Der ungewöhnliche Isaias

Isaias. Ungewöhnlicher Name. Erst recht für einen Hurrikan, denn ein solcher war Isaias (Kategorie 1) noch über den Bahamas, aber inzwischen hat er etwas an Kraft verloren und ist zum tropischen Sturm heruntergestuft. Vor allem aber hat Isaias eine ungewöhnliche Zugbahn.

Der Weg nach Florida war noch eher typisch, aber jetzt arbeitet sich Isaias langsam die ganze US-Ostküste hoch, vielleicht mit einem kleinen Landfall bei Myrtle Beach oder bei Kap Hatteras, nur um dann wieder Kraft auf dem offenen Meer zu tanken und weiter die Küstenlinie entlang zu ziehen. Bis nördlich von New York. Hm. Da sind wir.

Zuerst (vor einer Woche) schien die Vorhersage so ungewöhnlich, dass wir gedacht haben, das würde sich sicher noch ändern. Hat es aber nicht, die verschiedenen Modelle nähern sich immer mehr an und die ungewöhnliche Zugbahn bestätigt sich weiter.

Für uns heißt das, die wunderschöne aber weiter draußen und damit exponiert liegende Insel Block Island (für diese Gegend sind Wellen von 4 m Höhe vorhergesagt) etwas früher zu verlassen und ein Stück in die Narraganset Bay hinein zu segeln, dort sollte der Sturm weniger Kraft haben. Unser erster Ankerplatz bei Bristol ist zwar schön (insbesondere der kleine Ort), aber nach Süden zu offen. Nicht gut, denn Isaias soll hier vor allem starke Südwinde bringen.

Gemeinsam mit unserem alten Buddyboat, der Amalia (Steve und Helena), verholen wir 6 sm weiter nach Osten nach East Greenwich und ankern dort wunderschön vor einem Waldstück mit kleiner Steilküste und Sandstrand. Das Bojenfeld etwas näher vor dem Ort liegt in einem genau in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Creek und ist ziemlich eng gesteckt, da scheint uns unser Ankerplatz geschützter. Wir bauen unsere Solarpaneele und unser Bimini ab, ebenso alle jetzt überflüssigen Leinen wie Spischoten, Barberholer und die an den Spibäumen angeschlagenen Vor- und Achterholer. Selbst die Angeln verschwinden unter Deck. Steht unserer Flora eigentlich ganz gut 😊.

Hört sich übertrieben an? Na ja, die Wetterberichte zeigen, dass Isaias zwischendurch vermutlich nur etwa vier Knoten fehlen werden, um wieder zum Hurrikan hoch gestuft zu werden. Ob er sich daran hält? Außerdem ist er eben ungewöhnlich, da gehen wir um so mehr lieber auf auf Nummer sicher. Gerade bekommen wir eine NOAA-Wetterwarnung für die die Narragansett-Bay, also den tiefen Einschnitt bei Newport, in dem wir uns verkrochen haben: “Uncertanty in track, size and intensity: potential for wind 58-73 mph.” Windy sagt für unseren Standort “nur” etwa 43 kn an, was auch schon 9 Beaufort wären.

Das Gute: Isaias sollte schnell vorbeiziehen, nach ein paar Stunden durch sein. Und vermutlich wird er hier am späten Nachmittag kommen, also bei Tageslicht, und dann schon nach wenigen Stunden weitergezogen sein. Wir haben viel Platz, guten Ankergrund und gut 10fachen Scope (Verhältnis der ausgebrachten Ankerkette zur Wassertiefe).

Wir sind gespannt, aber eigentlich ganz zuversichtlich. Morgen wissen wir mehr.

Cinnamon Bay

Heute früh noch mal ein Blick auf die aktuellen Wettervorhersagen, nein, kein Wunschkonzert, es wird nicht besser. Ein einziger riesengroßer Schwachwindbereich auf unserer geplanten Route. Nun sind Wettervorhersagen (Windvorhersagen allemal) eben keine Prophezeiung sondern eher Darstellungen der WAHRSCHEINLICHSTEN von vielen MÖGLICHEN Wetterkonstellationen im Vorhersagezeitraum. Man kann hoffen, man kann pokern, …

… man kann auch einfach abwarten, bis eine bessere Konstellation die Wahrscheinlichste ist. Machen wir. Und dadurch bekommen wir einen Aufenthalt in einer Traumbucht geschenkt. Denn wir segeln (na ja, motoren!) hinüber nach St. John und legen uns erst einmal an eine Boje in der Francis Bay. Schön hier. Und nur wenige der hier im Nationalpark ausgelegten und verpflichtend zu nutzenden Bojen sind belegt. Das war noch vor einer Woche ganz anders, aber ab dem 15. Mai wurde die zuvor wegen Corona ausgesetzte Regelung zu den maximalen Liegezeiten erneut in Kraft gesetzt. Nun ist es wieder so, dass Boote höchstens eine Woche am Stück in einer Bucht und insgesamt pro Jahr im Nationalpark maximal 30 Tage liegen dürfen. Das haben viele Boote jetzt längst ausgeschöpft und deshalb notgedrungen in Buchten außerhalb des Nationalparks verholt oder die USVI ganz verlassen.

Aber nach einem Dinghyausflug in die nähere Umgebung verholen wir dann noch einmal in die kleinere Cinnamon Bay. Die haben wir ganz für uns und die davor liegenden Traumstrände sind leer. Wir schnorcheln durch das superklare Wasser und begegnen unter anderem einem halbwüchsigen Barrakuda sowie auch einem recht zutraulichen Ammenhai ganz nah.

Außerdem genießen wir den Strand und den fantastischen Ausblick. Fühlt sich gerade gut an, auf ein besseres Wetterfenster zu warten.

Vorn Flora in der Cinnamon Bay, dahinter die Francis Bay mit der Maho Bay rechts. Und im Hintergrund schon die British Virgin Islands mit Jost van Dyke und Tortola.

Vorhersagen. Es geht rund. Jedenfalls rund St. Thomas

Wir sind wieder in Charlotte Amalie. Zwei Nächte lagen wir vor Anker in der schönen und sehr geschützten Magens Bay im Norden von St. Thomas. Die Insel entwickelt sich für uns immer mehr zum Treffpunkt mit Seglern, die wir bisher intensiv von ihren Blogs kannten, hier aber zum ersten Mal persönlich kennenlernen. In der Magens Bay ankern wir direkt hinter der INVIA und verbringen wechselseitig auf den Booten zwei schöne Nachmittage mit Dorothee und Stefan.

Eigentlich wollten wir dann heute auf die Nachbarinsel St. John weiterfahren, aber zwei Mails ändern das. Die erste Mail stammt vom Wetterpabst der Salty Dawg, Chris Parker. Wir verstehen sie so, dass er uns einen Start nun doch schon am 20. oder 21. Mai empfiehlt, obwohl die Wetterlage (“may result in very light winds between Caribbean and US Coast”) einen großen Anteil an Fahrt unter Motor bedeuten würde.

Die zweite Mail ist von Annemarie und Volker (SY Escape). Die beiden wollen ebenfalls von den USVI in die Chesapeake Bay und entsprechend ihres Routing des deutschen Anbieters Wetterwelt wollen sie bereits am Dienstag starten. Von Wetterwelt bekommen wir selbst auch unterwegs unsere Windprognosen über Satellit und planen dann mit dem PC-Programm SeamanPro unsere Route.

Wir entschließen uns, nach Charlotte Amalie zu segeln, unseren Frischproviant aufzustocken und damit abreisefertig zu sein. Und wir treffen die Crew der Escape, schnacken ausführlich über Pläne und natürlich die Wetterlage.

Aber trotz der Verlockung, gemeinsam loszufahren entschließen wir uns anders. Das windarme Gebiet erscheint uns für unser Boot (bzw. unsere Dieselvorräte und Nerven) einfach zu groß. Noch einmal Chris Parkers O-Ton: “…but the trip seems to be about 50% motoring, so not great for vessels with limited fuel.” Die Hälfte von 1.300 sm Strecke bzw. kalkuliert 9 bis 10 Tagen zu motoren wäre bei unseren 400 l Diesel am Limit und bei unseren Nerven wohl schon drüber. Auf Windy sieht das so aus (kräftiges Grün ist uns am liebsten, idealerweise aus Ost):

Bzw. ein paar Vorhersagetage später (und damit im sehr unsicheren Vorhersagebereich gegen Ende der Passage) im ECMWF-Modell so, wobei dabei auch noch der Nordwind gegen den Golfstrom vor der Chesapeake Bay stünde:

Jedenfalls haben wir jetzt St. Thomas einmal umrundet, sind abfahrbereit und haben jetzt doch erstmal wieder Zeit. Der heute morgen übertönte Lockruf des Naturschutzgebiets der Ankerplätze vor St. John ist wieder deutlich vernehmbar.

Unsere Route rund St. Thomas. Nur wenig weiter östlich liegt St. John.