeugwracks zum Schnorcheln.

Und es gibt eine unfassbar schöne Landschaft mit Farben, an denen wir uns nicht sattsehen können:

Aber auch hier ist es das Miteinander, was dem Ganzen die Krone aufsetzt. In Shroud Cay findet zusammen: mit Natalja und Jochen von der Caroline haben wir schon länger online Kontakt, die schweizer Jollity mit Leonie, Jonas und Jonathan kennen wir aus Samaná, Mareike mit ihrer Moana hat letztes Jahr im Lockdown mit uns vor Jolly Harbour und später in der Carlisle Bay gelegen, Janna und Ilja haben wir auf Rudder Cut Cay kennengelernt und Andrea und Ingo ja schon letztes Jahr in Martinique. Anya und Rob von der etwas abseits ankernden Ronya hatten die Deutsche Tauchschule auf Key Largo, in der Wiebke und ich vor Jahren den AOWD-Tauchschein gemacht haben. Die Welt ist ein Dorf! Und manchmal ist das auch ganz gut so.

Da ist es dann fast schon müßig zu erwähnen, dass wir an unserem ersten Ankerplatz zurück in den USA die Vairea und die Tropicool vorfinden, die Jollity kommt etwas später an. Und die Escape holt uns zu unserer großen Freude auf dem nächsten Ankerplatz am Cape Lookout ein 😁.

Eine Aufzählung von Treffen, o.k.

Aber das Entscheidende ist natürlich nicht die Menge, die Anzahl, sondern der intensive Austausch, das gemeinsame Erleben, die Bereicherung durch die unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven. Manchmal über das Seglerische, manchmal über ganz Persönliches.

In einem Jahr, in dem COVID an so vielen Stellen Kontaktbeschränkungen mit sich brachte, freuen wir uns darüber ganz besonders. Für uns Segler in den USA und der Karibik war Reisen möglich, nicht überall, vielfach mit zum Teil mehrfachen PCR-Tests und ein paar Formalismen, aber es war möglich. Und die Segler unter sich (jedenfalls auf den einsameren Inseln), zumal wenn frisch getestet oder aus der (seglerischen) Quarantäne, zum Teil bereits durchgeimpft, praktisch immer im Freien, schienen ein relativ geringes Risiko zu sein.

Übrigens, auch wenn sich das in der knappen Zusammenschau eines ganzen Jahres nicht so anhört, Zeit genug für uns allein hatten wir auch.

Und weil ich mit den ganzen tierischen Highlights den Beitrag jetzt echt sprengen würde, hier nur ein einziges Foto als Stellvertreter für die unfassbar vielen wunderbaren Naturerlebnisse:

Bahamas: Farbcodierung und andere Besonderheiten

Die vielen pastellfarbenen Häuser auf den Bahamas passen perfekt zu den hellen, zarten Tönen die auch die Natur hier – vor allem im flachen Wasser – hervorbringt. Aber erst nachdem wir schon einige Zeit hier sind haben wir erkannt, dass sie zumindest bei den öffentlichen Gebäuden tatsächlich einem eigenen Code entsprechen. Es gibt wohl auch Ausnahmen, aber mit schöner Regelmäßigkeit sind Schulen gelb gestrichen, oft mit (gerne mint-)grüner Kontrastierung. So auch hier im Black Point Settlement auf Great Guana Cay, ebenso wie zuvor z.B. auf Little Farmers Cay.

Medizinische Versorgung (so denn vorhanden) dagegen wird typischerweise in zartrosa gestrichenen Gebäuden zu finden sein, gerne mit weißem Fries. Hier …

und z.B. auch auf unserer ersten Insel in den Bahamas, Great Inagua:

Supermärkte sind nicht kodiert, aber für den Besuch dort ist auch nicht ihre Farbe, sondern der Terminplan des Postschiffes der entscheidende Faktor. War das Angebot gestern noch ziemlich übersichtlich, finden wir heute sogar Salat und Frischkäse. Klar, die „Lady Francis“ war da und rauscht heute Morgen durch das Ankerfeld wieder davon. Postschiff, Versorgung und Fähre zugleich.

Ananas finden wir trotzdem nicht, jedenfalls keine echten Früchte, obwohl dieses Obst für die Bahamas so typisch ist und nach der Eigenwerbung des Landes hier zuerst kommerziell angebaut wurde. Immerhin hat das dazu geführt, das die Pflanze in die Währung des Landes Einzug gehalten hat, wenn auch nur auf der kleinen 5 Cent Münze.

Da freut es uns Segler doch, das die Wertschätzung für das Segeln unter Palmen ein Vielfaches höher ist … 😘

Guten Rutsch!

2020. Wohl für alle von uns ein Jahr, das in Erinnerung bleibt.

Die letzten Tage des Jahres stecken noch einmal voller Symbolik. Da ist zunächst unser Track am Ankerplatz in Spanish Point auf Barbuda. So hatten wir das auch noch nicht ❤️:

Wohl für kaum jemanden verlief es wie ursprünglich geplant. Wir konnten Familie und Freunde in Deutschland nicht treffen, machten uns aus der Ferne heimlich Sorgen um ihre Gesundheit (so wie umgekehrt vermutlich auch). Statt Heimflug wurde unser Törnplan um den Nordosten der USA bis hoch nach Maine erweitert. Ganz sicher haben wir es auf der Flora extrem gut getroffen, wir sind froh und überaus dankbar dafür. Uns ist sehr bewusst, wie viel Einschränkung und schmerzliches Vermissen für viele mit diesem Jahr verbunden ist, für die unmittelbar von der Krankheit betroffenen sowieso. Aber auch dann, wenn sie selbst und ihre Familie und Freunde nicht mit dem Virus angesteckt wurden, sondern ihr Leben sich “nur” veränderte durch alles was getan wurde, um die Pandemie einzudämmen und so beherrschbar wie möglich zu halten.

Es ist uns klar, dass es in einer Situation mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit zu Hause und limitierten Möglichkeiten von Treffen mit anderen auch manchmal schwer sein wird, Bilder und scheinbar ziemlich unbeschwerte Berichte von Segeltörns und Reisen in der Ferne zu lesen. Vielleicht ist es aber ja auch ab und zu ein kleiner Lichtblick.😉

Segler sind es gewohnt, dass Reisepläne sich ändern (oder sollten sich schnell daran gewöhnen). Die Natur ist stärker als der beste Plan.

Das gilt im Großen wie im Kleinen, also ziehen wir angesichts der Vorhersage für den Jahreswechsel den Anker aus dem Grund und machen uns nochmal auf den Weg. Kräftiger Wind und hohe Wellen, da kann ein bisschen mehr Schutz ganz sicher nicht schaden.

Auf dem schönen Segelschlag vor dem Wind hinunter nach Antigua bekommen wir selbst nur ein paar Tropfen ab, dürfen aber mehrfach wunderschöne Regenbögen bewundern.

Das setzt sich am Silvestermorgen unmittelbar fort und zwar in schneller Folge. Bis jetzt kurz (vor 10 Uhr morgens hier) habe ich fünf prächtige Regenbögen gezählt, die sich regelmäßig über unserem Nachbarschiff Escape wölben.

Mal sehen, ob es nachher etwas beständiger wird und wir tatsächlich gemeinsam am Strand von Great Bird Island den letzten Sonnenuntergang dieses Jahres feiern können. Gestern Abend war die Generalprobe jedenfalls schon mal herrlich:

Ganz herzlichen Dank für all Eure lieben und zahlreichen Wünsche zu Weihnachten und zum neuen Jahr auf allen möglichen Kanälen. Wir haben versucht, sie auch persönlich direkt zu beantworten, falls uns jemand durchgerutscht sein sollte, bitten wir um Entschuldigung. Wir wünschen Euch allen einen guten Start in ein hoffentlich gesundes, erlebnisreiches und frohes 2021 mit viel menschlicher Nähe.

❤️

Karibik und Begrifflichkeiten

Jetzt, wo wir uns zum zweiten Jahreswechsel in den kleinen Antillen fragen, was denn wohl das nächste Reiseziel in unserer begonnenen neuen Karibiksaison sein könnte, werfen wir auch gerne mal wieder einen Blick auf die Karte. Und die hält durchaus Überraschungen parat.

Für mich war es (etwas peinlich 😳 ) schon mal eine Überraschung, dass das Karibische Meer auf der Karte fast so aussieht als sei es ein Binnensee, lauter Land drumherum. Na gut, gerade bei den kleinen Antillen ist ja die Beschriftung meist viel größer als die Insel 😁.

Aber auch die Dimensionen und Verhältnisse erstaunen. Kuba, dass wir wirklich gerne auf eigenem Kiel besuchen wollen, liegt nicht nur ziemlich weit weg von Antigua, vor allem wenn dazwischen auf der Route derzeit „geschlossene“ Ziele wie die BVI, Puerto Rico (Nachtrag: seit 8.1. wieder auf), Haiti und Jamaika liegen. Kuba ist zudem auch ganz schön groß! Die größte Insel der Karibik, 1.250 km lang (675 sm, ungefähr soweit wie von der Elbmündung bis zu den Färöer Inseln). Und das heißt auch, dass es von der Südküste Kubas ein ziemlich langer und bei den vorherrschenden Winden nicht ganz einfacher Weg zu den Bahamas ist, unserer angedachten Station auf dem Weg zurück in die USA für nächsten Sommer. Hm. Wieso kann uns das noch erstaunen? Wir sind doch schon vor einem Jahr in die Karibik gekommen. Na ja, aber für den Weg in die USA und zurück nach Antigua haben wir ja schließlich jeweils eine „Abkürzung“ genommen und die großen Antillen komplett ausgelassen ☺️.

Und dann geben auch einige der Beschriftungen der Karten zu Denken, beziehungsweise, Anlass zum Nachschlagen. Karibik, diverse Antillen, was meint das überhaupt? Begrifflichkeiten und Zuordnungen sind hier ziemlich vielfältig, in meiner selbst gezeichneten Karte habe ich sie der Übersichtlichkeit halber erst einmal weggelassen.

In der Benennung zurückgehend auf den Stamm der Kariben, die zur Zeit Kolumbus die kleinen Antillen bevölkerten, versteht man unter der Karibik (im engeren Sinne) zunächst die Anrainerküste und die Inseln des karibischen Meeres. Das reicht von der mexikanischen Halbinsel Yucatán im Nordwesten bis zu der östlichen Inselkette der kleinen Antillen, wird im Westen und Süden durch kontinentales Festland begrenzt und im Norden …

… tja, da wird’s schon schwierig. Nach der Karte ist man geneigt zu sagen: durch die nördlicheren großen Antillen. Allerdings liegen sowohl die Bahamas als auch die Turks- und Caicos Inseln nicht im oder am Karibischen Meer. Sie zählen aber gleichwohl gemeinhin klar zur Karibik.

Und was sind dann nochmal die verschiedenen Antillen?

Also die Großen Antillen sind jedenfalls überwiegend genau das. Groß. Zumeist mindestens so raumgreifend, dass die Beschriftung auf der Karte nicht wesentlich größer ist als die Insel 😉. Das heißt, die Großen Antillen umfassen die Inseln von Kuba bis Puerto Rico (Insel) einschließlich Cayman Islands, Jamaica und der Insel Hispaniola (auf der Haiti und Dominikanische Republik liegen).

Im Gegensatz dazu die Kleinen Antillen: damit gemeint sind die wie mit einem tropfenden Füller im Halbkreis auf die Karte geklecksten Eilande ab den noch zu Puerto Rico gehörenden Jungferninseln Isla de Vieques und Culebra, den USVI, BVI und weiter über Anguilla, Antigua und Barbuda im Nordosten über Guadeloupe, Dominica, Martinique, St. Lucia, St. Vincent und Grenada bis hinunter nach Trinidad und Tobago im Bogen und dann weiter herum wieder nach Westen bis zum westlich von Curaçao liegenden Aruba (Aufzählung bei weitem nicht vollständig).

Und wo wir schon dabei sind: da gibt’s auch noch die Niederländischen Antillen, aber die fallen aus der Reihe, weil sie nur historisch zugeordnet sind: zwei (zumindest ehemals) niederländische Inselgruppen: die ABC-Inseln Aruba, Bonaire und Curaçao vor der venezolanischen Küste und die im Nordosten der Kleinen Antillen gelegenen Inseln Saba, Sint Eustatius und die Teilinsel Sint Maarten.

Entsprechend gibt’s auch die Französischen Antillen Guadeloupe, Martinique, Saint-Barthélemy und Saint-Martin. Immerhin ist eine Äquivalent für die (aktuell oder ehemalig) britischen Antilleninseln nicht gebräuchlich, zum Glück, denn dann würde es noch viel komplizierter. Zum einen, weil so viele Mächte irgendwann Anspruch auf mindestens eine Antilleninsel erhoben haben. So zum Beispiel auch Dänemark, Schweden und sogar das Herzogtum Kurland (gehört heute zu Lettland). Zum anderen deshalb, weil viele Inseln immer wieder den Besitzer wechselten, insbesondere zwischen England und Frankreich). Den Rekord hält wohl Tobago, dass zwischen 1498 und 1814 mindestens 33 mal den Besitzer wechselte, also im Schnitt alle neuneinhalb Jahre.

Als wäre es noch nicht genug der Begrifflichkeiten: insbesondere die englischsprachigen Segler (und Revierführer/Cruising Guides) unterscheiden nach Leeward Islands und Windward Islands. Die Leeward Islands meinen dabei den nördlichen Teil der Kleinen Antillen von den US Virgin Islands bis Dominica, die zu Puerto Rico gehörende Spanish Virgin Islands Isla de Vieques und Culebra werden aber nicht dazu gezählt.

Demgegenüber sind die Windward Islands der südliche Teil der kleinen Antillen von Martinique (manchmal sogar von Dominica) bis Grenada einschließlich des etwas weiter östlich liegenden Barbados. Allerdings: die zu Trinidad und Tobago gehörenden Inseln ebenso wie die vor Venezuela liegenden Inseln und die ABC-Inseln werden nicht zu den Windward Islands gezählt.

Und ganz besonders gemein: obwohl das sprachlich so nahe zu liegen scheint, ist der deutsche Begriff der Inseln über dem Winde wiederum anders definiert, er beinhaltet sowohl Leeward Islands als auch Windward Islands.

Sein Gegenbegriff sind vielmehr die Inseln unter dem Winde, nämlich die vor der Nordküste Venezuelas liegende Inseln von Isla Margarita im Osten bis Aruba im Westen. Trinidad und Tobago werden nicht dazu gezählt, meist jedoch das viel weiter nördlich liegende (aber zu Venezuela gehörende) Aves. Um es komplett konfus zu machen, heißen diese Inseln auf englisch „Leeward Antilles“, auch das wieder eine etwas unglückliche Abgrenzung gegenüber den Leeward Islands.

Demgegenüber entsprechen immerhin die „Greater Antilles“ den Großen Antillen“ und die „Lesser Antilles“ den kleinen Antillen.

Und dann sind da noch die Lucayen (Lucayan Archipelago), sie fassen die flachen Koralleneilande der nördlich der großen Antillen gelegenen Turks- und Caicos Inseln sowie der Bahamas zusammen und werden zur Karibik gezählt, obwohl der nördliche Teil der Bahamas schon jenseits des Wendekreises des Krebses und damit außerhalb der Tropen liegt.

Schließlich: als Westindische Inseln oder englisch Westindies bezeichnet man die Kleinen und Großen Antillen plus Lucayen.

Verwirrt? Wir auch.

Wohin denn nun? Klar ist aber jedenfalls schon mal, dass die Karibik groß und vielfältig ist und wir noch viel zu entdecken haben. Sehr viel!

😎

Reedville und Cruising Licence

Deltaville gefällt uns gut. Schöne geschützte Bucht, die auch zu Ankerliegern freundliche Marina, vor allem aber: nette Langfahrercommunity. Wir treffen drei Boote wieder, mit denen wir vorher schon Kontakt hatten (Arcadia 🇩🇪 , Worlddancer II 🇩🇪 und Alisara 🇬🇧 ), wir lernen natürlich auch neue kennen, hören interessante Geschichten, bekommen Tips, können ab und zu sogar selbst einen Tip geben, obwohl wir mit „nur“ einem Jahr Leben an Bord meist die Frischlinge sind.

Aber nach ein paar Tagen zieht es uns trotzdem weiter, schließlich wollen in Annapolis unsere Freunde Greg und Michael an Bord kommen und wir möchten auf der Strecke dort hinauf verschiedene Ecken der Chesapeake Bay kennenlernen und nicht hetzen.

Als nächsten Ankerplatz haben wir uns Reedville ausgesucht. Ein kleines Stück den Great Wicomico River hinauf und dann am Nordufer in den Cockrell Creek hinein. Das historische Fischerörtchen ist laut Törnführer ein „Must-visit-Port“ und bietet auch mehrere gute Ankerplätze.

Flora vor dem kleinen Creek, der zum Museumshafen führt. Die Main Street läuft einmal quer durch das Bild und ja, sie ist auch kaum länger.

Die Hauptstraße verläuft auf einem Landrücken zwischen den Creekausläufern „East Fork“ und „North Fork“, so dass sich auf beiden Seiten Wassergrundstücke befinden. Bebaut sind sie mit überwiegend historischen Wohnhäusern, die die verschiedenen Stilepochen der letzten anderthalb Jahrhunderte wie in einem Prospekt aufblättern, große Villen ebenso wie einfache Landhäuser. Dazwischen eine kleine, noch in Betrieb befindliche Holzbootwerft. Unübersehbar steht der 4. Juli und damit der Nationalfeiertag bevor, Flaggen und Girlanden finden sich fast überall zuhauf.

Die beiden Restaurants und auch das Eiscafé sind wohl covidbedingt nur am Wochenende geöffnet, also bleibt es bei einem Bummel durch den Ort. Auch das Fischereimuseum, dessen Steg auch als Dinghydock dient, ist leider geschlossen.

Steg des Fischereimuseums

Fischerei und Fischverarbeitung prägen aber den Ort noch heute. Eine große Flotte von Menhaden-Fischkuttern liegt rund um die „Omega-Protein“-Fischfabrik am Eingang des Creeks. Das sind sehr spezielle Fischereischiffe, die zwei kleinere Tochterboote am Heck transportieren. Mit denen wird ein Ringnetz um die Schwarmfische herum ausgebracht und dann auf den Großen Kutter gehievt. Der Name Omega-Protein verrät schon viel. Dem kleinen, mit dem Hering verwandte Menhaden-Fisch wird nämlich nicht wegen Schmackhaftigkeit nachgestellt, er ist fettig und sehr grätenreich. Statt als Speisefisch wird er zu Omega-3-Fischöl oder noch profaner zu Fischmehl verarbeitet. Das funktioniert offenbar nicht ganz geruchsfrei, aber wegen der Windrichtung ziehen nur selten Schwaden mit Fischmehl-Odor über unseren Ankerplatz und den Ort.

Das Morgenbad am Ankerplatz allerdings breche ich schon ab, bevor die Fußspitze das Wasser berührt, eine Vielzahl kleiner Quallen zieht rund ums Boot. Rippenquallen und Löwenmähnenquallen (=gelbe Feuerquallen), bäh. Dabei ist es sonst so schön hier.

Dann doch lieber los, schließlich ist Segelwind (allerdings aus Nord) und wir wollen heute Virginia verlassen und eine Ankerbucht auf der nördlichen Seite des Potomac, also in Maryland suchen. Der Wechsel des Bundesstaates bedeutet aber auch, dass wir die CBP (Coast and Border Protection) in Maryland einmalig über unseren Törnfortschritt und den Eintritt in ihr Zuständigkeitsgebiet informieren müssen. Also Anruf bei der Zentrale in Baltimore, durchstellenlassen zum Officer on Duty. Der muss erst ein paar Kollegen fragen, holt dann ein paar Daten zu Boot, Kapitän und Cruising Licence ein, fertig. Er ermahnt uns aber, das Procedere in jedem anderen Bundesstaat zu wiederholen. Ja, wissen wir. Auch, dass die Strafgebühren sonst heftig wären. Aber wir haben ja jetzt auch erfahren, wie problemlos das System zu funktionieren scheint.

Fein ist, dass wir bisher an jedem Segeltag hier in der Chesapeake Bay Delfine gesehen haben. Meist nur in einiger Entfernung, aber immerhin, damit hatten wir so gar nicht gerechnet. Schon jetzt sind es jedenfalls mehr, als wir in der Karibik beobachten konnten (o.k., dafür hatten wir da ein paar Mal Wale).

Und überhaupt, wer wollte sich beschweren, wenn er so den breiten Potomac hinaufsegeln darf.

Einsiedler

Dieses Bild geistert gemeinsam mit ein paar anderen maritim thematisierten Corona-Verhaltensregeln durch die sozialen Medien. Und in Zeiten von Ausgangssperre mag sich der ein oder andere vielleicht tatsächlich ein bisschen wie ein Einsiedlerkrebs vorkommen. Ganz besonders nahe liegt das Bild, wenn man als Segler sein Heim zwar nicht auf dem Rücken trägt, aber eben doch dauernd dabei hat.

Und ganz ehrlich, das empfinden wir gerade in dieser Zeit als ein riesengroßes Privileg. Gut, die Beweglichkeit ist immer noch eingeschränkt, aber wir dürfen mit unserem Heim den Ankerplatz wechseln und Antigua hat einige sehr schöne zu bieten.

Einsiedler oder Eremiten wollen wir deshalb aber trotzdem nicht werden, asketisch, bewusst ohne Ablenkungen und Reize. Im Gegenteil, soziale Kontakte sind uns wichtig und zum Glück können wir auch aus der Ferne die bestehenden weiter pflegen, durch diesen Blog und Eure Kommentare (über die wir uns riesig freuen) und durch andere soziale Medien; WhatsApp-Telefonie hilft uns ungemein. Auch wichtig für uns: neue soziale Kontakte am Ankerplatz entstehen, die UKW-Funkrunden in Jolly Harbour und ganz besonders auch zuletzt in der Carlisle Bay haben für ein tolles Gemeinschaftsgefühl gesorgt. Um so schöner, wenn wir dann bei Lockerung der Ausgangssperre Gesichter zu den Stimmen an der Funke zuordnen kann, am Strand noch maskiert 😷, von Dinghy zu Dinghy (oder Schiff) dann in voller Schönheit 😁. Wir haben es uns auch zur Gewohnheit gemacht, mit dem Dinghy bei unseren Nachbarn vorbeizufahren und uns vorzustellen, was meist gleich zu einem netten Gespräch führt. Der vor dem Lockdown übliche gemeinsame Sundowner fällt zwar aus, aber wer weiß, wann und wo wir den mal nachholen können, diese gemeinsam erlebte Sondersituation schweißt auch zusammen und bleibt ziemlich sicher in Erinnerung.

Und weil mir die “Trivia – unnützes Wissen” – Rätselrunden auf der Funke so gut gefallen haben: wusstet Ihr, dass wissenschaftlich die Familien der Diogenidae (linkshändige Einsiedlerkrebse) und der Paguridae (rechtshängige Einsiedlerkrebse) unterschieden wird?

Je nachdem, welches das größere Scherenbein ist, mit dem das geborgte Schneckengehäuse verschlossen wird. Den Unterschied kann man ganz gut auf der Zeichnung oben und dem Bild unten erkennen 😉.

Steht unsere Segelwelt Kopf?

Wir sind auf unserem Boot in der Karibik. Hätte man uns vor einem Jahr oder einem halben Jahr oder auch erst vor drei Monaten (zwei Tage vor dem Ende unserer Atlantiküberquerung) gefragt, wo wir im März 2020 sein möchten, dann wäre das genau unser Wunsch gewesen. Und genauer eingrenzen, etwa auf eine Insel, einen Staat, hätten wir es weder können noch wollen.

Etwas genauer: wir sind in Antigua & Barbuda 🇦🇬. Es ist schön hier, selbst wenn es heute regnet, wie man ja meinem Foto oben hoffentlich ganz gut entnehmen kann. Es gibt keine Ausgangssperre, die Versorgungslage ist gut, wir dürften hier den Ankerplatz oder Hafen im Land frei wählen und frei wechseln, auch ausreisen, wenn wir denn wollten. In anderen Ländern, auf anderen Inseln hier in der Karibik ist das heute nicht möglich, wir haben objektiv vergleichsweise viele Möglichkeite.

Trotzdem, es fühlt sich anders an. Warum? Segeln ist Freiheit, Bewegungsfreiheit zumeist ohne vorgeschriebene Bahn, das gute Gefühl den Motor auszumachen weil man den engen Tonnenstrich hinter sich gelassen hat. Stimmt irgendwie, aber romantisiert doch stark.

Wind, Tide, Wetter, Jahreszeiten … , noch mehr aber Zeit, Geld und Gesundheit sind einschränkende Faktoren, mal mehr, mal weniger. Die eigene Gesundheit, klar, die der Mitsegler, o.k., und – den Aspekt hatte man bisher gar nicht auf dem Schirm – eben auch die Gesundheit jener, deren Gast man eben derzeit ist wenn man wie wir gerade nicht im eigenen Land segelt. Auf einmal ist die gelbe „Q“-Flagge wirklich die Quarantäne-Flagge, die ursprüngliche Bedeutung scheint wieder auf, ihr Hissen und mithin die gesamte Einklarierung in dem vom Segler angesteuerten Land nicht mehr bloßer Formalismus, der manchmal gar als sinnlose Schikane empfunden wird.

Die Einschränkungen, die mit den Maßnahmen zur Eindämmung von COVID-19 einhergehen, sind starke Eingriffe in die persönliche (Bewegungs-)Freiheit. Die meisten von uns, auch die allermeisten Segler, sehen darin eine Notwendigkeit und akzeptieren diese.

Was die Langfahrtsegler hier in der Karibik und wohl auch anderswo massiv umtreibt ist nach meiner Wahrnehmung nicht so sehr, dass der “Plan A“ (in unserem Fall: Sommer an der US-Ostküste) vielleicht nicht umgesetzt werden kann, sondern dass derzeit überhaupt nicht absehbar ist, ob auch nur irgendeiner der Alternativpläne „B“ bis „D“ (für die Hurrikansaison z.B. Trinidad, Curaçao, für manch anderen auch vorherige Rückreise über den Nordatlantik oder Ein Törn an die südamerikanische Ostküste) umsetzbar wäre. Segler sind es gewohnt, Alternativpläne zu haben. Jede Planung verlangt nach Ausweichhäfen für Schwerwetter, Ausweichrouten. So haben wir es gelernt. Aber: das ist immer die eigene verantwortliche Entscheidung. Jetzt, in Corona-Zeiten, gilt das nicht. Ausweichrouten abzustecken funktioniert nicht. Statt Eigenverantwortung fühlen wir schwer zu ertragende Fremdbestimmung. Das passiert natürlich nicht nur durch den Coronavirus SARS CoV-19, aber durch eine Pandemie und die Reaktionen darauf passiert es eben vielen Menschen, vielen Seglern gleichzeitig.

Das ist schon für die Flora-Crew schwierig, obwohl wir über viel Zeit verfügen. Wie viel schwieriger mag es für Crews mit einem engeren Zeitplan sein, etwa auf einer geplanten Atlantikrunde?

Nur: wir sind damit nicht allein, haben diese Fremdbestimmung als Segler keineswegs exclusiv. Auch an Land können Menschen nicht zu Familienmitgliedern, müssen Einschränkungen hinnehmen, die wir jedenfalls in den letzten Jahrzehnten so nicht kannten, lösen sich Zukunftspläne und sogar wirtschaftliche Existenzen in Luft auf. Menschen erkranken, sterben vielleicht.

Wieviel brutaler eine schwere Erkrankung als die Freiheitseinschränkung ist wird vielleicht erst bewusst, wenn es nicht eine anonyme Gefahr ist sondern näher rückt, konkret wird. Einer unserer Bekannten hier auf dem Ankerplatz hat uns das gestern in einem missverständlichen Facebook-Post aus dem Krankenbett im Hospital heraus ziemlich deutlich gemacht.

Segeln – Langfahrtsegeln allemal – ist nicht nur Freiheit. Es ist auch ein Stückweit Unvorhersehbarkeit, Improvisation, manchmal auch notwendige Isolation etwa auf langen Passagen, beinhaltet das Anpassen von Plänen und Zielen, zudem oft unfreiwilliges Warten und eben auch Unsicherheit.

Wir versuchen, wegen der aktuellen Einschränkungen nicht Kopf zu stehen. Bisher gelingt es uns ganz gut.

Danke!

Was für ein Jahr. Wir haben nach emotionalen Abschieden in der Firma und privat tatsächlich die Leinen losgeworfen, sind auf die Flora gezogen, quer durchs Mittelmeer, hinunter zu den Kapverden und über den Atlantik in die Karibik gesegelt. Haben nun schon ein halbes Jahr lang uns bisher unbekannte Orte erkundet, tolle Naturerfahrungen gemacht, vor allem aber wunderbare Menschen kennengelernt, Besuch von lieben Freunden und Verwandten bekommen, Zuspruch und Unterstützung auch von Daheimgebliebenen erhalten, interessante Gespräche geführt. Und jetzt sind wir hier in den traumhaft schönen Tobago Cays, nehmen Abschied von 2019 und freuen uns auf 2020.

Wir sind froh und dankbar dafür, dies alles genießen zu dürfen. Und wir möchten Danke sagen an Euch, dass ihr auch über den Blog an unserer Reise teilnehmt und uns damit gleichzeitig auch ein gutes Stück Geborgenheit gebt, weil wir mit Euch in Kontakt bleiben können.

Alles Gute für 2020!

Hamburg – Peking

Wir sind nach einer schönen Nachtfahrt heute morgen um halb neun in Tarrafal auf São Vincente angekommen. Nachtfahrt deswegen, weil wir es uns wichtig war, mit Tageslicht an dem uns unbekannten Ankerplatz anzukommen. Andererseits wollten wir auch bei Tageslicht losfahren, weil ich beim Schnorcheln 🤿 gesehen hatte, dass sich unsere Ankerkette in Palmeira ein bisschen zwischen ein paar Felsen am Grund durchschlängelte, falls es beim Aufholen ein Problem geben würde ließe sich das bei Tageslicht besser lösen (ging aber alles glatt).

86 Seemeilen Strecke lagen vor uns, bei kalkulierten 5,5 kn wären das fünfzehneinhalb Stunden, bei 6 kn Geschwindigkeit 14 Stunden und 20 Minuten, bei für die Windverhältnisse sehr hohen 6,5 kn etwas über 13 Stunden. Hier geht die Sonne derzeit um 18.00 Uhr unter und morgens um viertel vor sieben wieder auf. Wir sind deshalb etwas vor Sonnenuntergang losgefahren, um bei allen drei Geschwindigkeiten im Hellen anzukommen. Den Gedankengang haben wir offenbar nicht exklusiv, fast zeitgleich mit drei weiteren Booten brechen wir in den Sonnenuntergang auf.

Und tatsächlich haben wir etwa in der Mitte unserer Berechnungen gelegen, waren knapp 6 kn (also etwa 11 km/h) „schnell“, da müsste man mit dem Fahrrad schon fast aufpassen um nicht umzufallen 😉. Aber für ein Fahrtensegelboot ist das schon eine ganz gute Durchschnittsgeschwindigkeit.

Vor genau fünf Monaten sind wir von Griechenland nach Italien losgesegelt, heute ist unser 154ster Reisetag. Um mit der Statistik noch etwas weiterzumachen: bisher haben wir auf dieser Reise 4.035 sm geloggt, also umgerechnet eine Strecke von 7.472 Kilometern. Das entspricht ziemlich genau der Entfernung zwischen Hamburg und Peking!

Hatten wir uns vorher gar nicht so klar gemacht. 🤔 Aber zum Glück haben wir diese Entfernung eben nicht „Luftlinie“ zurückgelegt, sondern sind von einem Ort zum anderen gebummelt. Zum Beispiel jetzt vom flachen Palmeira

hierher nach Tarrafal mit seiner deutlich steileren Küstenlinie. Hier führt uns heute wie vorgeschrieben der erste Weg direkt zur Polizei. Auch wenn wir das Land nicht gewechselt haben, in den Kapverden ist das Anmelden für die einzelnen größeren Inseln obligatorisch.

Tarrafal:

Vom Boot ausgebrachtes Netz wird zum Strand hin eingeholt
Flora vor Anker und unser Beiboot Florecita am schwarzen Sandstrand
und Sonnenuntergang heute in der Hängematte 😎



Fahrt zu den Kapverden – 5 Tage, 5 Nächte (Wiebke)

Kaum aus dem Hafen von Gomera, viel Wind und Welle. Ich steuere von Hand. Wie erwartet hält es aber nicht lange an. Im Windschatten von Teneriffa nimmt beides ab, wir riggen unsere Pasatbesegelung. Zur Nacht rollen wir den Code0 weg. Meine erste Wache in der Nacht ist nicht schön. Wind und Welle haben wieder deutlich zugenommen, Wolken sind auf gezogen. Als die Sonne ganz untergegangen ist, wird es stockdunkel. Ein komisches Gefühl im Finsteren durch die Welle zu preschen. Wir machen 3-Stunden-Wachen. Meine erste Wache beginnt um 6 Uhr abends. Eigentlich oft erst gegen 7, wenn Ralf sich bis kurz vor 9 Uhr hingelegt. Als ich um Mitternacht wieder hoch komme ist es schon besser, der Mond lugt ab und zu hinter dichten Wolken hervor, es ist nicht mehr stockdunkel. Um 3 Uhr nachts löst Ralf mich ab, ich darf nochmal 3 Stunden schlafen, bevor ich um 6 Uhr morgens dann wieder übernehme. Das Aufstehen ist Überwindung, aber eigentlich nicht schlimm. Gewöhnt man sich schnell dran. Auch der zweite Tag und die zweite Nacht sind von Wolken geprägt. Immer wieder Sprühregen. Es ist kalt. Viel kälter als auf den Nachtwachen im Mittelmeer und auch auf der Fahrt nach Gomera. Skiunterwäsche, dicke Skisocken, Segel-Latzhose, Fleecejacke, Windstoperjacke, Mütze. Und draußen noch die Fleecedecke bis zum Kinn hochziehen. Auch tagsüber bleibt es bei Jeans und Pulli. Die dritte Nacht wird schön. Ich habe die Wachen mit Sonnenuntergang, Mondaufgang und Sonnenaufgang.

Die Wolken haben sich verzogen. Schon bei Sonnenuntergang zeigen sich Venus, Jupiter und Saturn. Der Sternenhimmel wird immer deutlicher. In meiner zweiten Wache geht nach Mitternacht der Mond auf. Er liegt auf dem Rücken, wie eine Schale. In der dritten Wache geht gegen halb acht morgens die Sonne auf. Ich höre nachts ein Hörbuch, damit vergeht die Zeit schnell. Oder höre Musik, die Orchestersuiten von Bach nachts bei Wind und Welle, Grieg zum Sonnenaufgang, schön. Ansonsten passiert nicht viel. An Lesen kann ich bei dem Wellengang frühestens ab dem vierten Tag denken. Wir essen auch nicht viel. Morgens eine Scheibe trockenes Brot zum Kaffee, dann jeder eine halbe Kaki oder einen halben Apfel und ein paar Nüsse. Ich hatte Reis vorgekocht, davon mache ich am ersten Tag eine schnelle Tomatensuppe, die reicht auch noch für den zweiten Tag. Eventuell noch eine Scheibe Brot oder Knäcke mit Käse, ein paar Kekse, mehr brauchen wir nicht. Am dritten Tag Nudeln mit Pesto, am vierten Tag Reissalat mit Tomaten und Gurke, am fünften Tag den Rest Nudeln.

Ich bin gespannt, wie es auf der Atlantiküberquerung wird.