Think out of the box!

Wir haben das Ruder herumgeworfen und den Kurs neu abgesteckt.

Die Überfahrt zu den Bahamas wäre wohl möglich, allerdings mit einer hohen Wahrscheinlichkeit von Winden über 35 kn in den Böen bei Ankunft. Machbar, aber dann nicht durch die Riffeinfahrten von Abaco nach Marsh Harbour, sondern etwas weiter südlich zur nächsten Insel Eleuthera, nach Spanish Wells.

Bloß, der Hurrikan Eta tobt sich nach der Vorhersage nicht bei seinem Landfall in Nicaragua völlig aus, sondern wandert wieder hinaus aufs Wasser, sammelt neue Kräfte und wendet sich dann Kuba zu. Aktuell sagt die Vorhersage zwar, dass ETA dann über Cuba hinweg in den Golf westlich von Florida und nicht westlich über die Bahamas geht, aber jedenfalls käme er den Bahamas unbehaglich nah.

Also vielleicht heute einfach nur ums Kap Hatteras herum und mit einem Übernachttörn nach Beaufort in North Carolina? Oder weiter an der Küste herunter nach Charleston oder Brunswick? Wäre ein gutes Wetterfenster dafür. Allerdings gibt es auf absehbare Zeit, mindestens mal in der nächsten Woche, kein Wetterfenster um von dort auf die Bahamas zu kommen. Außerdem würden wir uns auf den Hurrikan zu bewegen. Und letztlich auch blöd: unser Visum für die USA gilt nur bis zum 12. November (wie schnell doch ein halbes Jahr vergeht). Und ausklariert haben wir ja auch schon. Eine Zwickmühle?

Nicht unbedingt. Querdenken. Wir haben uns reichlich verproviantiert, das Schiff ist klar, die Strecktaue für die Offshorepassage befestigt, das Dinghy mit Fendern unter der Persenning aufgefüllt und verzurrt, der Außenborder am Heckkorb.

Gestern Abend nach dem neuesten Wetterbericht beschließen wir, einfach das Ziel neu zu definieren. Bahamas ist schwierig, aber das Wetterfenster passt gut für Antigua. O.k., da waren wir im Frühjahr gerade längere Zeit, aber erstens ist es toll dort, zweitens ist die Ausgangslage dort super, um mit dem Passat die großen Antillen zu besuchen und drittens haben wir vielleicht sogar die Chance, doch noch die British Virgin Islands zu besuchen, die ab 8.12. Wieder für Yachten aufmachen sollen. Dafür wären wir quasi in pole Position. Die Mehrheit der heute aufbrechenden Salty Dawg Schiffe hatte sowieso von Anfang an Antigua als Ziel, so wechseln wir einfach in diese Flottille.

Also los, statt 5 Tagen zu den Bahamas werden wir für die rund 1.640 sm nach Antigua eher 10 bis 12 Tage brauchen. Solange werden wir ab jetzt auch erstmal nicht erreichbar sein, dies ist der letzte Blogpost im US-Telefonnetz. Wir werden aber versuchen, zwischendurch reine Textblogbeiträge über Iridium-Satellit zu senden.

Auf geht’s, aus der Kälte (heute morgen unter 10 Grad) hoffentlich in die Wärme. Wir freuen uns.

Ihr könnt unsere Fahrt auf mit den Salty Dawg hier verfolgen. Durch Klick auf SDSA Fall Rally Tracks kommt ihr auf die Bootsliste und könnt dort auch die Flora anwählen und unsere jeweilige Position hervorheben. Das wird stündlich aktuell sein. Auf Noforeignland werden wir unere Position ein paar mal am Tag manuell aktualisieren (leider geht immer nur eins von beiden automatisch).

Achterbahn der Bedingungen

Bitte um Nachsicht: ein reich mit Blauwassersegeln-Fotos bestückter Reisebericht wird’s leider auch heute wieder nicht, eher eine (bei Regenwetter und aufgebauter Kuchenbude geschriebene) Wasserstandsmeldung.

Die Zeit vor dem Absprung zu einer Ozeanpassage ist immer spannend, selbst wenn es wie jetzt „nur“ um einen mit etwa fünf Tagen veranschlagten Hochseetörn handelt. Zum einen müssen wir den Golfstrom queren und dabei seine starke Gegenströmung ebenso wie „Wind gegen Strom“ soweit möglich vermeiden, zum anderen ist das Wetter derzeit alles andere als beständig. Die Suche nach dem passenden Wetterfenster gestaltet sich auch deshalb aufwändig, weil die verschiedenen Wettermodelle (insbesondere das amerikanische GFS und das europäische ECMWF) für den angedachten Törnzeitraum ziemlich unterschiedliche Prognosen abgeben.

Das Gute zuerst: der tropische Sturm „Eta“ (bis zu diesem siebten Buchtaben im griechischen Alphabet war die Benennung noch nie vorgestoßen und das ist wohl dieses Jahr noch nicht das Ende!) wird sich zwar wohl zum nächsten Hurrikan entwickeln, zieht aber Richtung Nicaragua/Honduras und damit weg von unserer Zielrichtung. Außerdem scheint das Wetter am Dienstag für den Aufbruch und das Queren des Golfstroms ganz gute Bedingungen zu versprechen: der Starkwind zieht ab und wir sollen moderater Nordwestwind bekommen (grün ist für die Windy-Vorhersagen unsere Lieblingsfarbe).

Der Start am Dienstag war denn auch fast schon allgemeiner Konsens der Boote hier, bis gestern für das Ende der Woche im wahrsten Sinne Turbulenzen auftauchten und zwar je nach Modell entweder westlich von Florida oder südlich von Kuba und entweder schon Samstag oder erst Sonntag. Wetterguru Chris Parker widmete dem in seinem Webinar gestern Abend über eine halbe Stunde.

Wir müssen die Entwicklung weiter beobachten, denn wir brauchen vernünftige Bedingungen, um in die Bahamas einzulaufen. Die für uns schlechteste Prognose sieht für Sonntag derzeit an der Riffdurchfahrt nach Marsh Harbour allerdings so aus:

48 Knoten in den Böen, völlig indiskutabel. Selbst geringere Windstärken und viel weiter entfernte Windsysteme können die engen Pässe zwischen dem flachen Wasser westlich der kleinen vorgelagerten Inseln (Cays) und dem sehr tiefen Ocean westlich davon unpassierbar machen. Das Phänomen nennt sich „Abaco Rage“ und bewirkt, dass der Ozeanschwell verlangsamt wird und sich leicht bis zum dreifachen seiner normalen Höhe aufsteilt.

Aber das Wetter bzw. die diesbezüglichen Prognosen sind leider nur ein Teil der Unwägbarkeiten. Die Regierung der Bahamas hat kurzfristig zu heute die Einreisebedingungen ein weiteres Mal verändert. Waren es zuletzt noch 7 Tage zwischen COVID-Test und Einreise, wurde die Frist jetzt auf 5 Tage verkürzt. Das ist für uns bei Abreise von Norfolk so nicht zu schaffen, weil wir ja das Testergebnis abwarten und dann auf der Bahamas-Seite zum Beantragen des Gesundheitsvisums hochladen müssen und dann etwa fünf Tage Segelzeit brauchen. Das Ergebnis unseres COVID-Tests vom Donnerstag ist heute Mittag, drei Tage später, noch nicht da.

Noch eine Komplikation gefällig? Für die Abreise am Dienstag sind wir bereits ausklariert, das hatten ja die Salty Dawg über einen Agenten für uns übernommen, damit wir nicht alle im Taxi nach Norfolk fahren müssen. 🥺

Manchmal laufen die Dinge eben doch anders als gedacht. Die Windbedingungen in Verbindung mit der Springtide zum Vollmond lassen beispielsweise den Übergang zum Schwimmsteg hier in der Marina zum luftigen Sprungbrett werden.

Aber natürlich kommen wir hier trotzdem an Land und auch für die anderen Herausforderungen wird sich eine Lösung finden. Wir arbeiten dran 😊

Immer anders

Die Ruhe vor dem Sturm? Flora gestern in Deltaville am nach Süden offenen Ankerplatz.

Hurrikan Zeta hat sich mit seiner Entwicklung im Golf von México viel Zeit gelassen, dann aber Geschwindigkeit aufgenommen, seinen Landfall in Luisiana gemacht. Bei seiner Passage über die Südstaaten der USA hinweg hat er sich zwar abgeschwächt, aber durch besondere meteorologische Bedingungen bei den Höhenwinden wurde die Abschwächung geringer erwartet als sonst üblich. Deshalb war für die Chesapeake Bay heute ziemlich derbe viel Wind aus Süd angesagt, in den Böen bis zu Windstärke 10 (schwerer Sturm).

Wir haben uns deshalb nach Hampton verkrümelt, von wo die Salty Dawg Fall Rally ohnehin Anfang nächster Woche starten soll.

Warum fahren wir mit den Salty Dawg? Hauptsächlich, weil gerade in den Covid-Zeiten die Einreisebedingungen unübersichtlich und manchmal kurzlebig sind und wir uns von dem Verein Salty Dawg Unterstützung insbesondere hinsichtlich der formellen Abläufe erhoffen. Der Verein, der sich wie Trans-Ocean der Förderung des Hochseesegelns verschrieben hat, ist mit den Offiziellen in den Bahamas und auf Antigua (den beiden Zielen der Rally) im Dauerkontakt. Sollte sich also etwas ändern, während wir gerade unterwegs sind, wäre ihre Einflussmöglichkeit sicher größer als unsere als einzelne Segler. Außerdem haben sie so ein klasse Logo 😁.

Aber im Ernst, heute morgen machen wir zunächst unseren Covid-19-PCR-Test hier im improvisierten Pavillon der Salty Dawg, den Versand des von uns Online bestellten Tests erfolgt dann gebündelt durch Salty Dawg. Bei dem Test werden wir durch ärztliches Personal unterstützt, Vereinsmitglieder, die das freiwillig und unentgeltlich machen. Für die Boote, die zu den Bahamas wollen ist das eigentlich nicht nötig, wohl aber für die Crews mit Ziel Antigua. Denn die haben kurzfristig verkündet, dass „self administered PCR-tests“ nicht mehr anerkannt werden, darauf hat Salty Dawg mit der Unterstützung reagiert.

Wenn wir die (hoffentlich negativen!) Testergebnisse haben, müssen wir die auf einer Bahamas-Webseite hochladen und sogenannte „Health-Visa“ beantragen. Nur wenn die gewährt werden, können wir einreisen. Ein zusätzliches Problem ergibt sich allerdings dadurch, dass nach den Bestimmungen der COVID-Test nicht älter als 7 Tage sein darf, BEI EINREISE! Es kann also sein, dass wir wegen der mit 5-6 Tagen kalkulierten Törndauer direkt vor Abfahrt noch einen zweiten Test machen müssen, um diese Bestimmung erfüllen zu können. Das Ergebnis dieses zweiten Tests würden wir dann erst in den Bahamas online abrufen können. Hm.

Außerdem müssen wir in den Bahamas bei Einreise als erstes einen weiteren COVID-Test machen, diesmal nur einen Schnelltest. Und dann nach 96 Stunden noch einen weiteren (also den dritten oder vierten!?!). Lässt sich nicht ändern.

O.k., nach unserem (ersten) Test geben wir bei den Salty Dawg noch gleich unsere Papiere und das Formular 1300 der US-CBP ab, denn das Ausklarieren in Norfolk übernimmt ein weiteres Vereinsmitglied als „Agent“ kostenlos für uns, damit nicht alle ausländischen Teilnehmer die Quarantäne brechen und mit Taxis nach Norfolk fahren müssen. Klasse Service.

Einkaufen gehen wir aber selber, obwohl der Supermarkt ein ziemliches Stück entfernt ist, zu Fuß. Auf dem Rückweg sind wir schwer bepackt mit unseren Rucksäcken, Taschen und einer 24er Packung Dosen auf der Schulter. Ein Auto hält neben uns, Masken werden aufgesetzt, die Seitenscheibe heruntergefahren. „Salty Dawg?“ werden wir gefragt. Als wir bejahen, sollen wir unser schweres Gepäck auf den Rücksitz legen, wir können es uns dann im Pavillon abholen. Fein! Übrigens hatten wir ein ganz ähnliches Erlebnis schon vor ein paar Tagen in Deltaville. Wir waren mit den kostenlosen Leihfahrrädern der Marina unterwegs, die man auch als Ankerlieger benutzen darf, wenn man die 5 $ Dinghydockgebühr bezahlt. Das gilt übrigens auch für das Courtesy Car, wenn es denn gerade frei ist. Auf dem Rückweg vom Einkaufen, ebenfalls schwer bepackt, hielt auf einmal Andrea von der Akka ihr Auto neben uns an und nahm uns unser Gepäck ab (die Hallberg-Rassy 42 „Akka“ der Weltumsegler Andrea und Andreas liegt im Moment in Deltaville an Land). Ganz lieben Dank auch für diese nette Aktion.

Beide Male wurde unser Rückweg so um einiges unbeschwerter 😁.

Hier in Hampton machen wir gleich nach dem Verstauen der Einkäufe erst mal das Schiff sturmfest, nehmen unter Deck was unnötigen Windwiderstand bietet und verzurren alles andere besonders sicher. Zum Glück wird es dann aber nicht so schlimm wie nach den Vorhersagen erwartet. Rund 40 kn Wind messen wir in der Spitze, das ist auf der Grenze zwischen Windstärke 8 und 9 Beaufort. Nix dramatisches, zumal sich hier auch keine allzu große Welle aufbaut.

Zum Sonnenuntergang kurz nach 18.00 Uhr ist der Spuk schon vorbei, die Sonne kommt auch wirklich durch und hinter der Sturmfront strömt die warme Luft aus dem Süden heran, wir können den Sundowner auf dem Achterdeck bei 27 Grad genießen.

Warum ist trotzdem die Kuchenbude aufgebaut? Heute Nacht soll es schon wieder regnen und ab morgen gibt’s dann nachts sogar nur einstellige Temperaturen.

Das kurze warme Intermezzo macht noch mehr Lust auf die Bahamas 😁, selbst wenn man durch den ausgeprägten Formalkram durch muss.

Reisebericht mal analog

Wow. Unser Bericht über Flora in den Bahamas wurde im Mitgliedermagazin unseres Vereins Trans-Ocean veröffentlicht. Sechs Seiten lang und für uns mit der Erinnerung an persönliche Highlights wie „Hogsty Reef“ und die Haibegegnungen bei Conception Island verbunden. Wir freuen uns.
😁

Text und Bilder sind aber für Euch Blogleser natürlich keine Neuigkeit, sondern waren im Wesentlichen hier (und den dann folgenden Posts) schon zu sehen.

Besonders hat uns auch gefreut, dass in der gleichen (Oktober-) Ausgabe III/2020 auch ein Bericht der Crew der Samai zu finden ist, die wir schon beim Losseglertreffen des TO in Laboe kennengelernt haben und mit denen wir seitdem in Kontakt geblieben sind. Sie berichten über ihren “Familienausflug in die Antarktis” im Magazin und ausführlich in ihrem tollen Blog. Und außerdem findet sich auch noch ein Bericht von Andrea und Nils (SY Marzemino), die wir auf den Tobago Cays kennengelernt haben.

Foto-Nachträge Passage USVI-Bahamas-USA

Die Blogposts der Passagen von den USVI zu den Bahamas und weiter in die Chesapeake Bay konnten wir von unterwegs ja nur als Text versenden. Ganz lieben Dank für Eure Kommentare!

Ich habe jetzt nachträglich die Bilder zu den entsprechenden Posts zugeordnet. Weil Ihr Euch sicher nicht nicht alle nochmal durch die Blogposts der letzten zwei Wochen arbeiten wollt, sind einige der Highlights hier unten angefügt. Durch Klick auf die jeweilige Bildunterschrift kommt Ihr zu dem entsprechenden Blogpost, wo sich dann meist auch noch weitere Bilder finden. Wer nicht hin und her springen möchte, kann natürlich auch in einem der Beiträge ganz herunterscrollen und dann auf „Vorheriger Beitrag“ oder „Weiter“ klicken.

Es fängt gut an. So wünscht man sich die Bedingungen auf Passage.

Die geplante Route und der Umweg zur virtuellen Stecknadel

Sehnsuchtsort Hogsty Reef

Schnorcheln am Hogsty Reef

Conception Island

Zähne

Abacos nach Dorian

Schwimmen im tiefen Blau

Genießerzeit

Viel Spaß beim Blättern.

Tag 7 Passage Bahamas USA

Ein WUNDERSCHÖNER Segeltag.

Gestern Abend sind wir in den Schnellzug „Golfstrom“ eingestiegen. Bei Anfangs zudem noch kräftigem Wind sausten wir nur so dahin, der SOG (Speed over Ground) also die tatsächlich laut GPS zurückgelegte Strecke lag viele Stunden hintereinander bei über 8 bis knapp 9 Knoten. Wenn es mit 172 sm in 24 Stunden trotzdem kein Rekordetmal geworden ist, liegt das an den ganz flauen Winden seit heute kurz vor Sonnenaufgang und bis zum frühen Nachmittag. Aber auch in dieser Zeit hat uns Europas Fernwärmeversorgung mit mindestens 1 kn, in der Spitze sogar mit knapp 4 kn geschoben, wir sind also gut vorangekommen.


Wo wir schon beim Golfstrom sind: in Europa sollten wir ihm eigentlich jeden Tag auf Knien danken. Man macht sich das ja meist nicht so richtig klar, aber der Norden Deutschlands (Sylt) liegt auf rund 55 Grad nördlicher Breite. Spiegelt man das auf die Südhalbkugel, emtspricht diese Breite der Lage der südlichsten Stadt der Welt: Ushuaia in der Nähe von Kap Hoorn. Bleibt man auf der Nordhalbkugel, liegen auf dieser Breite z.B. Kamtschatka in Russlands Osten oder die zu Alaska gehörenden Aleuten. Wenn also auf Sylt nicht gerade der Gletschertourismus boomt und die Eisbären steppen, dann liegt es eben an dem Fernheizungssystem Golfstrom. Heute sind wir auf der Flora aber dankbarer für seine Beförderungs- als für seine Heizleistung.
Bei strahlend blauem Himmel werden wir vorangeschoben, ohne große Welle, wir können uns auf dem Vorschiff vorlesen, finden sogar die Muße unterwegs Sushi zu machen und natürlich zu verspeisen.


Dazu kommt die Vorfreude, morgen in der Chesapeake Bay und damit in den USA anzukommen.

Dieser Blogpost wurde ursprünglich per Iridium-Satellit übermittelt, somit nur Text ohne Bilder. Die Bilder sind nach der Passage nachträglich eingefügt.

Tag 6 Passage Bahamas USA

Seit gestern Abend 21.00 Uhr brummt überwiegend der Diesel. Der Wind hat sich komplett verkrümelt und haucht mit unter 4 kn abwechselnd aus allen Richtungen rund um die Kompassrose. Dafür hat der Regen aufgehört und wir motoren über eine fast glatte See mit ein wenig altem Schwell. Wir lassen das Großsegel dichtgeholt stehen, um die die Amplitude unserer Schaukelbewegungen etwas zu dämpfen.
Unser Buddyboat Amalia hat zusätzlich noch mit anderen Schwingungen zu kämpfen: ihre Propellerwelle vibriert stark und sie können deshalb nur ziemlich langsam motoren. Als sie uns das heute morgen per Satelliten-SMS mitteilen, nehmen wir weiter Gas weg, um die Lücke von jetzt schon 24 sm nicht noch weiter zu vergrößern.
Die Batterien sind durch die Lichtmaschine gut gefüllt, wir lassen den Wassermacher laufen und laden die Elektrogeräte. Gleich nach Ausbringen der Angel können wir einen herrlichen Yellowfin-Tuna hereinziehen, das Essen ist also auch gesichert ;-).


Unterbrochen wird die Gleichförmigkeit des Dahinmotorens, als wir eine kleine Schule Wale sichten, allerdings in zu großer Entfernung, um sie sicher bestimmen zu können. Ich meine, zumindest einmal die lange, charakteristische Finne eines Orcas erkannt zu haben, aber wirklich sicher bin ich nicht. Jedenfalls haben sie keine Notiz von unserem Boot genommen.
Irgendwann stellen wir den Motor mal ab und nehmen ein Bad in dem dunklen Blau des hier wohl etwa 2.000 m tiefen Wasser. Schon ein komisches Gefühl, aber auch wunderschön, insbesondere weil kurz mal die Sonne durchblitzt und dem kräftigen Blau ein ganz besonderes Strahlen verleiht.


Gegen Mittag (Etmal 130 sm) stellt sich ein Lüftchen ein, gerade soeben segelbar, allerdings nur auf einem etwas westlicheren Kurs. Machen wir trotzdem, weil wir ja ohnehin auf Steve und Helena warten wollen. Und so dümpeln wir jetzt mit kaum 3 kn unter Groß und Code0, damit die beiden mit der Amalia weiter aufholen können.
Etwa um 18.00 hiesiger Zeit sollten wir den Wegepunkt erreichen, an dem wir mit dem Eintritt in den Golfstrom rechnen können. Unser Kurs knickt dann etwas nach Osten ab.
Derweil lassen wir es uns gut gehen: eine hawaiianische Bowl mit frisch gefangenem Thunfisch zu Mittag und jetzt ein (oder zwei,drei) Stück des von Wiebke gerade gebackenen Zitronen-Kokos-Kuchen.

Dieser Blogpost wurde ursprünglich per Iridium-Satellit übermittelt, somit nur Text ohne Bilder. Die Bilder sind nach der Passage nachträglich eingefügt.

Tag 5 Passage Bahamas USA

Im Morgengrauen fängt es leicht an zu tröpfeln. Wir bauen die Kuchenbude auf (quasi ein Zelt über dem Cockpit mit großen Folienfenstern). Es regnet sich ein, kein Schauer, sondern ein schwaches aber konstantes Pieseln aus bleigrauem Himmel bei Schiebewelle und schwachem aber doch segelbarem achterlichen Wind. Wir machen Musik an. Zu den Klängen von Norah Jones schweben wir in unserer leicht beschlagenen Glocke sanft geschaukelt über den scheinbar unendlichen Ozean.


Ganz so beschaulich bleibt es leider nicht. Der Wind wechselt mehrfach von achterlich steuerbord auf achterlich backbord und zurück, was wir durch einen Schlingerkurs weitgehend ausgleichen können und ansonsten die Fock auf die andere Seite nehmen, dort nicht ausgebaumt. Mittagsetmal 160 sm.
Als der Wind schwächer wird und aus 90 Grad kommt wollen wir wie gestern Abend auf den Code0 wechseln, aber die Fock lässt sich wieder nicht einrollen. Ganz offensichtlich ist es mit der neuen Leine nicht getan. Wir probieren noch verschiedene Fall- und Achterstagspannungen aus, aber es hilft nichts. Selbst mit dem Fernglas lässt sich auch kein eventuell falsch laufendes Fall oben am Mast als Ursache ausmachen. Wir nehmen die Fock also wieder ganz herunter. Die Trommel dreht sich danach einwandfrei. Wir nehmen die Fock wieder hoch, sie lässt sich – wenngleich schwer – aufrollen. Also bleibt sie aufgerollt, statt dessen baumen wir den Code0 aus. Vielleicht ist es das Lager? Können wir erst in den USA klären. Aber bis dahin ist ja noch viel Zeit. Und die verbringen wir heute mit Musik und Vorlesen im Cockpit unter der Kuchenbude, der Regen plätschert den ganzen Tag vor sich hin und lässt erst zum Abend nach. Was für ein Luxus, im Mittelcockpit so regengeschützt segeln zu können.
Wir haben die Tropen verlassen, der Wendekreis des Krebses führt quer durch die Bahamas. Merkt man eigentlich nicht, Andererseits: abgesehen von der Temperatur erzeugt das Wetter heute Ostsee-Feeling, einschließlich „ich glaube, dahinten wird’s schon etwas heller“ und dem gemeinsamen ungläubigen Lachen, das jetzt wirklich auch hier gesagt zu haben.

Dieser Blogpost wurde ursprünglich per Iridium-Satellit übermittelt, somit nur Text ohne Bilder. Das Bild wurde nach der Passage nachträglich eingefügt.

Tag 4 Passage Bahamas USA

Um 10.00 Uhr gehen wir ankerauf, der bedeckte Himmel und die trotz des Windes leicht klebrige Luft machen uns den schnellen Abschied von den Abacos leichter als ursprünglich gedacht. Kaum sind wir durch den Pass hindurch auf freier See reißt der Himmel auf und wir rauschen mit Schmetterlingsbesegelung vor achterlichem bis raumen Wind nach Norden. Das ist nicht der direkte Weg zur Chesapeake Bay, der würde etwas nordöstlicher führen. Aber so sollten wir etwas weniger Schwachwind auf der Strecke haben und zudem in etwa zwei Tagen den Golfstrom zu fassen bekommen, der uns dann etwas zusätzlichen Schub in die richtige Richtung bringt und den leichten Umweg mehr als ausgleicht.

Am späten Nachmittag lässt der Wind vorhersagegemäß ein kleines bisschen nach und kommt vorlicher. Wir rollen die bisher an Steuerbord ausgebaumte Fock weg (klappt problemlos, vielleicht dank der neuen Leine) und rollen dafür an Backbord den Code0 aus. So können wir weiterhin Kurs und gute Geschwindigkeit halten.


Leider gerät die Amalia nach schönem Buddyboating inzwischen aus unserem Blickfeld. Trotz ausgebaumter Genua waren sie etwas langsamer und sind auch einen westlicheren Kurs gefahren. Wir bleiben über Funk in Verbindung, wenn wir im Schwachwind motoren müssen werden sie etwas mehr Gas geben und wieder aufschließen.
Gegen Abend zieht etwas Bewölkung auf, die Sonne geht unspektakulär über der inzwischen recht ruhigen See unter und wir bereiten uns vor auf die erste von vermutlich fünf Nachtfahrten am Stück.

Tag 3 Passage Bahamas USA

Wir sind heute Nachmittag nach 29 Stunden schönen Segelns und einer Stunde motoren durch die Riffpassage und über das leuchtend türkise 3 m – Flach hier an unserem Ankerplatz bei Marsh Harbour in den Abacos angekommen. Der Ankerplatz ist als solcher nicht in der Seekarte ausgewiesen, bei den eigentlich vorherschenden Ostwinden ist er ungeschützt, aber wegen der Nordost-Südwest-Ausrichtung der vorgelagerten Cays ist er einer der wenigen hier, die bei dem jetzt herrschenden Südwind guten Schutz bieten. Pittoresk geht anders, nicht nur weil mit Blick an Land und auch auf den Schrott unter Wasser überdeutlich ist, mit welcher Wucht und welchen Schäden der Hurrikan Dorian 2019 die nördlichen Bahamas verwüstet hat.


Es ist herzzerreißend.

Auf die Schönheit des Ankerplatzes kommt es uns allerdings auch deshalb nicht so an, weil es morgen schon weitergehen soll mit dem dann langen Schlag (690 sm kalkuliert) nach Norfolk am Eingang der Chesapeake Bay.
Da die Rollfock heute wieder ihrem Namen keine Ehre machte und sich nicht einrollen lassen wollte, haben wir die Rollreffleine gegen eine neue getauscht, die hoffentlich nicht wie die alte trotz vorsichtigstem Handling Kinken auf der Trommel der Furlex bildet. Der Test ist schon mal positiv verlaufen.
Das Wetterfenster für die Passage sieht ganz o.k. aus, einen Teil der Strecke werden wir wohl motoren müssen, aber dafür wird am berüchtigten Kap Hatteras kein widrig gegen den Golfstrom stehender Wind prognostiziert. Das wollen wir nutzen.

Dieser Blogpost wurde ursprünglich per Iridium-Satellit übermittelt, somit nur Text ohne Bilder. Die Bilder sind nach der Passage nachträglich eingefügt.