Zwischenstand aus Minerva

Ganz lange bleiben wir nicht das einzige Boot in Minerva, einen Tag nach uns kommt auch die Scout und ankert neben uns. Noch einen Tag spĂ€ter kommen auch Jacqui und Phil mit ihrer Skylark an. Alle hatten wir eine ziemlich unangenehme Passage, mĂŒssen uns erst einmal von der Seekrankheit erholen.

Hier in Minerva gilt es zunĂ€chst, das Schiff wieder in Ordnung zubringen. Die salzwassernasse Fock wird aus dem vorderen Bad wieder an Deck geschafft. Kleine Leckagen an ein paar Fenstern und Luken bei den schweren ĂŒberkommenden Wellen haben zudem fĂŒr reichlich zusĂ€tzliche Arbeit gesorgt. Die Stromversorgung der UKW-Funke habe ich repariert. Wir stellen aber fest, dass Seewasser in den lĂ€ngs durch die Flora fĂŒhrenden Kabelkanal gelangt ist und an verschiedenen Stellen in Schapps und SchrĂ€nke gelaufen ist. Die dadurch nass gewordene Kleidung mĂŒssen wir mit SĂŒĂŸwasser waschen. Kein Problem, sollte man denken, wir haben ja seit Whangarei jetzt wieder eine Waschmaschine an Bord. Stimmt – aber das Trocknen macht Probleme. Dauernd ziehen Squalls durch, bei diesen Regenschauern kann die WĂ€sche nicht draußen am Seezaun hĂ€ngen. Und wenn, dann können die Klammern sie kaum festhalten. Es blĂ€st. Böen bis 32 Knoten waren heute eigentlich angesagt, tatsĂ€chlich hatten wir mehr als 41 Knoten (WindstĂ€rke 9 Beaufort). Und morgen sind bis 37 kn angesagt. Erstaunlicherweise sind die Wellen hier in Minerva dabei noch recht ertrĂ€glich. Besonders wenn man bedenkt, dass (außerhalb des Riffs) knapp 4 m Welle stehen. FĂŒr morgen sind sogar 4,6 m vorhergesagt.

Wie sieht das aus? Jayne und James von der Scout haben mit ihrem Dinghy einen Ausflug an die innere Riffkante gemacht. Vom Riffdach aus gibts bei Niedrigwasser einen etwa kniehohen Wasserfall in die Lagune, draußen ans Außenriff donnern die brechenden Pazifikwellen. Von Bord der Flora zeigt sich das so:

Bei Hochwasser schafft es der Ozeanschwell stark abgeschwĂ€cht ĂŒber das Riffdach. Dann wird es hier am Ankerplatz unruhiger, aber bisher ist es immer noch gut ertrĂ€glich.

Nach dem Peak morgen sollen sich Wind und Wellen dann ab ĂŒbermorgen langsam wieder abschwĂ€chen.

Samstag kann ich dann vielleicht auch in den Mast, um das zum GlĂŒck am Fallenaustritt hĂ€ngengebliebene Fockfall herunterzuholen. In 20 m Höhe schaukelt mir das derzeit zu sehr.

Dann doch lieber erstmal an Bord der Scout mit Jayne und James dessen Geburtstag nachfeiern.

Überhaupt hat man ja von der Scout aus einen besonders schönen Blick auf die Flora, wie auch das von James geschossene Sonnenaufgangsfoto zeigt:

Auf der Horizontlinie ist ĂŒbrigens kein fernes Land zu sehen, sondern eben die Ozeanwellen außerhalb des Riffs.

Auf zur „Bay of Islands“ in Neuseeland

Eines der beliebtesten und bekanntesten Segelreviere Neuseelands ist die „Bay of Islands“ an der NordostkĂŒste der Nordinsel. Etwa 20 km schneidet sie ins Landesinnere hinein, wird dabei bis zu 16 km breit. Trotz dieser ĂŒberschaubaren Ausmaße weist sie offiziell 144 Inseln auf. Bei dieser ZĂ€hlweise mĂŒssen offenbar neben kleinsten Inselchen auch grĂ¶ĂŸere Felsen eingeflossen sein. Dennoch bieten sieben grĂ¶ĂŸere Inseln und eine Vielzahl sich vom Festland in die Bucht hinein erstreckender Halbinseln so viele Buchten und damit AnkerplĂ€tze, dass sich bei jeder Windrichtung ein geschĂŒtztes PlĂ€tzchen finden lĂ€sst.

Außerdem findet sich mit dem Örtchen Opua in der Bay of Islands Neuseelands nördlichste Gelegenheit zum Ein- und Ausklarieren. Damit bietet es sich förmlich an, in der Bay of Islands auf ein Wetterfenster fĂŒr den Absprung nach Fiji zu warten.

Whangārei Harbour verabschiedet uns mit einem krÀftigen Schauer, aber als wir die Whangārei Heads passiert haben, klart es dann auf.

Und so wird es ein richtig schöner Segeltag. Zwar segeln wir meist hoch am Wind an der OstkĂŒste hinauf, aber wegen des ablandigen Windes baut sich keine starke Welle auf. So war das geplant, fein, wenn es auch eintrifft. Unser Tagesziel ist die gut 52 Seemeilen entfernte Bucht Whangamumu.

Ein Traum. Die Bucht in der zerklĂŒfteten KĂŒste bietet in ihrer SĂŒdwestecke die Einfahrt in eine nochmals besser geschĂŒtzte zweite Bucht.

Drumherum fast nur Natur, lediglich ein paar unauffĂ€llige Ruinen einer alten Walfangstation am Ufer. Das mĂŒssen wir uns natĂŒrlich ansehen. Ein Hinweisschild erlĂ€utert, dass frĂŒher Wale in die innere Bucht getrieben wurden, die dann mit einem Netzt abgesperrt wurde. Bis zu 10 Wale im Jahr konnten dann mit Harpunen erlegt werden. In der Walfangstation wurde der Walspeck dann zu Öl verarbeitet. In spĂ€teren Jahren (Anfang des 20. Jahrhunderts) gab es dann ein dampfbetriebenes Harpunierschiff, mit dem außerhalb der Bucht gejagt wurde. Bis zu 50 Wale im Jahr wurden damit erlegt und ebenfalls zur Weiterverarbeitung in die Bucht gebracht. Ein paar rostige Maschinenteile, die aus Beton gegossenen Kochstellen und ein von der Natur schon fast zurĂŒckerobertes ehemaliges Maschinenhaus sind noch zu sehen.

Wir wandern noch ein kleines StĂŒckchen weiter zu einem Wasserfall mit Dusch- und Badebecken. In die andere Richtung verlĂ€uft ebenfalls ein schmaler Wanderpfad, der aber nach 100 Metern schon wieder endet (fĂŒr uns, abgesperrt ist es nicht). Nur noch fußbreit lĂ€uft er am steilen Hang entlang weiter, den Rest hat offenbar kĂŒrzlich ein Erdrutsch mitgenommen. Auch die ĂŒbrigen HĂ€nge um die Bucht herum weisen vielfach die Narben frischer Erdrutsche auf. Ob das Vaianu war oder schon die starken RegenfĂ€lle davor?

Wie auch immer, der Schönheit von Whangamumu tut es keinen Abbruch.

Wir wĂŒrden gerne noch bleiben, aber ab ĂŒbermorgen ist krĂ€ftiger Nordwestwind angesagt, nicht eben ideal fĂŒr unsere weitere Route. Deshalb geht es nach diesem herrlichen Zwischstopp schon am nĂ€chsten Morgen weiter nach Norden, nun wirklich zur Bay of Islands.

Wieder können wir wunderbar segeln.

Wir segeln sogar einen Kringel um die unverkennbare Landmarke am Cape Brett, das von uns so getaufte halbversunkene Mammut (die Insel Motukokako, besser bekannt als „Hole in the Rock“).

Fotosession am 148 m hohen Mammut 🩣:

Cape Brett markiert zugleich den Eingang in die Bay of Islands, die Halbinsel des Caps ist die Nordostspitze der Bucht. Wir biegen also am Mammut links ab. Unser erstes Ziel in der BOI (Bay of Islands, viele Kiwis lieben offenbar AbkĂŒrzungen) ist gleich deren grĂ¶ĂŸte Insel: Urupukapuka (die MaorĂ­ ziehen den AbkĂŒrzungen offenbar Dopplungen vor).

Wir wissen bis dahin noch nicht so recht was uns erwartet, aber Segelfreunde hatten uns von der Bay of Islands viel vorgeschwÀrmt.

Und so sieht unsere erste Ankerbucht aus, die Urupukapuka Bay:

Noch am Abend machen wir einen ersten kleinen Hike auf der Insel, am nĂ€chsten Morgen gleich einen zweiten, deutlich lĂ€ngeren. Die Wanderpfade auf Urupukapuka sind gut markiert. Sie fĂŒhren kreuz und quer ĂŒber das etwa drei Quadratkilometer große Eiland, manchmal unmittelbar an den AbgrĂŒnden der steilen Klippen entlang, hinab zum Strand einer Bucht und wieder hinauf auf die Klippen. Mal ĂŒber Schafweiden, dann wieder durch dichte niedrige WĂ€lder aus SĂŒdseemyrthe. Das etwas weichere Manuka und das hĂ€rtere Kanuka werden auch Teebaum genannt. Aus dem Nektar machen die Bienen den berĂŒhmten Hanuka-Honig. Wir sind erstaunt, das diese BĂ€ume jetzt im Herbst noch BlĂŒten tragen.

Ganz verlustfrei geht der Hike nicht ab. An Wiebkes linker Sandale löst sich die Sohle. Barfuß weiter? Aber nein, Notreparaturen sind wir ja gewohnt: ein Haarband wird geopfert und fĂŒr den Rest des Hikes hĂ€lt das ganz tatsĂ€chlich auch.

Die Aussichten auf der Wanderung sind phÀnomenal.

Was aber fast noch beeindruckender ist und diesen Hike ganz besonders macht: Urupukapuka ist – wie einige andere Inseln in der BOI – seit 2008 offiziell „mammal pest free island“. Alle vom Menschen eingefĂŒhrten fĂŒr die heimische Tierwelt schĂ€dlichen SĂ€ugetiere (wie MĂ€use und Ratten, aber auch Katzen und Hunde) gibt es auf Urupukapuka nicht mehr. Die heimische Tierwelt kann sich hier wieder erholen und wurde zum Teil auch extra wieder angesiedelt. Kiwi-Vögel sehen wir zwar nicht (KunststĂŒck, wir sind ja tagsĂŒber unterwegs). Was aber deutlich auffĂ€llt, ist der fast ĂŒberall prĂ€sente melodische Gesang der Tui. Das hatten wir bisher so noch nirgends in Neuseeland. Es braucht ein bisschen, ehe wir die eher scheuen Vögel auch entdecken. In der Ferne sieht man sie manchmal auf einem erhöhten Zweig, bei AnnĂ€herung verstecken sie sich aber gerne im dichten GeĂ€st der Manuka oder anderer BĂ€ume. In deren Schatten fallen ihr dunkles Gefieder und die weißen Federpuschel am Halsansatz dann kaum auf. Im Sonnenlicht dagegen entfaltet das Federkleid seine eigentliche Pracht.

Außerdem sehen wir erstmals die relativ kleinen endemischen Neuseelandpiper:

Zudem weitere endemische Vogelarten wie die meisenartigen Neuseeland-Fantails (Pīwakawaka) und die neuseelÀndischen Austerfischer.

Und natĂŒrlich, im weichen Abendlich besonders farbenfroh, die neuseelĂ€ndischen PurpurhĂŒhner, hier PĆ«keko genannt.

Ein elementar anderes, aber ebenfalls tierisches BegrĂŒĂŸungsgeschenk in der Bay of Islands gibt es am Abend an der Flora:

Delfine kommen in unsere Ankerbucht, erjagen sich ihr Abendbrot und spielen anschließend ganz dicht um die Boote herum.

Was fĂŒr ein Empfang. Erster Eindruck: hier lĂ€sst es sich aushalten. â˜ș

Vorkehrungen fĂŒr Ex-Zyklon Vaianu

Ein Thema dominiert derzeit die Nachrichten hier in Neuseeland:

Bei vielen Kiwis werden Erinnerungen an den Zyklon Gabrielle wach, der im Februar 2023 Neuseeland traf, 11 Tode verursachte und immense SchĂ€den anrichtete. Nicht nur die brutalen Winde, sondern vor allem die mit Gabrielle einhergehenden sintflutartigen RegenfĂ€lle sorgten unfassbare 140.000 dokumentierte Erdrutsche und in der Folge auch fĂŒr zum Teil tagelange StromausfĂ€lle, lĂ€ngere Zeit gesperrte Straßen und zerstörte BrĂŒcken.

Wie damals Gabrielle war jetzt auch Vaianu zwischenzeitlich ein Zyklon der Kategorie drei. Zum GlĂŒck fĂŒr die tropischen Inselgruppen ging er zwischen Vanuatu und Fiji hindurch, Landfall wird Vaianu dann Samstag/Sonntag (hoffentlich schon deutlich abgeschwĂ€cht) in Neuseeland machen.

Wieso eigentlich abgeschwĂ€cht? Tropische WirbelstĂŒrme (je nach Region Hurrikan, Taifun oder Zyklon genannt) benötigen Wassertemperaturen von ĂŒber 26,5° Celsius, um zu entstehen. Der „Treibstoff“ dieser WirbelstĂŒrme ist die sehr warme und sehr feuchte Luft, das Aufsteigen großer Mengen verdunstenden Wassers. Das Wasser kondensiert dann in der kĂ€lteren Höhenluft, wobei enorme Mengen an Energie freigesetzt werden. Das erklĂ€rt auch die immensen Regenmengen, die diese WirbelstĂŒrme mit sich bringen.

Jetzt im SĂŒdhalbkugel-Herbst (wo der April dem Oktober der Nordhalbkugel entspricht) ist das Wasser um Neuseeland herum nicht mehr ganz so warm, insbesondere im SĂŒden.

Aktuell sieht die Temperaturverteilung so aus:

In OrkanstĂ€rke blĂ€st Vaianu daher schon jetzt nicht mehr. Wirklich entspannen kann Neuseeland deswegen aber noch nicht. Zu groß, zu mĂ€chtig ist das System noch. Mehr als deutlich wird das auf den aktuellen Satellelitenaufnahmen:

Und noch immer schiebt der Sturmwirbel Wassermassen vor sich her, die sich zur Höhe dreistöckiger GebĂ€ude auftĂŒrmen. FĂŒr die KĂŒste vor Whangārei werden bis zu 9 m hohe Wellen vorhergesagt.

Vor allem aber wird befĂŒrchtet, dass die starken RegenfĂ€lle bei den ohnehin von vorangegangenen Tiefdruckgebieten durchfeuchteten Böden an steileren HĂ€ngen erneut starke Erdrutsche auslösen könnten.

Unmittelbar von solchen „Landslides“ betroffen dĂŒrften wir auf der Flora hier im Hafen von Whangārei zum GlĂŒck nicht sein. Um unseren Liegeplatz herum gibt es eher sanfte HĂŒgel. Hinsichtlich etwaiger StromausfĂ€lle wĂ€ren wir auf unserem Boot ja ohnehin autark. VorrĂ€te haben wir eingekauft. Heute gilt es also, Flora so sturmsicher wie möglich zu vertĂ€uen. Außerdem bauen wir das Bimini ab, um die Windlast zu verringern, sichern die Segel doppelt, fĂŒllen den Frischwassertank auf, laden die Batterien voll und nehmen die Starlinkantenne ab (sie funktioniert mit EinschrĂ€nkungen auch im Boot).

Und jetzt heißt es abwarten.

Und 
 warme Socken stricken, weil der Wind ĂŒber SĂŒd herumdrehen und kalte Luft hier heraufschaufeln wird. Ganz klassisch, Wiebke strickt rosa Socken, ich blaue.

Verwirrung der Jahreszeiten

Wir gehen endlich mal wieder baden.

Bei unserer Erkundung der Nordinsel fahren wir zum Herz dieses Landesteils, dem ziemlich genau in der Mitte der Nordinsel gelegenen Lake Taupƍ. Der grĂ¶ĂŸte See Neuseelands wird oft auch als das spirituelle Auge im Land der MaorĂ­ bezeichnet.

TatsĂ€chlich ist der ĂŒber 600 Quadratkilometer große See bei mehreren riesigen Vulkanexplosionen entstanden. Die letzte große Explosion ereignete sich im Jahr 181 unserer Zeitrechnung und soll ĂŒber 100 Kubikkilometer (sic!) Material ausgeworfen wurde. Das hatte erhebliche Auswirkungen auf der ganzen Welt, Ablagerungen davon sind selbst im Grönlandeis nachweisbar. Weite Teile Neuseelands wurden dick mit Asche und Bimsstein ĂŒberzogen.

Aktuell ist dieser Vulkan nicht mehr aktiv, aber Neuseeland liegt auf dem pazifischen Feuerring, der hufeisenförmigen Linie von etwa 1.000 Vulkanen rund um den Pazifik. Konkret schiebt sich bei Neuseeland die Pazifische Platte unter die Indoaustralische Platte. Diese Plattentektonik sorgt fĂŒr andauernde seismische AktivitĂ€t.

Kleinere Erdbeben gibt es viele, gespĂŒrt haben wir davon allerdings bisher keines. FĂŒhlbar werden die damit verbundenen unterirdischen Prozesse aber dennoch: Magmablasen heizen tiefliegende Wasserschichten auf und fĂŒhren zu Thermalquellen. Bei Taupƍ (auch der nördlich des Sees liegende Ort heißt so) fließt deshalb ein warmes Wasser fĂŒhrender Bach (Otumuheke) in den deutlich kĂ€lteren Waikatu River. Eine kostenlose öffentliche Badestelle mit Umkleide und Toiletten ist eingerichtet. Und so setzen wir uns unter den warmen Mini-Wasserfall und genießen diesen positiven Aspekt der potentiell so zerstörerischen NaturkrĂ€fte.

Was auffĂ€llt: so langsam hĂ€lt der Herbst Einzug. So schnell geht das mit den Jahreszeiten: gerade noch hatten wir Winter mit Schnee in Hamburg und jetzt ist der FrĂŒhling eingekehrt. Wir sind in den SĂŒdsommer geflogen, hier aber beginnen sich jetzt die BlĂ€tter zu fĂ€rben und wir pflĂŒcken Brombeeren (die hier allerdings eine inzwischen unerwĂŒnschte invasive Art sind):

Danach fahren wir am Waikatu River entlang ein StĂŒckchen weiter zu den Huka-Falls. Hier zwĂ€ngt sich der Waikatu zunĂ€chst durch ein enges Felsenbett. Der zuvor so ruhig dahinfließende Waikato entwickelt sich dabei zu einem hellblauen Wirbel von Stromschnellen, bevor er ĂŒber eine Stufe hinabstĂŒrzt und in einem breiteren Bett wieder so ruhig fließt, als wĂ€re nichts gewesen.

Unser nĂ€chstes Ziel sind die „Craters of the Moon“. Die Vegetation dort zeigt sich zwar weit weniger karg als der Name des Ortes erwarten lĂ€sst, bietet aber doch Besonderes. Mānuka und Kānuka, zwei eng verwandte heimische Baumarten (die auch Teebaum genannt werden), fĂŒllen in Miniaturausgabe hier als bodendeckende BĂŒsche die Ebene. Mehr lassen Boden und Bedingungen einfach nicht zu.

Interessanterweise sind die Wasserdampf-Fumarolen hier vergleichsweise neu und durch menschlichen Eingriff entstanden.

UrsprĂŒnglich stieß hier ein Geysir mit schöner RegelmĂ€ĂŸigkeit heiße WasserfontĂ€nen aus. Ein in 1958 ans Netz gegangenes Geothermie-Kraftwerk senkte dann aber den unterirdischen Wasserspiegel soweit ab, dass der Geysir versiegte. Statt dessen suchte sich das unter Druck stehende Wasser andere Wege und tritt jetzt als Wasserdampf durch viele kleine Spalten aus.

Warum neuseelĂ€ndische „Glowworms“ wenig mit europĂ€ischen „GlĂŒhwĂŒrmchen“ zu tun haben und grĂŒne terrassierte Berge nicht immer dem Reisanbau dienen

Wochenende. Pause von der Bootsarbeit. Zeit fĂŒr ein paar weitere neuseelĂ€ndische Besonderheiten. Wir machen einen Ausflug zu den „Waipu Glowworm Caves“.

Wer (wie wir beide) das GlĂŒck hatte, im heimischen Mitteleuropa schon einmal GlĂŒhwĂŒrmchen gesehen zu haben, kommt aber möglicherweise mit falschen Erwartungen. Die in Mitteleuropa heimischen GlĂŒhwĂŒrmchen sind nĂ€mlich durchgĂ€ngig LeuchtkĂ€fer, die zumeist im Juni oder Juli nachts blinkende Leuchtsignale aussenden. Leuchtreklame zur Partnerwahl unter KĂ€fern.

Die Glowworms in Neuseeland unterscheiden sich davon deutlich. Guide Ian erklĂ€rt uns auf dem kurzen Fußweg vom Parkplatz zur „Milky-Way-Höhle“, das wir es hier zwar wiederum nicht mit WĂŒrmern, statt dessen aber mit ganz anderen Insekten zu tun haben. Die „Titiwai“ (so der MaorĂ­-Name der Glowworms) sind nĂ€mlich neuseelĂ€ndische LanghornmĂŒcken. Allerdings in ihrem Larvenstadium, in dem sie WĂŒrmern immerhin doch etwas Ă€hnlich sehen. Das Leuchten dient bei ihnen nicht der Brautschau, sondern zum Anlocken von Beute, insbesondere kleinen Fluginsekten. Aber wie kann eine trĂ€ge Larve Fluginsekten fangen? Mit spinnwebĂ€hnlichen KlebefĂ€den! Was die Natur sich so alles einfallen lĂ€sst. Damit diese FĂ€den wirklich herabhĂ€ngen bevorzugen die Glowworms windgeschĂŒtzte PlĂ€tze ĂŒber BachlĂ€ufen, die zugleich gerne feucht und natĂŒrlich dunkel sein dĂŒrfen. Man findet sie in dichten WĂ€ldern, vor allem eben aber in Höhlen – den Glowworm Caves.

Also ab in die Tropfsteinhöhle. ZunÀchst noch mit Licht, um auch Stalagmiten und Stalaktiten bewundern zu können und sich etwas einzustimmen und zu orientieren.

Ian zeigt mit einem grĂŒnen Laser die KlebefĂ€den.

Nun werden die Lampen gedimmt, erstes Glowworm-Leuchten wird erkennbar.

Dann – in der Milky-Way-Halle – bleiben wir lĂ€nger mit ausgeschalteten Lichtern stehen. Und wirklich, wie die Milchstraße am Nachthimmel leuchten an der Höhlendecke ganze Cluster blauer Lichtpunkte der vielen Glowworms, bilden ĂŒber dem durch die Tropfsteinhöhle fließenden BĂ€chlein einen eigenen „Sternenhimmel“.

Ein beeindruckendes Erlebnis.

Auf der RĂŒckfahrt zur Flora fĂ€llt uns einmal mehr ins Auge, wie stark viele der grĂŒnen HĂŒgel Neuseelands terrassiert sind.

Anders als etwa bei den Reisterrassen SĂŒdostasiens sind diese Terrassen aber nicht von Menschenhand angelegt. Mittelbar ist er dennoch verantwortlich, denn die Architekten dieser schmalen und oft unfassbar regelmĂ€ĂŸigen Stufen an den HĂ€ngen sind die vom Menschen eingefĂŒhrten Nutztiere, allen voran KĂŒhe und Schafe, aber auch Ziegen.

Die Tiere bewegen sich in steilem GelĂ€nde bevorzugt parallel zum Hang, auf Dauer entstehen dadurch diese auffĂ€lligen schmalen Ebenen. „Viehgangeln“ gibt es auch andernorts, die intensive Beweidung und die geologischen Besonderheiten sowie die Beschaffenheit der Böden in Neuseeland scheinen die hier „Terracettes“ genannten Strukturen besonders zu begĂŒnstigen.

Bilderbuch-Sonntag im SĂŒdsommer und Regentage danach

Nach der Bootsarbeit am Samstag beziehen wir unser neues AirBnB, dieses Mal eben nordöstlich von Whangārei etwas abseits auf dem Land gelegen. Der Vermieter bezeichnet es als „Shed“, was wörtlich ĂŒbersetzt Schuppen oder Stall bedeuten wĂŒrde. Vielleicht wurde das GebĂ€ude wirklich mal so genutzt, wahrscheinlicher aber scheint die Bezeichnung einfach nur auf der Lage in der Wiese am HĂŒgel hinzudeuten. Es ist zwar einfach gebaut, aber gerĂ€umig und gut eingerichtet. GrĂ¶ĂŸere Gruppen wĂŒrden das einzige Schlafzimmer des GebĂ€udes durch drei zubuchbare 3-Bett-HĂŒtten ergĂ€nzen, aber jetzt in der Nebensaison können wir eben auch das Haus allein mieten.

Und so schwelgen wir im Luxus mit Waschmaschine, Trockner, SpĂŒlmaschine, RiesenkĂŒhlschrank mit EiswĂŒrfelspender 


Das Beste aber ist der Ausblick ĂŒber das Tal und die dahinter wieder ansteigende HĂŒgellandschaft. Am Morgen hĂ€ngt kurz noch Nebel ĂŒber dem Bach, spĂ€ter können wir beobachten, wie ein SchĂ€fer seine Herde zusammentreibt und auf die nĂ€chste Weide leitet.

Vögel spazieren ĂŒber die Wiesen am Haus. Bekannte, wie die von den EuropĂ€ern eingefĂŒhrten Lerchen, aber auch farbenfrohe typische neuseelĂ€ndische Arten wie Maskenkiebitze (von den MaorĂ­ Pukekohe genannt) mit ihren gelben Gesichtslappen oder die PĆ«kekos (PurpurhĂŒhner) mit dem krĂ€ftigen roten Schnabel und dem eben auch purpurroten Stirnschild sowie dem blauschwarzen Bauchfederkleid.

Den Sonntag nutzen wir diesmal fĂŒr einen Ausflug nach Pataua an der Ngunguru Bay. Kein Touristenort, eher ein charmant verschlafenes Nest, das inzwischen mehr und mehr mit FerienhĂ€usern fĂŒr die Sommerfrische garniert ist.

Das Stranddörfchen Pataua ist zweigeteilt. Der gleichnamige Fluss schneidet tief ins Land ein, fĂŒr Autos gibt’s weder eine BrĂŒcke noch eine FĂ€hre, also Sackgasse von beiden Seiten. Wir entscheiden uns fĂŒr die Anfahrt nach Pataua SĂŒd und parken dort. Eine schmale FußgĂ€ngerbrĂŒcke fĂŒhrt hinĂŒber nach Norden. Sie bildet nicht nur einen Verbindungsweg zum Nachbarn, sie ist auch Treffpunkt, Spielplatz, Badestelle, Sprungturm, Kulisse fĂŒr das Picknick. Kurz: das eigentliche Zentrum des Dorfes. Eben nördlich und sĂŒdlich der BrĂŒcke finden sich öffentliche Bootsrampen, ĂŒber die Angelboote ein- und ausgewassert werden. Jetzt am Sonntag ist ordentlich Betrieb.

Über die FußgĂ€ngerbrĂŒcke spazieren wir nach Pataua Nord und weiter zum wunderschönen Strand.

Hier erschließt sich mir erstmals der ganze Charme eines Elektrofoils: mĂŒhelos hinausfahren (Motor ist unter Wasser) und dann in den Wellen hoch aufs Foil zum Surfen (Motor ist ĂŒber Wasser).

😁

Auf der RĂŒckfahrt machen Wiebke und ich noch einen Abstecher zu den Taheke Waterfalls, nahe bei unserem AirBnB.

Ein schöner Wanderweg fĂŒhrt durch Kauri-Wald und unter den typisch neuseelĂ€ndischen Baumfarnen hindurch zum Wasserfall. Direkt zu unseren FĂŒĂŸen rauscht der Fluß weit in die Tiefe.

Beeindruckend ist auch, wie hervorragend der Wanderweg angelegt (eher: ausgebaut) ist. Es sind nicht viele Wanderer unterwegs, wir begegnen nur einem anderen PĂ€rchen. Trotzdem winden sich ewig lange Treppen den Berg hinauf und machen den Hike durch den Wald eher zu einem ausgedehnten Spaziergang.

Und unter der Woche?

Ein Tiefdruckwirbel mit Böen in OrkanstÀrke (65 kn) in seinem Zentrum zieht nördlich von Neuseeland durch. Das bringt auch hier starken Wind (bis 40 kn) und intensive RegenfÀlle.

Der SpÀtsommer (MÀrz hier entspricht September in Europa) macht Pause und zeigt, dass der Herbst nicht mehr weit ist.

FĂŒr nĂ€chste Woche ist aber wieder sommerliches Wetter angekĂŒndigt.

😎

Zum Cape Reinga und zum „Ninety Mile Beach“, außerdem Gumdigger und schneeweiße DĂŒnen

Wunderschöne, scheinbar unendliche StrÀnde? Keine Frage, die hat Neuseeland zu bieten.

Vor allem hoch im Norden der Nordinsel mit dem legendĂ€ren „Ninety Mile Beach“.

Aber um da hin zu kommen, braucht es etwas Geduld. Etwa vier Stunden wĂŒrde die rund 280 Kilometer lange Fahrt von Whangārei bis zum Cape Reinga an der Nordwestspitze Neuseelands mindestens dauern. Etwas mehr, wenn man wie wir statt der recht gut ausgebauten Landstraße „Highway #1“ zunĂ€chst den kleineren „Highway #15“ nimmt. Letzterer fĂŒhrt – typisch fĂŒr die kleineren Straßen in Neuseeland – mit zumeist nur einspurigen BrĂŒcken ĂŒber die FlußlĂ€ufe und ist eher landschaftsangepasst angelegt, dadurch Ă€ußerst kurvenreich.

Da wir am Freitagnachmittag erst nach der Bootsarbeit losfahren, haben wir uns als Unterkunft fĂŒr das Wochenende ein AirBnB auf einer Farm bei Ngataki an der Henderson Bay gewĂ€hlt.

Kurz bevor wir dort ankommen, lockt uns ein Schild am Straßenrand noch auf einen weiteren kleinen Umweg.

„Gumdiggers Park“ ist ein kleines Museum, welches das Leben und Arbeit der „Gumdigger“ zeigt, im wesentlichen im Freiluftbereich auf einem authentischen, im ursprĂŒnglichen Zustand belassenen „Gumfield“. Hinter dieser ominösen Bezeichnung verbirgt sich einer der zwischen 1850 und 1950 wesentlichsten Wirtschaftszweige Neuseelands. Heute fast vollstĂ€ndig vergessen, wurden in dieser Zeit etwa 450.000 Tonnen (sic!) „Kauri-Gum“ exportiert. Der Exportwert betrug insgesamt rund 25 Millionen Britische Pfund, in der Spitzenzeit um 1900 herum ĂŒberstieg er den der landwirtschaftlichen Produkte.

Und was ist Kauri-Gum? Bernstein aus dem Harz fossiler Kauri-BĂ€ume. Kauri, die grĂ¶ĂŸte neuseelĂ€ndische Baumart, sind immergrĂŒne LaubbĂ€ume aus der Familie der Koniferen. Sie können ĂŒber 50 m hoch werden und ĂŒberragen regelmĂ€ĂŸig das Kronendach des Waldes. Wegen des hochwertigen Holzes wurden sie von der holzverarbeitenden Industrie frĂŒher intensiv gefĂ€llt, heute stehen sie unter Naturschutz. Bei Verletzungen bilden Kauri ein besonderes Harz aus. Schon vor der Ankunft der EuropĂ€er nutzten die MaorĂ­ den Bernstein aus diesem Harz als Schmuck und zum Feuermachen. Zum Teil konnte er oberflĂ€chlich gefunden werden. Die grĂ¶ĂŸeren Reservoire aber fanden sich dort, wo komplette Kauri-WĂ€lder durch Naturkatastrophen wie etwa Tsunamis oder VulkanausbrĂŒche vernichtet und in sumpfige FlĂ€chen gestĂŒrzt waren. Das Holz wurde dabei in Teilen konserviert, das Harz aber versteinerte im Laufe der Jahrtausende zu Berstein. Die Gumdigger suchten in mĂŒhsamer Handarbeit mit speziellen eisernen Suchstangen nach dem Kauri-Gum und gruben dann mit Spaten Löcher in den sumpfigen Grund, um es zu bergen. Besonders schöne StĂŒcke wurden fĂŒr Schmuck verkauft, der weitaus grĂ¶ĂŸte Teil aber wurde nach dem Export in Englnd und den USA kleingemahlen und fĂŒr die Produktion von Lack und Firnis verwendet.

Radiokarbon-Analysen haben ergeben, dass die Kauri-BÀume im Gumfield des MuseumsgelÀndes etwa 45.000 bis 150.000 Jahre alt sind, der Ort wurde offenbar von mehreren katastrophalen Ereignissen getroffen.

Der Wanderweg ĂŒber das GelĂ€nde ist auch mit vielen Hinweisen zur Tier- und Pflanzenwelt versehen. So erfahren wir zum Beispiel, dass diese gewundenen schmalen StĂ€mme zu Hanuka-Pflanzen gehören, aus deren BlĂŒten die Bienen den Nektar fĂŒr den berĂŒhmten Hanuka-Honig sammeln.

Und natĂŒrlich hören wir beim Spaziergang die allgegenwĂ€rtigen Chor-Zikaden. Diese typisch neuseelĂ€ndische Zikadenart bekomme ich dann tatsĂ€chlich auch vor die Kamera-Linse:

Nach dieser unerwarteten Geschichts- und Naturkundestunde geht’s dann aber tatsĂ€chlich zu unserem AirBnB.

Die ehemalige Scheune der Farm ist zu einem großen Einraum-AirBnB umgestaltet worden. Gut ausgestattet, vor allem aber gefĂ€llt uns das Drumherum. Im KĂŒhlschrank findet sich ein Liter Milch, im Eisfach Toastbrot. Auf der ArbeitsflĂ€che:

Der Hausherr ist bei unserer Ankunft zu einem Angelwettbewerb unterwegs, bei seiner RĂŒckkehr schenkt er uns ein vier Finger dickes StĂŒck Gelbflossen-Thunfisch. Wird natĂŒrlich gleich verarbeitet:

Außerdem besonders an dieser Unterkunft: morgens weiden Pferde auf der Wiese vor unserem Fenster und wilde TruthĂ€hne (bzw. TruthĂŒhner) laufen auch vorbei.

Oh, und ein etwa 40 cm großer Flötenvogel unterhĂ€lt uns musikalisch und lĂ€sst sich dabei auch noch ablichten.

Die Henderson Bay schauen wir uns natĂŒrlich auch an:

Am Samstag fahren wir dann hoch zum Cape Reinga. Anfangs passieren wir noch hÀufig Avocado-Plantagen, die sich zum Schutz hinter dicht gepflanzten hohen Koniferenhecken verstecken.

Die weitere Fahrt fĂŒhrt dann aber durch eine fast menschenleere Gegend mit vielen WeideflĂ€chen, jetzt auch mit mehr Schafen, zumeist aber doch KĂŒhen. Nach Westen hin blitzen vereinzelt SandĂŒnen durch, die schon am Rande des Ninety Mile Beaches stehen.

Erst einmal aber fahren wir ganz hinauf zum Cape Reinga mit seinem markanten kleinen Leuchtturm.

Hier an der Nordwestspitze Neuseelands treffen die unterschiedlichen Strömungen der Tasmansee und des Pazifiks aufeinander und sorgen selbst bei ruhigem Wetter fĂŒr eine aufgewĂŒhlte See.

Wunderschön ist der Hike oben am Rande des Cliffs entlang. Wir kehren irgendwann trotzdem um Richtung Parkplatz, aber tief unter uns können wir am Strand Wanderer beobachten, die sich schwer bepackt mit ihren RĂŒcksĂ€cken zur tage-, wochen- oder monatelangen Wanderung auf dem Te Araroa Trail aufmachen, dem lĂ€ngsten Fernwanderweg Neuseelands (insgesamt 3.030 km in etwa 300 Sektionen).

Unsere nĂ€chste Station fĂŒhrt uns an die OstkĂŒste der Halbinsel, der Kokota Sandspit hat unser Interesse geweckt. Auf der Fahrt hoch zum Cape Reinga blitzte es auf der Ostseite an der KĂŒste manchmal weiß auf. Brandung? Nein, zu regelmĂ€ĂŸig. Es sieht eher wie DĂŒnen aus. Aber so blendend weiß?

Google Earth hilft uns weiter. Es ist der Kokota Sandspit. Selbst auf den Satellitenbildern sieht er viel heller aus, als die bekannten riesigen SanddĂŒnen an der WestkĂŒste sĂŒdlich von Cape Reinga.

Das mĂŒssen wir uns doch mal nĂ€her ansehen. Direkt auf den Kokoa kommt (und darf) man zwar nicht, aber einer der fĂŒr Nebenstraßen hier typischen Schotterwege fĂŒhrt ĂŒber 6 km staubige Waschbrettpiste zu einem in der Bucht genau gegenĂŒber liegenden Campingplatz. Ein Katamaran hat sich in die Bucht hineingewagt und scheint dort zu ankern.

Die Szenerie mutet ein wenig unwirklich an, aber die Farbe des Kokota Sandspit ist aus der NĂ€he eher noch beeindruckender. So, als wĂ€re die gesamte DĂŒne mit Meersalz ĂŒberzogen. Aber das ist nicht der wahre Grund. Des RĂ€tsels Lösung nach Internet-Recherche: der Kokota Sandspit besteht aus ungewöhnlich reinem Siliziumquarzsand mit einem Reinheitsgrad von bis zu 97,7 % SiO₂. FrĂŒher wurde der Siliziumsand hier auch abgebaut, insbesondere zur Glasproduktion. Zum Beispiel fĂŒr die Glasfassade des Skytowers in Auckland. Inzwischen aber ist der Sandspit Teil des weit grĂ¶ĂŸeren und ökologisch vielfĂ€ltigen Naturschutzgebietes „Te Paki Reserve“.

Ganz andere DĂŒnen in diesem Schutzgebiet besuchen wir danach. Die „Te Paki Giant Sand Dunes“ bestehen ebenfalls aus feinem Sand, nur eben aus goldbraunem (mit deutlich weniger Siliziumanteil). Sie sind eine ziemlich bekannte Touristenattraktion, denn auf ihnen kann gesurft werden. Sand-Boarding! Bretter dafĂŒr werden direkt vor Ort vermietet. Vorwiegend wird das Angebot von jungen Leuten angenommen. Mit dem gemieteten Brett stapfen sie die DĂŒnen hinauf, um sie dann bĂ€uchlings auf dem Brett liegend wieder herunter zu sausen.

Und auch die nĂ€chste Attraktion hat mit Sand zu tun, denn eben sĂŒdlich beginnt der berĂŒhmte „Ninety Mile Beach“. Der Name ist zwar irrefĂŒhrend, denn der ununterbrochene Strand ist tatsĂ€chlich „nur“ knapp 90 Kilometer (und damit etwa 55 Meilen) lang. DafĂŒr weist er aber neben seiner wirklich imposanten LĂ€nge eine weitere Besonderheit auf. Er ist nicht nur Teil des Te Araroa Trails, sondern darf auch mit Autos befahren werden. Er ist sogar offiziell als Highway anerkannt. HauptsĂ€chlich wird der Strand zwar von Touristen und Anglern befahren, er dient aber auch als Alternative zum nördlichen Teil des State Highway #1, wenn dieser wegen Erdrutschen oder Überflutungen gesperrt werden muss. Der superbreite Strand ist zumeist fest und wirklich gut befahrbar, allerdings ist es unerlĂ€sslich, die Tide fest im Blick zu behalten.

Wir erweitern ein wenig unsere Komfortzone. 😚

Auf der RĂŒckfahrt nach Whangārei machen wir nochmal einen Stop und schließen ein bisschen den Kreis zu den Gumdiggern von der Hinfahrt.

In der „Kā Uri Art Gallery“ mit CafĂ© und Holzwerkstatt geht es um MaorĂ­-Kunst und insbesondere deren Beziehung zu den Kauri-BĂ€umen. Neben anderen MaorĂ­-Kunstwerken sind diverse in Kauri-Holz ausgefĂŒhrte Schnitzereien zu sehen. Verwendet wird dafĂŒr regelmĂ€ĂŸig „unearthed Kauri“, also das in SĂŒmpfen erhaltene uralte Holz versunkener BĂ€ume. Wie riesig diese Kauri-BĂ€ume waren, zeigt eine Wendeltreppe, die komplett in einen etwa 50.000 Jahre alten ausgegrabenen Kauri-Stamm hineingearbeitet wurde:

Neuseelands Northland, die Possums und Hundertwasser

Die letzten Tage hier nutzen wir, um auch die Umgebung von Whangārei im Bezirk Northland noch etwas zu erkunden.

Ein Ausflug fĂŒhrt uns hinauf zur Bay of Islands, die wir nĂ€chstes Jahr unbedingt mit dem Boot besuchen möchten. Die Nebenstraße ĂŒber Helena Bay auf der Strecke von Whangārei nach Russel lĂ€sst mein altes Motorradfahrer-Herz höher schlagen, obwohl wir mitten Auto unterwegs sind. Etwa 100 km lang finden sich kaum mal 200 m gerade Strecke. Dabei geht es bergauf und bergab, durch WĂ€lder, Wiesen und an der schroffen KĂŒste mit eingestreuten kleinen StrĂ€nden entlang.

Ein bisschen Viehwirtschaft, wenige kleine Ortschaften, kaum Verkehr. Eine halbe Stunde lang zĂ€hlen wir den Gegenverkehr und die plattgefahrenen Possums auf der zumeist schmalen, gewundenen Straße. Es sind weniger entgegenkommende Autos als totgefahrene Possums. Diese nachtaktiven BeutelsĂ€uger sind extrem unbeliebt in Neuseeland. Die Fuchskusus (so der deutsche Name) sind etwas grĂ¶ĂŸer als eine Hauskatze. Um 1850 herum wurden sie aus Australien zum Aufbau eines Pelzhandels eingefĂŒhrt. In Australien sind diese Beuteltiere inzwischen geschĂŒtzt. In Neuseeland aber haben sie keine natĂŒrlichen Feinde. Insofern vermehrten sie sich explosionsartig. Viele NeuseelĂ€nder ĂŒberfahren sie deshalb lieber absichtlich, als ihnen auszuweichen, denn Possums haben sich zu einer heute bekĂ€mpften Plage fĂŒr die originĂ€re neuseelĂ€ndische Planzen- und Vogelwelt entwickelt.

Wo ich schon bei der neuseelĂ€ndischen Vogelwelt bin 😉:

Wir beobachten unter anderem die typisch neuseelĂ€ndischen schwarzblauen Tui (-Honigvögel) mit ihrem auffĂ€lligen hellen FederbĂŒscheln am Hals und die kaum golfballgroßen Neuseeland-FĂ€cherschwĂ€nze (PÄ«wakawaka oder Fantail) sowie die etwa sperlingsgroßen Graumantel-Brillenvögel. Letztere kamen (wie die Possums) erst im 19. Jahrhundert nach Neuseeland. Da sie aber nicht vom Mensch eingefĂŒhrt wurden, sondern vermutlich ein Schwarm durch einen Zyklons auf natĂŒrlichem Weg von Australien hierher abgetrieben wurde, gelten sie nicht als invasive, sondern als heimische Art. Die Pflanzen- und Tierwelt Neuseelands hat halt so ihre Eigenarten. Es ist kompliziert.

Russel selbst ist ein kleiner Touristenort auf einer langgezogenen und buchtenreichen Halbinsel in der Bay of Islands.

Insbesondere an der Uferpromenade finden sich einige viktorianische Holzbauten, die heute zumeist als Cafés und Restaurants genutzt werden.

Von Russel aus nehmen wir die FĂ€hre hinĂŒber nach Opua. Hier klarieren die meisten Segler nach Neuseeland ein, so wie wir das ja ursprĂŒnglich auch geplant hatten. Gerade am Vortag ist die Terikah angekommen. Wir hatten Jen und Cris mit ihren Kindern Calder und Cora in Mexiko kennengelernt und zuletzt in Französisch Polynesien getroffen, die Wiedersehensfreude ist groß und wir schnacken lĂ€ngere Zeit auf ihrem Katamaran.

In Opua machen wir außerdem noch einen herrlichen Waldspaziergang auf dem Opua Kauri Walk.

Zwischen hohen Baumfarnen und vielen Kauri-BĂ€umen hindurch geht es zu einer Aussichtsplattform nahe einem etwa zwei Meter im Durchmesser aufweisendem jahrhundertealten Exemplar dieser den MaorĂ­ als heilig geltenden BĂ€ume.

Auf der RĂŒckfahrt nach Whangārei machen wir einen kurzen Zwischenstopp in Kawakawa. Die Hauptattraktion (vielleicht auch die einzige) in dieser kleinen Ortschaft ist die öffentliche Toilette. Was zunĂ€chst skurril anmutet, geht auf den bekanntesten Bewohner des Ortes zurĂŒck: der Allrounder-KĂŒnstler Friedensreich Hunderwasser wohnte hier ganz in der NĂ€he von 1975 bis zu seinem Tod im Jahr 2000. Direkt hinter der von ihm gestalteten Toilette gibt es auch einen kleinen Hundertwasser-Park mit einer Bibliothek.

Wir waren zwar in Wien (Hundertwasserhaus), Uelzen (Hundertwasserbahnhof) und Hamburg (HundertwassercafĂ©) und zuletzt eben Whangārei schon mehrfach auch mit dem architektonischen Werk Hundertwassers in BerĂŒhrung gekommen, wussten bisher aber nicht, dass er in seinen spĂ€ten Jahren Neuseeland als Wahlheimat ausgesucht hatte.

Dazu können wir dann bei einem Besuch der Dauerausstellung im Hundertwasserhaus in Whangārei noch mehr spannendes erfahren. Etwa, dass Hundertwasser selbst Segler war und sein Schiff, die REGENTAG, auf Teilstrecken auch eigenhÀndig vom Mittelmeer nach Neuseeland gebracht hat.

Und zum Beispiel, dass er eine so enge Beziehung zu seinem Schiff hatte, dass er seinen KĂŒnstlernamen (bĂŒrgerlich hieß er Friedrich Stowasser) erweiterte auf Friedensreich Hundertwasser Regentag Dunkelbunt.

Ein wenig dunkel und ziemlich bunt wird es dann auch noch bei unserer allerletzten Aufgabe in Whangārei: Wolle abholen. Der skurril und ein bisschen dunkel anmutende Teil: in Neuseeland gibt es eine besondere Wolle: neben 80% heimischer Merino-Schafwolle wird 20% Possum eingesponnen. Das weiche Fell der zum Schutz der heimischen Natur gejagten Possums besteht nĂ€mlich aus hohlen Haarfasern, die sich nicht nur gut anfĂŒhlen, sondern dadurch auch besonders isolierende und Feuchtigkeit transportierende Eigenschaften aufweisen. Der bunte: Helene mit ihrer Garagenfirma HappyGoKnitty fĂ€rbt diese besondere Wolle in Handarbeit ein und versendet sie dann auf Bestellung in die ganze Welt. Wir haben aber den Luxus, sie direkt bei ihr abholen zu können und uns dabei die Wolle und den Prozess ihrer Entstehung von ihr erklĂ€ren zu lassen.

Oh, und da wir jetzt ja aus dem neuseelĂ€ndischen FrĂŒhsommer direkt in die ersten deutschen Wintertage fliegen (wir haben Schneebilder gesehen!), hat Wiebke sich zu ihrem Tuch rechtzeitig noch eine passende MĂŒtze fertig gestrickt. Noch nicht aus Possumwolle, aber damit kann ja dann das nĂ€chste Strick-Projekt starten.

Whangārei Harbour

Die Stadt Whangārei liegt etwa 20 km von der eigentlichen OstkĂŒste Neuseelands entfernt im Landesinneren. Und doch liegt sie direkt am Wasser, denn der Hātea River verbreitert sich gleich hinter der Stadt fast seeartig. Jedenfalls bei Hochwasser, obwohl selbst dann die Mangroven schon einen Teil des Überflutungsgebietes bedecken. Bis es dann an den Felsformationen der Whangārei Heads wieder eine schmale FlussmĂŒndung wird, ergibt sich eine weitlĂ€ufige WasserflĂ€che mit vielen Buchten, eben der Naturhafen Whangārei Harbour.

Bei Ebbe allerdings zeigt sich ein ganz anderes Bild. Etwa zwei Meter betrĂ€gt der Tidenhub, aber das reicht aus, um die Landschaft völlig zu verĂ€ndern. SandbĂ€nke und Inselchen tauchen bei Ebbe auch im Ă€ußeren Teil des Whangārei Harbour auf, der innere Teil fĂ€llt sogar auf etwa Dreiviertel seine FlĂ€che trocken. Ein schmales, gut betonntes Fahrwasser fĂŒhrt unter einer auf Anforderung öffnenden KlappbrĂŒcke hindurch bis zum Ort, aber selbst das ist fĂŒr Kielboote wie unsere Flora nur um Hochwasser herum sicher zu befahren.

Da ankern wir doch lieber erst einmal im Ă€ußeren Whangārei Harbour, gleich hinter den Whangārei Heads.

Ein wunderschöner Ankerplatz, wobei die lokalen Boote an Bojen in Wassertiefen liegen, die fĂŒr Flora bei Ebbe schon grenzwertig flach sind. Der Blick in die andere Richtung zeigt die Wattbereiche am Ufer noch deutlicher und lĂ€sst auch ein paar der bei Ebbe auftauchenden SĂ€nde erkennen.

Vom Ankerplatz setzen wir mit dem Dinghy zu einem öffentlichen Landesteg am Ufer ĂŒber. Mehrere Wanderwege fĂŒhren am Wasser entlang und auch hinauf zu den verschiedenen „Heads“. Wir entscheiden uns mit RĂŒcksicht auf unsere untertrainierten Beine fĂŒr den Weg auf den nur 210 m hohen Mt. Aubrey. „Moderately challenging“. Wir schnaufen trotzdem ganz ordentlich, denn der abwechslungsreiche Pfad fĂŒhrt teils auf Schotter, teils als gemĂ€hte Schneise durch Wiesen, grĂ¶ĂŸtenteils aber treppauf – treppab am steilen Mt. Aubrey entlang und durch den Wald auf seinen Felsengrat hinauf. 91 Stockwerke erkennt die Bewegungsapp im Handy daraus.

Spannend dabei ist fĂŒr uns auch die bunte Mischung der Flora und Fauna zwischen heimatbekannt und exotisch. Wir sehen Amseln, Schwalben und Spatzen und wir hören zu unserer Überraschung tatsĂ€chlich einen Kiwi ausdauernd rufen (sehr charakteristisch irgendwo zwischen Schrei und Pfiff), zu sehen bekommen wir den eigentlich ĂŒberwiegend nachtaktiven flugunfĂ€higen Nationalvogel Neuseelands leider nicht.

Auch die Pflanzenwelt ĂŒberrascht mit dem Nebeneinander von aus unserer Heimat bekanntem Hahnenfuß, Schafgarbe und Jungfer im GrĂŒnen neben exotischen GewĂ€chsen, von denen allerdings viele (wie das weißblĂŒhende und fĂŒr Pferde tödliche Crofton Weed) keineswegs heimisch in Neuseeland und eben manchmal auch gefĂ€hrlich sind. Aber auch der wegen seiner Farbe und BlĂŒtezeit so benannte „NeuseelĂ€ndische Weihnachtsbaum“ Pƍhutukawa ist dabei.

Vielleicht ist es auch diese Melange aus heimatlich Vertrautem und Neuem die dazu beitrĂ€gt, dass wir uns hier in Neuseeland auf Anhieb richtig wohl fĂŒhlen.

Wenn das so ist, will das Wetter jedenfalls auch nicht zurĂŒckstehen. WĂ€hrend ich das schreibe, prasselt der Regen auf die Flora, die Kuchenbude ist aufgebaut, es ist kalt geworden. Heimatliches Hamburger November-Schmuddelwetter im SĂŒd-FrĂŒhling in Whangārei.

😉

Passage Minerva nach NZ: Tag 6, Ankunft in NZ

Es bleibt durchwachsen. Erstmal segeln wir weiter unter der dicken grauen Wolke von gestern und so geht es auch in die Nacht. Der Wind dreht allerdings, zum Wachwechsel um 22.00 Uhr beschließen wir, den Spibaum zu setzen um vor dem Wind Schmetterling segeln zu können. Das hĂ€lt dann auch bis zum Morgen durch, wenn auch bei leider abnehmendem Wind. Um 07.00 nehmen wir den Motor dazu. Eine Neuheit fĂŒr uns, Motorsegeln vor dem Wind, aber nur so können wir eine Ankunft in Marsden Cove bei Tageslicht sicherstellen.

Zwischendurch können wir nochmal eine Zeitlang segeln, dann wird es doch wieder motorsegeln. Immerhin, wir sind inzwischen sĂŒdlich der grauen Wolkenfront.

Und dann zeichnen sich langsam Umrisse am Horizont ab. Neue Wolken? Auch, aber: Nein. Land in Sicht! NEUSEELAND.

Am Nachmittag laufen wir an den Klippen der Whangārei Heads in den HĂŁtea River ein. Ein Orca zeigt kurz seine markante RĂŒckenflosse, will sich aber leider nicht fotografieren lassen. Und wir sehen erstmals Austral-Tölpel, nahe Verwandte der fĂŒr Helgoland so typischen Basstölpel, denen sie auch sehr Ă€hnlich sehen.

Ein kleines StĂŒck geht es flussaufwĂ€rts, links Industriekaianlagen, rechts aber wunderschöne Landschaft.

Wir biegen ab in den schmalen Kanal, der zur Marsden Cove Marina fĂŒhrt. Der Hafenmeister weist uns einen Platz im QuarantĂ€nebereich zu. Die Abfertigung wird heute nicht mehr erfolgen, MPI und Zoll kommen dann morgen frĂŒh an Bord.

Macht ĂŒberhaupt nichts. Wir sind superglĂŒcklich, hier zu sein.

Essen: unterwegs RĂŒhrei mit einigem von dem, was das MPI uns morgen sonst wegnehmen wĂŒrde, z.B. Datteln und Speck. Und heute Abend Nudeln mit Pilz-Sahne-Soße. Wie ein Kessel Buntes eben, passt doch ganz gut zu dieser ziemlich abwechslungsreichen Passage.

Strecke seit gestern 202 sm (in 31 Std), gesamt 761 Seemeilen.