Endlich mal wieder Segeln. Es ist nur ein kurzer 30 sm Schlag von Puerto Salinas bis zur Punta Ballenas, einem weiteren durch vorgelagerte Riffe geschützten Mangrovenankerplatz, aber wir erwarten in den Böen bis zu 30 kn (7 Bft) steifen Wind. Genau von achtern, also riggen wir noch am Ankerplatz den Spibaum zum Ausbaumen der Fock. Draußen setzen wir das zweifach gereffte Groß auf der anderen Seite mit dem Bullenstander fest. Also Schmetterling 😁.
Es wird eine schöne, schnelle Fahrt.
Aber es baut sich doch auch eine ordentliche Welle auf, was uns vor der Riffeinfahrt an der Punta Ballenas reichlich Respekt haben lässt. Tatsächlich aber gestaltet sich die Anfahrt zum Ankerplatz dann doch sehr unproblematisch, der Cut zwischen den Riffen ist breit und gut erkennbar.
Nur noch um das weiter innen liegende zweite Riff hinter Gilligan’s Island herum und wir liegen in der geschützten Mangrovenbucht.
Wer bei Mangroven übrigens automatisch an Mückeninvasion denkt liegt falsch. Vielleicht auch durch den relativ starken Wind bedingt hatten wir bisher hier auf den letzten Ankerplätzen überhaupt keine Probleme mit den Plagegeistern und konnten ohne Mückennetz immer mit offenem Fenster schlafen (es ist direkt am Bett, bei einem beginnenden Regenschauer werde ich wach und mache es zu, aber auch davon gab es die letzten Nächte keine).
Dafür findet sich eine andere Tierart hier überaus reichlich: noch nirgends haben wir so viele Pelikane auf einmal gesehen. Bei unserem Dinghyausflug durch die Mangrovencreeks zum Strand auf der Riffseite kreisen sie über uns und sitzen in großen Gruppen dicht an dicht auf den niedrigen Bäumen.
Trotzdem soll es heute noch ein Stückchen weitergehen, wir nähern uns langsam dem Cabo Rojo an der Südwestecke von Puerto Rico.
Mit dem Palmenflash von Vieques verabschieden wir uns von den Spanish Virgin Islands. Etwa 28 Seemeilen sind es nach Puerto Patillas im Südosten der Hauptinsel Puerto Rico. Schon am Ankerplatz riggen wir den Spibaum zum Ausbaumen der Fock und den Bullenstander, um das einmal gereffte Großsegel auf der anderen Seite zu sichern. Schmetterling vor dem recht kräftigen achterlichen Wind ist angesagt. Es werden für uns 28 sm traumhaftes Segeln bei bestem Wetter.
Endlich sehen wir auch wieder einmal Delfine. Eine größere Schule von vielleicht 30 Tieren kommt uns in den Wellen springend entgegen, passiert kurz vor unserem Bug. Einige der Meeressäuger spielen ganz kurz vor unserem Schiff und dann – schwupp – sind sie schon wieder verschwunden. Hat nur eine Minute gedauert und zaubert uns doch für Stunden ein Lächeln ins Gesicht. Zumal wir rein zufällig die Kamera laufen haben:
O.k, die Bilder sind nicht perfekt, sie sind aber auch nur herauskopiert aus unserem Video (Ton anschalten).
Wie man an dem Blau des Wassers unschwer erkennt, ist das Karibische Meer hier richtig tief. Obwohl wir ja küstennah segeln, fällt der Grund auf unserer Route bis auf etwa 900 m ab, 35 Meilen südlich von Puerto Rico ist es über 5.000 m tief. Und das ist nur die eine Seite. Nördlich von Puerto Rico geht es in der Tiefseerinne des Puerto Rico Graben jedenfalls bis über 8.300 m hinab, die genaue Tiefe ist noch strittig. So gesehen ist Puerto Rico praktisch der über Wasser befindliche Gipfelgrat eines unterseeischen Gebirgsrückens.
Wir könnten auch noch küstennäher segeln, es gibt nur wenige gefährliche Flachstellen. Aber weiter draußen im tieferen Wasser hoffen wir auf mehr Angelglück und tatsächlich, querab der Punta Tuna (jaaaa!) rauscht die Steuerbordleine das erste Mal aus. Noch während ich den mittelgroßen Schwarzflossenthunfisch herankurbele, sirrt auch die Rolle der Backbordangel. Allerdings sind wir dort nicht schnell genug, der Fisch geht vom Haken. Kein Problem, denn noch ein zweiter Schwarzflossenthun beißt, wieder an Steuerbord. Diese Thunfischart wird maximal nur etwa einen Meter groß (unsere sind beide kleiner), ist aber sehr lecker. Und noch ein dritter Fisch geht an die selbe Angel, diesmal eine Fregattmakrele (unechter Bonito). Dann stellen wir das Angeln erstmal ein.
Mein neuer Lieblingsköder war wieder reichlich erfolgreich. Waren bisher die roten und vor allem die neongrünen Tintenfisch-Imitate am besten, läuft ihnen jetzt der Zedernholzköder (cedar plug lure) den Rang ab. Nur etwa 10 cm lang, mit Bleispitze und ansonsten ziemlich simpel und unverwüstlich. Auch nur mit einem Einfachhaken, kein Drilling, weshalb gefühlt weniger Sargassum an ihm hängen bleibt, obwohl das gelegentlich trotzdem noch passiert.
Die Beißspuren sprechen für sich
Heute Abend gibt es jedenfalls Fisch auf der Flora, die Crew der Easy One ist eingeladen, aber Andrea lässt es sich nicht nehmen, die Beilagen beizusteuern. Das Eis für die Piña Colada muss Ingo auch von drüben holen, ts, ts.
Anders als befürchtet müssen wir aber auf die Palmen noch nicht verzichten, auch hier an der Südküste säumen sie überaus üppig das Ufer, selbst an unserem Ankerplatz im Städtchen Puerto Patillas. Der Ankerplatz ist durch ein ausgreifendes Korallenriff relativ gut geschützt, allerdings machen ein paar Korallenköpfe einen Bogen bei der Anfahrt erforderlich und das Wasser ist etwas trüb und ziemlich flach. Gute Bedingungen für Manatees, auf die mit Geschwindigkeitsbegrenzungen und Warnbaaken hingewiesen wird. Wir bekommen hier allerdings keine zu Gesicht, hoffen aber auf Sichtungen der Rundschwanz-Seekühe bei unserer weiteren Reise an der Südküste von Puerto Rico. Aber einen (weiteren) traumhaften Sonnenuntergang gibts.
Am nächsten Tag holen wir nach einem Regenschauer den Anker auf und gemeinsam mit der Easy-One geht es weiter nach Westen. Wieder segeln wir vor dem Wind, wieder baumen wir die Fock aus. Aber das Groß hat heute Pause, in Böen messen wir knapp 8 Beaufort, da reicht die Fock alleine dicke.
Wind genau von achtern, Flora und Easy-One fahren das Vorsegel auf der jeweils anderen Seite
Und die Regenschauer bleiben uns erst einmal treu, während wir an der hier im Südosten noch sehr grünen Küste entlangsegeln. Etwa auf der Hälfte der heutigen Strecke von nur 20 Seemeilen wandelt sich aber das Bild, die Hänge der Berge werden zunehmend brauner und karger. Das lässt auch für unsere Regengüsse jedenfalls statistisch hoffen, erstmal bleiben die Wolken, aber tatsächlich wird es gegen Nachmittag schöner, der Himmel reißt auf.
Grün, Blau, Grau. Der letzte größere Schauer bei der Riff-Einfahrt „Boca del Infierno“
Wir machen einen Ankerstop hinter den Cayos de Barca. Durch vorgelagerte Riffe und ein Labyrinth von Mangroveninselchen sind wir hier gut gegen den hohen Ozeanschwell geschützt, aber die immer noch heftigen Windböen sprechen doch für einen geschützteren Platz für die Nacht. Schade, es ist so wunderschön hier:
Aber so fahren wir nach einer ausgiebigen Kaffeepause das kleine Stückchen weiter nach Salinas, in ein von den vorgelagerten Cayos zusätzlich geschütztes schmales Inlet. Im Ort am Ende der von mangrovenumstandenden Salzwassertümpeln gesäumten schmalen und tief einschneidenden Bucht liegt sogar eine kleine Marina, diverse Motorboote ankern davor. Für uns bietet es sich eher an, das zunächst flacher werdende Fahrwasser nicht bis dorthin durchzufahren, sondern zeitig einen Ankerplatz vor dem Ostufer anzusteuern. Ganz dicht kommen wir nicht an die Mangroven heran, es wird schnell seicht. Auf 2,80 m fällt der Anker, direkt neben der Easy-One.
Andrea und Ingo haben hier schon ein Manatee direkt hinter ihrem Boot erspäht, wir warten noch darauf und begnügen uns vorerst mit den rund um uns herum jagenden Pelikanen. Es ist immer wieder faszinierend zu beobachten, wie sie oft ohne Flügelschlag in Kompaktform dicht über das Wasser gleiten als hätten sie Pate für die Entwicklung der behäbig eleganten Flugboote gestanden. Und dann wieder unvermutet wendige Manöver fliegen und ins Wasser stoßen, wenn sie Beutefische entdecken.
Um 10:30 gehen wir Anker auf, winken noch einmal Ute und Russ auf der Tairua und sagen Sint Maarten 🇸🇽 Good Bye. Wir wollen ein kleines Wetterfenster nutzen, das sich nur bis zum nächsten Morgen auftut. Danach soll sich das riesige Sturmtief bemerkbar machen, das sich derzeit über dem Nordatlantik austobt. Sebastian Wache von unserem deutschen Dienst Wetterwelt in Kiel berichtet von 15 hohen „signifikanten“ Wellen in diesem Tief, wobei einzelne Wellen gut die doppelte Höhe erreichen können. Das ist zwar weit weg, aber der Wetterdienst für die USVI (durch die wir hindurchfahren) hat eine explizite Warnung vor „hazardous wave conditions“ bis 20 Fuß Höhe (etwa 7 m) ab Samstag früh herausgegeben. Dann wollen wir bereits in Puerto Rico sein, allerdings dürfen wir auch nicht zu früh auf Culebra eintreffen, denn die Einfahrt in die geschützte Bucht dort führt gewunden und eng durch Riffe. Tageslicht ist angeraten. 127 Seemeilen liegen vor uns, das sollte passen und uns genug Gelegenheit geben, durch Tempoanpassungen pünktlich anzukommen. Für den Anfang ist eher wenig Wind vorausgesagt, aber wir werden positiv überrascht. Tatsächlich finden wir ideale Bedingungen für unseren Code0 und mit rund 5 kn plus unterstützendem Strom segeln wir ganz gemütlich über die ruhige See.
Als der Wind dann doch noch etwas nachlässt, nehmen wir den Motor dazu und nutzen das um auch den Wassermacher anzuwerfen. Der läuft zwar über die 12-Volt-Anlage, zieht aber etwa 38 Amp um 50 Liter Wasser zu machen.
Wir können diesen Teil der Passage sogar auf dem Vorschiff genießen, ein seltenes Privileg. Unterbrochen oder besser gesagt, getopt, von einem Angelerfolg. Eine schöne große King Mackarel geht an eine unserer beiden Schleppangeln. Drei Viertel von ihr bekomme ich auch an Bord, nur den Schwanz beißt am Ende noch eine große Golddorade ab. Gibt aber trotzdem noch genug Filets für drei Tage. Durch den abgebissenen Schwanz gibt’s allerdings etwas Blut aufs Teakdeck, da sind wir mit der sonst so hilfreichen Filetierungswanne aus der Backskiste einfach nicht schnell genug. 😔
Der Wind hat dann ein Einsehen, nimmt der Vorhersage entsprechend wieder zu und lässt uns unter Code0 in den Sonnenuntergang und die Vollmondnacht gleiten.
Beim ersten Wachwechsel um 22.00 rollen wir den Code0 dann aber weg, 8 Knoten über Grund sind einfach zu schnell für unsere geplante Ankunftszeit, wir wechseln auf die Fock und reffen sogar noch das Groß, damit passt es wieder. Tatsächlich erreichen wir kurz nach Sonnenaufgang die Ansteuerungstonne und laufen bei noch geringer Welle vom maximal einem Meter in Culebra ein.
Nach dem Aufklaren der Flora und Crêpes zum Frühstück steht das Einklarieren an. Zunächst versuchen wir uns über die CBP-Roam-App anzumelden, aber das stößt auf Schwierigkeiten. Wir haben noch keine Telefon-/Datenkarten, und die bisher so zuverlässige virtuelle SIM in Wiebkes GlocalMe scheint zu zicken, der letzte Bestätigungsschritt in CBP-Roam will nicht klappen. Laut Törnführer soll die Einklarierung bei der CBP (Customs and Border Patrol nahe am Dinghysteg erfolgen. Pustekuchen, da ist nichts. Ich werde zur Polizei verwiesen und von denen zum Flughafen. Das ist aber alle ganz gut fußläufig zu machen.
Am Flughafen residiert aber natürlich nicht nur die CBP (das hätte ich allein machen können) sondern die nimmt gleich auch die Aufgaben der Immigration wahr. Also einmal zurücklaufen, Wiebke mit dem Dinghy abholen und wieder zum Flughafen, denn die „Immigration“möchte uns beide sehen. Anfängerfehler! Die von uns vorab ausgefüllten Formulare CBP Form 1300 und CBP Form I-418 (gelten für die gesamten USA und auch USVI und Puerto Rico) soll ich aber schon mal da lassen, die Pässe mit den USA-Visa auch. Außerdem war ja vorher schon eine „Online Travel Declaration“ auszufüllen, die findet sich auf der Regierungs-Webseite für Puerto Rico. Das dabei hochzuladende Ergebnis unserer Covidtest kam rechtzeitig vor der Abreise in Sint Maarten per Email. Aus den Ankreuzmöglichkeiten der Travel Declaration ergibt sich übrigens, dass wir den Covidtest theoretisch auch in Puerto Rico machen könnten, dann allerdings bis zum Ergebnis in Quarantäne wären. Auf unsere Nachfrage sagt uns die CBP, ein Test wäre „wohl“ auch im kleinen Krankenhaus hier in Culebra möglich. Für Segler mit mehr als 72 Stunden Anreise (ab Test!) wäre das aber immerhin eine Möglichkeit.
Als wir auf der Suche nach einem WLAN zur Aktivierung unserer US-Telefonkarte im Ort sind, treffen wir die Crews der „Rive du Nord“ und der „Valentin“ wieder und schnacken kurz. Schön, da fühlt man sich doch gleich gut aufgenommen.
Im WLAN erfahren wir dann auch, dass die CBP-Roam-App sehr wohl funktioniert hat und uns der zuständige Officer per Videocall über die App und per Telefon vergeblich zu erreichen versucht hat. Deshalb teilt er uns per Email mit, dass wir unverzüglich zur CBP am Flughafen in Culebra zum Einchecken müssen. Gut, dass haben wir ja ohnehin gemacht ☺️.
Ein wenig Boatwork ist auch fällig, wieder mal meine Lieblingstätigkeit. Diesmal im achteten Bad. Aber es gibt eine tolle Kompensation.
Zum zweiten Filet vom selbstgefangenen Fisch (das erste ging gleich für Ceviche drauf) zaubert Wiebke an Bord heute Abend Pastinaken-Kartoffelstampf mit Lauch-Apfel-Beilage und Walnuss-Zitronen-Petersilien-Cremolata. Ein versöhnliches Hoch auch auf die Einkaufsmöglichkeiten auf der vorigen Insel in Sint Maarten.
Uns geht’s gut, schön jetzt hier in Puerto Rico zu sein.
Das waren wieder wunderschöne zweieinhalb Monate mit Dir.
Aber: in den letzten zwölf Monaten waren wir insgesamt fünf Monate auf Antigua und Barbuda 🇦🇬. Wird mal wieder Zeit für etwas neues.
Jetzt geht’s in die Nachtfahrt nach Sint Maarten 🇸🇽, gut 90 sm, wir sollten morgen Vormittag ankommen. Der Wind ist gleichmäßig und mit um die 10 kn eher ruhig angesagt und soll laut Wetterbericht aus einem wahren Windwinkel (TWA) von 140 Grad wehen. Daher die für uns eher ungewöhnliche Nachtfahrtvorbereitung mit gesetztem Gennaker.
Schön reingefeiert noch bei Great Bird Island, auch das Wochenende haben wir noch dort verbracht. Aber dann schnell zurück nach English Harbour, ewig können wir mit dem defekten Watermaker nicht rumfahren, denn wir können ihn ja weder benutzen noch spülen. Ein Anruf bei dem allseits empfohlenen „Watermaker Services“ in Falmouth Harbour ergab kurz vor Weihnachten noch auf Barbuda, das Julian sich gleich Anfang Januar darum kümmern würde. Frischwasser war übrigens während dieser Zeit kein Problem, obwohl wir ja vor Anker lagen. Die vielgerühmte (und manchmal nur noch der guten alten Zeit zugeschriebene) Solidarität unter Seglern funktioniert weiterhin: gleich drei Boote bieten uns an, uns Wasser abzugeben und dafür ihren Watermaker extra länger laufen zu lassen. Wir leihen uns von der Gerty zwei große 20 Liter Trinkwasserkanister und füllen sie auf der SY escape dreimal auf, außerdem auch unsere Wasserflaschen. Die Kanister werden in unseren Trinkwasservoratstank geschüttet, auch das Dusch- Koch- Abwasch und Waschwasser weist somit einige Reserven auf.
(Das Foto hat Annemarie von der SY escape gemacht.)
Wir müssen aber ohnehin zurück nach English Harbour, denn außerdem sollte unser Radar (laut Sendungsverfolgung terminiert) Ende dieser Woche repariert wieder hier eintreffen. Das Magnetron musste getauscht werden, nicht ganz billig, aber wenn das Radar es noch ein paar Jahre tut lohnt es sich trotzdem.
Den schmalen Bird Islet Channel kennen wir ja schon, wie beim letzten Mal bereiten wir uns Luftbildern mit Google (und Bing), importiert in Ovitalmap, zusätzlich vor. Außerdem haben wir ja unseren Track von der vorigen Passage.
Und so wird es tatsächlich deutlich einfacher und erheblich weniger nervenaufreibend. Danach folgt etwas Am-Wind-Segeln, bevor wir hinter Green Island auf einen Vormwindkurs abfallen können. In English ankern wir zunächst in der Freeman’s Bay, die allerdings ganz gut gefüllt ist.
Ich baue das Membrangehäuse des Watermakers aus und bringe es per Dinghy und dann zu Fuß an der Straße entlang zu Julian. Sieht vermutlich ein bisschen nach Bazooka aus, wie ich das schwarze Rohr so auf der Schulter trage, aber nur einmal bekomme ich zugerufen „Oh, it’s a Watermaker, isn’t it?“
Am zweiten Abend ist der Wind weg und es kommt, wie es in der Freeman’s Bay dann immer kommt: die Boote treiben in den umlaufenden Strömungen wild durcheinander. Die Boote, denen wir bisher ziemlich nahe waren treiben von uns weg, aber unser Steuerbordnachbar, vor dem wir bisher sicher durchgeschwenkt sind, kommt unserem Bugspriet plötzlich mit seinem Heck (!) ganz nahe. Zu nah. Es ist zwar schon dunkel, aber wir gehen trotzdem ankerauf. Ein Versuch, neu zu ankern bring uns zu weit ins Fahrwasser. O.k., gehen wir eben weiter in die Bucht hinein und machen bei Antigua Slipway fest. Gute Wahl, nicht nur weil es im Dunkel prima klappt, sondern auch, weil am nächsten Tag (heute) überraschen unser Radar schon da ist und hier gleich montiert werden kann. An den Ankerplatz wäre Monteur Cap vom „Signal Locker“ ohnehin nicht hinausgekommen.
Die Wiederinstallation ist problemlos, die Inbetriebnahme aber nicht. Der Plotter erkennt trotz mehrerer Neustarts das Radar nicht. Es dauert etwas bis wir darauf kommen, das es softwareseitig im Plotter neu ausgewählt werden muss, dann aber haut es hin. Geht doch!
Nicht so aber beim Watermaker, ich werde gebeten ihn abzuholen und im Boot noch mal zu testen, für die Anschlüsse ist die Testbank leider nicht ausgerüstet. Also (dinghy und) laufe ich hin, nur um dort zu erfahren, dass er mit den Druckschläuchen sehr wohl getestet werden könne. Der Watermaker bleibt da, ein neuer Gang dann mit den Hochdruckschläuchen, für deren Ausbau wir aber natürlich wieder unsere Achterkoje auf den Kopf stellen mussten. Hm. Ergebnis dann vielleicht morgen.
Ein Erfolgserlebnis gibt’s aber trotzdem noch: die Steuerbord-LED-Buglaterne, die gestern Nacht ihren Dienst verweigerte, bekomme ich mit einer neuen Kabelverbindung wieder zum Leuchten.
Außerdem ist das Boot mit Frischwasser gespült, Wasser- und Dieseltank sind gefüllt und per Landstrom sind auch die Batterien wieder voll (wobei das vor Anker durch den Windgenerator in Verbindung mit den Solarzellen auch wunderbar funktioniert hat).
Eingekauft hat Wiebke auch und überhaupt fühlt es sich gut an, mal wieder in „English“ zu sein.
Die Vorhersage ist günstig: für heute soll der Passat südlicher kommen und etwas schwächer sein. Wir wollen das nutzen, um die 30 sm hoch nach Barbuda zu segeln, ohne auf dem zumeist flachen Sockel zwischen den beiden Inseln hoch am Wind gegen eine sich aufsteilende Welle kämpfen zu müssen.
Für den Start haben wir uns eine kleine Komplikation ausgewählt, wir möchten die Nonsuch Bay durch den Spithead Channel nach Norden verlassen. Auf der Navionics-Seekarte sieht das mit den grünen Riffen wenig verlockend aus:
Interessant ist der Hinweis in der Navionics-eigenen “Active Captain Community”, wonach die Karte an dieser Stelle falsch ist:
Tatsächlich ist auf Google Earth der Kanal klar erkennbar und ohne Riff in seiner Mitte:
Über die nützliche Georeferenzierung von Google Earth hatte ich bei unserer Passage von Great Bird Island schon geschrieben. Und – der ein oder andere wird es schon erkannt haben – das ist nicht die Originalansicht von Google Earth, sondern die in der App “Ovitalmap” heruntergeladene Offline-Variante. Dort kann man auch Tracks hineinladen, die andere Boote zur Verfügung stellen. Mit unserem (zugegeben nicht optimalen) Track, bei dem wir immer mehr als 5 m Wasser hatten, sieht das in der fraglichen Passage so aus:
Dass die Passage unproblematisch machbar ist hatten uns Andrea und Kai von der Silence gestern noch einmal bestätigt. Sie hatten uns auch auf Ovitalmap hingewiesen. Ich wollte es runterladen, aber: ich hatte es schon auf dem iPad, nur noch nie benutzt. Wurde also dringend Zeit 😁. Mit Eyeball-Navigation war die Rinne übrigens immer gut erkennbar.
Und danach konnten wir dann segeln. Sogar endlich mal wieder unseren Gennaker.
Ohne Groß, machen wir sehr selten. War aber auch nur recht kurz, dann kam von Osten was dazwischen
Also den blauen “Harry Potter” (er wohnt bei uns unter der Niedergangstreppe) wieder runter und lieber mit Groß und später zusätzlich der Fock weiter.
Ein Stück müssen wir auch motoren. Aber wir haben reichlich Angelglück. Zuerst allerdings zweimal Barrakuda, die gehen wegen der Ciguateragefahr gleich wieder ins Wasser. Dann eine Blaurückenstachelmakrele. Eine Golddorade wird uns leider abgefressen. Zum Schluss noch ein schöner Wahoo. 🎣
Fischfilets mit Gnocchi und Kürbis zum Abendessen am Ankerplatz Cocoa Point in Barbuda 😁.
In Oxford bleiben wir ein bisschen. Zum einen steht Papierkram an (unter anderem muss ich endlich die Steuererklärung erledigen). Das macht nicht nur fröhlich. Zum anderen können wir aber unsere Stimmung ganz wunderbar mit herrlichen Spaziergängen durch den Ort wieder aufhellen. Die Farbenpracht des Indian Summer speziell mit seinem von Grün in Rot wechselnden Ahorn, die gepflegten Häuser und Gärten, die Ausblicke aufs Wasser, Blütenpracht und Herbstdekoration mit Kürbissen allenthalben.
Und – na klar – es geht mit Riesenschritten auf Halloween zu. Auch das ist nicht zu übersehen.
Und noch etwas ganz anderes fällt uns auf: diverse große Schmetterlinge genießen ebenfalls die herbstliche Blütenpracht. Darunter viele der prächtigen schwarz-orangenen etwa handtellergroßen Monarchfalter. Mit denen hat es eine besondere Bewandnis: es sind Wanderfalter, die sich wie wir jetzt im Herbst in den Süden aufmachen. Die meisten überwintern in der mexikanischen Sierra Nevada. Wir nehmen es einfach mal als ein gutes Zeichen.
Flora liegt derweil aber noch wunderbar geschützt am Ankerplatz mitten im Ort.
Und es kommt noch besser: am zweiten Abend gesellen sich Helena und Steve mit Floras Schwesterschiff Amalia zu uns.
Ganz anders sieht die Szenerie allerdings heute morgen aus. Pottendicker Nebel hat sich über die Bucht gelegt. Außerdem ist Flaute.
Also geht es erst einmal unter Motor hinaus. Der Nebel hält sich auch noch als Wind aufkommt und wir endlich segeln können, nur ganz zögerlich setzt sich die Sonne durch.
Es ist trotzdem herrliches Segeln ohne große Schräglage, Wiebke backt sogar einen Spanischen Mandelkuchen und zum Kaffee haben wir tatsächlich blauen Himmel.
Es ist schon einige Zeit her, wir waren noch oben in Neuengland, da wurden wir von Stephan Boden um ein Videointerview für seine „ADAC Langfahrt Interview“ – Reihe gebeten.
Wir kennen Stephan schon länger über seinen damaligen Blog Digger Hamburg über seine Erlebnisse mit der gleichnamigen Varianta 18 und haben ihn ein paar mal zufälligerweise getroffen. Das war aber vor ein paar Jahren, insofern kam die Anfrage für uns überraschend. Grund war wohl auch eher, dass er beim Interview der Escape-Crew über unsere Fotos der Escape in New York gestolpert war.
Wie auch immer, jedenfalls haben wir hinsichtlich des Interviews zugesagt und es ist dann über „Messenger“ vor Anker in der Mündung des Delaware bei gutem Mobilfunkempfang auch ein rund 20minütiges Videotelefonat zustandekommen.
Jetzt ist das Interview auf der ADAC-Skipper-Webseite erschienen, wobei Stephan seine Fragen herausgeschnitten und in Schriftform eingefügt hat, ebenso wie ein paar von uns zur Verfügung gestellte Fotos.
Wie man den Screenshots entnehmen kann, ist die Überschrift in journalistischer Freiheit etwas weiter gefasst als unsere Ziele. Wir werden ja eigentlich nicht müde zu betonen, dass wir nicht zwingend „um die Welt“ segeln wollen, sondern die Welt besegeln. Wir wissen noch nicht, ob es für uns über den Atlantik hinausgeht und möchten das jetzt – unabhängig von COVID – auch noch garnicht entscheiden. Macht aber nix, das fertige Interview gefällt uns trotzdem und hat uns (wohl sichtbar) viel Spaß gemacht.
Vier Tage haben wir jetzt an unserem Ankerplatz vor Lewes verbracht. Ruhige Tage (wenn man von dem ruppigen Wasser beim Weiterfahrt- Versuch gleich am ersten Tag absieht).
Gut geschützt hinter der inneren Mole werden wir am Morgen tatsächlich vom Prusten der Delfine geweckt, die ums Boot herum spielen, jagen oder einfach nur einen Familienausflug machen, ohne von der Flora besondere Notiz zu nehmen.
Wir nutzen die Zeit für kleinere Bootsarbeiten, bringen ausgerissene Druckknöpfe am Teppich neu an, säubern den Motorraum von den öligen Schaumstoffresten des Luftfilters unseres Volvos (der muss jetzt eine Zeitlang mit offenem Ansaugrohr arbeiten, was kein Problem sein dürfte, ein verbesserter Dauerluftfilter ist schon auf dem Postweg). Die Vorräte werden durchgesehen, Ersatzteile online bestellt (Postadresse Greg und Michael) nochmal am Vorluk nachgearbeitet. Ganz viel relaxt. Der Mittwochsregatta des örtlichen Yachtclubs zugeschaut, schließlich haben wir einen Logenplatz: es geht rund um den Breakwater und am Leuchtturm muss der Spi weg, auf der anderen Seite des Breakwaters folgt die Kreuz zurück. Und wir haken noch mal bei der Werft in der Chesapeake Bay nach, bei der wir ein Auskranen und einen Landeplatz für zwei Wochen angefragt hatten. Im zweiten Telefonat haben wir Erfolg, ja, schon nächste Woche können wir raus. O.k., dann machen wir uns also doch mal auf den Weg 😉.
Was uns auffällt: der gerade neu gestrichene dunkelrote Leuchtturm am Ankerplatz trägt den doch sehr prosaischen Namen “Delaware Breakwater East End Lighthouse”. Auch der weiße Leuchtturm auf dem äußeren Breakwater ist mit “Harbor of Refuge Lighthouse” eher beschreibend benannt. Nur, was sollen wir dann davon halten, wenn das nächstfolgende Leuchtfeuer im Fluss “Brandywine” heißt? 😊
Von Cape Cod aus motoren wir bei Nebel und spiegelglatter See durch den Cap Cod Canal Richtung Westen. Mit dem Radar haben wir ja schon mehrfach geübt, das zahlt sich jetzt aus. Außerdem passt das Timing perfekt: das Zeitfenster für die Durchfahrt ist ideal, bis zu 4 kn Strom schieben uns. Erst kurz vor unserem Ankerplatz hinter Bull Island kippt die Tide, so dass wir ihn fast bei Stillwasser erreichen.
Wir ankern etwas abseits im Outer Harbordie meisten Boote im Inner Harbor liegen an Bojen.
Wie (außer Cuttyhunk) praktisch alle Inseln dieser zwischen dem Festland und Martha´s Vineyard liegenden Inselkette der Elizabeth Islands gehört auch Bull Island der Familie Forbes. Bull Island ist unbewohnt, es gibt aber einen Dinghysteg und viele der Bootscrews führen dort ihre Hunde Gassi, was sich sonst wohl wegen der vielen Privatgrundstücke an den Ankerplätzen häufig kompliziert gestaltet. Wir entscheiden uns für eine Erkundungsfahrt mit dem Dinghy durch die uns umgebenden ziemlich flachen Gewässer und genießen ansonsten die ruhige Ankerbucht.
Am nächsten Morgen gibts nur Kaffee, das Frühstück folgt erst unterwegs. Wir wollen mit dem Strom durch die Enge zwischen den Elizabeth Islands und Cape Cod. Eigentlich ist es mehr eine Notwendigkeit, denn der Strom setzt auch hier wieder extrem stark, diesmal schieben uns über viereinhalb Knoten. Da kommt selbst die Großschiffahrts-Fahrwassertonne ziemlich in Schräglage:
Danach ist es aber nur noch ein kleiner Hüpfer hinüber nach Martha´s Vineyard und so entscheiden wir uns gleich in den Osten nach Edgartown zu fahren. Eine Reservierung für eine Boje im inneren Hafen haben wir nicht, aber wir sind früh da und ergattern trotzdem eine, obwohl – wie wir feststellen – am langen „Labourday“-Wochenende (Feiertag erster Montag im September) ziemlicher Andrang herrscht. Schließlich beginnt nach diesem langen Wochenende wieder landesweit die Schule, was zugleich das Ende der Hauptsaison für den Tourismus markiert.
Als wir um die Landzunge beim Edgartown Harbor Light – Leuchtturm biegen, sieht es aber noch ganz beschaulich aus.
Zum Abend füllt es sich deutlich und die Stadt präsentiert sich quirlig. Wir mieten uns am nächsten Tag Fahrräder und werden gleich unten beim Hafen daran erinnert, dass hier auf Martha´s Vinyard 1974 der Schocker „Der Weiße Hai“ gedreht wurde. Einer der erfolgreichsten Filme überhaupt, einer der ersten Blockbuster, allerdings zugleich der Film, der beim gekonnten Spiel mit unseren Urängsten so weit geht, das nach seinem Erscheinen tatsächlich Strände gesperrt wurden und das Image nicht nur des Weißen Haies sondern praktisch aller Haie so schlecht wurde, dass ein weltweites Abschlachten dieser faszinierenden Tiere viel zu lange toleriert wurde.
Wir beschließen, mit den Rädern erstmal nach Oak Bluffs zu fahren. Ohne es geplant zu haben, kommen wir dabei gleich wieder an einem der bekanntesten Filmsets von „Jaws“ vorbei (so hieß der Film im Original). Die Tour führt nämlich malerisch am langen Strand der sandigen Nehrung entlang, die den Sengekontacket Pond vom offenen Meer trennt, wobei zwei kleine Durchlässe von Brücken überwunden werden. Und eine dieser Brücken … na ja, wer den Film gesehen hat weiß, dass man da eventuell nicht runterspringen sollte. Verboten ist es sowieso, aber das gibt vielleicht einigen nur noch besonderen Reiz.
Die zweite Brücke sieht übrigens genauso aus, ist aber komplett leer. 😉
Ganz anders dagegen der Ort Oak Bluffs, der ist gut gefüllt. Kein Wunder, viele Touristen kommen hier mit der Fähre an und die Gingerbread-Häuser dieses Städtchens an der Nordostspitze von Martha´s Vineyard sind eine bekannte Touristenattraktion. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gebaut, verschnörkelt und bunt, dabei oft sehr klein und damit wieder ganz anders als die Zuckerbäcker-Villen die wir z.B. in Cape May gesehen haben.
Im großen Bogen geht es danach am East Chop Lighthouse vorbei zumeist an der Straße entlang über die ziemlich waldige Insel zurück nach Edgartown, wo wir erst noch einkaufen und die Lebensmittel an Bord bringen, dann aber mit der kleinen Fähre auf die Halbinsel Chappaquidick übersetzen und unsere Radtour dort fortsetzen.
Zu Chappaquiddick und dem, was es für die Kennedy-Familie bedeutet, haben Klaus und Katrin von Floras Schwesterschiff Saphir in ihrem Blog einiges zusammengefasst.
Wir fahren hier nur gemütlich Rad. Erst als der Akku von Gregs E-Bike schlapp macht kehren wir um.
Weiter geht es nach Abgabe der Räder zu Fuß durch Edgartown mit seinen vielen gepflegten und gut renovierten weißen Kapitänshäusern. Schön hier.
Dass sehen wir nicht alleine so, was man nicht nur am vollen Dinghydock merkt, sondern auch ganz gut aus der Luft erkennt 😉.
Wir liegen mit der Flora oben links im Gewusel des Inner Harbor