Thanksgiving in Washington DC: Familie, Oz und Hirshhorn-Museum

Es ist unser erstes Thanksgiving-Fest in den USA. „Erntedankfest“ passt schon irgendwie, ist aber trotzdem eine unzureichende Übersetzung. Denn anders als unser deutsches Erntedankfest ist Thanksgiving in den USA ein nationaler Feiertag. Und nicht nur das, sondern zugleich das wichtigste Familienfest des Jahres, Thanksgiving rangiert in dieser Bedeutung noch über Weihnachten.

Zugleich wird aber mit Thanksgiving die Weihnachtszeit eingeläutet. Gefeiert wird am 4. Donnerstag im November. Fun fact: Präsident Lincoln setzte den letzten Donnerstag im November als Termin fest, Roosevelt versuchte es ab 1939 (mit fünf Donnerstagen im November) auf den vorletzten Donnerstag zu verschieben, um die vorweihnachtliche Einkaufszeit zu verlängern. Nach ein bisschen Konfusion fand man den Kompromiss: 4. Donnerstag im November.

Ein Ritual unserer Gastgeber: kein Thanksgiving ohne „The Wizard of Oz“. Den Film von 1939 mit Judy Garland sah ich als Kind mal im Fernsehen, daran erinnere ich mich noch. Aber die Verknüpfung von „nach Hause kommen“ mit der Ermutigung Verstand, Herz und Courage in sich selbst zu finden, das hatte ich damals nicht so abgespeichert. „You can do it!“

DAS Thanksgiving-Ritual schlechthin dreht sich natürlich um den Truthahn. Sei es die öffentliche Überreichung eines lebenden Truthahns durch Industrievertreter im Weißen Haus an den Präsidenten (der den Truthahn in den letzten Jahrzehnten dann üblicherweise begnadigt hat) oder eben das traditionelle Truthahnessen im (erweiterten) Familienkreis. Und an einem solchen dürfen wir teilnehmen. 😊

Der von Michael zubereitete Truthahn steht zwar im Mittelpunkt, aber die Tafel biegt sich unter der Last des gemeinschaftlich erstellten Schlemmermenüs im Haus von Gregs Bruder Ricky, wo die große Familie sich eingefunden hat. Genau genommen passt das alles gar nicht einmal auf die veritable Tafel. Stuffing, also die Füllung, gebackener Kochschinken, Cranberry-Soße und Bratensoße, Kartoffelstampf, Brot, Kürbis-, Süßkartoffel- und Blaubeer-Pies, geröstetes Gemüse, kandierte Süßkartoffeln, Süßstaaten-Grünkohl (collard greens), Mac and Cheese, Pilze und und und … Zusätzlich diverse Kuchen zum Nachtisch.

😋

Danke, dass wir dabei sein durften.

Was machen wir sonst so in den Tagen vor unserem Flug nach Europa? Ausflüge, zum Beispiel nach Washington DC und von den vielen Museen dort wählen wir diesmal das Hirshhorn Museum of Modern Art.

(Lin Tianmia)

(Laurie Anderson)

Vancouver II

Vancouver hat aufgrund seiner geographischen Lage ein ganz besonderes Mikroklima. So ist es hier im Winter deutlich milder (bis zu 4 Grad) als im Inland Kanadas auf gleichem Breitengrad und Tage mit bitterkaltem Dauerfrost sind sehr selten.

Keine Rose ohne Dornen: das Mikroklima sorgt auch für reichlich „liquid sunshine“ – an durchschnittlich 166 Tagen im Jahr regnet es hier.

Da müssen wir uns als Hamburger in Vancouver doch wohlfühlen, oder? 😊 Im Ernst, die Stadt gefällt uns richtig gut. Heute patschen wir bei Schmuddelwetter durch die Pfützen in Yaletown hinunter zum False Creek. Es finden sich viele Backsteinhäuser, die früher zumeist industrielles Gewerbe beheimatet haben oder als Lagergebäude dienten, denn dieser Stadtteil wurde von der „Canadian Pacific Railway“ gebaut. Erst nach der Expo 86 wurde der damals heruntergekommene und kontaminierte Stadtteil neu entwickelt, mit einem Mix aus strengen Erhaltungsauflagen und großzügiger Genehmigung von Hochhäusern in den Randgebiet drumherum. Heute ist Yaletown eines der am dichtesten besiedelten Viertel, zugleich aber mit sehr lebendiger lokaler Wirtschaft, einigen der besten Restaurants Vancouvers, Boutiquen, Bars, lokalen Dienstleistungensbetrieben und zu Lofts und Büros umgewandelten Etagen der alten Backsteinhäuser.

Hier in der Mainland Street ist der Bürgersteig auf einer Straßenseite „hoch“ gelegt, er verläuft auf den alten Laderampen. Ein spannender Stadtteil, selbst jetzt im Regen. Mit belebter Außengastronomie bei Sonnenschein sicher um so mehr.

Yaletown zieht sich bis an den Meeresarm False Creek, der den alten Stadtkern Vancouvers nach Süden begrenzt. Im False Creek liegen mehrere Marinas und Yachtclubs, er dient aber auch als recht gut geschützter ganzjähriger Ankerplatz. Offiziell darf man hier nur maximal zwei Wochen am Stück am Grundeisen liegen, aber der Zustand einiger der Ankerlieger legt nahe, dass dies nicht durchgängig kontrolliert wird. Es ist jedenfalls ein toller (im Sommer wohl auch ein voller) Ankerplatz mitten in der Stadt.

Kanadagänse, größere Verwandte der Nonnengänse

Unten am Ufer finden sich zwei Skulpturen des Künstlers und Landschaftsarchitekten Ron Vaughan. Da ist zunächst „Waiting for Low Tide“, ein durchbrochener Kreis aus Grannitfelsen im Tidenbereich. Die zweite Skulptur „Marking High Tide“ fasziniert uns besonders.

„THE MOON CIRCLES THE EARTH …

… AND THE OCEAN RESPONDS WITH THE RYTHM OF THE TIDES“ ist in den Ring geschrieben. Die ihn tragenden Säulen stehen bei Ebbe an Land, scheinen bei Flut aber einen Tempel im Ozean zu bilden. Was für eine wunderschöne Hommage an die Tide.

Wir springen in eine der knuffigen kleinen Fähren, sie bringt uns unter den beiden hohen Brücken hindurch und hinüber auf die andere Creekseite.

Dort, auf der Halbinsel Granville Island, wurde eine weitere ehemalige Industriebrache revitalisiert, in diesem Fall ohne Wohnbebauung. Eine große Markthalle, eine Brauerei, diverse Kunsthandwerksbetriebe vom Geigenbauer bis zur Glashütte, die Emily Carr University of Art and Design und einiges mehr gruppiert sich um die noch bestehende Zementfabrik. Wir bummeln herum, essen eine Kleinigkeit in der Markthalle und nehmen dann wieder die Fähre bis zur Endstation am Ausgang des False Creek.

Das Vanvouver Maritime Museum bietet einen kleinen Museumshafen, beherbergt aber vor allem in seinem Inneren die „St. Roch“, um die herum das Museum errichtet wurde. Der ehemalige Schoner war das erste Schiff, dass die Nordwestpassage in beiden Richtungen durchfuhr, von Vancouver nach Halifax und zurück (wobei sie auf der 28 Monate dauernden Hinreise von West nach Ost zwei Winter im Eis eingefroren verbrachte, die Rückreise des inzwischen zur Ketch umgebauten Schiffes dauerte dann im Sommer 1944 nur 86 Tage und machte die St. Roch zum ersten Schiff, dass die Nordwestpassage in einer einzigen Saison bewältigte).

Da wird es dann fast schon zur Randnote, dass die St. Roch 1950 nochmals nach Halifax fuhr, diesmal durch den Panamakanal, was sie zum ersten Schiff machte, das den Kontinent Nordamerika umrundete.

Nachdem wir vor Jahren das norwegische Polarexpeditionsschiff „Fram“ im eigens für sie gebauten Museum in Oslo angeschaut haben, können wir uns die St. Roch natürlich nicht entgehen lassen.

Die St. Roch kann betreten werden, man erhält einen tollen Einblick in die (engen) Quartiere und das Leben an Bord. Auch das kleine Zelt, in dem auf der zweiten Tour durch die Nordwestpassage eine komplette siebenköpfige Inuit-Familie an Deck lebte (17 Schlittenhunde hatten sie auch dabei) ist auf der Ladeluke unter dem Großmast aufgebaut. Die Hinfahrt hatte gezeigt, dass ein einheimischer Führer, Übersetzer und Jäger sehr nützlich sein könnte.

😉

Wetterglück in British Columbia

Es ist eigentlich kaum zu fassen, was für ein Glück wir mit dem Wetter hier in BC haben. Wohlgemerkt: wir. Die Lachse nicht so sehr. Wann immer wir Einheimische ansprechen, hören wir, dass es für die Jahreszeit viel zu trocken ist. Für die Lachse ist das schlecht, sie bleiben in tieferem (Meer-)Wasser und warten auf den großen Regen, damit sie dann die anschwellenden Bäche und Flüsse hinaufwandern können. Lachse im tiefen Wasser sind wiederum auch schlecht für die Fischer, denn dort sind sie wesentlich schwieriger zu erwischen.

Auch wir haben bisher nur wenig Lachs gefangen, sind aber trotzdem sehr froh über das schöne Spätsommerwetter. Zu diesem gehört hier in BC der Morgennebel wohl dazu, navigatorisch manchmal anstrengend, aber auch von magischer Schönheit. Fast jeden Tag führt er dazu, dass wir etwas länger in der Koje bleiben und erst losfahren, wenn sich der Schleier über der Landschaft etwas hebt und zumindest erste Blicke in den blauen Himmel freigibt.

Nebel und Sonnenschein, diese Kombination führt zu dem farbenprächtigen Halo, den die Drohne um Flora herum aufgenommen hat:

Von Port Hardy aus geht es erstmal wieder in die Einsamkeit: die Broughton Islands sind unser erstes Ziel. In dem Inselwirrwarr wählen wir die Waddington Bay als Ziel, ein toller Tip von Tereza und Jakub.

Und wir haben Angelerfolg. Ein großer Grünling geht an den Haken, wieder mal eine neue Art Fisch für uns, sehr lecker.

Die nächste Ankerbucht haben wir auch wieder für uns allein, Shoal Harbor nur etwa 5 sm weiter östlich. Die Einfahrt ist eng mit Flachs gleich neben uns, aber der Bewuchs mit Kelp zeigt die Lage der Unterwasserfelsen gut an und so können wir uns problemlos hindurchschlängeln.

Mit dem Dinghy fahren wir ein Stück zurück zur Echo Bay. Michelle und Tom von der Paraiso hatten uns in Alaska ans Herz gelegt, hier unbedingt das kleine Museum in den grünen Häuschen zu besuchen.

Wir machen Florecita am Steg fest und oben am Hang erhebt sich Billy aus seinem Gartenstuhl und kommt langsam zu uns herunter. William “Billy” Proctor ist 87 Jahre alt. Fast ebenso lange hat er am Strand Fundstücke aufgesammelt und zusammengetragen, Muscheln ebenso wie Gebrauchsgegenstände der Ureinwohner, kleine und medizinballgroße Netzbojen aus Glas, die vom fernen Japan herüber getrieben sind, Flaschen aller Art, Otter-, Wolfs- und Bärenfallen, schön säuberlich handbeschriftet, Angelköder allenthalben, ergänzt mit Haushaltsgegenständen und Werkzeugen, wie sie hier in Gebrauch waren zu einem Einblick in die Zeitgeschichte.

Die eigentliche Attraktion des Museums aber ist Billy selbst. Still, fast schüchtern, weiß er doch (auf unsere Frage) zu jedem Ausstellungsstück eine kleine Geschichte zu erzählen. Die Fallen etwa hat er selbst benutzt, er erklärt uns, in welchen Wintermonaten man die besten Felle erhält und zeigt uns die Werkzeuge, mit denen die Pelze weiter bearbeitet wurden. Erzählt, das über den Fallen ein Werkzeug zum Öffnen in die Bäume gehängt wurde, für den Fall, dass versehentlich ein Mensch hinein trat.

Ungefähr ein Eintrag pro Tag findet sich im Gästebuch. Billy nimmt sich Zeit, wir auch.

😊

Zurück auf Flora sind wir zwar noch immer das einzige Boot am Ankerplatz und sehen auch keinen anderen Menschen, dafür haben es sich aber Robben auf den Holzstämmen vor einer Hütte am Ufer bequem gemacht. Knapp 30 von ihnen zählen wir in der kleinen Bucht.

Wenn sich die Tiere hier so wohl fühlen, sollte dann auch …

Ja, unser Krebskorb ist endlich mal wieder gefüllt. Die beiden Weibchen gehen gleich zurück ins Wasser, aber das große Männchen sorgt für ein Festmahl auf Flora.

Am nächsten Morgen motoren wir bei sich lichtendem Nebel weiter durch den Tribune Channel in die Kwatsi Bay.

Der Törnführer verspricht spektakulär steile Hänge rund um die Bucht und damit hat er recht. Nicht aber mit der erwähnten Marina, der wir wegen des schlechten und steil ansteigenden Ankergrunds eigentlich den Vorzug geben wollten. Die Anlage ist verlassen, die Landverbindung des Schwimmsteg versunken.

Der vordere Teil des Steges allerdings ist noch nutzbar, wir machen für die Nacht fest und erkunden die Umgebung. Die steilen Felsen am Ufer zeigen mit ihrem Farbenspiel, dass hier wohl Eisen und Schwefel am Werk sind. Ein Fender hängt ein Stück entfernt in einem Baum. Als wir mit dem Dinghy dort anlanden, entpuppt er sich als der erhoffte Wegweiser für einen kurzen Trail hinauf zum Wasserfall im Wald. Mangels Regen (!) nur ein Schatten seiner sonstigen Fülle, aber trotzdem ein schöner Anblick und so können wir ein bisschen im Bachbett herumklettern.

Kurz vor dem Dunkelwerden tuckert dann doch noch ein zweites Boot in die Bucht, George und Ben aus Washington (State), wie Tereza und Jakub mit einer Hans Christian 38 unterwegs. Wir haben zusammen einen schönen Abend auf der Flora und werden am nächsten Morgen zu Pancakes auf die “Island Time” eingeladen.

Wie üblich, danach hat sich der Nebel gelichtet, es kann weitergehen. Strategisch günstig nah am Eingang des etwas kniffligen Chatham Channel gelegen, haben wir uns als Tagesziel die Lagoon Cove Marina ausgesucht (wieder eine Empfehlung von Michelle). Marina ist dabei vielleicht etwas irreführend: ein Schwimmsteg mit zwei Querstegen, von denen einer das Fueldock ist. Familiengeführt und liebevoll ausgestattet. Wir sind die einzigen Gäste und es ist ziemlich günstig: jetzt in Nachsaison 45 kanadische Dollar, umgerechnet gut 33 Euro pro Nacht. Mit perfektem leistungsstarken WiFi über Starlink, mit dem wir endlich einige benötigte Updates laden können. Und mal wieder einen Blogbeitrag posten 😉.

Sitka, Totems, Adler und Raben. Und: was man in Alaska braucht …

… aber bisher nicht auf unserer Ausrüstungsliste stand ist auf alle Fälle “Bärenspray”. Haben wir also ergänzt. Im Grunde ist der Helfer in Form eines kleinen Feuerlöschers 🧯 nichts anderes als Pfefferspray, das allerdings gut 10 m weit sprüht und selbst Grizzlybären in die Flucht schlagen soll. Das möchten wir natürlich gar nicht ausprobieren und die weitere Empfehlung, bei Wanderungen durch den Wald zu singen oder sich laut zu unterhalten (vor allen an nicht einsehbaren Ecken) ist sicherlich auch bärenfreundlicher. Eigentlich stehen wir nämlich nicht auf der Speisekarte der bis zu knapp 700 kg schweren Pelztiere, die dem Menschen gegenüber eher scheu sind. Trotzdem, wenn sie überrascht werden, Jungtiere bei sich haben oder sich beim Fressen gestört fühlen kann es schon zu Angriffen kommen. Sehen würden wir die Bären nur allzu gerne und wir haben gelesen, dass dies vom Wasser aus am besten möglich ist. Wasserseitig fürchten sie keine Gefahr und zeigen daher weniger Fluchtreflexe. Passt doch.

Das Spray ist ab jetzt bei Wanderungen dabei. Baranof Island, die Insel auf der Sitka liegt, hat nämlich mit die höchste Bärendichte weltweit. Auf eine Quadratmeile soll hier ein Bär kommen.

Da sehen die öffentlichen Mülltonnen dann schon mal so aus und haben einen tatzensicheren Verschluss:

Also ist das Spray am Gürtel, als wir unseren ersten längeren Spaziergang machen. Zunächst geht es durch den Ort Sitka hindurch. Das Zentrum ist erwartungsgemäß überschaubar, einige wenige Straßen vom Totem Square aus rund um die russisch-orthodoxe Kirche St. Michael.

Die Kirche wirkt wie eines der letzten Überbleibsel der russischen Zeit, vor der Verkauf Alaskas an die USA 1867. Allerdings: das Original der Kathedrale (denn Sitka ist Sitz der Diözese) brannte 1966 ab, der originalgetreue Nachbau wurde 1978 eingeweiht.

Ein paar hundert Meter weiter lockert die Bebauung schon wieder auf, zwei, drei weitere Kirchen folgen, dann schon wieder einzeln stehende (Holz-)Häuser. Im Eindruck beherrscht aber schon wieder die Landschaft, zumal die Ebbe bei dem hier bestehenden Tidenhub von heute 3,30 m nochmals besondere Akzente setzt.

Am Ufer entlang führt der Weg zum Sitka National Historic Parc. Im Grunde nicht viel anderes als der nordische Regenwald, der hier große Teile der Landschaft bedeckt, nur dass hier gepflegte Spazierwege durch diesen Wald führen, sodass wir ihn bequem für uns entdecken und bewundern können.

Und eine große Besonderheit weist der Weg auf: Historische Totempfähle.

Wobei ein Totem nicht ganz einfach zu lesen ist. Die stilisierten Symbole stehen nicht einfach wie Hieroglyphen für einen Buchstaben, ein Wort oder eine Begebenheit. Vielmehr haben sie eine Vielzahl an Bedeutungen, die sich in ihrer Komplexität des einzelnen Totems nur gemeinsam mit der Geschichte der Entstehung des Totems, seines Schnitzers und seines Eigners ergibt.

Selbstverständlich standen Totempfähle ursprünglich nicht einfach entlang eines Waldpfades. Sie wurden vielmehr oft in Dörfern nahe des Ozeans so aufgestellt, dass Reisende sie vergleichsweise einfach sehen konnten. Damit wurde das Prestige des Eigners gesteigert und zugleich an Personen, Ereignisse oder Legenden erinnert.

Und diese hier stammen eigentlich nicht einmal aus Sitka. Vielmehr hat der damalige Gouverneur von Alaska die Skulpturen gesammelt und sie auf zwei Weltausstellungen Anfang des 20. Jahrhundert präsentiert, um auf Alaska aufmerksam zu machen. Ab 1906 wurden sie dann hier am Weg aufgestellt. Allerdings: die meisten der Skulpturen sind inzwischen Replikas, Neuschnitzungen nach dem Vorbild der inzwischen verrotteten Originale. Zumeist werden diese vor Ort von einem der wenigen Tlingit oder Haida gefertigt, die diese Kunst noch beherrschen.

Die stilisierten Symbole auf den Totems – zumeist Tiere – sind mal einfach zu erkennen, mal für Nichtkenner kaum zu erraten. Einige werden im sehenswerten Sheldon Jackson Museum erläutert, dem wir auf dem Rückweg unserer 12 km Wanderung einen Besuch abstatten. Hier werden Alltags- und Kunstgegenstände der „First Nations“ Alaskas ausgestellt. Nicht nur der Tlingit und Haida, die hier um Sitka heimisch sind, sondern auch der übrigen Stämme Alaskas.

Adler und Rabe haben zudem noch die Bedeutung, dass sie jeweils für einen der beiden Clans (Moieties) stehen, in die sich sowohl Tlingit als auch Haida aufteilen. Ob man Adler oder Rabe ist, entscheidet sich dabei nach der mütterlichen Linie, man bleibt es ein Leben lang. Den Moities werden unterschiedliche Fähigkeiten und Charaktere zugeordnet, ein weiterer Aspekt auf den jeweiligen Totems. Eine religiöse Bedeutung im Sinne eines Heiligtums oder einer Anbetung hatten die Totems übrigens nicht, die abgebildeten Tiere dagegen teilweise schon.

Der majestätische Weißkopfseeadler und auch der intelligente, wunderschön schwarz-blau glänzende Rabe sind hier übrigens so häufig, dass wir Vertreter dieser beiden Vogelarten wirklich jeden Tag sehen.

Aber welchen Charaktereigenschaften das bei uns beiden entsprechen würde …

😚

Helme aus Vogelfedern, Riggingvorbereitung und Ablenkungen

Montag soll der Mast gelegt werden. Dafür müssen wir dann etwa 5 Meilen weiter zum Hafen des “La Mariana Sailing Club”. Segeln können wir allerdings nicht, denn zur Vorbereitung haben wir heute schon mal das Vorsegel und auch das Großsegel abgeschlagen. Theoretisch ist das noch zu zweit machbar, aber wir waren doch froh, dass uns Machiel von der Pitou beim Großsegel geholfen hat. Mit seinen fünf senkrechten langen Latten (die natürlich erstmal raus müssen) und den knapp 50 qm Hydranet ist es ein ziemlich steifes und damit eher unhandlich zusammenzupackendes Segel. Und auch ein ordentliches Paket zu schleppen und unter Deck zu verstauen:

Danach bauen Wiebke und ich den Rodkicker und den Großbaum ab, der zum Glück noch ganz gut auf unserem Laufdeck gestaut werden kann. Sieht aber schon seltsam aus.

Die nächsten Vorbereitungen betreffen die Elektrik, denn auch da müssen ja die Verbindungen zum Mast getrennt werden. Bei Flora laufen diese Leitungen alle durch zwei „Schwanenhälse“ neben dem Mastfuß.

Damit wird verhindert, dass an den Leitungsdurchführungen Wasser ins Schiffsinnere gelangt. Die Leitungen haben dann Trennstellen, die im vorderen Bad der Flora hinter einer Verkleidung oberhalb der Dusche angebracht sind. Da wir den Mast in den fünf Jahren seit Floras Kauf bisher noch nie gelegt haben, sehen wir der Trennung der ganzen Kabel etwas skeptisch entgegen. Schließlich sind mit Ankerlicht, Dreifarbenlaterne, Dampferlicht, Deckslicht, Funkantenne, (seit Jahren nicht mehr genutzter) Fernsehantenne, NMEA der Windanzeige und vor allem der elektrischen Verbindung der Rollanlage im Mast für das Großsegel dann doch einige Kabel zu trennen. Der erste Blick in das Schapp sieht auch etwas verwirrend aus:

Die Kabel sind zwar (soweit von Hallberg-Rassy verlegt) beschriftet, allerdings mit Codes wie 12-W34, also nicht unbedingt selbsterklärend. Aber mit etwas Überlegen und Durchmessen können wir alle Kabel zuordnen. Ich beschriftet sie mit unserem Labelgerät jetzt zusätzlich so, dass wir im Bedarfsfall (Fehler) leichter erkennen können. Dann prüfen wir, wie wir die Kabel durch die Schwanenhälse schieben können, es geht ganz leicht.

Damit sind unsere Vorbereitungen erstmal abgeschlossen, die Trennung der Kabel machen wir dann Montag.

Und womit lenken wir uns hier in Honolulu sonst so ab? Der Reiseführer empfiehlt „Schirmchendrinks“! Na gut 🍹 😊.

Am Wochenende ist die Flaniermeile in Waikīkī gut gefüllt, aber wir bekommen mit etwas Glück trotzdem einen Patz in der ersten Strandreihe der Bar im Banyan Tree Courtyard des traditionsreichen Moana Surfrider Hotel.

Die Strandbar legerer und bunter:

Die Stadtkulisse von Honolulu in der blauen Stunde:

Wir machen einen Ausflug nach Pearl Harbor und besuchen das dortige Museum. Und wir fahren mit dem Bus auch hinaus zum Bishop-Museum, das sich der polynesischen Kultur Hawaiis und der gesamten Südsee widmet.

Die Begrüßung scheint mit fast deutscher Beflaggung zu erfolgen …

… aber wir erfahren drinnen, dass die komplett mit feinen Vogelfedern geschmückten Umhänge und sogar Helme der Hawaiianischen Könige eben diese Farben trugen:

Das Museum beeindruckt auch sonst. Mit seinen Räumlichkeiten, aber auch mit der Präsentation und Themenvielfalt.

Räumlich getrennt einmal betreffend Hawai’i und einmal ganz Polynesien (Wiebke steht auf einer Intarsienarbeit im Polynesien-Haus und markiert Hawai’i). Eine tolle Foto- und Videoausstellung über die Tradition des Tätowierens, Wissenswertes über die Tier- und Pflanzenwelt, die Göttervorstellungen, aber auch zum Beispiel die Mondphasen (jeder einzelne Tag hat einen Namen und eine Bedeutung z.B. für das Pflanzen von Setzlingen oder die Auswahl der zu fangenden Fische) und so vieles mehr. Mich begeistert z.B. die Ausstellung über die verschiedenen Angelhaken und deren schwierige Herstellung z.B. aus Muschelschalen (da Metalle ja unbekannt waren):

Wie viel einfacher haben wir es da heute: nach dem Museumsbesuch fahren wir mit dem Bus weiter zu „POP Fishing und Marine“. Wiebke steht im Gang mit den Tintenfischimitat-Ködern, es gibt aber noch zwei weitere Köder-Gänge.

Eigentlich wollen wir aber neue Fockschoten kaufen und auch da werden wir fündig:

Aloha.

Erste Eindrücke aus Hilo, Hawai’i

Wir haben herausgefunden, dass wir unser Dinghy in einem kleinen öffentlichen Hafen im Wailoa River parken können, von dort aus führt ein schöner Weg durch einen weitläufigen Park mit dem Waiākea Pond. Immer am Wasser entlang, geschwungen angelegt, mit vielen Palmen, vor allem aber mit riesigen Schirmakazien (unser Taxifahrer sagt, sie werden hier „Monkey Pod“ genannt, anderenorts heißen sie auch „Raintree“). Eigentlich in der Savanne beheimatet, gedeihen sie hier so gut, dass sie – obwohl eben nicht heimisch – als gern angenommenen weitausgreifende Schattenspender zum Stadtbild gehören.

Es gibt auch einen Weg an der der Bucht entlang, aber der Strand ist nicht sonderlich attraktiv, schwarz, mal Sand und mal Kies. Schwemmholz lagert sich dort an und er ist vom Ort durch die große Straße eher getrennt als angebunden.

Hilo ist nach Honolulu die zweitgrößte Stadt im Bundesstaat Hawai’i. Davon sollte man sich aber nicht täuschen lassen. Mit etwa 45.000 Einwohnern ist Hilo eher ein beschauliches Städtchen, das wird sehr deutlich, als wir das Zentrum erreichen. Ursprünglich in dem Bereich gelegen, in dem jetzt der Park und ausgedehnte Sportanlagen liegen, verlagerte es sich nach mehreren verheerenden Tsunamis (der letzte große sorgte 1960 für schlimme Verwüstungen und erhebliche Opferzahlen) aus dem Scheitel der Bucht weiter nach Westen und etwas den Hügel hinauf, wobei es auch hier schon historische Gebäude gab.

Die Zeit scheint hier stehen geblieben zu sein. Das wirkt meistens charmant, an einigen Ecken aber auch ein bisschen „in die Jahre gekommen“, wird aber von den Geschäften auch mit den Auslagen in den Schaufenstern eher noch bewusst unterstrichen 😉.

Man pflegt das „Hang Loose“, die Öffnungszeiten unterstreichen das. Privatleben will auch Raum. Customs (zum Einklarieren) hat von 6.00 bis 14.00 Uhr geöffnet, die Läden in der Haupteinkaufsstraße machen um 15.00 oder 16.00 zu. Manche auch eher 😉:

Auch das sehenswerte und informative Pacific-Tsunami-Museum schließt um 16.00, wir statten ihm aber vorher noch einen Besuch.

Und was macht der Hawaiianer nach Feierabend? Angeln offenbar manche. Surfen vielleicht, aber eher auf Maui als hier in Hilo, hier wird das Ausleger-Kanu klargemacht. Die polynesischen Wurzeln werden gepflegt, es ist Volkssport. An der Boje am Ankerplatz hängt natürlich auch eins.

Aber auf dem Parkplatz an Land ist es ebenfalls kein ungewöhnlicher Anblick:

Und am Nachmittag wird es quirlig um die Flora herum.

Segeln geht aber auch:

Wir schauen uns ein weiteres Museum an, das Imiloa Astronomy Center. Es bietet eine Ausstellung über die polynesische Navigationskunst und die weiten Reisen mit den Hochseekanus und über die astronomischen Observatorien und Teleskope auf dem Vulkan Mauna Kea, dem höchsten Berg Hawai’is. Was wir nicht wissen: Auch ein Planetarium ist darin und dort bekommen wir eine tolle Doppelvorführung über schwarze Löcher (mit sehr aktuellem Bezug zu neuen Forschungsergebnissen) und über den aktuellen Sternenhimmel und wie die Polynesien ihn lesen, welche Sternbilder sie in ihm erkennen und nach ihnen navigierten.

Den Mauna Kea und bei genauem Hinsehen sogar die weißen Observatorien auf seiner Spitze können wir vom Boot aus bei guter Sicht erkennen, kaum zu fassen, dass er über 4.200 m hoch ist.

Die Vulkane hier müssen wir uns auf alle Fälle noch näher ansehen, insbesondere den nur wenig niedrigeren und noch aktiven Mauna Loa.

Und vorher: Shaved Ice. 😁 Hatten wir auch schon mal in Panama, ist hier in Hilo aber ganz besonders lecker. In meinem verbirgt sich innen noch eine Vanilleeiskugel, auf Wiebkes ist Kokoscreme und Passionsfrucht-Topping.

Panama Stadt

Es ist schon eine ziemlich krasse Skyline, mit der Ciudad de Panamá (also Panama Stadt) aufwartet. Insbesondere wenn man bedenkt, dass weniger als eine Million Menschen dort wohnen. Das Bankenviertel ist enorm, die Panamá-Papers haben ja ein Schlaglicht auf das geworfen, was in dieser Finanzmetropole so abgeht.

Aber Panama Stadt hat auch ganz andere Seiten. Fußläufig von unserem Liegeplatz in der Playita Marina erreichen wir das das vom bekannten Architekten Frank Gehry entworfene Museum für Biodiversiät Panamas.

Hier wird unter anderem sehr spannend und multimedial die erdgeschichtliche Entwicklung Panamas zur nachträglichen Brücke zwischen den Kontinenten Nord- und Südamerika dargestellt, die ganz erheblichen Anteil an der hohen Biodiversität Panamas und seiner Nachbarländer hat.

Und auch die Altstadt von Ciudad de Panamá bietet starke Kontraste. Zum Bankenviertel mit seinen Hochhäusern, na klar, aber auch in sich selbst. Wunderschön renoviert und völlig verfallen steht hier oft direkt nebeneinander, aus hippen Rooftop-Bars blickt man sowohl über sorgfältig restaurierte herrschaftliche Bauten als auch über heruntergekommene Straßenzüge.

Die spannende, lebendige Stadt hat hier vielleicht gerade wegen dieser Gegensätze viel Charme. In der Altstadt liegt auch das Panamakanal-Museum, dem wir natürlich auch einen Besuch abstatten. Die Geschichte des Kanalbaus wird in einem Stockwerk behandelt, im zweiten Stockwerk geht es im Wesentlichen um die komplizierte Beziehung zu den Vereinigten Staaten und die sozialen und kulturellen Einflüsse, die der Kanalbau und die dafür angeworbenen Arbeiter aus der ganzen Welt auf die Entwicklung des damals jungen Staates Panama und dessen Sozialgefüge hatten.

„Die Erde geteilt, die Welt vereint.“ Schön wäre es ja, wenn dieses hochfliegende Motto des Kanals sich bewahrheiten würde, nicht nur im Handel, sondern auch – wie im Museum suggeriert – zwischen den verschiedenen Menschen und Völkern, die hier beim Kanalbau zusammengekommen sind. Allerdings wird auch der Rassismus und die Zweiklassengesellschaft selbst im Bezahlungssystem thematisiert und mit vielen Beispielen bis hin zur Architektur der Wohnungen dargestellt.

Wie in wohl jeder größeren Mittel- oder Südamerikanischen Stadt darf im Straßenbild ein monumentales Denkmal für Simón Bolívar nicht fehlen, der die Unabhängigkeitskriege mehrerer heutiger Staaten gegen Spanien anführte und nach dem das Land Bolivien benannt wurde.

Den Gefallenen eines gänzlich anderen Kampfes ist ein großes Wandbild gewidmet, dass wir in der Kirche San Francisco de Asis sehen (spannend auch das Enddatum):

Zeit in Washington und “umzu”

Wir sind immer noch in Washington, wohnen im Haus von unseren Freunden Greg und Michael. Die allerdings sind inzwischen in Deutschland, wir machen also quasi “Haus-Sitting”.

Noch knapp eine Woche (wenn alles glatt geht), dann fliegen auch wir – ab morgen einschließlich Wartezeit komplett durchgeimpft – für etwa sechs Wochen nach Deutschland. Wir freuen uns schon sehr, genießen aber auch die ruhige Zeit hier.

Und was machen wir hier so?

Na ja, ganz hat uns das Boot noch nicht losgelassen. Ich war heute das dritte Mal hin, um mit Handwerkern in Herrington Harbour North geplante Arbeiten zu besprechen. Was steht an? Service-Arbeiten am Motor, zudem die Verlegung eines Seeventils im Motorraum um Platz für einen montierten Ersatzautopilot (Mamba-Drive) zu schaffen. Ersatz des Diesel-Vorfilters durch einen umschaltbaren Doppelfilter, was aber eine Verlegung des Vorfilters für den Generator nach sich zieht. Zudem habe ich da eine Idee für ein Diesel-Polishing. Die hintere Klimaanlage muss entweder ersetzt oder stillgelegt und ausgebaut werden. Der Stoff des Bimini muss neu und wir hätten gerne “Shades”, also anknöpfbare winddurchlässige schattenspendende Seitenteile dafür. Die Segel dürfen nach 2 Jahren und über 15.000 Seemeilen vom Segelmacher durchgesehen werden, der Rigger soll eine potentielle Schwachstelle an der Rollgroßwicklung beseitigen. Und – last not least – wir wollen erheblich mehr Solarpanele einsetzen und die bisherigen 200 WP um weitere 330 WP ergänzen. Da ist ein bisschen was durchzudenken und durchzusprechen.

Aber wir haben auch Zeit für Ausflüge, etwa mit dem Cabrio unserer Gastgeber zum Seneca Creek State Park, wo wir eine wunderschöne Wanderung um den dortigen Stausee machen, rund 7 km (etwa wie einmal um die Außenalster 😄). Statt Schwänen gibt’s Schildkröten zu sehen, die sich auf Ästen etwas entfernt vom Ufer sonnen, Außerdem Biber-Bissspuren an Bäumen, handtellergroße blaue “Red spotted Purple”-Schmetterlinge und auch der offizielle Landesvogel von Maryland, der auffällig rote “Cardinal” zeigt sich im Blätterdickicht.

Vor allem aber ist der meist nahe des Ufers verlaufende Waldweg wirklich eher ein naturnaher unbefestigter Pfad und der Wald offenbar unbewirtschaftet.

Als Kontrastprogramm fahren wir mit Bus und Metro in die Innenstadt von Washington, werfen einen Blick aufs Capitol und besuchen das “National Museum of the American Indian”. Architektonisch spannend und (jedenfalls uns) an die in Felswänden versteckten Pueblo-Bauten erinnernd, vor allem aber mit ihren runden Formen und der Einbeziehung von fließendem Wasser Einklang mit der Natur symbolisieren sollen. Das Museum ist innen auf vier thematischen Ebenen wirklich interessant gemacht und deckt die Völker der “First Nations” vonm hohen Norden bis Mittelamerika ab. Insbesondere die Aufarbeitung der Themen Spiritualität/Weltsicht und historische Entwicklung der Vertragssituation gefällt uns, aber der riesige Umfang erschlägt. Außerdem ist die Klimaanlage mal wieder auf super kalt eingestellt (was eigentlich nur für den Bereich Inuit wirklich passt). Nach ein paar Stunden fliehen wir ins Museeumscafé und wärmen uns auf.

Danach besuchen wir die schräg gegenüber liegende “National Gallery of Art”, davon allerdings nur das “East Building” mit moderner und zeitgenössischer Kunst sowie den Skulpturengarten. Dieses Häppchen sind gut verdaubar und trotzdem ist die Dichte der großen Namen (name it, you will see it) kaum fassbar.

Und wenn wir uns hier bei Greg und Micheal zu Hause einfach nur die Füße vertreten wollen, laufen wir gerne durch das sich unglaublich rasant entwickelnde Neubaugebiet gegenüber. Ein kompletter Stadtteil wächst sich hier mit imposanter Geschwindigkeit: einmal geblinzelt, steht schon wieder ein neues Haus. Was auch an der für uns ungewohnten Bauweise liegt – machmal sieht es durch die Holz-Ständer-Bauweise aus wie ein Fortgeschrittenen-Puzzle für Häuslebauer.

Super spannend, vor allem wenn man dann – wie wir es gerne tun – die Musterhäuser besichtigt und auch sieht, wie kurz nach der Fertigstellung mit Rollrasen, Bepflanzung (einschließlich ziemlich großer Bäume), Verklinkerungen und Fassadenvarianz der Eindruck eines gewachsenen Stadtteils entsteht, den man mit diesen Bildern kaum in Einklang bringen kann.

New Bedford: Whaling Capitol

Nach Nantucket nun New Bedford, das musste wohl so sein. Denn auch die Stadt am Acushnet River nimmt für sich in Anspruch, eine Zeitlang “Walfanghauptstadt der Welt” gewesen zu sein und mit diesem heute weniger schmeichelhaft empfundenen Titel eben das nahe gelegene Nantucket (von dem wir hier her gesegelt sind) abgelöst bzw. überflügelt zu haben. Das hatte ganz handfeste logistische Gründe:

Zum einem versandete die Einfahrt nach Nantucket, was für die inzwischen auf zwei- bis vierjährige Fangreisen ausgelegten und deshalb immer größer werdenden Walfangschiffe zum Problem wurde, weil sie voll beladen zuletzt (ab 1842) aufwändig mit einem Trockendock in den Hafen geschleppt werden mussten. Vor allem aber bot der vergleichsweise tiefe Hafen von New Bedford landseitig den unmittelbaren Anschluss an das Eisenbahnnetz, die Transcontinental Railroad führte von hier bis hinüber nach San Francisco.

Ein toter Wal oder ein verheiztes Boot, so habe ich mir dieses Zitat aus Moby-Dick übersetzt (die deutsche Ausgabe spricht von einem zerschellten Boot). Und sowohl irgendwie tot als auch verheizt kam uns New Bedford bei unserem ersten Spaziergang durch die Stadt bis hin zum im Industriegebiet gelegenen Supermarkt auch vor. Nicht verrottet, im Innenstadtbereich sogar baulich schön renoviert, aber leer, leblos, die besten Zeiten hinter sich. Ein bisschen im Ausverkauf trotz neuer Farbe. Ich glaube eigentlich nicht, dass es am Covid-bedingten Mindestabstand liegt, selbst wenn er martialisch in Harpunenlänge angegeben wird 😉

Andererseits: der Hafen ist ein lebendiger Arbeitshafen, wo noch mit LKW Eis von der hafeneigenen Eisfabrik auf die Fangschiffe gekarrt, wo entladen, beladen, entrostet, gepönt und geschweißt wird.

Ein zweiter Gang in die Stadt steht an, vielleicht ist der zweite Eindruck besser, außerdem wollen wir uns das Walfangmuseum nicht entgehen lassen. Es ist das dritte auf unserer Reise, nach dem in Mindelo auf den Kapverden und dem letzte Woche in Nantucket. In den beiden bisherigen gab es jeweils einen guten Blick von der Dachterrasse über die Bucht und die Stadt, New Bedford will da nicht zurück stehen:

Den Versuch war es wert. Viel mehr Punkte sammelt das Museum aber in seinem Inneren. Wal-Skelette, Scrimshaw, Harpunen, Walfangboot, na klar, das gab es überall, wenn auch hier in besonderer Qualität und Quantität und mit aktuellen Bezügen (zwei der drei großen Skelette der Eingangshalle resultieren aus Kollisionen der Wale mit Frachtern, auch die Bedrohung durch Fischfanggerät wird eindrücklich dargestellt).

Aber ein komplettes Walfangschiff im Maßstab 1:2, begehbar, mit Rigg, Segeln, Beibooten?

Beeindruckt sind wir auch von dem detailreichen Panoramabild, das Walfangschiffe aus New Bedford bei ihrer Reise um die Welt und die Eindrücke ihrer Besatzung stimmungsvoll einfängt. Dabei ist das lange und schmale, in vier übereinander angeordneten Bahnen angeordnete Gemälde nur eine Kopie im Maßstab 1:12. Das inzwischen restaurierte Original des 1848 erstellten “Grand Panorama of a Whaling Voyage ‘Round the World” ist 388 m lang und 2,5 m hoch! Das Museum denkt noch darüber nach, wie das Originalgemälde präsentiert werden kann.

(Nur ein Ausschnitt)

Auch der Walfang in anderen Kulturen und Regionen der Erde wird mit vielen Exponaten in mehreren Sonderbereichen und auch multimedial dargestellt.

Inuit, Fernost, Südsee. Vor allem aber die Bezüge zu den Azoren und den Kapverden, denn viele Walfangschiffe fuhren aus New Bedford “understaffed” ab, also mit Notbesatzung. Die Crew wurde dann auf den portugiesischen Azoren und Kapverden vervollständigt. Viele Crewmitglieder blieben nach den Fahrten in New Bedford und ließen sich dort nieder. Ihr Einfluss auf die Stadt ist bis heute spürbar, zudem sind (oder waren) mit Funchal, Horta, Mindelo und Figueira da Foz vier der sechs Partnerstädte New Bedfords portugiesisch.

Und wir gehen nach dem Museumsbesuch portugiesisch frühstücken 😊

Reservierung war nicht erforderlich

Direkt in der Nähe liegen dann auch noch das 1787 gebaute historische Seemannsheim (heute Museum) und die konfessionsfreie “Seaman’s Bethel” von 1832, die Kirche, die mit ihren Erinnerungstafeln an der Wand für die auf See gebliebenen und dem eindrucksvoll und in der Sprache der Walfänger predigenden Seemannspfarrer den jungen Herman Melville inspiriert hat und dann auch in Moby-Dick verewigt wurde.

Die Kanzel in Form eines Schiffsbugs hat Melville allerdings frei erfunden. Weil sich Touristen an die Filmszene (des insoweit allerdings in Irland gedrehten Kinofilms von 1956 mit Gregory Peck als Kapitän Ahab und Orson Welles als Pfarrer Mapple) erinnerten und die Kanzel vermissten, wurde sie 1961 – wenn auch ohne Strickleiter – eingebaut.

Also gut. Whaling is over. Whaling Capitol auch. Aber die zweite Chance hat New Bedford ein bisschen genutzt, Eindruck verbessert. So richtig warm werden wir mit New Bedford trotzdem nicht.

Morgen geht’s weiter, der Außenborder haben wir schon vom Dinghy an den Heckkorb genommen, die Propangasflasche ist aufgefüllt. Das haben Greg und Michael vor ihrer Abreise mit dem Mietwagen massiv erleichtert, denn direkt hier am Hafen sieht es so aus:

Nicht nur der Walfang ist vorbei. Aber (nicht zu alte Flaschen vorausgesetzt, das wurde jeweils überprüft) wir konnten in den USA unsere Gasflaschen schon in Hampton und jetzt hier bei dem omnipräsenten Umzugs-LKW-Vermieter “U-Haul” schnell und preiswert befüllen lassen.