Karg ist nicht farblos! Montaña Amarilla

Da hatte ich in meinem vorigen Post doch geschrieben, La Graciosa sei karg und habe ihren Anmuts-Namen wohl quasi aus einem spätmittelalterlichen Marketingversuch heraus erhalten. Und dann das:

Der Wetterbericht sagt einen Sonne-Wolken-Mix voraus, es wird nicht so heiß, beste Voraussetzungen für eine Wanderung auf den Montaña Amarilla, den „gelben Berg“. Der liegt in der Südwestecke von La Graciosa, nicht weit von unserem Ankerplatz entfernt, an der Tauchern und Badenden vorbehaltenen Nachbarbucht. Google Earth wird befragt, lässt einen Rundwanderweg erahnen und liefert in der 3D-Ansicht ein beeindruckendes Bild des erloschenen Vulkankraters, dessen Nordwestseite offenbar bei einer Eruption weggesprengt wurde.

Also die Wanderschuhe an und los? Nein, natürlich nicht. Erstmal müssen wir ein ganzes Stück durch den losen Dünensand, das geht besser barfuß.

Aber schon jetzt zeigt sich, warum der gut 170 m hohe Berg nach einer Farbe benannt ist: die vom Meer angeknabberte Südseite präsentiert sich in einem Mix aus gelbem und rotem Tuffgestein und scheint gerade bei diesem Wetter manchmal regelrecht zu leuchten. Und was für ein Kontrast mit dem gelegentlich knalligen Blau des Himmels oder des Meeres, dem hellen Sand von sowohl Strand als auch manchen Dünen und dem Türkis der flacheren Buchten.

Jetzt mit Wanderschuhen geht’s auf einem zwar unbeschilderten aber meist gut erkennbaren Pfad über loses Geröll hinauf zum Grat des Vulkankraters.

Fantastische Ausblicke über den „Rio“ hinüber nach Lanzarote, über die Buchten und die Ankerlieger, hinunter zum Dorf Caleta del Sebo und auch nach Norden über La Graciosa hinweg zu den anderen Inseln des Naturschutzgebietes Archipelago Chinijo.

Und wie den Farben angepasst, hat sich bei unserer Rückkehr zur Flora eine kleine Palmtaube auf dem Heck unseres Bootes niedergelassen. Schön, ganz viele Tiere haben wir auf La Graciosa sonst leider nicht entdecken können und irgendwie kommt das von meinen Eltern und unserem Grundschuldirektor früh mit vogelkundlichen Wanderungen geweckte Naturinteresse offenbar immer wieder durch 😉.

Heute wollen wir trotzdem unseren herrlichen Ankerplatz verlassen und hinüber nach Lanzarote segeln. An die Ostseite zum Hauptort Arrecife. Zur Abwechslung mal wieder Stadt.

Alles ein bisschen intensiver

49 Tage sind wir jetzt unterwegs. Sieben mal sieben, ganz feiner Sand. Wir sind gefragt worden, ob uns langweilig wird. Nein! Alles andere als das.

Aber selbst in dieser ja eigentlich ja kurzen Zeit hat sich unser Empfinden für das, was wir so machen doch verändert. Alles fühlt sich ein bisschen intensiver an, so hat es Wiebke treffend formuliert. Fahrt-, Landschafts- und Natureindrücke, z.B. die wunderschönen Calas, die Wanderungen oder die Delfinbegegnungen jetzt wieder auf der Überfahrt von Menorca nach Mallorca:

Spannend ist auch die Veränderung im Zeitempfinden. Eine Uhr tragen wir schon seit einer ganzen Weile nicht mehr (Danke an Susanne für den Hinweis). Klar passiert es dann schon mal, dass man wie unlängst in Alcúdia etwas erledigen möchte, aber vor verschlossenen Geschäftstüren steht, aber das liegt mehr an unserem noch nicht an die spanische Siesta 😴 bis 16.00 angepasstem Rhythmus. Welcher Wochentag ist eigentlich, welches Datum ???

Das „Zeit miteinander haben“ ist sicher einer der Punkte, den wir am meisten genießen und das obwohl – oder gerade weil – auch die Höhen und (na sagen wir mal) Wellentäler im Zusammensein eben intensiver für uns sind.

Landausflüge wie vorgestern der Spaziergang in die schöne Altstadt des sonst nicht so attraktiven Alcúdia,

Fürstlich speisen (an Bord von Wiebke gezauberte Köstlichkeiten oder auswärts, wobei das im Tontopf gegarter Lobster ebenso sein kann wie eine herrliche Schinken- und Käseplatte eines kleinen Weinhändlers)

Wir lassen es uns gut gehen.

Und auch Mallorca verwöhnt uns, etwa mit der pittoresken Cala Figuera am nördlichen Ende (Cap Formentor), die wir heute Nacht komplett exclusiv für uns hatten. Gut, eine etwas rumpelte „Anreise“ unter Segeln mit bis zu 28 kn AWS am Wind und einiger Schwell in der Bucht war der Preis dafür, aber es hat sich sehr gelohnt:

Verkriechen …

… können wir uns nicht, aber doch Schutz suchen. Für letzte Nacht und besonders für heute war und ist Mistral angesagt. Mistral? Das ist doch Starkwind im unteren Rhonetal, im Golfe du Lion, dem Löwengolf. Was hat das mit uns in Südsardinien zu tun? Einiges. Obwohl, genau genommen wird der Mistral in Sardinien „Maestrale“ genannt. Und vor dem haben wir ziemlichen Respekt. Hier mal die Windböen-Vorhersage für heute Nachmittag der Windy-App:

Was die Farben angeht: wir mögen es gerne grün, in Böen auch mal gelb.😊

Oben links sieht man den Löwengolf, in der Mitte erkennt man, wie sich der Wind zwischen Korsika und Sardinien durchquetscht. Und unten in der Mitte bei dem weißen Punkt sind wir, würden demnach Böen von 30 kn (Windstärke 7) abbekommen. Im blau-lila-farbenen Bereich wäre es Windstärke 9. auch die von uns abonnierte Wetterwelt-Vorhersage zeigt ähnliche Werte. Na gut, 30 kn haben wir auch schon auf der Schlei gehabt. Warum also so ein Bohei?

Zum einen, weil die dreißig Knoten genau auf die Nase wären. Zum zweiten, weil man auch einen Blick auf die Vorhersage der Wellen werfen sollte:

Och nee, muss nicht sein. Da machen wir uns doch lieber noch nicht auf den Weg weiter in Richtung Menorca, sondern suchen uns hier unten eine nach Westen (und auch Nordwest und Südwest) geschützte Ankerbucht.

Und so liegen wir seit gestern Mittag hier ganz herrlich in der Ankerbucht vor dem Hafen von Teulada. So dramatisch ist es hier ja gar nicht angesagt, wir haben trotzdem gestern ein bisschen aufgeklart. Der von uns so gern genutzte und deshalb meist (in seinem Segelsack) auf dem Vorschiff an der Reling angeschlagene Code0 ist in die Vorschiffskajüte gewandert, ebenso das zuletzt achtern an der Reling angebändselte SUP, aus dem jetzt die Luft wieder raus ist. Die Fender haben wir im aufgeholten Beiboot angebändselt. Sie haben ihren Platz eigentlich im Ankerkasten, wir möchten bloß für alle Fälle auch zu einem eventuelles Ankerauf-Manöver klar sein.

Aber gestern Abend sah es ganz friedlich aus.

Blieb es auch in der Nacht. Und auch heute ist es hier in der Ankerbucht recht entspannt. Nur hinter uns draußen in der Bucht sind die weißen Schaumkronen auf den Wellen gut zu erkennen, der Wind pfeift ordentlich in unserem Rigg und lässt unseren Windgenerator endlich mal zeigen, dass er auch richtig Strom produzieren kann.

In der Spitze hab ich in einer 25 kn Böe kurz sogar mal eine 18,2 für den Windgenerator gesehen. Übrigens, auf dem Display kann man nicht nur erkennen, dass die Sonne gerade 10,9 und der Wind 13,2 Ampere in unsere Batteriebank schaufeln, sondern auch, dass dort „nur“ 15,26 Ampere ankommen. Das ist zwar nur eine Momentaufnahme, trifft es aber ganz gut. Irgendwo wischen 9 und 10 Ampere liegt vor Anker unser Verbrauch, obwohl wir die Kühlschränke (die allerdings beide an sind) etwas wärmer gestellt haben als wenn wir am Landstrom sind. Die Navigationsgeräte einschließlich (auf dunkel gedimmtem) Plotter sind an, aber das war es auch schon an durchgängig eingeschalteten Verbrauchern. Unterwegs kommen natürlich noch der Autopilot als großer Verbraucher und nachts die Lichter hinzu, dann liegen wir also noch höher.

Wir nutzen die Zeit, um den Aufbau des Schiffes zu polieren. Das war dringend mal wieder nötig und es ist schon erstaunlich, was für einen Unterschied es ausmacht.

Vorher / nachher

Außerdem lesen wir, schnorcheln, dölmern so vor uns hin, schreiben Blogposts 😉 …

… und freuen uns, dass laut Vorhersage der stärkste Wind schon durch ist und wir uns wohl gar nicht soviel Gedanken hätten machen müssen. Andererseits: Respekt ist gut, Vorbereitung auch. Und gemütlich vor Anker liegen sowieso.

Ein langer Weg. Oder zwei oder drei …

Unser Windgenerator hat uns ja bisher nicht so richtig Freude bereitet. Die Montage im April war vom ihn auch installierenden Verkäufer auf zwei Tage veranschlagt worden, aber tatsächlich erst am allerletzten Tag unseres zweiwöchigen Urlaubs fertig. Leider war da kein Wind, wir konnten ihn nicht testen. Vor dem Start zu unserer Langfahrt lief er, brachte aber nicht viel Ertrag, was der Verkäufer (und wir mit ihm) auf den wenigen Wind schoben. Aber auf der Überfahrt nach Italien hatten wir reichlich Wind und bei 20 kn Wind trotzdem nur 0,5 bis 1 Amp Ertrag, viel zu wenig.

In Catania fand der in Absprache mit dem Verkäufer beauftragte Elektriker dann heraus: es ist die 24 Volt-Version montiert, nicht die vom Verkäufer angegebene 12 Volt-Version. Dumm gelaufen. Mario (der Verkäufer) war angemessen geknickt und brachte dann den zur Umrüstung notwendigen Austauschgenerator auf den Weg.

Und zwar nach Palermo in die leider etwas abgelegene und ziemlich teure Marina Villa Igiea, weshalb wir dort eine Liegeplatzreservierung vornehmen mussten. Den Austauschgenerator konnten wir dort zum Glück entgegennehmen, obwohl als Empfänger nur die Marina und nicht unser Boot oder wir vermerkt waren. Das hätte leicht zur Verweigerung der Annahme und damit Zurücksendung führen können, aber … Pffff, es hat geklappt. Allerdings nicht mit der Montage vor Ort, Mario hat sich zwar bemüht, aber keinen englischsprachigen Monteur vor Ort in Palermo organisieren können. Und auch wir waren – gemeinsam mit dem Hafenbüro – insoweit nicht erfolgreicher.

ABER: in Cagliari konnte mir der Hafenmeister einen mit Silentwind-Generatoren vertrauten Monteur der Firma mit dem schönen Namen „Creative Yachting Solutions“ vermitteln, der für den folgenden Tag um 16.00 einen Termin machte, um 15.40 da war, den Windgenerator abbaute und um 17:50 mit dem inzwischen ausgetauschten Ersatzteil wieder montierte.

Er läuft! Und er produziert endlich auch Strom, wir haben sogar schon einmal eine 11 bei der aktuell erzielten Ampere-Ausbeute gesehen.

Da konnte ich nicht zurückstehen. Die zweite schon länger bestehende Baustelle war die nicht funktionierende externe Antenne unseres Iridium-Go. Über dieses Gerät können wir auch auf hoher See (also ohne Handy-Empfang) per Iridiumsatelliten-Verbindung telefonieren sowie SMS und sogar E-Mail senden und empfangen. Letztere dürfen allerdings nur minikleine Anhänge im Kilobite-Bereich haben. Das reicht aber für komprimierte Wetterberichte über sogenannte GRIBfiles. Außerdem senden wir über dieses Gerät unterwegs stündlich unsere Position, so dass Ihr über Noforeignland sehen könnt, wo wir sind. Blöd nur, dass wir dafür bisher das Gerät ins Cockpit legen mussten, weil eben die extra montierte externe Antenne oberhalb der halbkardanisch aufgehängten Radarantenne nicht funktionierte.

Der Verdacht auf selbstverursachtes Elend lag nahe, schließlich hatte ich das das dafür von mir verlegte RG58-Kabel selbst mit TNC-Steckern an den Kabelenden versehen müssen. Das mangelhafte Ancrimpen der Stecker war die wahrscheinlichste Fehlerquelle. Nur – neue passende Stecker ließen sich nicht so leicht besorgen. Im Internet hatte ich welche bestellt, Emma und Emil hatten sie uns dann mitgebracht. Nur leider wurden entgegen der Verkaufsanzeige die „weiblichen“ Stecker geliefert, nicht die benötigten „männlichen“. Eine Lieferadresse hier haben wir nicht und derzeit wollen wir auch nicht so lange an einem Ort sein, dass sich mit dem Hafen etwas improvisieren ließe. In diversen Elektronikshops und bei Schiffsausrüstern bisher: Fehlanzeige.

Aber Creative Yachting Solutions hatte eine Adresse parat, leider am anderen Ende von Cagliari. Macht nichts, Wiebke fand heraus, dass es eine direkte Busverbindung gibt. Für 1,30 Euro sind wir gestern Abend noch dorthin gefahren (kleine Stadtrundfahrt inclusive) und haben die passenden Stecker tatsächlich bekommen. Zur Belohnung haben wir noch einmal einen wunderschönen Abend im Ausgehviertel von Cagliari verbracht.

Heute morgen durfte dann ich auf die (wieder beim Hafenmeister geborgte) Leiter. Kabel neu vercrimpt und … JA, DIE EXTERNE ANENNE FUNKTIONIERT!

Und der dritte lange Weg? Das ist wohl unser eigener, vom Urlaubsmodus in den Langfahrtmodus überzugehen. Ohne schlechtes Gewissen „Nichtstun“ zu genießen. Mal länger zu bleiben. Wir arbeiten noch dran. In Cagliari hätte es klappen können, die Stadt hat uns richtig gut gefallen. Allerdings wollen wir auf der Langfahrt eigentlich die teuren Marinas möglichst vermeiden und lieber ankern. Entscheidend war aber der Wind, wären wir nicht heute gefahren, hätten wir noch einige Tage mehr in der Marina bleiben müssen oder gegen fiese Winde gegenanbolzen. Da sind wir dann doch lieber heute weiter gesegelt in die wunderschöne Malfatano-Ankerbucht ganz im Süden Sardiniens.

Das obligatorische Sonnenuntergangsfoto erspare ich Euch, ich will Euch ja nicht langweilen.

Gallipoli – Angekommen in Italien

Gestern Abend haben wir quasi mit dem Sonnenuntergang unseren Anker vor der schönen Altstadt von Gallipoli fallen lassen, noch kurz ein Stündchen durch die Gassen geschlendert und ab in die Kojen. Schließlich hatten wir rund 90 sm zurückgelegt, zunächst herrlich segelnd bei frischem und böigem Wind, der uns zwar einige Reff- und Ausreffmanöver abverlangte, aber richtig Spaß brachte.

Leider war der Wind ab der Südspitze des Stiefelabsatzes (St. Maria di Leuca) wie abgeschaltet und kam später dann „auf die Nase“ zurück. Also das letzte Stück motoren (und damit auch die Batterien wieder vollmachen).

Heute morgen haben wir dann noch einmal das Städtchen erkundet: Es ist unschwer zu erkennen, dass wir in Bella Italia angekommen sind:

An den Vespas natürlich, aber auch an der Art, Gemüse am Straßenrand vom Ape aus zu verkaufen.

Daran, dass sich die italienische Flagge etwas mit der Europäischen verhakt hat 😉

Und leider auch daran, dass die Guardia Costiera (Küstenwache) es mit der Kontrolle von Ankervorschriften ernst nimmt, manchmal vielleicht ernster als es die Vorschriften vorsehen. Allgemein gilt in Italien, dass nicht NÄHER!?! als 100 m von der Küste und 200 m (Nachtrag: inzwischen anscheinend sogar 300 m!) von Stränden geankert werden darf. Die 100 m hatten wir eingehalten, Strand war nicht in der Nähe. Trotzdem wurden wir bei der Rückkehr aus der Stadt freundlich gebeten, 100 m weiter draußen zu ankern. Immerhin: das mögliche Bußgeld von bis zu 350 € wurde nicht einmal erwähnt. Wir haben dann also noch einmal umgeankert: statt auf 10 m Wassertiefe (wie auf dem ersten Bild zu sehen) liegen wir jetzt auf gut 13 m.