Isaias in der Rückschau

Ganz lieben Dank für Eure Kommentare, für das Daumendrücken und die guten Wünsche. Offensichtlich hilft es, denn Isaias hat sich dann doch noch ein weiteres Mal als ungewöhnlich erwiesen. Er hat die von NOAA (dem amerikanischen Wetterinstitut) mit ihrem GFS-Modell und auch von dem europäischen ECMWF-Modell einheitlich vorhergesagte Zugbahn doch noch verlassen und ist westlich an uns vorbei gerauscht, statt sich weiter an der Küstenlinie entlang zu hangeln. Einzig “Wetterwelt” aus Kiel mit ihrem “Seaman Pro” hatte uns gestern Abend eine solche westlichere Variante präsentiert und damit richtiger gelegen.

Tatsächlich fängt es am frühen Nachmittag an, kräftiger zu blasen, so gegen 17.00 ist der Gipfel erreicht. Ein paar wenige Mal zischen Böen mit 9 Beaufort über unseren Ankerplatz, maximal messen wir 42,7 kn. Schon vor 18.00 kommt die Sonne wieder heraus und der Wind lässt etwas nach. Noch bis 21.00 sind immer mal wieder Drücker in den mittleren 30ern dabei (7 bis 8 Bft), aber insgesamt flaut es spürbar ab. Wir sind durch und hatten bis auf zwei unvorsichtig abgestellte Trinkgläser keine Verluste.

Kann man sogar (im Ton) auf diesem kleinen Video miterleben, das eine Böe an unserem Ankerplatz zeigt.

Gut zu wissen, dass Flora mit dieser Windstärke so unproblematisch zurechtkommt, wenn wir für sie einen entsprechenden Ankerplatz finden können. Und natürlich hatten wir auch das Glück, dass der Wind nicht stärker war und nur über einen vergleichsweise kurzen Zeitraum kräftig blies. Die Messwerte auf der “Windfinder”-App für Quonset Point ein paar Meilen südlich von uns hier in der Narragansett Bay verdeutlichen das:

Die Böen liegen jetzt bei uns nicht mehr deutlich über 30 kn, dass merken wir auch an einem dauerhaft laufenden Windgenerator. Zuvor hatte unser “Silentwind” nämlich eine echte On-Off-Beziehung: immer wieder ging er in die automatische Abschaltung und lief erst nach etwas Wartezeit wieder an. Aber wenn er roulierte, dann richtig. In der Spitze zeigte das Display Ladewerte von über 25 Amp.

Und er musste es ja allein richten, denn die Solarpanele hatten wir ja schon gestern vorsorglich abgebaut, ebenso wie das Bimini auf dem sie montiert sind.

Ein bisschen irritiert bin ich aber über die Namensgebung für diesen Sturm. Da muss sich ja jemand was dabei gedacht haben, oder? Nun ist es so, dass die Stürme im nördlichen Atlantischen Ozean durch das National Hurricane Center (NHC) der USA benannt werden. Dabei bedient sich das NHC jährlich umlaufend seiner sechs Listen. Jede Liste beinhaltet abwechselnd Männer- und Frauennamen bzw. umgekehrt in ungeraden Jahren. 2020 ist Liste Nummer 6 dran und die sieht eben als neunten Namen Isaias vor. 2026 wird der Neunte Sturm also eventuell wieder Isaias heißen, denn Namen werden nur dann von der Liste gestrichen und durch neue ersetzt, wenn ein Sturm dieses Namens irgendwann mal ganz besonders verheerend war. Falls übrigens das Alphabet in einem Jahr nicht ausreicht, weil mehr als 21 benannte Stürme auftreten (Namen mit den Anfangsbuchstaben Q, U, X, Y und Z werden nicht verwendet) werden die Stürme nach den Buchstaben des griechischen Alphabets benannt (Alpha, Beta, Gamma …). Erstmals ist das 2005 passiert, aber 2020 ist leider auf dem (schlechten) Weg, vielleicht ebenfalls davon Gebrauch machen zu müssen.

Jedenfalls ist der Name Isaias eine andere Schreibweise des alttestamentarischen Propheten Jesaja, der eine endzeitliche Wende, das Ende des weltlichen Reiches und das Gericht Gottes ankündigte. Ich finde, da muss man als Namensgeber für einen tropischen Sturm und potentiellen Hurrikan wohl schon einen sehr eigenen Humor haben. Oder ein ganz besonderes Gottvertrauen, schließlich wird Isaias auch mit “Hilfe ist Gott” übersetzt. Diejenigen, die von einem Isaias-Sturm schwer betroffen sind könnten das auch als Sarkasmus empfinden.

Wiebke findet meine Namenanalyse in diesem Fall aber überzogen. Und vielleicht ist Isaias ja ein Name, der z.B. einen spanischsprachigen Menschen sofort in den Sinn kommt, wenn man ihn nach einem Vornamen mit “I” fragt und Ida, Ian, Idalia, Isaak und Imelda schon auf den Listen 1 bis 5 vergeben sind.. Ich bitte also um Nachsicht für meine vielleicht etwas ausufernden Überlegungen 😉.

Der ungewöhnliche Isaias

Isaias. Ungewöhnlicher Name. Erst recht für einen Hurrikan, denn ein solcher war Isaias (Kategorie 1) noch über den Bahamas, aber inzwischen hat er etwas an Kraft verloren und ist zum tropischen Sturm heruntergestuft. Vor allem aber hat Isaias eine ungewöhnliche Zugbahn.

Der Weg nach Florida war noch eher typisch, aber jetzt arbeitet sich Isaias langsam die ganze US-Ostküste hoch, vielleicht mit einem kleinen Landfall bei Myrtle Beach oder bei Kap Hatteras, nur um dann wieder Kraft auf dem offenen Meer zu tanken und weiter die Küstenlinie entlang zu ziehen. Bis nördlich von New York. Hm. Da sind wir.

Zuerst (vor einer Woche) schien die Vorhersage so ungewöhnlich, dass wir gedacht haben, das würde sich sicher noch ändern. Hat es aber nicht, die verschiedenen Modelle nähern sich immer mehr an und die ungewöhnliche Zugbahn bestätigt sich weiter.

Für uns heißt das, die wunderschöne aber weiter draußen und damit exponiert liegende Insel Block Island (für diese Gegend sind Wellen von 4 m Höhe vorhergesagt) etwas früher zu verlassen und ein Stück in die Narraganset Bay hinein zu segeln, dort sollte der Sturm weniger Kraft haben. Unser erster Ankerplatz bei Bristol ist zwar schön (insbesondere der kleine Ort), aber nach Süden zu offen. Nicht gut, denn Isaias soll hier vor allem starke Südwinde bringen.

Gemeinsam mit unserem alten Buddyboat, der Amalia (Steve und Helena), verholen wir 6 sm weiter nach Osten nach East Greenwich und ankern dort wunderschön vor einem Waldstück mit kleiner Steilküste und Sandstrand. Das Bojenfeld etwas näher vor dem Ort liegt in einem genau in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Creek und ist ziemlich eng gesteckt, da scheint uns unser Ankerplatz geschützter. Wir bauen unsere Solarpaneele und unser Bimini ab, ebenso alle jetzt überflüssigen Leinen wie Spischoten, Barberholer und die an den Spibäumen angeschlagenen Vor- und Achterholer. Selbst die Angeln verschwinden unter Deck. Steht unserer Flora eigentlich ganz gut 😊.

Hört sich übertrieben an? Na ja, die Wetterberichte zeigen, dass Isaias zwischendurch vermutlich nur etwa vier Knoten fehlen werden, um wieder zum Hurrikan hoch gestuft zu werden. Ob er sich daran hält? Außerdem ist er eben ungewöhnlich, da gehen wir um so mehr lieber auf auf Nummer sicher. Gerade bekommen wir eine NOAA-Wetterwarnung für die die Narragansett-Bay, also den tiefen Einschnitt bei Newport, in dem wir uns verkrochen haben: “Uncertanty in track, size and intensity: potential for wind 58-73 mph.” Windy sagt für unseren Standort “nur” etwa 43 kn an, was auch schon 9 Beaufort wären.

Das Gute: Isaias sollte schnell vorbeiziehen, nach ein paar Stunden durch sein. Und vermutlich wird er hier am späten Nachmittag kommen, also bei Tageslicht, und dann schon nach wenigen Stunden weitergezogen sein. Wir haben viel Platz, guten Ankergrund und gut 10fachen Scope (Verhältnis der ausgebrachten Ankerkette zur Wassertiefe).

Wir sind gespannt, aber eigentlich ganz zuversichtlich. Morgen wissen wir mehr.

Boat work

Block Island ist einer der schönsten Plätze, den wir bisher in den USA mit dem Boot besucht haben. Die Lagune bietet einen rundum geschützten Ankerplatz, die Insel ist schön und trotz ihrer touristischen Erschlossenheit angenehm zurückgenommen und unaufgeregt, es gibt kaum Bausünden, dafür aber gute Restaurants und Spezialitäten.

Ganz klasse zum Beispiel das Garten-Grill-Lokal “Three Sisters”, das uns mit wunderbarer kreativer Küche, bewusst lokalen Zutaten, dezenter guter Livemusik und herrlich improvisiert wirkendem gemütlichen Gartenambiente verwöhnt. Eine Alkoholausschanklizenz haben sie nicht, also flitzen Wiebke und Michael zum Supermarkt um die Ecke und holen gekühlten Wein (anders als etwa in Maryland dürfen hier in Rhode Island die Supermärkte Alkohol verkaufen). Gläser stellen die Three Sisters, das Korkgeld ist mit 5$ gering. Gemeinsam mit der Crew der Escape genießen wir einen weiteren richtig schönen Abend.

Aber leider, leider: auch die Zeit auf Block Island bietet nicht nur Vergnügen. Ein bisschen Bootsarbeit ist dann doch immer zu tun. So auch hier. Unser Dieselgenerator (für die Stromerzeugung an Bord, wenn Solar und Windgenerator nicht ausreichen) schaltet sich weniger als eine halbe Minute nach dem Start wieder ab und meldet ”zu hohe Abgastemperatur”. Das ist nun eher unwahrscheinlich, aber wie Wiebke in der Bedienungsanleitung herausfindet, wird mit diesem Hinweistext auch auf mangelnden Kühlwasserfluss hingewiesen, bevor die Abgastemperatur einen kritischen Wert erreicht.

Der Motorraum der Flora beherbergt neben (genauer: hinter) dem Motor auch den Generator. Mit schon entfernter Schallschutzhaube des Generators sieht das so aus:

Über dem Motor liegend, kann man also am Generator schrauben, wobei die Seewasserpumpe zum Glück an der vorderen Seite des Generators verbaut ist.

Die Kontrolle des Impellers der Seewasserpumpe ergibt ein desolates Bild:

Nun ist der Wechsel des Impellers eigentlich nicht schwierig, obwohl der des Generators (anders als bei unserem Motor) eine Papierdichtung hat. Die muss ebenfalls getauscht werden und dazu vorsichtig mit einer scharfen Klinge vom Gehäusedeckel entfernt werden, ohne ihn zu zerkratzen. Wir legen den Deckel über Nacht in eine Wasser-Essig-Lösung, das vereinfacht das Abkratzen.

Das Blöde ist nur: die am Impeller fehlenden Flügelteile müssen aus dem Kühlkreislauf entfernt werden. Da ich sie nicht im Pumpengehäuse finde, (bis auf eins, dass mir beim Öffnen entgegenfällt und in den unerreichbaren Tiefen der Generatorbilge verschwindet) muss ich sie im Verlauf der Kühlwasserschläuche suchen, die ich dafür nacheinander abbaue. In den beiden zwar langen, aber vergleichsweise einfach zugänglichen ersten Leitungen findet sich leider nichts. Ich befürchte, dass sich die Flügelreste vor dem Engpass des Wärmetauschers sammeln, der aber liegt schwer zugänglich auf der Rückseite des Generators, halb verborgen vom Rahmen der Schallschutzhaube. Nach intensiver telefonischer Beratung mit Chief Jan per Telefon mache ich mich erstmal an den Zulaufschlauch vom Seeventil zur Wasserpumpe. Und – Glück gehabt – obwohl entgegen der Fließrichtung findet sich hier ein erstes Flügelteil. So ermutigt, fingere ich mit einer Pinzette ein weiteres aus einem der 90-Grad-Metallwinkel, auf denen die Schläuche mit Schellen befestigt sind. Da ich aber nicht von beiden Seiten drankomme, fädele ich ein Stück Leine hindurch und finde den Rest (hoffentlich jedenfalls alle großen Teile). Zusammensetzen lässt sich das Puzzle nicht mehr 😉.

Entgegen meiner Befürchtung lässt sich der Deckel auch ziemlich unproblematisch wieder aufsetzen, wobei wir die Verdickung der Dichtung (und damit die Montagestelle) außen auf dem Deckel mit Edding markieren und die Dichtung mit etwas Vaseline am Deckel anhaften, damit sie bei der Montage nicht so leicht verrutscht.

Dann der spannende Moment: ja, der Generator springt an und läuft auch problemlos zwei Stunden, das soll erst mal reichen. Juhu!

Und das kann gefeiert werden, denn es ist natürlich nicht die einzige Bootsarbeit: Michael hat in der Zwischenzeit einmal mehr ein kulinarisches Highlight in der Pantry gezaubert:

Block Island

Und wieder ein anderes „Amerika“, vielmehr eine andere Facette dieses bunten Landes.

Auf dem Weg Richtung Newport lockt uns ein Naturhafen, den uns sowohl George als auch David wärmstens ans Herz gelegt haben. Block Island kann aber auch erschrecken: die Dichte der AIS-Signale in der etwa in der Mitte der Insel gelegenen Lagune des New Harbor lässt kaum Hoffnung auf einen freien Anker- oder Bojenplatz zu. Doch das täuscht. Zu Feiertagen wie etwa dem amerikanischen Unabhängigkeitstag sollen hier bis zu 2.000 Boote liegen. Jetzt sind es „nur“ etwa 500, wie uns die Jungs vom Bäckerboot erklären. Entschuldigend, denn deswegen haben sie kein Brot dabei (lohnt sich nicht), wir nehmen aber gern mit Croissants und süßen Teilchen Vorlieb.

Trotzdem sieht der Ankerplatz gut gefüllt aus, aber es eben auch noch diverse freie Bojen und auch genug Platz zum Ankern. Eine Nacht liegen wir „alleine“ hier, dann leistet uns die Escape Gesellschaft, die wir zuletzt in Sag Harbor getroffen haben. Gemeinsam machen wir zu sechst eine Radtour, Mietfahrräder gibt es unweit des Hafens. Die Insel ist eigentlich nicht sehr groß, etwa 11 km lang. Doch die haben es in sich. Wind und vor allem die hügelige Landschaft mit knackigen Steigungen verlangen der Kondition einiges ab. Zunächst schlagen wir einen Bogen in Richtung des Southeast Lighthouse an der imposanten Steilküste des Mohegan Bluff, die wir über eine laaaange Holztreppe ebenfalls erkunden um anschließend die trampelmüden Waden im Wasser zu erfrischen.

Weiter geht’s hügelauf und hügelab, vorbei an diversen kleinen und größeren Teichen und Seen (über 300 soll es auf der Insel geben), oft mit Seerosen fast flächendeckend übersät. Oft flankieren Steinmauern die Straßen und die Felder, sie würden an England erinnern wenn da nicht die verräterischen amerikanischen Häuser wären. Die Landschaft jedenfalls ist wunderschön und abwechslungsreich.

Natürlich gibt es auch hier auf dieser mit ihren langen Sandstränden im Osten sehr beliebten Urlaubsinsel viele exclusive Domizile, aber Block Island präsentiert sich trotzdem angenehm zurückgenommen, weniger mondän als zuletzt Sag Harbor in den Hamptons.

In Old Harbor im Westen haben wir fast wieder unseren Fahrradverleih erreicht, aber gemeinsam mit Annemarie und Volker wollen Wiebke und ich noch einmal zum anderen Ende der Insel radeln. Greg und Michael ziehen eine Pause im Ort vor.

Und es wird auch noch einmal anstrengend. Nach einem längeren Stück im Schutz der Dünen am Oststrand entlang geht es dann doch wieder bergauf und bergab, die Gänge wollen fleißig geschaltet werden.

Schon viermal musste er wegen der wandernden Dünen versetzt werden, ist uns dabei ein gehöriges Stück entgegen gekommen. Trotzdem: ganz bis zum Leuchtturm Block Island North Light können wir nicht fahren, etwa einen Kilometer vorher endet die Straße. Aber das Teleobjektiv und die Drohne können die restliche Strecke ganz gut überwinden 😉

Zurück am Hafen lassen wir uns eine weitere dringende Empfehlung nicht entgehen: unbedingt müssten wir einen „Mudslide“ (Schlickrutscher) im Garten des Restaurants „Oar“ mit Blick auf den Hafen probieren. Trotz des Namens schmeckt sieht das Getränk eigentlich ganz manierlich aus und schmeckt auch klasse. Kalua, Baileys und Vanillevodka mit Eis zu einem Milkshake-ähnlichen Getränk verarbeitet, nicht ganz ungefährlich.

Zurück auf die Flora. War der letzte Sonnenuntergang hier in der Ankerbucht noch so:

präsentiert sich der Abend heute ganz anders. Dunst zieht auf, erste Nebelschwaden zeigen sich. Sieht aus, als wolle die Sonne morgen mal Pause machen, Regen soll es auch geben. Wir bauen für die Nacht schon mal die Kuchenbude auf.

Ram’s Head

Auf Davids Empfehlung hin trauen wir uns, einen Abstecher in die gut geschützte Bucht zwischen Ram Island und Little Ram Island zu unternehmen. Beides sind eigentlich Halbinseln und gehören zu Shelter Island, das mittig zwischen South Fork und North Fork liegt. Knifflig ist nicht nur die geringe Wassertiefe in der Ankerbucht selbst, sondern vor allem die Anfahrt zwischen zwei leicht gegeneinander verschobenen Sandzungen hindurch, trotz gebaggerter und betonter Rinne. Aber David versichert uns, bei entsprechender Tide (am besten halbe Tide auflaufend) sei das mit unseren zwei Metern Tiefgang machbar.

Allein auf Basis der Navionics Karte wären wir hier wohl eher nicht hingefahren. Entsprechend tasten wir uns sehr vorsichtig durch die Enge quasi in Shelter Island hinein und es klappt ohne Grundberührung. Belohnt werden wir zunächst einmal mit einem wunderschönen Ankerplatz.

Aber die Belohnung reicht weiter, es gibt nämlich nämlich – Teil der Empfehlung – ein tolles Abendessen auf der Terrasse des Ram’s Head Inn oberhalb des Ankerplatzes.

Sag Harbor

Sag Harbor liegt auf der South Fork, also dem südlichen schmalen Ausläufer von Long Island, der vielleicht besser als „die Hamptons“ bekannt ist. Die Ortschaften der Hamptons sind bekannt für ihre eleganten Häuser, Sag Harbor macht da keine Ausnahme. Zumeist mit Holzschindeln verkleidet, mal extravagant, mal schlicht, immer aber extrem teuer (Lage, Lage, Lage).

Eigentlich ist Sag Harbor ein alter Walfangort. Dessen Geschichte wird im hiesigen Walfangmuseum auch recht anschaulich erläutert, obwohl wegen Covid das Gebäude noch geschlossen ist. Ein Teil der Ausstellung wurde deshalb kurzerhand auf wetterfeste Plane gedruckt und in den Garten des Museums, rund um das von einer Art Carport geschützte Walfangboot verlagert.

Wale finden sich denn auch allenthalben in dem Städtchen, auf T-Shirts, und Kissen, an Hauswänden oder auf Dächern, als Geschäftsbezeichnungen und so weiter. Es gibt sogar eine eigene Walfängerkirche.

Wir unternehmen mehrere schöne Spaziergänge durch den Ort, die eigentlich geplante Fahrradtour lassen wir wegen der Hitze (so um 30 Grad) ausfallen und gönnen uns dafür ein Eis ;-).

Aber dafür haben wir um so mehr Zeit, um gemütlich durch den Ort zu streifen.

An einer der Hauswände sind diverse Fischerbojen dekoriert. Diese kleinen, bei auch nur etwas Welle kaum noch sichtbaren Markierungen werden in der gleichen historischen Form auch noch heute benutzt, finden sich zuhauf in den flachen Buchten hier und sorgen für eine nochmal erhöhte Aufmerksamkeit beim Navigieren. Bisher sind wir davon verschont geblieben, uns eine Fischerleine einzufangen. Hoffentlich bleibt das so!

Greenport

In der Orient Bay treffen wir David von der amerikanischen Hallberg-Rassy-Rassy 40 “Flight”. Er ist extra aus Greenport hergekommen, rudert von der Flight herüber und versorgt uns mit Tips für diesen Teil von Long Island rund um das zwischen North Fork und South Fork (Hamptons) gelegene Shelter Island und für unsere Weiterfahrt. Dafür hat er extra seine Seekarten mitgebracht, außerdem Gastgeschenke. Wow. Leider muss er am Abend noch wieder weiter, aber wir verbringen ein paar schöne gemeinsame Stunden.

Und dann das: hatten wir uns zuletzt noch über die amerikanische Gastfreundschaft gefreut, kommt gleich wieder jemand daher und versucht das Gegenteil zu beweisen. Das Örtchen “Orient” hat unserer Ankerbucht den Namen gegeben, aber besuchen dürfen wir es nicht. Auf den Grundstücken überall Schilder mit “No trespassing”, im kleinen Yachthafen keinerlei Dinghysteg sondern nur der wenig freundliche Hinweis: Keine Kurzzeitlieger!

Wir sprechen ein Mitglied des Yachtclubs an. Knappe Antwort: “Nein”, fremde Dinghys sind nicht vorgesehen. Wo wir anlanden könnten? Keine Ahnung, vielleicht da ganz weit hinten, am Strand. O.k., wer uns nicht will hat uns nicht verdient (so formuliert es Michael).

Also gehen wir gleich wieder ankerauf und verholen ein paar Meilen weiter vor den etwas größeren Ort Greenport. und dort sieht es zu unserem Glück wieder anders aus, es gibt ein ausgewiesenes Dinghydock nahe zur Innenstadt:

Schon auf dem Weg in die Stadt lassen wir uns aufhalten: Lobster Rolls locken uns ins urige Sterlington Deli bzw. dann auf deren Außenterrasse. Ein Glücksgriff: nicht nur kommt die Bedienung von der Insel Föhr und hat deshalb mit dem versehentlichen Denglisch unserer Bestellung keinerlei Probleme, auch der Lobster im Brioche-Brötchen ist superlecker und mit außergewöhnlich reichlich Lobsterfleisch überhäuft.

Und auch sonst gefällt uns Greenport richtig gut. Lebendig, aber nicht nur touristisch, leckeres Eis, gute Einkaufsmöglichkeiten. Zum Abend hin reißt auch wieder der Himmel auf und wir bekommen einen traumhaften Sonnenuntergang am Ankerplatz.

Connecticut: Kulissenwechsel

Nur einmal kurz über den Sund gesegelt, schon gibt’s statt langer Sandstrände und Dünen felsige Granitinseln mit Holzhäusern drauf. Schärenlandschaft.

Dänemark 🇩🇰 nach Schweden 🇸🇪, Gilleleje nach Hallands Väderö, Anholt nach Öckerö? Ja, auch. So kannten wir das bisher. Jetzt lernen wir, das Gleiche gilt auch für New York 🇺🇸 nach Connecticut 🇺🇸, Long Island nach Thimble Islands.

Es ist, als hätte man im Theater einmal kurz geblinzelt und die Kulissenschieber hätten – schwupp – auf die nächste Szene, den nächsten Aufzug gewechselt.

Was die Thimble Islands (wörtlich übersetzt: Fingerhut-Inseln) von ihren schwedischen Verwandten unterscheidet: Landgang ist schwierig bzw. zumeist nicht gestattet. Die Inseln sind im Privatbesitz und die Schilder mit “No trespassing” allgegenwärtig. Macht uns aber nichts aus, wir sind froh, überhaupt nach Connecticut reisen zu können. Die obligatorische Anmeldung per Telefon bei der Coast & Border Patrol ist insofern spannend, als Connecticut gerade wegen Covid eine obligatorische zweiwöchige Quarantäne für die Einreise aus diversen anderen Bundesstaaten verkündet hat. Darunter ist Maryland wo wir ja vor weniger als zwei Wochen noch waren. Andererseits, jetzt kommen wir aus New York State. Wie auch immer, wir haben jedenfalls keinerlei Problem.

Und so schlängeln wir uns zwischen halbüberspülten Felsbrocken und Inselchen hindurch an eine der Stellen, die wir als Ankerplatz ausgemacht haben. der Revierführer strotzt nur so vor “Caution!”, aber die Einfahrt ist gut betont und nicht allzu schwierig. Die Wahl des Ankerplatzes ist allerdings wegen einiger auf dem Grund liegender Kabel und wegen der vielen privaten Bojen etwas knifflig. Wir finden einen Platz (wenn auch mit begrenztem Schwoiraum) und im zweiten Versuch hält der Anker in dem schlammigen, muscheldurchsetzten Grund.

Kurz darauf zeigt sich die amerikanische Gastfreundschaft. Ein Motorboot löst sich von einer Mooring und kommt bei uns vorbei. Der Skipper informiert uns über am Abend zu erwartende heftige “Thunderstorms” (Gewitterböen) und bietet uns an, an die von ihm freigemachte kräftige Mooring zu gehen, die seinem Verein gehört. Machen wir.

Endlich ist das Wasser auch wieder klarer. Ich schwimme ausgiebig, auch wenn der Einstieg bei einer Wassertemperatur von 24 Grad uns nach der Karibikverwöhnung frisch erscheint 😉.

Zum Abendessen gibt’s auf der Überfahrt frisch gefangenen Bluefish (Blaubarsch). Danach kommt George von der neben uns an der Boje liegenden Saber 38 herüber und versorgt uns mit Tips für die Gegend, sowohl was Ziele angeht als auch hinsichtlich der Tidennavigation hier, die mit rund zwei Meter Tidenhub und kräftigen Strömungen in den Engstellen nicht ganz ohne ist.

Lange bleiben kann George nicht, dass Gewitter ist tatsächlich schon im Anmarsch, wird dann aber nicht so schlimm wie befürchtet. Trotzdem sind wir froh, an die Mooring gewechselt zu haben, um die herum Flora in den Böen bei wechselnden Strömungen einige Pirouetten dreht.

Präsidententage auf Long Island: Ruhe und Aufregung

So aufregend New York und die Passage durch Hell Gate gewesen sein mögen, so beruhigend (überwiegend jedenfalls) sind die nächsten Tage im Long Island Sound.

Es ist zumeist fast windstill und so motoren wir, abgesehen von gelegentlichem Leichtwindsegeln eher zur Abwechslung als zum Vorankommen.

Unser erstes Ziel ist Port Washington, nur etwa 10 sm westlich von Hell Gate auf dem zum Staat New York gelegenen Long Island. Diese fast 200 km lange Insel zieht sich von der City New York aus nach Osten und trennt dadurch eine Meerenge ab, auf deren gegenüber liegender Seite sich an New York die Bundesstaaten Connecticut und Rhode Island anschließen. Long Island ist Sommerfrische und beliebter Wohnort für wohlhabende New Yorker, insbesondere die im Südosten der Insel liegenden Hamptons (South Hampton, Bridge Hampton und East Hampton) mit ihren Stränden sind dafür bekannt. Aber auch an der Nordküste der Insel finden sich unfassbar viele, mal mehr, mal weniger geschmackvolle “Residenzen”. Schlendert man aber durch die Orte, sind doch die meisten Häuser eher normal groß. Auffällig ist wie sich der Stil verglichen etwa mit Cape May oder der Chesapeake Bay verändert hat. Traditionell sind hier Holzschindeln (shingles), nicht nur auf den Dächern sondern auch an damit verkleideten Fronten. Allerdings sind sie häufig an den nicht ganz so exquisiten Häusern nicht mehr wirklich aus dem Naturmaterial, sondern aus Kunstoff.

In der tiefen Bucht von Port Washington sind mehrere Marinas beheimatet, aber es gibt auch große Bojenfelder. Ankern außerhalb der Bojenfelder ist ebenfalls erlaubt, allerdings ist der Weg mit dem Dinghy zum Ort dann recht weit. Wir haben aber Glück: zusätzlich zu den üblichen weißen Bojen sind auch gelbe Gästebojen ausgelegt, deren Benutzung für die ersten beiden Tage hier sogar kostenfrei ist. 😁

An unserem nächsten Stop, 30 sm weiter östlich und wiederum in einer tief eingeschnittenen Bucht gelegen, ist das leider anders. 50,00 $ pro Nacht kostet die Boje hier, immer noch deutlich günstiger als der etwa dreimal so teure Platz am Steg, was hier schon günstig ist. Außerdem ist der Shuttle-Service im Bojenpreis schon inbegriffen.

Port Jefferson (wie Port Washington nach einem frühen Präsidenten benannt) lockt uns außerdem mit einer hafeneigenen “Laundry”, also mehreren Waschmaschinen und Trocknern, was unsere kleine 3,5 kg Bordwaschmaschine entlasten soll. Das Bootsshuttle setzt uns dort mit unserer Wäsche ab und – grrr 😖, wegen Covid ist das Häuschen, in dem sich auch die Sanitäranlagen befinden, leider GESCHLOSSEN.

Wir google ein bisschen auf dem Handy und finden heraus, dass sich etwa zwei Meilen weiter die Hauptstraße hinauf ein offener Münzwaschsalon befindet. Das (Uber-) Taxi bringt uns hin:

Großzügig, sauber und preiswert. Fein. Bloß blöd, dass wir feststellen müssen: Greg hat sein Handy im Uber liegen lassen. Die Kontaktaufnahme erfolgt über die Uber-App, wir bekommen zwar nicht die Nummer des Fahrers, werden aber verbunden. Allerdings gestaltet sich die Kommunikation schwierig, sein Englisch ist doch ziemlich limitiert. Immerhin, er hat das Handy. Wir warten zwei Stunden am Waschsalon auf ihn, aber er erscheint nicht, weitere Anrufversuche scheitern. Als es schon dunkel ist, machen Wiebke und ich uns auf den Heimweg, ergattern auch noch das Shuttleboot und können die später (ohne Handy) heimkommenden Greg und Michael mit dem Dinghy abholen. Zurück an Bord kriegen wir doch noch mal den Fahrer ans Telefon und eine weitere Dinghyfahrt später hat Greg sein Handy wieder. Spätestes Bord-Dinner um 23.00, HAPPY END. 😎

New York, New York

Das ist New York:

Beide Bilder sind vom gleichen Standpunkt im New Yorker Hafen aufgenommen, nur die Blickrichtung ist unterschiedlich. Das erste zeigt den Blick über den Buttermilk Channel hinweg zu den Containerbrücken in Brooklyn, das zweite den Blick genau entgegengesetzt hinüber zum Finanzdistrikt an der Südspitze von Manhattan mit den Fährterminals im Vordergrund.

Wir sind nicht das erste Mal in New York, und trotzdem sind wir wieder überrascht von den Gegensätzen, die in diesem Schmelztiegel wie selbstverständlich nebeneinander zu finden sind. Und obwohl wir ursprünglich gedacht hatten, wir würden nur eine Nacht an der Freiheitsstatue ankern und dann ohne Landgang weiterfahren, die Anziehungskraft der Stadt ist dann doch zu groß. Wir lassen das Dinghy zu Wasser und fahren die gut anderthalb Meilen den Hudson River hinauf und hinüber in den North Cove Yacht Harbour in Manhattan.

Gegen Gebühr von einem Dollar je Stunde (pro Fuß Länge) können wir Florecita dort parken. Und so machen wir uns zu Fuß auf, die sonntäglich und Corona-bedingt ziemlich leere Stadt zu erkunden. Was sofort auffällt ist, dass praktisch alle auch auf der Straße Gesichtsmasken tragen.

Durch das neue Brookfield Place Center hindurch gelangen wir unterirdisch gleich zu einem architektonischen Leckerbissen. Der direkt am World Trade Center gelegene neue Umsteigebahnhof der PATH-Pendlerzüge zur U-Bahn wurde 2016 eröffnet. Die „Oculus“ genannte Haupthalle wurde vom spanischen Architekten Santiago Calatrava gestaltet (unter anderem hat er auch das Auditorium de Tenerife in Santa Cruz und den Turning Torso im schwedischen Malmö entworfen). Was fotografisch besonders reizt, ziemlich sicher werden wir die großzügige, halb unterirdische Halle kaum noch einmal so leer erleben:

Auch von außen ist die Station außergewöhnlich und Aufsehen erregend:

Gleich nebenan liegen an der Stelle der durch die Terroranschläge am 11. September 2001 eingestürzten Zwillingstürme zum einen das Ground-Zero-Denkmal und zum anderen das (mit Antenne) 541 m hohe neue World Trade Center:

Aber wir wollen nicht bei den Hochhäusern im Finanzdistrikt bleiben, sondern spazieren zu Fuß nordwärts die Insel Manhattan hinauf. Dabei kommen wir zunächst nach Tribeca, weiter durch Soho und nach Greenwich Village bevor wir über andere Straßen wieder zurück schlendern.

Natürlich gibt’s die typischen Feuerleitern und auch die ebenso markanten Wassertanks auf den Dächern zu sehen:

Das (nicht nur dem Namen nach) winzige Restaurant im rosafarbenen Altbau und im Gegensatz dazu der verschachtelte neue Mega-Wohnturm, New York bietet viel. Auch viel Grün übrigens, wir verschnaufen in kleinen Parks und laufen sogar an „Urban Gardening“-Schrebergärten mitten in den superteuren In-Stadtteilen vorbei:

Wo wir schon mal an Land sind: noch ein bisschen einkaufen bei Whole Foods für unser Abendessen. Als wir zurück auf Flora sind, haben wir 15.000 Schritte auf dem „Taxameter“, nicht schlecht bei Temperaturen von gut 30 Grad. Chillen an Bord, das haben wir uns wahrlich verdient. Aber schön war es wieder, wir diskutieren wie es wohl wäre, einige Zeit in NY zu leben.

Trotzdem, heute geht’s dann früh raus, denn die Tide diktiert für den nächsten Teil unserer Route den Start. Wir wollen den East River hinauf in den Long Island Sound fahren. Das bedeutet, zunächst unter einem weiteren Wahrzeichen von New York hindurchzufahren, nämlich der Brooklyn Bridge. Die 1883 fertiggestellte von massiven Steintürmen mit Spitzbogenportalen getragene doppelstöckige Hängebrücke verbindet Manhattan mit Brooklyn. Weiter geht es unter der ebenfalls sehr markanten Manhattan Bridge und dann der Williamsburg Bridge hindurch (EselsBRÜCKE für die Reihenfolge laut Revierführer: BMW=Brooklyn/Manhattan/Williamsburg).

Dann folgt das navigatorisch aufregenste Teilstück, die Passage westlich der langgestreckt im East River liegenden Insel Roosevelt Island und des danach an der Einmündung des Harlem Rivers liegenden berüchtigten „Hell Gate“. Ursprünglich von dem als erstem Europäer hier bei offenbar mitsetzendem Strom hindurch navigierenden Holländer Adriaen Block „HelleGat“ (Gute Passage) getaufte Durchfahrt glänzt nämlich mit Tidenströmen von bis zu 5 kn. Man sollte also gut planen, wann man hier an- bzw. durchkommt. Laut Revierführer setzt auflaufendes Wasser hier nach Nordosten Richtung Long Island Sound, also wollen wir mit der Flut hindurch. Niedrigwasser ist laut der empfehlenswerten App „Tides USA“ um 6.45 Uhr. Tatsächlich schiebt uns die Strömung mit in der Spitze 4,7 kn vorwärts, der Motor hat also nicht allzu hart zu arbeiten. Die Steuerfrau dagegen schon, denn die Strudel und Verwirbelungen sind nicht nur sicht- sondern auch spürbar. Trotzdem: mit der richtigen Tide muss man vor dieser Passage keine Angst haben. Respekt aber schon.

Und nebenbei bietet auch diese Passage wunderbare Blicke auf New York.

So etwa am Gebäude der vereinten Nationen (UN) mit der vom Fluss aus sichtbaren Statue „Schwerter zu Pflugscharen“ und mit wiederum sehr unterschiedlichen Gebäuden.

Suchbilder: das quadratische Bild ist jeweils in dem größeren Bild zu finden 😉

Den Text an der Statue habe ich allerdings ergänzt, denn die Grafik dieser bildhauerischen Interpretation eines Bibelzitates hat als Logo in meiner Jugend meine geliebte Jeansjacke geziert.