Culebra

Wir sind auf Culebra, damit auf den zu Puerto Rico gehörenden „Spanischen Jungferninseln“ und somit in Lateinamerika angekommen. Fast alle Puertoricaner geben Spanisch als Muttersprache an. Und doch: wir sind auch wieder in den USA. Für die Einreise brauchten wir ein gültiges US-Visum. Puerto Rico führt nicht nur eine Flagge 🇵🇷 , die sehr an die kubanische 🇨🇺 erinnert, gegenüber der nur blau und rot vertauscht sind. Sondern eben (wie der Lone-Star-State Texas) eine rot weiß gestreifte Flagge mit einem weißen Stern auf blauem Grund, quasi ein „ein-Stern-Banner“. Obwohl die USA 🇺🇸 im Zuge des Spanisch-Amerikanischen Krieges 1898 Puerto Rico erst vier Jahre nach dem Entwurf der Flagge besetzten und fortan für sich beanspruchten.

Der Freistaat Puerto Rico (Estado Libre Asociado de Puerto Rico) hat heute den Status eines Außengebietes (nicht inkorporiertes Gebiet) der Vereinigten Staaten. Das heißt, es ist weder ein Bundesstaat der USA noch gehört es einem Bundesstaat an, aber sämtliche außenpolitischen Angelegenheiten Puerto Ricos werden von den USA wahrgenommen. Amtssprachen sind Spanisch und Englisch. So ganz einfach scheint es hier in der Karibik selten zu gehen.

Schattiges Plätzchen, einmal die gelb-grüne Flagge Culebras, einmal die von Puerto Rico auf dem Vorsegel.

Auch seglerisch bleibt‘s vorerst etwas kompliziert. Die Wellen aus Nord, vor denen wir ja unbedingt hier ankommen wollten, haben sich mittlerweile zwar etwas abgeschwächt und rollen nur noch mit zwischen zwei und drei Metern Höhe an. Dafür hat aber der Wind auf Südost gedreht, die Ankerplätze auf der Südseite von Culebra sind also nicht mehr geschützt. Der Naturhafen in dem wir liegen ist fast rundum geschützt, nur eben nach Südost offen. Er ist trotzdem für uns weiter die beste Wahl, denn die der Einfahrt vorgelagerten Riffe halten das Gröbste, eigentlich sogar fast alles ab.

Und das es grob sein kann sehen wir auf unserer Wanderung heute. Am Flughafen und der Laguna del Flamenco (auf der wir aber keine Flamingos entdecken) vorbei geht’s gemeinsam mit Heike und Jürgen von der „Valentin“ zum Vorzeigestrand in der Bahia de Flamenco. Die mitgebrachten Schnorchelsachen bleiben in der Tasche, selbst Baden ist hier heute nicht drin.

Auch wenn sich nicht jede Welle so dramatisch bricht, die Roller kommen ziemlich regelmäßig, steilen sich vor dem Ufer auf und lassen sich vom durchaus steifen Wind die Kämme abwehen. Da laufen wir doch lieber einfach nur am herrlich feinen Sandstrand entlang bis in die Nordwestecke der Bucht.

Zum einen ist die Vergangenheit der Spanischen Jungferninseln als militärisches Übungsgebiet der Amerikaner hier in einem inmitten der Brandungszone vor sich hinrostenden und inzwischen bunt besprühten Panzerwrack deutlich sichtbar. Zum anderen reicht an dieser Stelle das Riff vom Strand aus weit hinaus und wir haben auch den Blick über die Bucht hinaus an den kleinen Kaps der nördlichen Küstenlinie entlang, die Drohne macht das noch deutlicher.

Zurück gehts auf dem gleichen Weg, immer schön am Strand entlang, mit kleiner Pause unter Palmen.

Und ein paar tierische Begegnungen gab es auch noch, die mit Schwanz manchmal zwei Meter langen Iguanas kann ich einfach nicht unfotografiert lassen (dieser hier war zwar nur etwa 1m50, trotzdem ein Prachtexemplar):

Sint Maarten / Saint Martin

Haben Frankreich und das Königreich der Niederlande eine gemeinsame Landesgrenze? Ja, aber nicht in Europa, da liegt ja Belgien dazwischen. Hier in der Karibik aber schon, eben auf Saint Martin/Sint Maarten.

Schon die Frage ist ein bisschen fies gestellt, denn die Niederlande 🇳🇱 sind eben nicht gleichzusetzen mit dem Königreich der Niederlande, sondern tatsächlich nur eins der insgesamt vier autonomen Länder des Königreichs, neben Aruba, Curaçao und eben Sint Maarten. Andererseits gehören die Karibikinseln Saba, Sint Eustatius und Bonaire rechtlich zum Gebiet der Niederlande.

Witzigerweise haben wir hier auf der Insel deshalb eine Grenze nicht nur zwischen Frankreich und dem Königreich der Niederlande, sondern auch zwischen Frankreich (EU) und Sint Maarten (nicht EU). Meine deutsche Telefonkarte würde daher hier an unserem Ankerplatz in der Simpson Bay in Sint Maarten horrende Roaminggebühren auslösen (Ländergruppe 3, genau wie z.B. Vanuatu). Der französische Teil der Insel gehört dagegen zur Ländergruppe 1 und löst im EU-Roaming meiner deutschen SIM-Karte keine zusätzlichen Gebühren aus. Die Insel ist aber insgesamt so klein, dass wir hier am Ankerplatz Empfang von Sendemasten aus beiden Ländern haben. Die Lösung ist daher einfach: die automatische Netzauswahl im Handy ausstellen und einen französischen Anbieter manuell auswählen. 😁

Die Ankerbucht ist nicht unsere bisher schönste. Der internationale Flughafen liegt direkt nördlich, außerdem ist das Ufer gesäumt von eher gesichtslosen mehrstöckigen Hotelburgen, erst dahinter erheben sich die grünen Bergrücken. Das Wasser der Bucht ist aber erstaunlich klar und gegen den für die nächsten Tage angekündigten Nordschwell sollten wir hier gut geschützt sein.

Mit dem Dinghy fahren wir durch einen kleinen Kanal in die Lagune (Grand Etang/Simpsonbaylagune). Eine holländisch anmutende Klappbrücke überspannt die Einfahrt und erstaunlich große Superyachten können sie passieren.

Der Schein täuscht sogar noch. Etwa eineinhalb mal so breite Superyachten passen hindurch. Dann allerdings wird es wirklich eng, die seitlichen Begrenzungen weisen einige (sicher teure) Scharten auf und das Brückenwärterhäuschen wurde auch bereits wegrasiert. YouTube hat mehrere toll gemachte Videos über das Hineinfahren von Superyachten und auch spektakuläre Szenen zu bieten. Die Lagune bietet eine große Auswahl an Marinas, dazu Bojenplätze und auch freies Ankern. Allerdings war es während des letzten Lockdowns für einige Boote schwer, herauszukommen. Das lässt unseren Ankerplatz vor der Brücke dann doch wieder um einiges attraktiver erscheinen. 😉

Die Verschiedenartigkeit der beiden Länder auf der Insel stellen wir auf unserem Dinghyausflug auch in der Bebauung rund um die Lagune fest. Hohe Bebauung sehen wir nur auf der „holländischen“ Seite, dafür allerdings auch weniger Wracks. Die finden sich in erschütternder Anzahl (nicht nur, aber doch deutlich überwiegend) auf der französischen Seite. Und nicht alle stammen vom letzten Hurrikan, einzelne sind offensichtlich älter. Manches, was wie ein Wrack aussieht, ist dann tatsächlich doch noch bewohnt. Und ein Sprayer beweist schrägen Humor.

Auch die Häuser scheinen auf der französischen Seite nicht mit gleicher Kraftanstrengung (bis zu 95 % wurden durch Hurrikan Irma schwer beschädigt) wieder auf Vordermann gebracht zu werden. Selbst an der Marigot Bay sieht es direkt westlich des französischen Kananleingangs so aus:

Das gleiche Ufer nur wenig weiter östlich am Yachthafen allerdings so:

Wie sich überhaupt karibische Farbenfreude und Streetart, teuere Markengeschäfte, charmante Cafés und restaurierte Geschäftszeilen und verfallende Fassaden stetig im Straßenbild abwechseln.

Und natürlich nicht zu vergessen: Die Leguane finden sich ebenfalls direkt in der Stadt und an der Uferpromenade und wollen zum Teil (in jungen Jahren) in der Farbenpracht auch nicht zurückstecken.

Carlisle Bay, Antigua

Was für ein Unterschied zum wuseligen, bei Megayachten beliebten und ziemlich weitläufigen Falmouth mit all seinen Serviceangeboten, Restaurants und Kneipen. Die drei Seemeilen weiter westlich an der zerklüfteten Südküste von Antigua gelegene Carlisle Bay bietet davon fast nichts, dafür aber einen ebenfalls gut geschützten Ankerplatz zwischen den sich eng an die deutlich kleinere Bucht schmiegenden grünen und steilen Hügeln. Insbesondere auf dem Stück zwischen den beiden Buchten vom Fisher Hill bei der Carlisle Bay bis hinüber zum Nook Hill vor Falmouth findet sich auch fast keine Bebauung, die steilen Flanken sind zumeist straßenlos und nur von wenigen Wegen durchzogen. Autos müssen den Umweg über den (schönen) Fig Tree Drive durch das Inselinnere nehmen.

Die wunderschöne Südküste von Antigua: links hinter dem Kap liegt die Carlisle Bay, ganz rechts am Bildrand Falmouth

Ein Weg aber soll von unserem Ankerplatz aus hinüber über die Hügel zum Strand hinter den Riffen führen. Wir landen mit dem Dinghy am Jetty des Hotels an, fragen freundlich und dürfen das Beiboot dort festmachen. Also wandern wir los, zunächst durch das kleine Örtchen mit unfassbar vielen ausgeschlachteten Autos am Straßenrand. Nach etwa einem Kilometer biegt ein Feldweg ab und erstmals überhaupt auf Antigua spazieren wir durch so etwa wie Plantagen. Kein industrieller Anbau, eher dürften es kleine bäuerliche Betriebe sein, die hier in der Ebene hinter dem erstaunlich weitreichenden Mangrovenfeuchtgebiet vor allem Bananenstauden und große alte Mangobäume bewirtschaften, auch Zuckerrohr und Papaya ist zu sehen.

Als wir die Mangroven hinter uns lassen steigt das Gelände an, wird sofort merklich trockener und es findet auch kein Anbau mehr statt. Dornengestrüpp und vereinzelt auch Kakteen säumen den jetzt trockenen Weg. Immerhin, es bleibt ein Weg bis knapp hinter die Passhöhe, dann ist auch dieser Luxus vorbei. Ein Pfad führt jetzt durch die Dornen.

Bis kurz vor dem Meer gut zu finden, die letzten paar hundert Meter eher dem Geräusch der Brandung nach durchs Dickicht. Aber auch das klappt und so können wir an unserem Privatstrand (am ganzen Tag wird uns auf der Wanderung niemand begegnen) unsere Rast einlegen und einen Segler beobachten, der hinter dem Riff um das Kap herumzirkelt.

Auf dem Rückweg finden wir durch Zufall kurz hinter dem Pass einen mit roten Bändern markierten aber bisher nirgends eingezeichneten Wanderpfad, der steil den Hang hinaufführt. Lassen wir uns natürlich nicht entgehen, und es wird ein echtes Highlight, im wahren Wortsinn, denn es geht an überwucherten Ruinen englischer Festungsgebäude vorbei bis auf den Gipfel des Fisher Hill hinauf, mit traumhaften Aussichten an der Küste entlang bis Falmouth und zur anderen Seite auf unseren Ankerplatz. Die Drohne fängt sogar beides zugleich ein.

Vom Großen zum Kleinen: selbst hier oben auf dem Berg finden sich noch Einsiedlerkrebse. Dem hier ist sein Schneckengehäuse schon etwas klein geworden, er kann es nicht mehr mit seiner einseitig großen Schere verschließen, einige Beine schauen immer noch mit hinaus.

Da wird wohl demnächst ein Umzug fällig. Bei uns auch, trotz der schönen Carlisle Bay. Wenn die Teile für den Wassermacher komplett da sind, wollen wir nach St. Martin aufbrechen. Aber bis dahin genießen wir Antigua. Den Rückweg können wir übrigens zum Glück noch deutlich abkürzen, indem wir die Verbindung der Mangroven zum Meer durchwaten, gut 8 km sind es trotzdem auf dem abwechslungsreichsten Hike, den wir auf Antigua und Barbuda bisher gemacht haben.

Und hier einfach noch ein paar Eindrücke von dem Ankerplatz und der Gegend:

Sinnvolles auf Antigua

Keine großen Änderungen, wir warten noch auf die Wassermacherteile. Immerhin: Julien von Watermaker Services hat den eigentlichen Übeltäter (den zugerosteten gewinkelten Fitting) ersetzt, ebenso einen Endstopfen des Rohrs der Mebran, der durch den Überdruck scheinbar einen Haarriss bekommen hat.

Den Wassermacher habe ich jetzt testweise wieder eingebaut, er funktioniert und leckt nicht. Allerdings muss der (rostende) Fitting zwischen Hochdruckpumpe und Membran noch getauscht werden, der sollte Anfang nächster Woche eintreffen. Wir werden dann auch die Membran tauschen, vorsorglich wegen der sich auch dort absetzenden Rostteilchen sowie des entstandenen Überdrucks und weil die alte Membran ohnehin kurz vor dem Ende der empfohlenen Einbauzeit (5 bis 7 Jahre) ist. Lieber ein bisschen vor der Zeit als demnächst in vielleicht unpassender Gegend danach suchen zu müssen. Jedenfalls muss ich Membrangehäuse und Schläuche dazu nochmal aus- und dann wieder einbauen.

Die Wartezeit auf die Teile nutzen wir bei etwas durchwachsenem Wetter für einen weiteren Hike hier auf Antigua. Die vom Pigeon Beach gar nicht weit entfernte Windward Bay sah im Vorbeisegeln verlockend aus, ihr möchten wir gerne einen Besuch abstatten. Wiebkes Hiking-App „Komoot“ weist auch einen Pfad dahin aus, aber schon bevor er von der Straße abgehen soll, versperrt uns eine Schranke den Weg. Hier scheint es nur Privatresidenzen zu geben. Wir nehmen nochmal den Middelground Trail zwischen Falmouth und English, den wir schon ein paar Mal gewandert sind. Wie so oft begegnen uns einige wilde Ziegen, derzeit häufig mit Lämmern. Es ist schon erstaunlich, wie genüsslich sie die Blätter von dem stacheligen niedrigen Dornenbuschwerk abzupfen.

Anders als sonst biegen wir diesmal aber nahe des höchsten Punktes ab in Richtung des Anwesens auf der Südspitze des Middelground. Direkt vor der Umzäunung des Anwesens führt dann ein Pfad zum Kliff am Snapper Point, dem südlich der Einfahrt zu English Harbour gelegenen Kap.

Erosion oder die Wellen früherer Zeiten haben hier in heute luftiger Höhe über dem Wasser höhlenartige Einbuchtungen und Überstände geschaffen, die heute wohl hauptsächlich noch den Ziegen als Wetterschutz dienen, ihre zahlreichen Hinterlassenschaften deuten jedenfalls darauf hin.

Auf dem felsigen Grund des Kliffs finden sich viele Kakteen, und nicht nur die Ziegen scheinen stachelresistent zu sein. Kleine und unglaublich flinke Eidechsen klettern auf ihnen herum, als wären die Dornen Steighilfen.

Ich kann mich zwar kaum sattsehen, aber irgendwann kehren wir Snapper Point doch den Rücken zu und finden hinter dem Anwesen tatsächlich auch einen Weg hinunter zum Strand in der Windward Bay. Der erweist sich allerdings als wenig badetauglich, ein felsiges Riff beginnt unmittelbar an der Wasserlinie und zieht sich den ganzen Strand entlang. Keine Chance für den in der Bucht ankernden Dreimaster, hier mit seinem Dinghy anzulanden. Aber immerhin können sie vielleicht den Schnorchel-Lehrpfad nutzen, auf dessen 12 Stationen auf dem Riff ein Schild am Strand hinweist.

Am Abend gibt’s für uns gemeinsam mit der Crew der „escape“ ein superleckeres Essen im unbedingt empfehlenswerten wenn auch höherpreisigen „5 Senses“ in Falmouth. Küche und Bar und Location sind top. Nicht die „Pre-Hispanic-Soup“ entgehen lassen, sie spricht wirklich alle Sinne an!

Heute morgen sollte der Wecker auf halb sieben stehen. Die ersten Ruderer der Talisker-Atlantic-Challange werden ankommen und wir wollen sie begrüßen. Aber dazu kommt es nicht, die beiden haben sich nochmal ordentlich in die Riemen gelegt und laufen schon gegen 5 Uhr im Dunkeln in English Harbour ein, nach über 2.700 sm Rudern von San Sebastián auf La Gomera. Neue Rekordzeit für den Zweier „Row4Cancer“ mit Mark Slats und Kai Wiedmer: 32 Tage, 22 Stunden und 13 Minuten. Unfassbar! In den nächsten Tagen (und Wochen) werden noch weitere Teilnehmer im Ziel erwartet, vielleicht bekommen wir ja einen anderen Zieleinlauf mit.

Aber erstmal entscheiden wir uns für einen Ortswechsel. Knappe vier Meilen geht es weiter in die gegenüber Falmouth doch deutlich kleinere und ruhigere Carlisle Bay, die uns im letzten Frühjahr während des Lockdown schon so gut gefallen hatte. Kein einziges AIS-Signal zeigt sich da derzeit, das ist doch quasi eine Einladung. Und tatsächlich, als wir um die Ecke biegen ist die Carlisle Bay tatsächlich völlig leer. Wir fahren weit hinein und lassen den Anker fallen. Lediglich ein Strandkat vom Hotel im Scheitel der Bucht dreht seine Runden. Horizontal und vertikal, aber kentern gehört zum Strandkat-Üben ja nunmal dazu.

Aber während ich die Drohne startklar mache, kommen doch noch ein paar weitere Boote dazu, am Nachmittag auch die Tairua mit Ute und Russ, die wir schon in Barbuda und hier auf Antigua in Falmouth getroffen haben. Fein, dann können wir unseren frischgebackenen Kuchen ja doch wieder in netter Gesellschaft verputzen.

In ein neues Jahr mit Walen auf dem Tisch

Der Ankerplatz hier in hinter Great Bird Island auf Antigua ist wirklich traumhaft.

Trotzdem: anders als ursprünglich gedacht können wir den letzten Sonnenuntergang des Jahres doch nicht mit einem Abgrillen am Strand der Insel begehen, dafür kachelt es einfach zu sehr. Immerhin, für einen Nachmittagsgang durch die Inselsenke vom Südstrand hinüber zum Nordstrand in der Windy Cove reicht es. Gemeinsam mit Annemarie und Volker können wir die auf der Flutlinie wellenumspült und verlassen im Sand stehenden Bänke als potentiellen Picknickplatz auskundschaften.

Zum Abendessen geht es dann aber zu ihnen auf die Escape. Wir können zwar nur Orangen und Zwiebeln, Prosecco und ein Glas von Andrea eingelegter Hibiskusblüten beisteuern, aber Volker zaubert aus den Tiefen der Gefriertruhe Gambas und Lachs hervor und bereitet ein superleckeres Drei-Gänge-Menü, es wird ein richtig schönes gemütliches Silvester. Feuerwerk ist um Mitternacht tatsächlich an Land einiges (in großer Entfernung) zu sehen, sowohl in St. Johns als auch in Jolly Harbour und in den Hotels wird offensichtlich geböllert.

Neujahr lassen wir dann sehr ruhig angehen. Es bläst noch immer, wir bleiben an Bord der Flora, schlafen aus (ist ja ein Feiertag😉) und pruddeln ein bisschen herum. Heute mal nicht am Boot selbst, aber in den Schapps findet sich doch so das ein oder andere zur Beschäftigung.

Erst mal Brot backen.

Wird wieder ganz gut, der Teig geht mit etwas Extra-Hefe schön auf und die Kruste gelingt auch (im offenen kleinen Wok im Backofen). Den Neujahrsnachmittag verbringen wir dann spielerisch:

Obwohl wir im Frühjahr sowohl auf dem Weg von Guadeloupe nach Antigua Wale (in dem Fall mehrere Pottwale) ganz nah am Boot gesehen haben als auch auf dem Törn von Barbuda nach Antigua (evtl. ein Buckelwal) hatten wir hier bisher im Winter keine Begegnung mit den großen Meeressäugern.

Jetzt kompensieren wir das ein bisschen, indem wir am Neujahrstag unser „Selbstgeschenk“ aus New Bedford auspacken. Dort hatten wir im Walfangmuseum ein Puzzle gekauft, eine schöne Erinnerung und nur 500 Teile, das sollte doch flott zu machen sein. O.k., so schnell nun auch wieder nicht, denn die amerikanischen Jigsaw 🧩 haben einen von den Puzzeln meiner Kindheitserinnerungen doch deutlich unterschiedlichen viel unregelmäßigeren Teilezuschnitt und dieses hier ist in blau-weiß auch ziemlich monochrom, aber zum Abendessen sind wir dann doch fertig damit.

Ist es nicht schön, sich einfach mal sechs Stunden für so etwas Zeit nehmen zu können?

Das Puzzeln scheint sich für uns fast zu einer Antigua-Routine zu entwickeln, denn unsere letzten Puzzle hatten wir auch auf Antigua gemacht, zu Beginn des Lockdowns. Nochmals ganz lieben Dank an Eike, der uns durch sein Geschenk in Alicante (von uns damals als „was soll man damit auf dem Boot“ belächelt) wieder an diese schöne Beschäftigung herangeführt hat.

Das neue Jahr fängt für uns jedenfalls schon mal gut an.

Barbudas wilder Osten

An einen ganz besonderen Ankerplatz auf Barbuda haben wir uns bisher noch nicht gewagt, das soll sich jetzt ändern. Spanish Point liegt im Südosten der Insel, die Navionics-Seekarte hält (in den kleineren Zoomstufen) für die Einfahrt folgende Hinweise bereit:

“Entrance can only be used between the hours of 0900 and 1400 by experienced reef pilots with a good lookout stationed in the rigging.”

“Owing to incomplete surveys around the island it is possible, that uncharted dangers exist. Mariners are advised to navigate with caution and only in good light conditions.”

Und für unsere Anfahrt herüber von Cocoa Point zusätzlich: “This area is encumbered by numerous coral heads …” There is no single course that will lead through this area. Put a man in the rigging and eyeball.”

Nun kann man “experienced reef pilot” ja naturgemäß nur werden, wenn man es probiert 🙂 , die Lichtverhältnisse stimmen, die Sonnenbrillen sind polarisiert und an die Uhrzeit halten wir uns selbstverständlich. Ich steige sogar zwischenzeitlich mal auf den Baum, aber die Kommunikation mit Wiebke ist von der Position aus (mit aufgebautem Bimini) nicht ideal. Statt “Mann im Mast” verwenden wir deshalb wieder das Auge des Satelliten. Bing hat in diesem Fall das bessere Bild als Google Earth und in der Ovitalmap-App heruntergeladen lassen sich die Korallenköpfe tatsächlich gut erkennen.

Bei der Fahrt herüber von Cocoa Point haben wir nie weniger als 7 m Wasser, müssen nur eine lang gezogene Kurve fahren, allzu schwierig ist es nicht, nur einmal lassen wir uns von etwas Bewuchs auf dem Sand irritieren und schlagen einen kleinen Haken. Erst unmittelbar vor Spanish Point messen wir einmal 3,5 m, da können wir aber auch schon längst die Muscheln in dem hellen Sand unter Flora zählen. Am Ankerplatz selbst (den wir uns zunächst mit nur zwei anderen Schiffen teilen müssen) sind es dann wieder 4 m Wassertiefe.

Und warum das Ganze? Na, zunächst mal deshalb:

Und außerdem bietet sich Spanish Point an, um von hier aus die raue Atlantikseite Barbudas zu erwandern. Wie im Westen gibt es auch hier kilometerlange Sandstrände, zudem ein paar Stücke felsige Steilküste. Anders als auf der sanften Karibikseite aber bricht sich hier die lange Dünung des Atlantiks krachend über den vorgelagerten Riffen und rollt trotzdem noch in schäumenden Wellen die Stände hinauf. Es gibt keine Hotels oder sonstigen Herbergen auf der Atlantikseite, der einzige Ort Codrington ist über die Lagune und die einzige Hauptstraße eher nach Westen, Süden und Norden angebunden. Die wirklich lesenswerte Website barbudaful.net schreibt dazu: “Nur eine Hauptstraße in verschiedenen baufälligen Zuständen führt vom Fluss im Süden zur Two Foot Bay im Norden der Insel.”

Tatsächlich treffen wir auf unserer längeren Wanderung im Osten Barbudas überwiegend am Strand entlang und auf auf einem unbefestigten Sandweg zurück durch das sonst schwer durchdringbare Inselinnere keinen einzigen Menschen.

Unschön ist, dass hinter der ersten Stranddüne Unrat sammelt, also da, wo bei stärkerem Wind die Wellen auch noch hinschlagen. Na klar, hier an der Ostküste wird mehr Müll angeschwemmt und außerdem auch nicht eingesammelt oder weg gekehrt. Auffällig dabei scheint, dass es sich hier anders als etwa auf Bildern von der Festlandküste Mittelamerikas ganz überwiegend nicht um privaten Plastik-Hausmüll handelt, sondern um irgendwie mit Fischerei verbunden Kram. Netzreste, Fragmente von Bottichen und Körben, Netzbojen und auch eine Unzahl von Ölkannistern.

Allerdings findet sich auch schönes Strandgut, etwa mit Strandschnecken besetztes Schwemmholz.

Mit etwas Sucherei finden wir eine gangbare Passage durch das Dickicht aus Gestrüpp und Kakteen zwischen dem Strand und dem ein Stück landeinwärts verlaufenden fast zugewucherten „Weg“.

Nur ein einzelner Wildesel begegnet uns auf dem Rückweg:

Was für ein Ankerplatz! Nachts können wir jetzt bei Vollmond wirklich die Beschaffenheit des Ankergrunds erkennen und von Bord aus die Ankerkette im Sand liegen sehen. Der Mond zaubert Lichtreflexe auf den Grund wie in einem Schwimmbad 😁.

Kleines Video dazu gibt’s HIER.

Deep Bay

Auf dem Weg wieder hoch nach Barbuda legen wir einen weiteren Zwischenstopp ein. In der Deep Bay hatten wir zwar im März schon einmal geankert, aber wir statten ihr gerne einen weiteren Besuch ab.

Deep Bay: gut geschützt, herrlicher Sandstrand, malerische Felskulisse.

Das Wasser zeigt sich diesmal deutlich klarer, im März hatte es zwar auch eine tolle Farbe, war aber extrem milchig, man konnte kaum 30 cm tief hineinsehen. Jetzt ist das zum Glück anders und so statten wir dem Wrack des Segelfrachters “Andes” einen näheren Besuch ab.

Die Fracht (Teer) dieser 1874 gebauten britischen Bark fing 1905 durch Selbstentzündung Feuer, die Mannschaft verließ hier in der Deep Bay das nicht mehr zu rettende Schiff. Ein Maststumpf schaut je nach Tide noch minimal aus dem hier etwa sechs Meter tiefen Wasser, der Stahlrumpf ist löchrig, aber in der Form noch gut zu erkennen. Herrlich zum Schnorcheln, zumal Korallen, Pflanzen und Fische dieses künstliche Riff gut angenommen haben.

Und was machen wir noch so?

Kekse backen. Ist schließlich 4. Advent, selbst in der Karibik 😁.

Paradies?

Die Bilder der letzten drei Posts mögen den Eindruck erwecken, Barbuda käme dem Paradies sehr nahe. Tatsächlich werden fast alle positiven Klischees der Karibik hier bedient: scheinbar endlose helle Strände, Palmen, Ankerplätze im leuchtenden Türkis. Und es ist alles andere als überfüllt.

Die Schattenseiten zeigen sich oft erst auf den zweiten Blick. Die ins Meer abrutschende Ruine des Luxushotels am Nordende des Durchbruchs in die Lagune hatte ich ja schon erwähnt und auch am Princess Diana Beach vergammeln Ruinen eines einstigen Luxushotels. Aber Sprengkraft hat nicht nur die Naturgewalt des Hurrikans bewiesen, sondern auch der verwaltungsseitige Umgang mit den Folgen.

So wurden die Bewohner Barbudas nicht etwa VOR dem Hurrikan Irma von der Insel evakuiert, sondern ganz überwiegend DANACH (!) mit dem Argument eines drohenden weiteren Hurrikans. Wer sich nicht evakuieren lassen wollte wurde verhaftet. Viele mussten ein Jahr lang auf Antigua bleiben und durften in der Zwischenzeit immer nur tageweise zurück auf ihre Heimatinsel.

Zudem wurde von der Regierung in Antigua und Barbuda der Versuch unternommen, das bis dato zumindest gewohnheitsrechtlich bestehende (und in Teilen 2007 im Barbuda Land Act auch kodifizierte) Gemeinschaftseigentum der Bewohner Barbudas am Grund und Boden dieser Insel umzuwandeln in “normales” Privateigentum. Den Locals wurde wohl angeboten, das jeweils von ihnen genutzte Grundstück für einen symbolischen Preis von einem Dollar zu kaufen, also privates Grundeigentum auf Barbuda einzuführen. Einige sehen darin den Versuch, die Naturkatastrophe als Vehikel für eine gesellschaftsrechtliche Änderung zu nutzen (“disaster capitalism”). Festgemacht wird dieser Vorwurf auch daran, dass potentielle Betreiber großer Luxushotels während der Phase der Evakuierung die Insel betreten und ihre Planungen vorantreiben durften, die dann kurz darauf mit langfristigen Erbbaurechtsverträgen abgesichert auch in die Umsetzung gingen, während die zerstörten bisherigen Hotels weiter vor sich hin rotten. Eine (umfangreiche und englische) Zusammenfassung dieser Position findet sich auf der Seite des Independent.

Ob es wirklich beabsichtigt ist, in die flache Lagune vor Codrington eine Luxusmarina für Superyachten hineinzubaggern? Ganz sicher würde das nicht nur den Charakter Barbudas verändern, sondern auch einen empfindlichen Eingriff in diese riesige Kinderstube für Fische, Lobster und Fregattvögel bedeuten.

Letzteren statten wir im „Frigate Bird Sanctuary“ gemeinsam mit Annemarie und Volker und geführt von dem lokalen Fischer Salomon einen Besuch ab. Es ist das größte Schutz- und Brutgebiet dieser beeindruckenden Vögel in der westlichen Hemisphäre. Tatsächlich ziehen die ihren roten Kehlsack aufblasenden Männchen nach erfolgter Balz und und ein wenig Beteiligung an der Aufzucht in der Zeit von September bis April weiter nach Galapagos, während die (an der weißen Brust erkennbaren) Weibchen hier bleiben (weißer Kopf übrigens Jungvogel).

Wir waren im Frühjahr schon einmal hier, gegen Ende der Balz, die Brut war schon im vollen Gange, einige Küken schon geschlüpft. Gefühlt waren diesmal mehr Männchen da.

Und die Fregattvögel sind nicht nur toll anzuschauen, es sind auch ohnehin faszinierende Tiere, selbst wenn sie nicht am dritten Advent wie rote Weihnachtsbaumkugeln aus dem Grün leuchten 😉. Sie sind im Verhältnis zur Körpergröße leichter als jeder andere Vogel, zumal ihre Knochen zu einem großen Teil luftgefüllte Kammern enthalten. Und sie sind beeindruckend groß, können über 2,4 m Flügelspannweite erreichen. Dies und ihre Wendigkeit im Flug nutzen sie, um anderen Vögeln im Flug deren Beute abspenstig zu machen, die sie dann im Sturzflug meist noch vor der Wasseroberfläche auffangen. Das machen sie nicht nur gerne z.B. mit den kleineren Tropikvögeln, das Verhalten ist sogar schon gegenüber Fischadlern beobachtet worden, mit denen sich sonst außer den Seeadlern kaum jemand anlegt. Und noch eine Besonderheit: Fregattvögel können in der Luft „schlafen“, bei einem gechipten Fregattvogel wurde von Wissenschaftlern eine Dauerflugzeit von 4 Monaten beobachtet.

So gesehen ist es schön, dass diese Prachtexemplare hier auf den Mangroveninseln im Norden der großen Lagune auf Barbuda ihr Vogel-Paradies haben, selbst wenn es vom Hurrikan Irma gerupft und zeitweise entlaubt wurde, es hat bisher jedenfalls weiter Bestand.

Einsamer Strand

So sieht’s aus. Low Bay, an der Westseite von Barbuda. Zumindest in Corona-Zeiten kann es Mitte Dezember passieren, dass sich kein anderes Schiff hierher an den wunderbaren, steil aus dem türkisfarbenen Wasser aufsteigenden feinsandigen Strand südlich der Lagunenpassage verirrt. Im Frühjahr hatten wir hier nördlich des Durchbruchs geankert, aber die halbverfallene und langsam ins Wasser abrutschende Hotelruine dort schlägt doch ein bisschen auf die Stimmung.

Am 6. September 2017 zog der Kategorie-5-Hurrikan “Irma” mit etwa 300 km/h genau über Barbuda, zerstörte 95 Prozent der Gebäude. Zudem riss er hier ein Loch in die schmale Nehrung, die die Codrington Lagune bis dahin nach Westen hin abschloss. Sämtliche Einwohner der Insel wurden damals nach Antigua evakuiert, viele kamen erst Monate später zurück auf die Insel (wenn überhaupt, noch nach einem halben Jahr war es weniger als ein Drittel der ursprünglichen Bewohner).

Es ist nicht das erste Mal, dass ein Hurrikan der flachen Lagune einen zusätzlichen Meerwasserzugang verschafft. Und wie bisher immer, wird sich wohl auch diese Lücke irgendwann wieder auf natürliche Weise schließen. Derzeit ist aber die Passage mit flach gehenden Fischerbooten oder Dinghys möglich. Allerdings steht häufig eine konfuse Welle über dem größten Teil des Eingangs, es sieht in der Enge trotz sonst eher ruhigem Wetter auch heute durchaus beeindruckend aus:

Wir beschränken uns da lieber darauf, mit den Paddelboards auf die sogar mit ein paar Palmen bestandene Landzunge zu fahren und den Strand der Halbinsel zu erkunden, die karibischen Farben und die Blicke hinüber zu unserer Flora auszukosten.

Am Abend kommt dann die Escape an den Ankerplatz, mit Annemarie und Volker verbringen wir wieder mal einen schönen Abend, diesmal auf der Flora.

Warum Barbuda?

Warum segelt eigentlich irgendwer nach Barbuda? Das habe ich mich beim ersten Blick auf die Seekarte gefragt. Die rund 24 km lange und 14 km breite Insel ist überwiegend flach (höchster “Berg” 42 m!), hat mit Codrington nur einen einzigen, ausweislich des Revierführers aber nicht sehenswerten Ort sowie insgesamt deutlich unter 2.000 Einwohner. Es gibt viele Flachs und Riffe, aber keine richtig gut geschützten tief einschneidenden Ankerbuchten, Häfen sowieso nicht. Man ist auf Ostwinde (die aber ja auch vorherrschen) angewiesen, um einigermaßen gut und schwellarm zu liegen.

Also warum?

Zum Beispiel darum:

Und nein, wir waren auf unserem langen Strandspaziergang nicht ganz alleine. Wir haben tatsächlich EINE andere Seglercrew getroffen.