Immer anders

Die Ruhe vor dem Sturm? Flora gestern in Deltaville am nach Süden offenen Ankerplatz.

Hurrikan Zeta hat sich mit seiner Entwicklung im Golf von México viel Zeit gelassen, dann aber Geschwindigkeit aufgenommen, seinen Landfall in Luisiana gemacht. Bei seiner Passage über die Südstaaten der USA hinweg hat er sich zwar abgeschwächt, aber durch besondere meteorologische Bedingungen bei den Höhenwinden wurde die Abschwächung geringer erwartet als sonst üblich. Deshalb war für die Chesapeake Bay heute ziemlich derbe viel Wind aus Süd angesagt, in den Böen bis zu Windstärke 10 (schwerer Sturm).

Wir haben uns deshalb nach Hampton verkrümelt, von wo die Salty Dawg Fall Rally ohnehin Anfang nächster Woche starten soll.

Warum fahren wir mit den Salty Dawg? Hauptsächlich, weil gerade in den Covid-Zeiten die Einreisebedingungen unübersichtlich und manchmal kurzlebig sind und wir uns von dem Verein Salty Dawg Unterstützung insbesondere hinsichtlich der formellen Abläufe erhoffen. Der Verein, der sich wie Trans-Ocean der Förderung des Hochseesegelns verschrieben hat, ist mit den Offiziellen in den Bahamas und auf Antigua (den beiden Zielen der Rally) im Dauerkontakt. Sollte sich also etwas ändern, während wir gerade unterwegs sind, wäre ihre Einflussmöglichkeit sicher größer als unsere als einzelne Segler. Außerdem haben sie so ein klasse Logo 😁.

Aber im Ernst, heute morgen machen wir zunächst unseren Covid-19-PCR-Test hier im improvisierten Pavillon der Salty Dawg, den Versand des von uns Online bestellten Tests erfolgt dann gebündelt durch Salty Dawg. Bei dem Test werden wir durch ärztliches Personal unterstützt, Vereinsmitglieder, die das freiwillig und unentgeltlich machen. Für die Boote, die zu den Bahamas wollen ist das eigentlich nicht nötig, wohl aber für die Crews mit Ziel Antigua. Denn die haben kurzfristig verkündet, dass „self administered PCR-tests“ nicht mehr anerkannt werden, darauf hat Salty Dawg mit der Unterstützung reagiert.

Wenn wir die (hoffentlich negativen!) Testergebnisse haben, müssen wir die auf einer Bahamas-Webseite hochladen und sogenannte „Health-Visa“ beantragen. Nur wenn die gewährt werden, können wir einreisen. Ein zusätzliches Problem ergibt sich allerdings dadurch, dass nach den Bestimmungen der COVID-Test nicht älter als 7 Tage sein darf, BEI EINREISE! Es kann also sein, dass wir wegen der mit 5-6 Tagen kalkulierten Törndauer direkt vor Abfahrt noch einen zweiten Test machen müssen, um diese Bestimmung erfüllen zu können. Das Ergebnis dieses zweiten Tests würden wir dann erst in den Bahamas online abrufen können. Hm.

Außerdem müssen wir in den Bahamas bei Einreise als erstes einen weiteren COVID-Test machen, diesmal nur einen Schnelltest. Und dann nach 96 Stunden noch einen weiteren (also den dritten oder vierten!?!). Lässt sich nicht ändern.

O.k., nach unserem (ersten) Test geben wir bei den Salty Dawg noch gleich unsere Papiere und das Formular 1300 der US-CBP ab, denn das Ausklarieren in Norfolk übernimmt ein weiteres Vereinsmitglied als „Agent“ kostenlos für uns, damit nicht alle ausländischen Teilnehmer die Quarantäne brechen und mit Taxis nach Norfolk fahren müssen. Klasse Service.

Einkaufen gehen wir aber selber, obwohl der Supermarkt ein ziemliches Stück entfernt ist, zu Fuß. Auf dem Rückweg sind wir schwer bepackt mit unseren Rucksäcken, Taschen und einer 24er Packung Dosen auf der Schulter. Ein Auto hält neben uns, Masken werden aufgesetzt, die Seitenscheibe heruntergefahren. „Salty Dawg?“ werden wir gefragt. Als wir bejahen, sollen wir unser schweres Gepäck auf den Rücksitz legen, wir können es uns dann im Pavillon abholen. Fein! Übrigens hatten wir ein ganz ähnliches Erlebnis schon vor ein paar Tagen in Deltaville. Wir waren mit den kostenlosen Leihfahrrädern der Marina unterwegs, die man auch als Ankerlieger benutzen darf, wenn man die 5 $ Dinghydockgebühr bezahlt. Das gilt übrigens auch für das Courtesy Car, wenn es denn gerade frei ist. Auf dem Rückweg vom Einkaufen, ebenfalls schwer bepackt, hielt auf einmal Andrea von der Akka ihr Auto neben uns an und nahm uns unser Gepäck ab (die Hallberg-Rassy 42 „Akka“ der Weltumsegler Andrea und Andreas liegt im Moment in Deltaville an Land). Ganz lieben Dank auch für diese nette Aktion.

Beide Male wurde unser Rückweg so um einiges unbeschwerter 😁.

Hier in Hampton machen wir gleich nach dem Verstauen der Einkäufe erst mal das Schiff sturmfest, nehmen unter Deck was unnötigen Windwiderstand bietet und verzurren alles andere besonders sicher. Zum Glück wird es dann aber nicht so schlimm wie nach den Vorhersagen erwartet. Rund 40 kn Wind messen wir in der Spitze, das ist auf der Grenze zwischen Windstärke 8 und 9 Beaufort. Nix dramatisches, zumal sich hier auch keine allzu große Welle aufbaut.

Zum Sonnenuntergang kurz nach 18.00 Uhr ist der Spuk schon vorbei, die Sonne kommt auch wirklich durch und hinter der Sturmfront strömt die warme Luft aus dem Süden heran, wir können den Sundowner auf dem Achterdeck bei 27 Grad genießen.

Warum ist trotzdem die Kuchenbude aufgebaut? Heute Nacht soll es schon wieder regnen und ab morgen gibt’s dann nachts sogar nur einstellige Temperaturen.

Das kurze warme Intermezzo macht noch mehr Lust auf die Bahamas 😁, selbst wenn man durch den ausgeprägten Formalkram durch muss.

Wetterverschlechterung

Das schöne Spätsommerwetter ist erstmal vorbei. Auf unserer Fahrt vom Cuckold Creek zum Mill Creek etwas südlich der Mündung des Potomac hatten wir noch Sonne, allerdings keinen Wind. Am nächsten Tag können wir zwar die ganze Strecke bis nach Deltaville wunderbar segeln, das aber bei deutlich kälterem und regnerischen Wetter. Kein Problem, für irgendetwas muss das mitgeschleppte Ölzeug ja schließlich auch gut sein.

Blöder ist allerdings Zeta, der mittlerweile zum Hurrikan angewachsene 27. tropische Sturm des Jahres. Die 21 in alphabetischer Reihenfolge vergebenen Vornamen sind schon lange durch (Q, U, X, Y und Z werden nicht benutzt), seitdem werden die Stürme dieses Jahres mit den Buchstaben des griechischen Alphabets benannt. Nach Alpha, Beta, Gamma, Delta und Epsilon nun also der sechste Buchstabe: Zeta. Damit ist der Rekord aus dem Jahr 2005 eingestellt, weiter musste man (bisher) nicht. Hurrikan Zeta tobt jetzt zwar weit weg im Golf von Mexiko, aber nach dem voraussichtlichen Landfall bei New Orleans werden seine immer noch starken Überbleibsel uns wohl noch diese Woche hier in der Chesapeake Bay besuchen. Auf Windy sieht das in der Vorhersage so aus:

Es könnte also Windstärke 9 auf uns zukommen, da sollten wir gut geschützt liegen.

Und auch der eigentlich am 2. November geplante Absprung zu den Bahamas wird sich wie es aussieht wohl verschieben.

Aber Warten auf das richtige Wetterfenster gehört zum Langfahrtsegeln nun mal dazu und wir haben ja den Luxus, Zeit zu haben, auch noch etwas Luft bis unser US-Visum abläuft.

Und so ganz ungelegen kommt es uns gar nicht, die Abfahrt noch etwas hinauszuschieben, denn ganz vorbei ist die Hurrikansaison eben noch nicht und unsere Versicherung möchte uns ja auch erst ab Mitte November in den Bahamas sehen. 😊

Acceleration Zone

Acceleration Zone, WAZ’n das? Wind Acceleration Zone Canary Islands ist der wunderschöne technische Begriff für das, was wir auf Seglerdeutsch “Düse” nennen würden. Verschärfte Düse vielleicht.

Für Nichtsegler: zwischen den hohen kanarischen Inseln muss sich der vorherrschende Nordostwind quasi durchzwängen. Dabei wird er beschleunigt, und aus entspannten 20 kn (Windstärke 5) Wind werden 30 kn (Windstärke 7). Hinter den Inseln (also südwestlich), ganz besonders hinter Teneriffa mit seinem hohen Teide gibt’s dann dafür Windschatten bzw. Flaute.

Auf Windy sieht das für heute so aus:

So weit, so gut. Wenn man wie wir von Santa Cruz im Norden nach San Miguel im Süden Teneriffas segeln möchte, hat man eben starken Rückenwind, kein Problem, oder?

Na ja, für die Windböen gilt das Ganze natürlich auch. Wieder Windy:

Das ist jetzt schon weniger nett. 43 kn sind Windstärke 9, also Sturm. Hm.

Dazu kommen natürlich noch die Wellen und da gibt’s eine weitere Gemeinheit:

Den Windwellen von 2,7 m Höhe aus Nordost steht nämlich fieserweise ein Schwell (nicht zum Wind passende Welle) aus Süd entgegen. Auch wenn der nur 70 cm hoch ist, führt das doch zu steilen Wellen und einem chaotischen Wellenbild, das eher unangenehm zu befahren ist.

Heute haben wir das heute seeehr anschaulich erleben dürfen. Wir sind so früh wie möglich losgefahren, um das Ärgste zu vermeiden, tatsächlich hatten wir erst perfekten Wind, der dann aber immer stärker wurde und erst am letzten Kap (Cabo de Punta Roja) oft die dreißig und selten 40 kn (Windstärke 8) erreichte. Und die See, na ja.

Dazu muss man allerdings sagen, dass sich Wellen vom Boot aus wirklich schlecht fotografieren und filmen lassen 😚.

Trotzdem ein kleines Video, bei knapp 30 kn aufgenommen:

Sooo schlimm war es also nicht, sonst hätte ich ja nicht gefilmt. Aber die Halse (Seitenwechsel des Segels) am Kap hat doch einiges an Adrenalin freigesetzt. Und warum waren wir überhaupt unterwegs? Unsere Reservierung im knackvollen Hafen Santa Cruz war abgelaufen, mit einem neuen Hafenplatz hier unten hatte es geklappt. Allerdings nur durch Vermittlung des hiesigen Segelmachers, der unseren Code0 noch mit einem Klettstreifen nachrüsten sollte, das Segel aus Santa Cruz bei einem anderen Termin mitgenommen hat und uns mitgeteilt hat, es würde jetzt hier in bei ihm in San Miguel fertig bereitliegen.

Außerdem soll es die nächste Zeit windmäßig nicht besser werden und es ist ein weiterer (begrenzter) Test für den Atlantik. Bestanden, 😁.

Ach ja, und die Vorhersage des gegenläufigen Schwells hatten wir schlicht übersehen 😳. Hätte aber eh nichts geändert.