Annapolis, Sailing Capital

Die erste Hauptstadt der Vereinigten Staaten (wenn auch nur für neun Monate direkt nach Ende des Unabhängigkeitskrieges 1784) ist heute noch die Hauptstadt des Staates Maryland. Gleichwohl, Annapolis hat nur etwa 40.000 Einwohner, eine beschauliche pittoreske Kleinstadt mit historischem Stadtkern.

Sie beherbergt aber auch die Marineakademie der US Navy mit etwa 4.000 Kadetten, die mit ihren weißen Uniformen im Stadtbild sehr präsent sind. Wohlgemerkt: nur die Kadetten. Die Kriegsschiffe selbst dagegen liegen hauptsächlich in der großen US-Marinebasis in Norfolk im Süden der Chesapeake Bay.

Die vielen Häfen in und um Annapolis dienen dagegen der Freizeitschschifffahrt. Segelboote, von Jollen bis zu großen Yachten prägen das Bild, zumal die in den Ort hineinragenden Creeks gespickt sind mit Bojen, Ankerplätzen und Stegen vor den schmucken Häusern an den unzähligen Wassergrundstücken. Darauf nimmt auch der inoffizielle Spitzname der Hauptstadt Marylands wortspielerisch Bezug: “Sailing Capital”.

Und Annapolis zeigt sich wirklich seglerfreundlich. Da ist z.B. der gut geschützte Stadthafen mit seinen recht günstigen Bojenplätzen (35 $ pro Nacht), für kleinere Boote und weiter hinein in den Creek hinter der Klappbrücke gibt es günstigere Bojen. Außerdem gilt in Annapolis die Regel, dass jede am Wasser endende Straße ein Dinghydock aufweisen soll, ungewöhnlich für die USA und sehr cruiserfreundlich. Auch die Service- und Zubehörangebote für die Segler sind vielfältig, was uns verleitet, uns doch mal nach einem neuen Außenborder und vielleicht sogar einem neuen Dinghy (dann mit Festboden und aus Hypalon) umzusehen. Mal sehen ☺️.

Tierisches aus der Chesapeake Bay

Am Ankerplatz Delfine sehen, das hatten wir schon in Beaufort. Und auch in Deltaville zieht am Abend eine Schule Delfine eine Runde. Um die Flora herum und dicht am Ufer entlang, in aller Ruhe und scheinbar ohne von den Ankerliegern Notiz zu nehmen.

Am nächsten Abend ist es anders. Kein Schnaufen beim Atomholen, kein auftauchender Rücken. Trotzdem Flossen an der Wasseroberfläche, die sich diesmal direkt auf die Flora zu bewegen.

Ziemlich dicht bei einander, meist paarweise auftauchend, immer nur die Flossen. Was ist das?

Bis zu fünf Flossen sehen wir gleichzeitig, in kreisenden Bewegungen nähern sie sich unserem Boot. Trotz der fast glatten Wasseroberfläche können wir nicht viel erkennen, zu trübe ist das dunkle Wasser. Ab und zu gibt’s ein bisschen Geplansche, dann geht das Kreisen von vorn los. Erst als sie schon ganz nahe sind, erkennen wir von oben, was sich da tut:

Rochen. Ein großer vorneweg, mehrere kleine hinterher. Sieht fast aus wie Schwimmunterricht, ist aber vermutlich etwas anderes 😉. Es sind Kuhnasenrochen (cownose ray), das größere Weibchen schwimmt vorn, die Männchen sind etwas kleiner. Und das Herausstrecken der Flügelspitzen gehört tatsächlich zum Paarungsritual.

Da sind die für die Chesapeake Bay so typischen Fischadler (Osprey) schon um einiges weiter. Der Nachwuchs macht bereits ordentlich Lärm in den Nestern und die Eltern haben reichlich zu tun, um die hungrigen Schnäbel zu stopfen.

Aber sie sind sehr erfolgreich, obwohl es reichlich Konkurrenz gibt. Nicht nur aus dem eigenen Lager, sondern auch von den ebenfalls zahlreich vorhanden anderen auf Fischfang spezialisierten Vögeln.

Sieht auf den ersten Blick wie eine Ansammlung von Kormoranen aus. Aber auch Pelikane, Fischadler, Möve und Seeschwalbe verstecken sich im Bild.

Wie die Adler es anstellen, an flachen Stellen in der trüben Brühe der Chesapeake Bay sogar Plattfische vom Grund zu holen ist um so mehr erstaunlich und bewundernswert.

Um so schöner, dass wir sie an allen bisherigen Ankerplätzen beobachten konnten, egal, ob es stärker bebaute Ufer mit viele Häusern gab (etwa in Solomon’s) oder idyllisch eher abgelegen war (wie z.B. im Mill Creek am Wicomico River, einem unserer Lieblingsankerplätze hier:

Um das Kap Hatteras in die Chesapeake Bay

Das Cape Lookout und insbesondere das Kap Hatteras genießen trotz ihrer optischen Schönheit unter Seglern einen eher zweifelhaften Ruf. Das liegt an den vorgelagerten Flachs, der schlechten Sichtbarkeit der niedrigen Outer Banks, vor allem aber an den Strömungen. Als wäre der Golfstrom nicht schon genug, arbeiten sich Ausläufer einer zweiten atlantischen Hauptströmung, des aus dem Nordpolarmeer kommende relativ kalten Labradorstroms eng an der Küste bis hier hinunter und drängen ab hier den Golfstrom nach Osten ab. Das ergibt eine intensiv arbeitende Wetterküche, die für unseren geplanten etwa 230 sm langen Übernachttörn in die Chesapeake Bay eben ein wohlgewähltes Wetterfenster erfordert.

Allzu zimperlich können wir da nicht sein, und so nehmen wir gemeinsam mit mindestens sechs anderen Booten die Chance eines Flautentages mit anschließend einsetzendem Südwestwind gerne wahr, auch wenn damit eine längere Strecke unter Motor verbunden ist.

Noch vor Sonnenaufgang gehen wir Anker auf, mogeln uns im ersten Büchsenlicht aus dem Barden Inlet und fahren erst einmal fast 10 sm in die “falsche” Richtung nach Südsüdosten um das weit aus greifende Flach vor Cape Lookout herum. Erst dann können wir nach Nordost Richtung Kap Hatteras schwenken.

Auf dem ersten Stück brausen trotz (bzw. wegen) der frühen Stunde die Sportfischerboote des Wettbewerbs in Beaufort rechts und links um uns herum, rauschen mit bis zu dreißig Knoten knapp an uns vorbei in Richtung Golfstrom und wühlen das Wasser dabei ziemlich auf.

Immerhin, noch können wir (wenn auch gelegentlich von den Motorbootwellen durchgeschüttelt) segeln, aber mit steigender Sonne setzt leider Flaute ein, wie vorhergesagt wird es ein Tag mit auch bei Flora rotierendem Motorstundenzähler. Wir trösten uns damit, dass wir sieben Segelboote zusammen am Tag weniger Diesel verbrauchen als eins dieser Boote in ein oder zwei Stunden.

Wir nutzen den von der Lichtmaschine im Überfluss bereitgestellten Strom, um vor der brackigen Chesapeake Bay unsere Frischwassertanks per Wassermacher noch einmal komplett voll zu machen.

Immerhin, zum Abend setzt der Wind langsam wieder ein und unter Groß und Code0 gleiten wir in die Nacht hinein.

Nachts haben wir zum Glück trotz Küstennähe nur relativ wenig Schiffsverkehr. Wechsel auf die Fock, zurück auf den Code0, Motorsegeln, weitere Segelwechsel und dann doch wieder längere Zeit motoren, so zeigt sich der zweite Tag.

Außerdem haben wir endlich wieder einmal Angelerfolg, eine schöne Spanische Makrele können wir an Bord ziehen. Trotzdem, das lange motoren hinein in die große Chesapeake Bay zieht sich, insbesondere nachdem wir das imposante Bauwerk des Chesapeake Bay Bridge Tunnels passiert haben, das sich mehr als 28 Kilometer lang über die Mündung der Bucht erstreckt. In beide Richtungen unserer Durchfahrt über einen der zwei Tunnelabschnitte läuft die Brücke aus unserem Blickfeld hinaus.

Und danach geht es eben noch stundenlang unter Motor weiter bis hinüber auf die westliche Seite der hier sehr breiten Bucht. Erst gegen 17.00 können wir den Anker im East River der Mobjack Bay fallen lassen. Es fühlt sich an, als wären wir in einem stillen, von hohen Bäumen und schönen Häusern umstandenen See vor Anker gegangen. Die Escape ist schon da, Easy-One und Tropicool finden sich kurz nach uns ein und ankern nicht allzu weit entfernt.

Keine 100 m hinter unserem Schiff hat ein Fischadler sein Nest auf einem Pfahl im Wasser gebaut, sein Schrei klingt durch die Abendstille über das glatte Wasser.

Schön, wieder hier zu sein.

Oxford, MD

In Oxford bleiben wir ein bisschen. Zum einen steht Papierkram an (unter anderem muss ich endlich die Steuererklärung erledigen). Das macht nicht nur fröhlich. Zum anderen können wir aber unsere Stimmung ganz wunderbar mit herrlichen Spaziergängen durch den Ort wieder aufhellen. Die Farbenpracht des Indian Summer speziell mit seinem von Grün in Rot wechselnden Ahorn, die gepflegten Häuser und Gärten, die Ausblicke aufs Wasser, Blütenpracht und Herbstdekoration mit Kürbissen allenthalben.

Und – na klar – es geht mit Riesenschritten auf Halloween zu. Auch das ist nicht zu übersehen.

Und noch etwas ganz anderes fällt uns auf: diverse große Schmetterlinge genießen ebenfalls die herbstliche Blütenpracht. Darunter viele der prächtigen schwarz-orangenen etwa handtellergroßen Monarchfalter. Mit denen hat es eine besondere Bewandnis: es sind Wanderfalter, die sich wie wir jetzt im Herbst in den Süden aufmachen. Die meisten überwintern in der mexikanischen Sierra Nevada. Wir nehmen es einfach mal als ein gutes Zeichen.

Flora liegt derweil aber noch wunderbar geschützt am Ankerplatz mitten im Ort.

Und es kommt noch besser: am zweiten Abend gesellen sich Helena und Steve mit Floras Schwesterschiff Amalia zu uns.

Ganz anders sieht die Szenerie allerdings heute morgen aus. Pottendicker Nebel hat sich über die Bucht gelegt. Außerdem ist Flaute.

Also geht es erst einmal unter Motor hinaus. Der Nebel hält sich auch noch als Wind aufkommt und wir endlich segeln können, nur ganz zögerlich setzt sich die Sonne durch.

Es ist trotzdem herrliches Segeln ohne große Schräglage, Wiebke backt sogar einen Spanischen Mandelkuchen und zum Kaffee haben wir tatsächlich blauen Himmel.

Wieder unterwegs.

Das fühlt sich gut an. Der Morgennebel in Herrington verzieht sich schnell. Die Ölabsaugpumpe steht nach dem Motorölwechsel gestern noch draußen, also erledigen wir gleich noch den Ölwechsel bei der Hochdruckpumpe des Watermakers. Geht mit 0,2 l Ölvolumen ziemlich fix, und ich kann jetzt das Altöl in der Annahmestelle der Marina abgeben.

Noch auschecken, auf dem Nachbarsteg von Helena und Steve verabschieden, oh wie praktisch, Glen von der “Cloudy Bay” ist auch gerade dort und schenkt uns zum Abschied ein Chartbook der Exumas. Umarmungen fallen wegen Social Distancing leider aus. Und los geht’s. Es fühlt sich ein bisschen so an als würden wir in eine neue Segelsaison starten, dabei waren wir (und Flora) weniger als drei Wochen an Land.

Aber jedenfalls lässt es sich gut an. Schöner Segelwind und meist blauer Himmel für unseren Schlag hinüber auf die andere Seite der Chesapeake Bay (Eastern Shore).

Und auch die Seevögel vor Flora sind ein gutes Zeichen. Fisch! Die Angel rauscht aus, kaum dass sie drin ist. Zum ersten Mal überhaupt in der Chesapeake Bay haben wir Angelglück, es schwimmt aber auch viel weniger Seegras herum und verfängt sich am Haken. Statt dessen: ein schöner Striper (Striped Bass/Felsenbarsch) 😃. Den gibt’s gedämpft mit asiatischem Gemüse (frischer Koriander, Pak Choi und Möhren, Wiebke hat vorgesorgt) auf Reis.

Nachdem wir uns gerade von den Engländern verabschiedet haben mutet es irgendwie komisch an, uns zwischen den Tageszielen Oxford und Cambridge entscheiden zu sollen. Aber hinter dem schiefen Leuchtturm von Sharps Island fällt die Entscheidung für Oxford.

Nach Eisgang-Schaden aufgegeben: Sharps Island Lighthouse. Die Insel selbst ist inzwischen sogar ganz untergegangen.

Kurz vor Sonnenuntergang kommen wir in Oxford an. Ein paar Boote ankern schon nördlich des Ortes, aber wir möchten noch den Naturhafen des Town Creek erkunden und wir haben Glück. Der Ankerplatz zwischen den Bootsstegen bietet zwar nur begrenzt Platz, aber wir haben ihn ganz für uns allein.

Und das Abendspektakel möchte nicht hinter dem des Morgens zurück stehen, der Mond steht zwischen flammenden Wolken am Himmel. Was für ein Tag.

Der Bart der Chesapeake & Cabrio die Zweite

Die UV-Strahlung setzt allem an Bord ziemlich zu. Na klar wenn man sich quasi im Dauersommer und zumeist in den Tropen oder Subtropen bewegt ist das keine große Überraschung.

Ein (leider) ganz gutes Beispiel dafür ist die Hülle unseres Rettungskragens. Vor erst gut einem Jahr in Italien gekauft, hat die Hülle nicht nur ihre Farbe von dunkelblau nach „blassgraublau gescheckt“ verändert, sondern leider auch ihre sonstige Erscheinungsform. Sackartig, mehrfach gerissen und zerfleddert, Reißverschlüsse fest. Immerhin könnte man den Kragen wohl inzwischen herausreißen, ohne die Reißverschlüsse zu öffnen 😖. Trotz des Kaufs in Italien beim Marineausstatter offensichtlich nicht für Langfahrt geeignet, muss leider neu.

Aber auch dem Boot selbst setzen die Bedingungen sichtbar zu. Der blaue Streifen im Gelcoat der Flora kreidet aus und wird scheckig, auch wenn das eher ein lediglich optischer Makel ist.

Flora bei Abfahrt in 🇬🇷

Inzwischen sah es leider so aus, dass neben dem stumpfen Gelcoat und dem besonders leidenden blauen Streifen auch der „braune Bart der Chesapeake“ am Bug ziemlich deutlich erkennbar war:

Aber die angekündigte Wellnesskur für Flora zeigt erste glänzende Erfolge der Schönheitsfarm:

Mir ist schon klar, dass es ein bisschen luxuriös erscheint, wenn wir solche Arbeiten machen LASSEN und gleichzeitig auch noch selbst von unseren Freunden mit ihrer Gastfreundschaft verwöhnt werden, sowohl kulinarisch durch Michaels ausgezeichnete Küche als auch z.B. mit Cabrioausfahrten in ihrem uns zur Verfügung gestellten MX5. Ja, das ist es wohl. Aber wir gönnen es uns ganz bewusst, genießen es, cruisen bei wunderbarem Spätsommerwetter durch die leicht gewellte Landschaft von Maryland (hier immer als MD abgekürzt). Noch im Pendler-Einzugsgebiet von Washington D.C. zeigt uns MD vergleichsweise weniger Felder als die anderen von uns besuchten Südstaaten wie etwa Virginia und dafür deutlich mehr Pferdekoppeln mit ihren typischen Holzzäunen.

Und – gerade in dieser Jahreszeit wunderschön – es gibt eben auch reichlich Laubwald hier in MD. In den USA muss man sich als Deutscher erst daran gewöhnen, dass der Wald zumeist nicht öffentlich zugänglich ist und auch größere nicht waldwirtschaftlich bewirtschaftete Wälder in privater Hand mit einem deutlichen „NO TRESPASSING“ potentiellen Spaziergängern ihre Unwillkommenheit deutlich machen. Aber: Es gibt eben neben den großen bekannten US-Nationalparks auch viele kleine State Parks und in denen sind Spaziergänge und Hikes (oft auf gut beschilderten Routen) möglich. Mit dem kleinen Zweisitzer-Cabrio fahren wir diesmal hinaus nach Sunshine (wirklich 🌞!) und weiter zum Patuxent River Watershed Park. Und wenn die Covid-Beschränkungen auch den eigentlich geplanten Heimflug ausfallen lassen, so kommen auch wir „Sommersegler“ doch in den Genuss, mit den Füßen in trockenem Laub rascheln zu können, die Farbenpracht und den wunderbaren Geruch eines vorsichtig den Herbst begrüßenden Laubwaldes so richtig auszukosten.

Herausgestellt

Es ist grau und ein bisschen feucht. Kein Nieselregen, kein Nebel, aber trotzdem viel Wasser in der Luft. Die Wolken hängen so tief, dass die Masten der Segler an ihnen zu kratzen scheinen, die Spitzen hoher Strom- oder Signalmasten verschwinden einfach im Dunst.

Das macht uns den Abschied aus Annapolis leicht, obwohl auch heute wieder Motorfahrt angesagt ist. Null Wind. Hat aber auch seine schönen Seiten:

Außerdem sind es nur rund 15 sm bis nach Herrington Harbor North, der großen und schönen “Full-Service-Marina” an der Herring Bay. Etwa 1.600 Landliegeplätze gibt es dort, alle möglichen Servicebetriebe sind direkt auf dem Gelände untergebracht. Ganz gute Voraussetzungen für uns um kurzfristig einen Krantermin und einen zweiwöchigen Landliegeplatz zu bekommen und außerdem auch neben den geplanten Dienstleistungen für Eventualitäten gewappnet zu sein (obwohl wir hoffen, dass da nicht allzu viel kommt).

Aber zunächst mal sind wir leicht nervös, wie unser Unterwasserschiff aussehen wird. Das in Griechenland aufgebrachte Coppercoat hat sich im Mittelmeer super bewährt, in der Karibik fanden wir es o.k., wobei ich dort im klaren Wasser schnorchelnd oder tauchen häufiger mal mit einem Glitzi-Schwamm den leichten Bewuchs abgewischt habe. Das ist in den letzten vier Monaten nicht mehr passiert und die Chesapeake Bay mit ihrem warmen braunen Wasser ist für ihren schnellen Bewuchs gefürchtet. Das ich zwischendurch mal schwimmend von der Wasseroberfläche aus (soweit man mit dem Arm eben kommt) den sich wie 2 mm starker Rollrasen lösenden Teppich mit dem Eiskratzer abgeschabte habe hat unsere Befürchtungen nicht gemindert. Außerdem ist unklar, wie das kältere aber nährstoffreiche Wasser in Neuengland und der Wechsel zurück ins Brackwasser der Chesapeake Bay sich ausgewirkt haben.

Entsprechend zusätzlich angespannt beobachten wir, wie Flora im Travellift aus dem Wasser gehoben wird, was ja für sich schon immer aufregend genug ist.

O.k., dass sieht immer noch nach Teppich aus, aber immerhin kaum Barnacles/Seepocken (kleine sehr festsitzende Muscheln), auch keine Entenmuscheln oder Ähnliches. Aber die Nagelprobe kommt ja erst. Wie sieht es aus, wenn das Unterwasserschiff mit dem Dampfstrahler gereinigt wurde?

Die Marinamitarbeiter hier in Herrington North sind gründlich. Sicher mindestens eine Viertelstunde lang, eher noch ausgiebiger wird der Rumpf abgestrahlt.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen und uns fällt ein Stein vom Herzen. Das Coppercoat sieht noch gut aus und der Bewuchs ist praktisch weg, als Flora zum Landliegeplatz gefahren und dort aufgebockt wird.

Der Coppercoat-Unterwasseranstrich jedenfalls hat sich bisher als gut wirksam herausgestellt, wir hoffen dass diese Wirkung auch weiter anhält.

Andere Länder, andere Sitten

Wir segeln weiter die Chesapeake Bay hinauf und erkunden verschiedene Flüsse und Creeks. Mit Greg und Michael an Bord machen wir als erstes einen kurzen Schlag von Annapolis in den Magothy River eben nordwestlich der Chesapeake Bay Bridge und ankern weiter drinnen hinter North Ferry Point.

Vor dem flachen Uferbereich ziehen sich lange Stege der versteckt unter den Bäumen liegenden Häuser hinaus. Manchmal mit Bootshäusern, fast immer aber mit Bootsliften versehen. Insbesondere die Motorboote werden hier zumeist nicht am Steg vertäut, sondern mit dem heimischen Bootslift elektrisch komplett aus dem Wasser gehoben und „in der Luft“ geparkt. Spart vielleicht auch das Antifouling. ☺️ In Marinas gibt es häufig überdachte Hallen für die Motorboote im Wasser, manchmal auch regelrechte Hochregallager, mehrstöckige Stapelplätze an Land.

Mit Florecita erkunden wir den gegenüber liegenden Cypress Creek, ein wunderschöner Ausflug auch wenn einmal mehr auffällt, dass das Anlanden mit dem Dinghy wegen des fast überall im Privatbesitz befindlichen Ufer schwierig sein kann.

Und – für uns vielleicht noch irritierender als bei den zahlreichen überwiegend eben doch kleineren Motorbooten – auch Segelboote haben manchmal am heimischen Steg und zum Teil auch in der Marina einen luftigen Liegeplatz:

Als nächstes Ziel haben wir uns Georgetown ausgewählt. Dafür segeln wir ein Stück weiter die Chesapeake Bay hinauf und dann gut 8 sm weit in den wunderschönen Sassafras River hinein. Wir sind schier überwältigt von diesem für uns bisher schönsten Fluss hier. Der Sassafras schlängelt sich, mal schmal, mal breiter, zwischen einer leicht hügeligen Landschaft hindurch, die mit lehmigen Steilufern, flachen Sandstränden, dichtem Schilf, riesigen Seerosenbuchten, gelegentlichen Wiesen oder Feldern und viel Wald herrlich abwechslungsreich ist. Die Bebauung ist hier am „Eastern Shore“ bei weitem nicht mehr so dicht wie um Annapolis herum oder am Magothy River. Wenn die Häuser höher am Hang gebaut sind, wird der Wasserzugang über Treppenkonstruktionen erschlossen oder es gibt einen eigenen Freisitz über dem Privatsteg.

Aber es gibt nicht nur solche Luxusvillen, sondern auch schöne einfache Häuser am Ufer. Insgesamt erinnert die Landschaft uns vielfach an unser altes Heimatrevier Schlei, kein Wunder, dass es uns so gut gefällt. Noch dazu, wenn wir vom Ankerplatz aus einen solchen Sonnenuntergangsblick genießen dürfen:

Saint Michaels

Nach der Begrüßung mit Feuerwerk und der wunderbaren Stimmung statten wir am nächsten Tag dem Ort Saint Michaels einen Besuch ab. An schönen Villen entlang geht’s mit dem Dinghy in den Hafen und einmal mehr stellt sich die Frage: wohin mit dem Dinghy?

Allzu häufig findet sich auch an scheinbar öffentlichen Stellen dann doch ein Schild, dass auf den Privatbesitz und damit das Verbot hinweisen, dort festzumachen. In einer Ecke des Hafens finden wir dann aber doch einen Schwimmsteg, an dem schon ein Dinghy liegt, wir nehmen das als Einladung.

In jedem Fall lohnt der Spaziergang durch den schönen Ort. Wir begegnen freundlichen Menschen. Einmal fotografiere ich eine Veranda mit den typischen Schaukelstühlen, als eine Frau aus dem Haus kommt. Als sie uns sieht, entschuldigt sie sich, mir durchs Bild gelaufen zu sein (sic!) bevor ich um Verzeihung dafür bitten kann, einfach ihr Haus zu fotografieren. Wir kommen ins Gespräch, sie fragt, woher wir kommen. „Germany? Please wait here.“ dann verschwindet sie schnell im Haus und holt ihre Mutter. Die Familie hat einige Jahre in Deutschland gelebt, Zweibrücken, Pirmasens, Ulm. Schöne Erinnerungen. Uns wird der hintere Garten gezeigt, der Anbau. Der Vater kommt auch noch dazu.

Schön auch, dass sich der Ort mit einer belebten und von Geschäften gesäumten Hauptstraße und vielen verträumten kleinen Nebenstraßen zeigt, alles ohne größere Bausünden. Covid ist präsent, die Maßnahmen werden Ernst genommen. Die Situation und auch die Reaktion darauf ist in den Bundesstaaten der USA sehr unterschiedlich, das wird immer deutlicher. Derzeit ist es so, dass wir nach New Jersey, New York, Rhode Island und Connecticut ohne Quarantäne segeln können, die Einreise dahin aber etwa aus den Staaten Florida, Texas, South- oder North Carolina mit einer zweiwöchigen Quarantäne verbunden wäre.

Aber im Moment sind wir erst mal hier in Saint Michaels, MD (Maryland). Es macht Spaß, einfach umher zu bummeln, sich treiben zu lassen. Wir trinken ein Bier im Außenbereich der kleinen Brauerei. Speisekarten sind aufgrund von Covid inzwischen oft einfache Papierkopien, die nach einmaligem Gebrauch weggeworfen werden. Hier geht man einen anderen Weg: mit dem eigenen Handy den auf dem Tisch stehenden QR-Code scannen, so geht’s auch.

Und wir lassen uns im schattigen Innenhof eines Restaurants Muscheln und Crawfish schmecken, die örtliche Spezialität neben den allgegenwärtigen Bluecrabs. Lecker!

Und weil die politische Situation natürlich auch hier immer Thema ist: Wir sehen viele US-Flaggen. Die Stars and Stripes sind aber weder jetzt um den Independence Day herum noch sonst Ausdruck der Unterstützung für Trump. Solche wird vielmehr mit eigenen (meist unter der US-Flagge gehissten) Trump-Flaggen gezeigt. Wir sehen das oft auf Motorbooten oder in Vorgärten. Aber auch das Gegenteil ist präsent, insbesondere in den Black-Lives-Matter-Schriftzügen, den sehr häufig zu sehenden Regenbogenfahnen oder wie hier in einem Vorgarten:

Und obwohl es uns hier richtig gut gefällt, jetzt geht es weiter. Wir segeln wieder hinüber auf die andere (westliche) Seite der Chesapeake Bay, ins Segelmekka Annapolis.

Hochs und Tiefs

Nee. Nicht meteorologisch. Das Wetter ist weiterhin fein, überwiegend sonnig, tagsüber um die 30 Grad Celsius (mit den hier verkündeten Grad Fahrenheit stehen wir noch auf Kriegsfuß). Derzeit auch ab und zu mal heißer, gestern hatten wir bis 34 Grad. Nachts so 23 oder 24 Grad, das kann man gut aushalten, zumal wir bisher weitestgehend von Mückenalarm verschont geblieben sind.

Von den Orten her gibt’s schon eher Hochs und Tiefs. Die Einsamkeit im Smith Creek war auf alle Fälle ein Hoch, dagegen konnte uns Solomon am Patuxent River nicht so recht begeistern. Vom Cruising Guide als „one of the Chesapeake’s top destinations for cruising boaters“ beschrieben, statten wir dem für uns auch günstig nahe der Flußmündung gelegenen Ort einen Besuch ab. Und tatsächlich finden sich hier acht (8!) Marinas und auch sonst Unmengen von Booten, in welchen Arm des verzweigten Creeksystems man auch einbiegt. Wir ankern in einem kleinen Nebenarm dicht bei einer Marina. Dann geht’s mit dem Dinghy hinüber zum – tja, wohin eigentlich? Ein Zentrum scheint es nicht zu geben, auch vielen moderneren amerikanischen Orten ist dieses Strukturprinzip ja eher fremd. Und wie sich dort Supermarkt, Tankstelle, Diner, Restaurant und Geschäfte irgendwo entlang der Durchgangsstraße verteilen, so gibt es auch hier keine zentrale Hafenpromenade, an der sich etwa die Restaurants finden ließen und auf der man entlang bummeln könnte. Statt dessen: Stückwerk, überwiegend Privatgrundstücke am Wasser. Auch ein ausgewiesenes Dinghydock gibt es nicht, lediglich bei einzelnen Restaurants oder Bars kann man anlegen. Das spricht uns nicht an. Eine Anlandemöglichkeit für das Beiboot gibt es am Museum, aber das ist geschlossen. Vom Wasser her kann man es erreichen, aber die Tore zur Straße sind mit Schlössern verriegelt. Bierchen im Cockpit ist aber auch schön 😋.

Kreuzend und motorend (der wenige Wind kommt von Norden) geht es für uns gleich am nächsten Tag weiter nach Saint Michaels. Auch das liegt in Maryland, aber auf der anderen, östlichen Seite der Chesapeake Bay. Diesmal müssen wir um einiges tiefer in das Labyrinth der Buchten und Creeks hineinfahren. Aber wir sehen viele andere Segler auf dem Weg, vielleicht nicht das schlechteste Omen. Und es kommt noch besser: als wir um die letzte Ecke biegen, liegen rund 50 Boote auf dem weiten Ankerplatz vor dem Ort. Und etwas entfernt eine Schute, auf der ein großes Schild prangt: „Fireworks. Danger. Stay away.“

Na, da werden wir den amerikanischen Nationalfeiertag ja gebührend begehen können. Anders als etwa zu Silvester nämlich wird hier am Independence Day der Nachthimmel künstlich und laut böllernd in Farben getaucht. Vorher werden wir noch beim Ankermanöver von Delfinen begrüßt und die Wartezeit bis zum Beginn der Pyrotechnik wird uns durch einen tollen Sonnenuntergang und einen mindestens ebenso beeindruckenden Aufgang des Vollmondes verkürzt.

Immer mehr Boote finden sich ein, als es dunkel wird irrlichtern diverse kleine und größere Motorboote aus den Creeks heran. Roten, grünen und weißen Glühwürmchen ähnlich tanzen sie aus verschiedenen Richtungen auf uns zu, am Ende sind geschätzt rund hundert zusätzliche angekommen. Manche mit Festbeleuchtung, die meisten beflaggt, Musik zieht über das Wasser. Feierstimmung mit bestem physical distancing. Und dann geht’s los: July 4th 🇺🇸 in Saint Michaels: für uns Hamburger wie das Kirschblütenfest auf der Außenalster in groß 😁.

Aber die Hochs und Tiefs beschränken sich natürlich nicht of die besuchten Orte. Auch die Technik an Bord sorgt für Abwechslung 🥺.

Kein allzu gutes Zeichen, dass die Fock (mal wieder) abgeschlagen und am Seezaun angelascht ist. Nach mehreren problemlosen Tagen lässt sie sich mal wieder nicht einrollen und kann deshalb nur so geborgen werden. Gestern Abend wollten wir uns da nicht mehr drum kümmern, aber heute morgen muss ich dann natürlich doch dran. Ich baue die Leinentrommel ab (da hab ich inzwischen schon Übung drin). Diesmal schraube ich aber auch die Furlex noch weiter auseinander, um besser an die Kugellager heranzukommen. Die werden ausgiebig mit Süßwasser gespült, auch das obere, trocknen jetzt erstmal und kriegen dann ihr (seewasserfestes) Fett. Hoffentlich hilft es, ich kann nämlich immer noch keinen wirklichen Grund für die gelegentliche Fehlfunktion finden.

Zum Trost gibt es ein herrliches Sonntagsfrühstück mit Pfannkuchen, Ahornsirup, Zaft und Apfelmus.