Passatsegel

WARNHINWEIS FÜR NICHTSEGLER und NOCH-NICHT-SEGLER : Diesmal ein eher technischer Blogbeitrag!

Wir haben lange hin und her überlegt, welche Segelkonfiguration wir für die zu erwartenden langen Strecken mit achterlichem Wind (etwa die Atlantiküberquerung von den Kapverden aus) wählen sollen.

Variante 1: Die einfachste und günstigste Lösung wäre, einfach „Schmetterling“ zu segeln, also also das Groß auf der einen Seite und die ausgebaumte Genua auf der anderen Seite zu fahren. Vorteil: günstig. Nachteil: das Schiff rollt bei dieser Konfiguration stärker. Außerdem besteht die Gefahr einer Patenthalse mit entsprechender Riggbelastung und Risiken, trotz Sicherung des Groß durch einen Bullenstander.

Variante 2: Unser Furlex-Vorsegel-Profilvorstag hat zwei Nuten. In einer davon ist normalerweise die Genua (56 qm) angeschlagen. Eine zweite, gleichgroße Genua, eventuell aus etwas leichterem Material, in der zweiten Nut gefahren, beide zu unterschiedlichen Seiten ausgebaumt, quasi ein klassisches Passatsegel. Vorteil: zweite Genua als Backup, außerdem STUFENLOS REFFBAR. Allerdings haben wir als Backup für die Genua ohnehin noch eine (bisher fast unbenutzte) Fock. Nachteil: „Hop oder top“-Lösung. Ein Umbau ist für uns nur vor und nach dem langen Schlag vorstellbar, aber kaum unterwegs, zumal beide Segel gleichzeitig mit einem Fall hochgezogen werden müssen. Allerdings können theoretisch auf spitzeren Kursen beide Genuas übereinanderliegend auf einer Seite gefahren werden.

Variante 3: Blue Water Runner (=BWR). Der Segelmacher Elvström bietet ein spezielles Vormwind-/Passatsegel an, das auf einer Endlosrollanlage vor der Genua auf dem Bugspriet gefahren wird. Eine charmante Variante, da wir den geeigneten Bugspriet (für unseren Gennaker) ohnehin schon haben. Vorteil: einfach zu setzen und wieder wegzurollen, kann eventuell sogar ohne Ausbaumen gefahren werden. Nachteil (nach Auskunft Zweier verschiedener Elvström-Repräsentanten): das Segel kann nicht gerefft gefahren werden, bei einem Squall / Gewitter müsste es komplett weggerollt werden. Hier haben wir inzwischen aber auch gegenteiliges gehört. Eventuell könnte dann die (reffbare) Genua ausgerollt werden, wenn nicht die Schoten des BWR im Weg sind.

Variante 4: Parasailor oder ähnliches Segel. Vorteil: steht sehr ruhig, muss wenig nachgetrimmt werden. Nachteil: kann nicht gerefft werden (z.B. bei Squalls). Wird normalerweise allein, also ohne Großsegel gefahren, was das Wegnehmen bei plötzlich stark auffrischendem Wind erschweren dürfte. Wir haben außerdem mit unserem Furlström schon ein Leichtwindsegel ähnlicher Größe (144qm).

Variante 5, die wir letztlich gewählt haben: Code0 (80 qm) auf Endlos-Rollanlage für den Bugspriet. Erhoffter Vorteil: Mehrzweck-Einsatzmöglichkeit. Bei unserem ausgerüstet etwa 15 t schweren Fahrtenschiff sind wir bei leichten Winden (sofern wir kursbedingt nicht den Gennaker einsetzen können) eher untertakelt. Mit einem Code0 haben wir auf unserem vorigen Schiff (einer HR 342) sehr positive Erfahrungen gemacht, es hat sich schnell zu einem Lieblingssegel entwickelt. Allerdings haben wir diesmal für die Langfahrtvariante als Material kein CZ-Laminat gewählt, sondern mit Bainbridge MPEX 300 ein festes Spinnakernylon, 130g/m2, er kann bis etwa 20 kn AWS gefahren werden. Zudem haben wir das Schothorn mit Blick auf die Vormwindstrecken etwas höher schneidern lassen. Für Kurse sehr hoch am Wind ist das Segel nicht gedacht. Der Clou für uns sollte nun aber eben sein, dass wir auf längeren Vornwindstrecken den Code0 auf der einen Seite und gleichzeitig die Genua auf der anderen Seite ausbaumen und damit unsere „Passatbesegelung“ hätten. dabei könnte bei Squall-Gefahr der Code0 eingerollt und die Genua stufenlos gerefft werden. Nachteil: keinerlei Erfahrungswerte oder Erfahrungsberichte dazu. Quasi eine Blackbox in weiß 😉.

Den Code0 haben wir in den letzten drei Wochen intensiv im Einsatz gehabt, wie bei unserem vorigen Schiff hat er uns begeistert. Highlight war, dass er aus 6,5 kn wahrem Wind 4,5 kn Fahrt in unser schweres Dickschiff zauberte (bei seinem Lieblingswindwinkel von 60 Grad AWA).

Gestern und heute haben wir auf unserem Schlag von Sizilien nach Sardinien jetzt erstmals ausprobiert, ob wir ihn wie geplant auch als „Passatsegel“ einsetzen können: von drei Uhr nachmittags bis drei Uhr nachts stand er (gemeinsam mit der ebenfalls ausgebaumten Genua) ununterbrochen bei mal mehr, mal weniger Wind und Windwinkeln, die auf beiden Seiten zwischen 150 und 180 Grad pendelten, also letztlich um 60 Grad schwankten, ohne dass wir nachgetrimmt hätten. Und so sah das aus:

Hat Spaß gemacht!

10 Gedanken zu „Passatsegel

    1. Moin, danke für das Kompliment. Wir haben eine Mavic Air. Am Ankerplatz kriege ich Start und Landung auch alleine hin, aber wenn wir sie während des Segelns fliegen, dann eigentlich immer zu zweit. Wiebke hält sie beim Starten (von unten) in der Hand, auf dem Achterschiff in Lee. Idealerweise fangen wir sie dort auch wieder, das hat sich als einfacher erwiesen als da Landen auf dem sich bewegenden Deck, ist aber meistens ziemlich nervenaufreibend ;-), besonders wenn man (wie gestern) zu lange fliegt und der Akku piepend sein baldiges Aus ankündigt.
      Dazu AUF JEDEN FALL die „Return to homepoint“-Funktion abschalten bzw. die Startpunkteinstellung vom Punkt zum Standort des Controllers verstellen und auch die Einstellung der maximalen Entfernung vom Startpunkt denken, sonst bleibt die Drohne unvermittelt stehen, während man selbst weitersegelt (also bei den Einstellungen des Flugcontrollers „Maximale Strecke“ deaktivieren).
      Und viel üben! Glück gehört wohl auch dazu 😉

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  1. Keine schlechte Idee, diese Lösung! Ich hatte mir vor unserer Atlantiküberquerung dasselbe überlegt. Da wir auf dem Kat keinen Spibaum haben, wollte ich über einen Barberholer von der Mittelklampe aus den Holepunkt setzen.
    Habe mich dann aber für einen klassischen Spi bzw. Parasailor / Wingaker entschieden.

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      1. Bisher habe ich ihn mit (im 1.,später im 2. Reff) gesetztem Groß gefahren. Ich bin auch noch ein Greenhorn was Blauwassersegeln angeht und habe auf die diversen Ratschläge gehört. Es sei, so heißt es, zu gefährlich ohne Groß weil man bei einem Squall das Segel nicht schnell genug bergen kann.
        Ich empfand es aber als sehr lästig und auch materialaufreibend, weil die oberen Latten des Groß sich ständig umfebogen haben. Man fährt ja fast zwangsweise immer wieder mal in den Bullenstander und selbst wenn nicht: Das obere Drittel des Trapez – Groß biegt sich bei uns immer wieder mal um.

        Ich werde es in Zukunft ohne Groß fahren. Falls ich den Wingaker schnell bergen muss kann ich auch abfallen und die Rollfock rausholen. Die macht dann auch ordentlich Lee das zum Bergen reichen sollte.

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