Charleston und die Lichtmaschine

Wir sind immer noch in Charleston. Das liegt zum einen daran, dass es uns hier so gut gefällt, was sowohl die wunderschöne Stadt als auch die nette Gesellschaft der anderen Segler hier betrifft. Zum anderen liegt es an unserer Lichtmaschine.

Während des Motorens auf der Nachtfahrt von der Chesapeake Bay zum Cape Lookout wurde ich in meiner Freiwache unsanft geweckt: das Mastervolt-Display vermeldet begleitet von schrillem Piepen, dass die Lichtmaschine nicht mehr lädt. “Feldspannung gering”. Hm. Was soll das? Der Kontrollblick in den Motorraum verrät, dass der Keilriemen in Ordnung ist und die Lichtmaschine sich dreht. Heiß ist sie auch nicht, die Motortemperatur ebenfalls in Ordnung. Die Batterien sind voll genug, also kein dringendes Problem, finden wir.

Die Fehleranalysen in den nächsten Tagen (und auf den nächsten Etappen) ergeben nichts neues, alle Kabel und Verbindungen werden gecheckt, aber die Lima will nicht laden. Wir bestellen einen neuen (externen Mastervolt-) Regler nach Charleston, dankenswerterweise können wir ihn dort in die Marina liefern lassen, obwohl wir davor am Anker liegen.

Die Wartezeit vergeht schnell, mit der Amalia und der Moana liegen zwei befreundete Schiffe vor Anker, mit deren Crews wir uns treffen und gemeinsames unternehmen. Wir lernen die Crew der amerikanischen “Polaris” kennen und treffen auch endlich Helene und Klaus von der österreichischen “LuSea“, einer Hallberg-Rassy 46. Mit den beiden hatten wir bisher nur über die sozialen Medien und Email Kontakt. Gemeinsam machen wir einen schönen langen Spaziergang durch Charleston.

Heute ankern dann auch die jungen Schweizer Leonie und Jonas mit ihrer Jollity hinter uns, die wir schon aus der Dominikanischen Republik und von den Bahamas kennen. Aber ich hätte ihre Ankunft fast verpasst, denn den größten Teil des Tages verbringe ich im Maschinenraum. Regler wechseln. Bringt nichts. Kabel durchmessen. Alte Lichtmaschine ausbauen, Ersatzlichtmaschine einbauen. Alten Kabelbaum zwischen Lichtmaschine und Regler raus und neuen rein. Bringt auch nichts. Relay wechseln. Nix. Chief Jan in Hamburg leistet Telefonberatung. Unter seiner Anleitung messe ich alles Mögliche, mal mit, mal ohne Zündung, aber immer ohne Erfolg im Sinne einer eindeutigen Fehlerursache. Grrr.

Eine Verzweiflungstat: ich wechsele den Regler zurück auf den alten, vorher ausgebauten. Ein anderer Leuchtzeichencode auf dem Regler erscheint, die Lichtmaschine lädt. Wie jetzt? Sollte die Kombination aus neuer Lichtmaschine und altem Regler funktionieren, der funkelnagelneue baugleiche Regler aber nicht?

Egal, es bleibt dabei, die Lichtmaschine lädt wieder und darauf kommt’s an. Wundern und Aufräumen.

Pura Vida.

Über Wilmington nach Charleston

Wenn der Wind passt, wollen wir es nutzen. Die “Norder” mischen sich hier zu dieser Jahreszeit immer wieder mal in die Wettervorhersage. Sie bringen kalte Luft mit sich und äußerst fiese Wellen im Golfstrom. Aber eben auch Rückenwind auf unserem Weg nach Süden, jetzt, wo wir uns zwischen den Golfstrom und die Ostküste der USA gesetzt haben und somit eher günstige nach Süd setzende Neerströme nutzen können.

Für die Nacht auf Samstag ist ein kurzer Norder angekündigt. Den ganzen Tag haben wir schwachen Südwind, aber tatsächlich, um 20.30 Uhr springt unser Windgenerator an, gleichzeitig dreht sich Flora um 180 Grad. Na dann los! Wir tasten uns im Dunkel aus der schönen Ankerbucht am Cape Lookout, setzen die Segel und Rauschen durch die Nacht. Wilmington/Wrightsville Beach ist unser Ziel, eine der gar nicht mal so vielen “Class A”-Einfahrten an der US-Ostküste, die auch bei ungünstigeren Wetterbedingungen mit unserem Tiefgang angelaufen werden können. Aber das ist heute gar nicht wichtig, es wird eine wunderbare schnelle und trotzdem recht ruhige Überfahrt. Frisch, aber die aufgebaute Kuchenbude hilft. Mit Sonnenaufgang kommen wir an.

Wrightsville Beach liegt auf einer schmalen Insel, im Grunde wieder eine Nehrung, die die dahinter liegende flache Insellandschaft vom Meer trennt. Auf der Nehrung stehen dicht an dicht Strandvillen. Geankert wird im Kanal dazwischen.

Für uns wird es allerdings nur ein kurzer Stop. Eine Nacht bleiben wir dort, tanken noch in der Marina, dann gehts am nächsten Morgen früh los und weiter nach Süden, wobei wir erst ein ganzes Stück weit um das Cape Fear herum ausholen müssen. Kein Norder mehr, aber westnordwestliche Winde, die uns erst einmal schräges aber schönes Amwindsegeln bescheren, abwechseln mit Fock oder Code0. Zum Abend hin schläft der Wind (etwas früher als vorhergesagt) ein. Aber zuvor dürfen wir noch ein ganz besonderes Erlebnis genießen: Delfine begleiten uns und spielen um die Flora, während wir in den Sonnenuntergang segeln.

Nun sind Delfine am Boot immer klasse, aber diese Begegnung im letzten Büchsenlicht hat für uns schon eine ganz besondere Magie. Ein Video davon (besser als das Foto) findet sich HIER.

Und nach einer durchmotorten Nacht kommen wir am Morgen in Charleston an. South Carolina, aus Maryland kommend nach Virginia und North Carolina der dritte der Südstaaten im engeren Sinne, also derjenigen sklavenhaltenden “konföderierten” Staaten, die sich 1860/1861 von der Union losgesagt hatten.

Und noch mehr als zuvor in Virginia und North Carolina wird hier in Charleston das vielleicht von “Vom Winde verweht” und “Fackeln im Sturm” geprägte Südstaatenbild bedient. Kein Wunder, denn die auf einer Halbinsel zwischen dem Ashley River und dem Cooper River gelegene Stadt war mit ihrem Naturhafen im ausgehenden 17. und frühen 18. Jahrhundert die wesentliche Drehscheibe des Sklavenhandels. Die Plantagenbesitzer ließen sich hier am Atlantik prächtige Stadthäuser bauen, um der Sommerhitze in der Ozeanbrise etwas zu entgehen.

Noch heute prägt die Architektur mit großzügigen überdachten Terrassen und vielen Säulen vielerorts das Stadtbild. Ganz sicher trägt zum Südstaatenklischee auch das weit verbreitete “Spanish Moss” bei. Das manchmal auch als Louisianamooss oder Feenhaar bezeichnete Bromeliengewächs hängt oft dicht an dicht in den Bäumen, so als ob diese mit den Bärten von ZZ-Top konkurrieren wollten 😉.

Mit Steve und Helena von der Amalia erkunden wir die Stadt, laufen kreuz und quer durch die vielen kleinen Straßen und finden die ungewohnte Kombination von reichlich Palmen und viel Herbstlaub (und natürlich dem Spanish Moss). Und wir feiern auf der Moana den Geburtstag von Mareike. Schön, hier am Ankerplatz mit viel Tide und Strömung im Fluss gleich mehrere befreundete Crews wiederzutreffen.

Pura Vida.

Ruhige Tage am Cape Lookout

Danke für’s Daumendrücken, es hat ganz offensichtlich geholfen. Unsere Passage um das Kap Hatteras war so, wie wir wie sie uns angesichts des Wetterfensters nur wünschen konnten: vergleichsweise ruhig, ohne allzu große Seen und mit durchaus schönen segelbaren Abschnitten, obwohl ganz überwiegend doch der Motor ran musste. Insgesamt 38 Stunden Fahrt, zwei Nächte wegen der Abfahrt am Nachmittag, die Ankunft kurz vorm Hellwerden.

Und jetzt sind wir hier auf dem Ankerplatz im Barden Inlet am Cape Lookout. Durchatmen und genießen.

Während sich die Wellen draußen am Strand krachend brechen, liegen wir hier drinnen wunderbar ruhig.

Lange Strandspaziergänge gemeinsam mit Helena und Steve, Spiele, gemeinsame Abendsessen.

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Pura Vida.

Wetterfenster? Die Zweite

“Red sky at night, sailors’ delight”. Wir nehmen es als gutes Zeichen, zumal sich am nächsten morgen eben kein roter Himmel zeigt (red sky at morning, sailors take warning).

Gemeinsam mit der Amalia segeln wir 42 sm weiter die Chesapeake Bay nach Süden hinunter zu unserem angedachten Startpunkt für den Absprung aus der Chesapeake und den Weg ums Kap Hatteras. Es wird ein wunderbarer Segeltag. Erstmal müssen wir allerdings den Anker vom festsitzenden Schlamm befreien. Schon beim Einholen der Kette spülen wir diese mit Salzwasser, ansonsten werden zu viele Matschklumpen aufs Deck geschleudert. Flora hat eigens dafür eine Deckswaschpumpe mit Schlauchanschluss auf dem Vorschiff. Beim Anker muss dann erstmal der Bootshaken ran, um den groben Dreck vom Anker zu schieben, der Rest des klebrigen Krams wird abgespült.

Dann aber ist es herrlich. Mit aufgebauter Kuchenbude segeln wir selten, aber jetzt ist es selbst vor dem Wind und trotz der Sonne ziemlich kalt, da ist das “Cockpit-Zelt” eine echte Wohltat.

Zumal der anfangs noch entgegen laufende Tidenstrom uns ordentlich bremst und wir deshalb wirklich den ganzen Tag unterwegs sind. Und gegen 17.00 geht schon die Sonne unter, da sind wir noch nicht dran gewöhnt, erst am letzten Wochenende war hier die Umstellung auf Winterzeit.

Erst gegen 18.00 tauchen dann die Lichter von Norfolk und Hampton vor uns auf, als wir den Ankerplatz im Mill Creek erreichen ist es bereits stockfinster.

Und jetzt gilt es: wollen wir morgen wirklich los? Noch einmal werden die Köpfe zusammengesteckt, die Wetterprognosen gecheckt, Varianten erörtert. Als nützlich erweist sich das bisher von uns nicht viel genutzte “Departure Planning”-Tool unserer Wettersoftware Predict Wind:

Quelle: Screenshot PredictWind

Wir spielen ein bisschen herum und einigen uns mit Steve und Helena darauf, dass eine Abfahrt um 15.00 Uhr am meisten Sinn zu machen scheint. Es ist ein Kompromiss, die Wellen des alten Tiefs haben mehr Zeit sich zu beruhigen und vor der Donnerstag Abend einsetzenden nächsten Starkwindphase aus Süd sollten wir den Ankerplatz am Cape Lookout erreichen. Warum legen wir hier soviel Wert darauf, dass sich die Wellen beruhigen, während wir sonst mit höheren Wellen nicht so große Probleme haben? Na ja, eine gleichmäßige lange und meinetwegen auch hohe Atlantikdünung, die das Schiff von hinten kommend anschiebt ist ja eher willkommen. Hier aber passt die Welle weder zum Wind noch zur Dünung des abgezogenen alten Tiefdruckgebiets.

Quelle: Screenshot Windy.com

Deshalb möchten wir nicht vor Mittwoch Nachmittag am Kap Hatteras sein. Allerdings müssen wir bei der sich daraus ergebenden Abfahrtszeit mit Sicherheit zwei Nächte statt sonst möglicherweise nur einer Nacht durchsegeln. Ebenfalls ein Kompromiss hinsichtlich der Strömung: sie wird am Kap dann doch schon wieder mit einem Knoten gegen uns stehen, dafür schiebt sie uns aber aus der Chesapeake heraus.

Quelle: Screenshot PredictWind

Die verschiedenen Wettermodelle des Routing-Tools sind sich ziemlich einig (ein gutes Zeichen), lediglich beim Winkel, in dem der Wind am Ende der Strecke von vorn kommen wird, liegen sie zwischen hoch am Wind und fast Halbwind auseinander.

Der Dinghymotor ist an Floras Heckkorb gewandert, Florecita selbst mit zusätzlichen „Bellybands“ in den Davits verzurrt. Unter Deck soweit alles gestaut und unser „Reisebett“ im Durchgang zum Vorschiff eingerichtet. In zwei Sunden soll es losgehen. Drückt uns die Daumen.

Pura Vida.

Wetterfenster?

Über den nicht immer einfachen Weg um das berüchtigte Kap Hatteras herum hatte ich ja im Juni schon geschrieben. Da waren wir auf dem Weg nach Norden vom Cape Lookout in die Chesapeake Bay, konnten am Ende ein schönes ruhiges Wetterfenster abpassen und bei zumeist ausgesprochen glatter See vom Golfstrom geschoben diesen bekannten Schiffsfriedhof mit seinen wohl über 2.000 Wracks passieren.

Jetzt soll es in die genau umgekehrte Richtung gehen, wir wollen uns nach Süden arbeiten. Ein probater Weg dafür wäre der ICW, der Intra Coastal Waterway. Etwa 4.800 Kilometer lang zieht er sich von Boston entlang der Atlantikküste hinunter nach Florida und weiter im Golf von México bis nach Texas. Dabei verbindet er geschickt natürliche Wasserwege mit Kanalstücken und wird von Sportbooten auch gut genutzt. Immerhin lassen sich so lange Schläge auf freier See vermeiden. Ebenso der entgegen laufende Golfstrom, insbesondere aber auch die gefürchteten Kaps. Von Norfolk (Virginia) im Süden der Chesapeake Bay führt der ICW so hinter dem Kap Hatteras und dem Kap Lookout entlang geschützt nach Beaufort in North Carolina.

Das käme uns jetzt bei den hier derzeit in schneller Folge durchziehenden kräftigen Tiefdruckgebieten sehr gelegen, nur … hätte, hätte, Fahrradkette … kommen wir da leider nicht durch. Denn die Durchfahrtshöhe der über 130 Brücken im ICW (soweit sie sich nicht öffnen lassen) ist mit 65 Fuß standardisiert. Das ist nicht wenig, immerhin 19,81 Meter. Viele für den US-Markt gebaute Segelboote berücksichtigen dieses Limit, unser Mast allerdings ragt nach Werftangabe 20,20 m hoch über die Wasserlinie, (66’ 4’’) Windex und Antenne kommen noch obendrauf. Das wird nix! Also: Außen rum. Und damit wären wir wieder bei der Suche nach einem Wetterfenster.

Bisher hieß das für uns meist, die Windvorhersagen nach einem passenden Zeitraum mit Winden zwischen 10 und 25 kn aus günstiger Richtung (also nicht direkt von vorn) abzusuchen und gut. Jetzt allerdings ist es etwas komplizierter. Schon Winde dieser Stärke (von hinten, also aus nördlichen Richtungen) werfen, wenn sie am Kap Hatteras auf den nordsetzenden Golfstrom treffen, eine fiese, unangenehme bis gefährliche See auf. Südliche Winde dagegen sorgen gemeinsam mit dem Golfstrom dafür, dass man praktisch kaum vorwärts kommt. Unschön, wenn doch die Strecke etwa 230 Seemeilen lang ist, also mindestens eine Nachtfahrt beinhaltet.

Relative Windstille auf der Rückseite eines abziehenden Tiefs käme uns also ausnahmsweise mal ganz gelegen. Lang sind derartige Wetterfenster normalerweise nicht, die kräftigen Herbst-Tiefs ziehen im Moment etwa im Wochentakt durch. Nächsten Dienstag und Mittwoch könnte sich eventuell ein Fenster auftun, nur sind sich die verschiedenen Vorhersagemodelle noch nicht ganz einig. Laut dem europäischen ECMWF-Modell wütet das Tief in der Nacht von Sonntag auf Montag am Kap noch mit Böen von 50 kn (= Windstärke 10), zieht aber Dienstag früh vom Kap Hatteras recht schnell ab, laut dem amerikanischen GFS-Modell tut es das erst etwas später und zögerlicher, ist aber auch etwas schwächer. Beide sagen uns für eine etwaige Passage angenehm geringe Winde voraus, je nachdem, wann das Tief abzieht ist aber immer noch mit einer recht hohen See zu rechnen. Wir sind uns noch nicht sicher, studieren also immer wieder die Aktualisierung der Prognosen für Wind, Wellen und Strömung.

Dabei taucht noch ein weiteres Phänomen auf. Üblicherweise präsentiert sich der Golfstrom etwa so:

Quelle: Bildschirmfoto Windy.com

Also ein zwar nicht gerades, aber doch durchgehendes breites Strömungsband, dass sich im Süden Floridas eng an die Küste schmiegt, dann auf dem Weg nach Norden etwas Abstand hält und erst am Kap Hatteras wieder eng an die Küste rückt. Schön sind auch die einzelnen “Eddies” als abgespaltene Strömungskreise zu erkennen.

Ganz anders aber die derzeitige Vorhersage der Strömung:

Quelle: Bildschirmvideo, wiederum Windy.com.
Und obwohl es daran erinnert, nicht Van Gogh 😜

Ein wilder und sehr kräftiger südsetzender Strom am Kap Hatteras, der Golfstrom etwas weiter draußen, schmaler und teilweise deutlich unterbrochen.

Ist das gut für uns, weil wir südsetzenden Strom haben, oder führt es zu einer noch chaotischeren See, die wir besser meiden sollten?

Wir wollen schon gerne weiter nach Süden, aber eben nicht um jeden Preis. Also Ankern wir bei Deltaville, beobachten und diskutieren, bereiten vor und warten ab. Außerdem machen wir Radtouren mit den “Courtesy Bikes” der Fishing Bay Marina. Für 5 US$ können wir dort unser Dinghy parken, den Müll loswerden und eben auch die Räder benutzen. Etwa um zum Einkaufen in den Ort zu fahren, Helga und Jochen mit ihrer Arcadia (on the hard) hier auf dem Gelände und Andrea und Andreas mit der Akka (auch on the hard) am Stingray Point besuchen. Auch das ist

Pura Vida.

Amerikanische Gastfreundschaft

In Reedville machen wir einmal mehr Bekanntschaft mit großzügiger amerikanischer Gastfreundschaft. Wir ankern im Back Creek. Steve und Helena sind dagegen mit ihrer Amalia an den Steg von Mary und Walt gegangen. Sie hatten die beiden über den OCC kennengelernt (Ocean Cruising Club, quasi das englisch internationale Pendant zu unserem Verein TransOcean).

Am Abend nach Halloween werden wir mit zum Sundowner ins Haus von Mary und Walt eingeladen. Die beiden bieten uns großzügig an, bei ihnen Wäsche zu waschen, das schnelle Wifi zu nutzen, Müll da zu lassen (nehmen wir gern in Anspruch). Es folgen noch weitere Sundownerabende mit angeregtem Gesprächen, einmal bekocht Mary sogar die ganze Bande.

Gemeinsam mit Helena, Steve, deren Kurzzeitbesuch Luda und Dave sowie eben Mary und Walt gehts am nächsten Tag zum Lunch in das nette rustikale Leadbelly Restaurant bei der Fairway Marina. Luftlinie nicht weit entfernt, aber durch die Umwege um die Creeks herum dann doch ein ganzes Stück mi dem Auto zu fahren.

Fahren würden sie uns auch zum Einkaufen, außerdem bieten sie uns an das Dock des Nachbarn zu nutzen, … aber wir wir möchten sie nicht überstrapazieren und fühlen uns auch sehr wohl vor Anker. Trotzdem, bevor wir nach 5 Tagen wieder weiter segeln, gehen wir doch noch einmal kurz bei der Amalia längsseits und bunkern am Steg Frischwasser. Unseren Wassermacher haben wir nämlich noch nicht wieder in Betrieb genommen, das trübe Chesapeakewasser setzt die Filter sonst recht schnell zu.

Übrigens ist es inzwischen recht frisch geworden hier, nachts geht es runter bis auf 5 Grad Celsius. Wird wirklich Zeit, weiter nach Süden zu segeln. Also nicht wundern, warum die Kuchenbude aufgebaut ist 😊. Sie wird auch ihrem Namen entsprechen genutzt:

Pure Vida.

Queen of Halloween

Reedville. Steve und Helena mit der Amalia haben uns hier her gelockt, der Halloween-Umzug soll eine echte Show sein. Wir freuen uns, die beiden wieder zutreffen und so finden wir uns pünktlich am Abend vor Halloween gemeinsam am Ankerplatz ein.

“All hallows eve”, Abend vor Allerheiligen, das soll wohl der ursprünglich aus Irland stammende Hintergrund des Volksfestes mit Kürbisschnitzereien, Gruselfiguren und “trick or treat” sein. Kinder und Jugendliche, manchmal auch Erwachsene ziehen verkleidet von Haus zu Haus um Süßigkeiten abzustauben. Einige Horrorfilme haben das Thema schon aufgenommen, wie in fast jedem Jahr gibt es auch diesmal wieder Aggressionen, Gewalt und Schießereien irgendwo im Land in dieser Nacht, aber das ist nicht das typische Halloween. Klar, wir wären nicht in Amerika, wenn es nicht auch grelle und bunte Formen annehmen würde. Aber dennoch, es ist ein unbestrittener Höhepunkt im Jahr für die Kinder, dem lange Vorbereitung, Basteleien, Kostümierung und Hamsterkäufe an Süßigkeiten vorausgehen. Ein bisschen wie die regionalen Bräuche des Klausens und Martinssingens unserer Kindheit zusammen, noch eben alles eine Spur größer.

Beim Rundgang durchs Dorf treffen wir am frühen Nachmittag Rob, der vor seinem überaus üppig dekorierten Haus nach eigenem Bekunden gerade den dreißigsten Kürbis schnitzt. Ja, er sei schon Halloween-verrückt, schon von Kindesbeinen an, aber seine Frau Susan, die sei die wahre Queen of Halloween! Über 1.000 Süßigkeiten-Riegel würden sie an diesem Abend an die Kinder verteilen. COVID-bedingt waren es im letzten Jahr “nur” 600. Er habe extra eine Drachenrutsche gebaut, über die die “treats” mit Social Distancing zu den Kindern rutschen. Das haben sie für dieses Jahr beibehalten.

So richtig schön werde es erst in der Dämmerung, dann kämen auch Autos und sogar Busse mit Kindern aus dem ganzen County hier nach Reedville. Wir versprechen, nachher wiederzukommen. Bummeln noch ein wenig durch den Ort und lassen die Dekorationen auf uns wirken.

Dann geht die Sonne langsam unter und die Strasse füllt sich.

Kleine Schlangen bilden sich vor einigen Häusern, mit „Happy Halloween“ füllen sich auch die Taschen der Kinder.

Auch Erschrecken gehört dazu, hier wird eine Riesenspinne aus dem Baum per Seil von der Terrasse aus auf die mehr oder weniger überraschten Kinder fallen gelassen. Die nehmen es mal mit Kreischen, mal betont cool auf.

Und die leuchtenden, sich mit Pressluft bewegenden Figuren vor dem Haus von Rob und Susan stechen natürlich besonders heraus. Die beiden freuen sich sichtlich über den Andrang. Queen of Halloween.

Für uns hat Reedville aber noch einen ganz anderen Charme, der sich am nächsten Morgen wieder zeigt. Unser Ankerplatz liegt herrlich im Wirrwarr der Verästelungen des Creeks (wie Lungenkapillaren, hatte ich in einem anderen Beitrag mal geschrieben). Auf der Navionics Seekarte sieht das so aus:

Und in der Realität, noch viel schöner, so:

Pura Vida.

Halb so wild

Wir haben Glück und einen gut gewählten Ankerplatz. Zwar tobt es draußen auf der Chesapeake tatsächlich mit bis zu 10 Windstärken und auch die auf Windfinder abrufbare Windmessstation direkt vor Solomon‘s zeichnet Böen bis 43 kn auf.

Aber ein paar hundert Meter weiter drinnen im Creek bekommen wir selbst in 20 m Masthöhe nur noch knapp 29 kn ab, mittlere Windstärke 7. Das ist kein Problem, unser Anker hält gut. Es regnet allerdings den ganzen Tag wie aus Eimern, ist grau und diesig.

Zeit, sich unter Deck einzukuscheln, zu lesen, einen Film zu schauen, und Duolingo freut sich auch über die Fortschritte in unseren Spanisch-Lektionen.

Heute sieht der Himmel wieder blau aus, wir verabschieden uns noch von Mareike in Zahnisers Marina und dann geht‘s ein weiteres Stückchen Richtung Süden.

Erst herrlich unter Segeln aus der Mündung des Patuxent River hinaus auf die Chesapeake Bay, aber dann müssen wir doch wieder den Motor anwerfen. Der wenige Wind kommt jetzt genau auf Floras Nase und wir müssen die fast 20 sm breite Mündung des Potomac queren. Nach 45 sm fällt der Anker in Reedville. Immerhin, damit sind wir schon mal im nächsten Bundesstaat Virginia angekommen.

Das heißt auch, dass wir uns telefonisch bei dem nächsten CBP-Bezirk anmelden müssen.

Ein echter Weißkopfseeadler erinnert uns freundlicherweise daran. 😁

Hatten wir im Sommer noch auf buchstäblich jedem zweiten Seezeichen brütende Fischadler (Ospreys) gesehen, sind die inzwischen fast alle verschwunden. Etwa ab Anfang Oktober ziehen sie nach Süden in ihre wärmeren Winterquartiere. Da schließen wir uns gerne an, es ist merklich kühler geworden, unsere Bordheizung läuft gelegentlich schon.

Umso schöner, wenn der Platz eines Osprey dann von seinem noch größeren Verwandten eingenommen wird. Tatsächlich sehen wir heute sogar mehrfach Weißkopfseeadler (Bald Eagle), was auch verdeutlicht, dass der zum Ende des letzten Jahrhunderts stark gefährdete Bestand des US-Wappenvogels inzwischen wieder deutlich erholt hat.

Pura Vida.

Sturmversteck und Gunkholing

In enger Folge ziehen derzeit kräftige Tiefdruckgebiete über die Chesapeake Bay, nicht untypisch für diese Jahreszeit. Die Lücken zwischen ihnen nutzen wir für die Fahrt nach Süden.

Screenshot, Quelle: Windy.com

Aber wenn das Tief naht, verkriechen wir uns. In diesem Fall hinein in die verzweigten Creeks von Solomon‘s Island. Wobei, ganz tief hinein brauchen wir gar nicht, schon die verschlungene Einfahrt gewährt guten Schutz. Mit dem Dinghy erkunden wir die von herbstlich gefärbten Bäumen gesäumten Verästelungen des Mill Creek und des von ihm abzweigenden St. John Creek, über drei Kilometer weit hinein. „Gunkholing“ nennen die Amerikaner das Herumfahren in diesen manchmal flachen und mit tiefgehenden Booten schwer zu navigierenden Inlets, wobei man dann herrliche Einblicke in die zum Wasser ausgerichteten Gärten der anliegenden Häuser bekommt.

Naja, Häuser. Am Eingang des Creeks sind es eher Villen, mal mehr, mal weniger geschmackvoll, die oft eher Motoryachten, schnelle Sportangler und Spielzeuge wie Jetskis an ihren Anlegern präsentieren. Weiter innen im Creek werden die Häuser oft etwas kleiner, liegen versteckter.

Manche der festen Stege am Ufer finden wir schon überspült, denn das Tiefdruckgebiet presst offenbar reichlich Wasser in die Chesapeake Bay hinein, ein ungewöhnliches Hochwasser ist angekündigt, Hochwasser- und Sturmwarnung bis hinauf nach Washington DC.

Ein Spaziergang zum WestMarine Bootsausstatter folgt, auf dem Rückweg besuchen wir noch Mareike, die in einer Marina im Nebencreek an ihrer Moana arbeitet und verabreden uns für morgen zum Abendessen.

Im Ort kommen wir dabei durch ein „historisches Viertel“ mit zum Teil wirklich alten, zum Teil aber auch brandneuen Häusern und Häuschen im historischen Baustil.

Zurück an Bord genießen wir noch ein wenig die Ruhe vor dem angesagten Sturm. Die Wettermodelle sind sich nicht ganz einig, bis zu 10 Bft könnten es nach dem NAM-Modell in der Chesapeake werden, hier für Solomon’s sagen immerhin drei von vier Modellen um die 40 kn und darüber (8 bis 9 Bft) voraus, lediglich das sonst in den Böen oft genauere ECMWF beschränkt sich diesmal auf 34 kn.

Screenshot, Quelle wiederum Windy.com

Wir machen die Flora klar für den Starkwind, kontrollieren Anker und Ankerkralle, sichern die Fock zusätzlich und stauen windanfällige Sachen wie z.B. den Rettungskragen) unter Deck. Und wirbekommen die Sendefunktion unseres AIS nach mehreren Emails mit dem Hersteller und einem Softwareupdate endlich wieder zum Laufen.

Und dann heißt es Abwarten.

Pura Vida.

Auf nach Süden

War der kurze 20 sm Hüpfer nach Annapolis auch schon mal ein toller Saisonauftakt, eine ganze Woche hätten wir dort eigentlich gar nicht bleiben wollen.

Dass es trotzdem so kommt, ist neben dem Wetter einigen Bootsarbeiten und – vor allem – den Treffen mit anderen Seglern geschuldet. Außerdem tut es gut, wieder anzukommen auf dem Boot, sich Zeit zu nehmen. 😎 Die Atmosphäre der Stadt aufzunehmen und auf uns wirken zu lassen.

Wir kümmern uns nochmals um unseren Generator, aber da kommen wir derzeit nicht wirklich weiter. Trotz neuer Kondensatoren kommt beim Start zunächst zwei mal eine Fehlermeldung, beim dritten Start läuft dann der Generator problemlos. Noch nicht optimal!

Den neuen Teppich hatten wir uns (von Hallberg-Rassy Parts) nach Herrington schicken lassen. Beim alten war an den Rändern die Kettelung z.T. aufgegangen, einige Druckknöpfe waren defekt, vor allem aber war die Gummierung der Rückseite nach 10 Jahren nun so porös und bröselig geworden, dass wir eine Reparatur der übrigen Macken für nicht sinnvoll hielten.

Neue Druckknöpfe und das passende Werkzeug hatten wir mitbestellt. Beim Auspacken jetzt in Annapolis die freudige Überraschung: Druckknöpfe sind schon drin!

Und sie passen ziemlich gut bei den ersten drei Teppichen, die wir austauschen. Beim vierten, dem großen im Salon, machen wir dann aber lange Gesichter: die Ausschnitte für die Füße des Salontisches passen nicht, sind ein paar Zentimeter versetzt. Grrr 😖.

Tatsächlich schaffen wir es mit etwas Überredungskunst, eine Boat-Canvas-Werkstatt zum KURZFRISTIGEN Umsäumen der von uns angepassten Ausschnitte zu bringen. Per Dinghy schaffen wir den Teppich zu ihnen in den Backcreek, kaufen Lebensmittel ein und schwupp, können wir den Teppich wieder mitnehmen. Jetzt passt er 😁.

Mehrmals treffen wir Annemarie und Volker von der „escape“, feiern ausgiebig Abschied, denn zumindest für diese Saison trennen sich unsere Wege. Wir sind gespannt, wo sie sich wieder kreuzen.

Peter, ein deutscher Segler, den wir im letzten Jahr kennengelernt haben, lädt uns in sein Haus in Annapolis ein, wo wir einen sehr netten Abend mit ihm und seiner Frau verbringen.

Am nächsten Tag kommt Mario vorbei, ein amerikanischer Eigner einer anderen Hallberg-Rassy 43. Bootsbesichtigung und fachsimpeln.

Aber dann geht es los. Herrliches Segeln mit raumem bis achterlichem Wind, der anfangs zwar noch in Böen 30 kn erreicht, dann aber schnell abnimmt, so dass wir ein Reff nach dem anderen ausschütteln können.

Trotz des herrlichen Sonnenscheins und des achterlichen (und damit scheinbar ja weniger starken) Windes ist es frisch, Wiebke mummelt sich im Cockpit in eine Decke. Wird doch Zeit, südlicher zu gehen.

Das letzte Stück der 45 sm nach Solomons müssen wir wieder etwas anluven, schön, dass bei der Schotführung nur die durch die Spibaumnock geführte Spischot losgeworfen und die Fockschot dichtgenommen werden muss, der Baum kann erst einmal stehenbleiben:

Pura Vida.