Passage Opua nach Minerva, Tag 2

Schnelles Segeln, allerdings werden die Wellen höher und leider auch steiler. Etwa 2 bis 2,5 m hoch rollen sie seitlich an, die meisten laufen unter der Flora hindurch und wiegen sie hin und her. Immer mal wieder ist aber auch ein Dwarslöper dazwischen, der mit voller Wucht an die Bordwand klatscht und uns ordentlich durchschĂŒttelt.

Diese Bedingungen lassen dann auch bei Wiebke und mir ein flaues GefĂŒhl im Magen aufkommen. Nicht dramatisch, aber eben auch nicht schön. Wir nehmen eine Seekrankheitstablette, und wir liegen viel, schlafen viel.

Ein unbekanntes fiependes GerĂ€usch im Mastbereich schreckt uns auf, es entpuppt sich nach einiger Suche als Fehlalarm des Wassermelders in der Bilge am Mastfuß.

Mehr Sorge macht uns danach bei einer besonders widrigen Welle ein Knarz- oder DurchrutschgerĂ€usch in der Steuerung. Die Nullstellung des Steuerrads scheint sich dabei verstellt zu haben. Kein großer Spaß, bei diesen Bedingungen die Achterkoje auseinander zu nehmen und den Quadranten freizulegen. Muss aber sein. Die Klemmschrauben am Ruderschaft scheinen aber fest zu sein. Wir wechseln vom Lewmar auf den Furuno-Autopiloten und bisher ist das GerĂ€usch nicht wieder aufgetreten. Das mĂŒssen wir uns aber wohl in Ruhe am nĂ€chsten Ankerplatz noch einmal genauer anschauen.

Etmal 169 Seemeilen, gesamt bisher 320 Seemeilen. Noch zu Segeln bis Minerva ca. 490 Seemeilen.

Essen: Wiebke schafft es, trotz der Bedingungen noch einen HĂŒhnernudeltopf zu kochen.

Passage Opua nach Minerva, Tag 1

Um 9.15 Uhr haben wir einen Termin beim Zoll zum Ausklarieren. Das Online-Formular (C2B, Advanced Notice of Departure) dazu mussten wir schon vor der Terminvereinbarung per Email einreichen, dazu Passkopien,Bootspapiere und ein aktuelle Foto vom Schiff.

Beim Ausklarieren geht es dann alles ganz schnell. Ein paar Fragen, das Abgeben des gelben Zettels der Mehrwertsteuerbefreiung fĂŒr alle bootsrelevanten EinkĂ€ufe und Dienstleistungen (TIE) und schon wĂŒnscht man uns gute Reise.

👋

Diese Mischung zwischen etwas Wehmut beim Abschied und der Vorfreude auf die kommende Reise berĂŒhrt uns jedes Mal aufs Neue. Auch an diesem Morgen beim Aufwachen geht uns das so und wir sprechen darĂŒber. Ein neuer Abschied, ein neuer Start.

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschĂŒtzt und der uns hilft, zu leben. Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten.“ (aus dem Gedicht Stufen von Hermann Hesse).

Um 9:30 legen wir ab, motoren ein kleines StĂŒck durch den Veronika-Channel aus dem Waikare Inlet. Als wir an Russel vorbei sind, öffnet sich die Bucht etwas und der Wind reicht gerade eben so zum Segeln. Ganz langsam schiebt sich die Flora aus der Bay of Islands hinaus. Jayne und James mit der Scout schließen motorsegelnd zu uns auf. Als am Ausgang der Bay of Islands der Wind zunimmt und die Segel richtig fĂŒllt, können wir so noch gegenseitig Fotos von unseren Booten beim Abschied aus Neuseeland machen.

Wir haben beide das Ziel Minerva.

Der erste Nachmittag ist dann wunderherrliches Code0-Segeln bei Traumwetter.

Zum Abend wechselt die Scout auf den Solent, wir auf die Fock. Aber ĂŒber die Nacht wird der Abstand zwischen unseren Booten trotzdem grĂ¶ĂŸer und so können wir die Scout heute nicht mehr sehen. Trotzdem gut, sie in der NĂ€he zu wissen.

In den ersten 24 Stunden haben wir 135 Seemeilen zurĂŒckgelegt, bis zum Schiffsmittag heute 151 Seemeilen.

Essen: HĂ€hnchen in Pilz-Sahnesoße mit Brokkoli.

Auf zur „Bay of Islands“ in Neuseeland

Eines der beliebtesten und bekanntesten Segelreviere Neuseelands ist die „Bay of Islands“ an der NordostkĂŒste der Nordinsel. Etwa 20 km schneidet sie ins Landesinnere hinein, wird dabei bis zu 16 km breit. Trotz dieser ĂŒberschaubaren Ausmaße weist sie offiziell 144 Inseln auf. Bei dieser ZĂ€hlweise mĂŒssen offenbar neben kleinsten Inselchen auch grĂ¶ĂŸere Felsen eingeflossen sein. Dennoch bieten sieben grĂ¶ĂŸere Inseln und eine Vielzahl sich vom Festland in die Bucht hinein erstreckender Halbinseln so viele Buchten und damit AnkerplĂ€tze, dass sich bei jeder Windrichtung ein geschĂŒtztes PlĂ€tzchen finden lĂ€sst.

Außerdem findet sich mit dem Örtchen Opua in der Bay of Islands Neuseelands nördlichste Gelegenheit zum Ein- und Ausklarieren. Damit bietet es sich förmlich an, in der Bay of Islands auf ein Wetterfenster fĂŒr den Absprung nach Fiji zu warten.

Whangārei Harbour verabschiedet uns mit einem krÀftigen Schauer, aber als wir die Whangārei Heads passiert haben, klart es dann auf.

Und so wird es ein richtig schöner Segeltag. Zwar segeln wir meist hoch am Wind an der OstkĂŒste hinauf, aber wegen des ablandigen Windes baut sich keine starke Welle auf. So war das geplant, fein, wenn es auch eintrifft. Unser Tagesziel ist die gut 52 Seemeilen entfernte Bucht Whangamumu.

Ein Traum. Die Bucht in der zerklĂŒfteten KĂŒste bietet in ihrer SĂŒdwestecke die Einfahrt in eine nochmals besser geschĂŒtzte zweite Bucht.

Drumherum fast nur Natur, lediglich ein paar unauffĂ€llige Ruinen einer alten Walfangstation am Ufer. Das mĂŒssen wir uns natĂŒrlich ansehen. Ein Hinweisschild erlĂ€utert, dass frĂŒher Wale in die innere Bucht getrieben wurden, die dann mit einem Netzt abgesperrt wurde. Bis zu 10 Wale im Jahr konnten dann mit Harpunen erlegt werden. In der Walfangstation wurde der Walspeck dann zu Öl verarbeitet. In spĂ€teren Jahren (Anfang des 20. Jahrhunderts) gab es dann ein dampfbetriebenes Harpunierschiff, mit dem außerhalb der Bucht gejagt wurde. Bis zu 50 Wale im Jahr wurden damit erlegt und ebenfalls zur Weiterverarbeitung in die Bucht gebracht. Ein paar rostige Maschinenteile, die aus Beton gegossenen Kochstellen und ein von der Natur schon fast zurĂŒckerobertes ehemaliges Maschinenhaus sind noch zu sehen.

Wir wandern noch ein kleines StĂŒckchen weiter zu einem Wasserfall mit Dusch- und Badebecken. In die andere Richtung verlĂ€uft ebenfalls ein schmaler Wanderpfad, der aber nach 100 Metern schon wieder endet (fĂŒr uns, abgesperrt ist es nicht). Nur noch fußbreit lĂ€uft er am steilen Hang entlang weiter, den Rest hat offenbar kĂŒrzlich ein Erdrutsch mitgenommen. Auch die ĂŒbrigen HĂ€nge um die Bucht herum weisen vielfach die Narben frischer Erdrutsche auf. Ob das Vaianu war oder schon die starken RegenfĂ€lle davor?

Wie auch immer, der Schönheit von Whangamumu tut es keinen Abbruch.

Wir wĂŒrden gerne noch bleiben, aber ab ĂŒbermorgen ist krĂ€ftiger Nordwestwind angesagt, nicht eben ideal fĂŒr unsere weitere Route. Deshalb geht es nach diesem herrlichen Zwischstopp schon am nĂ€chsten Morgen weiter nach Norden, nun wirklich zur Bay of Islands.

Wieder können wir wunderbar segeln.

Wir segeln sogar einen Kringel um die unverkennbare Landmarke am Cape Brett, das von uns so getaufte halbversunkene Mammut (die Insel Motukokako, besser bekannt als „Hole in the Rock“).

Fotosession am 148 m hohen Mammut 🩣:

Cape Brett markiert zugleich den Eingang in die Bay of Islands, die Halbinsel des Caps ist die Nordostspitze der Bucht. Wir biegen also am Mammut links ab. Unser erstes Ziel in der BOI (Bay of Islands, viele Kiwis lieben offenbar AbkĂŒrzungen) ist gleich deren grĂ¶ĂŸte Insel: Urupukapuka (die MaorĂ­ ziehen den AbkĂŒrzungen offenbar Dopplungen vor).

Wir wissen bis dahin noch nicht so recht was uns erwartet, aber Segelfreunde hatten uns von der Bay of Islands viel vorgeschwÀrmt.

Und so sieht unsere erste Ankerbucht aus, die Urupukapuka Bay:

Noch am Abend machen wir einen ersten kleinen Hike auf der Insel, am nĂ€chsten Morgen gleich einen zweiten, deutlich lĂ€ngeren. Die Wanderpfade auf Urupukapuka sind gut markiert. Sie fĂŒhren kreuz und quer ĂŒber das etwa drei Quadratkilometer große Eiland, manchmal unmittelbar an den AbgrĂŒnden der steilen Klippen entlang, hinab zum Strand einer Bucht und wieder hinauf auf die Klippen. Mal ĂŒber Schafweiden, dann wieder durch dichte niedrige WĂ€lder aus SĂŒdseemyrthe. Das etwas weichere Manuka und das hĂ€rtere Kanuka werden auch Teebaum genannt. Aus dem Nektar machen die Bienen den berĂŒhmten Hanuka-Honig. Wir sind erstaunt, das diese BĂ€ume jetzt im Herbst noch BlĂŒten tragen.

Ganz verlustfrei geht der Hike nicht ab. An Wiebkes linker Sandale löst sich die Sohle. Barfuß weiter? Aber nein, Notreparaturen sind wir ja gewohnt: ein Haarband wird geopfert und fĂŒr den Rest des Hikes hĂ€lt das ganz tatsĂ€chlich auch.

Die Aussichten auf der Wanderung sind phÀnomenal.

Was aber fast noch beeindruckender ist und diesen Hike ganz besonders macht: Urupukapuka ist – wie einige andere Inseln in der BOI – seit 2008 offiziell „mammal pest free island“. Alle vom Menschen eingefĂŒhrten fĂŒr die heimische Tierwelt schĂ€dlichen SĂ€ugetiere (wie MĂ€use und Ratten, aber auch Katzen und Hunde) gibt es auf Urupukapuka nicht mehr. Die heimische Tierwelt kann sich hier wieder erholen und wurde zum Teil auch extra wieder angesiedelt. Kiwi-Vögel sehen wir zwar nicht (KunststĂŒck, wir sind ja tagsĂŒber unterwegs). Was aber deutlich auffĂ€llt, ist der fast ĂŒberall prĂ€sente melodische Gesang der Tui. Das hatten wir bisher so noch nirgends in Neuseeland. Es braucht ein bisschen, ehe wir die eher scheuen Vögel auch entdecken. In der Ferne sieht man sie manchmal auf einem erhöhten Zweig, bei AnnĂ€herung verstecken sie sich aber gerne im dichten GeĂ€st der Manuka oder anderer BĂ€ume. In deren Schatten fallen ihr dunkles Gefieder und die weißen Federpuschel am Halsansatz dann kaum auf. Im Sonnenlicht dagegen entfaltet das Federkleid seine eigentliche Pracht.

Außerdem sehen wir erstmals die relativ kleinen endemischen Neuseelandpiper:

Zudem weitere endemische Vogelarten wie die meisenartigen Neuseeland-Fantails (Pīwakawaka) und die neuseelÀndischen Austerfischer.

Und natĂŒrlich, im weichen Abendlich besonders farbenfroh, die neuseelĂ€ndischen PurpurhĂŒhner, hier PĆ«keko genannt.

Ein elementar anderes, aber ebenfalls tierisches BegrĂŒĂŸungsgeschenk in der Bay of Islands gibt es am Abend an der Flora:

Delfine kommen in unsere Ankerbucht, erjagen sich ihr Abendbrot und spielen anschließend ganz dicht um die Boote herum.

Was fĂŒr ein Empfang. Erster Eindruck: hier lĂ€sst es sich aushalten. â˜ș

Leinen wieder los!

Der Wecker wĂŒrde um 6.00 Uhr klingeln, aber wir sind schon kurz vorher wach. Es geht endlich wieder los, unsere Segelsaison startet.

Kurz nach dem Morgenhochwasser laufen wir um 6.45 aus, der Hatea River ist fĂŒr uns allenfalls etwa bis zur halben Tide befahrbar, jedenfalls mĂŒssen wir bis dahin den Kawaka Point vor der Halbinsel Onerahi passiert haben. Weiter flussabwĂ€rts ist es dann auch bei Ebbe tief genug. Klappt heute wunderbar, das Wetter spielt auch mit. Mehrere schöne Regenbögen, aber nur ein klitzekleiner Schauer auf den 10 Seemeilen zum Ankerplatz in der Munro Bay.

Eigentlich könnten wir bei dem vorwiegend achterlichen Wind auch segeln. Stattdessen brummt durchgehend der Motor, denn wir wollen die Antriebswelle (genau genommen deren prĂ€zise Ausrichtung) in verschiedenen Drehzahlbereichen des Motors ausgiebig testen. Durch die erneuerten MotorfĂŒĂŸe sowie das neue Wellenlager und die neue Wellendichtung musste die Ausrichtung von Motor und Antriebswelle neu abgestimmt werden. Wirklich ĂŒberprĂŒfen lĂ€sst sich dass erst in Fahrt und so arbeiten wir uns auf diesem ersten kurzen Törn durch die verschiedenen Lastbereiche. Zum GlĂŒck gibt es keine AuffĂ€lligkeiten, das „alignment“ scheint in Ordnung zu sein.

Die Munro Bay hat eine relativ seichte Zufahrt, typisch fĂŒr das mit SandbĂ€nken durchzogene aufgefĂ€cherte Flussdelta des Hatea, wird aber an drei Seiten flankiert von den hĂŒgeligen AuslĂ€ufern der Whangārei Heads. Damit bietet sie auch gegen die aktuell in Böen krĂ€ftigen Westwinde recht guten Schutz. In der Munro Bay ankert schon die Freydis (eine Malö 46) unserer australischen Freunde Paula und Jim. Das passt, so können wir gemeinsam mit dem Dinghy am flachen und bei Ebbe trocken fallenden Scheitel der Bucht anlanden und einen schönen Spaziergang machen.

Es ist erstmal nur ein kurzes Wiedersehen, denn unsere Wege werden sich morgen schon wieder trennen, bevor wir uns hoffentlich in Fiji wieder treffen. Die beiden möchten ein StĂŒckchen weiter nach SĂŒden segeln. Wir dagegen haben entschieden, das kurze passende Wetterfenster zu nutzen, um in nördliche Richtung zur Bay of Islands aufzubrechen.

Vorkehrungen fĂŒr Ex-Zyklon Vaianu

Ein Thema dominiert derzeit die Nachrichten hier in Neuseeland:

Bei vielen Kiwis werden Erinnerungen an den Zyklon Gabrielle wach, der im Februar 2023 Neuseeland traf, 11 Tode verursachte und immense SchĂ€den anrichtete. Nicht nur die brutalen Winde, sondern vor allem die mit Gabrielle einhergehenden sintflutartigen RegenfĂ€lle sorgten unfassbare 140.000 dokumentierte Erdrutsche und in der Folge auch fĂŒr zum Teil tagelange StromausfĂ€lle, lĂ€ngere Zeit gesperrte Straßen und zerstörte BrĂŒcken.

Wie damals Gabrielle war jetzt auch Vaianu zwischenzeitlich ein Zyklon der Kategorie drei. Zum GlĂŒck fĂŒr die tropischen Inselgruppen ging er zwischen Vanuatu und Fiji hindurch, Landfall wird Vaianu dann Samstag/Sonntag (hoffentlich schon deutlich abgeschwĂ€cht) in Neuseeland machen.

Wieso eigentlich abgeschwĂ€cht? Tropische WirbelstĂŒrme (je nach Region Hurrikan, Taifun oder Zyklon genannt) benötigen Wassertemperaturen von ĂŒber 26,5° Celsius, um zu entstehen. Der „Treibstoff“ dieser WirbelstĂŒrme ist die sehr warme und sehr feuchte Luft, das Aufsteigen großer Mengen verdunstenden Wassers. Das Wasser kondensiert dann in der kĂ€lteren Höhenluft, wobei enorme Mengen an Energie freigesetzt werden. Das erklĂ€rt auch die immensen Regenmengen, die diese WirbelstĂŒrme mit sich bringen.

Jetzt im SĂŒdhalbkugel-Herbst (wo der April dem Oktober der Nordhalbkugel entspricht) ist das Wasser um Neuseeland herum nicht mehr ganz so warm, insbesondere im SĂŒden.

Aktuell sieht die Temperaturverteilung so aus:

In OrkanstĂ€rke blĂ€st Vaianu daher schon jetzt nicht mehr. Wirklich entspannen kann Neuseeland deswegen aber noch nicht. Zu groß, zu mĂ€chtig ist das System noch. Mehr als deutlich wird das auf den aktuellen Satellelitenaufnahmen:

Und noch immer schiebt der Sturmwirbel Wassermassen vor sich her, die sich zur Höhe dreistöckiger GebĂ€ude auftĂŒrmen. FĂŒr die KĂŒste vor Whangārei werden bis zu 9 m hohe Wellen vorhergesagt.

Vor allem aber wird befĂŒrchtet, dass die starken RegenfĂ€lle bei den ohnehin von vorangegangenen Tiefdruckgebieten durchfeuchteten Böden an steileren HĂ€ngen erneut starke Erdrutsche auslösen könnten.

Unmittelbar von solchen „Landslides“ betroffen dĂŒrften wir auf der Flora hier im Hafen von Whangārei zum GlĂŒck nicht sein. Um unseren Liegeplatz herum gibt es eher sanfte HĂŒgel. Hinsichtlich etwaiger StromausfĂ€lle wĂ€ren wir auf unserem Boot ja ohnehin autark. VorrĂ€te haben wir eingekauft. Heute gilt es also, Flora so sturmsicher wie möglich zu vertĂ€uen. Außerdem bauen wir das Bimini ab, um die Windlast zu verringern, sichern die Segel doppelt, fĂŒllen den Frischwassertank auf, laden die Batterien voll und nehmen die Starlinkantenne ab (sie funktioniert mit EinschrĂ€nkungen auch im Boot).

Und jetzt heißt es abwarten.

Und 
 warme Socken stricken, weil der Wind ĂŒber SĂŒd herumdrehen und kalte Luft hier heraufschaufeln wird. Ganz klassisch, Wiebke strickt rosa Socken, ich blaue.

Refit der Flora in Neuseeland

„Refit“, das trifft es eigentlich ganz gut. Es war einfach mal wieder an der Zeit, unserer Flora eine Kur zu gönnen, sie wieder richtig fit zu machen. Seit fast sieben Jahren leben wir auf dem Boot, die vielen Jahre unterwegs haben Spuren hinterlassen. Klar, wir haben unterwegs immer wieder, eigentlich laufend, an ihr gearbeitet. Aber insbesondere die letzten Jahre in den etwas abgelegeneren Ecken des Pazifik haben fĂŒr einen gewissen Service-Stau gesorgt. Zuletzt (und auch nur kurz) aus dem Wasser gekrant hatten wir das Schiff ja in Kanada. Neuseeland ist – was Ersatzteilversorgung und auch maritimen Service angeht – ein ausgesprochen guter Ort dafĂŒr, diesen Stau abzuarbeiten. Trotz der guten Infrastruktur hat das am Ende deutlich lĂ€nger gedauert als zunĂ€chst veranschlagt, das war ja in den letzten BeitrĂ€gen bereits Thema. Aber ein Blick auf die Gesamtliste erklĂ€rt das schon ein bisschen.

  • Motor: große Inspektion, neue MotorfĂŒĂŸe, neuer Turbolader, EinspritzdĂŒsen geprĂŒft, neuer WĂ€rmetauscher, neues Motorinterface zum NMEA 2000 Netzwerk, neuer Anlasser (bisheriger als Ersatzteil, getauscht)
  • Antriebswelle: neues Wellenlager, neue Wellendichtung
  • Getriebe: Ölwechsel und Filterwechsel, Aquadrive-Kupplung ausgebaut und ĂŒberprĂŒft
  • Schaltung: neuer Schalthebel an der SteuersĂ€ule
  • Dieselgenerator: Instandsetzung nach Ausfall. Verstopftes Auspuffknie gereinigt, ebenso WĂ€rmetauscher und Wasserabscheider, KĂŒhlflĂŒssigkeit erneuert, Ausgleichstank fĂŒr KĂŒhlflĂŒssigkeit neu verlegt, neue AuspuffschlĂ€uche
  • BorddurchlĂ€sse und Seeventile: 23 BorddurchlĂ€sse (davon 17 im Unterwasserschiff) auf TrueDesign KompositborddurchlĂ€sse umgestellt
  • FĂ€kalientanks: beide Schwarzwassertanks durch neu gefertigte Edelstahltanks ersetzt, diverse Leitungen und Ventile ebenfalls erneuert
  • Segel: vom Segelmacher durchgesehen, UV-Schutz an Fock und Großsegel erneuert, Großsegelunterliek repariert
  • Solarpanel: zwei zusĂ€tzliche Panel je 100 Wattpeak auf den Davids (zusĂ€tzlich zu dem 430 WP Panel, dafĂŒr neuen Aluminiumrahmen schweißen lassen. Zwei der vier 100 WP Panel auf dem Bimini erneuert
  • Bimini: repariert, neue Fensterfolie fĂŒr den Blick in die Segel, nachgenĂ€ht und Klett erneuert
  • Navigationsinstrumente: Neuer Monitor am Kartentisch fĂŒr den Bordcomputer, ORCA Navigation (ORCA Core und Display) ergĂ€nzt
  • Unterwasserschiff komplett ĂŒberarbeitet, Schadstellen heruntergeschliffen und neu aufgebaut, ĂŒber alles eine Epoxi-Sperrschicht und 5 neue Schichten Epoxi-Coppercoat
  • SĂ€mtliche Polster im Salon, am Kartentisch und Sitz in der Achterkoje neu bezogen, Umbau der „Runden Ecke“ im Salon auf eckig
  • Waschmaschine neu (im vorderen Bad, Camec II 4 KG)
  • WasserhĂ€hne und Dusch-Armaturen in beiden BĂ€dern neu
  • Herd/Backofen neu (Kardanik in altem Herd war ausgerissen, zudem neu: Grillfunktion)
  • Ocean-Air Rollos repariert, mit neuen Verdunklungsstoffen und neuen MĂŒckennetzen versehen
  • Gardinen im Achterschiff erneuert (selbst genĂ€hte Verdunklungsgardinen)
  • Laufendes Gut: Großsegelausholer erneuert
  • Wassermacher: Ölwechsel, Fitting neu eingedichtet, neue Membran (deren Einbau erfolgt aber erst, wenn wir wieder in klarem Meerwasser sind)
  • Bugstrahlruder: neue Propeller, neues Antifouling im Tunnel
  • Kielnaht erneuert
  • Anoden: neue Zinkanoden an Welle, Propeller, Bugstrahlruder und KĂŒhlschrank (KĂŒhlungen in den BordduchlĂ€ssen der KĂŒchenspĂŒle)
  • Gelcoat: kleinere SchĂ€den im Bereich des Hecks repariert
  • Rumpf poliert (ĂŒber der Wasserlinie)
  • Spiegel in beiden BĂ€dern neu

Eine kleine Auswahl mit Vorher-, Chaos- und Nachher-Fotos:

Die Spiegel sind ĂŒbrigens nach einer kleiner Irrversendung quer durch Neuseeland heute erst hier angekommen. Egal, besser spĂ€t als nie und wir sind ja noch hier. Letzteres allerdings nur, weil quasi in der Nachbarschaft Zyklone (so wird ein Hurrikan auf der SĂŒdhalbkugel genannt) unterwegs sind. Die Zyklonsaison dauert im SĂŒdpazifik regulĂ€r noch bis Ende April. Erst danach wollen wir uns Richtung Fiji aufmachen. Denn jetzt sieht es in den Tropen nördlich von Neuseeland so aus: wĂ€hrend nordöstlich von Australien der tropische Zyklon Maila fast stationĂ€r seine Runden dreht, steuert der tropische Zyklon Vaianu gerade an Fiji vorbei sĂŒdwĂ€rts Richtung Neuseeland. Dabei wird er sich ĂŒber dem kĂ€lteren Wasser abschwĂ€chen (derzeit ist Vaianu in der Kategorie 3 eingestuft), aber nach bisheriger Prognose erwarten wir in Neuseeland zum Wochenende schlechtes Wetter mit extremen RegenfĂ€llen und sehr starken, in der Richtung drehenden Winden. Da bleiben wir lieber noch ein wenig hier im gut geschĂŒtzten Whangārei etwa 30 Kilometer flussaufwĂ€rts der KĂŒste.

Nebenbei sind wir Dauergast in den großen SupermĂ€rkten von Whangārei und stocken jetzt auch schon die langfristigen ProviantvorrĂ€te auf Flora fĂŒr die kommende Saison wieder auf.

Aller guten Dinge sind 
 ?

Am Ende wird alles gut. Wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende!

Nach dem Hinein- und Hinauskranen der Flora am Dienstag war Arbeit an den drei leckenden Seeventilen angesagt und dann am Mittwoch wieder Travellift.

Mittwoch: Same procedure

Leider Murmeltiertag. FrĂŒhmorgens rein, erneut ein undichtes Seeventil feststellen, gleich wieder raus. Wieder ist das Seeventil des achteren WC-Auslasses undicht. Es ist wirklich kaum zu erreichen, im Motorraum eingezwĂ€ngt zwischen dem Volvo, dem vom Vorbesitzer eingebauten Generator sowie dessen Seeventil nebst SchlĂ€uchen und dem Schott zum Bad. Jetzige Diagnose: wahrscheinlich war deshalb beim Einbau (fĂŒr Dienstag) das Seeventil schief auf den Borddurchlass gesetzt. Damit wurde das Gewinde des TrueDesign-Borddurchlasses verletzt, das neue Seeventil (fĂŒr Mittwoch) konnte also wieder nicht dichten. Der Borddurchlass muss ganz raus (also auch neues Coppercoat Antifouling drauf). Akkordarbeit fĂŒr die Handwerker und neuer Krantermin am Donnerstag.

Frust bei uns. Zur BewĂ€ltigung (oder Kompensation?) machen wir eine spontane Gewalttour nach Auckland und zurĂŒck. Unser Ziel ist das „RV Super Centre“, ein riesiges Zentrum fĂŒr neue und gebrauchte Wohnmobile. Was soll das jetzt, geht der Frust so weit, dass wir an eine Landyacht denken?

🧐 . Nein, natĂŒrlich nicht.

Aber im RV Super Centre gibt’s auch einen Zubehörshop und der bietet eine Waschmaschine an, die unserer schon seit Panama irreparabel kaputten Candy 3,5 kg recht nahe kommt. Die Camec RV II 4 kg ist – wie könnte es anders sein – minimal zu groß. Limitierend sind auf der Flora die TĂŒr zum vorderen Bad mit 47 cm Breite, zudem ist das Loch fĂŒr den Einbauort der Waschmaschine (von der Dusche aus) nur 51,5 cm breit und 75 cm hoch.

Die Camec misst 70 x 51 x 49 cm. Wir mĂŒssen sie uns vor Ort anschauen, um zu sehen, ob und ggfs. was demontierbar ist oder ob wir das ganze GehĂ€use auseinander bauen mĂŒssten.

Und so sieht’s dann aus: wenn wir die WaschmaschinentĂŒr abbauen, gewinnen wir etwa zwei Zentimeter. Das wĂ€re einfach und könnte gerade so ausreichen. Schlimmstenfalls mĂŒssten wir die RĂŒckwand auch auseinandernehmen. Allerschlimmstenfalls passt die Maschine dann trotz neuem, etwas kleinerem Holdingtank im gleichen Stauraum immer noch nicht. Puh. Schwierige Entscheidung. Wir riskieren es und kaufen die Waschmaschine. Schließlich war in Panama, den USA, Kanada und Mexiko keine passende zu bekommen, da dort die Stromnetze und somit fast alle ElektrogerĂ€te jeweils auf 110 V 60 Hz und nicht auf die von uns benötigten 230 V 50 Hz ausgelegt sind. Ein Import aus Europa hĂ€tte das Dreifache des Preises der Waschmaschine verschlungen. Außerdem gab es ĂŒberall Waschsalons. Die Inseln im Pazifik: keine vernĂŒnftigen kleinen Maschinen. Also: jetzt hier in Neuseeland, wenn sich irgendeine Chance bietet: nutzen.

Die Camec bleibt allerdings erst einmal im Kofferraum unseres Autos.

Donnerstag: Krantermin zum Dritten!

Wieder hÀngt Flora in den Seilen des Travellifts, wird langsam ins Wasser gelassen und bleibt in den Seilen, bis wir das ok geben.

Mechaniker Byron kontrolliert das vermaledeite Ventil im Motorraum: dicht! Endlich.

Die Seile werden gelöst wir motoren zum Liegeplatz am Steg. Durchatmen. Danach geht Wiebke die Ventile alle noch einmal durch und 
 da ist doch ein Tropfen am Seeventil unter dem Waschbecken im achteren Bad? Trockenwischen, warten. Mist, ein neuer Tropfen bildet sich. Das darf doch nicht wahr sein. Ich schließe das Seeventil, wische alles noch mal trocken, lege drumherum KĂŒchentĂŒcher aus. Sie bleiben um das Ventil des Waschbeckenauslasses herum trocken, aber das Ende am Ventil des Decksablaufes wird etwas feucht.

Byron kommt und prĂŒft. Und prĂŒft. Und prĂŒft. Ergebnis: Borddurchlass und Seeventil sind dicht, bei geschlossenen Seeventilen passiert also nichts, wir können im Wasser bleiben. Die beiden SchlauchanschlĂŒsse oberhalb dieser beiden Seeventile mĂŒssen aber neu abgedichtet werden. Na Klasse. Aber immerhin GlĂŒck im UnglĂŒck: nicht nochmal kranen, dann könnten wir erst nach Ostern wieder ins Wasser.

Aber auch so, dreimal kranen innerhalb von drei Tagen, das ist ein Novum fĂŒr uns. Wenn möglich, möchten wir das auch nicht wiederholen.

(Kar-)Freitag: wir bereiten das Projekt Waschmaschine weiter vor. Ich verlege die SchlĂ€uche im Waschmaschinen-Kabbuff etwas anders, um oben mehr Platz zu schaffen. Messe alles noch einmal aus, zeichne an den WĂ€nden mit Bleistift Markierungen an. Baue die TĂŒr zum Waschmaschinenkabuff und die große TĂŒr vom Salon zum Vorschiff aus. Schraube den Salontisch ab und schiebe ihn ganz zum Sofa. Soviel Platz schaffen wie möglich. Auch das Steuerrad im Cockpit wird ausgebaut.

Ben von der „Kujira“ kommt uns zu Hilfe. KrĂ€ftig und super schlank, das wird helfen. Und tatsĂ€chlich, wir wuchten die Maschine ĂŒber die Reling und ins Cockpit, entfernen die schĂŒtzende Verpackung. Dann die Treppe herunter in den Salon. TĂŒr der Waschmaschine abschrauben. Es klappt, wir kommen durch die TĂŒrdurchlĂ€sse gerade so eben durch. Wir verbinden den Wasserzulauf, binden das Stromkabel und de Abwasserschlauch an die zuvor gezogenen Pilotleinen und zirkeln mit etwas MĂŒhe die 45 Kilogramm der Camec durch die enge Öffnung, wobei sich Ben tatsĂ€chlich noch zwischen Duschwand und Maschine quetschen kann. Drin, passt wie angegossen. WaschmaschinentĂŒr wieder dran, mit Spanngurt herunterzurren, anschließen, fertig.

Flora schwimmt und wir haben sogar wieder eine Waschmaschine. Hurra!

Wunderland in vielerlei Form: Alice, Hobbits und die Flora

Gemeinsam mit Barbara und Ralph beziehen wir unser nĂ€chstes AirBnB, diesmal im fast vier Fahrstunden nördlich von Napier gelegenen StĂ€dtchen Gisborne. Schlechtes Wetter ist angekĂŒndigt, aber der zu Neuseelands East Cape hinfĂŒhrende Gebirgszug der RaukĆ«mara Range sollte in Gisborne eigentlich das Schlimmste abhalten. Das klappt auch, einen Regentag verbringen wir mit Spielen in unserer „Alice in Wonderland“-Villa. Das ĂŒber 100 Jahre alte Holzhaus ist tatsĂ€chlich nicht nur so benannt, sondern liebevoll-skurril englisch-plĂŒschig eingerichtet mit vielen „Alice“-BezĂŒgen.

Wir genießen die ruhige Zeit mit unseren Schweizer Freunden, von denen wir hier erst einmal Abschied nehmen mĂŒssen. Aber in Fiji gibt’s hoffentlich ein Wiedersehen.

Von Gisborne aus fĂŒhrt uns unser Weg bei jetzt wieder besserem Wetter quer ĂŒber die RaukĆ«mara Range hinĂŒber zur Bay of Plenty und dort nach Tauranga. Die fĂŒnftgrĂ¶ĂŸte Stadt Neuseelands ist einer der wichtigsten HĂ€fen des Landes, zugleich aber auch mit seinen langen StrĂ€nden, vielfĂ€ltigen Sportmöglichkeiten und der ausgeprĂ€gten Restaurant- und Kneipenszene ein touristischer Anziehungspunkt. Wir verbringen einen schönen Abend mit unserem Segelfreund Michael, der gerade mit seinem Katamaran „Gerty“ hier liegt. Aber am nĂ€chsten Tag treibt es uns schon weiter, der Krantermin fĂŒr Flora naht und außerdem haben wir Karten fĂŒr „Hobbiton“ ergattert.

Hobbiton? Auf Deutsch „Hobbingen“ genannt, ist es der bekannteste Drehort der Verfilmungen von J.R.R. Tolkiens „Herr der Ringe“-Triologie und der „Hobbit“-Geschichten. Quasi das Auenland in Mittelerde, mitten auf der Nordinsel Neuseelands, wo sich die wollfĂŒĂŸigen Halblinge hinter die runden TĂŒren ihrer in die sanften HĂŒgel gebauten Miniaturen-HĂ€user zurĂŒckziehen, wenn sie nicht auf der Festwiese oder im „GrĂŒnen Drachen“ ordentlich feiern.

Zweieinhalb Stunden dauert die gefĂŒhrte Tour durch das zu einer Touristenattraktion umgenutze ehemalige Filmset. Viele Details lassen sich auf dem entspannten Spaziergang durch das Dörfchen im Auenland bewundern, abgeschlossen natĂŒrlich mit einem Besuch im „Green Dragon“ auf der anderen Seite des MĂŒhlenteiches.

Vier weitere Stunden Autofahrt folgen, wir wollen am Sonntagabend noch an Auckland vorbei und zum Wochenanfang zurĂŒck in Whangārei sein. Am Dienstag soll Flora schließlich gekrant werden, letzte Vorbereitungen sind noch zu erledigen.

Dienstag frĂŒh wird Flora per Travellift tatsĂ€chlich wieder ins Wasser gesetzt 



 aber nur sehr kurz. Drei der 17 getauschten Seeventile sind nicht ganz dicht. Also wieder an Land stellen zur Nachbesserung.

Nicht Àrgern, nur wundern!

Morgen frĂŒh wird dann der nĂ€chste Versuch erfolgen, Flora nach dem umfangreichen Refit wieder in ihr eigentliches Element zu setzen. DrĂŒckt uns bitte die Daumen.

Napier in der Hawke’s Bay: Art Deco und Weinbau

Ein freudiges Wiedersehen: In Napier, an der weit geschwungenen Hawke’s Bay, treffen wir uns mit Barbara und Ralph von der Lille Venn.

Gemeinsam erkunden wir zunÀchst das Stadtzentrum. Die Besonderheit: Napier weist eine sehr hohe Konzentration von GebÀuden im Art Deco Stil auf, gilt deshalb (neben Miami Beach) als eine der HauptstÀdte dieses Architekturstils.

Der Grund dafĂŒr ist ein katastrophaler. Am 3. Februar 1931 verwĂŒstete das Hawke‘s Bay Erdbeben mit einer Starke von 7,8 auf der Richter Skala diesen Landesteil. Der Meeresboden hob sich großflĂ€chig um mehr als zwei Meter an, die bisheriger Lagune fiel weitestgehend trocken, 40 Quadratkilometer neue LandflĂ€che entstanden.

Die ErschĂŒtterungen des zweieinhalbminĂŒtigen Hauptbebens und der etwa 600 Nachbeben sowie ausbrechende Feuer legten fast die gesamte Stadt in Schutt und Asche.

Trotz Weltwirtschaftskrise wurde die Stadt in einem Kraftakt wieder aufgebaut. DafĂŒr wurden auch Architekturstudenten eingespannt. Art Deco wurde als optimistisch und zukunftsorientiert empfunden, das passte. Die Entscheidung fĂŒr den zu der Zeit modernen Stil Art Deco war aber vermutlich nicht nur der „Mode“ geschuldet. GegenĂŒber den zuvor verbreiteten HolzhĂ€usern wurden die Art Deco Bauten im Wesentlichen aus Betonplatten errichtet. Weniger feueranfĂ€llig und gĂŒnstig, zumal auch die dekorativen Elemente des Baustils vergleichsweise preiswert herzustellen waren. Die charakteristischen geometrischen Formen, Wellen- und Zickzack- sowie Sonnen-Muster als Symbole von Freiheit und Kraft (flankiert von Ägyptischen anmutenden Anleihen nach der Entdeckung des Grabes von Tut Anch Amun) konnten auch mit Farbe hervorgehoben werden.

Vom langen schwarzen Strand der Stadt fĂŒhrt eine Betonplattform hinaus aufs Meer.

Am Horizont sehen wir gerade einen Holzfrachter davondampfen, durch Kahlschlag betriebene Waldwirtschaft bildet noch immer einen wesentlichen Wirtschaftszweig in Neuseeland. Der Holzhafen ganz nahe am Stadtzentrum zeigt das eindrĂŒcklich:

Und neben der Forstwirtschaft ist Landwirtschaft ebenso von großer Bedeutung. Um Napier ist das vor allem durch große Obstanbaugebiete sichtbar. Apfelplantagen und Weinbau stechen besonders heraus. Hawke’s Bay ist das Ă€lteste (und mit seinen ĂŒber einhundert WeingĂŒtern heute noch zweitgrĂ¶ĂŸte) Weinanbaugebiet Neuseelands. Insbesondere Chardonnay, Syrah und Merlot-Cabernet-CuvĂ©es erreichen Premium Niveau.

MĂŒssen wir natĂŒrlich ausprobieren (zur Begleiteung bei richtig guten Restaurantbesuchen) und anschauen (bei einer ausgiebigen Fahrradtour).

Besonders schön, dass wir das gemeinsam mit unseren Freunden erleben.

Verwirrung der Jahreszeiten

Wir gehen endlich mal wieder baden.

Bei unserer Erkundung der Nordinsel fahren wir zum Herz dieses Landesteils, dem ziemlich genau in der Mitte der Nordinsel gelegenen Lake Taupƍ. Der grĂ¶ĂŸte See Neuseelands wird oft auch als das spirituelle Auge im Land der MaorĂ­ bezeichnet.

TatsĂ€chlich ist der ĂŒber 600 Quadratkilometer große See bei mehreren riesigen Vulkanexplosionen entstanden. Die letzte große Explosion ereignete sich im Jahr 181 unserer Zeitrechnung und soll ĂŒber 100 Kubikkilometer (sic!) Material ausgeworfen wurde. Das hatte erhebliche Auswirkungen auf der ganzen Welt, Ablagerungen davon sind selbst im Grönlandeis nachweisbar. Weite Teile Neuseelands wurden dick mit Asche und Bimsstein ĂŒberzogen.

Aktuell ist dieser Vulkan nicht mehr aktiv, aber Neuseeland liegt auf dem pazifischen Feuerring, der hufeisenförmigen Linie von etwa 1.000 Vulkanen rund um den Pazifik. Konkret schiebt sich bei Neuseeland die Pazifische Platte unter die Indoaustralische Platte. Diese Plattentektonik sorgt fĂŒr andauernde seismische AktivitĂ€t.

Kleinere Erdbeben gibt es viele, gespĂŒrt haben wir davon allerdings bisher keines. FĂŒhlbar werden die damit verbundenen unterirdischen Prozesse aber dennoch: Magmablasen heizen tiefliegende Wasserschichten auf und fĂŒhren zu Thermalquellen. Bei Taupƍ (auch der nördlich des Sees liegende Ort heißt so) fließt deshalb ein warmes Wasser fĂŒhrender Bach (Otumuheke) in den deutlich kĂ€lteren Waikatu River. Eine kostenlose öffentliche Badestelle mit Umkleide und Toiletten ist eingerichtet. Und so setzen wir uns unter den warmen Mini-Wasserfall und genießen diesen positiven Aspekt der potentiell so zerstörerischen NaturkrĂ€fte.

Was auffĂ€llt: so langsam hĂ€lt der Herbst Einzug. So schnell geht das mit den Jahreszeiten: gerade noch hatten wir Winter mit Schnee in Hamburg und jetzt ist der FrĂŒhling eingekehrt. Wir sind in den SĂŒdsommer geflogen, hier aber beginnen sich jetzt die BlĂ€tter zu fĂ€rben und wir pflĂŒcken Brombeeren (die hier allerdings eine inzwischen unerwĂŒnschte invasive Art sind):

Danach fahren wir am Waikatu River entlang ein StĂŒckchen weiter zu den Huka-Falls. Hier zwĂ€ngt sich der Waikatu zunĂ€chst durch ein enges Felsenbett. Der zuvor so ruhig dahinfließende Waikato entwickelt sich dabei zu einem hellblauen Wirbel von Stromschnellen, bevor er ĂŒber eine Stufe hinabstĂŒrzt und in einem breiteren Bett wieder so ruhig fließt, als wĂ€re nichts gewesen.

Unser nĂ€chstes Ziel sind die „Craters of the Moon“. Die Vegetation dort zeigt sich zwar weit weniger karg als der Name des Ortes erwarten lĂ€sst, bietet aber doch Besonderes. Mānuka und Kānuka, zwei eng verwandte heimische Baumarten (die auch Teebaum genannt werden), fĂŒllen in Miniaturausgabe hier als bodendeckende BĂŒsche die Ebene. Mehr lassen Boden und Bedingungen einfach nicht zu.

Interessanterweise sind die Wasserdampf-Fumarolen hier vergleichsweise neu und durch menschlichen Eingriff entstanden.

UrsprĂŒnglich stieß hier ein Geysir mit schöner RegelmĂ€ĂŸigkeit heiße WasserfontĂ€nen aus. Ein in 1958 ans Netz gegangenes Geothermie-Kraftwerk senkte dann aber den unterirdischen Wasserspiegel soweit ab, dass der Geysir versiegte. Statt dessen suchte sich das unter Druck stehende Wasser andere Wege und tritt jetzt als Wasserdampf durch viele kleine Spalten aus.