Wieder unterwegs.

Das fühlt sich gut an. Der Morgennebel in Herrington verzieht sich schnell. Die Ölabsaugpumpe steht nach dem Motorölwechsel gestern noch draußen, also erledigen wir gleich noch den Ölwechsel bei der Hochdruckpumpe des Watermakers. Geht mit 0,2 l Ölvolumen ziemlich fix, und ich kann jetzt das Altöl in der Annahmestelle der Marina abgeben.

Noch auschecken, auf dem Nachbarsteg von Helena und Steve verabschieden, oh wie praktisch, Glen von der “Cloudy Bay” ist auch gerade dort und schenkt uns zum Abschied ein Chartbook der Exumas. Umarmungen fallen wegen Social Distancing leider aus. Und los geht’s. Es fühlt sich ein bisschen so an als würden wir in eine neue Segelsaison starten, dabei waren wir (und Flora) weniger als drei Wochen an Land.

Aber jedenfalls lässt es sich gut an. Schöner Segelwind und meist blauer Himmel für unseren Schlag hinüber auf die andere Seite der Chesapeake Bay (Eastern Shore).

Und auch die Seevögel vor Flora sind ein gutes Zeichen. Fisch! Die Angel rauscht aus, kaum dass sie drin ist. Zum ersten Mal überhaupt in der Chesapeake Bay haben wir Angelglück, es schwimmt aber auch viel weniger Seegras herum und verfängt sich am Haken. Statt dessen: ein schöner Striper (Striped Bass/Felsenbarsch) 😃. Den gibt’s gedämpft mit asiatischem Gemüse (frischer Koriander, Pak Choi und Möhren, Wiebke hat vorgesorgt) auf Reis.

Nachdem wir uns gerade von den Engländern verabschiedet haben mutet es irgendwie komisch an, uns zwischen den Tageszielen Oxford und Cambridge entscheiden zu sollen. Aber hinter dem schiefen Leuchtturm von Sharps Island fällt die Entscheidung für Oxford.

Nach Eisgang-Schaden aufgegeben: Sharps Island Lighthouse. Die Insel selbst ist inzwischen sogar ganz untergegangen.

Kurz vor Sonnenuntergang kommen wir in Oxford an. Ein paar Boote ankern schon nördlich des Ortes, aber wir möchten noch den Naturhafen des Town Creek erkunden und wir haben Glück. Der Ankerplatz zwischen den Bootsstegen bietet zwar nur begrenzt Platz, aber wir haben ihn ganz für uns allein.

Und das Abendspektakel möchte nicht hinter dem des Morgens zurück stehen, der Mond steht zwischen flammenden Wolken am Himmel. Was für ein Tag.

Der Bart der Chesapeake & Cabrio die Zweite

Die UV-Strahlung setzt allem an Bord ziemlich zu. Na klar wenn man sich quasi im Dauersommer und zumeist in den Tropen oder Subtropen bewegt ist das keine große Überraschung.

Ein (leider) ganz gutes Beispiel dafür ist die Hülle unseres Rettungskragens. Vor erst gut einem Jahr in Italien gekauft, hat die Hülle nicht nur ihre Farbe von dunkelblau nach „blassgraublau gescheckt“ verändert, sondern leider auch ihre sonstige Erscheinungsform. Sackartig, mehrfach gerissen und zerfleddert, Reißverschlüsse fest. Immerhin könnte man den Kragen wohl inzwischen herausreißen, ohne die Reißverschlüsse zu öffnen 😖. Trotz des Kaufs in Italien beim Marineausstatter offensichtlich nicht für Langfahrt geeignet, muss leider neu.

Aber auch dem Boot selbst setzen die Bedingungen sichtbar zu. Der blaue Streifen im Gelcoat der Flora kreidet aus und wird scheckig, auch wenn das eher ein lediglich optischer Makel ist.

Flora bei Abfahrt in 🇬🇷

Inzwischen sah es leider so aus, dass neben dem stumpfen Gelcoat und dem besonders leidenden blauen Streifen auch der „braune Bart der Chesapeake“ am Bug ziemlich deutlich erkennbar war:

Aber die angekündigte Wellnesskur für Flora zeigt erste glänzende Erfolge der Schönheitsfarm:

Mir ist schon klar, dass es ein bisschen luxuriös erscheint, wenn wir solche Arbeiten machen LASSEN und gleichzeitig auch noch selbst von unseren Freunden mit ihrer Gastfreundschaft verwöhnt werden, sowohl kulinarisch durch Michaels ausgezeichnete Küche als auch z.B. mit Cabrioausfahrten in ihrem uns zur Verfügung gestellten MX5. Ja, das ist es wohl. Aber wir gönnen es uns ganz bewusst, genießen es, cruisen bei wunderbarem Spätsommerwetter durch die leicht gewellte Landschaft von Maryland (hier immer als MD abgekürzt). Noch im Pendler-Einzugsgebiet von Washington D.C. zeigt uns MD vergleichsweise weniger Felder als die anderen von uns besuchten Südstaaten wie etwa Virginia und dafür deutlich mehr Pferdekoppeln mit ihren typischen Holzzäunen.

Und – gerade in dieser Jahreszeit wunderschön – es gibt eben auch reichlich Laubwald hier in MD. In den USA muss man sich als Deutscher erst daran gewöhnen, dass der Wald zumeist nicht öffentlich zugänglich ist und auch größere nicht waldwirtschaftlich bewirtschaftete Wälder in privater Hand mit einem deutlichen „NO TRESPASSING“ potentiellen Spaziergängern ihre Unwillkommenheit deutlich machen. Aber: Es gibt eben neben den großen bekannten US-Nationalparks auch viele kleine State Parks und in denen sind Spaziergänge und Hikes (oft auf gut beschilderten Routen) möglich. Mit dem kleinen Zweisitzer-Cabrio fahren wir diesmal hinaus nach Sunshine (wirklich 🌞!) und weiter zum Patuxent River Watershed Park. Und wenn die Covid-Beschränkungen auch den eigentlich geplanten Heimflug ausfallen lassen, so kommen auch wir „Sommersegler“ doch in den Genuss, mit den Füßen in trockenem Laub rascheln zu können, die Farbenpracht und den wunderbaren Geruch eines vorsichtig den Herbst begrüßenden Laubwaldes so richtig auszukosten.

Im Fluss

Vier Tage haben wir jetzt an unserem Ankerplatz vor Lewes verbracht. Ruhige Tage (wenn man von dem ruppigen Wasser beim Weiterfahrt- Versuch gleich am ersten Tag absieht).

Gut geschützt hinter der inneren Mole werden wir am Morgen tatsächlich vom Prusten der Delfine geweckt, die ums Boot herum spielen, jagen oder einfach nur einen Familienausflug machen, ohne von der Flora besondere Notiz zu nehmen.

Wir nutzen die Zeit für kleinere Bootsarbeiten, bringen ausgerissene Druckknöpfe am Teppich neu an, säubern den Motorraum von den öligen Schaumstoffresten des Luftfilters unseres Volvos (der muss jetzt eine Zeitlang mit offenem Ansaugrohr arbeiten, was kein Problem sein dürfte, ein verbesserter Dauerluftfilter ist schon auf dem Postweg). Die Vorräte werden durchgesehen, Ersatzteile online bestellt (Postadresse Greg und Michael) nochmal am Vorluk nachgearbeitet. Ganz viel relaxt. Der Mittwochsregatta des örtlichen Yachtclubs zugeschaut, schließlich haben wir einen Logenplatz: es geht rund um den Breakwater und am Leuchtturm muss der Spi weg, auf der anderen Seite des Breakwaters folgt die Kreuz zurück. Und wir haken noch mal bei der Werft in der Chesapeake Bay nach, bei der wir ein Auskranen und einen Landeplatz für zwei Wochen angefragt hatten. Im zweiten Telefonat haben wir Erfolg, ja, schon nächste Woche können wir raus. O.k., dann machen wir uns also doch mal auf den Weg 😉.

Was uns auffällt: der gerade neu gestrichene dunkelrote Leuchtturm am Ankerplatz trägt den doch sehr prosaischen Namen “Delaware Breakwater East End Lighthouse”. Auch der weiße Leuchtturm auf dem äußeren Breakwater ist mit “Harbor of Refuge Lighthouse” eher beschreibend benannt. Nur, was sollen wir dann davon halten, wenn das nächstfolgende Leuchtfeuer im Fluss “Brandywine” heißt? 😊

Maine: Herausforderungen und Belohnungen

Lobsterpots. Hatte ich schon erwähnt, ich weiß. Aber sie gehören zu Maine, wie die leckeren Blaubeeren, die Kiefern, die Tide und …

der Nebel.

Annemarie und Volker mit der Escape kommen nach Bar Harbor. Wir freuen uns, sie hier nochmal zu treffen, denn sie wollen noch etwas weiter nach Norden und wir bummeln von hier ab wieder in Richtung Süden. Wir verbringen einen schönen Abend zusammen.

und am nächsten Morgen können wir die Escape im mystischen Morgennebel fotografieren. Erst als sich der Nebel etwas weiter gelichtet hat, machen wir uns dann auf den Weg. Im Slalom, na klar, wegen der Lobsterpots (siehe oben).

Ziel ist eigentlich Stonington, aber wir entscheiden uns kurzerhand um, als uns immer mal wieder Nebelbänke doch sehr auf die Pelle rücken. Swans Island lockt mit einem geschützten Ankerplatz, also biegen wir ab und der Anker fällt in der Mackerel Cove im Norden der Insel, wobei wir uns weit hinein tasten und hinter Roderick Head verkriechen, denn heute Nacht soll es kräftiger wehen.

Morgens dann … weiße Suppe. Das Tuten der Fähre und das Tuckern einiger Fischerboote dringt durch den Nebel. Umdrehen, weiterschlafen. Das hilft zumindest etwas. Die Blaubeerpfannkuchen helfen dann noch etwas 😋.

Als das Ufer längere Zeit sichtbar bleibt machen wir uns dann auf den Weg, diesmal wirklich nach Stonington. Wir haben Glück, unterwegs reißt die Nebeldecke auf und als wir im „Schärengarten“ vor Stonington ankommen, lacht die Sonne vom strahlend blauen Himmel. Wirklich vieles erinnert uns hier an Schweden, wenngleich die ohnehin berüchtigte „Schären“-Navigation um die Komplikationen einer Tide von knapp 4 Metern und eben der LOBSTERPOTS erschwert ist. Andererseits:

Man möchte sich kugeln vor Freude 😁

Am späten Nachmittag lassen wir das Florecita ins Wasser und fahren hinüber in die Stadt. Stonington liegt auf Deer Island, neben der Lobsterfischerei findet hier auch der Abbau von (rosafarbenem) Granit statt, der z.B. für die Brooklyn Bridge genutzt wurde und ebenso für die Grabstätte von John F. Kennedy und Jackie auf dem Ehrenfriedhof in Arlington. Eine Statue am Dinghydock weist auf den Granitabbau hin.

Der Ort selbst ist dagegen ganz stark von der Fischerei geprägt. Touristen scheinen sich nur wenige hierher zu verirren, aber uns gefällt das Städtchen gerade deshalb ausgesprochen gut.

Einen schönen Buchladen finden wir auch.

Bloß die Einkaufsmöglichkeiten im Supermarkt sind eher bescheiden, dafür bietet er aber Unterschlupf vor dem heftigen Gewitter:

Die Kissen im Cockpit sind inzwischen wieder trocken 😉. Schließlich wurden wir heute morgen zu unserer Freude wieder von der Sonne am blauen Himmel geweckt, konnten den trotz Kelp (eine dickblättrige lederzähe große Alge) super haltenden Spade-Anker hochholen,

und uns auf den Weg zum nächsten tollen Ankerplatz machen. Auf Empfehlung der Escape Crew ist es diesmal Seal Bay auf Vinalhaven Island nur 8 sm westlich. Die können wir hoch am Wind segeln (wobei Slalom hoch am Wind eigentlich eine Sonderdisziplin sein sollte), bei allerdings bis zu 30 kn scheinbarem Wind eine schräge Angelegenheit. Die wieder belohnt wird, sogar gleich doppelt:

Ebbe
Flut

Bar Harbor

Von den 4.617 Inseln des Bundesstaates Maine ist “Mount Desert Island“ die mit Abstand größte. Zudem bietet sie mehrere gute Naturhäfen, darunter mit dem 9 km langen und 40 m tiefen Somes Sound den einzigen Fjord der US-Ostküste und vor allem dem durch zwei natürliche Barren und mehrere Inseln geschützten “Bar Harbor”. Für den entscheiden wir uns.

Rund um den vorletzten Jahrhundertwechsel entdeckten Amerikas Superreiche die Insel für sich, nachdem zuvor Maler den Ort populär machten (und wohl auch etwas verklärten). Die Rockefellers, Fords, Vanderbilts, Astors und Carnegies hatten Sommersitze hier. Einige davon wurden bei einem verheerenden Waldbrand 1947 zerstört. Was aber blieb, sind die “Carriage Roads”, feste Schotterwege, die für Vergnügungsfahrten mit den Kutschen durch die großen von Seen durchzogenen Waldgebiete der Insel angelegt wurden. Heute sind sie herrliche Radwander- und Reitwege, die kreuz und quer durch den Arcadia-Nationalpark führen.

Und so mieten wir uns Fahrräder und erkunden auf einer 37 km langen Tour mit viel bergauf und bergab einen Teil der Insel.

Fototapete, das kommt uns mehrfach in den Sinn:

Und nicht nur die Landschaft gefällt uns gut. Die rund 23 Grad, die wir hier im Moment tagsüber so haben, machen die durchaus anstrengende Tour gut erträglich. Neben den vielen malerischen Ausblicken sorgen Streifen-Backenhörnchen für zusätzliche Kurzweil, immer wieder flitzen sie über den Weg, bleiben dann manchmal am Rand sitzen und scheinen uns so zu beobachten wie wir sie:

Strahlend blauer Himmel und sommerlich grün, auch wenn sich ganz vereinzelt schon erste Herbstfarben zeigen, so absolut nicht ihrem Namen entsprechend wüstenartig präsentiert sich uns auf dieser Tour Mount Desert Island.

Ganz anders dagegen der Blick hinaus am nächsten Morgen: die Farben sind weg, verschluckt vom Nebel, der in dichten Schwaden herumwabert und die morgendliche Stille noch zu verstärken scheint.

Sicher an der Boje liegend ist das ein faszinierender Anblick, aber jetzt durch die dichten Felder der Lobsterpots motoren zu müssen möchte ich mir lieber nicht vorstellen. Anfangs kann ich kaum das Boot an der Nachbarmooring ausmachen, das gestern Abend noch zum Anfassen nahe schien. Aber dann setzt sich gaaaaanz langsam die Sonne immer mehr durch, brennt erste kleine Löcher in die graue Suppe, lässt manchmal schon den blauen Himmel über den vielen Booten in der Nebelbank erahnen.

Schön, dass heute die Sonne gewonnen hat (ist hier wohl nicht immer so 😉). Wir schnappen uns das Dinghy und fahren an Land, denn heute ist Farmers Market, also eine gute Chance für uns auf Wildheidelbeeren aus Maine, die wir im Supermarkt leider nicht bekommen. Die von Jill in Boothbay Harbor geschenkten Heidelbeeren haben uns verwöhnt und angefixt, seitdem sind wir auf der Suche nach den kleinen aber intensiv schmeckenden Blaubeeren. Und tatsächlich, wir müssen zwar dafür einmal quer durch den Ort aber es lohnt sich, wir finden nicht nur die Wildblaubeeren, sondern auch noch weitere lokale Köstlichkeiten wie etwa hausgemachten Ahornsirup.

Segel-Eindrücke in Maine

Wir sind schwer beeindruckt von Maine. Warum? Wieder schwer (zu beschreiben).

Die Landschaft, die Menschen, die Tide, die Ankerplätze, das Segeln. O.k., ab und zu auch die Herausforderungen der Lobsterpots. Ich mache es mir heute einfach mal leicht und poste nur ein paar Bilder und (da wir unsere Drohne ziemlich aktiv eingesetzt haben) den Link zu einem kleinen Video. Eindrücke halt.

Landschaft
Lobsterpots in der Anfahrt
Belohnung: Blubber Island bei Port Clyde
Genießen
Weitersegeln
Anders als gestern bleibt der Abendschauer diesmal über dem Festland
Neue Ankerbucht: Marshal Island

Und das Video: Hier 😊.

Der ungewöhnliche Isaias

Isaias. Ungewöhnlicher Name. Erst recht für einen Hurrikan, denn ein solcher war Isaias (Kategorie 1) noch über den Bahamas, aber inzwischen hat er etwas an Kraft verloren und ist zum tropischen Sturm heruntergestuft. Vor allem aber hat Isaias eine ungewöhnliche Zugbahn.

Der Weg nach Florida war noch eher typisch, aber jetzt arbeitet sich Isaias langsam die ganze US-Ostküste hoch, vielleicht mit einem kleinen Landfall bei Myrtle Beach oder bei Kap Hatteras, nur um dann wieder Kraft auf dem offenen Meer zu tanken und weiter die Küstenlinie entlang zu ziehen. Bis nördlich von New York. Hm. Da sind wir.

Zuerst (vor einer Woche) schien die Vorhersage so ungewöhnlich, dass wir gedacht haben, das würde sich sicher noch ändern. Hat es aber nicht, die verschiedenen Modelle nähern sich immer mehr an und die ungewöhnliche Zugbahn bestätigt sich weiter.

Für uns heißt das, die wunderschöne aber weiter draußen und damit exponiert liegende Insel Block Island (für diese Gegend sind Wellen von 4 m Höhe vorhergesagt) etwas früher zu verlassen und ein Stück in die Narraganset Bay hinein zu segeln, dort sollte der Sturm weniger Kraft haben. Unser erster Ankerplatz bei Bristol ist zwar schön (insbesondere der kleine Ort), aber nach Süden zu offen. Nicht gut, denn Isaias soll hier vor allem starke Südwinde bringen.

Gemeinsam mit unserem alten Buddyboat, der Amalia (Steve und Helena), verholen wir 6 sm weiter nach Osten nach East Greenwich und ankern dort wunderschön vor einem Waldstück mit kleiner Steilküste und Sandstrand. Das Bojenfeld etwas näher vor dem Ort liegt in einem genau in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Creek und ist ziemlich eng gesteckt, da scheint uns unser Ankerplatz geschützter. Wir bauen unsere Solarpaneele und unser Bimini ab, ebenso alle jetzt überflüssigen Leinen wie Spischoten, Barberholer und die an den Spibäumen angeschlagenen Vor- und Achterholer. Selbst die Angeln verschwinden unter Deck. Steht unserer Flora eigentlich ganz gut 😊.

Hört sich übertrieben an? Na ja, die Wetterberichte zeigen, dass Isaias zwischendurch vermutlich nur etwa vier Knoten fehlen werden, um wieder zum Hurrikan hoch gestuft zu werden. Ob er sich daran hält? Außerdem ist er eben ungewöhnlich, da gehen wir um so mehr lieber auf auf Nummer sicher. Gerade bekommen wir eine NOAA-Wetterwarnung für die die Narragansett-Bay, also den tiefen Einschnitt bei Newport, in dem wir uns verkrochen haben: “Uncertanty in track, size and intensity: potential for wind 58-73 mph.” Windy sagt für unseren Standort “nur” etwa 43 kn an, was auch schon 9 Beaufort wären.

Das Gute: Isaias sollte schnell vorbeiziehen, nach ein paar Stunden durch sein. Und vermutlich wird er hier am späten Nachmittag kommen, also bei Tageslicht, und dann schon nach wenigen Stunden weitergezogen sein. Wir haben viel Platz, guten Ankergrund und gut 10fachen Scope (Verhältnis der ausgebrachten Ankerkette zur Wassertiefe).

Wir sind gespannt, aber eigentlich ganz zuversichtlich. Morgen wissen wir mehr.

Andere Länder, andere Sitten

Wir segeln weiter die Chesapeake Bay hinauf und erkunden verschiedene Flüsse und Creeks. Mit Greg und Michael an Bord machen wir als erstes einen kurzen Schlag von Annapolis in den Magothy River eben nordwestlich der Chesapeake Bay Bridge und ankern weiter drinnen hinter North Ferry Point.

Vor dem flachen Uferbereich ziehen sich lange Stege der versteckt unter den Bäumen liegenden Häuser hinaus. Manchmal mit Bootshäusern, fast immer aber mit Bootsliften versehen. Insbesondere die Motorboote werden hier zumeist nicht am Steg vertäut, sondern mit dem heimischen Bootslift elektrisch komplett aus dem Wasser gehoben und „in der Luft“ geparkt. Spart vielleicht auch das Antifouling. ☺️ In Marinas gibt es häufig überdachte Hallen für die Motorboote im Wasser, manchmal auch regelrechte Hochregallager, mehrstöckige Stapelplätze an Land.

Mit Florecita erkunden wir den gegenüber liegenden Cypress Creek, ein wunderschöner Ausflug auch wenn einmal mehr auffällt, dass das Anlanden mit dem Dinghy wegen des fast überall im Privatbesitz befindlichen Ufer schwierig sein kann.

Und – für uns vielleicht noch irritierender als bei den zahlreichen überwiegend eben doch kleineren Motorbooten – auch Segelboote haben manchmal am heimischen Steg und zum Teil auch in der Marina einen luftigen Liegeplatz:

Als nächstes Ziel haben wir uns Georgetown ausgewählt. Dafür segeln wir ein Stück weiter die Chesapeake Bay hinauf und dann gut 8 sm weit in den wunderschönen Sassafras River hinein. Wir sind schier überwältigt von diesem für uns bisher schönsten Fluss hier. Der Sassafras schlängelt sich, mal schmal, mal breiter, zwischen einer leicht hügeligen Landschaft hindurch, die mit lehmigen Steilufern, flachen Sandstränden, dichtem Schilf, riesigen Seerosenbuchten, gelegentlichen Wiesen oder Feldern und viel Wald herrlich abwechslungsreich ist. Die Bebauung ist hier am „Eastern Shore“ bei weitem nicht mehr so dicht wie um Annapolis herum oder am Magothy River. Wenn die Häuser höher am Hang gebaut sind, wird der Wasserzugang über Treppenkonstruktionen erschlossen oder es gibt einen eigenen Freisitz über dem Privatsteg.

Aber es gibt nicht nur solche Luxusvillen, sondern auch schöne einfache Häuser am Ufer. Insgesamt erinnert die Landschaft uns vielfach an unser altes Heimatrevier Schlei, kein Wunder, dass es uns so gut gefällt. Noch dazu, wenn wir vom Ankerplatz aus einen solchen Sonnenuntergangsblick genießen dürfen:

Ankern auf dem Waldsee

Für unseren ersten Ankerplatz in Maryland haben wir uns zur Abwechslung einen etwas abgelegeneren Creek ausgesucht. Verwinkelte, aber gut betonnte Einfahrt vom Potomac aus, vorbei an ein paar am Ufer stehenden Wohnwagen bei der Point Lookout Marina. Wir biegen nicht in den Jutland Creek ab, sondern zirkeln um zwei Flachs herum in eine etwas größere und aufgefächerte Bucht des Smith Creek hinein. Hier fühlt es sich an, als wäre die bewohnte Welt außen vor geblieben, als hätten wir hinter einem Paravent von Bäumen den Anker in einem stillen Waldsee fallen lassen. Keinerlei Dünung findet herein, keine Jetskis oder Motorboote sausen von und zu den Stegen am Ufer gibt es keine Häuser. Und bei dem geringen Abstand der Ufer und den schützenden Bäumen wirklich rundherum baut sich selbst in Böen keine nennenswerte Windwelle auf, allenfalls kräuselt sich die Oberfläche mal etwas mehr, wenn ein ein Fisch springt oder einer der auch hier zahlreichen Fischadler sich seine Beute holt.

Schaut man genauer hin, lässt sich ein kleinen Tidensaum am Ufer erkennen. Aber erst mit der Drohne sieht man, dass sich hinter den Bäumen doch Felder und vereinzelt Häuser finden.

Quallen gibt’s leider reichlich. Faszinierend anzusehen, wie sie gespenstergleich dicht unter der Wasseroberfläche dahinschweben, den Schleier ihrer Nesselfäden hinter sich herziehend. Aber das abendliche Bad muss eben ausfallen und die Paddleboard-Runde erfolgt auch nur mit besonderer Vorsicht.

Der wunderbaren Abendstimmung tut das keinen Abbruch.

Deltaville

Rund 30 sm ums Eck vom East River in der Mobjack Bay, mal herrliches (wenn auch langsames) Schwachwindsegeln unter unserem blauen Gennaker, mal dann doch unter Motor.

Dann noch um zwei Flachs herum in den Piankatank River hinein, hinter der langgezogenen Halbinsel „Stove Point Neck“ nach Deltaville abbiegen, => Ententeichfeeling.

Ja, die Chesapeake Bay ist eine Bucht des eher rauhen Nordatlantik und ja, sie ist etwa 12.000 Quadratkilometer groß, RIESIG!

Aber durch ihre Verzweigungen bietet sie viele geschützte Ankerplätze. Unter anderem die Fishing Bay, hier bei Deltaville. Und die zeigt sich uns so, wie man sich einen Ankerplatz wünscht: recht gleichmäßige Tiefe, kein bisschen Ozeanschwell, gegen die vorherrschenden Windrichtungen gut geschützt. Einziger Wermutstropfen: klares Wasser geht anders (aber immerhin können wir hier etwa einen halben Meter weit ins Wasser spähen, doppelt so tief wie auf unserem letzten Ankerplatz).

Aber in dem brackigen Wasser fühlen sich neben anderen Muscheln auch Austern richtig wohl, zudem ist es ein Paradies für Krebse. Kein Wunder also, dass das „Ernten“ der Meeresfrüchte hier eine lange Tradition hat, ebenso wie der Bau der dazu notwendigen Arbeitsboote. Lange Zeit war das Zentrum des (Holz-)Bootsbaus dieser zumeist kleinen Working-Boats genau hier bei Deltaville und die maritime Prägung sorgt noch heute für eine kaum zu übertreffende die Dichte an Liegeplätzen und Häfen auf der von Creeks durchzogenen Halbinsel zwischen Piankatank River und dem viel größeren, sich fast 300 km von den Blue Ridge Mountains hierher schlängelnden Rappahannok River.

In der Marina vor der wir Ankern gibt es ein Dinghydock. Für 5 US$ können wir unsere Florecita dort anbinden. Hört sich erstmal gar nicht so günstig an. Ist es aber, denn diverse Zusatzleistungen sind enthalten. So können wir dort unseren Müll entsorgen und – damit hatten wir nicht gerechnet – sogar kostenlos Fahrräder ausleihen. Die Chance ergreifen wir und statt zu Fuß zum Supermarkt in den langgestreckten Ort zu gehen machen wir eine herrliche Fahrradtour. Sprichwörtlich durch Wald und Feld.

Wobei der Wald sich als lockere Mischung von Laub- und Nadelbäumen erweist, obwohl wir aus der Entfernung meinten, ganz überwiegend Laubbäume zu sehen und doch Nadelbäume zu riechen. Kein Wunder, wenn sich die Kiefern so tarnen:

Es riecht nach Sommer und wir erkunden auf unserer Fahrradtour einen größeren Teil der Landspitze mit ihren verschiedenen Häfen. In der Stingray Point Marina stoßen wir auf einen kompletten 1:1 Nachbau des alten Leuchtturms von 1853, der damals das ausgedehnte Flach vor dieser Halbinsel zwischen den Flüssen markierte und der sich so deutlich von den klassischen europäischen Leuchttürmen unterscheidet, Ähnliche Leuchtürme fanden – und finden – sich in der Chesapeake Bay aber noch mehrere.

Im Regatta Point Yachting Center lockt uns die mit Schaukelstühlen und sich gemächlich drehenden Ventilatoren bestückte Club-Terrasse mit Blick über den Hafen.

Was in allen Marinas auffällt sind die überdachten, manchmal Hallen, manchmal Hütten ähnelnden Garagen für Motorboote. Für uns ungewohnt, hier aber absolut üblich und auch an den Privatstegen mancher Häuser am Creek zu finden.

Am Ende landen wir aber doch noch beim Supermarkt, Milch und Küchenrollen sind an Bord ausgegangen. Regionaltypisches zeigt sich auch hier: in dem wirklich kleinen Haushatswarensortiment findet sich eingekeilt von Salatmesser und Grillzange tatsächlich der Muschelöffner zwischen Austernmesser und Hummergabeln.

Letztere haben wir dank Catalina sogar in der edlen Silberausführung an Bord und sie kommen heute auch noch zum Einsatz, leckere Snow-Crab-Legs werden unser Abend(fest)essen auf Flora: