Vancouver II

Vancouver hat aufgrund seiner geographischen Lage ein ganz besonderes Mikroklima. So ist es hier im Winter deutlich milder (bis zu 4 Grad) als im Inland Kanadas auf gleichem Breitengrad und Tage mit bitterkaltem Dauerfrost sind sehr selten.

Keine Rose ohne Dornen: das Mikroklima sorgt auch für reichlich „liquid sunshine“ – an durchschnittlich 166 Tagen im Jahr regnet es hier.

Da müssen wir uns als Hamburger in Vancouver doch wohlfühlen, oder? 😊 Im Ernst, die Stadt gefällt uns richtig gut. Heute patschen wir bei Schmuddelwetter durch die Pfützen in Yaletown hinunter zum False Creek. Es finden sich viele Backsteinhäuser, die früher zumeist industrielles Gewerbe beheimatet haben oder als Lagergebäude dienten, denn dieser Stadtteil wurde von der „Canadian Pacific Railway“ gebaut. Erst nach der Expo 86 wurde der damals heruntergekommene und kontaminierte Stadtteil neu entwickelt, mit einem Mix aus strengen Erhaltungsauflagen und großzügiger Genehmigung von Hochhäusern in den Randgebiet drumherum. Heute ist Yaletown eines der am dichtesten besiedelten Viertel, zugleich aber mit sehr lebendiger lokaler Wirtschaft, einigen der besten Restaurants Vancouvers, Boutiquen, Bars, lokalen Dienstleistungensbetrieben und zu Lofts und Büros umgewandelten Etagen der alten Backsteinhäuser.

Hier in der Mainland Street ist der Bürgersteig auf einer Straßenseite „hoch“ gelegt, er verläuft auf den alten Laderampen. Ein spannender Stadtteil, selbst jetzt im Regen. Mit belebter Außengastronomie bei Sonnenschein sicher um so mehr.

Yaletown zieht sich bis an den Meeresarm False Creek, der den alten Stadtkern Vancouvers nach Süden begrenzt. Im False Creek liegen mehrere Marinas und Yachtclubs, er dient aber auch als recht gut geschützter ganzjähriger Ankerplatz. Offiziell darf man hier nur maximal zwei Wochen am Stück am Grundeisen liegen, aber der Zustand einiger der Ankerlieger legt nahe, dass dies nicht durchgängig kontrolliert wird. Es ist jedenfalls ein toller (im Sommer wohl auch ein voller) Ankerplatz mitten in der Stadt.

Kanadagänse, größere Verwandte der Nonnengänse

Unten am Ufer finden sich zwei Skulpturen des Künstlers und Landschaftsarchitekten Ron Vaughan. Da ist zunächst „Waiting for Low Tide“, ein durchbrochener Kreis aus Grannitfelsen im Tidenbereich. Die zweite Skulptur „Marking High Tide“ fasziniert uns besonders.

„THE MOON CIRCLES THE EARTH …

… AND THE OCEAN RESPONDS WITH THE RYTHM OF THE TIDES“ ist in den Ring geschrieben. Die ihn tragenden Säulen stehen bei Ebbe an Land, scheinen bei Flut aber einen Tempel im Ozean zu bilden. Was für eine wunderschöne Hommage an die Tide.

Wir springen in eine der knuffigen kleinen Fähren, sie bringt uns unter den beiden hohen Brücken hindurch und hinüber auf die andere Creekseite.

Dort, auf der Halbinsel Granville Island, wurde eine weitere ehemalige Industriebrache revitalisiert, in diesem Fall ohne Wohnbebauung. Eine große Markthalle, eine Brauerei, diverse Kunsthandwerksbetriebe vom Geigenbauer bis zur Glashütte, die Emily Carr University of Art and Design und einiges mehr gruppiert sich um die noch bestehende Zementfabrik. Wir bummeln herum, essen eine Kleinigkeit in der Markthalle und nehmen dann wieder die Fähre bis zur Endstation am Ausgang des False Creek.

Das Vanvouver Maritime Museum bietet einen kleinen Museumshafen, beherbergt aber vor allem in seinem Inneren die „St. Roch“, um die herum das Museum errichtet wurde. Der ehemalige Schoner war das erste Schiff, dass die Nordwestpassage in beiden Richtungen durchfuhr, von Vancouver nach Halifax und zurück (wobei sie auf der 28 Monate dauernden Hinreise von West nach Ost zwei Winter im Eis eingefroren verbrachte, die Rückreise des inzwischen zur Ketch umgebauten Schiffes dauerte dann im Sommer 1944 nur 86 Tage und machte die St. Roch zum ersten Schiff, dass die Nordwestpassage in einer einzigen Saison bewältigte).

Da wird es dann fast schon zur Randnote, dass die St. Roch 1950 nochmals nach Halifax fuhr, diesmal durch den Panamakanal, was sie zum ersten Schiff machte, das den Kontinent Nordamerika umrundete.

Nachdem wir vor Jahren das norwegische Polarexpeditionsschiff „Fram“ im eigens für sie gebauten Museum in Oslo angeschaut haben, können wir uns die St. Roch natürlich nicht entgehen lassen.

Die St. Roch kann betreten werden, man erhält einen tollen Einblick in die (engen) Quartiere und das Leben an Bord. Auch das kleine Zelt, in dem auf der zweiten Tour durch die Nordwestpassage eine komplette siebenköpfige Inuit-Familie an Deck lebte (17 Schlittenhunde hatten sie auch dabei) ist auf der Ladeluke unter dem Großmast aufgebaut. Die Hinfahrt hatte gezeigt, dass ein einheimischer Führer, Übersetzer und Jäger sehr nützlich sein könnte.

😉

Szenenwechsel. Und jetzt Vancouver

Flora ist eingewintert. Auf dem Bild noch “Work in Progress“, alleine die (erschreckend) vielen Borddurchlässe erfordern da ein planvolles Vorgehen. Zudem dürfen natürlich nicht einfach alle Seeventile geschlossen werden, so laufen zum Beispiel die großen Cockpitlenzer durch den Motorraum und können dort mit Seeventilen verschlossen werden – das wäre für den Winteraufenthalt im Wasser allerdings ebenso wenig praktisch wie das Verschließen der von Hallberg-Rassy zum Glück vorbildlich beschrifteten Decksabläufe (Deck Scupper) wie hier unter dem Waschbecken im achteren Bad.

Außerdem haben wir diesen Plan für Lynn und Wulf offen im Schiff liegen lassen, denn die beiden schauen in unserer Abwesenheit nach Flora, dafür sind wir sehr dankbar.

Dann noch das Frischwassersystem frostsicher machen und es ist geschafft. Wir beladen das Auto, bringen Lynn und Wulf den Bootsschlüssel vorbei und los geht’s: “Landurlaub”. Obwohl, der beginnt eigentlich gleich wieder mit einer Schiffsreise. Denn schon in Nanaimo steuern wir unseren Kia auf eine Fähre und so schippern wir unserem ersten Ziel entgegen: Vancouver.

Die Fähre legt ein bisschen außerhalb der Stadt in der Horseshoe Bay an, so müssen wir uns zwar noch etwas durch den Feierabendverkehr mühen, kommen dafür über die beeindruckende und tolle Ausblicke bietende Lions Gate Bridge nach Vancouver hinein.

Am nächsten Tag statten wir dieser Brücke und dem Stanley Park an ihrem südlichen (stadtseitigen) Ende nochmal einen ausgedehnten Besuch ab. Die Brücke ist eines der Wahrzeichen Vancouvers. Wie die (längere, aber mit etwa gleicher Durchfahrtshöhe aufwartende) Golden Gate Bridge von San Francisco wurde sie Ende der 1930er Jahre als Hängebrücke mit zwei Hauptstützpfeilern über einer Meerenge errichtet. Hier in Vancouver allerdings privat, nämlich von der Brauerei-Familie Guiness, die erheblichen Landbesitz nördlich der Enge erworben hatte und diesen an die Stadt anbinden wollte. Wiebke merkt an, dass sich daraus auch die Farbe der Brücke erklärt:

Irisch Grün 😉

Was in Vancouver sofort auffällt ist die große Anzahl von Bäumen. Der Stanley Park als geschlossener Stadtwald trägt dazu bei, aber auch die Straßen selbst zwischen den Hochhäusern Downtown sind gesäumt von jetzt gerade herbstlich bunten Laubbäumen.

Und nicht nur das. Ein Besuch auf der Aussichtsplattform im Bürogebäude „Vanouver Lookout“ macht deutlich, dass sich die Laubfärbung markant durch das ganze Stadtgebiet zieht. Sogar auf den Wolkenkratzern finden sich zum Teil große Bäume.

Aber Vancouver hat noch viel mehr zu bieten. Nicht ohne Grund belegt die mit nur gut 700.000 Einwohnern (2.500.000 in der Metropolregion) gar nicht mal so riesige Stadt regelmäßig einen der vorderen Plätze bei den weltweit nach Lebensqualität beliebtesten Großstädten. Das Meer liegt vor der Haustür, ebenso die Berge. Die nahen Skigebiete der Northshore Mountains sind sind von Downtown nur etwa eine halbe Stunde Fahrtzeit entfernt, das berühmte Whistler ist in zwei Stunden erreichbar.

Und natürlich gibt’s nicht nur Hochhäuser. Unser Airbnb liegt auf der Grenze zum historischen Gastown mit seiner zumeist aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts stammenden Bebauung (Vancouver wurde erst 1867 gegründet, brannte 1886 ab, entwickelte sich danach aber rasant).

Gastown ist heute eine Szenestadtteil mit vielen Kneipen, sonstiger Gastronomie und auch einer Vielzahl kleiner Geschäfte.

Außerdem mit dem „Canada Place“, dem an Segel erinnernden Gebäude unten am Hafen. Auch dies eins der Wahrzeichen, es ist der vom Architekten Eberhard Heinrich Zeidler als kanadischer Pavillon entworfene Bau aus der Weltausstellung EXPO 86 in Vancouver.

Und natürlich mit der berühmten dampfbetriebenen Uhr, einem weiteren Wahrzeichen der Stadt.

Zum Brunch treffen wir uns am zweiten Tag mit Debora und Rob, die wir aus Panama kennen, bei einem wunderbaren kantonesischen Dim Sum Restaurant weiter im Süden der ausgesprochen multikulturellen Stadt. Herrlich.

Und zurück in unserem Airbnb ist das hier der Ausblick vom Balkon: das Meer und die Schneekappen auf den Bergen blitzen durch. Tagsüber jedenfalls.

😎

Winterplatz für Flora

Zuerst gute Verhältnisse, ein Übernachtungsstop in der Richardson Cove auf Lasqueti Island, am Ende dann doch noch ein bisschen Bolzen gegen die Welle, aber es ist geschafft. Wir sind wieder in Campbell River in der Discovery Marina.

Hier im gut geschützten Hafen wird Flora über den Winter bleiben, in Gesellschaft einiger anderer Boote der ziemlich aktiven Winter-Community hier im Hafen. Die Crews von mehreren anderen Winterliegern kennen wir, die Pitou bereits aus Hawai’i, die Fidelis aus Alaska, weitere Crews haben wir hier schon kennengelernt. Das gibt uns ein gutes Gefühl. Insbesondere, weil wir nicht planen, die ganze Zeit hier zu sein, sondern statt dessen noch etwas weiter reisen wollen. Über Land durch Kanada und die USA, dann zu Weihnachten nach Deutschland fliegen.

Erst einmal aber müssen wir hier noch ein paar Vorbereitungen treffen. Zunächst mal Flora von der Salzkruste befreien, Segel abschlagen, so etwas. Natürlich können wir nicht wie früher in Deutschland bei unseren Booten fast alles von Bord nehmen, statt dessen heißt es durchsortieren. Auch die Vorräte, zudem zur Schimmelvermeidung Oberflächen im Boot mit Essig abwischen. Luftentfeuchter besorgen und elektrischen Anschluss dafür herstellen (Landstrom in Kanada hat 110 V 60 Hz, unser Bordsystem 230 V 50 Hz bzw. 12 V Gleichstrom). Aber wir wollen ohnehin nicht das Ladegerät bei Abwesenheit an Landstrom angeschlossen lassen, die Solarpanel werden für die Erhaltungsladung dicke reichen. Klamotten umsortieren und zum Teil vakuumieren. Bordsysteme winterfest machen, wobei das nicht so dramatisch ist, da Flora ja im Wasser bleibt und der Pazifik hier nicht gefriert. Wir überlegen, ob wir trotzdem einen Radiator mit Frostwächter-Schaltung ins Boot stellen. Und noch zig andere Sachen sind zu berücksichtigen und zu erledigen, aber wir lassen uns Zeit.

Die nächste größere Aufgabe (und Ausgabe) ist der Kauf eines Autos, dass wir dann nach dem Winter wieder verkaufen wollen. Die Zulassung (auch auf uns Ausländer) scheint hier in Kanada recht unproblematisch zu sein, aber die Auswahl des passenden Gefährts ist nicht ganz einfach. Wir wollen im Winter über die Rocky Mountains, da wäre Allradantrieb nicht schlecht, aber die damit ausgestatteten Wagen sind hier zumeist recht groß, nicht nur vom Innenraum, sondern auch von der Motorisierung. Für unsere Landausflüge werden einige Kilometer zusammenkommen und großer Motor heißt auch mehr Verbrauch. Ideal wäre aber, wenn wir unsere Matratzenauflage als Notlager hinter im Auto ausbreiten könnten, dafür wäre ein größeres Auto wieder gut. Hm. Die Auswahl ist durchaus eingeschränkt, obwohl wir schon ziemlich lange Märsche durch die Automeilen von Campbell River unternommen haben (heute 12 km). Mal sehen.

Segeln in BC: über Lasqueti Island nach Nanaimo

Nachdem wir zuletzt ja hier in British Columbia mangels Wind reichlich Motorstunden angesammelt haben, können wir auf dem weiteren Weg nach Süden endlich wieder segeln. Hier trennt die etwa 15 Seemeilen (25-30 km) breite und über 100 sm lange Strait of Georgia die südliche Hälfte Vancouver Islands vom kanadischen Festland. Nicht als durchgängige Wasserfläche, diverse Inseln und auch einige weitere Narrows warten noch auf uns, aber zunächst mal eben doch auch mehr offene Wasserflächen.

Als erstes Ziel haben wir uns Boho Bay ausgesucht, gut 50 sm von Campbell River entfernt. Da aber in der Discovery Passage vor der Hafenausfahrt von Campbell River bis zu 6 kn Strömung setzen, müssen wir ohnehin schon um 7.30 los, das sollte passen. Tut es, und es gibt uns auch die Zeit, bei nur leichten Winden und traumhaftem T-Shirt-Wetter herrlich unter Gennaker langsam dahin zu segeln.

Sogar ein kurzer Angelstopp ist drin und wird mit zwei Grünlingen belohnt, über Funk laden wir Ben und George zu „Fisch asiatisch“ zum Dinner auf die Flora ein, die beiden sind kurz nach uns gestartet und parallel mit gleichem Ziel unterwegs.

Die Ankerplatz zwischen Lasqueti und Boho Island entpuppt sich als imposanter als erwartet, die Küste von Lasqueti formt hier eine hohe Steilwand, die dramatisch zur Bucht hin abfällt und schon früh die Abendsonne abschirmt.

Schön auch, dass wir endlich wieder einmal Erfolg mit unserem Krebskorb verzeichnen können, gleich fünf Krebse hole ich am nächsten Morgen mit ihm hoch. Wobei, der größte Krebs sitzt nicht einmal im Kasten, sondern oben auf dem Korb, will aber trotzdem nicht vom Köder lassen und landet erst im Dinghy (und dann im Kochtopf). Alle fünf sind Männchen, die beiden Kleinsten lassen wir trotzdem wieder frei, die anderen drei sind „Keeper“.

Auch am nächsten Tag können wir segeln, diesmal unter weißen Segeln bei auffrischendem Wind hinüber nach Nanaimo. Dazu müssen wir einen kleinen Bogen um die „Firing Practice and Exercise Area Canadian Forces Maritime Experimental and Test Ranges Whiskey Golf“ machen. Das ziemlich große Schießgebiet ist heute zwar gar nicht aktiv, aber einige Schiffe sind trotzdem dort stationiert und zu denen ist ein Mindestabstand von einer Meile einzuhalten. Ist egal, wir können herrlich segeln und begegnen auf unserem Umweg sogar einigen Walen.

Nanaimo ist für uns die erste größere Stadt seit Honolulu auf Hawai‘i. Mit immerhin rund 90.000 Einwohnern die ganz knapp zweitgrößte Gemeinde auf Vancouver Island (nach Victoria, der Hauptstadt der Provinz BC). Einige wenige Hochhäuser verkünden das schon aus der Ferne, für uns Segler spannender ist da die Vielzahl der Häfen und Marinas, die sich im Naturhafen und der schmalen Passage hinter dem vorgelagerten Newcastle Island finden. Die dicht bebauten Hänge schon vor dem eigentlichen Stadtgebiet zeigen zudem an, dass wir uns aus der Wildnis des nördlichen BC jetzt in den Einzugsbereich der Metropole Vancouver bewegen. Von Nanaimo dorthin gibt es mehrere Fährverbindungen, Wasserflugzeuge fliegen im Linienverkehr und auch der „normale“ örtliche Flughafen ist dorthin angebunden. Ursprünglich aus einem Handelsposten der Hudson Bay Company hervorgegangen, nahm Nanaimo durch die nahen Kohleminen einen kräftigen Entwicklungsschub. Der Entdecker der dortigen Kohle hatte praktischerweise 1869 eine Gesellschaft zur Erschließung gegründet und als Mitgesellschafter den Oberbefehlshaber der Pazifikflotte aufgenommen. Die Flotte war dann (neben der Stadt San Francisco) der Hauptabnehmer der Kohle. Konsequenterweise gibts also hier keine Spirit-Bären auf den Kästen wie in Klemtu, statt dessen …

Und es ist so städtisch, dass es auch einen (sogar zwei) ausgewiesene Woll-Geschäfte gibt. Hatte ich schon erwähnt, dass auf Flora in den ruhigen Gewässern von BC intensiv gestrickt wird?

😁

Campbell River

In Campbell River bleiben wir ein paar Tage. Der Ort bietet fußläufig gute Einkaufsmöglichkeiten, außerdem auch ein gut gemachtes Museum. Die Abteilungen über die First Nation Ureinwohner (hier sind es Wei Wai Kum, die in Gemeinwirtschaft sehr erfolgreich große Teile des Ortes verwalten, darunter auch die Marina), über die Entwicklung von Logging (Holzwirtschaft) und Fischerei sind jeweils spannend und modern und multimedial präsentiert. Daneben fasziniert uns im Museum auch ein dokumentarischer Film über die Sprengung des „Ripple Rock“. Die Spitze dieses Unterwasserfelsens in den von uns gerade durchfahrenen Seymour Narrows wurde 1958 in die Luft gejagt – eigentlich mehr ins Wasser -. Vorher ragten seine beiden Gipfel mitten in der Passage bei Ebbe bis etwa drei Meter unter die Wasseroberfläche und verwirbelten das Wasser um einiges mehr, als es heute noch der Fall ist (immer noch schlimm genug). Jetzt ist die Durchfahrt immerhin mindestens 14 m tief. Bis zu der Sprengung waren weit über 100 Schiffe auf der Untiefe verunglückt, mindestens 114 Menschen dabei ums Leben gekommen. Nachdem andere Versuche zuvor gescheitert waren, wurden in über zweijähriger Minen-Arbeit Stollen vom Festland unter der Meerenge hindurch bis in die Felsen getrieben und mit 1.375.000 kg (1.375 to !!!) Sprengstoff gefüllt. Schon logistisch eine immense Herausforderung. Die bis dahin weltweit größte absichtliche menschengemachte nichtnukleare Sprengung war dann erfolgreich und verlief plangemäß.

Bei weiterhin herrlichem Wetter nehmen wir gemeinsam mit Ben und George von der „Island Time“ ein Taxi und lassen uns hinaus zu den Elk Falls* kutschieren. Schon wieder Wasserfälle? Ja, aber auch die hier haben etwas ganz besonderes: eine 60 m lange stählerne Hängebrücke führt in 64 m Höhe dicht an den Fällen über die tiefe Schlucht des für die Stadt namensgebenden Flusses. Mitten im Wald, man muss von der Straße aus ein Stückchen dahin wandern. Interessanterweise kostet es keinen Eintritt, keine Souvenirshops stehen daneben, allzuviel Betrieb ist auch nicht.

Und danach führt ein wunderschöner Wanderweg, der Canyon View Trail, durch den Wald zurück Richtung Stadt.

Die erste Herbstfärbung im Ahorn ist auch schon da und macht unseren Waldspaziergang noch stimmungsvoller.

Immer wieder gibt es auch Ausblicke auf den Campbell River, an ruhigen Stellen können wir in Nebenarmen Lachse beobachten, im schnell fließenden Hauptarm sind Kanuten unterwegs und am Ufer schwingen Fliegenfischer elegant ihre Angelruten.

😎

(*) birgt mal wieder Tücken in der Übersetzung: ein kleines Stück weiter flussaufwärts der Elk Falls liegen im Campbell River tatsächlich die Moose Falls => die Elch-Wasserfälle. Im amerikanischen Englisch bezeichnet „Elk“ zwar auch eine Hirschart, jedoch den Wapitihirsch, einen großen Rothirsch. Im britischen Englisch meint Elk allerdings den Elch.

Re. Oder: Die verflixte Strömung

Der Chatham Channel kann bis zu 8 kn Strömung erreichen. Das hört sich toll an, nach dem Motto: da muss man ja nur auf den richtigen Zeitpunkt warten und dann wird man bei 5 kn Fahrt mit 13 kn seinem Ziel entgegen geschoben. Schön wärs.

Aber so einfach klappt das leider nicht. Technisch gesehen liegt das an einer physikalischen Kennzahl, der Reynolds-Zahl (Formelzeichen Re). Sie ist in der Strömungslehre von besonderer Bedeutung und ermöglicht zum Beispiel Modellversuche im Windkanal, Berechnungen zum Turbulenzverhalten von Flugzeugtragflächen oder von potentiellem Strömungsabrissen, sei es am Flügel von Windkraftanlagen oder am Steuerruder eines Bootes.

Oder eben Aussagen dazu, wann fließendes Wasser nicht mehr (laminar) dahinströmt, sondern chaotisch wird, Eddies und Wirbel, stehende Wellen und Strudel bildet. Das passiert selbst in einem glatten Rohr bei entsprechender Fließgeschwindigkeit, wird aber durch Verengungen, Felsen und Flachstellen deutlich begünstigt, der kritische Re-Zahlenwert wird dann schneller erreicht.

Und dann würde das Wasser unsere Flora eben nicht mehr durch den Chatham Channel schieben, sondern uns steuerlos herumwirbeln. Um das zu vermeiden, stellen wir den Wecker und fahren mit nur langsam schiebenden Strom durch die Enge. Bis zu drei Knoten erreicht die Strömung, das passt gut und wir kommen völlig problemlos durch. Selbst der Nebel hat ein Einsehen, habt sich ein wenig und erlaubt uns etwas Sicht, bevor er kurz nach der Passage wieder pottendick wird. Unter Radar tasten wir uns weiter bis zu unserem Tagesziel, Port Neville.

Wir machen am Schwimmsteg vor der alten Poststation fest. Die ist zwar heute ein Privathaus und nicht mehr ganzjährig bewohnt, der Steg ist aber immer noch kommunal und wird von den Behörden gut in Schuss gehalten. Wir dürfen kostenlos dort anlegen und auch das Gelände betreten. Am Strand finden wir frische Bärenspuren, es lässt sich aber keiner sehen.

Die nächste Tagesetappe führt uns die Johnstone Strait hinunter und wir können hier – bei reichlich Platz – mit den Verwirbelungen der schiebenden Tide weitere Erfahrungen sammeln. An Helmcken Island führt nördlich die “Currant Passage” südlich die “Race Passage” vorbei. Als Verkehrstrennungsgebiet ausgeführt, ist es für uns die Race Passage. Obwohl dem Fahrwasser folgend, müssen wir bei 4 Knoten Schiebeströmung teilweise bis zu 45 Grad vorhalten (also den Bug in die “falsche” Richtung steuern) und werden immer mal wieder 20 Grad nach rechts oder links gedrückt. Beeindruckend.

Tagesziel ist der Ankerplatz hinter Turn Island.

Der nämlich liegt nur 13 Seemeilen vor den Seymour Narrows. Und für genau die war das Ganze der Aufgalopp zum Üben. Bis zu 15 Knoten können die Strömungen hier erreichen, es ist DIE berühmt berüchtigte Passage in British Columbia. Selbst Wikipedia fabuliert von einer astronomischen Reynolds-Zahl für diese zentrale Enge. Die offiziellen kanadischen Sailing Directions empfehlen allen kleinen Booten (unter 20 m !!!) nachdrücklich, sie nur um Stillwasser herum zu befahren.

Stillwasser ist in den Seymour Narrows maximal 15 Minuten, oft weniger. Das reicht nicht für die Strecke, also soll die erste leicht mitlaufende Tide helfen.

Und das wollen wir morgen versuchen. Uns also bei Gegenstrom etwa drei Stunden lang heranarbeiten, um dann zum genau richtigen Zeitpunkt (morgen um 11.00 Uhr Ortszeit herum) hindurch zu fahren. Drückt uns die Daumen, dass wir richtig gerechnet haben. Wenn nicht, sollten wir es auf den 13 Meilen schon merken und können dann (Plan B) umdrehen oder (Plan C) in die Brown Marina direkt vor den Narrows einlaufen.

Wetterglück in British Columbia

Es ist eigentlich kaum zu fassen, was für ein Glück wir mit dem Wetter hier in BC haben. Wohlgemerkt: wir. Die Lachse nicht so sehr. Wann immer wir Einheimische ansprechen, hören wir, dass es für die Jahreszeit viel zu trocken ist. Für die Lachse ist das schlecht, sie bleiben in tieferem (Meer-)Wasser und warten auf den großen Regen, damit sie dann die anschwellenden Bäche und Flüsse hinaufwandern können. Lachse im tiefen Wasser sind wiederum auch schlecht für die Fischer, denn dort sind sie wesentlich schwieriger zu erwischen.

Auch wir haben bisher nur wenig Lachs gefangen, sind aber trotzdem sehr froh über das schöne Spätsommerwetter. Zu diesem gehört hier in BC der Morgennebel wohl dazu, navigatorisch manchmal anstrengend, aber auch von magischer Schönheit. Fast jeden Tag führt er dazu, dass wir etwas länger in der Koje bleiben und erst losfahren, wenn sich der Schleier über der Landschaft etwas hebt und zumindest erste Blicke in den blauen Himmel freigibt.

Nebel und Sonnenschein, diese Kombination führt zu dem farbenprächtigen Halo, den die Drohne um Flora herum aufgenommen hat:

Von Port Hardy aus geht es erstmal wieder in die Einsamkeit: die Broughton Islands sind unser erstes Ziel. In dem Inselwirrwarr wählen wir die Waddington Bay als Ziel, ein toller Tip von Tereza und Jakub.

Und wir haben Angelerfolg. Ein großer Grünling geht an den Haken, wieder mal eine neue Art Fisch für uns, sehr lecker.

Die nächste Ankerbucht haben wir auch wieder für uns allein, Shoal Harbor nur etwa 5 sm weiter östlich. Die Einfahrt ist eng mit Flachs gleich neben uns, aber der Bewuchs mit Kelp zeigt die Lage der Unterwasserfelsen gut an und so können wir uns problemlos hindurchschlängeln.

Mit dem Dinghy fahren wir ein Stück zurück zur Echo Bay. Michelle und Tom von der Paraiso hatten uns in Alaska ans Herz gelegt, hier unbedingt das kleine Museum in den grünen Häuschen zu besuchen.

Wir machen Florecita am Steg fest und oben am Hang erhebt sich Billy aus seinem Gartenstuhl und kommt langsam zu uns herunter. William “Billy” Proctor ist 87 Jahre alt. Fast ebenso lange hat er am Strand Fundstücke aufgesammelt und zusammengetragen, Muscheln ebenso wie Gebrauchsgegenstände der Ureinwohner, kleine und medizinballgroße Netzbojen aus Glas, die vom fernen Japan herüber getrieben sind, Flaschen aller Art, Otter-, Wolfs- und Bärenfallen, schön säuberlich handbeschriftet, Angelköder allenthalben, ergänzt mit Haushaltsgegenständen und Werkzeugen, wie sie hier in Gebrauch waren zu einem Einblick in die Zeitgeschichte.

Die eigentliche Attraktion des Museums aber ist Billy selbst. Still, fast schüchtern, weiß er doch (auf unsere Frage) zu jedem Ausstellungsstück eine kleine Geschichte zu erzählen. Die Fallen etwa hat er selbst benutzt, er erklärt uns, in welchen Wintermonaten man die besten Felle erhält und zeigt uns die Werkzeuge, mit denen die Pelze weiter bearbeitet wurden. Erzählt, das über den Fallen ein Werkzeug zum Öffnen in die Bäume gehängt wurde, für den Fall, dass versehentlich ein Mensch hinein trat.

Ungefähr ein Eintrag pro Tag findet sich im Gästebuch. Billy nimmt sich Zeit, wir auch.

😊

Zurück auf Flora sind wir zwar noch immer das einzige Boot am Ankerplatz und sehen auch keinen anderen Menschen, dafür haben es sich aber Robben auf den Holzstämmen vor einer Hütte am Ufer bequem gemacht. Knapp 30 von ihnen zählen wir in der kleinen Bucht.

Wenn sich die Tiere hier so wohl fühlen, sollte dann auch …

Ja, unser Krebskorb ist endlich mal wieder gefüllt. Die beiden Weibchen gehen gleich zurück ins Wasser, aber das große Männchen sorgt für ein Festmahl auf Flora.

Am nächsten Morgen motoren wir bei sich lichtendem Nebel weiter durch den Tribune Channel in die Kwatsi Bay.

Der Törnführer verspricht spektakulär steile Hänge rund um die Bucht und damit hat er recht. Nicht aber mit der erwähnten Marina, der wir wegen des schlechten und steil ansteigenden Ankergrunds eigentlich den Vorzug geben wollten. Die Anlage ist verlassen, die Landverbindung des Schwimmsteg versunken.

Der vordere Teil des Steges allerdings ist noch nutzbar, wir machen für die Nacht fest und erkunden die Umgebung. Die steilen Felsen am Ufer zeigen mit ihrem Farbenspiel, dass hier wohl Eisen und Schwefel am Werk sind. Ein Fender hängt ein Stück entfernt in einem Baum. Als wir mit dem Dinghy dort anlanden, entpuppt er sich als der erhoffte Wegweiser für einen kurzen Trail hinauf zum Wasserfall im Wald. Mangels Regen (!) nur ein Schatten seiner sonstigen Fülle, aber trotzdem ein schöner Anblick und so können wir ein bisschen im Bachbett herumklettern.

Kurz vor dem Dunkelwerden tuckert dann doch noch ein zweites Boot in die Bucht, George und Ben aus Washington (State), wie Tereza und Jakub mit einer Hans Christian 38 unterwegs. Wir haben zusammen einen schönen Abend auf der Flora und werden am nächsten Morgen zu Pancakes auf die “Island Time” eingeladen.

Wie üblich, danach hat sich der Nebel gelichtet, es kann weitergehen. Strategisch günstig nah am Eingang des etwas kniffligen Chatham Channel gelegen, haben wir uns als Tagesziel die Lagoon Cove Marina ausgesucht (wieder eine Empfehlung von Michelle). Marina ist dabei vielleicht etwas irreführend: ein Schwimmsteg mit zwei Querstegen, von denen einer das Fueldock ist. Familiengeführt und liebevoll ausgestattet. Wir sind die einzigen Gäste und es ist ziemlich günstig: jetzt in Nachsaison 45 kanadische Dollar, umgerechnet gut 33 Euro pro Nacht. Mit perfektem leistungsstarken WiFi über Starlink, mit dem wir endlich einige benötigte Updates laden können. Und mal wieder einen Blogbeitrag posten 😉.

Nebel, Narrows, Fury und die Ottershow

Der Regen ist erst mal durch, die Wolken haben sich verzogen. Die Nächte sind wieder sternenklar – in der ersten Nachthälfte. Ab Mitternacht bildet sich dann aber meist Nebel über dem warmen Pazifikwasser. Am späten Vormittag löst er sich wieder auf.

Macht nichts, von der Pruth Bay sind es nur etwa 20 Meilen bis zu unserem nächsten Ankerplatz. Wir haben die Fury Cove ausgewählt, weil sie strategisch günstig für den Absprung zur Passage um das Cape Caution liegt.

Die Fury Cove liegt noch eben östlich von Calvert Island. Südlich davon ist die geschützte Inside Passage insoweit unterbrochen, als eben das Stück bis Vancouver Island keinen Inselschutz gegen den Pazifikschwell und die entsprechenden Windsysteme bietet, dafür aber starke Tidenströme und eine Vielzahl von Untiefen: Cape Caution (wörtlich übersetzt: Kap Vorsicht/Warnung/Achtung) trägt seinen Namen zu Recht.

Fury Cove hat eine etwas verwinkelte, schmale Einfahrt durch ein Inselgewirr. „Entering … for the first time can be a hair-raising experience“ schreibt der Douglas (Törnführer). Aber bei dem ruhigen Wetter ist es wenig dramatisch. Und obwohl die Bucht zwei (nicht befahrbare) Öffnungen nach Westen hat, bleibt der Schwell wunderbarerweise draußen, der Ankerplatz ist ruhig wie ein Ententeich, obwohl sich draußen die Wellen krachend an den Felsen brechen.

Überhaupt ist Fury ein toller Ankerplatz. Mit dem Dinghy setzen wir zu einem der in die Felsen eingebetteten Sandstrände über und können die größere Insel Fury Island auf einem Trampelpfad durchs Inselinnere erkunden. Auch hier ist die Hochwasserlinie der Küste wieder voller Treibholz.

Und der Abendblick aus dem „Küchenfenster“:

Am nächsten Morgen das gleiche Spiel: Nebel. Gegen 10.00 Uhr fahren wir los und scheinen ihn hinter uns zu lassen. Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht, immer wieder machen sich Nebelbänke breit, wir sind froh über das Radar. Auch Cape Caution schaut nur zum Teil aus dem Nebel.

Wir entscheiden uns, heute nicht bis Port Hardy durchzugehen, sondern noch einen Ankerstop im Miles Inlet einzulegen. Prompt reißt der Nebel komplett auf und wir können die schmale Gasse zum Ankerplatz bei strahlendem Sonnenschein durchfahren. Die Skizze im Törnführen warnt vor einer Flachstelle in der Durchfahrt mit nur einem Faden Tiefe (die amerikanischen und kanadischen Papier-Seekarten und auch der Törnführer verwenden hier wie auch in Alaska durchgängig die für uns sonst eher ungewohnte Maßeinheit Faden). Das wären nur rund 1,8 Meter, aber wir haben fast Hochwasser bei rund drei Metern Tidenhub. Die Navionics-Karte gibt an der flachsten Stelle 4,6 m an (plus Tide). Tatsächlich haben wir mindestens 7,6 m, das passt also mit Navionics und wir könnten mit Floras 2 m Tiefgang zur Not auch bei Niedrigwasser auslaufen.

Das schmale Miles Inlet bietet ein paar Besonderheiten. So ankern wir praktisch mitten auf einer Kreuzung. Ein kleines Stück in die beiden Seitenarme hinein wäre Ankern auch noch möglich, aber der Schwoiraum ist dann doch sehr begrenzt.

Die zweite Besonderheit: auch wenn es zunächst aussieht, als würde es noch ein Stückchen weiter gehen, sollte man Erkundungstouren nur mit dem Dinghy oder Kanu unternehmen und zeitlich gut planen.

Was sich nämlich bei Hochwasser noch so präsentiert…

… sieht bei ablaufendem Wasser noch vor Niedrigwasser schon so aus:

Wir können den kleinen Wasserfall jetzt von unserem Ankerplatz aus sehen und hören, unsere Dinghy-Erkundungstour im südlichen Arm des Miles Inlet endet nach einem 90 Grad Knick ebenfalls vor einem beeindruckenden Tiden-Wasserfall. Und doch sind die Rapids hier im Miles Inlet nur eine kleine Fingerübung der Natur (*). Knapp dreieinhalb Meile nordöstlich liegen die Nakwakto Rapids, in der Seekarte mit einem „⚠️“ versehen, sie gehören zu den kräftigsten Tidenstromschnellen der Welt. Bis zu 14 kn Geschwindigkeit erreichen die Wassermassen dort bei Flut, bei Ebbe werden es sogar bis zu 16 kn. Die Tuburlenzen und Eddies werden als „extremly hazardous“ beschrieben. Und doch: bei Stillwasser, egal ob hoch oder niedrig, sollen sie problemlos von Yachten passiert werden können, die beiden möglichen Routen sind selbst bei Niedrigwasser noch 10 bzw. 16 m tief.. Dann ist der Weg frei in die beiden großen, hinter der kurzen Schmalstelle der Nakwakto Rapids liegenden Fjorde Seymour Inlet und Belize Inlet. Aber das heben wir uns auf für ein andermal, vielleicht.

Zwar ankern wir auch im Miles Inlet (wie an den letzten Ankerplätzen auch) als einziges Boot, allein sind wir aber trotzdem nicht. Ein großer Seeotter dreht den ganzen Nachmittag völlig entspannt rückenschwimmend seine Runden um die Flora, döst treibend in unserer Nähe und verschwindet nur kurzfristig mal, um sich einen Krebs als Snack zu holen. Was für eine wunderbare Show:

(*) … oder des Planetendesigners Slartibartfaß. Wer statt unseres Douglass-Törnführers lieber Douglas Adams „Per Anhalter durch die Galaxis“ oder die anderen vier Bände von dessen „fünfbändiger Triologie“, insbesondere den dritten Band „Das Leben, das Universum und der ganze Rest“ liest, kennt ihn sicherlich. Ich musste jedenfalls sowohl in Alaska als auch hier in BC öfter an ihn und seine Liebe zu den von ihm designten Fjorden („die einem Kontinent ein schönes barockes Flair verleihen“) denken.

😊

Grau oder Schwarz-Weiß

Von der wunderschönen und farbintensiven Codville Lagoon fahren wir bei schlechter werdendem Wetter 15 Meilen weiter nach Süden. Es wird grau. Die Seekarte zeigt “Namu Harbour”, aber der Törnführer hält desillusionierendes bereit: Namu ist ein Ruinenort, sogar vollständig “off limit” – darf also nicht betreten werden. Wie Butedale weiter im Norden war Namu ein prosperierender Ort, bis die große und vordem sehr erfolgreiche Cannery dicht machte, wurde danach verlassen und dem Verfall preisgegeben. Hier wie dort scheiterten verschiedene Versuche der Revitalisierung. Inzwischen taugen die zusammenbrechenden und ins Meer rutschenden Gebäude nur noch als traurige Mahnung. Goldgräberzeiten (auch unternehmerische) haben hier an der abgelegenen pazifischen Nordwestküste immer auch Glücksritter angezogen. Für sie gab es nur schwarz oder weiß: war das Geld (erst Pelze, dann Gold/Lachs/Bodenschätze/Holz) nicht mehr leicht zu machen, zogen sie halt weiter. Die zurückbleibenden Ruinen würde die Natur schon schnell wieder unsichtbar machen. In Teilen stimmt das, hier in Namu wird es aber wohl noch etwas dauern.

Das Rock Inlet eben nördlich von Namu führt mit einem schmalen Fahrwasser zu einem guten, 11 m tiefen Ankerplatz. Die vielen kleinen baumbestandenen Felseninseln im Inlet verbergen gnädig den Blick auf die zerfallenden Gebäude und schirmen uns zugleich vor dem Schwell ab, der mit dem aufkommenden Südostwind schnell steile und hackige Wellen im breiten Fitz Hugh Sound aufgebaut hat. Auf der Fahrt hierher hat erstmals seit langem unser Windgenerator mal wieder maßgebliches zu unserem Energiehaushalt beigesteuert, hier drinnen aber schafft es das Lüftchen kaum, seine Flügel überhaupt zu bewegen.

Grauer Himmel, Wolkenfetzen hängen in den Bergen, als wir uns am nächsten Morgen Richtung Calvert Island aufmachen, die den Fitz Hugh Sound vom offenen Pazifik trennt. Vormittags soll es eine Windpause geben, danach folgen nach der Prognose einige Tage mit kräftigem Südwind. Die wollen wir in der Pruth Bay abwettern. Gut geschützt und zugleich mit der Möglichkeit, Spaziergänge und Hikes an die Pazifikküste zu machen.

Die Pruth Bay beherbergt in dieser sonst menschenleeren Gegend das Hakai Institute, eine Forschungsstation, die sich mit der Langzeitentwicklung der Küstenregion zwischen Pazifik und Regenwald in den letzten 15.000 Jahren beschäftigt. Freundlicherweise sind Besucher willkommen, dürfen ihr Dinghy am Dock (mit Miniatur-Bull-Rails) festmachen und die Wege in der „Hakai Lúxvbálís Conservancy Area“ benutzen.

Machen wir gleich. Zum West Beach ist es ein bequemer Waldspaziergang durch ungewohnt flaches Gelände. Der Strand selbst macht dann seinem Namen alle Ehre. Feiner, heller Sand zieht sich jetzt bei Ebbe weit hinaus. Was aber noch viel mehr beeindruckt: oberhalb des Spülsaumes liegt Treibholz in rauen Mengen. Riesige Baumstämme, Wurzelwerk, Äste und Baumstümpfe sind durcheinandergeworfen und ineinander verhakt angespült. Sicher sind auch verlorene Stämme von Flößen der Holzindustrie und vereinzelt Balken dabei, der Großteil aber scheinen ins Meer gespülte Bäume und ihre abgebrochenen Einzelteile zu sein. Wund geschlagen, entrindet, die Oberflächen von der Brandung geschmirgelt zu einer Mischung aus Glätte und Rauheit, wie nur altes Treibholz aufzuweisen scheint.

Die vorgelagerten Schären, die die Bucht bei dem jetzigen Südwind ruhig erscheine lassen, halten den Pazifik bei Westwind offenbar nicht davon ab, die gigantischen Hölzer hoch hinauf auf die Küste zu werfen.

Auch am North Beach, dem wir noch am gleichen Tag nach einem schönen Hike durch den Wald entlang des sumpfigen Hood Lakes besuchen, sieht es genauso aus.

Am nächsten Tag dann eine längere Tour: vom West Beach aus führt ein Trail über die Kliffs und durch die Wälder zu weiteren Stränden. Die Himmelsrichtungen sind wohl ausgegangen, die Strände sind einfach nummeriert. Wir arbeitendes vom ersten bis zum siebten Strand vor, wobei uns die Tide allerdings den Zugang zu Nummer 5 und Nummer 6 verwehrt.

Auch ein Abstecher zum hoch gelegenen Lookout ist drin, von dort geht der Blick über die vorgelagerten Schären auf das heute ziemlich aufgewühlte Meer und zum diesigen Horizont. Es ist spannend, wie sehr die Landschaft und auch der Wald auf den nur vier Kilometern (hin und zurück 8 km) variiert. Hochmoor oben auf dem Lookout Hill, der Wald mal dicht, mal licht. Zwischen zwei Stränden mit hohem Farn, um die nächste Klippe herum und zwischen den beiden nächsten Stränden dagegen dichtes Buschwerk mit dunklen Beeren (Salal?) als Unterholz.

Was aber immer gleich bleibt: über und über Treibholz auf den Stränden. Wir haben täglich Treibholz gesehen (in BC deutlich mehr als in Alaska), sind ihm mit der Flora ausgewichen. Manchmal ist es leicht zu erkennen, etwa wenn es die „kanadischen Möven durch Daraufstellen höflich markieren“, wie es Bill so wunderbar ausgedrückt hat. Oder wenn noch Äste oder Wurzeln daran aufragen. Manchmal aber – insbesondere bei Welle oder Gegenlicht – sind sie nur schwer auszumachen. Ganz besonders betrifft das die gefürchteten „Deadheads“, vollgesogen Baumstämme, die senkrecht im Wasser treiben und mit den Wellen nur auf und nieder hüpfen oder sich gar in flacherem Wasser in den Grund gebohrt haben. Wir waren bisher schon vorsichtig, aber die schiere Menge am Treibholz mahnt uns zu künftig noch größerer Aufmerksamkeit.

Wir sind früh aufgebrochen, denn ab Mittag sollten laut Wetterbericht Wind und Regen einsetzen. Aber unser ausdauerndes „Beachcombing“, dauert lange. Wir studieren neben dem Treibholz auch verschiedenen Arten Kelp, das schimmernde Perlmutt der Austern, die anderen Muscheln und Steine, Plastikmüll findet sich dagegen erstaunlicherweise kaum. Nur eine Flasche und ein größeres Plastikteil sammeln wir ein und legen es auf die eingerichtete Sammelstelle.

Ab 13.00 Uhr zeigt sich dann, dass Wettervorhersagen doch nicht nur Horoskope mit Zahlen sind. Der Regenwald trägt seinen ersten Namensteil nicht zu Unrecht und wir beeilen uns, zum Boot zurück zu kommen.

Malerisches BC

British Columbia verwöhnt uns weiter mit einigen richtig schönen, sonnigen Spätsommertagen. Fast immer sind wir das einzige Boot in der Ankerbucht. So auch in der Fancy Cove, obwohl sie recht nah an New Bella Bella liegt, der einzigen Ortschaft in diesem Abschnitt der Inside Passage südlich von Klemtu.

Am nächsten Tag ist es dann nur ein kleiner Hüpfer von 5 Meilen durch die Lama Passage und quer über den Fisher Channel bis zur Lagoon Bay. So können wir die Ankunft dort gut timen und darauf kommt es uns an. Wie der Name andeutet liegt hier eine größere Bucht, die nur über eine enge und flache Einfahrt zugänglich ist. Das bedeutet eben auch, dass das Wasser der gesamten Bucht bei Ebbe und Flut durch den Flaschenhals des schmalen Zu- und Abflusses muss und entsprechende Strömung aufweisen kann, also am besten um Stillwasser herum zu passieren ist. Die Codville Lagoon wartet zwar nicht mit dem Türkisblau auf, was man vielleicht mit Lagunen verbindet, wohl aber mit einem wunderschönen Ankerplatz auf für hiesige Verhältnisse flachen 15 Metern Wassertiefe in einer der vielen kleinen Buchten der Lagune. Der Clou: ein ausgeschilderter Wanderweg hier mitten in der Wildnis, der zu einem Süßwassersee oberhalb der Lagune führt. Einmal mehr leistet unser “Anchor Buddy” gute Dienste und zieht unser Dinghy nach dem An-Land-Gehen aus der Tidenzone heraus in das tiefere Wasser.

Der Trail führt herrlich über buchstäblich Stock und Stein durch den Regenwald. Zum ersten Mal kommen unsere noch in Alaska gekauften Teleskop-Wanderstöcke zum Einsatz (und bewähren sich). Der See überrascht dann mit einem langen hellen Sandstrand, für diese Gegend eigentlich völlig ungewöhnlich.

Unsere Segelfreunde Tereza und Jakub hatten uns berichtet, dass sie in dem See schwimmen waren. Etwas ungläubig haben wir vorsichtshalber unsere Badesachen eingepackt und – tatsächlich – die Temperatur in dem recht klaren, aber durch die Holzteile im Wasser und am Grund rotbraunen Wasser ist nach den sonnigen Tagen annehmbar, wir baden hier wirklich. Windstill und sonnig wie es ist, schließen wir noch einen ausgiebigen Strandspaziergang an. Barfuß im Sand hatten wir zuletzt länger nicht mehr.

Einiges an verwittertem Schwemmholz liegt hoch auf dem Sandstrand, darunter auch der massige Rest einer riesigen Zeder einschließlich Wurzelstumpf. Die Maserungen und Holzverläufe der Wurzel sind ein einziges die Phantasie anregendes Kunstwerk. Nach Wolkentieren im Passat und Eisskulpturen in Alaska finden wir jetzt hier im schon grau gewordenen Holz Figuren oder gar Abbildungen von Wasserstrudeln. Dann wieder scheint es, als könnten sich Edvard Munch oder Vincent van Gogh hier die Anregung für ihre Pinselführung abgeholt haben.

Die nächsten Tage wird wohl mal wieder eine Front durchziehen, das sonnige Wetter macht also dann Pause, aber bisher können wir uns echt nicht beklagen. Und bevor das Grau kommt, legt Mutter Natur mit der Abendsonne noch mal ordentlich Farbe auf: