Es geht rund

Rund Culebra zunächst mal. Wir verlassen unsere wunderbare Bahia Tortuga auf Culebrita, allerdings nicht ohne vorher noch einmal einen Spaziergang über den Strand hin zu den „Pools“ am Montecito Primero zu machen. Die felsige Nordspitze der Insel wird hier von immer mal wieder durch die Brocken flutenden Wellen quasi abgeschnitten. Dabei bilden sich mehrere Pools, teils ganz ruhig, teils echte Wellenbäder.

Von einem Sitzbad nehmen wir aber Abstand, fast überall unter Wasser machen sich kleine Seeigel breit.

Statt dessen werden endlich mal wieder die Segel gesetzt und wir folgen der amerikanischen „Honu Kai“. René und Carole geben uns vor dem Auslaufen noch Tips für die Weiterfahrt. Wir können uns bald dafür revanchieren, denn nachdem wir die Westspitze von Culebra runden, sehen wir sie an der Boje am Punto Tamarinde. Wir sind schon fast vorbei, als uns auffällt, dass Carole etwas ratlos mit dem Bootshaken unter dem Boot stochert und wir die Boje nicht sehen.

Tatsächlich kann ich den beiden schnorchelnd helfen, wieder freizukommen und neu an der Boje festzumachen. Uns ist es hier aber zu rollig und so gehen wir wieder ankerauf, umrunden auch die Südspitze von Culebra und ankern letztlich in der Bahía de Almodóvar, wieder wunderbar geschützt von dem vorgelagerten breiten Riff. Die Oroboro von Yuka und Francesco ist schon da, die beiden kiten. Kurz nach uns laufen Kim und Chuck mit der La Rive Nord ein. Ansonsten finden jetzt am Wochenende allerdings auch einige Motoryachten von der Ostküste Puerto Ricos hier herüber. Sie machen alle – für uns ungewohnt – mit Heckanker in Richtung Riff (also zum Wind) und Buganker in Richtung Bucht fest. Voll ist es übrigens trotzdem nicht, sogar ein paar Moorings sind noch frei.

Die Einfahrt ist allerdings ein bisschen verwirrend, weil die im nächsten Bild links am Bildrand liegende „Insel“ zwar auf der Navionics-Karte als solche eingezeichnet ist, jedoch vollständig versunken und nur in der Luftaufnahme oder mit der Sonne im Rücken, aber im Gegenlicht eben nicht leicht zu erkennen ist.

Das wir von hier nach nur zwei Nächten weiterfahren liegt an unseren zu füllenden Tauchflaschen. Und so ankern wir an der Punta Melones westlich des Ortes Culebra, verfrachten die Tauchflaschen ins Dinghy und ich düse in den Ort. Wir sind allerdings offenbar inzwischen so tiefenentspannt, dass wir ein kleines Detail übersehen haben: heute ist Sonntag. Oops 😬. Also unverrichteter Dinge zurück. Na gut, dann können wir auch nochmal verholen, es steht doch einiger Schwell auf unseren Ankerplatz.

Vielleicht ist es drüben in der Cayo de Luis Peña auf der gleichnamigen unbewohnten Insel besser? Wir tasten uns durch die Riffeinfahrt, aber hier steht trotz des Riffs zu viel Windsee hinein. Nächster Versuch: immer noch Luis Peña, nur um dessen Ostecke herum in Lana‘s Cove. O.k., da bleiben wir, allein an einer Boje vor dem Sandstrand, an dem sich auch wieder ein paar Palmen finden. Kann man sich dran gewöhnen.

Obwohl, Florecita muss noch mal ran. Ein kleines Motorboot torkelt in die Bucht, offensichtlich kaum zu manövrieren. Miguel geht bei uns längsseits und versucht einen Schlepp zurück nach Culebra zu organisieren, aber das erweist sich zur vorgerückten Stunde am Sonntag als schwierig. Es droht, dunkel zu werden, also bieten wir an ihn hinüberzuschleppen. Miguel nimmt sichtlich erleichtert an, aber als wir Flora klarmachen meint er, ich solle ihn lieber mit dem Dinghy schleppen. Tatsächlich bekomme ich ihn (mit geriggtem Hahnepot) und unserem 20 PS Außenborder trotz der zwischen den Inseln stehenden Welle ganz gut hinüber geschleppt. Mit Flora hätten wir auch nicht durch den Kanal fahren können sondern ganz außen herum in die Ensenada Honda (die Große Bucht auf der anderen Seite des Ortes) gemusst. Selbst so komme ich im Dunkeln zurück auf Flora an.

Hinterm Riff

Noch ein paar kleine Einkäufe im Ort Culebra (essentials: Milch, Eis für Cocktails. Obwohl, der kleine Supermarkt, der auf Klopfen öffnet und immer nur maximal drei Kunden einlässt, zudem angenehm peinlich darauf achtet, dass diese sich zuvor die Hände gewaschen haben und dann zusätzlich auch desinfizieren, er bietet drinnen ein weit besseres Sortiment als man von draußen vermuten würde.

Unter dem Wahrzeichen des Ortes, der inzwischen nicht mehr zu öffnenden rot-weißen ehemaligen Hubbrücke über den Kanal hindurch geht es mit dem Dinghy dann nochmal zum Towndock, dass zugleich als Dinghydock fungiert, aber auch einigen Sparfüchsen als Dauerliegeplatz für ihre Boote dient, kassiert wird nämlich nicht. Wir ergattern frischen Thunfisch beim Fischer, als er seine Kühlboxen auf den Dorfplatz schleift werden wir neugierig.

Die Restaurants und Cafés im Ort haben covidbedingt (max 30 % der Kapazität erlaubt) nur sporadisch auf oder sind vorübergehend ganz geschlossen. Schade, die sympathisch gemalten Werbungen auf der Wand an der Straße machen eigentlich Lust darauf. Manchmal findet man ein offenes Restaurant, am nächsten Tag hat vielleicht ein anderes auf, vielleicht auch nicht.

Na gut, aber dann müssen wir nicht hier vor dem Ort liegen, zumal die Bojen in dem Anker- und Bojenfelder hinter dem Riff kostenlos und gut in Schuss sind. Dann verholen wir lieber hinter das Riff in der Einfahrt der Bucht von Culebra. Das Wasser ist dort natürlich klarer, das Schnorcheln im Pass ist denn auch ganz fein.

Und der Liegeplatz selbst ist einfach klasse. Außerdem liegen hier noch die Valentin (wo wir gleich zu Kaffee und Kuchen eingeladen werden) und die La Rive Nord (Sundowner). Wir sind alle frisch getestet für die Einreise hier nach Puerto Rico, da blüht das Segler-Sozialleben gleich auf 😉.

Culebra

Wir sind auf Culebra, damit auf den zu Puerto Rico gehörenden „Spanischen Jungferninseln“ und somit in Lateinamerika angekommen. Fast alle Puertoricaner geben Spanisch als Muttersprache an. Und doch: wir sind auch wieder in den USA. Für die Einreise brauchten wir ein gültiges US-Visum. Puerto Rico führt nicht nur eine Flagge 🇵🇷 , die sehr an die kubanische 🇨🇺 erinnert, gegenüber der nur blau und rot vertauscht sind. Sondern eben (wie der Lone-Star-State Texas) eine rot weiß gestreifte Flagge mit einem weißen Stern auf blauem Grund, quasi ein „ein-Stern-Banner“. Obwohl die USA 🇺🇸 im Zuge des Spanisch-Amerikanischen Krieges 1898 Puerto Rico erst vier Jahre nach dem Entwurf der Flagge besetzten und fortan für sich beanspruchten.

Der Freistaat Puerto Rico (Estado Libre Asociado de Puerto Rico) hat heute den Status eines Außengebietes (nicht inkorporiertes Gebiet) der Vereinigten Staaten. Das heißt, es ist weder ein Bundesstaat der USA noch gehört es einem Bundesstaat an, aber sämtliche außenpolitischen Angelegenheiten Puerto Ricos werden von den USA wahrgenommen. Amtssprachen sind Spanisch und Englisch. So ganz einfach scheint es hier in der Karibik selten zu gehen.

Schattiges Plätzchen, einmal die gelb-grüne Flagge Culebras, einmal die von Puerto Rico auf dem Vorsegel.

Auch seglerisch bleibt‘s vorerst etwas kompliziert. Die Wellen aus Nord, vor denen wir ja unbedingt hier ankommen wollten, haben sich mittlerweile zwar etwas abgeschwächt und rollen nur noch mit zwischen zwei und drei Metern Höhe an. Dafür hat aber der Wind auf Südost gedreht, die Ankerplätze auf der Südseite von Culebra sind also nicht mehr geschützt. Der Naturhafen in dem wir liegen ist fast rundum geschützt, nur eben nach Südost offen. Er ist trotzdem für uns weiter die beste Wahl, denn die der Einfahrt vorgelagerten Riffe halten das Gröbste, eigentlich sogar fast alles ab.

Und das es grob sein kann sehen wir auf unserer Wanderung heute. Am Flughafen und der Laguna del Flamenco (auf der wir aber keine Flamingos entdecken) vorbei geht’s gemeinsam mit Heike und Jürgen von der „Valentin“ zum Vorzeigestrand in der Bahia de Flamenco. Die mitgebrachten Schnorchelsachen bleiben in der Tasche, selbst Baden ist hier heute nicht drin.

Auch wenn sich nicht jede Welle so dramatisch bricht, die Roller kommen ziemlich regelmäßig, steilen sich vor dem Ufer auf und lassen sich vom durchaus steifen Wind die Kämme abwehen. Da laufen wir doch lieber einfach nur am herrlich feinen Sandstrand entlang bis in die Nordwestecke der Bucht.

Zum einen ist die Vergangenheit der Spanischen Jungferninseln als militärisches Übungsgebiet der Amerikaner hier in einem inmitten der Brandungszone vor sich hinrostenden und inzwischen bunt besprühten Panzerwrack deutlich sichtbar. Zum anderen reicht an dieser Stelle das Riff vom Strand aus weit hinaus und wir haben auch den Blick über die Bucht hinaus an den kleinen Kaps der nördlichen Küstenlinie entlang, die Drohne macht das noch deutlicher.

Zurück gehts auf dem gleichen Weg, immer schön am Strand entlang, mit kleiner Pause unter Palmen.

Und ein paar tierische Begegnungen gab es auch noch, die mit Schwanz manchmal zwei Meter langen Iguanas kann ich einfach nicht unfotografiert lassen (dieser hier war zwar nur etwa 1m50, trotzdem ein Prachtexemplar):

Einklariert in Puerto Rico 🇵🇷

Um 10:30 gehen wir Anker auf, winken noch einmal Ute und Russ auf der Tairua und sagen Sint Maarten 🇸🇽 Good Bye. Wir wollen ein kleines Wetterfenster nutzen, das sich nur bis zum nächsten Morgen auftut. Danach soll sich das riesige Sturmtief bemerkbar machen, das sich derzeit über dem Nordatlantik austobt. Sebastian Wache von unserem deutschen Dienst Wetterwelt in Kiel berichtet von 15 hohen „signifikanten“ Wellen in diesem Tief, wobei einzelne Wellen gut die doppelte Höhe erreichen können. Das ist zwar weit weg, aber der Wetterdienst für die USVI (durch die wir hindurchfahren) hat eine explizite Warnung vor „hazardous wave conditions“ bis 20 Fuß Höhe (etwa 7 m) ab Samstag früh herausgegeben. Dann wollen wir bereits in Puerto Rico sein, allerdings dürfen wir auch nicht zu früh auf Culebra eintreffen, denn die Einfahrt in die geschützte Bucht dort führt gewunden und eng durch Riffe. Tageslicht ist angeraten. 127 Seemeilen liegen vor uns, das sollte passen und uns genug Gelegenheit geben, durch Tempoanpassungen pünktlich anzukommen. Für den Anfang ist eher wenig Wind vorausgesagt, aber wir werden positiv überrascht. Tatsächlich finden wir ideale Bedingungen für unseren Code0 und mit rund 5 kn plus unterstützendem Strom segeln wir ganz gemütlich über die ruhige See.

Als der Wind dann doch noch etwas nachlässt, nehmen wir den Motor dazu und nutzen das um auch den Wassermacher anzuwerfen. Der läuft zwar über die 12-Volt-Anlage, zieht aber etwa 38 Amp um 50 Liter Wasser zu machen.

Wir können diesen Teil der Passage sogar auf dem Vorschiff genießen, ein seltenes Privileg. Unterbrochen oder besser gesagt, getopt, von einem Angelerfolg. Eine schöne große King Mackarel geht an eine unserer beiden Schleppangeln. Drei Viertel von ihr bekomme ich auch an Bord, nur den Schwanz beißt am Ende noch eine große Golddorade ab. Gibt aber trotzdem noch genug Filets für drei Tage. Durch den abgebissenen Schwanz gibt’s allerdings etwas Blut aufs Teakdeck, da sind wir mit der sonst so hilfreichen Filetierungswanne aus der Backskiste einfach nicht schnell genug. 😔

Der Wind hat dann ein Einsehen, nimmt der Vorhersage entsprechend wieder zu und lässt uns unter Code0 in den Sonnenuntergang und die Vollmondnacht gleiten.

Beim ersten Wachwechsel um 22.00 rollen wir den Code0 dann aber weg, 8 Knoten über Grund sind einfach zu schnell für unsere geplante Ankunftszeit, wir wechseln auf die Fock und reffen sogar noch das Groß, damit passt es wieder. Tatsächlich erreichen wir kurz nach Sonnenaufgang die Ansteuerungstonne und laufen bei noch geringer Welle vom maximal einem Meter in Culebra ein.

Nach dem Aufklaren der Flora und Crêpes zum Frühstück steht das Einklarieren an. Zunächst versuchen wir uns über die CBP-Roam-App anzumelden, aber das stößt auf Schwierigkeiten. Wir haben noch keine Telefon-/Datenkarten, und die bisher so zuverlässige virtuelle SIM in Wiebkes GlocalMe scheint zu zicken, der letzte Bestätigungsschritt in CBP-Roam will nicht klappen. Laut Törnführer soll die Einklarierung bei der CBP (Customs and Border Patrol nahe am Dinghysteg erfolgen. Pustekuchen, da ist nichts. Ich werde zur Polizei verwiesen und von denen zum Flughafen. Das ist aber alle ganz gut fußläufig zu machen.

Am Flughafen residiert aber natürlich nicht nur die CBP (das hätte ich allein machen können) sondern die nimmt gleich auch die Aufgaben der Immigration wahr. Also einmal zurücklaufen, Wiebke mit dem Dinghy abholen und wieder zum Flughafen, denn die „Immigration“möchte uns beide sehen. Anfängerfehler! Die von uns vorab ausgefüllten Formulare CBP Form 1300 und CBP Form I-418 (gelten für die gesamten USA und auch USVI und Puerto Rico) soll ich aber schon mal da lassen, die Pässe mit den USA-Visa auch. Außerdem war ja vorher schon eine „Online Travel Declaration“ auszufüllen, die findet sich auf der Regierungs-Webseite für Puerto Rico. Das dabei hochzuladende Ergebnis unserer Covidtest kam rechtzeitig vor der Abreise in Sint Maarten per Email. Aus den Ankreuzmöglichkeiten der Travel Declaration ergibt sich übrigens, dass wir den Covidtest theoretisch auch in Puerto Rico machen könnten, dann allerdings bis zum Ergebnis in Quarantäne wären. Auf unsere Nachfrage sagt uns die CBP, ein Test wäre „wohl“ auch im kleinen Krankenhaus hier in Culebra möglich. Für Segler mit mehr als 72 Stunden Anreise (ab Test!) wäre das aber immerhin eine Möglichkeit.

Als wir auf der Suche nach einem WLAN zur Aktivierung unserer US-Telefonkarte im Ort sind, treffen wir die Crews der „Rive du Nord“ und der „Valentin“ wieder und schnacken kurz. Schön, da fühlt man sich doch gleich gut aufgenommen.

Im WLAN erfahren wir dann auch, dass die CBP-Roam-App sehr wohl funktioniert hat und uns der zuständige Officer per Videocall über die App und per Telefon vergeblich zu erreichen versucht hat. Deshalb teilt er uns per Email mit, dass wir unverzüglich zur CBP am Flughafen in Culebra zum Einchecken müssen. Gut, dass haben wir ja ohnehin gemacht ☺️.

Ein wenig Boatwork ist auch fällig, wieder mal meine Lieblingstätigkeit. Diesmal im achteten Bad. Aber es gibt eine tolle Kompensation.

Zum zweiten Filet vom selbstgefangenen Fisch (das erste ging gleich für Ceviche drauf) zaubert Wiebke an Bord heute Abend Pastinaken-Kartoffelstampf mit Lauch-Apfel-Beilage und Walnuss-Zitronen-Petersilien-Cremolata. Ein versöhnliches Hoch auch auf die Einkaufsmöglichkeiten auf der vorigen Insel in Sint Maarten.

Uns geht’s gut, schön jetzt hier in Puerto Rico zu sein.