Zwischenstand aus Minerva

Ganz lange bleiben wir nicht das einzige Boot in Minerva, einen Tag nach uns kommt auch die Scout und ankert neben uns. Noch einen Tag später kommen auch Jacqui und Phil mit ihrer Skylark an. Alle hatten wir eine ziemlich unangenehme Passage, müssen uns erst einmal von der Seekrankheit erholen.

Hier in Minerva gilt es zunächst, das Schiff wieder in Ordnung zubringen. Die salzwassernasse Fock wird aus dem vorderen Bad wieder an Deck geschafft. Kleine Leckagen an ein paar Fenstern und Luken bei den schweren überkommenden Wellen haben zudem für reichlich zusätzliche Arbeit gesorgt. Die Stromversorgung der UKW-Funke habe ich repariert. Wir stellen aber fest, dass Seewasser in den längs durch die Flora führenden Kabelkanal gelangt ist und an verschiedenen Stellen in Schapps und Schränke gelaufen ist. Die dadurch nass gewordene Kleidung müssen wir mit Süßwasser waschen. Kein Problem, sollte man denken, wir haben ja seit Whangarei jetzt wieder eine Waschmaschine an Bord. Stimmt – aber das Trocknen macht Probleme. Dauernd ziehen Squalls durch, bei diesen Regenschauern kann die Wäsche nicht draußen am Seezaun hängen. Und wenn, dann können die Klammern sie kaum festhalten. Es bläst. Böen bis 32 Knoten waren heute eigentlich angesagt, tatsächlich hatten wir mehr als 41 Knoten (Windstärke 9 Beaufort). Und morgen sind bis 37 kn angesagt. Erstaunlicherweise sind die Wellen hier in Minerva dabei noch recht erträglich. Besonders wenn man bedenkt, dass (außerhalb des Riffs) knapp 4 m Welle stehen. Für morgen sind sogar 4,6 m vorhergesagt.

Wie sieht das aus? Jayne und James von der Scout haben mit ihrem Dinghy einen Ausflug an die innere Riffkante gemacht. Vom Riffdach aus gibts bei Niedrigwasser einen etwa kniehohen Wasserfall in die Lagune, draußen ans Außenriff donnern die brechenden Pazifikwellen. Von Bord der Flora zeigt sich das so:

Bei Hochwasser schafft es der Ozeanschwell stark abgeschwächt über das Riffdach. Dann wird es hier am Ankerplatz unruhiger, aber bisher ist es immer noch gut erträglich.

Nach dem Peak morgen sollen sich Wind und Wellen dann ab übermorgen langsam wieder abschwächen.

Samstag kann ich dann vielleicht auch in den Mast, um das zum Glück am Fallenaustritt hängengebliebene Fockfall herunterzuholen. In 20 m Höhe schaukelt mir das derzeit zu sehr.

Dann doch lieber erstmal an Bord der Scout mit Jayne und James dessen Geburtstag nachfeiern.

Überhaupt hat man ja von der Scout aus einen besonders schönen Blick auf die Flora, wie auch das von James geschossene Sonnenaufgangsfoto zeigt:

Auf der Horizontlinie ist übrigens kein fernes Land zu sehen, sondern eben die Ozeanwellen außerhalb des Riffs.

Leinen wieder los!

Der Wecker würde um 6.00 Uhr klingeln, aber wir sind schon kurz vorher wach. Es geht endlich wieder los, unsere Segelsaison startet.

Kurz nach dem Morgenhochwasser laufen wir um 6.45 aus, der Hatea River ist für uns allenfalls etwa bis zur halben Tide befahrbar, jedenfalls müssen wir bis dahin den Kawaka Point vor der Halbinsel Onerahi passiert haben. Weiter flussabwärts ist es dann auch bei Ebbe tief genug. Klappt heute wunderbar, das Wetter spielt auch mit. Mehrere schöne Regenbögen, aber nur ein klitzekleiner Schauer auf den 10 Seemeilen zum Ankerplatz in der Munro Bay.

Eigentlich könnten wir bei dem vorwiegend achterlichen Wind auch segeln. Stattdessen brummt durchgehend der Motor, denn wir wollen die Antriebswelle (genau genommen deren präzise Ausrichtung) in verschiedenen Drehzahlbereichen des Motors ausgiebig testen. Durch die erneuerten Motorfüße sowie das neue Wellenlager und die neue Wellendichtung musste die Ausrichtung von Motor und Antriebswelle neu abgestimmt werden. Wirklich überprüfen lässt sich dass erst in Fahrt und so arbeiten wir uns auf diesem ersten kurzen Törn durch die verschiedenen Lastbereiche. Zum Glück gibt es keine Auffälligkeiten, das „alignment“ scheint in Ordnung zu sein.

Die Munro Bay hat eine relativ seichte Zufahrt, typisch für das mit Sandbänken durchzogene aufgefächerte Flussdelta des Hatea, wird aber an drei Seiten flankiert von den hügeligen Ausläufern der Whangārei Heads. Damit bietet sie auch gegen die aktuell in Böen kräftigen Westwinde recht guten Schutz. In der Munro Bay ankert schon die Freydis (eine Malö 46) unserer australischen Freunde Paula und Jim. Das passt, so können wir gemeinsam mit dem Dinghy am flachen und bei Ebbe trocken fallenden Scheitel der Bucht anlanden und einen schönen Spaziergang machen.

Es ist erstmal nur ein kurzes Wiedersehen, denn unsere Wege werden sich morgen schon wieder trennen, bevor wir uns hoffentlich in Fiji wieder treffen. Die beiden möchten ein Stückchen weiter nach Süden segeln. Wir dagegen haben entschieden, das kurze passende Wetterfenster zu nutzen, um in nördliche Richtung zur Bay of Islands aufzubrechen.

Napier in der Hawke’s Bay: Art Deco und Weinbau

Ein freudiges Wiedersehen: In Napier, an der weit geschwungenen Hawke’s Bay, treffen wir uns mit Barbara und Ralph von der Lille Venn.

Gemeinsam erkunden wir zunächst das Stadtzentrum. Die Besonderheit: Napier weist eine sehr hohe Konzentration von Gebäuden im Art Deco Stil auf, gilt deshalb (neben Miami Beach) als eine der Hauptstädte dieses Architekturstils.

Der Grund dafür ist ein katastrophaler. Am 3. Februar 1931 verwüstete das Hawke‘s Bay Erdbeben mit einer Starke von 7,8 auf der Richter Skala diesen Landesteil. Der Meeresboden hob sich großflächig um mehr als zwei Meter an, die bisheriger Lagune fiel weitestgehend trocken, 40 Quadratkilometer neue Landfläche entstanden.

Die Erschütterungen des zweieinhalbminütigen Hauptbebens und der etwa 600 Nachbeben sowie ausbrechende Feuer legten fast die gesamte Stadt in Schutt und Asche.

Trotz Weltwirtschaftskrise wurde die Stadt in einem Kraftakt wieder aufgebaut. Dafür wurden auch Architekturstudenten eingespannt. Art Deco wurde als optimistisch und zukunftsorientiert empfunden, das passte. Die Entscheidung für den zu der Zeit modernen Stil Art Deco war aber vermutlich nicht nur der „Mode“ geschuldet. Gegenüber den zuvor verbreiteten Holzhäusern wurden die Art Deco Bauten im Wesentlichen aus Betonplatten errichtet. Weniger feueranfällig und günstig, zumal auch die dekorativen Elemente des Baustils vergleichsweise preiswert herzustellen waren. Die charakteristischen geometrischen Formen, Wellen- und Zickzack- sowie Sonnen-Muster als Symbole von Freiheit und Kraft (flankiert von Ägyptischen anmutenden Anleihen nach der Entdeckung des Grabes von Tut Anch Amun) konnten auch mit Farbe hervorgehoben werden.

Vom langen schwarzen Strand der Stadt führt eine Betonplattform hinaus aufs Meer.

Am Horizont sehen wir gerade einen Holzfrachter davondampfen, durch Kahlschlag betriebene Waldwirtschaft bildet noch immer einen wesentlichen Wirtschaftszweig in Neuseeland. Der Holzhafen ganz nahe am Stadtzentrum zeigt das eindrücklich:

Und neben der Forstwirtschaft ist Landwirtschaft ebenso von großer Bedeutung. Um Napier ist das vor allem durch große Obstanbaugebiete sichtbar. Apfelplantagen und Weinbau stechen besonders heraus. Hawke’s Bay ist das älteste (und mit seinen über einhundert Weingütern heute noch zweitgrößte) Weinanbaugebiet Neuseelands. Insbesondere Chardonnay, Syrah und Merlot-Cabernet-Cuvées erreichen Premium Niveau.

Müssen wir natürlich ausprobieren (zur Begleiteung bei richtig guten Restaurantbesuchen) und anschauen (bei einer ausgiebigen Fahrradtour).

Besonders schön, dass wir das gemeinsam mit unseren Freunden erleben.

Ein Wochenende in Rangiputa

Die Bootsarbeiten hier in Whangārei werden wohl noch einige Zeit andauern. Einige Ersatzteile sind bestellt. Das Wochenende bietet eine gute Gelegenheit für etwas Abstand – im Wortsinne.

Wir fahren mit dem Auto etwa zweieinhalb Stunden nach Norden. Nicht zur hinauf zum Cape Reinga, der Nordspitze von Neuseelands Nordinsel, das wäre fast doppelt so weit. Unser Ziel ist Rangiputa auf der Karikari-Halbinsel, immerhin schon im District „Far North“ gelegen. Unsere neuseeländischen Segelfreunde Jacqui und Phil von der Skylark haben uns nach dort in ihr Ferienhaus eingeladen.

Wir halten die beiden mit unserem Besuch zwar von der Arbeit an der Erneuerung ihrer Terrasse ab, aber die beiden versichern uns, etwas Abwechslung von dieser Arbeit (und der Bootsarbeit auf Skylark) käme ihnen durchaus gelegen.

Es wird ein wunderschönes Wochenende. Jacqui und Phil sind leidenschaftliche Wingfoiler und auf der Terrasse direkt am Meer findet sich denn auch eine reichliche Auswahl an Spielzeugen. Der Wind hat allerdings ebenfalls eine Auszeit genommen. Kein Problem, wechseln wir hat auf ein anderes Spielzeug: mit dem Mini-Traktor zieht Phil sein kräftig motorisiertes RIB-Schlauchboot etwa 100 m die Straße hinunter zur Slipbahn.

Wiebke und ich fahren im RIB mit. Jacqui bringt Traktor und Trailor zurück, wir holen sie dann auf der Wasserseite ihres Grundstücks ab. Gemeinsam brausen wir über die Bucht und versuchen an verschiedenen Stellen unser Angelglück.

Allerdings: beim ersten Versuch haben wir nur bedingt Erfolg. Einen Pigfish lassen wir zurück ins Wasser und als sich Phils Angel danach dann so richtig biegt, ist es es kolossaler „Bronze Whaler“. Dieser kräftige Hai zieht uns eine ganze Weile kreuz und quer am Riff entlang, bis wir es im flachen Wasser nah an ihn heran schaffen und die Leine kurz abreißen können. Beim zweiten Versuch am nächsten Tag haben Phil und ich deutlich mehr Angelglück. Die gekauften Köderfische sind zwar so weich, dass sie im Wasser aufgetaut praktisch gleich vom Haken fallen, aber wir erwischen mit der Schleppangel einen „Kahawai“ (eine Art Lachsforelle), der sich kleingeschnitten hervorragend als Köder eignet. Damit fangen wir dann in kurzer Zeit 7 Snapper (zwei setzen wir zurück) und einen Trevally (Dickkopf-Stachelmakrele). Das Festessen ist also gesichert, zumal Phil beim Strandspaziergang am 3 km langen Karikari Beach auch noch fleißig „Tuatua“ sammelt. Diese sich im Sand vergrabenden Muscheln sind eine typische neuseeländische Speise, oft werden sie (frikadellenartig) zu Fritters verarbeitet.

Weil der Wind zum Wingfoilen nicht reicht, verlegen wir uns auf das Tow-Foilen. Es ist nicht ganz so einfach wie hinter unserer Florecita, weil das RIB mit seinem 115 PS Motor doch für ganz ordentliche Prop-Wash-Verwirbelungen sorgt. Aber nachdem ich dem etwas ausweiche und mich an Jacqui‘s ungewohnt schmales Downwind-Board sowie die mit viel Lift agierenden Armstrang-Foils gewöhnt habe, klappt es dann doch noch.

Es geht auch ruhiger: Wiebke und Jacqui nutzen die Terrasse zum morgendlichen Yoga und lassen sich auch von den auf dem Rasen vorbeispazierenden kalifornischen Schopfwachteln (wieder so eine heimisch gewordene importierte Art) nicht irritieren.

Ein herrliches Wochenende, die Zeit verfliegt. Zum Abschluss begleiten uns Jacqui und Phil noch eine Stunde auf der Rückfahrt Richtung Whangārei. Gemeinsam besuchen wir das Weingut „Marsden Winery“ bei Kerikeri und essen wunderbar im dortigen Restaurant.

Danke, Ihr Lieben, für Eure Gastfreundschaft und die tolle Zeit mit Euch!

Passage von Minerva nach NZ, Tag 2

Geduldsprobe.

48 Stunden halten wir durch, segeln langsam unserem Ziel Neuseeland entgegen. Eigentlich nicht einmal das, denn wir setzen einen südlicheren Kurs, fahren also einen kleinen Umweg. Das bringt uns etwas vorlicheren Wind jetzt (bei dem Leichtwind ein Vorteil) und wir spekulieren auf einen besseren (nämlich raumeren) Winkel für den später auf der Passage vorhergesagten stärkeren Wind.

Durch die Dünung des Pazifiks neigt das Großsegel dazu, in der Welle deutlich einzurucken, der Baum knallt dabei in die zuvor lose gekommene Großschot. Einen Bullenstander zum Fixieren des Baums können wir auf diesem Kurs nicht setzen, also lassen wir uns eine andere Variante einfallen, auch wenn die sicher nur für längere Leichtwindstrecken ohne ständiges Trimmen des Großsegels geeignet ist. Aus dem Ersatzgummi für unsere Harpune basteln wir einen Rückdämpfer für die Großschot.

Für uns funktioniert das ganz gut. Allerdings nur, bis der Wind raumt und wir vor den Wind gehen müssen.

Langsam ist eigentlich noch geschönt. Es ist Schleichfahrt auf Schmetterlingskurs. Aus 5 bis 6 kn achterlichem wahren Wind machen wir 3 kn Fahrt. Eigentlich schon ganz beeindruckend: 3 kn Fahrt bei 3 kn scheinbarem Wind. In Böen bis 8 kn werden sogar über 4 kn Fahrt durchs Wasser daraus. Nur reduziert der Gegenstrom die Fahrt über Grund dann trotzdem auf kaum über 3 kn. Aber immerhin: 2 Stunden solcher Schleichfahrt unter Segeln bedeuten streckenmäßig, eine Stunde weniger motoren zu müssen. Und wir haben es ja nicht eilig.

Heute Früh beim Wachwechsel machen wir dann aber doch den Motor an. Der Gegenstrom ist wieder auf einen Knoten angestiegen, der Wind fast ganz eingeschlafen. 0,8 Knoten Fahrt über Grund sind einfach zu deprimierend.

Wir sind aber in guter Gesellschaft. Obwohl wir in der Blase unseres Horizonts kein einziges anderes Segel erspähen können, wissen wir doch den Schwarm der segelnden Zugvögel um un herum. Wie die Gänse in V-Formation streben auf MarineTraffic gut sichtbar die pinken Dreiecke der Langfahrer aus Fiji und Tonga nach Neuseeland ins Winterquartier. Oder ins Südhalbkugel-Sommerquartier, je nach Definition.

Und wir sind mittendrin.

Etmal: Minus-rekordverdächtige 73 Seemeilen in den letzten 24 Stunden über Grund, ziemlich genau 3 kn im Schnitt.

Essen: Frisch gemachte Linsensuppe mit selbstgemachten Fenchel-Mettbällchen (die Crew der Naida hatte uns vor der Abfahrt aus Minerva gefrorenes Hackfleisch aus ihrem Überbestand geschenkt).

☺️

Tschüss Minerva.

Die Gemeinschaft der Langfahrtsegler ist flüchtig, wird immer wieder neu zusammengewürfelt. Aber zugleich ist sie wunderbar intensiv, auch und gerade an so abgelegenen Orten wie dem Minerva Riff. Ein Boot hat zu kleine Süßwasservorräte? Ein anderes mit Wassermacher hilft aus. Tauchflaschen werden gefüllt. Man hilft sich mit Ersatzteilen. Auf der türkischen Hallberg-Rassy 49 Deriska ist der Wassermacher ausgefallen. Zufällig haben wir den benötigten Kondensator mit 2 Mikrofarad an Bord, jetzt läuft er wieder. Selbst Lebensmittelvorräte werden aneinander abgegeben, vieles muss jetzt vor der Einfuhr nach Neuseeland weg.

Aber wo treffen wir uns, wenn es doch in Minerva keine Bar und keinen Palmenstrand gibt? Nicki und Mike von der Zen Again organisieren ein Dinghy Raft-Up an ihrem Boot. Auch so geht Socialising unter Seglern:

Es ist super entspannt. Und doch, ein Thema zieht sich wie ein roter Faden durch alle Gespräche: das Wetterfenster für die Weiterfahrt nach Neuseeland. Die rund 850 Seemeilen lange Strecke führt durch ein Gebiet mit schnell ziehenden intensiven Wettersystemen und spannenden Wellenbedingungen, es gibt also reichlich Diskussionsstoff. Uneinig sind selbst die „Wetterpäpste“ bzw. Router, die viele der Crews zu Rate ziehen.

Aber es hilft ja nix. Wiebke und ich haben für die Flora ein passendes Wetterfenster ausgemacht, nachdem sich die verschiedenen Modelle auf PredictWind endlich deutlich aneinander angenähert haben. Mittwoch morgen geht es los.

Ein letztes Mal wird noch mit der Tauchflasche das CopperCoat des Unterwasserschiffs geputzt. Ralf von der Barbarella füllt sie mir wieder auf und gemeinsam machen wir auch noch einen Tauchgang am Blue Hole des Außenriffs von Minerva. Leider streikt meine Kamera, die Bilder hat Ralf (Barbarella) gemacht, dafür bin ich dann auch mal auf den Tauchfotos. Faszierend an diesem Tauchgang sind vor allem die Fächerkorallen an der Steilwand und die unglaubliche Vielzahl von gesunden, bunten Korallen auf dem Riff, außerdem natürlich das Blue Hole. Klasse.

Die Wetterlage scheint sich ein bisschen zu festigen. Sehr ruhiges Wetter zum Abschied und wenig Wind für den Beginn der Passage, dann aber zunehmend.

Der letzte Abend im Minerva Riff beschert uns einen herrlichen Sonnenuntergang, und am Morgen des Aufbruchs zeigt sich Minerva noch einmal von seiner besten Seite als Ruhepol im Pazifik.

Minerva. Innehalten im Auge des Ozeans. Was für ein Geschenk!

Dankbarkeit. Ehrfurcht. Glückseligkeit. Schwer in Worte zu fassen, was die ruhigen Tage hier im Minerva Riff uns so fühlen lassen.

Wir sind wie aus der Zeit gefallen, oder mehr noch: wie aus dem Raum, aus unserer an besonderen Orten ja schon nicht eben armen Welt. Hinein in diese Blase eines ganz eigenen Mikrokosmos.

Als stets präsentes Hintergrundgeräusch rauscht leise die Brandung auf dem Riff, sonst ist es einfach still. Der Wind hat deutlich abgeflaut. Keine Vögel, kein Zivilisationslärm, Allenfalls fährt ab und zu ein Dinghy vorbei oder eine befreundete Crew kommt auf einen Schnack herüber.

Denn ja, wir sind natürlich nicht alleine hier. Es ist Hauptsaison für den Schwarm der seglerischen Zugvögel nach Neuseeland. Das schmälert aber keineswegs das Gefühl, an einem einmaligen Ort sein zu dürfen. Eher im Gegenteil, diesen besonderen Ort gemeinsam mit Freunden erleben zu dürfen fühlt sich eher noch intensiver an, ein bisschen „wirklicher“.

Alle scheinen die „Pause“ bei wirklich idealen Bedingen hier auf Minerva zu genießen, ein Wetterfenster für die Weiterfahrt nach Neuseeland zeichnet sich nicht vor Mittwoch ab.

Mit Ralf und David von der Barbarella fahren Wiebke und ich zum Schnorcheln an den Pass. Spektaläre Drop-Offs machen deutlich, wie steil das Minerva-Riff aus der Tiefe des Pazifiks emporsteigt. Einmal mehr ändert sich die Fischwelt ein wenig, so sehen wir erstmals die weiß-gelb-schwarzen Diamant-Falterfische.

Am Nachmittag fahre ich dann mit Ralf, David, Phil und Jean-Luc hinüber ans Riff. Das Riffdach ist rund um Minerva ziemlich breit und bei Ebbe überwiegend gut begehbar. Es bietet gute Chancen, Lobster zu fangen, dieses Mal ist allerdings nur Jean-Luc erfolgreich, Phil fängt ein eiertragendes Weibchen, das er gleich wieder frei lässt (einer der Gründe, warum wir nicht mit Harpunen auf Lobsterfang gehen).

Abends dann Potluck auf der französischen Inajeen bei Soize und Ben gemeinsam mit den Crews der Naida, der Clair de Gouêt und der Skylark.

Heute gibt’s dann für Wiebke und mich Sonntags-Schnorcheln vom Feinsten. Nahe bei unserem Ankerplatz liegen im Flachwasser die Überreste des kleinen Stahlfrachters Commonderry der hier im Jahr 1969 und damit 83 Jahre nach seinem Stapellauf verunglückte. Wer sich für die wirklich ereignisreiche Geschichte der Commonderry interessiert, findet hier nähere Angaben.

Bug und Heck des auseinander gebrochenen Rumpfes liegen ein ganzes Stück voneinander entfernt. Bei unserem ersten Besuch finden wir nur den Bug, einige Metallteile davon ragen auch bei Hochwasser an die Oberfläche.

Spannend, dass nach so vielen Jahren doch noch Details der Schiffstechnik auf dem Vorschiff erkennbar sind, obwohl sich eben auch farbenfrohe Korallen angesiedelt haben.

Das kleine Wrackteil des Schiffsbugs beherbergt eher wenige Fische. Ganz anders ist das bei den anderen Überbleibseln der Commonderry, die wir am Nachmittag bei etwas niedrigerem Wasserstand näher am Riffdach ausfindig machen.

Vor allem Schwärme von Gelbstreifen-Meerbarben und auch viele große Harlekin-Süßlippen mit ihren auffälligen schwarz-weißen Punktmustern halten sich mit unzähligen anderen Meeresbewohnern im und am Wrack auf. Und sie sind wenig scheu, das macht diesen Schnorchelgang im sonnendurchfluteten, glasklaren und damit farbenfrohen Flachwasser regelrecht magisch für uns.

Das passt sich wunderbar ein in unsere Minerva-Stimmung.

Tonga: Nuku zum Abschied für Emma und Claas

Zum Abschied geht’s mit Emma und Claas noch einmal an einen Ankerplatz im Inneren der Vava‘u-Gruppe. Es hat immer noch recht viel Wind, wir wählen daher den Ankerplatz #8, Nuku. Der Name steht für die unbewohnte kleine Insel etwas westlich des Ankerplatzes, der eher an der etwas größeren Insel Kapa liegt.

Die beiden Inseln trennt ein flaches Riff, ideal zum Schnorcheln. Emma entdeckt sogar einen Pazifischen Feuerfisch.

Die kleine unbewohnte Insel Nuku hat einen wunderbaren Sandstrand zum Anlanden des Dinghies sowie zum Flanieren am Ufer und sie bietet mit ihren Palmen und dem hellen Türkis des Flachwassers am Riff zum Abschied noch einmal so richtig Bilderbuch-Südseekulisse.

Tschüss Ihr beiden, kommt gut wieder nach Hause. Es war richtig schön mit Euch!

Besuch in Tonga

Kaum zu fassen. Unsere Nichte Emma ist bisher nur ein einziges Mal geflogen, vor sechs Jahren hat sie uns zu Beginn unserer Langfahrt auf Sizilien besucht.

Und jetzt – inzwischen 22jährig – fliegt sie mit ihrem Freund Claas buchstäblich um die halbe Welt. Für Claas ist es die allererste Flugreise und das tatsächlich über die USA und Fiji hierher nach Tonga, wow! Die mit der langen Reise verbundene Anstrengung lassen sich die beiden jedenfalls nicht anmerken, als wir sie am Flughafen von Vava‘u abholen.

Erst einmal bleiben wir mit den beiden am Liegeplatz vor dem Hauptort Neiafu, denn für die folgenden Tage ist eher raues Wetter angesagt. Außer einigem Regen bekommen wir in der geschützten Bucht zum Glück nicht allzu viel davon ab. Außerdem gibt uns dass die Gelegenheit, den Ort Neiafu mit seinem Fruchtmarkt zu erkunden, die Flughunde zu bewundern, den Gottesdienst am Sonntag mit den traditionell festlich gekleideten Tonganern zu besuchen und auch noch eine Wanderung zur Vaimumuni-Höhle zu machen.

In der nahe am Meer gelegenen und auch mit Süßwasser gespeisten Höhle kann man ein Bad nehmen. Allerdings erwartet uns jenseits des niedrigen Eingangs ziemliche Finsternis.

Eine kurze Holztreppe führt drinnen hinunter zum Wasser. Wir haben aber zwei Taschenlampen dabei. Mit der einen erkunden Claas und ich schwimmend die Höhle, mit der anderen haben Wiebke und Emma von der Treppe aus ein wachsames Auge auf uns.

Am Dienstag hat sich das Wetter dann beruhigt und nach letzten Einkäufen bewegen wir die Flora von Neiafu weg zum ersten Ankerplatz auf Tonga. Gar nicht so weit, einfach nur kurz ums Eck (die Entfernungen in der Vava’u-Inselgruppe sind wirklich nicht sehr groß). Und trotzdem: gefühlt eine völlig andere Welt.

Die Paddelboards und das Kanu werden aufgeblasen, damit lässt sich die schöne Ankerbucht wunderbar erkunden. Bilderbuch mit Sandstrand und Palmen. Muscheln sammeln, Schnorcheln im klaren Wasser.

Südsee eben. 😎

Erste Eindrücke in Tonga. Hüftmatten in der Kirche, Flughunde in der Luft.

Seit ein paar Tagen liegt Flora jetzt an einer Boje im Hafen von Neiafu. Viele andere Boote haben sich ebenfalls hier eingefunden, seglerisch ist Hochsaison in Tonga. Kein Problem, der Naturhafen hier ist geräumig. Allerdings auch überwiegend recht tief zum ankern, weshalb viele Bojen ausliegen und auch gerne genutzt werden.

Neiafu liegt auf der Hauptinsel der Vava‘u-Gruppe, der nördlichen der drei größeren tonganischen Inselgruppen. Etwa 80 Seemeilen weiter südlich liegt die Ha‘apai-Gruppe und nochmal 80 Seemeilen weiter Tongatapu, wo sich mit Nuku’alofa auch die Hauptstadt des Königreiches Tonga mit dem Königspalast, dem Parlament und dem Verwaltungssitz.

Aber schon allein in der Vava‘u-Gruppe gibt es reichlich weitere Auswahl an Liegeplätzen. Als (schräg) gehobenes Korallenriff finden sich im Norden 100 m hohe Steilküsten mit fast fjordänlichen Einschnitten, die insgesamt 34 Inseln werden nach Süden hin immer kleiner und flacher. dazwischen finden sich 42 benannte (und ordentlich durchnummerierte) Ankerplätze.

Auf Noforeignland sieht die Vava‘u-Gruppe so aus:

Wie vielerorts in Polynesien haben die christlichen Missionare ganze Arbeit geleistet, Religion wird sehr ernst genommen. Selbst privater Wassersport soll an Sonntagen nicht betrieben werden, jegliche „Arbeit“ vermieden. Ok, dann gehen wir am Sonntag also mal wieder in die Kirche, genauer gesagt in eine der vielen hier. Wir wählen die katholische direkt oberhalb des Hafens.

Was beim Kirchgang auffällt: Ganz überwiegend wird nicht nur der hier Tupenu genannte Männer-Wickelrock getragen, sondern ganz traditionell auch die Ta‘ovala, eine über dem Rock um die Hüften geschlungene feste und recht steife geflochtene Matte. Frauen tragen eine etwas längere Ta‘ovala über dem Kleid, oder sie wählen alternativ eine leichtere Version, bei der von einem Gürtel rundherum kunstvoll geflochtene breite Bänder herabhängen.

Die Ta‘ovala wird von einer mehrfach um die Hüfte geschlungenen Kokosfaserkordel gehalten, traditionell wurden auch Haare von verstorbenen Angehörigen eingeflochten und diese „Kafa“ genannte Kordel über Generationen weitergegeben.

Die Kirche ist sehr gut besucht, der Gottesdienst überwiegend in Tonganisch, die Predigt aber zum Teil zweisprachig auch in Englisch. Es wird viel gesungen, auch liturgisch, zudem unterstützt von einem Posaunenchor.

Nach dem Kirchgang hat der OCC (Ocean Cruising Club) am Nachmittag zu einem Get-Together ins „The Hideaway“ eingeladen, die schwimmende Bar auf einem Floß im Hafen. Hier treffen wir neben anderen Segelbekannten auch unsere (doppelte) Vereinskollegin Susanne Huber-Curphey von der Trans-Ocean-Yacht Nehaj, mehrfache Einhand-Weltumseglerin.

Anders als die meisten hier kommt sie gerade von Neuseeland, fast alle anderen möchten nach Tonga dorthin weitersegeln. Einige wenige wollen vorher noch weiter nach Fiji, die meisten mit diesem Ziel sind aber bereits dahin unterwegs. Es zeichnet sich also ab, dass zum Ende der Saison hier in Tonga ab Mitte Oktober viele unserer Bekannten gemeinsam auf das richtige Wetterfenster für den Sprung nach Neuseeland warten werden.

Von den Bäumen erheben sich langsam etwa rabengroße dunkle Schatten und fliegen recht gemächlich am Ufer entlang. Die Sonne verschwindet schon langsam hinter den hohen Ufern unserer Hafenbucht. Inzwischen dämmert auch uns etwas, nämlich dass die dunklen Fluggestalten gar keine Vögel sind. Fledermäuse, so groß? Fast richtig. Fledertiere, ja, aber eben doch keine Fledermäuse, sondern Flughunde. Sie gehören biologisch zur gleichen Ordnung, bilden aber eine eigene Familie mit etwa 200 Arten, darunter eben der etwa rabengroße Tonga-Flughund.

Als wir in der Folge genauer hinschauen, können wir die Flughunde auch tagsüber in den hohen Bäumen am Ufer erspähen, aber am besten zeichnen sie sich eben doch am beginnenden Abend vor dem noch hellen Himmel ab.

Manchmal lässt sich sogar die für ein Fledertier recht lange Schnauze erkennen, der diese Tiere ihren deutschen Namen verdanken. Vor der Ankunft der Menschen in Polynesien waren sie eine der ganz wenigen Säugetierarten auf den polynesischen Inseln. Anders als die Fledermäuse sind fast alle Flughunde übrigens nicht fähig zur Echo-Ortung, sie verlassen sich auf ihre extrem gute Nachtsicht. Und für die Nahrungssuche auch auf ihren Geruchssinn, denn sie fressen im wesentlichen Früchte und deren Samen.

Diese Nahrungsquelle teilen sie sich hier mit einer anderen inseltypischen Tierart: der Tonga-Fruchttaube. Und auch die dürfen wir direkt von Bord aus bewundern.

Mit ihrem schillernd grün-blauen Federkleid leisten sie den Flughunden in ihren Bäumen Gesellschaft.

Nur ein paar kleine allererste Eindrücke von Kultur und Natur in Tonga und doch …

… wieder so anders. Und so schön.

☺️