Fulaga: ein ganz besonderes Erlebnis

Etwa 20 Segelboote haben sich in Fulaga eingefunden. Kein Wunder, es hat sich unter den Cruisern herumgesprochen, dass dieses atemberaubende Naturwunder die durchaus meist schwierige Anreise mehr als wert ist. Einklariert werden kann auf den Inseln in Fiji‘s Lau-Gruppe nicht, das geht nur auf den Hauptinseln weiter im Nordwesten. Erst danach darf die Lau-Gruppe angelaufen werden. Dazu sind dann allerdings etwa 200 Seemeilen gegen den vorherrschenden Südostpassat mit der entsprechenden Pazifikwelle zurückzulegen. Und außer mit dem Segelboot ist Fulaga fast gar nicht zu erreichen. Immerhin, zwar ohne regelmäßigen Fahrplan aber meistens einmal im Monat läuft ein Versorgungsschiff diese Insel an. Es befördert auch Personen. Die Inselbewohner können so ihre Verwandten in der Hauptstadt Suva besuchen (für mindestens einen Monat) und zum Beispiel Baumaterial (wie etwa die typischen Wasserspeicher) bestellen.

20 Boote hört sich für ein so abgelegenes Ziel viel an. Unser Ankerplatz ist auch tatsächlich gut besucht, wenn auch keineswegs überfüllt. Es gibt genug andere Möglichkeiten zum Ankern hier, denn den größten Teil der über 18 Quadratkilometer messenden Insel nimmt ja die innere Lagune ein. Warum also knubbeln wir uns besonders hier im Südosten? Auf fast allen Booten sind Kiter oder Wingfoiler und die Bedingungen hier sind einfach ideal. Ziemlich glattes Wasser und konstanter Wind. Da bin ich dabei.

Allerdings: Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Gerade läuft es noch so gut, die Halsen klappen, dann aber haut es mich hin und ich falle unglücklich genau in den Wing hinein.

Mmh, da steht eine längere intensive Reparatur an:

Und zwischendurch lässt sich die Zeit auch mit anderem Wassersport gut überbrücken. Wir bauen endlich mal wieder unser Zweier-Kayak auf. Perfekt für die flachen Abschnitte zwischen den unzähligen pilzförmigen Kalkstein-Inselchen mit ihren verborgenen Sandstränden, den Höhlen und den Durchbrüchen zum „Wassergraben“, der das äußere Saumriff zur Lagune abgrenzt.

Es ist wahrlich traumhaft hier. Und doch: das ganz besondere Erlebnis machen wie so oft auf unserer Reise die Menschen aus. Hier auf Fulaga wird ja beim Sevusevu jeder Bootscrew eine Gastfamilie zugeordnet. Unsere hat uns für Sonntag nach der Kirche zum Lunch eingeladen.

Für den Kirchgang kleiden wir uns wieder formal mit Herrenrock bzw. langem Tuch um die Hüften.

Photo credit: Aagje, SY My Motu

Neue erste Male: auch vor der Kirche werden die Schuhe ausgezogen. Die „Glocken“ der Kirche sind rot gestrichene ausgehöhlte Baumstämme, auf denen zum Gottesdienst getrommelt wird. Und die meisten Gesänge in der Kirche werden von einer sehr hektisch geschlagenen Triangel als einzigem Instrument begleitet. Der jugendliche Musikant scheint die Gemeinde zu schnellerem Singen antreiben zu wollen, er ist im Takt deutlich voraus. Die Predigt auf Fijianisch verstehen wir nicht, den deutlich ermahnenden um nicht zu sagen anklagende Tonfall des Pastors aber schon. Wird wohl unser einziger Besuch in dieser Kirche bleiben.

Das Highlight folgt aber danach: Lunch bei unserer Gastfamilie. Talei und Lina sind Schwägerinnen, gemeinsam mit ihren Männern Nam und Seru sowie Lucy und Enkel Caleb leben sie in einer sehr einfachen Hütte. Zwei Wände und eine Hälfte des Daches sind aus geflochtenen Palmblättern gefertigt. Die andere Hälfte des Dachüberstandes ist aus Wellblech und wird zum Auffangen von Regen als Trinkwasser genutzt. In einer mit Wellblech geschützten Ecke wird über einem offenen Feuer gekocht. Der 8jährige Caleb hat die Aufgabe, nach der Schule trockene Palmzweigansätze als Feuerholz zu sammeln.

Die Brüder Nam und Seru stammen aus Fulaga, hatten aber zwischenzeitlich beide die Insel verlassen. Als zunächst Nam und seine Frau Talei beschlossen, nach Fulaga zurückzukehren baten sie die Dorfältesten, eine traditionelle Hütte statt einer moderneren Holzhütte zu errichten. Insbesondere Talei wollte nach dem Studium in Malaysia und beruflichen Aufenthalten in China und England sowie in Fiji‘s Haupstadt Suva zurück zum einfachen, ländlichen Leben.

Bei inzwischen sechs Bewohnern ist eine hölzerne Schlafhütte dazu gekommen, eine zweite ist im Bau. Die Dachflächen dieser Hütten helfen auch, den Bedarf an Trinkwasser zu decken. Die weltoffene Talei ist dabei keineswegs dogmatisch traditionell: zwischen den Hütten findet sich eine Starlink-Antenne. Sie ermöglicht es Enkelkind Caleb tägliche Video-Telefonate mit seiner Mutter in Suva. Der Strom kommt aus (von der Regierung gesponserten) Solarpanelen.

Mit Talei, Nam und deren Enkel Caleb beim Festmahl, im Hintergrund bereitet Seru auf dem offenen Feuer weitere Köstlichkeiten zu

Es gibt Fisch, von Talei frisch gefangen, dazu mehrere Varianten der super leckeren Bratlinge aus Morringeli-Blättern (deutsch: Meerettichbaum, unbedingt googeln), Tapioka und weitere Köstlichkeiten.

Und es gibt lange, intensive Gespräche. Über Gott und die Welt (Talei und Nam gehen nicht in die Kirche), über das Schulsystem und den Schulalltag von Caleb, über die Familienbindungen in Fiji, den Sternenhimmel, das Reisen, dieses und jenes und vor allem über das Leben und was darin wirklich wichtig ist.

Danke für Eure Gastfreundschaft und Eure Offenheit. Danke, dass Ihr Euer Heim in Fulanga auch unser Heim sein lasst. Danke, dass Ihr diesen ohnehin wunderschönen Ort so für uns mit diesem einzigartigen Erlebnis in unsere Erinnerung prägt.

Kochend heiß in Savusavu.

Wir chillen immer noch in Savusavu, unser Liegeplatz in der Nawi-Marina macht uns die langsame Eingewöhnung aber leicht.

So nutzen wir tatsächlich über den Landstromanschluss ausnahmsweise mal die von unserem Vorbesitzer in die Flora eingebaute Klimaanlage. Es ist nicht einmal so sehr die Wärme (unter Deck meist so 28 oder 29 Grad) die uns zusetzt, sondern die Kombination mit hoher Luftfeuchtigkeit und eingeschränkter Lüftungsmöglichkeit wegen der vielen und teils heftigen Regengüsse. Die Klimaanlage nimmt auch viel Feuchtigkeit aus der Luft.

Lassen wir uns halt mal Luxus-verwöhnen. Marina-Pool, Restaurants, Bar. Und sogar Spa: eine Massage löst für uns beide die Muskelverspannungen der Passage und für Wiebke gibt’s noch Pediküre obendrauf.

Und dann zurück an die Arbeit: die Fock wird auf dem Steg noch einmal ordentlich zusammengelegt und der Schaden untersucht.

Die beiden Risse sind jeweils entlang von Nähten entstanden, einmal quer durchs Vorliek und einmal fast im rechten Winkel dazu entlang des UV-Schutzes. Das sieht reparabel aus und so verschicken wir das Segel mit dem in der Marina ansässigen Servicebetrieb Yacht Help an einen Segelmacher (Marshall Sails) auf Fijis Hauptinsel Vitu Levu. Dort wollen wir es dann später in der Saison abholen.

Wir holen Fiji-Dollar am Geldautomaten und erledigen die restlichen Formalitäten, denn sowohl die Gesundheitsbehörde (170 Fiji$) als auch Biosecurity (200 Fiji$, etwa 78 €) akzeptieren nur Barzahlung in Fiji$. Dann erkunden wir die erstaunlich guten kleineren Supermärkte in Savusavu und stocken auf dem Markt neben dem Busbahnhof im Zentrum auch unsere Obst- und Gemüsevorräte wieder auf. Die in Zeitungspapier gerollten Bündel von Kawa-Wurzeln werden wir dann kurz vor unserer Abfahrt noch kaufen, sie sind das typischerweise erwartete Gastgeschenk an den Dorf-Chief auf den kleineren Inseln.

Am Dienstag soll eigentlich unser Cruising-Permit fertig sein, für das offenbar die Behörden in der Hauptstadt Suva einbezogen werden müssen. Aber als wir es abholen wollen, sind die zuständigen Officer gerade unterwegs. Wir sollen später wiederkommen.

Na gut, dann ändern wir halt die Reihenfolge. Ein kleines Stück den Hang hinauf hinter dem Zollgebäude gibt es nämlich einen ganz besonderen Platz.

Unser Ziel sind die Nakama Hot Springs. Wir haben 4 rohe Eier, ein Netz und einen stählernen Bojenhaken eingepackt, außerdem Brot, Salz und Pfeffer. Was soll das geben? Ein einfaches, aber trotzdem sehr spezielles Picknick.

Zwischen mit Palmwedeln überdachten Bänken befinden sich auf dem öffentlichen Gelände mehrere in Stein eingefasste heiße Quellen. Die sind nicht zum Baden, sondern tatsächlich zum Kochen gedacht. Wir treffen mehrere Einheimische, die in der größten der drei Quellen tatsächlich ganze Säcke von Taro-Wurzeln kochen oder – wie uns Joeli erklärt – seit drei Stunden in einem in Stoff eingewickelten Topf ein Fleisch-Gemüsegericht garen.

Wir begnügen uns damit, im brodelnden Wasser der kleinsten Quelle unsere in das Netz gefassten 4 Eier zu kochen und sie nach 7 Minuten mit dem Bojenhaken herauszufischen. Abschrecken im vorbei fließenden Bach. Hm, ein Messer hätten wir wohl auch noch einpacken können.

Anders als etwa in den Nachbarstaaten Tonga oder Vanuatu gibt es in Fiji zwar keine aktiven Vulkane mehr, wohl aber erhebliche seismische und geothermische Aktivitäten. Eine Schautafel auf dem Gelände erklärt, dass Fiji auf einer eigenen kleineren tektonischen Platte liegt, unter die sich von beiden Seiten die Indo-Australische Platte und die Pazifische Platte schieben.

Und – typisch Fiji – was die Natur bietet, wird auch genutzt.

Zwischenstand aus Minerva

Ganz lange bleiben wir nicht das einzige Boot in Minerva, einen Tag nach uns kommt auch die Scout und ankert neben uns. Noch einen Tag später kommen auch Jacqui und Phil mit ihrer Skylark an. Alle hatten wir eine ziemlich unangenehme Passage, müssen uns erst einmal von der Seekrankheit erholen.

Hier in Minerva gilt es zunächst, das Schiff wieder in Ordnung zubringen. Die salzwassernasse Fock wird aus dem vorderen Bad wieder an Deck geschafft. Kleine Leckagen an ein paar Fenstern und Luken bei den schweren überkommenden Wellen haben zudem für reichlich zusätzliche Arbeit gesorgt. Die Stromversorgung der UKW-Funke habe ich repariert. Wir stellen aber fest, dass Seewasser in den längs durch die Flora führenden Kabelkanal gelangt ist und an verschiedenen Stellen in Schapps und Schränke gelaufen ist. Die dadurch nass gewordene Kleidung müssen wir mit Süßwasser waschen. Kein Problem, sollte man denken, wir haben ja seit Whangarei jetzt wieder eine Waschmaschine an Bord. Stimmt – aber das Trocknen macht Probleme. Dauernd ziehen Squalls durch, bei diesen Regenschauern kann die Wäsche nicht draußen am Seezaun hängen. Und wenn, dann können die Klammern sie kaum festhalten. Es bläst. Böen bis 32 Knoten waren heute eigentlich angesagt, tatsächlich hatten wir mehr als 41 Knoten (Windstärke 9 Beaufort). Und morgen sind bis 37 kn angesagt. Erstaunlicherweise sind die Wellen hier in Minerva dabei noch recht erträglich. Besonders wenn man bedenkt, dass (außerhalb des Riffs) knapp 4 m Welle stehen. Für morgen sind sogar 4,6 m vorhergesagt.

Wie sieht das aus? Jayne und James von der Scout haben mit ihrem Dinghy einen Ausflug an die innere Riffkante gemacht. Vom Riffdach aus gibts bei Niedrigwasser einen etwa kniehohen Wasserfall in die Lagune, draußen ans Außenriff donnern die brechenden Pazifikwellen. Von Bord der Flora zeigt sich das so:

Bei Hochwasser schafft es der Ozeanschwell stark abgeschwächt über das Riffdach. Dann wird es hier am Ankerplatz unruhiger, aber bisher ist es immer noch gut erträglich.

Nach dem Peak morgen sollen sich Wind und Wellen dann ab übermorgen langsam wieder abschwächen.

Samstag kann ich dann vielleicht auch in den Mast, um das zum Glück am Fallenaustritt hängengebliebene Fockfall herunterzuholen. In 20 m Höhe schaukelt mir das derzeit zu sehr.

Dann doch lieber erstmal an Bord der Scout mit Jayne und James dessen Geburtstag nachfeiern.

Überhaupt hat man ja von der Scout aus einen besonders schönen Blick auf die Flora, wie auch das von James geschossene Sonnenaufgangsfoto zeigt:

Auf der Horizontlinie ist übrigens kein fernes Land zu sehen, sondern eben die Ozeanwellen außerhalb des Riffs.

Auf zur „Bay of Islands“ in Neuseeland

Eines der beliebtesten und bekanntesten Segelreviere Neuseelands ist die „Bay of Islands“ an der Nordostküste der Nordinsel. Etwa 20 km schneidet sie ins Landesinnere hinein, wird dabei bis zu 16 km breit. Trotz dieser überschaubaren Ausmaße weist sie offiziell 144 Inseln auf. Bei dieser Zählweise müssen offenbar neben kleinsten Inselchen auch größere Felsen eingeflossen sein. Dennoch bieten sieben größere Inseln und eine Vielzahl sich vom Festland in die Bucht hinein erstreckender Halbinseln so viele Buchten und damit Ankerplätze, dass sich bei jeder Windrichtung ein geschütztes Plätzchen finden lässt.

Außerdem findet sich mit dem Örtchen Opua in der Bay of Islands Neuseelands nördlichste Gelegenheit zum Ein- und Ausklarieren. Damit bietet es sich förmlich an, in der Bay of Islands auf ein Wetterfenster für den Absprung nach Fiji zu warten.

Whangārei Harbour verabschiedet uns mit einem kräftigen Schauer, aber als wir die Whangārei Heads passiert haben, klart es dann auf.

Und so wird es ein richtig schöner Segeltag. Zwar segeln wir meist hoch am Wind an der Ostküste hinauf, aber wegen des ablandigen Windes baut sich keine starke Welle auf. So war das geplant, fein, wenn es auch eintrifft. Unser Tagesziel ist die gut 52 Seemeilen entfernte Bucht Whangamumu.

Ein Traum. Die Bucht in der zerklüfteten Küste bietet in ihrer Südwestecke die Einfahrt in eine nochmals besser geschützte zweite Bucht.

Drumherum fast nur Natur, lediglich ein paar unauffällige Ruinen einer alten Walfangstation am Ufer. Das müssen wir uns natürlich ansehen. Ein Hinweisschild erläutert, dass früher Wale in die innere Bucht getrieben wurden, die dann mit einem Netzt abgesperrt wurde. Bis zu 10 Wale im Jahr konnten dann mit Harpunen erlegt werden. In der Walfangstation wurde der Walspeck dann zu Öl verarbeitet. In späteren Jahren (Anfang des 20. Jahrhunderts) gab es dann ein dampfbetriebenes Harpunierschiff, mit dem außerhalb der Bucht gejagt wurde. Bis zu 50 Wale im Jahr wurden damit erlegt und ebenfalls zur Weiterverarbeitung in die Bucht gebracht. Ein paar rostige Maschinenteile, die aus Beton gegossenen Kochstellen und ein von der Natur schon fast zurückerobertes ehemaliges Maschinenhaus sind noch zu sehen.

Wir wandern noch ein kleines Stückchen weiter zu einem Wasserfall mit Dusch- und Badebecken. In die andere Richtung verläuft ebenfalls ein schmaler Wanderpfad, der aber nach 100 Metern schon wieder endet (für uns, abgesperrt ist es nicht). Nur noch fußbreit läuft er am steilen Hang entlang weiter, den Rest hat offenbar kürzlich ein Erdrutsch mitgenommen. Auch die übrigen Hänge um die Bucht herum weisen vielfach die Narben frischer Erdrutsche auf. Ob das Vaianu war oder schon die starken Regenfälle davor?

Wie auch immer, der Schönheit von Whangamumu tut es keinen Abbruch.

Wir würden gerne noch bleiben, aber ab übermorgen ist kräftiger Nordwestwind angesagt, nicht eben ideal für unsere weitere Route. Deshalb geht es nach diesem herrlichen Zwischstopp schon am nächsten Morgen weiter nach Norden, nun wirklich zur Bay of Islands.

Wieder können wir wunderbar segeln.

Wir segeln sogar einen Kringel um die unverkennbare Landmarke am Cape Brett, das von uns so getaufte halbversunkene Mammut (die Insel Motukokako, besser bekannt als „Hole in the Rock“).

Fotosession am 148 m hohen Mammut 🦣:

Cape Brett markiert zugleich den Eingang in die Bay of Islands, die Halbinsel des Caps ist die Nordostspitze der Bucht. Wir biegen also am Mammut links ab. Unser erstes Ziel in der BOI (Bay of Islands, viele Kiwis lieben offenbar Abkürzungen) ist gleich deren größte Insel: Urupukapuka (die Maorí ziehen den Abkürzungen offenbar Dopplungen vor).

Wir wissen bis dahin noch nicht so recht was uns erwartet, aber Segelfreunde hatten uns von der Bay of Islands viel vorgeschwärmt.

Und so sieht unsere erste Ankerbucht aus, die Urupukapuka Bay:

Noch am Abend machen wir einen ersten kleinen Hike auf der Insel, am nächsten Morgen gleich einen zweiten, deutlich längeren. Die Wanderpfade auf Urupukapuka sind gut markiert. Sie führen kreuz und quer über das etwa drei Quadratkilometer große Eiland, manchmal unmittelbar an den Abgründen der steilen Klippen entlang, hinab zum Strand einer Bucht und wieder hinauf auf die Klippen. Mal über Schafweiden, dann wieder durch dichte niedrige Wälder aus Südseemyrthe. Das etwas weichere Manuka und das härtere Kanuka werden auch Teebaum genannt. Aus dem Nektar machen die Bienen den berühmten Hanuka-Honig. Wir sind erstaunt, das diese Bäume jetzt im Herbst noch Blüten tragen.

Ganz verlustfrei geht der Hike nicht ab. An Wiebkes linker Sandale löst sich die Sohle. Barfuß weiter? Aber nein, Notreparaturen sind wir ja gewohnt: ein Haarband wird geopfert und für den Rest des Hikes hält das ganz tatsächlich auch.

Die Aussichten auf der Wanderung sind phänomenal.

Was aber fast noch beeindruckender ist und diesen Hike ganz besonders macht: Urupukapuka ist – wie einige andere Inseln in der BOI – seit 2008 offiziell „mammal pest free island“. Alle vom Menschen eingeführten für die heimische Tierwelt schädlichen Säugetiere (wie Mäuse und Ratten, aber auch Katzen und Hunde) gibt es auf Urupukapuka nicht mehr. Die heimische Tierwelt kann sich hier wieder erholen und wurde zum Teil auch extra wieder angesiedelt. Kiwi-Vögel sehen wir zwar nicht (Kunststück, wir sind ja tagsüber unterwegs). Was aber deutlich auffällt, ist der fast überall präsente melodische Gesang der Tui. Das hatten wir bisher so noch nirgends in Neuseeland. Es braucht ein bisschen, ehe wir die eher scheuen Vögel auch entdecken. In der Ferne sieht man sie manchmal auf einem erhöhten Zweig, bei Annäherung verstecken sie sich aber gerne im dichten Geäst der Manuka oder anderer Bäume. In deren Schatten fallen ihr dunkles Gefieder und die weißen Federpuschel am Halsansatz dann kaum auf. Im Sonnenlicht dagegen entfaltet das Federkleid seine eigentliche Pracht.

Außerdem sehen wir erstmals die relativ kleinen endemischen Neuseelandpiper:

Zudem weitere endemische Vogelarten wie die meisenartigen Neuseeland-Fantails (Pīwakawaka) und die neuseeländischen Austerfischer.

Und natürlich, im weichen Abendlich besonders farbenfroh, die neuseeländischen Purpurhühner, hier Pūkeko genannt.

Ein elementar anderes, aber ebenfalls tierisches Begrüßungsgeschenk in der Bay of Islands gibt es am Abend an der Flora:

Delfine kommen in unsere Ankerbucht, erjagen sich ihr Abendbrot und spielen anschließend ganz dicht um die Boote herum.

Was für ein Empfang. Erster Eindruck: hier lässt es sich aushalten. ☺️

Vorkehrungen für Ex-Zyklon Vaianu

Ein Thema dominiert derzeit die Nachrichten hier in Neuseeland:

Bei vielen Kiwis werden Erinnerungen an den Zyklon Gabrielle wach, der im Februar 2023 Neuseeland traf, 11 Tode verursachte und immense Schäden anrichtete. Nicht nur die brutalen Winde, sondern vor allem die mit Gabrielle einhergehenden sintflutartigen Regenfälle sorgten unfassbare 140.000 dokumentierte Erdrutsche und in der Folge auch für zum Teil tagelange Stromausfälle, längere Zeit gesperrte Straßen und zerstörte Brücken.

Wie damals Gabrielle war jetzt auch Vaianu zwischenzeitlich ein Zyklon der Kategorie drei. Zum Glück für die tropischen Inselgruppen ging er zwischen Vanuatu und Fiji hindurch, Landfall wird Vaianu dann Samstag/Sonntag (hoffentlich schon deutlich abgeschwächt) in Neuseeland machen.

Wieso eigentlich abgeschwächt? Tropische Wirbelstürme (je nach Region Hurrikan, Taifun oder Zyklon genannt) benötigen Wassertemperaturen von über 26,5° Celsius, um zu entstehen. Der „Treibstoff“ dieser Wirbelstürme ist die sehr warme und sehr feuchte Luft, das Aufsteigen großer Mengen verdunstenden Wassers. Das Wasser kondensiert dann in der kälteren Höhenluft, wobei enorme Mengen an Energie freigesetzt werden. Das erklärt auch die immensen Regenmengen, die diese Wirbelstürme mit sich bringen.

Jetzt im Südhalbkugel-Herbst (wo der April dem Oktober der Nordhalbkugel entspricht) ist das Wasser um Neuseeland herum nicht mehr ganz so warm, insbesondere im Süden.

Aktuell sieht die Temperaturverteilung so aus:

In Orkanstärke bläst Vaianu daher schon jetzt nicht mehr. Wirklich entspannen kann Neuseeland deswegen aber noch nicht. Zu groß, zu mächtig ist das System noch. Mehr als deutlich wird das auf den aktuellen Satellelitenaufnahmen:

Und noch immer schiebt der Sturmwirbel Wassermassen vor sich her, die sich zur Höhe dreistöckiger Gebäude auftürmen. Für die Küste vor Whangārei werden bis zu 9 m hohe Wellen vorhergesagt.

Vor allem aber wird befürchtet, dass die starken Regenfälle bei den ohnehin von vorangegangenen Tiefdruckgebieten durchfeuchteten Böden an steileren Hängen erneut starke Erdrutsche auslösen könnten.

Unmittelbar von solchen „Landslides“ betroffen dürften wir auf der Flora hier im Hafen von Whangārei zum Glück nicht sein. Um unseren Liegeplatz herum gibt es eher sanfte Hügel. Hinsichtlich etwaiger Stromausfälle wären wir auf unserem Boot ja ohnehin autark. Vorräte haben wir eingekauft. Heute gilt es also, Flora so sturmsicher wie möglich zu vertäuen. Außerdem bauen wir das Bimini ab, um die Windlast zu verringern, sichern die Segel doppelt, füllen den Frischwassertank auf, laden die Batterien voll und nehmen die Starlinkantenne ab (sie funktioniert mit Einschränkungen auch im Boot).

Und jetzt heißt es abwarten.

Und … warme Socken stricken, weil der Wind über Süd herumdrehen und kalte Luft hier heraufschaufeln wird. Ganz klassisch, Wiebke strickt rosa Socken, ich blaue.

Verwirrung der Jahreszeiten

Wir gehen endlich mal wieder baden.

Bei unserer Erkundung der Nordinsel fahren wir zum Herz dieses Landesteils, dem ziemlich genau in der Mitte der Nordinsel gelegenen Lake Taupō. Der größte See Neuseelands wird oft auch als das spirituelle Auge im Land der Maorí bezeichnet.

Tatsächlich ist der über 600 Quadratkilometer große See bei mehreren riesigen Vulkanexplosionen entstanden. Die letzte große Explosion ereignete sich im Jahr 181 unserer Zeitrechnung und soll über 100 Kubikkilometer (sic!) Material ausgeworfen wurde. Das hatte erhebliche Auswirkungen auf der ganzen Welt, Ablagerungen davon sind selbst im Grönlandeis nachweisbar. Weite Teile Neuseelands wurden dick mit Asche und Bimsstein überzogen.

Aktuell ist dieser Vulkan nicht mehr aktiv, aber Neuseeland liegt auf dem pazifischen Feuerring, der hufeisenförmigen Linie von etwa 1.000 Vulkanen rund um den Pazifik. Konkret schiebt sich bei Neuseeland die Pazifische Platte unter die Indoaustralische Platte. Diese Plattentektonik sorgt für andauernde seismische Aktivität.

Kleinere Erdbeben gibt es viele, gespürt haben wir davon allerdings bisher keines. Fühlbar werden die damit verbundenen unterirdischen Prozesse aber dennoch: Magmablasen heizen tiefliegende Wasserschichten auf und führen zu Thermalquellen. Bei Taupō (auch der nördlich des Sees liegende Ort heißt so) fließt deshalb ein warmes Wasser führender Bach (Otumuheke) in den deutlich kälteren Waikatu River. Eine kostenlose öffentliche Badestelle mit Umkleide und Toiletten ist eingerichtet. Und so setzen wir uns unter den warmen Mini-Wasserfall und genießen diesen positiven Aspekt der potentiell so zerstörerischen Naturkräfte.

Was auffällt: so langsam hält der Herbst Einzug. So schnell geht das mit den Jahreszeiten: gerade noch hatten wir Winter mit Schnee in Hamburg und jetzt ist der Frühling eingekehrt. Wir sind in den Südsommer geflogen, hier aber beginnen sich jetzt die Blätter zu färben und wir pflücken Brombeeren (die hier allerdings eine inzwischen unerwünschte invasive Art sind):

Danach fahren wir am Waikatu River entlang ein Stückchen weiter zu den Huka-Falls. Hier zwängt sich der Waikatu zunächst durch ein enges Felsenbett. Der zuvor so ruhig dahinfließende Waikato entwickelt sich dabei zu einem hellblauen Wirbel von Stromschnellen, bevor er über eine Stufe hinabstürzt und in einem breiteren Bett wieder so ruhig fließt, als wäre nichts gewesen.

Unser nächstes Ziel sind die „Craters of the Moon“. Die Vegetation dort zeigt sich zwar weit weniger karg als der Name des Ortes erwarten lässt, bietet aber doch Besonderes. Mānuka und Kānuka, zwei eng verwandte heimische Baumarten (die auch Teebaum genannt werden), füllen in Miniaturausgabe hier als bodendeckende Büsche die Ebene. Mehr lassen Boden und Bedingungen einfach nicht zu.

Interessanterweise sind die Wasserdampf-Fumarolen hier vergleichsweise neu und durch menschlichen Eingriff entstanden.

Ursprünglich stieß hier ein Geysir mit schöner Regelmäßigkeit heiße Wasserfontänen aus. Ein in 1958 ans Netz gegangenes Geothermie-Kraftwerk senkte dann aber den unterirdischen Wasserspiegel soweit ab, dass der Geysir versiegte. Statt dessen suchte sich das unter Druck stehende Wasser andere Wege und tritt jetzt als Wasserdampf durch viele kleine Spalten aus.

Warum neuseeländische „Glowworms“ wenig mit europäischen „Glühwürmchen“ zu tun haben und grüne terrassierte Berge nicht immer dem Reisanbau dienen

Wochenende. Pause von der Bootsarbeit. Zeit für ein paar weitere neuseeländische Besonderheiten. Wir machen einen Ausflug zu den „Waipu Glowworm Caves“.

Wer (wie wir beide) das Glück hatte, im heimischen Mitteleuropa schon einmal Glühwürmchen gesehen zu haben, kommt aber möglicherweise mit falschen Erwartungen. Die in Mitteleuropa heimischen Glühwürmchen sind nämlich durchgängig Leuchtkäfer, die zumeist im Juni oder Juli nachts blinkende Leuchtsignale aussenden. Leuchtreklame zur Partnerwahl unter Käfern.

Die Glowworms in Neuseeland unterscheiden sich davon deutlich. Guide Ian erklärt uns auf dem kurzen Fußweg vom Parkplatz zur „Milky-Way-Höhle“, das wir es hier zwar wiederum nicht mit Würmern, statt dessen aber mit ganz anderen Insekten zu tun haben. Die „Titiwai“ (so der Maorí-Name der Glowworms) sind nämlich neuseeländische Langhornmücken. Allerdings in ihrem Larvenstadium, in dem sie Würmern immerhin doch etwas ähnlich sehen. Das Leuchten dient bei ihnen nicht der Brautschau, sondern zum Anlocken von Beute, insbesondere kleinen Fluginsekten. Aber wie kann eine träge Larve Fluginsekten fangen? Mit spinnwebähnlichen Klebefäden! Was die Natur sich so alles einfallen lässt. Damit diese Fäden wirklich herabhängen bevorzugen die Glowworms windgeschützte Plätze über Bachläufen, die zugleich gerne feucht und natürlich dunkel sein dürfen. Man findet sie in dichten Wäldern, vor allem eben aber in Höhlen – den Glowworm Caves.

Also ab in die Tropfsteinhöhle. Zunächst noch mit Licht, um auch Stalagmiten und Stalaktiten bewundern zu können und sich etwas einzustimmen und zu orientieren.

Ian zeigt mit einem grünen Laser die Klebefäden.

Nun werden die Lampen gedimmt, erstes Glowworm-Leuchten wird erkennbar.

Dann – in der Milky-Way-Halle – bleiben wir länger mit ausgeschalteten Lichtern stehen. Und wirklich, wie die Milchstraße am Nachthimmel leuchten an der Höhlendecke ganze Cluster blauer Lichtpunkte der vielen Glowworms, bilden über dem durch die Tropfsteinhöhle fließenden Bächlein einen eigenen „Sternenhimmel“.

Ein beeindruckendes Erlebnis.

Auf der Rückfahrt zur Flora fällt uns einmal mehr ins Auge, wie stark viele der grünen Hügel Neuseelands terrassiert sind.

Anders als etwa bei den Reisterrassen Südostasiens sind diese Terrassen aber nicht von Menschenhand angelegt. Mittelbar ist er dennoch verantwortlich, denn die Architekten dieser schmalen und oft unfassbar regelmäßigen Stufen an den Hängen sind die vom Menschen eingeführten Nutztiere, allen voran Kühe und Schafe, aber auch Ziegen.

Die Tiere bewegen sich in steilem Gelände bevorzugt parallel zum Hang, auf Dauer entstehen dadurch diese auffälligen schmalen Ebenen. „Viehgangeln“ gibt es auch andernorts, die intensive Beweidung und die geologischen Besonderheiten sowie die Beschaffenheit der Böden in Neuseeland scheinen die hier „Terracettes“ genannten Strukturen besonders zu begünstigen.

Bilderbuch-Sonntag im Südsommer und Regentage danach

Nach der Bootsarbeit am Samstag beziehen wir unser neues AirBnB, dieses Mal eben nordöstlich von Whangārei etwas abseits auf dem Land gelegen. Der Vermieter bezeichnet es als „Shed“, was wörtlich übersetzt Schuppen oder Stall bedeuten würde. Vielleicht wurde das Gebäude wirklich mal so genutzt, wahrscheinlicher aber scheint die Bezeichnung einfach nur auf der Lage in der Wiese am Hügel hinzudeuten. Es ist zwar einfach gebaut, aber geräumig und gut eingerichtet. Größere Gruppen würden das einzige Schlafzimmer des Gebäudes durch drei zubuchbare 3-Bett-Hütten ergänzen, aber jetzt in der Nebensaison können wir eben auch das Haus allein mieten.

Und so schwelgen wir im Luxus mit Waschmaschine, Trockner, Spülmaschine, Riesenkühlschrank mit Eiswürfelspender …

Das Beste aber ist der Ausblick über das Tal und die dahinter wieder ansteigende Hügellandschaft. Am Morgen hängt kurz noch Nebel über dem Bach, später können wir beobachten, wie ein Schäfer seine Herde zusammentreibt und auf die nächste Weide leitet.

Vögel spazieren über die Wiesen am Haus. Bekannte, wie die von den Europäern eingeführten Lerchen, aber auch farbenfrohe typische neuseeländische Arten wie Maskenkiebitze (von den Maorí Pukekohe genannt) mit ihren gelben Gesichtslappen oder die Pūkekos (Purpurhühner) mit dem kräftigen roten Schnabel und dem eben auch purpurroten Stirnschild sowie dem blauschwarzen Bauchfederkleid.

Den Sonntag nutzen wir diesmal für einen Ausflug nach Pataua an der Ngunguru Bay. Kein Touristenort, eher ein charmant verschlafenes Nest, das inzwischen mehr und mehr mit Ferienhäusern für die Sommerfrische garniert ist.

Das Stranddörfchen Pataua ist zweigeteilt. Der gleichnamige Fluss schneidet tief ins Land ein, für Autos gibt’s weder eine Brücke noch eine Fähre, also Sackgasse von beiden Seiten. Wir entscheiden uns für die Anfahrt nach Pataua Süd und parken dort. Eine schmale Fußgängerbrücke führt hinüber nach Norden. Sie bildet nicht nur einen Verbindungsweg zum Nachbarn, sie ist auch Treffpunkt, Spielplatz, Badestelle, Sprungturm, Kulisse für das Picknick. Kurz: das eigentliche Zentrum des Dorfes. Eben nördlich und südlich der Brücke finden sich öffentliche Bootsrampen, über die Angelboote ein- und ausgewassert werden. Jetzt am Sonntag ist ordentlich Betrieb.

Über die Fußgängerbrücke spazieren wir nach Pataua Nord und weiter zum wunderschönen Strand.

Hier erschließt sich mir erstmals der ganze Charme eines Elektrofoils: mühelos hinausfahren (Motor ist unter Wasser) und dann in den Wellen hoch aufs Foil zum Surfen (Motor ist über Wasser).

😁

Auf der Rückfahrt machen Wiebke und ich noch einen Abstecher zu den Taheke Waterfalls, nahe bei unserem AirBnB.

Ein schöner Wanderweg führt durch Kauri-Wald und unter den typisch neuseeländischen Baumfarnen hindurch zum Wasserfall. Direkt zu unseren Füßen rauscht der Fluß weit in die Tiefe.

Beeindruckend ist auch, wie hervorragend der Wanderweg angelegt (eher: ausgebaut) ist. Es sind nicht viele Wanderer unterwegs, wir begegnen nur einem anderen Pärchen. Trotzdem winden sich ewig lange Treppen den Berg hinauf und machen den Hike durch den Wald eher zu einem ausgedehnten Spaziergang.

Und unter der Woche?

Ein Tiefdruckwirbel mit Böen in Orkanstärke (65 kn) in seinem Zentrum zieht nördlich von Neuseeland durch. Das bringt auch hier starken Wind (bis 40 kn) und intensive Regenfälle.

Der Spätsommer (März hier entspricht September in Europa) macht Pause und zeigt, dass der Herbst nicht mehr weit ist.

Für nächste Woche ist aber wieder sommerliches Wetter angekündigt.

😎

Zum Cape Reinga und zum „Ninety Mile Beach“, außerdem Gumdigger und schneeweiße Dünen

Wunderschöne, scheinbar unendliche Strände? Keine Frage, die hat Neuseeland zu bieten.

Vor allem hoch im Norden der Nordinsel mit dem legendären „Ninety Mile Beach“.

Aber um da hin zu kommen, braucht es etwas Geduld. Etwa vier Stunden würde die rund 280 Kilometer lange Fahrt von Whangārei bis zum Cape Reinga an der Nordwestspitze Neuseelands mindestens dauern. Etwas mehr, wenn man wie wir statt der recht gut ausgebauten Landstraße „Highway #1“ zunächst den kleineren „Highway #15“ nimmt. Letzterer führt – typisch für die kleineren Straßen in Neuseeland – mit zumeist nur einspurigen Brücken über die Flußläufe und ist eher landschaftsangepasst angelegt, dadurch äußerst kurvenreich.

Da wir am Freitagnachmittag erst nach der Bootsarbeit losfahren, haben wir uns als Unterkunft für das Wochenende ein AirBnB auf einer Farm bei Ngataki an der Henderson Bay gewählt.

Kurz bevor wir dort ankommen, lockt uns ein Schild am Straßenrand noch auf einen weiteren kleinen Umweg.

„Gumdiggers Park“ ist ein kleines Museum, welches das Leben und Arbeit der „Gumdigger“ zeigt, im wesentlichen im Freiluftbereich auf einem authentischen, im ursprünglichen Zustand belassenen „Gumfield“. Hinter dieser ominösen Bezeichnung verbirgt sich einer der zwischen 1850 und 1950 wesentlichsten Wirtschaftszweige Neuseelands. Heute fast vollständig vergessen, wurden in dieser Zeit etwa 450.000 Tonnen (sic!) „Kauri-Gum“ exportiert. Der Exportwert betrug insgesamt rund 25 Millionen Britische Pfund, in der Spitzenzeit um 1900 herum überstieg er den der landwirtschaftlichen Produkte.

Und was ist Kauri-Gum? Bernstein aus dem Harz fossiler Kauri-Bäume. Kauri, die größte neuseeländische Baumart, sind immergrüne Laubbäume aus der Familie der Koniferen. Sie können über 50 m hoch werden und überragen regelmäßig das Kronendach des Waldes. Wegen des hochwertigen Holzes wurden sie von der holzverarbeitenden Industrie früher intensiv gefällt, heute stehen sie unter Naturschutz. Bei Verletzungen bilden Kauri ein besonderes Harz aus. Schon vor der Ankunft der Europäer nutzten die Maorí den Bernstein aus diesem Harz als Schmuck und zum Feuermachen. Zum Teil konnte er oberflächlich gefunden werden. Die größeren Reservoire aber fanden sich dort, wo komplette Kauri-Wälder durch Naturkatastrophen wie etwa Tsunamis oder Vulkanausbrüche vernichtet und in sumpfige Flächen gestürzt waren. Das Holz wurde dabei in Teilen konserviert, das Harz aber versteinerte im Laufe der Jahrtausende zu Berstein. Die Gumdigger suchten in mühsamer Handarbeit mit speziellen eisernen Suchstangen nach dem Kauri-Gum und gruben dann mit Spaten Löcher in den sumpfigen Grund, um es zu bergen. Besonders schöne Stücke wurden für Schmuck verkauft, der weitaus größte Teil aber wurde nach dem Export in Englnd und den USA kleingemahlen und für die Produktion von Lack und Firnis verwendet.

Radiokarbon-Analysen haben ergeben, dass die Kauri-Bäume im Gumfield des Museumsgeländes etwa 45.000 bis 150.000 Jahre alt sind, der Ort wurde offenbar von mehreren katastrophalen Ereignissen getroffen.

Der Wanderweg über das Gelände ist auch mit vielen Hinweisen zur Tier- und Pflanzenwelt versehen. So erfahren wir zum Beispiel, dass diese gewundenen schmalen Stämme zu Hanuka-Pflanzen gehören, aus deren Blüten die Bienen den Nektar für den berühmten Hanuka-Honig sammeln.

Und natürlich hören wir beim Spaziergang die allgegenwärtigen Chor-Zikaden. Diese typisch neuseeländische Zikadenart bekomme ich dann tatsächlich auch vor die Kamera-Linse:

Nach dieser unerwarteten Geschichts- und Naturkundestunde geht’s dann aber tatsächlich zu unserem AirBnB.

Die ehemalige Scheune der Farm ist zu einem großen Einraum-AirBnB umgestaltet worden. Gut ausgestattet, vor allem aber gefällt uns das Drumherum. Im Kühlschrank findet sich ein Liter Milch, im Eisfach Toastbrot. Auf der Arbeitsfläche:

Der Hausherr ist bei unserer Ankunft zu einem Angelwettbewerb unterwegs, bei seiner Rückkehr schenkt er uns ein vier Finger dickes Stück Gelbflossen-Thunfisch. Wird natürlich gleich verarbeitet:

Außerdem besonders an dieser Unterkunft: morgens weiden Pferde auf der Wiese vor unserem Fenster und wilde Truthähne (bzw. Truthühner) laufen auch vorbei.

Oh, und ein etwa 40 cm großer Flötenvogel unterhält uns musikalisch und lässt sich dabei auch noch ablichten.

Die Henderson Bay schauen wir uns natürlich auch an:

Am Samstag fahren wir dann hoch zum Cape Reinga. Anfangs passieren wir noch häufig Avocado-Plantagen, die sich zum Schutz hinter dicht gepflanzten hohen Koniferenhecken verstecken.

Die weitere Fahrt führt dann aber durch eine fast menschenleere Gegend mit vielen Weideflächen, jetzt auch mit mehr Schafen, zumeist aber doch Kühen. Nach Westen hin blitzen vereinzelt Sandünen durch, die schon am Rande des Ninety Mile Beaches stehen.

Erst einmal aber fahren wir ganz hinauf zum Cape Reinga mit seinem markanten kleinen Leuchtturm.

Hier an der Nordwestspitze Neuseelands treffen die unterschiedlichen Strömungen der Tasmansee und des Pazifiks aufeinander und sorgen selbst bei ruhigem Wetter für eine aufgewühlte See.

Wunderschön ist der Hike oben am Rande des Cliffs entlang. Wir kehren irgendwann trotzdem um Richtung Parkplatz, aber tief unter uns können wir am Strand Wanderer beobachten, die sich schwer bepackt mit ihren Rücksäcken zur tage-, wochen- oder monatelangen Wanderung auf dem Te Araroa Trail aufmachen, dem längsten Fernwanderweg Neuseelands (insgesamt 3.030 km in etwa 300 Sektionen).

Unsere nächste Station führt uns an die Ostküste der Halbinsel, der Kokota Sandspit hat unser Interesse geweckt. Auf der Fahrt hoch zum Cape Reinga blitzte es auf der Ostseite an der Küste manchmal weiß auf. Brandung? Nein, zu regelmäßig. Es sieht eher wie Dünen aus. Aber so blendend weiß?

Google Earth hilft uns weiter. Es ist der Kokota Sandspit. Selbst auf den Satellitenbildern sieht er viel heller aus, als die bekannten riesigen Sanddünen an der Westküste südlich von Cape Reinga.

Das müssen wir uns doch mal näher ansehen. Direkt auf den Kokoa kommt (und darf) man zwar nicht, aber einer der für Nebenstraßen hier typischen Schotterwege führt über 6 km staubige Waschbrettpiste zu einem in der Bucht genau gegenüber liegenden Campingplatz. Ein Katamaran hat sich in die Bucht hineingewagt und scheint dort zu ankern.

Die Szenerie mutet ein wenig unwirklich an, aber die Farbe des Kokota Sandspit ist aus der Nähe eher noch beeindruckender. So, als wäre die gesamte Düne mit Meersalz überzogen. Aber das ist nicht der wahre Grund. Des Rätsels Lösung nach Internet-Recherche: der Kokota Sandspit besteht aus ungewöhnlich reinem Siliziumquarzsand mit einem Reinheitsgrad von bis zu 97,7 % SiO₂. Früher wurde der Siliziumsand hier auch abgebaut, insbesondere zur Glasproduktion. Zum Beispiel für die Glasfassade des Skytowers in Auckland. Inzwischen aber ist der Sandspit Teil des weit größeren und ökologisch vielfältigen Naturschutzgebietes „Te Paki Reserve“.

Ganz andere Dünen in diesem Schutzgebiet besuchen wir danach. Die „Te Paki Giant Sand Dunes“ bestehen ebenfalls aus feinem Sand, nur eben aus goldbraunem (mit deutlich weniger Siliziumanteil). Sie sind eine ziemlich bekannte Touristenattraktion, denn auf ihnen kann gesurft werden. Sand-Boarding! Bretter dafür werden direkt vor Ort vermietet. Vorwiegend wird das Angebot von jungen Leuten angenommen. Mit dem gemieteten Brett stapfen sie die Dünen hinauf, um sie dann bäuchlings auf dem Brett liegend wieder herunter zu sausen.

Und auch die nächste Attraktion hat mit Sand zu tun, denn eben südlich beginnt der berühmte „Ninety Mile Beach“. Der Name ist zwar irreführend, denn der ununterbrochene Strand ist tatsächlich „nur“ knapp 90 Kilometer (und damit etwa 55 Meilen) lang. Dafür weist er aber neben seiner wirklich imposanten Länge eine weitere Besonderheit auf. Er ist nicht nur Teil des Te Araroa Trails, sondern darf auch mit Autos befahren werden. Er ist sogar offiziell als Highway anerkannt. Hauptsächlich wird der Strand zwar von Touristen und Anglern befahren, er dient aber auch als Alternative zum nördlichen Teil des State Highway #1, wenn dieser wegen Erdrutschen oder Überflutungen gesperrt werden muss. Der superbreite Strand ist zumeist fest und wirklich gut befahrbar, allerdings ist es unerlässlich, die Tide fest im Blick zu behalten.

Wir erweitern ein wenig unsere Komfortzone. 😚

Auf der Rückfahrt nach Whangārei machen wir nochmal einen Stop und schließen ein bisschen den Kreis zu den Gumdiggern von der Hinfahrt.

In der „Kā Uri Art Gallery“ mit Café und Holzwerkstatt geht es um Maorí-Kunst und insbesondere deren Beziehung zu den Kauri-Bäumen. Neben anderen Maorí-Kunstwerken sind diverse in Kauri-Holz ausgeführte Schnitzereien zu sehen. Verwendet wird dafür regelmäßig „unearthed Kauri“, also das in Sümpfen erhaltene uralte Holz versunkener Bäume. Wie riesig diese Kauri-Bäume waren, zeigt eine Wendeltreppe, die komplett in einen etwa 50.000 Jahre alten ausgegrabenen Kauri-Stamm hineingearbeitet wurde:

Neuseelands Northland, die Possums und Hundertwasser

Die letzten Tage hier nutzen wir, um auch die Umgebung von Whangārei im Bezirk Northland noch etwas zu erkunden.

Ein Ausflug führt uns hinauf zur Bay of Islands, die wir nächstes Jahr unbedingt mit dem Boot besuchen möchten. Die Nebenstraße über Helena Bay auf der Strecke von Whangārei nach Russel lässt mein altes Motorradfahrer-Herz höher schlagen, obwohl wir mitten Auto unterwegs sind. Etwa 100 km lang finden sich kaum mal 200 m gerade Strecke. Dabei geht es bergauf und bergab, durch Wälder, Wiesen und an der schroffen Küste mit eingestreuten kleinen Stränden entlang.

Ein bisschen Viehwirtschaft, wenige kleine Ortschaften, kaum Verkehr. Eine halbe Stunde lang zählen wir den Gegenverkehr und die plattgefahrenen Possums auf der zumeist schmalen, gewundenen Straße. Es sind weniger entgegenkommende Autos als totgefahrene Possums. Diese nachtaktiven Beutelsäuger sind extrem unbeliebt in Neuseeland. Die Fuchskusus (so der deutsche Name) sind etwas größer als eine Hauskatze. Um 1850 herum wurden sie aus Australien zum Aufbau eines Pelzhandels eingeführt. In Australien sind diese Beuteltiere inzwischen geschützt. In Neuseeland aber haben sie keine natürlichen Feinde. Insofern vermehrten sie sich explosionsartig. Viele Neuseeländer überfahren sie deshalb lieber absichtlich, als ihnen auszuweichen, denn Possums haben sich zu einer heute bekämpften Plage für die originäre neuseeländische Planzen- und Vogelwelt entwickelt.

Wo ich schon bei der neuseeländischen Vogelwelt bin 😉:

Wir beobachten unter anderem die typisch neuseeländischen schwarzblauen Tui (-Honigvögel) mit ihrem auffälligen hellen Federbüscheln am Hals und die kaum golfballgroßen Neuseeland-Fächerschwänze (Pīwakawaka oder Fantail) sowie die etwa sperlingsgroßen Graumantel-Brillenvögel. Letztere kamen (wie die Possums) erst im 19. Jahrhundert nach Neuseeland. Da sie aber nicht vom Mensch eingeführt wurden, sondern vermutlich ein Schwarm durch einen Zyklons auf natürlichem Weg von Australien hierher abgetrieben wurde, gelten sie nicht als invasive, sondern als heimische Art. Die Pflanzen- und Tierwelt Neuseelands hat halt so ihre Eigenarten. Es ist kompliziert.

Russel selbst ist ein kleiner Touristenort auf einer langgezogenen und buchtenreichen Halbinsel in der Bay of Islands.

Insbesondere an der Uferpromenade finden sich einige viktorianische Holzbauten, die heute zumeist als Cafés und Restaurants genutzt werden.

Von Russel aus nehmen wir die Fähre hinüber nach Opua. Hier klarieren die meisten Segler nach Neuseeland ein, so wie wir das ja ursprünglich auch geplant hatten. Gerade am Vortag ist die Terikah angekommen. Wir hatten Jen und Cris mit ihren Kindern Calder und Cora in Mexiko kennengelernt und zuletzt in Französisch Polynesien getroffen, die Wiedersehensfreude ist groß und wir schnacken längere Zeit auf ihrem Katamaran.

In Opua machen wir außerdem noch einen herrlichen Waldspaziergang auf dem Opua Kauri Walk.

Zwischen hohen Baumfarnen und vielen Kauri-Bäumen hindurch geht es zu einer Aussichtsplattform nahe einem etwa zwei Meter im Durchmesser aufweisendem jahrhundertealten Exemplar dieser den Maorí als heilig geltenden Bäume.

Auf der Rückfahrt nach Whangārei machen wir einen kurzen Zwischenstopp in Kawakawa. Die Hauptattraktion (vielleicht auch die einzige) in dieser kleinen Ortschaft ist die öffentliche Toilette. Was zunächst skurril anmutet, geht auf den bekanntesten Bewohner des Ortes zurück: der Allrounder-Künstler Friedensreich Hunderwasser wohnte hier ganz in der Nähe von 1975 bis zu seinem Tod im Jahr 2000. Direkt hinter der von ihm gestalteten Toilette gibt es auch einen kleinen Hundertwasser-Park mit einer Bibliothek.

Wir waren zwar in Wien (Hundertwasserhaus), Uelzen (Hundertwasserbahnhof) und Hamburg (Hundertwassercafé) und zuletzt eben Whangārei schon mehrfach auch mit dem architektonischen Werk Hundertwassers in Berührung gekommen, wussten bisher aber nicht, dass er in seinen späten Jahren Neuseeland als Wahlheimat ausgesucht hatte.

Dazu können wir dann bei einem Besuch der Dauerausstellung im Hundertwasserhaus in Whangārei noch mehr spannendes erfahren. Etwa, dass Hundertwasser selbst Segler war und sein Schiff, die REGENTAG, auf Teilstrecken auch eigenhändig vom Mittelmeer nach Neuseeland gebracht hat.

Und zum Beispiel, dass er eine so enge Beziehung zu seinem Schiff hatte, dass er seinen Künstlernamen (bürgerlich hieß er Friedrich Stowasser) erweiterte auf Friedensreich Hundertwasser Regentag Dunkelbunt.

Ein wenig dunkel und ziemlich bunt wird es dann auch noch bei unserer allerletzten Aufgabe in Whangārei: Wolle abholen. Der skurril und ein bisschen dunkel anmutende Teil: in Neuseeland gibt es eine besondere Wolle: neben 80% heimischer Merino-Schafwolle wird 20% Possum eingesponnen. Das weiche Fell der zum Schutz der heimischen Natur gejagten Possums besteht nämlich aus hohlen Haarfasern, die sich nicht nur gut anfühlen, sondern dadurch auch besonders isolierende und Feuchtigkeit transportierende Eigenschaften aufweisen. Der bunte: Helene mit ihrer Garagenfirma HappyGoKnitty färbt diese besondere Wolle in Handarbeit ein und versendet sie dann auf Bestellung in die ganze Welt. Wir haben aber den Luxus, sie direkt bei ihr abholen zu können und uns dabei die Wolle und den Prozess ihrer Entstehung von ihr erklären zu lassen.

Oh, und da wir jetzt ja aus dem neuseeländischen Frühsommer direkt in die ersten deutschen Wintertage fliegen (wir haben Schneebilder gesehen!), hat Wiebke sich zu ihrem Tuch rechtzeitig noch eine passende Mütze fertig gestrickt. Noch nicht aus Possumwolle, aber damit kann ja dann das nächste Strick-Projekt starten.