Wetterfenster?

Über den nicht immer einfachen Weg um das berüchtigte Kap Hatteras herum hatte ich ja im Juni schon geschrieben. Da waren wir auf dem Weg nach Norden vom Cape Lookout in die Chesapeake Bay, konnten am Ende ein schönes ruhiges Wetterfenster abpassen und bei zumeist ausgesprochen glatter See vom Golfstrom geschoben diesen bekannten Schiffsfriedhof mit seinen wohl über 2.000 Wracks passieren.

Jetzt soll es in die genau umgekehrte Richtung gehen, wir wollen uns nach Süden arbeiten. Ein probater Weg dafür wäre der ICW, der Intra Coastal Waterway. Etwa 4.800 Kilometer lang zieht er sich von Boston entlang der Atlantikküste hinunter nach Florida und weiter im Golf von México bis nach Texas. Dabei verbindet er geschickt natürliche Wasserwege mit Kanalstücken und wird von Sportbooten auch gut genutzt. Immerhin lassen sich so lange Schläge auf freier See vermeiden. Ebenso der entgegen laufende Golfstrom, insbesondere aber auch die gefürchteten Kaps. Von Norfolk (Virginia) im Süden der Chesapeake Bay führt der ICW so hinter dem Kap Hatteras und dem Kap Lookout entlang geschützt nach Beaufort in North Carolina.

Das käme uns jetzt bei den hier derzeit in schneller Folge durchziehenden kräftigen Tiefdruckgebieten sehr gelegen, nur … hätte, hätte, Fahrradkette … kommen wir da leider nicht durch. Denn die Durchfahrtshöhe der über 130 Brücken im ICW (soweit sie sich nicht öffnen lassen) ist mit 65 Fuß standardisiert. Das ist nicht wenig, immerhin 19,81 Meter. Viele für den US-Markt gebaute Segelboote berücksichtigen dieses Limit, unser Mast allerdings ragt nach Werftangabe 20,20 m hoch über die Wasserlinie, (66’ 4’’) Windex und Antenne kommen noch obendrauf. Das wird nix! Also: Außen rum. Und damit wären wir wieder bei der Suche nach einem Wetterfenster.

Bisher hieß das für uns meist, die Windvorhersagen nach einem passenden Zeitraum mit Winden zwischen 10 und 25 kn aus günstiger Richtung (also nicht direkt von vorn) abzusuchen und gut. Jetzt allerdings ist es etwas komplizierter. Schon Winde dieser Stärke (von hinten, also aus nördlichen Richtungen) werfen, wenn sie am Kap Hatteras auf den nordsetzenden Golfstrom treffen, eine fiese, unangenehme bis gefährliche See auf. Südliche Winde dagegen sorgen gemeinsam mit dem Golfstrom dafür, dass man praktisch kaum vorwärts kommt. Unschön, wenn doch die Strecke etwa 230 Seemeilen lang ist, also mindestens eine Nachtfahrt beinhaltet.

Relative Windstille auf der Rückseite eines abziehenden Tiefs käme uns also ausnahmsweise mal ganz gelegen. Lang sind derartige Wetterfenster normalerweise nicht, die kräftigen Herbst-Tiefs ziehen im Moment etwa im Wochentakt durch. Nächsten Dienstag und Mittwoch könnte sich eventuell ein Fenster auftun, nur sind sich die verschiedenen Vorhersagemodelle noch nicht ganz einig. Laut dem europäischen ECMWF-Modell wütet das Tief in der Nacht von Sonntag auf Montag am Kap noch mit Böen von 50 kn (= Windstärke 10), zieht aber Dienstag früh vom Kap Hatteras recht schnell ab, laut dem amerikanischen GFS-Modell tut es das erst etwas später und zögerlicher, ist aber auch etwas schwächer. Beide sagen uns für eine etwaige Passage angenehm geringe Winde voraus, je nachdem, wann das Tief abzieht ist aber immer noch mit einer recht hohen See zu rechnen. Wir sind uns noch nicht sicher, studieren also immer wieder die Aktualisierung der Prognosen für Wind, Wellen und Strömung.

Dabei taucht noch ein weiteres Phänomen auf. Üblicherweise präsentiert sich der Golfstrom etwa so:

Quelle: Bildschirmfoto Windy.com

Also ein zwar nicht gerades, aber doch durchgehendes breites Strömungsband, dass sich im Süden Floridas eng an die Küste schmiegt, dann auf dem Weg nach Norden etwas Abstand hält und erst am Kap Hatteras wieder eng an die Küste rückt. Schön sind auch die einzelnen “Eddies” als abgespaltene Strömungskreise zu erkennen.

Ganz anders aber die derzeitige Vorhersage der Strömung:

Quelle: Bildschirmvideo, wiederum Windy.com.
Und obwohl es daran erinnert, nicht Van Gogh 😜

Ein wilder und sehr kräftiger südsetzender Strom am Kap Hatteras, der Golfstrom etwas weiter draußen, schmaler und teilweise deutlich unterbrochen.

Ist das gut für uns, weil wir südsetzenden Strom haben, oder führt es zu einer noch chaotischeren See, die wir besser meiden sollten?

Wir wollen schon gerne weiter nach Süden, aber eben nicht um jeden Preis. Also Ankern wir bei Deltaville, beobachten und diskutieren, bereiten vor und warten ab. Außerdem machen wir Radtouren mit den “Courtesy Bikes” der Fishing Bay Marina. Für 5 US$ können wir dort unser Dinghy parken, den Müll loswerden und eben auch die Räder benutzen. Etwa um zum Einkaufen in den Ort zu fahren, Helga und Jochen mit ihrer Arcadia (on the hard) hier auf dem Gelände und Andrea und Andreas mit der Akka (auch on the hard) am Stingray Point besuchen. Auch das ist

Pura Vida.

4 Gedanken zu „Wetterfenster?

  1. Ich liebe eure Berichte, Bilder und Videos. Meistens bin ich ein stiller Leser. Deshalb mal kurz einen Gruß und Dank da gelassen. Bitte gerne weiter so (auch wenn ich das Segler Latein nicht verstehe).
    LG Kirsten

    Gefällt 1 Person

  2. Moin Kirsten,
    das ist sehr schön, mal von Dir zu hören. Wie geht’s, was machst Du so? Du kannst uns auch per WhatsApp über die deutsche Nummer 01724338027 erreichen oder über die email aus dem Impressum.
    Ganz liebe Grüße zurück

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  3. Hallo Ralf,
    ist es ggf. im ICW möglich bei unterschiedlichen Wasserständen und dann ggf. Niedrigwasser unter den Brücken mit eurer masthöhe gen Süden zu kommen.

    Zudem sind die Brücken im Verlauf des ICW unterschiedlich hoch. U. U. reicht das für euch in diesem Teilstück aus!?!

    Beste Grüße von der TENDREL-AURELIE
    Dörte & Jens

    Gefällt 1 Person

  4. Leider ist es umgekehrt, bei einer Brücke dieses Teilstücks soll es eher noch knapper sein. Zudem ist das Wasser derzeit eher ungewöhnlich hoch. Aber selbst wenn wir einen Fuß „rausholen“könnten würden Antenne und Windex definitiv hängenbleiben und eine so knappe Passage würden wir eh nicht machen, einfach nicht gut für unsere Nerven 😣
    „Das passt nicht mit der Brücke, alle Mann flach aufs Vorschiff!“

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