Deltaville

Rund 30 sm ums Eck vom East River in der Mobjack Bay, mal herrliches (wenn auch langsames) Schwachwindsegeln unter unserem blauen Gennaker, mal dann doch unter Motor.

Dann noch um zwei Flachs herum in den Piankatank River hinein, hinter der langgezogenen Halbinsel „Stove Point Neck“ nach Deltaville abbiegen, => Ententeichfeeling.

Ja, die Chesapeake Bay ist eine Bucht des eher rauhen Nordatlantik und ja, sie ist etwa 12.000 Quadratkilometer groß, RIESIG!

Aber durch ihre Verzweigungen bietet sie viele geschĂŒtzte AnkerplĂ€tze. Unter anderem die Fishing Bay, hier bei Deltaville. Und die zeigt sich uns so, wie man sich einen Ankerplatz wĂŒnscht: recht gleichmĂ€ĂŸige Tiefe, kein bisschen Ozeanschwell, gegen die vorherrschenden Windrichtungen gut geschĂŒtzt. Einziger Wermutstropfen: klares Wasser geht anders (aber immerhin können wir hier etwa einen halben Meter weit ins Wasser spĂ€hen, doppelt so tief wie auf unserem letzten Ankerplatz).

Aber in dem brackigen Wasser fĂŒhlen sich neben anderen Muscheln auch Austern richtig wohl, zudem ist es ein Paradies fĂŒr Krebse. Kein Wunder also, dass das „Ernten“ der MeeresfrĂŒchte hier eine lange Tradition hat, ebenso wie der Bau der dazu notwendigen Arbeitsboote. Lange Zeit war das Zentrum des (Holz-)Bootsbaus dieser zumeist kleinen Working-Boats genau hier bei Deltaville und die maritime PrĂ€gung sorgt noch heute fĂŒr eine kaum zu ĂŒbertreffende die Dichte an LiegeplĂ€tzen und HĂ€fen auf der von Creeks durchzogenen Halbinsel zwischen Piankatank River und dem viel grĂ¶ĂŸeren, sich fast 300 km von den Blue Ridge Mountains hierher schlĂ€ngelnden Rappahannok River.

In der Marina vor der wir Ankern gibt es ein Dinghydock. FĂŒr 5 US$ können wir unsere Florecita dort anbinden. Hört sich erstmal gar nicht so gĂŒnstig an. Ist es aber, denn diverse Zusatzleistungen sind enthalten. So können wir dort unseren MĂŒll entsorgen und – damit hatten wir nicht gerechnet – sogar kostenlos FahrrĂ€der ausleihen. Die Chance ergreifen wir und statt zu Fuß zum Supermarkt in den langgestreckten Ort zu gehen machen wir eine herrliche Fahrradtour. Sprichwörtlich durch Wald und Feld.

Wobei der Wald sich als lockere Mischung von Laub- und NadelbĂ€umen erweist, obwohl wir aus der Entfernung meinten, ganz ĂŒberwiegend LaubbĂ€ume zu sehen und doch NadelbĂ€ume zu riechen. Kein Wunder, wenn sich die Kiefern so tarnen:

Es riecht nach Sommer und wir erkunden auf unserer Fahrradtour einen grĂ¶ĂŸeren Teil der Landspitze mit ihren verschiedenen HĂ€fen. In der Stingray Point Marina stoßen wir auf einen kompletten 1:1 Nachbau des alten Leuchtturms von 1853, der damals das ausgedehnte Flach vor dieser Halbinsel zwischen den FlĂŒssen markierte und der sich so deutlich von den klassischen europĂ€ischen LeuchttĂŒrmen unterscheidet, Ähnliche LeuchtĂŒrme fanden – und finden – sich in der Chesapeake Bay aber noch mehrere.

Im Regatta Point Yachting Center lockt uns die mit SchaukelstĂŒhlen und sich gemĂ€chlich drehenden Ventilatoren bestĂŒckte Club-Terrasse mit Blick ĂŒber den Hafen.

Was in allen Marinas auffĂ€llt sind die ĂŒberdachten, manchmal Hallen, manchmal HĂŒtten Ă€hnelnden Garagen fĂŒr Motorboote. FĂŒr uns ungewohnt, hier aber absolut ĂŒblich und auch an den Privatstegen mancher HĂ€user am Creek zu finden.

Am Ende landen wir aber doch noch beim Supermarkt, Milch und KĂŒchenrollen sind an Bord ausgegangen. Regionaltypisches zeigt sich auch hier: in dem wirklich kleinen Haushatswarensortiment findet sich eingekeilt von Salatmesser und Grillzange tatsĂ€chlich der Muschelöffner zwischen Austernmesser und Hummergabeln.

Letztere haben wir dank Catalina sogar in der edlen SilberausfĂŒhrung an Bord und sie kommen heute auch noch zum Einsatz, leckere Snow-Crab-Legs werden unser Abend(fest)essen auf Flora:

Genau ein Jahr …

… leben wir jetzt auf dem Boot. Unfassbar viele Erfahrungen und Begegnungen, bei weitem ĂŒbertroffene Erwartungen, Überraschungen, Aha-Erlebnisse und Genussmomente.

8.846 sm haben wir zurĂŒckgelegt, von Griechenland đŸ‡ŹđŸ‡· ĂŒber Italien 🇼đŸ‡č, Spanien đŸ‡Ș🇾, Gibraltar 🇬🇼, Portugal (Madeira) đŸ‡”đŸ‡č, die zu Spanien gehörenden Kanarischen Inseln 🇼🇹, Kapverden đŸ‡šđŸ‡», von dort aus die AtlantikĂŒberquerung nach St. Vincent und die Grenadinen đŸ‡»đŸ‡š, Grenada đŸ‡ŹđŸ‡©, Saint Lucia đŸ‡±đŸ‡š, Martinique đŸ‡ČđŸ‡¶, Dominica đŸ‡©đŸ‡Č, Guadeloupe đŸ‡ŹđŸ‡”, Antigua und Barbuda 🇩🇬, US Virgin Islands đŸ‡»đŸ‡ź, Bahamas 🇧🇾 und dann in die USA đŸ‡ș🇾.

Was waren unsere absoluten Highlights? Das ist gaaanz schwer zu beantworten. Spontan:

Ankommen in der Karibik,

default

fast jeden Tag Schnorcheln und Schwimmen,

Regenwaldwanderungen,

Ankern vor unbewohnten Inseln,

sternenklare NĂ€chte,

Kennenlernen von und Gemeinschaft mit Menschen so vieler Nationen,

Tierbegegnungen,

Zweisamkeit,

Segeln, Segeln, Segeln

American Eagle?

Wir ankern ein kleines StĂŒck vor dem Ende des fĂŒr uns schiffbaren Teils des East River. GegenĂŒber zweigt der Put In Creek (manchmal auch PuddinÂŽs Creek geschrieben) ab und schlĂ€ngelt sich etwa 1,5 sm weit ins Land bis zum Örtchen Mathews. Obwohl Mathews selbst nur gut 550 Einwohner zĂ€hlt, ist es doch Hauptort und Verwaltungssitz des Landkreises Mathews County. Mit 650 Quadratkilometern entspricht das County von der GrĂ¶ĂŸe in etwa dem Landkreis MĂŒnchen, hat allerdings insgesamt nur knapp 9.000 Einwohner.

Der Put In Creek wird nach dem ersten Drittel ziemlich flach, das letzte Drittel ist auch mit dem Dinghy nur um Hochwasser herum zu befahren. Aber die Tour lohnt sich. Der immer schmaler werdende Creek mit seinen vielen kleinen Seitenarmen und Buchten vermittelt den Eindruck, durch eine gepflegte Parklandschaft zu fahren, nur dass eben auf den fast immer ziemlich großen UfergrundstĂŒcken PrivathĂ€user stehen, durch deren Hinterhof (und an deren Bootsstegen vorbei) wir mit unserem Beiboot tuckern.

Aber wir sind etwas zu frĂŒh, die Tide ist noch zu weit vom Hochwasser entfernt. Noch vor dem engen bachĂ€hnlichen SchlussstĂŒck wirbelt unser Außenbordmotor Modder auf, höchste Zeit ihn hochzuklappen und den Rest zu rudern. Aber auch das hilft nur bedingt, wir bleiben tatsĂ€chlich mit dem Dinghy stecken, rutschen ein bisschen ĂŒber den Schlamm und kommen letztlich doch zum Ziel. An einem kleinen Anleger fĂŒr Kanus machen wir Florecita fest und schlendern in den Ort.

Mathews scheint ein wenig aus der Zeit gefallen. Oder vielleicht ist es eher so, dass der Ort in der Zeit zurĂŒckbleiben möchte, die SprĂŒche an den WĂ€nden ĂŒber einigen GeschĂ€ften legen es jedenfalls nahe. Das wirkt mal charmant, mal leicht hinterwĂ€ldlerisch, je nach Gusto.

Heute am Samstag ist „Famers Market“ und wir schlendern hindurch, aber statt Obst und GemĂŒse wird wie in einigen AntiquitĂ€tengeschĂ€ften des Ortes ĂŒberwiegend Kram verkauft, das Ganze erinnert mehr an einen Flohmarkt. Einige hausgemachte Marmeladen gibt es dann doch auch. Brauchen wir derzeit allerdings nicht, und das was wir benötigen kriegen wir im gut sortierten Supermarkt Food Lion.

Als wir zum Dinghy zurĂŒckkommen ist Hochwasser. Perfektes Timing jedenfalls fĂŒr die RĂŒckfahrt, diesmal mĂŒssen wir nur durch den Bachlauf rudern, danach kann der Motor an.

Langsam pöttern wir durch die Parklandschaft zurĂŒck, wie auf der Hinfahrt sehen wir mehrfach Fischadler. Die majestĂ€tischen Vögel sind mit einer FlĂŒgelspannweite von etwa 1,7 m zwar etwas kleiner als die Weißkopfseeadler (bis 2,3 m und amerikanische Wappentiere), aber dafĂŒr brĂŒten die Fischadler gerne auf den Seezeichen hier und prĂ€sentieren sich uns damit ganz aus der NĂ€he.

Mit dem Fotografieren der Adler hab ich mir besondere MĂŒhe gegeben, weil mich Annemarie von der Escape in einer Mail darauf „angesetzt“ hat, was ja irgendwie Ansporn und Verpflichtung zugleich ist ;-).

Chesapeake Bay

Vielleicht erst mal zur groben Orientierung:

Na gut, erkennen kann man da von der Chesapeake Bay nicht sehr viel. Die Bucht selbst ist etwa 180 sm (330 km) lang in Nord-SĂŒd-Richtung und ist bis zu 30 sm (55km) breit. Eigentlich ist sie ein riesiges MĂŒndungsgebiet, aber eben nicht nur eines Flusses sondern das von grob geschĂ€tzt etwa 150 FlĂŒssen und BĂ€chen, Wasser aus 6 US-Bundesstaaten findet den Weg hierher. Es gibt im Normalfall gut einen halben Meter Tidenhub und so mischen sich hier SĂŒĂŸwasser und salziges Meerwasser in unterschiedlichen Konzentrationen.

Auf dem Kartenausschnitt kann man es schon erahnen, die KĂŒstenlinie der Chesapeake Bay ist stark zerklĂŒftet. Wie stark? SEHR! Eigentlich scheint sie eher einer marinen Nachbildung von Lungenkapillaren zu Ă€hneln. Das wurde uns heute verdeutlicht, als wir von Hampton aus etwa 20 sm nach Norden in die Mobjack Bay und dort in den East River gefahren sind.

Hier wird dann klar, warum die Chesapeake unfassbare rund 11.000 Meilen Uferlinie aufweisen soll. Und die ist – zumindest hier – wunderschön. Die flache Landschaft ist zumeist bis zum Ufer hin dicht bewaldet. Die HĂ€user an den Flussufern und Creeks (wie die kleineren zumeist schmalen Buchten und die sie speisenden BĂ€che genannt werden) verstecken sich gerne etwas hinter den BĂ€umen. Allerdings weisen unzĂ€hlige in das flache Uferwasser hinausgebaute Bootsstege dann doch auf sie hin. Wir fahren den East River etwa 2 sm hinauf und finden einen schönen und gut geschĂŒtzten Ankerplatz mit etwa 3,5 m Wassertiefe und ohne Minibojen von Krebsfallen in unserem Schwoibereich, die ansonsten außerhalb des Hauptfahrwassers ausgesprochen großzĂŒgig verteilt sind und einige Aufmerksamkeit erfordern.

Ein kurzes Panoramavideo gibt es HIER.

Sonnenuntergangsblick gab es gratis dazu:

Landurlaub

Seit fast genau zwölf Monaten haben wir jede Nacht auf dem Boot verbracht. Mal mehr, mal weniger schaukelnd. Und jetzt – machen wir das erste Mal eine „Pause“ vom Bootsleben. Nicht, weil wir eine Abwechslung oder Unterbrechung brauchen, sondern weil wir uns sehr auf unsere Freunde in Washington D.C. freuen. Wir haben aber angesichts der unsicheren Flugsituation nach Europa (und vor allem zurĂŒck) beschlossen, entgegen unserer ursprĂŒnglichen Planung nicht schon zum 01.07. aus dem Wasser zu gehen sondern doch die Segelsaison fĂŒr uns noch weiter zu verlĂ€ngern, vielleicht sogar doch noch weiter die US-OstkĂŒste hoch zu segeln. Als Konsequenz ziehen wir schon mal ein erstes Treffen mit unseren Freunden Greg und Michael vor, legen Flora in Hampton in eine Marina, mieten ein Auto und fahren nach Washington D.C.

Es ist gut getimt, auf der Fahrt durch die ĂŒberraschend grĂŒne Landschaft haben wir ziemlich regnerisches Wetter, sogar einige echte WolkenbrĂŒche, in Washington dagegen erstmal wieder richtig schönes Wetter.

Bei Greg und Michael erwartet uns ein kleines Weihnachten zu Sommerbeginn: jede Menge PĂ€ckchen dĂŒrfen ausgepackt werden. Wir durften die Adresse der beiden als Bestelladresse nutzen und haben von dieser Gelegenheit reichlich Gebrauch gemacht. Ersatzteile fĂŒr Flora finden sich ebenso wie einige Elektronik- und Fotoartikel, die hier in den USA einfach viel billiger sind. Darunter auch die dringend benötigten neuen Akkus fĂŒr unsere MavicAir-Drohne, die alten waren eigentlich um einiges ĂŒber den Status „vertretbar nutzbar“ hinaus (aber bei Hogsty Reef musste ich sie einfach noch einmal einsetzen).

Wir werden in vielerlei Hinsicht verwöhnt: zunĂ€chst einmal (und immer wieder) kulinarisch, aber auch mit tollen AusflĂŒgen. In die Umgebung, zu den Great Falls, wo der in Washington so ruhig, breit und trĂ€ge dahin fließende Potomac River ein ganz anderes, wildes und urspĂŒngliches Gesicht zeigt.

Der C&O-Canal Towpath (Chesapeake-Ohio Treidelpfad) fĂŒhrt an den Stromschnellen des Potomac vorbei, auf dem rund 300 km langen Kanal mit seinen 74 Schleusen wurde zwischen 1834 und 1926 vor allem Kohle aus West Virginia nach Washington gebracht und der begleitende Leinpfad ist heute zum Rad- und Wanderweg ausgebaut. Die Schleusen sind derzeit außer Betrieb, aber eine Teilstrecke wird derzeit renoviert, einige neue Schleusentore sind schon zu sehen. Wir machen einen wunderschönen Spaziergang.

Wie schon auf der Herfahrt sind wir ĂŒberwĂ€ltigt von dem vielen frischen GrĂŒn. Das ist besonders beeindruckend, wenn man sich die Zahlen der weiter schnell wachsenden Metropolregion Washington mit ĂŒber sechs Millionen Einwohnern vor Augen fĂŒhrt. Aber ĂŒber waldgesĂ€umte Straßen fahren wir bis hinein nach Georgetown in Washington D.C.

Der Plan, hinunter ans Wasser zu fahren und sich dort das neue Viertel an der South-West-Waterfront anzusehen erweist sich als nicht ganz einfach umzusetzen. Überall weitrĂ€umig um das weiße Haus herum sind die Straßen mit MilitĂ€rfahrzeugen abgeriegelt.

Die starken Proteste nach dem Tod von George Floyd zeigen sich aber nicht nur darin, sondern auch in vielen mit Holzverschalungen versehenen Schaufenstern in großen Teilen der Innenstadt und dem omniprĂ€senten Motto „BLACK LIFES MATTER“.

Am Kapitol vorbei gelangen wir am Ende aber dann doch hinunter zum Flussufer. Das moderne Viertel in der frĂŒheren No-Go-Area hat eine schöne Promenade vor den neuen GebĂ€uden am Anacostia River (der kurz darauf in den Potomac mĂŒndet) und mehrere weit in den Fluss hinausgebaute FlanierbrĂŒcken. Bis hinĂŒber zum alten, denkmalgeschĂŒtzten Fischmarkt ziehen sich die modernen Fassaden.

Auf dem Fischmarkt waren wir vor ein paar Jahren schon einmal, im Winter, gleichwohl war es rappelvoll. Heute sieht er ganz anders aus, Absperrungen dominieren das Bild, die Verkaufstresen scheinen fast leer. Doch das Bild trĂŒgt: ein ganzes StĂŒck die Straße rauf zieht sich eine lange Schlange von Wartenden, die eben nur einzeln oder stoßweise hinunter auf den Fischmarkt gelassen werden. Corona zeigt sich doch nicht nur in den Masken und geschlossenen GeschĂ€ften.

Und so ist nicht ganz klar, worauf sich der hoffnungsvoll zukunftsgewandte Spruch der Leuchtreklame vorrangig bezieht, es bieten sich verschiedene Interpretationen an.

Hampton

Wir sind in Hampton. Bereits 1610 gegrĂŒndet, eine der Ă€ltesten StĂ€dte des Landes und mit knapp 140.000 Einwohnern auch nicht klein. Aber, wie viele amerikanische StĂ€dte, eher weitlĂ€ufig und eigentlich auf Autoverkehr zugeschnitten. Trotzdem können wir vom Dinghysteg aus zu Fuß eine kleine durchaus etwas belebte Straße zum Supermarkt hinauflaufen. Einige GeschĂ€fte und auch Restaurants sind wieder geöffnet, Virginias Covid-Einstufung in “Phase 2” bedeutet, dass Restaurants jetzt mit 50 % ihrer KapazitĂ€t auch die InnensitzplĂ€tze wieder nutzen dĂŒrfen und praktisch alle LĂ€den bei Einhaltung des “physical distancing” betrieben werden können.

Wir nutzen das noch nicht so recht, freuen uns aber trotzdem darĂŒber.

Der Supermarkt verdient diese Bezeichnung, das Angebot ist groß und auch die Frischeabteilungen vielfĂ€ltig bestĂŒckt. Außerdem kommen uns die (mit Deutschland verglichen hohen) amerikanischen Lebensmittelpreise traumhaft gĂŒnstig vor, weil wir noch die karibischen Preise im Kopf haben.

Amerikanisch (und fĂŒr uns irritierend) ist dann aber doch auch der ein oder andere Laden auf dem RĂŒckweg:

Auch das Wetter schlĂ€gt ein bisschen Kapriolen: vorgestern und gestern ist eine Front durchgezogen und hat uns kalte, nasse und stĂŒrmische Tage beschert. Vorgestern ging dabei ein kleines Segelboot auf Drift, schrappte knapp an Flora entlang und konnte nur mit einer gemeinsamen Aktion von Florecita und dem Dinghy der Amalia eingefangen werden. Der fast apathisch wirkende Ă€ltere Mann an Bord musste von uns dazu ĂŒberredet werden, mehr Kette bzw. Leine zu stecken, kam dem aber nur zögerlich nach. Das Angebot, ihn an den Ponton zu schleppen und dort erstmal sicher festzumachen lehnte er auch ab. Leider fand sich das Boot am nĂ€chsten Morgen dann am Ufer.

Und noch ein zweites, grĂ¶ĂŸeres Boot ging dann hinter uns auf Drift ohne es zu merken. Es hat dann aber nach unserer Warnung (Steve ist mit dem Dinghy rĂŒbergefahren) umgeankert und scheint jetzt sicher zu liegen.

Wir haben dann doch lieber mal unsere elektronische Ankerwache reaktiviert 😉.

Historischer Boden

Flora hat ihren ersten Ankerplatz hier in den USA noch immer nicht verlassen, wir liegen weiter im Mill Creek bei Hampton in der SĂŒdwestecke der Chesapeake Bay. Direkt neben unserem Ankerplatz (auf der anderen Seite der lĂ€rmenden BrĂŒcke 😉) liegt die MĂŒndung des James River. Und hier, genauer gesagt auf einer Halbinsel ein StĂŒck flussaufwĂ€rts, liegt die Keimzelle der englischen Kolonialisierung Nordamerikas und – weil dies die erste britische Kolonie ĂŒberhaupt war – des sich in der Folge entwickelnden britischen Weltreiches. Ab 1607 wurde hier James Fort (spĂ€ter Jamestown) gegrĂŒndet, die erste dauerhafte englische Siedlung in Nordamerika nach einigen FehlschlĂ€gen im letzten Viertel des vorangegangenen Jahrhunderts. Die Besiedlung und GrĂŒndung erfolgte nicht direkt durch die Krone, sondern durch eine eigens gegrĂŒndete Aktiengesellschaft, die Virginia Company. Und – es gab sie wirklich – hier in Jamestown heiratete 1614 der Tabakfarmer John Rolfe seine Pocahontas, die Tochter des Powhatan-HĂ€uptlings. Das verschaffte der Siedlung fĂŒr einige Zeit Frieden (tatsĂ€chlich aber nur fĂŒr weniger als 8 Jahre).


Blick Richtung James River

Auf der anderen Seite unseres Ankerplatzes liegt auf der durch den Mill Creek abgetrennten Halbinsel “Old Point Comfort” das Nationaldenkmal “Fort Monroe”. Schon 1609 wurde hier ein Fort errichtet, um die Kolonie zu schĂŒtzen. Etwa 200 Jahre spĂ€ter wurde es nach dem britisch-amerikanischen Krieg von 1812 (also rund 30 Jahre nach der UnabhĂ€ngigkeit der USA) in seiner jetzigen Form eines von einem Graben und WĂ€llen umgebenen FĂŒnfecks mit Bastionen ausgebaut. Als erstes und grĂ¶ĂŸtes Fort sollte es eine neue Art des Schutzes der KĂŒste einleiten.

Schön ist, dass man in das Fort einfach hineinspazieren und oben auf den BefestigungswÀllen einen Rundgang machen kann. Mit dem Dinghy fahren wir in den flachen Teil des Mill Creek hinein, machen an einem verfallenen Steg in der NÀhe der Festung fest und nutzen diese Gelegenheit.

Blick vom Fort Monroe auf den Mill Creek

Klar, es gibt militĂ€risches zu sehen wie etwa die alten GeschĂŒtzlafetten, aber im Wesentlichen lĂ€sst sich der Blick ĂŒber den Strand der Chesapeake Bay bis hinĂŒber nach Norfolk und die kleinen HĂ€user um den Leuchtturm Old Point Comfort genießen.

Und auch im Inneren des FĂŒnfecks wirkt ein grĂ¶ĂŸerer Teil der Bebauung eher unmilitĂ€risch, manchmal parkĂ€hnlich wie hier bei dem halb hinter einem riesigen Magnolienbaum mit fußballgroßen BlĂŒten verborgenen SĂŒdstaatenhaus:

Und ja, Virginia gehörte ja auch zu den “SĂŒdstaaten” im amerikanischen BĂŒrgerkrieg. Das Fort Monroe dagegen, obwohl in diesem Bundesstaat gelegen, wurde durchgĂ€ngig von den Unionstruppen der USA gehalten und nicht von den Truppen der Konföderierten erobert. Es wurde auch “Fort Freedom” genannt, zumal sich der dort kommandierende Brigadegeneral Butler mit einem geschickten Schachzug ĂŒber das auch im BĂŒrgerkrieg geltende Gesetz hinwegsetzte, nachdem geflohene Sklaven auch in den Staaten, in denen die Sklaverei abgeschafft war an ihre dies verlangenden “Besitzer” herausgegeben werden mussten (Fugitive Slave Act): er erklĂ€rte alle in sein Befehlsgebiet gelangten Sklaven fĂŒr nach Kriegsrecht beschlagnahmt zugunsten der Union. Freiheit durch Beschlagnahme!

Foto-NachtrÀge Passage USVI-Bahamas-USA

Die Blogposts der Passagen von den USVI zu den Bahamas und weiter in die Chesapeake Bay konnten wir von unterwegs ja nur als Text versenden. Ganz lieben Dank fĂŒr Eure Kommentare!

Ich habe jetzt nachtrĂ€glich die Bilder zu den entsprechenden Posts zugeordnet. Weil Ihr Euch sicher nicht nicht alle nochmal durch die Blogposts der letzten zwei Wochen arbeiten wollt, sind einige der Highlights hier unten angefĂŒgt. Durch Klick auf die jeweilige Bildunterschrift kommt Ihr zu dem entsprechenden Blogpost, wo sich dann meist auch noch weitere Bilder finden. Wer nicht hin und her springen möchte, kann natĂŒrlich auch in einem der BeitrĂ€ge ganz herunterscrollen und dann auf „Vorheriger Beitrag“ oder „Weiter“ klicken.

Es fĂ€ngt gut an. So wĂŒnscht man sich die Bedingungen auf Passage.

Die geplante Route und der Umweg zur virtuellen Stecknadel

Sehnsuchtsort Hogsty Reef

Schnorcheln am Hogsty Reef

Conception Island

ZĂ€hne

Abacos nach Dorian

Schwimmen im tiefen Blau

Genießerzeit

Viel Spaß beim BlĂ€ttern.

Legalize it.

Jetzt sind wir offiziell in den USA. Auf die Anmeldung per CBP-ROAM-App gab es zunĂ€chst keine RĂŒckmeldung. Eventuell auch deshalb nicht, weil ich (neben der Email-Adresse) als Kontakt meine deutsche Handynummer angegeben hatte. Solche auslĂ€ndischen Nummern werden aber scheinbar nicht angerufen.

Mit einem eigenen Anruf bei der CBP (US Customs and Border Protection) und diversen internen Weiterleitungen dort ließ sich aber alles klĂ€ren. Einklariert sind wir durch den auf den USVI erhaltenen Stempel im Pass, da wir ja auf den Bahamas nicht einklariert haben. Ich wurde auf meiner US (Virgin Islands) Handynummer zurĂŒckgerufen und die nette Dame machte mir gleich einen Termin mit einem Kollegen fĂŒr das Cruising Permit. Also zusammen mit Steve von der Amalia fix ein Uber-Taxi bestellen und hinĂŒber nach Norfolk. Und dort gibt es eine Fortsetzung des kleinen Kulturschocks. Wenn man die oft in Containern oder Baracken untergebrachten Customs der karibischen Inseln gewohnt ist, ĂŒberrascht das Customs-GebĂ€ude hier in Norfolk doch etwas:

Allerdings ist fĂŒr unser Anliegen der auf dem Foto von der imposanten Freitreppe verdeckte kleine ebenerdige “Lieferanteneingang” vorgesehen. 😉

Und da bekommen wir unproblematisch unsere Cruising Permits, mĂŒssen uns jetzt also nicht mehr bei jedem einzelnen Liegeplatzwechsel (=Ankerplatzwechsel) bei den Behörden melden, sondern nur telefonisch darĂŒber informieren wenn wir den Bundesstaat wechseln. 19 $ sind dafĂŒr zu zahlen, soweit kein Problem, aber bitte bar und genau passend. Hm. Steve geht uns einen Kaffee kaufen wĂ€hrend sich der superfreundliche, aber auf dieser Position neue Officer mit Floras CP abmĂŒht. Danach haben wir 38 $ klein. Geht aber nicht, es mĂŒssen zwei mal exakt 19 $ sein. Na gut, fĂŒr mich reicht es schon und – vertauschte Rollen – wĂ€hrend der Bearbeitung von Amalias CP gehe diesmal ich einen 5 $ Schein kleinmachen.

Danach gehen wir kurz einen Happen essen, in Virginia ist Phase 2 der Covid-Normalisierungsskala gĂŒltig und damit sind Restaurants eingeschrĂ€nkt wieder geöffnet. Auf dem Weg laufen wir an dem Museumsschiff USS Wisconsin von 1944 vorbei:

Selbst wenn man wie ich fĂŒr Militaria nicht viel ĂŒbrig hat, ist das schlanke aber 270 m lange und zuletzt 1991 im Golfkrieg eingesetzte Schlachtschiff schon ein Hingucker und mit bis zu 2.800 Mann Besatzung ja eigentlich fast schon ein eigener Stadtteil. Das gilt aber vermutlich noch mehr fĂŒr die beiden FlugzeugtrĂ€ger, die wir bei der Herfahrt im Hafen gesehen haben.

Noch SIM-Karten fĂŒr die USA besorgt, was mit einiger Wartezeit verbunden ist und schon ist der Tag vorbei.

Mit Uber geht’s im Regen zurĂŒck, klatschnass werden wir aber bei der Fahrt vom Dinghydock zurĂŒck zu den Booten durch die fiesen Wellen, die ĂŒber unseren Ankerplatz rollen. Der Sonnenuntergang versöhnt 😊

Und wir: wir können es immer noch nicht ganz fassen, dass wir wirklich auf eigenem Kiel hier in den USA đŸ‡ș🇾 angekommen sind. Aber so langsam sickert es eben doch in unser Bewusstsein. FĂŒhlt sich gut an. Prost aus der Chesapeake Bay!

Tag 8 Passage Bahamas USA: Ankunft

Wir werden verwöhnt mit einem weiteren wunderbaren Segeltag. Und davor einer schönen Segelnacht. Der nicht mehr ganz volle Mond geht erst drei Stunden nach Sonnenuntergang auf, Zeit genug fĂŒr einen beeindruckenden Sternenhimmel, zudem mit Jupiter und Saturn, denen dann an der Perlenschnur spĂ€ter der Mond und in seinem Gefolge auch noch Mars folgen.

Das gefĂŒrchtete Kap Hatteras zeigt sich von seiner besten Seite, mit mĂ€ĂŸigem achterlichem Wind und Schiebestrom passieren wir nachts einigermaßen dicht unter Land in nur 14 bis 20 m tiefem Wasser, sehen aber trotzdem nur blinkende Lichter auf seiner schmalen Landzunge.

Morgens um 6.00 wird Wiebke dann aber auf ihrer Wache in eine Kiefernduftwolke gehĂŒllt, ein Erlebnis, dass wir am Nachmittag oben bei Virginia Beach noch einmal gemeinsam haben werden. Dort, am Eingang zur Chesapeake Bay trifft uns ein warmer Landwind, der so intensiv und sĂŒĂŸlich nach Kiefernnadel riecht, da werden Kindheitserinnerungen an BadewannenschaumbĂ€der wach.

AuffĂ€llig ist, wie seit dem Passieren von Beaufort kurz vor Kap Hatteras der Schiffsverkehr zugenommen hat. Frachter, Fischer, Hochseesportfischer und, je nĂ€her wir der Chesapeake Bay kommen, auch viele Baggerschiffe und SchleppverbĂ€nde mit Schuten. Außerdem nimmt auch der Luftverkehr massiv zu, vor allem diverse militĂ€rische Flugzeuge lassen sich sehen und hören.

Aber zur BegrĂŒĂŸung sichten wir erstmals seit langem auch wieder Delfine, wenn auch in einiger Entfernung. DafĂŒr schwimmt eine wirklich große Schildkröte ganz dicht vorbei. Muss sie auch, sonst hĂ€tten wir sie nicht gesehen. Das Wasser ist hier deutlich trĂŒber, weit kann man nicht hineinschauen.

Mittagsetmal 160 sm.

Kurz vor dem Ziel nimmt der Wind dann krĂ€ftig zu, gepaart mit dem Knoten Gegenstrom auf den letzten zwei Meilen wird es noch einmal ruppig. Und auch unser Ankerplatz im Mill Creek vor Hampton (ĂŒber den gerade wieder eine 28 kn/WindstĂ€rke 7 Böe pfeift) ist bei diesen Bedingungen ziemlich choppy. Ist uns aber egal, selbst der inzwischen völlig ungewohnte AutolĂ€rm, der von der nahen BrĂŒcke herĂŒber weht und die WindgerĂ€usche ĂŒbertönt, er stört uns jetzt nicht. Wir sind glĂŒcklich, hier zu sein. Und wir sind mĂŒde, ein Ankerbier, die Anmeldung unserer Ankunft bei den US-Behörden ĂŒber die App CBP-ROAM (Antwort steht noch aus) und jetzt wollen wir erstmal schlafen.

Die Fotos des Törns werde ich dann in den nÀchsten Tagen nachreichen.