Fotonachträge “Taku Harbor” bis “Bär, Bär, Bär”

Wir verlassen die schöne Windfall Bay. Sie hat uns bei ein paar Tagen mit angekündigten “Schietwetter” guten Schutz geboten, tatsächlich haben wir von dem Starkwind der durchziehenden Front an unserem Ankerplatz nichts mitbekommen.

Regen gab’s allerdings schon. Aber auch der ist jetzt erstmal durch und so sieht es in der Windfall Bay mit Morgensonne aus:

Heute Mittag haben wir im Vorbeifahren mal Internet, wohl von den Stationen Kake oder Petersburg, also schnell die Bilder der vorangegangen Beiträge hochladen. Weil sich doch ziemlich viele angesammelt haben, ordne ich sie direkt den jeweiligen Blogbeiträgen zu. Ich habe sie hier noch einmal verlinkt:

Taku Harbor

Tracy Arm

Pleasant Bay

Bär, Bär, Bär

Und der tägliche Weißkopfseeadler hat sich angesichts des Wetters der letzten Tage ein bisschen aufgeplustert:

Bär, Bär, Bär

Paris hat den Eiffelturm, London die Tower-Bridge, Berlin das Brandenburger Tor. Alle diese Wahrzeichen stehen für die Stadt, die Region, vielleicht sogar das ganze Land. Und Alaska? Es ist eigentlich ziemlich konsequent, dass kein Bauwerk ikonisch für den nördlichsten Staat der USA steht. „The Last Frontier“ – so der offizielle Untertitel Alaskas – meint nicht so sehr die politische Grenze, sondern vor allem das Grenzgängertum zur Wildnis, zum Ungezähmten, manchmal auch Unberechenbaren. Urbane Kultur hat hier nur einen Außenposten in der archaischen Natur. Selbst das Auto, scheinbar unverzichtbarer Bestandteil amerikanischer Kultur, wechselt die Rolle vom glänzendenden Statussymbol zum vorwiegend technisch statt optisch gepflegten Arbeitsgerät. Rostend, aber robust. Trotzig auf den wenigen, überwiegend nicht einmal verbundenen Straßen eingesetzt, die der Mensch in den Rand der hier dominanten Natur hineingenarbt hat.

Die Kraft der Natur: ein Bild hat sich wie kein anderes als Wahrzeichen für dieses Alaska eingeprägt: der im wilden Gebirgsbach nach Lachsen fischende Grizzlybär.

Nur: bisher haben wir lediglich einen einzigen Grizzly zu sehen bekommen, das war in Glacier Bay. Würden wir gern ändern. Donna und Bill empfehlen uns Windfall Harbor auf Admirality Island, dort sollte jetzt zur Zeit der Lachswanderung eine gute Chance bestehen, Grizzlybären zu entdecken. Ideal wäre es, wenn wir einen Platz im Pack Creek Nature Observatory im Norden von Windfall Harbor ergattern könnten. In diesem von Rangern kontrollierten Schutzgebiet können die großen Braunbären in ihrem natürlichen Jagdgebiet beobachtet werden. Dafür bedarf es allerdings einer vorherigen Terminreservierung im Internet, nur 24 Besucher täglich sind in der Saison zugelassen. Das scheitert für uns aber schlicht an fehlendem Mobilfunknetz und damit mangelndem Internetzugang.

Macht nichts, wir fahren trotzdem gemeinsam mit der Denali Rose den Seymour Canal weiter hinauf zum Windfall Harbor, und dass, obwohl wir an unserem alten Ankerplatz in der Pleasant Bay erstmals Erfolg mit unserem Krebskorb hatten und ein leckeres Festmal auf der Flora mit frisch gebackenen Brioche-Brötchen, selbst gemachtem Krautsalat und eben (im Regen im Cockpit) gekochter Dungeness-Crab genießen durften. Eine Wiederholung könnte in Windfall Harbor schwierig werden, denn bei der Einfahrt in die weite naturbelassene Bucht ohne menschliche Bebauung sehen wir am Ufer unter den Bäumen eine große Zahl von Profi-Krebskörben aufgestapelt. Ein deutliches Zeichen dafür, dass die Berufsfischer diese Bucht wohl ziemlich intensiv beackert haben und unser unverdrossen ausgebrachter Krebskorb hier wohl keine ausreichen großen Krebse („Keepers“) fangen wird.

Neben der Hoffnung auf Bären-Sichtung spricht auch die Wetterlage für den Wechsel nach Windfall Harbor. Die Vorhersage kündigt für die nächsten Tage kräftigen Wind bis 35 kn aus Südost an, da ist dieser Naturhafen besser geschützt.

Tatsächlich bleibt das Wasser in unserer Bucht erst einmal so ruhig, dass Wiebke und ich eine ausgedehnte Erkundungsfahrt mit dem Dinghy machen. Dabei entdecke ich einen Grizzly, der sich allerdings in den Wald verzieht bevor Wiebke das Fernglas auf ihn richten kann. Wir funken über UKW die Ranger an und erklären unsere Situation, aber für diese Woche sind sie ausgebucht. Wir kommen immerhin als zweites Boot auf die Warteliste.

Nach einem ruhigen Vormittag (an dem ich erfolglos versuche, Lachs zum Anbeißen am Angelköder zu überreden und dabei ebenso erfolglos das Ufer nach Bären absuche) meldet sich Mittags der Ranger auf der Funke und ruft das andere Boot auf der Warteliste. Es gab eine Absage, sie könnten kommen. Scheint aber ein Missverständnis zu sein, sie benötigen den Slot gar nicht mehr. Unsere Chance! Wir springen in die Lücke, sagen zu und brausen gleich im Dinghy dreieinhalb Meilen die Bucht hinauf zu der Beobachtungsstation. Auf dem Weg entdecken wir Grizzlybären in einem Bachbett, aber das wird ja hoffentlich nur ein Vorgeschmack sein, oder? Nach dem Anlanden wird Florecita an Leinen wieder hinaus gezogen. Auf einem Stein sitzend erklärt uns die Mitarbeiterin der Station die Regeln und den Weg. Es gibt keinerlei Hütte oder Ähnliches, nur ein aus auf dem Boden liegenden Baumstämmen als Sitzen gebildetes Viereck nahe des Flusses, in dem ein anderer Ranger uns Fragen beantwortet und ein Beobachtungsfernrohr aufgebaut ist. Als sich nach einer guten Stunde aber immer noch keine Bären blicken lassen, schickt er uns zwischenzeitlich (bis die Tide kippt und die Bären – hoffentlich – wiederkommen) zu einem Beobachtungsturm ein gutes Stück (etwa 2 1/2 Kilometer) weiter den Pack Creek hinauf. Der Pfad dorthin führt zunächst am Strand entlang zurück und dann durch den Urwald am Berg. Wir bekommen noch den Tip, an unübersichtlichen Stellen zu singen oder laut: „Hello bear, I‘m coming around the corner“ oder Ähnliches zu sagen. Unser mitgeführtes Bärenspray sei normalerweise nicht nötig, die Bären hier würden Menschen üblicherweise nicht als Bedrohung empfinden und ihnen einfach aus dem Weg gehen. Nur Überraschungen könnten sie halt nicht gut leiden.

Also tapsen wir durch den Wald und geben an jeder unübersichtlich Stelle ein lautes „Bär, Bär, Bär“ von uns. Klappt jedenfalls insoweit, als wir im Wald keinem Grizzly begegnen 😉

Der Aussichtsturm steht oberhalb einer Biegung des Pack Creek und wir sehen hunderte von Lachsen in dem flachen, steinigen Flussbett. Ein perfektes Jagdrevier für die Braunbären, nur: wir sind offenbar zwischen den Mahlzeiten angekommen. Kein Bär lässt sich blicken. Einige Raben und Möven bedienen sich an den Überbleibseln der letzten Jagd, denn jetzt in der Hauptwanderzeit der Lachse fressen die Bären nur die Delikatessen wie die Haut und die Innereien und lassen den Rest liegen. Oft nehmen auch Adler die angefressenen Lachse mit in die Bäume, auf dem dem Weg durch den Wald konnten wir das zwischendurch auch deutlich riechen.

Nachdem wir sehr ausgiebig die Lachse, Raben, Möven und Adler beobachtet und vergeblich auf Bären gewartet haben, wandern wir wieder zurück zum Beobachtungsplatz an der Mündung des Creeks. Dort angekommen heißt es erneut: Geduld. Sean, der anwesende Ranger, verkürzt uns die Zeit und gibt sein umfassendes Wissen über die heimische Tierwelt weiter, fragt uns umgekehrt zu unserer Reise und insbesondere zu den Erlebnissen auf Galápagos. Und dann trottet jenseits des Flusses der erste Bär aus dem Wald. Er watet durch einen Nebenarm, verschwindet wieder.

Jetzt geht es Schlag auf Schlag. Ein weiterer Grizzly kommt aus dem Schatten der Bäume, geht zum Fischen in den Creek, dann taucht ein Dritter auf.

Mein Fotoapparat klickt im Stakato, als mich Sean antippt und zur anderen Seite zeigt. Direkt an unserem Baumstamm-Viereck kommt eine Bärin aus dem hohen Gras, gefolgt von zwei Jungtieren. Ohne uns zu beachten gehen sie vorbei und die Böschung hinunter zu einem Flussarm.

Das Muttertier watet hindurch, fängt wie nebenbei einen Lachs, wartet dann auf der anderen Flusseite auf die Halbwüchsigen. Die müssen das erste Stückchen schwimmen. Kaum haben sie wieder Boden unter den Tatzen, fangen sie an, sich mitten im Fluss zu balgen und miteinander zu ringen. Unfassbar, dass wir das so aus der Nähe beobachten dürfen.

Irgendwann lockt der von der Mutter gefangene Lachs doch zu sehr und die beiden bequemen sich hinüber zur Bärin. Für uns gut sichtbar, trotten die drei durch die niedrige Feuchtwiese Richtung Wald, fangen zwischendurch noch einmal Lachse, kuscheln und tollen dann noch länger im Gras herum.


Inzwischen haben sich auch im Flussbett mehrere Grizzlybären eingefunden. Die jetzt schnell fallende Tide macht es den Lachsen schwerer, den flacher werdenden Wasserlauf hinaufziehen, sie sind eine leichte Beute. Bis zu vier Grizzlys gleichzeitig sehen wir fischen.

Mit den drei immer noch in der Wiese tollenenden Bären haben wir gleich sieben dieser Kraftpakete im Blickfeld, wenden den Kopf mal hierhin, mal dorthin. Was für ein Erlebnis!

Und der tägliche Weißkopfseeadler? Der hält sich heute mal oben auf dem hohen Flussufer im Hintergrund und lässt andere für sich jagen.


Wie passend, denn auch wir werden zurück am Boot bewirtet. Donna und Bill wissen, dass wir zum Pack Creek keine Lebensmittel mitnehmen durften, wir sind zu leckeren Hamburgern auf die Denali Rose eingeladen. Zwischen den Bissen sprudeln wir unsere Begeisterung über das nachmittägliche Erlebnis heraus und die beiden, die uns ja überhaupt erst hierher gebracht haben, freuen sich sichtlich mit uns.

Dieser Beitrag ist mangels Mobiltelefonnetz wieder mal per IridiumGo übermittelt und daher NOCH ohne Fotos. Es gibt aber welche 😉

(Bilder nachgereicht)

Ankerprobleme und Minustide in Pleasant Bay

Gemeinsam mit der Denali Rose brechen wir auf. Diesmal macht uns die Barre etwas zu schaffen. Obwohl wir auf dem kurzen Weg von der No-Name-Cove zum Ausgang von Tracy Arm noch Schiebestrom haben, empfangen uns an der Barre heftige Verwirbelungen. Whirlpool. Flora wird hin und her gedreht. Also Vollgas, mit 2 kn über Grund kämpfen wir uns ganz langsam an der roten Tonne vorbei. Die grüne – auf der Hinfahrt noch deutlich sichtbar – fehlt entweder ganz oder ist von den Strudeln unter Wasser gedrückt. Aber nach einer Viertelstunde sind wir durch, die Geschwindigkeit über Grund steigt wieder deutlich an und wir können wieder mit normaler Marschfahrt unterwegs sein.
Wir fahren ein Stück die Stephens Passage hinunter, runden Hugh Point am Südende der Glass Peninsula und dann geht es im Seymour Canal wieder etwas gen Norden. Einige Buckelwale machen mit ihrem Blas auf sich aufmerksam, sie sollen sich hier in der 35 sm langen maritimen Sackgasse des Seymour Canals sehr häufig aufhalten.
Unser heutiges Ziel ist Pleasant Bay, eine kleine Bucht auf der großen, rund 100 km langen aber fast durchgängig naturbelassenen Admiralitätsinsel.
Entgegen der Namensgebung unserer Bucht erwartet uns am Ankerplatz zunächst eine unangenehme Überraschung: unsere Ankerwinsch verweigert den Dienst. Wir hören das Klicken des Schaltrelais, aber der Motor der Winsch setzt nicht ein, die Kette bewegt sich keinen Millimeter. Hm.
Wir versuchen, die Kette über die Freifall-Funktion fallen zu lassen und lösen die Kettenbremse. Erst ein bisschen, dann komplett, aber noch immer bewegt sich die Kette kein Stück. Die Kontrolle im Ankerkasten ergibt aber, dass sich die Kette selbst nicht etwa verkantet hat. Bill bietet an, bei der Denali Rose längsseits zu gehen. Das tun wir gerne, es ist deutlich einfacher als jetzt unseren Zweitanker mit Leine klar zumachen.


Die als Stauraum genutzte Vorschiffskabine wird leer geräumt und dann geht es an die Fehlersuche. Wir vermuten zunächst ein Problem mit dem Relais, aber nach den Messungen scheint es den Elektromotor der Winsch korrekt zu schalten. Mist, für das Relais hätte ich Ersatz dabei, für den Motor allerdings nicht. Andererseits: wieso lässt sich die Kette überhaupt nicht bewegen?
Bill berichtet, dass sich bei seiner Ankerwinsch öfter die Kupplung/Kettenbremse festfrisst. Vielleicht hilft rohe Gewalt. Ich trete auf die Kette. Nichts. Springe mit beiden Füßen darauf und … die Kette rauscht aus. Nur einen halben Meter, ich hatte den Anker vorher gesichert. Ok. Test der Ankerwinsch: funktioniert einwandfrei. Wenn doch alle Reparaturen so einfach wären.

Zum Sundowner („Dirty Martini“) und Abend-Snack sind wir auf der Denali Rose eingeladen.

Am nächsten Morgen zeigt sich, wie bei Vollmond die Minustide das Bild der Bucht verändert. Die Seekarte zeigt zwei kleine Inselchen, die die Ankerbucht nach Osten schützen. Der Törnführer macht allerdings deutlich, dass die Einfahrt nur mittig zwischen der nördlichen Insel und dem Land erfolgen kann.

Dass wird jetzt bei 1,2 m Niedrigwasser unter Normalnull, also heute deutlich über 6 m Tidenhub, sehr offensichtlich, ebenso der große „Mudflat“-Flachwasserbereich innen in der Bucht. Die doch recht große Wasserfläche um unseren gut gewählten Ankerplatz herum hat sich in eine mehr oder weniger kleine Pfütze verwandelt, in der wir aber immer noch 4 Meter Wasser unter dem Kiel haben.

Die täglichen Weißkopfseeadler sind dann heute mal auf dem Mudflat.

Internet (bzw. Empfang für das Mobiltelefon) gibt es hier weiterhin nicht. Also ein weiterer Textbeitrag mit nachzureichenden Bildern.

(Jetzt: nachgereichte Bilder)

Tracy Arm

Nach ein paar Tagen in Taku Harbor machen wir die Leinen vom Floating Dock los und fahren weiter nach Süden. Ziel ist Tracy Arm, einer der beiden Fjorde von Holkham Bay. Der eigentlich fast zwei Seemeilen breiten Eingang weist eine Barre auf, die unsichtbar unter dem Wasserspiegel die Einfahrt auf nur ein Zehntel davon mit für uns nutzbarer Tiefe verkleinert und selbst dort die Tiefe von mehreren Hundert Metern auf nur etwa 20 m verringert. Das führt bei dem herrschenden Tidenhub von normalerweise etwa 5 m zu extremen Strömungen, Verwirbelungen und sogar Strudeln. Und schon vor der Einfahrt kommt uns das erste Eis entgegen, dass die beiden in den Fjord kalbenden Gletscher Sawyer Nord und Sawyer Süd auf die Reise geschickt haben.
Aber wir timen unsere Anreise gut, was immer auch ein bisschen Glückssache ist. Weder die Büchlein der Tidentabellen noch die Strömungsanzeigen der elektronischen Seekarten sind hier sonderlich akkurat, insbesondere starke Niederschläge in den Bergen können die Strömung stark verändern und dafür sorgen, dass selbst bei steigender Tide das Oberflächenwasser den Fjord hinunter drückt.
Wir ankern in der No-Name-Cove, der ersten Bucht nach der Einfahrt und zugleich dem einzigen vernünftigen Ankerplatz im ganzen, etwa 25 sm langen Fjord. Nur wenig Eis verirrt sich in diese Bucht, aber ein größerer und mehrere kleinere Eisblöcke sind trotzdem an ihrem Ufer gestrandet. Gletschereis für unsere Drinks ist also gesichert und malerisch sehen sie ohnehin aus.
Als wir ankommen ist die Crew des einzigen anderen Ankerliegers in der Bucht schon mit dem Beiboot auf Erkundungstour, kurz darauf picken sie mit ihrem Dinghyanker auch schon handhabbare Stücke aus den aufgelaufenen Eisblöcken. Vermutlich tausende Jahre altes Eis im Getränk, die Chance möchte sich kaum jemand entgehen lassen.

Am Abend steigt der „Blutmond“ über die Berge, der Vollmond im August. Dass heißt allerdings auch, dass wir Springtide haben, also eine besonders starke Ausprägung von Ebbe und Flut. Bei Ebbe sinkt das Wasser an unserem Ankerplatz mehr als einen Meter unter Normal-Null, mit der 5 m Flut kommen wir also auf gut 6 m Tidenhub. Da wollen Ankerplatz und gesteckte Kettenlänge besonders wohl überlegt sein.

Am nächsten Tag steht für uns die lange Fahrt in die Sackgasse zum Gletscher und zurück an. Und die wird ein unvergessliches Erlebnis, zumal uns das Wetter mit Sonnenschein und blauem Himmel ein zusätzliches Geschenk macht.

Der Fjord wird bald deutlich schmaler und windet sich mit seinem hunderte Meter tiefen Wasser durch steil an seinen Ufern aufragende, teils senkrecht abfallende Granitwände. Die Gipfel der umliegenden Berge sind deutlich über 1.000 m hoch, Schneefelder und „hanging glaciers“, also in den Bergen hängende, nicht bis zum Wasser herunter reichende Gletscher blitzen immer wieder an den Flanken auf. Unzählige Wasserfälle schießen in die Täler hinunter, mal als breite Kaskade, mal heben sie sich wie dünne weißgraue Haare von den Schultern der graugrünen Bergen ab.


Laut Tidenkalender sollten wir auflaufendes Wasser haben, tatsächlich aber verlangsamt uns eine leichte Gegenströmung. Trotzdem kommt uns immerhin nur wenig Eis entgegen und wir können bis kurz vor die Sawyer Insel fahren. Erst dort, am Treffpunkt der beiden kleinerem Arme hin zu den Gletschern, wird das Eis dichter. Große Brocken bleiben aber selten. Durch das von kleinen weißen Eisstückchen gespenkelte milchig mintgrüne Gletscherwasser schlängeln wir uns noch ein Stückchen weiter. Ab und zu schieben wir etwas größere Schollen mit dem Bootshaken zur Seite.

Wir sind früh aufgebrochen und hatten Tracy Arm die meiste Zeit für uns allein, aber jetzt gegen Mittag flitzen die schnellen Tourboote aus Juneau heran. Sie schenken den Eisstücken wenig Aufmerksamkeit und brausen einfach durch. Wir könnten uns in die dadurch gebildete Gasse einreihen, aber nachdem auch zwei Kreuzfahrtschiffe ankommen, treten wir doch lieber den Rückweg an. Praktisch, denn so haben wir das
Vergnügen auch auf der Rückfahrt durch den Fjord fast keinen Verkehr um uns herum zu sehen.


Zurück in der No-Name-Cove finden wir wiederum nur ein einziges anderes Boot vor, diesmal allerdings die Denali Rose unserer Freunde Donna und Bill. Sehr schön, so gibt es Tapas auf der Flora und dazu passend Vermouth mit Gletschereis. Schmeckt in Gesellschaft ja immer noch besser als sowieso schon.

Nachdem heute wieder ein richtig guter Alaska-Tag ist – wir also gar kein Fitzelchen Internet haben und das die nächsten Tage wohl auch so bleibt – wird dieser Beitrag per Iridium-Satellit übermittelt. Bilder gibts also erst einmal nur in Eurer Vorstellung, Kopfkino halt. Mal schauen, ob sie mit den von mir dann nachträglich einzustellenden Fotos in Einklang zu bringen sind.

Und??? Sind sie?

Taku Harbor

Das Alaska-Zitat „On good days we have bad internet“ möchte ich ergänzen. An richtig guten Tagen haben wir mit einiger Wahrscheinlichkeit gar kein Internet.

So auch die letzten Tage, seit wir aus Juneau ausgelaufen sind. Durch die breite Stephens Passage laufen wir nach Taku Harbor, benannt nach dem Taku River, der ein kleines Stückchen nördlich in die Stevens Passage fließt, nachdem er sich aus Kanada kommend durch die vergletscherten Berge des Grenzgebietes geschlängelt hat. Taku Harbor ist ein Naturhafen in eher lieblicher Umgebung. Mit seinen für hiesige Verhältnisse moderaten Tiefen bietet er gute Ankermöglichkeiten. Trotzdem weist er gleich zwei „Public Floats“ auf, also öffentliche Schwimmstege.

Diese Public Floats wurden vom Alaska Departement of Fish and Game errichtet und werden dann an die Kommunen (in diesem Fall Juneau) übertragen, die die Wartung übernehmen. Ihre Nutzung ist kostenlos, ein Schild weist darauf hin, dass sie Teil eines user pay and user benefit Programms sind. Wie jetzt? Das ist Ausdruck des amerikanischen Verständnisses von Steuern und Gebühren. Ein Teil der Gebühr für die Sportfischerei-Lizenz (die wir ja in Sitka erworben hatten) und ebenso der bundesstaatlichen Steuern, soweit sie auf den Kauf von Angelzubehör und Bootstreibstoffen angefallen sind, wird für die Errichtung dieser Public Floats verwendet, um den Zugang für Freizeitboote zu verbessern. Und an so einem Public Float machen wir in Taku Harbor fest. Ein anderer Segler ist schon da, er nimmt unsere Leinen an. Es kommen auch noch die Fidelis an, ein holländisches Boot, das wir schon in Juneau getroffen hatten und unsere Segelfreunde Donna und Bill mit ihrer Denali Rose.

Donna und Bill leihen uns am nächsten Tag ihre Kajaks nebst Sicherheitsausrüstung und geben uns eine Einführung, so erkunden wir auf unserer ersten Seekajak-Tour ausgiebig die fast zwei Kilometer lange und etwa halb so breite Bucht einschließlich der flachen Zonen, in denen Bäche und ein Fluss in sie einmünden. Ein wunderschönes Erlebnis in der Stille dieser Umgebung.

Mit dem Dinghy fahren wir später hinüber zum anderen Floating Dock dieser Bucht und gehen dort an Land. Denn dieses zweite, deutlich größere Dock ist über einen Steg mit dem Ufer verbunden und somit eigentlich ein echter, kostenlos zu benutzender Hafen. Allerdings haben über den Steg umgekehrt auch Bären Zutritt, weshalb ausdrücklich davor gewarnt wird, Lebensmittel im Cockpit zu lassen.

Zu Beginn des letzten Jahrhunderts befind sich in Taku Harbor eine Cannery (Konservenfabrik), in der wie an unzähligen anderen Orten in Alaska Lachs in Dosen verpackt wurde. Eine kleine Siedlung entwickelte sich, zwischenzeitlich lebten 500 Menschen hier. An die Cannary erinnern nur noch Ruinen, das Örtchen ist komplett verschwunden. Nur eine museale Hütte des letzten Bewohners steht noch, außerdem eine Public Cabin. Diese einfachen Unterkünfte kann man online mieten, praktisch z.B. für Kanutouren.

Wir machen noch eine kleine Wanderung am Ufer und oberhalb des Steinstrandes auf der waldigen Steilküste entlang. Mitten im Wald eine Schaukel, befestigt an einem in sehr luftiger Höhe zwischen den Bäumen gespannten Seil.

Ein Blick von der Steilküste hinüber zur Flora erinnert uns daran, noch unseren ausgelegten Krebskorb einzuholen. Zum ersten Mal findet sich eine Dungeness-Krabbe darin. Ein Männchen (erkennbar an der Form des Brustpanzers, die Weibchen müssen freigelassen werden), aber trotzdem nichts für unseren Kochtopf. Der Krebspanzer ist einen guten Zentimeter zu klein, wie die angehaltene Messlehre ergibt. Mindestens 6,5 Zoll müssten es sein, also 16,51 cm hat der Panzer breit zu sein. Also zurück ins Wasser. Aber immerhin, der Krebskorb hat bewiesen, dass er funktioniert.

Und dann gehen wir in die „University of Bill“ wie Donna es scherzhaft formuliert. Die beiden leben seit Jahren in Alaska auf ihrer Denali Rose, kennen die Gegend wie ihre Westentasche und versorgen uns mit vielen Tips. Nicht nur zu Ankerplätzen und zum Angeln, sondern auch ganz allgemein zum Segeln in diesen Gefilden. So lernen wir zum Beispiel, dass in den USA und in Kanada der Seewetterbericht nicht nur zu bestimmten Zeiten über UKW ausgestrahlt wird, sondern – angepasst an das Revier um die Funkstation – in Dauerschleife auf den Wetterkanälen läuft. Drückt man auf unserer Funke die bisher nicht beachtete „WX“-Taste länger, gelangt man zu den Wetterkanälen 1 bis 10. Auch ein Wetteralarm lässt sich einrichten, der dann bei Sturmlagen oder etwa bei Tsunamis warnt.

Wieder was gelernt.

Eigentlich würde ich gerne die Bilder einfügen, aber dafür reicht das Fitzelchen Internet welches wir gerade zu fassen bekommen leider nicht aus. Also hoffe ich mal, dass wenigstens der Text durchgeht und ich die Bilder irgendwann nachreichen kann (habe ich jetzt gemacht).

Ein guter Tag.

😊

Prepare for … Rain. Kleine Besonderheiten in Alaska

Ziemlich offensichtlich: das Bärenspray, na klar. Die XtraTuf-Gummistiefel, hier liebevoll auch Alaska-Sneaker genannt, o.k. Trotz dieser Standard-Fußbekleidung sind übrigens Regenschirme sehr selten zu sehen. Die Broschüre der Stadt Juneau hat dazu zwei Hinweise: erstens „Prepare for rain, hope for sun!“ und zweitens – frei übersetzt – „Wir haben keine Regenschirme, wir klappen Kragen oder Kapuze hoch.“

Blick in den Vorraum einer Lodge
Blick nach unten

Für den Cruiser bietet Alaska noch ein paar weitere Besonderheiten. Zum Beispiel, was die Ausrüstung angeht. So wohnt seit heute eine fünf Meter lang rote Schlange auf unserem Boot.

Kannten wir bisher nicht, gibts hier aber bei jedem Bootsausrüster. Die Schlange heißt „Anchor Buddy“. Das Besondere an ihr: sie kann sich auf 16 m Länge strecken und zieht sich dann wieder zusammen. Als Ankerleine fürs Dinghy benutzt (bei größerer Wassertiefe als Vorläufer für die zusätzliche Ankerleine), holt sie das Dinghy nach dem Aussteigen (und Sichern mit einer langen Landleine) von den Felsen weg in tieferes Wasser. Das ist nützlich bei dem Tidenhub, vor allem aber ist das Dinghy so vom Land entfernt und nicht für Bären zugänglich, die sich von den Gerüchen im Dinghy sonst ziemlich unwiderstehlich angezogen fühlen und nach Fressbarem suchen. Dabei sollen die Schläuche dann schon mal gelegentlich in Fetzen gehen. Das möchten wir doch gern vermeiden.

Andere empfehlenswerte Ausrüstung legt der Törnführer zum Beispiel für die Glacier Bay nahe. Sehr nachdrücklich wird dort und auch vom betreuenden National Park Service wegen des Eisgangs empfohlen, sowohl für das Schiff als auch für das Dinghy einen Ersatzpropeller dabei zu haben. Da waren wir glücklicherweise schon vorbereitet, denn bei Hallberg-Rassy ist bei geordertem Faltpropeller der Festpropeller als Ersatz ab Werk dabei und für unseren Außenborder haben wir ebenfalls eine Ersatzschraube dabei.

Auch die Ausstattung der Häfen weist in Alaska eine Besonderheit auf, die wir vorher so noch nicht gesehen hatten, hier aber absoluter Standard ist. Es gibt meist keine Klampen oder Poller auf den Schwimmstegen, statt dessen sogenannte „Bull Rails“.

Es ist zwar ein bisschen fisselig, die Leinen unter den massiven und mit dem Schwimmsteg (oder Ponton, selbst an den Fingerstegen) verbolzten kantigen Balken durchzufädeln, aber die Vorteile liegen ebenfalls auf der Hand. Überall am Steg kann festgemacht werden, der Schwimmsteg erhält eine kräftige Erhöhung, so dass die Fender bei Schwell nicht so einfach hoch geschoben werden und außerdem hat man eine gute (wenn auch bei Regen gelegentlich rutschige) Trittstufe zum Boot.

Eine andere Spezialität der Stege in den Häfen Alaskas sind die Tragmasten für das Hochlegen der Landstromkabel.

Donna und Bill leben ganzjährig in Alaska auf ihrer „Denali Rose“. Sie versichern uns, dass die Wasserflächen in den Häfen hier nicht zufrieren. Das Hochlegen der Landstromkabel sei aber nicht nur dem einfacheren Hinüberrollen mit den Hafenkarren geschuldet, sondern im Winter eine Notwendigkeit, um den Schnee maschinell von den Stegen räumen zu können.

Die Natur als unbestrittener Hauptdarsteller Alaskas mag da nicht zurückstehen und versorgt den Cruiser mit einer weiteren Besonderheit, die allerdings nicht auf Alaska beschränkt ist, sondern sich in vielen Gewässern insbesondere der „Hohen Breiten“ findet. Kelp. Hochwachsende Braunalgen mit zumeist kräftigen Blättern und Stengeln. Hier in Alaska sehen wir vor allem „Giant Kelp“ und „Bull Kelp“. Das ist (neben der wichtigen biologischen Funktion der Kelpwälder) manchmal äußerst nützlich. Etwa weil es in engen Einfahrten von Buchten gerade bei Niedrigwasser ziemlich deutlich die Position der Unterwasserfelsen markiert. Manchmal ist es aber auch weniger hilfreich, z.B. beim Ankern.

Im Moment lernen wir gerade noch, welche der Wildpflanzen neben den Beeren hier in Alaska essbar sind. Die Locals Donna und Bill haben uns unter anderem gedämpftes „Beach Asparagus“ empfohlen, offenbar mit Queller nah verwandt und weit verbreitet. Außerdem für den Salat „Deer Heart“, auch „False Lilly of The Valley“ genannt. Und Lamb Tongue (im Deutschen: Wollziest/Eselsohr/Hasenohr), wiederum gedämpft. Danach werden wir uns in den nächsten Buchten auf die Suche machen. Und Kelp?

Es gibt sogar Kelp-Farmen in Alaska.

😉

Juneau, Alaskas Hauptstadt

Anna, eine unserer Gastgeberinnen in der Crab Bay, stammt aus Juneau. Ihr ambivalentes Verhältnis zu Alaska und ihrer Heimatstadt hat sie uns gegenüber so beschrieben: „For 18 years I tried hard to get out of Alaska and than another 18 years to get back!” damit steht sie nicht allein. Die kleinstädtische Enge der gut 30.000 Einwohner zählenden Hauptstadt Alaskas und noch mehr der sie umgebenden Fischerdörfer, die Abgeschiedenheit vom Rest der Welt wird wohl von vielen (insbesondere von Jugendlichen) eher als Bürde denn als Privileg empfunden. Und doch, die enge soziale Verbundenheit und die phantastische Natur fehlen umgekehrt in der Anonymität ferner Großstädte.

Sehr schön beschreibt das eine Freundin von Anna, die Musikerin Erin Heist, in ihrer Musik. Etwa im Song “Out of town” (Album: From the land of rusted dreams) mit der Textzeile “Ain’t no boat to take, ain’t no road for free, I gotta get out of town.” Kommt sofort auf unsere Reise-Playlist.

Aber warum eigentlich gibt es keine Straße nach Juneau? Na klar, Alaska ist abgelegen. Trotzdem haben die Amerikaner im zweiten Weltkrieg in nur zwei Jahren mit Genehmigung der Kanadier einen Highway quer durch Kanada gebaut, um die bisher abgelegenen Flugplätze und Orte, insbesondere Anchorage, zu erreichen. Die Hauptstadt Juneau wurde trotzdem nicht an das Straßennetz angeschlossen. Der Grund wird auf diesem Schaubild im Alaska State Museum deutlich:

Das Juneau Icefield, eine riesige, 3.900 Quadratkilometer messende zusammenhängende Fläche von Gletschern, zieht sich im Osten Juneaus auf der Grenze zwischen Kanada und Alaska entlang.

Teile dieser Eisfläche sehen wir schon bei der Anfahrt auf Juneau. Der Mendenhall Gletscher, quasi der Hausgletscher der Stadt, begrüßt uns mit leuchtendem Hellblau bereits aus der Ferne und bevor wir die Häuser der Stadt ausmachen können.

Aber selbst für uns präsentiert sich Juneau zwiespältig. Zum einen ist da der sehr geschützte Hafen und die pittoreske Lage unmittelbar vor den hohen Bergen.

Andererseits ist das alte Stadtzentrum schon ausgesprochen touristisch geprägt. Überteuert, mit vielen Schmuck und Souvenirshops. Kein Wunder bei den im Verhältnis zur Bevölkerungszahl überwältigenden Zahl der großen Kreuzfahrtschiffe und ihrer Passagiere.

Schlangen vor dem Imbissbuden am Hafen, wo man für nur 20 US$ lokales Fastfood erstehen kann, Wartezeiten von einer Dreiviertelstunde im Food-Truck-Dorf, wo es das Ganze bei schönerer Kulisse etwas teurer gibt. Geschiebe in den Läden um die Franklin Street, wo dann z.B. original Bärenzähne zu kaufen sind.

Wandbild in der Innenstadt

Toll aber das innenstadtnah gelegene Alaska State Museum.

Kajak einschließlich Jagdgerätschaften sehr anschaulich erläutert
Sonnen- bzw. Schneebrillen
Verzierte Heilbutt-Angelhaken

Die verschiedenen Nationen der in Alaska lebenden Ureinwohner, ihre besonderen Kulturen und Jagdtechniken, Alltags- und Kunstgegenstände werden ebenso dargestellt wie die Kolonialisierungsgeschichte mit russischer und US-amerikanischer Station und der industriellen Fischerei.

Die Natur Alaskas wird zwar behandelt, kommt aber vielleicht ein bisschen kurz. Wir kompensieren das am nächsten Tag durch einen ausgesprochen langen Hike vor den Toren der Stadt. Mit dem Bus gelangen wir zum Startpunkt in der Nähe des Mendenhall Gletschers. Das Bussystem funktioniert gut, jede Fahrt kostet (unabhängig von der Fahrtstrecke) 2 $, von unserem Hafen in der nördlich gelegenen Auke Bay aus sind so große Supermärkte und auch das Stadtzentrum gut erreichbar. Der Hike beginnt einfach durch eher flaches Regenwald-Gebiet ein bisschen abseits der Straße.

Aber dann wählen wir den „East Glacier Loop Trail“, der abseits des von von den Kreuzfahrtbussen angefahrenen Besucherzentrums durch die Berge oberhalb des am Ufer des Gletschersees entlang führenden gut ausgebauten Fußweges zu den imposanten Nugget Falls führt.

Unser Wanderweg ist da einsamer. Wir begegnen auf dem mehrere Stunden dauernden Weg nur ein paar Handvoll andere Wanderer.

Mal mit gut ausgebauten Stufen oder Treppen …
… mal rustikaler …
aber immer mit beeindruckender Natur.

Am Ende schließt dann wieder ein flacheres Stück durch moorige Seenlandschaft an.

Hier treffen wir auf Mary, die gerade „High Bush Cranberries“ pflückt, nicht Huckleberries (Johannisbeeren) , wie wir fälschlich annehmen. Die Biologin ist vor über 30 Jahren nach Alaska gekommen und hier geblieben. Sie erklärt uns anschaulich, wie wir die Sitka Spruce (piksig, gerade Spitze) von der Hemlock-Tanne (weiche, flache Nadeln, gebogene Hexenhut-Spitze) unterscheiden können. Unsere bisherigen Versuche über die Borke („Potato Chips bzw. Bacon“) waren nicht so recht eindeutig. Während wir uns unterhalten, fliegt eine große blaue Libelle zu uns und lässt sich abwechseln auf jedem von uns nieder. Von Wiebkes Rücken kann ich sie auf meinen Finger locken und an Mary weiterreichen. Ungewöhnlich, aber sehr schön.

Mary berichtet uns, dass über diese blauschwarzen Libellen gesagt wird, sie würden die Lippen von schlechte Dinge sagenden Menschen zusammennähen. 😜

Und noch eine andere tierische Begegnung haben wir auf dieser Wanderung: erstmals sehen wir Lachse in ihrer Laichfärbung ein stark strömendes Bachbett hinaufwandern. Für den Rotlachs (Sockeye) hat die Saison begonnen, sein dunkelblauer Rücken und die silbrigen Seiten haben sich leuchtend rot verfärbt, der Kopf grünlich. Das Maul macht eine Formveränderung durch, wird deutlich länger und bekommt in Ober- und Unterkiefer einen Haken. Die laichfähigen Tiere in diesem Stadium fressen nicht mehr, sondern kämpfen sich die Bäche hoch zu ihrem Geburtsort, laichen und sterben dann.

Jetzt beginnt die Festmahlzeit für die Bären. Wir sind gespannt, ob wir das noch zu sehen bekommen.

Zurück am Hafen treffen wir auf die gerade angekommenen Crews der Pitou und der (ebenfalls holländischen) Fidelis. Spontan drehen wir nochmal um und begleiten die anderen zur örtlichen Brauerei oberhalb der Marina.

Die Kombination aus großem Wagen und Nordstern ziert die Flagge Alaskas

Ach ja, der tägliche Seeadler. Heute mal „Marina-Style“. Hoffentlich verzeiht der B&G-Windmesser im Masttop des Nachbarbootes die funktionsfremde Nutzung.

Heute haben wir übrigens Ruhetag, die 13 km von gestern stecken uns noch in den Beinen. Passt aber, um es mit einem anderen Alaska-Song von Erin Heist auszudrücken: „Another rainy day“. Wir verwöhnen uns mit Selbstgebackenem: Apfel-Pekanuss-Kuchen und Hafer-Cashew-Karamell-Keksen.

😁

Was das Reisen ausmacht …

… sind vor allem anderen die Begegnungen.

Wir fahren bei mäßigem Wetter von Hoonah aus die Icy Strait hinauf und ein kleines Stück den Lynn Canal (der große Verbindungsfjord, der nach Skagway hinauf führt). Dann biegen wir aber gleich wieder ab in die Funter Bay.

Ein schöner, unspektakulärer Ankerplatz. Nicht völlig einsam, im Süden der Funter Bay ist vor den langsam verfallenden Ruinen der alten Fischkonsenvenfabrik ein öffentlicher Ponton verankert, an dem man kostenlos festmachen darf. So etwas gibt es hier häufiger mal. Wir entscheiden uns aber für den nordöstlichen Arm, die Crab Cove. Im Scheitel der Bucht stehen mehrere Häuser am Waldrand. Ein deutlich kleinerer Ponton ist außerhalb der trockenfallenden Zone verankert, er scheint privat zu sein, ein Aluboot mit Außenborder ist offenbar schon länger daran festgemacht. Wir ankern noch einmal um, nachdem wir unseren Schwoikreis kontrolliert haben. Bei gut 4 m Tidenhub kämen wir bei Ebbe doch sehr nah an den Flachwasserbereich, etwas mehr Abstand sorgt für besseren Schlaf. Ein paar Bojen von Krebsfallen sprenkeln die Wasseroberfläche, kein Wunder beim Namen der Bucht. Vielleicht haben wir hier ja mal Erfolg beim “Crabbing”, also bringen wir gleich unseren Krebskorb aus.

Am nächsten Morgen wundern wir uns über eine kleine Versammlung auf dem Ponton. 6 Leute stehen im Regen und unterhalten sich. Beim ersten flüchtigen Hinsehen halte ich sie für Fischer. Als ich nach dem Kaffee aus dem Fenster sehe, kommt gerade eine Frau mit einem Hund im Kajak dazu. Hm, doch keine Fischer. Drei Männer und drei Frauen stehen auf dem kleinen Floß, außerdem können wir jetzt auch Gepäckstücke erkennen.

Wir fragen doch mal nach, ob sie ein Shuttle brauchen, ich fahre mit dem Dinghy rüber und werde sehr freudig empfangen. Sie wollen zum Haus und der Cabin von Joan (der Frau mit dem Hund). Das Taxiboot aus Juneau konnte bei dem niedrigen Wasserstand nicht nahe genug an den Strand fahren und das Boot von Joan liegt noch für ein paar Stunden hoch und trocken. Also bringe ich sie mit ein paar Fuhren hinüber. Joan nimmt mir das Versprechen ab, dass wir auf jeden Fall noch vorbeikommen müssen.

Wiebke und ich frühstücken gemütlich und fahren dann beide hinüber. Kurz, wie wir denken, eigentlich wollen wir ja gleich Anker auf gehen. Aber es kommt anders. Das Haus ist super gemütlich. Wir bekommen eine Tasse Tee mit Blick auf unser Schiff und schnacken uns gleich fest.

Es ist nur mit dem Boot oder per Wasserflugzeug erreichbar, eine Straße führt nicht einmal in die Nähe. Stromanschluss gibts ebenfalls nicht, Solarpanels und ein Dieselgenerator versorgen die 12-Volt-Batterien, wie auf unserem Boot. Wasser wird aus dem oberhalb des Hauses angestauten Bach gezapft und von da per Fallrohr zum Haus geleitet. Gasflaschen, Diesel, Lebensmittel, das muss alles per Boot mitgebracht werden.

Als die Flut das Boot von Joan wieder flott gemacht hat, holen wir das Gepäck, Wiebke shuttelt die Koffer und Lebensmittel mit Joans Quad.

Dann wollen die Jungs aus Texas fischen gehen. Sie haben Angelruten und Krebskörbe mitgebracht, Greg macht auch mir gleich eine Angel fertig und erklärt, wie das Setup für Heilbuttfischen am besten funktioniert. Als Köder befestigt er mitgebrachte Heringe auf den Doppelhaken hinter dem Gewicht. Zwischen den vorgelagerten Inselchen lassen wir das Boot langsam driften, die Köder knapp über dem Grund werden durch Auf- und Abwippen mit der Angel immer wieder in die Höhe gezogen und heruntergelassen. Jig-Fischen (oder Pilken beim Dorschfischen in der Ostsee, danke an Michael von der Samai für den Hinweis).

Erfolgreich. Nach weniger als 5 Minuten habe ich den schönen Heilbutt im Boot. Auch die anderen haben Angelglück, innerhalb einer halben Stunde fangen wir vier Heilbutte (die Schollen und Rockfische gehen gleich wieder ins Wasser zurück).

Das wird ein Festessen, zumal wir aus Joans Krebsfallen auch noch fünf fette Dungeness-Krebse holen (unsere ist natürlich leer, war aber auch nicht so lange drin).

Die Krebse werden gekocht, die Heilbuttfilets zünftig über auf einem Bett aus Skunk-Cabbage-Blättern auf Zwiebeln und Knoblauch gegrillt.

Es wird ein wunderschöner, sehr langer Abend mit tollen Gesprächen. Danke an Joan, an Anna und Greg, Jennifer und Alex, Lissette und Pedro für Eure Gastfreundschaft.