Exakt einen weiterer Segeltag benötigen wir. Um 12.00 Uhr laufen wir in Marsden Cove ein. Dieser letzte Tag hat es noch einmal in sich, bis in die Nacht hinein kräftiger Wind und hohe Wellen. Etwa ab Mitternacht wird es dann aber besser, ruhiger. Gegen 04.00 Uhr schläft der Wind dann entgegen der Vorhersage sogar ein, eine Zeitlang müssen wir motoren.
Der Dienstagmorgen versöhnt uns dann. Frische, klare, kalte Luft, ja, schon Mitte der Passage haben wir auf lange Hosen und nachts auch Pullover gewechselt. Dazu jetzt aber herrlicher Sonnenschein und raumer Segelwind.
Frühstück mit Resteverwertung. Der letzte Salat, das letzte Gemüse, der letzte Rest Salami, Aus den letzten Eiern wird Rührei gemacht. Wobei: Wiebke erfindet quasi das selbstrührende Rührei, denn die Restwellen schaukeln den Pfanneninhalt auf dem halbkardanisch aufgehängten Herd ordentlich durch. Wohlgemerkt, bei ganz guten Bedingungen, wo man wieder kochen mochte und wie man am Hintergrundgeräusch hört sogar unter Motor. (Video anklicken)
Vor der Einfahrt in den Hatea River, der sich hinter Marsden Cove zur Bucht Whangārei Harbour weitet, biegen wir um die von der Felsformation Whangārei Heads gebildete Kap.
Malerisch und auch ein Gänsehaut-Moment. Wir sind wieder da.
Die Passage ist es und wir selbst sind es auch: geschafft!
Nach dem auf-der-Stelle-Segeln gestern geht es heute schon früh weiter. Um 4:30 nehmen wir das Vorsegel nach Steuerbord, los geht’s. Die Kante des Easterly Punch hat uns erreicht, es ist ordentlich Druck in der Luft. Sowohl Groß als auch Vorsegel sind jeweils im Dritten Reff, allerdings auch als Vorsichtsmaßnahme wegen der im Verlauf des Tages noch zu erwartenden Böen. Angesagt sind bis zu 33 kn, deutlich weniger als der Punch gestern aufgeboten hat, aber immer noch knackig. Zumal die Wellen knapp 3 m hoch und ziemlich chaotisch sein werden. Da müssen wir jetzt aber durch. Noch länger Beizuliegen macht keinen Sinn, weil sich im Nordosten von Neuseeland ein neues Tiefdruckgebiet bildet.
180 sm liegen vor uns, wir sollten also Dienstag Mittag ankommen. Ziel ist jetzt doch wieder (wie ja ursprünglich vorgehen) Marsden Cove, um einiges südlicher als Opua.
Wie erwartet werden wir bei bleigrauem Himmel ziemlich durchgeschüttelt und die chaotischen Seen klatschen immer mal wieder äußerst heftig an die Bordwand. Ein paar kräftige Regenschauer bringen zusätzliche Würze. Segeln lässt sich der Halbwindkurs aber trotzdem einigermaßen gut. Nicht eben angenehm, schräg und nass, aber machbar. Auch wenn uns gelegentlich doch eine Kreuzsee aus dem Kurs drückt.
Es kann auch anders kommen. Unterwegs bekommen wir die Nachricht, dass eine Beneteau 62 kurz vor Opua in dem Easterly Punch Mastbruch erlitten hat. Verletzt wurde zum Glück niemand. Wir waren zeitweise auf parallelem Kurs unterwegs. Mit der Crew hatten wir vorgestern noch gefunkt, als sie während unserer Vorbereitung für das Beiliegen vorbei zogen.
Zum Schiffsmittag haben wir 123 sm zurückgelegt, insgesamt damit 979 sm. Noch 126 sm bis zum Ansteuerungspunkt vor den Whangārei Heads, dazu noch etwa 15 sm hinein bis nach Marsden Cove.
Essen: Rest der Thai-Gemüse-Suppe von gestern. Wobei mir auffällt, dass ich gestern das Essen gar nicht erwähnt hatte. Und das, obwohl wir regelrecht geschwelgt haben. Frühstück schon mit French Toast / Arme Ritter, dann mittags die leckere Suppe und abends Avocado-Toast mit Ei.
Heute Abend dagegen nur Cracker mit Nori-Seetang-Blättchen, ist einfacher bei dem Geschaukel.
Ist die Überschrift falsch gewählt? Sind wir jetzt auf Passage, ist es auch dann noch eine Überfahrt, wenn das Boot doch praktisch gar keine Fahrt macht?
Gestern rauschen wir noch mit 8 kn durch den Südpazifik auf Opua zu, heute früh immerhin noch mit guter Fahrt nach Osten in den Sonnenaufgang.
Jetzt dümpeln wir auf einem kleinen Flecken Ozean, bewegen uns kaum von der Stelle. Das soll Passage sein?
Na ja, Passage kann ja je nach Zusammenhang vielerlei verschiedene Bedeutungen haben. Einkaufspassage, der federnde Trab bei der Dressur im Reitsport, Landenge, Textabschnitt zum Beispiel. Oder eben auch – ein wenig allgemeiner – eben ein Übergang, eine Verbindung, die auch eine Veränderung ist.
Und bei uns auf der Flora verändert es sich gerade von Jetzt kommen wir gleich in Neuseeland an – Aufregung hin zu Lass den Easterly-Punch-Boxer doch lieber ins Leere schlagen, warum sollen wir uns auf den letzten Metern verhauen lassen?
Also lieber einmal richtig auf die seglerische Bremse treten: wir drehen bei. Vom flotten Amwindkurs aus wird eine Wende gefahren, ohne die Segel zu bedienen. Gegenruder geben und das Steuer festsetzen. Danach ist das Boot auch bei Welle und viel Wind in einer selbststabilisierenden Lage, dem Beiliegen. Bei viel Wind und Welle kann man sich damit eine Erholungspause verschaffen, ruhen oder etwa Kochen oder Duschen.
Aber auch bei wenig Wind kann das Manöver hilfreich sein, man parkt quasi ein, driftet nur langsam nach Lee. Fast ist es, als ankerten wir mitten auf dem Ozean. Für uns heißt das, wir bleiben für einige Zeit an einem noch recht sonnigen und windarmen Platz eben außerhalb des stürmischen Easterly-Punch-Bereichs. Im Windy Satellitenbild lässt sich das sehr gut erkennen:
In der Realität sieht es so aus, dass Flora einen Tag lang mit seltsam verdrehtem Vorsegel sanft schaukelnd zwischen Sonnenschein und Wolkenbank liegt.
Wir können noch mal innehalten, auf dem Achterschiff duschen, lesen, spielen, reden, Hörbuch hören. Und uns mental auf den Schlussspurt nach Neuseeland vorbereiten, denn morgen früh wollen auf das hoffentlich etwas schwächere Ende des Easterly Punch aufspringen und weitersegeln.
Da braut sich was zusammen. Diese kleine fiese Front, die sich so kurz vor unserer Ankunft scheinbar aus dem Nichts entwickelt und die sich ganz unvermittelt zwischen uns und Neuseeland drängt, sie folgt leider einem bekannten Muster.
„Easterly Punch“. So nennen die neuseeländischen Meteorologen dieses Phänomen. Ein sich überraschend schnell entwickelnder, aber auch eher kurzlebiger Ostsüdostwind. Wie ein Schlag. Zitat MetBob: „It’s a shock for the unaware“. Das kann man verstehen, denn nördlich dieser Front, da wo wir jetzt noch sind, herrschen eher schwache Winde. Die waren bei unserer Abfahrt auch noch für die letzten Meilen bis Neuseeland angesagt. Nur, der „Easterly Punch“ wartet hinter seiner scharf abgegrenzten Nordseite gleich mit Böen über 40 Knoten auf. Windstärke 9, Sturmstärke.
Ärgerlicherweise ziemlich genau da, wo wir am Sonntagmittag wären, wenn wir einfach gerade auf unserer geplanten Route weiterfahren.
So sagen es das Europäische Modell ECMWF und auch das deutsche Icon. Selbst wenn das amerikanische Wettermodell GFS recht behielte, fielen die Böen zwar etwas schwächer aus. Kämen auf diesem Kurs aber trotzdem schräg von vorn. Ebenso die Wellen, ca. 3 m hoch und alle 6 Sekunden. Das ist weit jenseits von nur unkomfortabel.
Unsere Optionen sind auch deshalb ein bisschen limitiert, weil uns ja der Schäkel des Fockfalls gebrochen ist, wir also unser kleines Vorsegel nicht benutzen können. Wir hoffen, das hier in diesem Flautenbereich beheben zu können. Auf dem offenen Ozean hoch in den Mast, das ist auch bei wenig Wind nicht ganz ohne. Die Ozeandünung schaukelt dort oben an einem 20 m langen Hebel, lässt die Mastspitze einfach ein paar Meter zur Seite schwingen. Aber: es hilft ja nichts. Also den Klettergurt an, den (Wingfoil-) Helm aufgesetzt und los. Wiebke zieht mich hinauf in die schwankende Höhe.
Bewegender Arbeitsplatz mit Aussicht
Tatsächlich hängt ein Teil des auseinander gebrochenen Schäkels noch vor dem Fall-Austritt und ich kann das Fallende wieder mit nach unten bringen.
Wir knoten einen Ersatzschäkel an, rollen die ja ohnehin schon etwas durchgesackte Fock aus und holen sie herunter, soweit es geht. Dann schneide ich den Keder des Vorsegels dort durch, wo er ausgerissen ist und sich die blockierende Schlaufe gebildet hat, nur so bekommen wir das Segel ganz herunter. Etwa fünf Zentimeter muss ich aus dem Keder herauskürzen, dann aber kann er wieder auf ganzer Vorliekslänge in die Nut der Rollanlage eingefädelt und das Segel mit dem Fall nach oben gezogen werden. Notreparatur, klar, aber wir haben wieder eine funktionsfähige Fock!
Und das eröffnet uns weitere Optionen, um mit dem Easterly Punch umzugehen: wir können wieder beidrehen, das heißt wir können nördlich der Front schlicht zwei Tage abwarten, bis sie durchgezogen ist. Oder wir können weiter nach Osten segeln und dann in die Front hinein. Der Wind und die Wellen kämen dann eher von hinten, deutlich weniger unangenehm, und mit kleinen Segeln dann handhabbar. Falls es uns doch zu viel wird, könnten wir nach Norden heraus aus der Front ablaufen oder eben beidrehen.
Ganz entschieden haben wir noch nicht, wir machen erst einmal Weg nach Ost. Auf dem Noforeignland-Track lässt sich der Haken in unserem Kurs gut erkennen. Derzeit ruhiges Segeln in schwachem Wind.
Essen: Mittags Asia-Suppe mit viel frischem Gemüse und Hackfleisch , das wir eingekocht hatten. Abends Bratkartoffeln mit Rührei und Schinken, Salat, Tomaten und Gurken. Nichts davon dürfen wir nach Neuseeland einführen, das muss jetzt alles weg.
Am Schiffsmittag: Etmal 162 sm, da hat der Code0 bis heute Morgen sehr gute Dienste geleistet, gesamt 808 sm bis Schiffsmittag. Bis jetzt sind heute noch weitere 48 sm dazu gekommen, auf direktem Weg wären es noch etwa 180 sm bis Opua in Neuseeland.
Nachdem das Adrenalin der Aktion mit den Vorsegeln zunächst seine Wirkung getan hat, sackt mit etwas Abstand statt der Segel der Körper leicht durch: die schon überstanden geglaubte Seekrankheit ist zurück und ich füttere nochmal die Fische.
Dafür scheint unsere seglerische Improvisationslösung zu funktionieren. Das ist gut so, denn laut PredictWind-Vorhersage entwickelt sich bei Neuseeland ein Windband mit kräftigeren Winden und insbesondere wegen der fehlenden Fock nicht idealer Windrichtung (schräg von vorn). Nichts dramatisches, aber: je eher wir da sind, desto besser.
Immerhin, heute feiern wir Bergfest, mehr als die Hälfte der Strecke liegt im Kielwasser.
Flotte Fahrt, aber auch Wolken am Horizont. So geht’s in die Nacht:
Wir merken deutlich, dass wir den Wendekreis des Steinbocks nach Süden überquert und damit die Tropen wieder verlassen haben. Es wird deutlich kälter, lange Hosen und nachts auch Socken und Fleecedecke im Cockpit sind angesagt.
Essen: kaum der Erwähnung wert, ein paar trockene Cracker für mich, nochmal Bratkartoffeln (eigentlich meine Ration von gestern) für Wiebke.
Etmal: für diese Situation sehr gute 157 sm, gesamt 646 sm, noch etwa 410 sm zu segeln.
Chaos-Tag. Die Seekrankheit ist noch da, wird aber langsam besser. Muss sie auch, denn mitten in der Nacht sackt wieder das Vorsegel durch und rutscht teilweise ins Wasser. Wir können es bergen. Es ist ein hartes Stück Arbeit, obwohl es diesmal “nur” 20 kn Wind sind und nicht 30 kn wie beim letzten Mal im April.
Nach der Erfahrung vom April laschen wir das Segel diesmal nicht an den Seezaun, sondern ziehen es gleich mit dem Ersatzgenuafall wieder hoch. Aber entweder hat es bei der Bade-Aktion schon einen kleinen Schaden am Keder bekommen oder wir beschädigen ihn beim Einfädeln. Die unteren zwei Meter gehen nicht in die Nut und das Segel lässt sich bei diesen Bedingungen auch nicht wieder herunterziehen, der Teil über den zwei Metern ist blockiert.
Unsere Notlösung: das Segel eng ins erste Reff wickeln. So können wir weitersegeln. Sechs Stunden lang. Dann ein kleiner Knall und das Segel sackt wieder durch. Offenbar ist auch der Schäkel vom Ersatzfall entweder aufgegangen oder gebrochen. Das gibt’s doch nicht: 45.000 Meilen passiert das nicht und dann gleich drei Mal hier zwischen Neuseeland und Fiji. Immerhin kann die Fock diesmal nicht ins Wasser rutschen, weil sie ja schon ein bisschen eingerollt ist.
Wir rollen sie ganz ein, da ist im Augenblick nichts zu machen. In den Mast zu gehen kommt bei diesem Geschaukel nicht in Frage.
Wir dümpeln bei 15 bis 20 kn Wind unter Groß, aber alleine ist mit diesem Segel kein Amwindkurs zu fahren und wir haben etwa 60° Windwinkel zum 600 Meilen entfernten Ziel.
Nach einiger Überlegung entschließen wir uns, den Code0 zu setzen und nur ein kleines Stück auszurollen. Das tut dem Code0 ganz sicher nicht gut, aber es balanciert das Boot so weit aus, dass wir mit einfach gerefftem Groß Kurs anlegen können und sogar wieder einigermaßen Geschwindigkeit machen.
Essen: Bratkartoffeln für Wiebke, trockene Cracker für mich.
Etmal: 155 sm, gesamt 489 sm, noch ca. 580 sm bis Marsden Cove.
Schlimm für den allerdings ohnehin schon etwas verschlissenen Code0, aber im Moment wohl unsere beste Option.
Um 9.00 Uhr haben wir einen Termin zum Ausklarieren in Denarau. Wir sind um 8.20 Uhr da und das erweist sich als gute Entscheidung. Diverse Crews haben offenbar den gleichen Termin bekommen. So aber sind wir ziemlich weit vorne in der Schlange und um 9.15 Uhr tatsächlich schon durch. Vor dem Büro wartet inzwischen eine Traube von Seglern.
Das ist auch ein gutes Zeichen, denn offenbar sind wir nicht die einzigen, die in der aktuellen Vorhersage ein Wetterfenster erkennen. Es scheinen sich gut 40 Boote von Denarau und Nadi aus auf den Weg nach Neuseeland zu machen.
Ein wenig zweifeln wir trotzdem schon bald an der Entscheidung, denn nach der Riffdurchfahrt empfangen uns 3-Meter-Wellen und ein Amwind-Kurs. Keine sehr angenehme Kombination und immer wieder klatschen auch Wellen übers Deck. Gänzlich unerwartet ist das allerdings nicht, der Bereich eben südlich von Fiji‘s Hauptinsel Viti Levu ist für diese Bedingungen bekannt.
Immerhin können wir Kurs auf Neuseeland anlegen. Nach der Vorhersage sollte der Wind unterwegs ein kleines bisschen zu unseren Gunsten drehen und auch die Wellen dürften sich zumindest zwischenzeitlich etwas beruhigen.
Der erste Tag allerdings ist geprägt von viel Schräglage und wildem Geschaukel, nicht eben der perfekte Einstand. Immerhin sind wir recht flott unterwegs.
Essen: Wiebke hat eine Asia-Pfanne vorgekocht, die wird warm gemacht. Schon das ist bei den Bocksprüngen des Bootes nicht ganz ohne.
Etmal: 153 Seemeilen von Schiffsmittag bis Schiffsmittag, dazu 11 sm am ersten Vormittag. Also bisher 164 sm geschafft, noch etwa 890 sm vor uns.
Von Nacula segeln wir mit einem Stop auf dem schon bei der Hinfahrt besuchten Naviti Island noch weiter südlich die Perlenkette der Yasawas hinunter nach Waya. Wieder einmal beeindruckt uns die Unterschiedlichkeit der Inseln.
Von weitem wirkt Waya kantig, fast abweisend.
Aus der Nähe betrachtet offenbart sich die herbe Schönheit der Insel.
Schroff, fast senkrecht steigen am Ankerplatz die schwarzen Felsen auf, als wollten sie der Insel einen gehörnten Helm aufsetzen.
Von Mareike und ihrer Crew werden wir gleich bei unserer Ankunft begrüßt, einmal mehr haben wir einen schönen gemeinsamen Abend auf der Moana.
Als wir am nächsten Morgen weiterfahren, ziehen sich niedrige Wolken weit die Hänge herunter. Man könnte fast glauben, wir seien in Schottland.
Aber kaum sind wir aus der Bucht heraus, reißt der Himmel ein bisschen auf. Erste Sonnenstrahlen kämpfen sich durch die Wolkendecke, beleuchten die Palmen hinter dem Sandstrand. Doch nicht Schottland!
Fast vierzig Seemeilen sind es bis zu unserem Tagesziel, aber mit Segeln wird es leider nichts. Wir motoren die ganze Strecke bis nach Denarau. Warum tun wir uns das an, wir hätten doch auch gemütlich in Waya bleiben können? Ja, schon. Aber: es gibt ein Wetterfenster für die Passage nach Neuseeland. Und zum Ausklarieren müssen wir eben nach Denarau, dort haben wir (wie gefordert) mit zwei Tagen Vorlauf für Montag einen Termin mit den Behörden vereinbart. Außerdem können wir in Denarau noch Frischwaren für die Passage einkaufen und – ganz wichtig – den Dieseltank der Flora wieder auffüllen.
Über Funk melden wir uns bei der Bootstankstelle. Ein Boot wird gerade betankt, wir sollen in 15 Minuten kommen. Das passt perfekt. Eigentlich. Allerdings entpuppen sich die 15 Minuten als … „Fiji Time“. Eine weitere Yacht drängelt sich dazwischen, nicht so wild. Die andere Seite des Tanksteges wird von kleineren lokalen Booten so genutzt, dass immer mindestens eines die Hälfte des Platzes nutzt und damit den Tankplatz blockiert, na gut, wohl ein Vorrecht der Locals. Dann ist irgend etwas mit der Zapfanlage, auf einmal geht nichts mehr. Kommunikation? Nö.
Geschlagene zwei Stunden driften wir im Hafenbecken vor der kleinen Tankstelle herum.
Dann geschieht ein kleines Wunder: wir kommen doch noch dran. Und das Warten hat sich auch gelohnt. Floras 400 Liter Dieseltank ist wieder komplett gefüllt, wir müssen uns nicht mehr vor möglichen Flautenlöchern auf der etwa einwöchigen Passage nach Neuseeland fürchten. Und der Preis an der Zapfsäule ist angesichts der aktuellen Ölpreisentwicklung recht günstig: ein Liter Diesel kostet 3,20 FJD (ca. 1,25 €), Benzin für den Außenbordmotor des Dinghies ist mit 3,10 FJD (ca. 1,20 €) noch etwas billiger.
Morgen früh um 9.00 Uhr haben wir einen Termin zum Ausklarieren. Der umfangreiche Formularkram für Neuseeland ist schon eingereicht. Das Wetterfenster sieht gut aus, was den Wind angeht. Die Wellen werden vermutlich mit bis etwas über 3 m zwischenzeitlich unangenehm hoch sein, aber die Frequenz den Wellen ist mit rund 12 Sekunden immerhin einigermaßen lang. Sowas wird für diese Passage schon als recht gutes Wetterfenster verkauft. Es ist halt kein Wunschkonzert.
Tatsächlich benötigen wir nochmal 24 Stunden, bis wir unseren Port of Entry in Fiji erreichen: ziemlich genau um 12.00 Uhr mittags machen wir am Quarantäne-Steg der Nawi-Marina in Savusavu fest. Wir müssen nicht lange warten, dann bringt Dockmaster Trevor bereits die Dame von der Gesundheitsbehörde als erste Offizielle zu uns. Noch einmal beantworten wir auf zwei Formularen die Fragen zur Gesundheit an Bord. Es sind die gleichen Antworten, die wir im obligatorischen Online-Formular schon übermittelt hatten. Ein Blick in unseren Kühlschrank, einer in ein Lebensmittel-Schapp. Alles gut, die Rechnung über 169 Fijidollar (etwa 66 Euro) können wir am Montag im Büro der Behörde bezahlen. Nicht morgen am Freitag, da ist Feiertag. „Girmit-Day“.
Das müssen wir erstmal nachschlagen und stellen fest, dass dieser Nationalfeiertag tatsächlich eine ganze Menge über Fiji aussagt.
Girmit-Day ist einer der Nationalfeiertage in Fiji. Er erinnert an die über 60.000 indischen Vertragsarbeiter, die zwischen 1879 und 1920 von der britischen Regierung mit ausbeuterischen „Vereinbarungen“ (in Fiji-Hindi Girmit genannt) zur Arbeit auf den Zuckerrohrplantagen nach Fiji übersiedelt wurden. Mindestverpflichtung war 5 Jahre, nach 10 Jahren sollte die Regierung die Kosten für die Passage zurück nach Indien übernehmen. Die Arbeiter erhielten zwar Lohn. Was sie bei Vertragsunterzeichnung allerdings typischerweise nicht wussten: davon wurde der Großteil für Unterbringung und Verpflegung gleich wieder abgezogen. Praktisch konnten sie so kaum etwas sparen, schon gar nicht genug, um die vorzeitige Rückreise zu bezahlen. Die meisten blieben und bildeten damit die Grundlage für Fijis heutigem – keineswegs immer konfliktfreie – multikulturelle Gesellschaft. Über 37 % der Bevölkerung ist heute indischstämmig. 1987 waren es 49% und so gewannen indische Parteien erstmals die Wahlen. Mehrere Miltärputsche stellten in der Folge aber die Vorherrschaft der melanesischen Bevölkerungsmehrheit (heute ca. 57%) wieder her. Es gab Anfeindungen und Übergriffe gegen die ökonomisch dominierende indischstämmige Bevölkerungsminderheit und deren Eigentum. In der Folge wanderten viele gut ausgebildete indischstämmige Fijianer aus, was einen andauernden wirtschaftlichen Niedergang auslöste. Erst 2013 trat eine neue Verfassung in Kraft, mit der die bis dahin bestehenden politischen Vorrechte der „Urbevölkerung“ abgeschafft und politische Gleichberechtigung wieder hergestellt wurde. Der jüngst (2023) eingeführte Girmit-Day ist damit auch ein Symbol für den Versuch der Aufarbeitung der nationalen Geschichte und der Anerkennung der Indo-Fijis als integraler Bestandteil der Nation.
Zurück zum Einklarieren: einige Zeit später bringt Trevor die drei anderen Offiziellen zu uns: Zoll, Immigration und Biosecurity.
Wieder machen wir in Papierform die Angaben, die wir zuvor im C2C Formular „Advanced Notice of Arrival“ schon online übermitteln mussten. Aber wieder ist es auch unkompliziert und freundlich. Alles in allem sind wir zwei Stunden nach unserer Ankunft offiziell einklariert, die gelbe Quarantäneflagge können wir streichen und nur die Fiji-Flagge weht jetzt unter unserer Steuerbord-Saling.
Es ist die 31ste Gastlandflagge unserer Reise. 🇫🇯
Danach verholen wir vom Quarantänesteg in die eigentliche Marina.
An unserem Liegeplatz warten bereits mehrere Mitarbeiter auf uns, nehmen unsere Leinen an und singen uns ein Begrüßungsständchen.
Das Ständchen endet mit einem enthusiastischen „Bula!“ (Gesprochen: Mbula) Das ist die traditionelle Begrüßung in Fiji. Und wir bekommen ein Salusalu umgehängt. Die handgemachte Blumengirlande ist nicht nur ein herzliches Willkommen, sondern symbolisiert Respekt und ist zentraler Teil der fijianischen Kultur und Gastfreundschaft.
Was für eine Begrüßung.
Überhaupt: die Nawi-Marina überrascht uns sehr positiv. Stege und Anlagen sind in Top-Zustand. Ein bisschen haben wir das Gefühl, in einem Luxusressort gelandet zu sein. Mit 9 qm Individual-Badezimmern einschließlich Außendusche, einem Endless-Pool mit Blick über den Hafen und Swim-in-Bar für unseren Morgenkaffee sowie vielen liebevollen Details. Andererseits: zum Ausgleich der anstrengenden Überfahrt von Neuseeland haben wir uns vielleicht ein wenig Luxus verdient und mit 176 Euro für eine ganze Woche, also gerade 25 Euro pro Tag ist dieser Luxus dann doch auch nicht eben exorbitant teuer.
Trotz des bedeckten Himmels mit regelmäßigen Schauern und der für uns ungewohnten Wärme und Luftfeuchtigkeit ein richtig guter Start in Fiji.
Es bleibt abwechslungsreich. Wir wechseln wieder mehrfach die Seite, auf der wir die Fock fahren, der Großbaum bleibt mit Bullenstander gesichert an Backbord. Diesmal sind aber auch zwei Flautenfelder dabei, in denen wir erst relativ lange sutje vorwärts dümpeln und dann doch einmal eine dreiviertel Stunde, ein andermal gar drei Stunden motoren.
Ansonsten aber ist es ein schöner, variantenreicher Segeltag. Klar, auch mal ein Squall dazwischen mit mehr Wind und auch etwas Regen. Aber die ganze Segelgarderobe kommt zum Einsatz, neben Fock und Großsegel sowohl Code0 als auch der große blaue Gennaker.
Letzterer zieht uns – Land Ho! – zwischen den ersten zu Fiji gehörenden Inseln hindurch. Zunächst erspähen wir Matuku Island:
Diese Insel böte zwar auch Ankerplätze, aber bisher dürfen wir dort noch nicht hin. Als erstes muss einer der ausgewiesenen „Port of Entry“ zum Einklarieren angelaufen werden. Neben dem industriellen Hafen des Hauptortes Suva wären das Lautoka sowie die Marinas Vuda und Denerau (jeweils auf der weit westlich gelegenen Hauptinsel Viti Levu), zudem das völlig abgelegen auf halbem Weg nach Tuvalu liegende Rotuma. Die beiden von uns bevorzugten Ports of Entry sind Levuka und Savusavu, denn sie liegen weiter im Osten von Fiji. Das soll uns nach dem Einklarieren den Weg in die nochmals weiter östlich liegenden Inseln der Lau-Gruppe erleichtern, denn dorthin gilt es gegen den vorherrschenden Südostpassat zu navigieren.
Obwohl Levuka dafür noch ein bisschen günstiger wäre, haben wir uns zum Einklarieren in Savusavu auf Fijis zweitgrößter Insel Vanua Levu entschieden. Hier finden sich bessere Einkaufs- und Versorgungsmöglichkeiten. Da wir ja keine frischen Sachen einführen dürfen ist das nicht ganz unerheblich, zumal es uns danach zunächst in die abgelegenen Lau-Gruppe zieht.
Etmal: 114 Seemeilen, gesamt bisher seit Minerva 255 Seemeilen, noch zu Segeln bis Savusavu etwa 150 Seemeilen.
Essen: Bratkartoffeln mit Rührei, Möhren und Bacon.