Flora hängt in den Seilen. Naja, eher in den Gurten, ICH hänge in den Seilen wie ein angeschlagener Boxer. Schon Tage vor dem Krantermin. Es fühlt sich einfach falsch an, das Boot für etwas vorzubereiten, das seiner Bestimmung so komplett widerspricht. Es ist für Wiebke sicher nicht einfach, mit dem muffeligen, antriebslosen Kerl umzugehen, in den ich mich zu solchen Zeiten verwandle.
Ein Segelboot gehört ins Wasser! An Land aufgebockt, herausgerissen aus dem Element für das es gemacht ist, erscheint es im Wortsinn deplatziert, verliert es einen großen Teil seiner Eleganz, wirkt unförmig groß, durch die abgeschlagenen Segel gleichsam amputiert, stützt sich wie auf fremden Krücken ab. Außer Betrieb, gefesselt an ein Gestänge, dass wie ein Gefängnis für den Kiel wirkt. Und dann diese unpraktische Höhe. Man braucht eine wackelige Leiter, um an Deck zu gelangen, die Taschen mit den Klamotten können wir nicht von Bord stellen, sondern seilen sie von oben ab. Die Waschbecken und erst recht die WCs können nicht mehr benutzt werden, Arbeiten an Bord sollten idealerweise vorher erledigt sein.
Lange vorher (in meiner Muffelphase) beginnt deshalb die Vorbereitung. Listen mit zu erledigenden Sachen aktualisieren, putzen, Segel abschlagen, putzen, Schapps und Lebensmittelvorräte durchsehen, aufräumen oder leeren, Müll wegbringen, putzen, putzen, putzen, Watermaker konservieren, putzen, Schwarzwassertanks leeren, spülen, wieder leeren, Cover für Dinghy, Außenborder, Steuerrad und Luken raussuchen und montieren, putzen, mit Handwerkern abstimmen, putzen, unser altes Dinghy aufs Vorschiff wuchten, putzen, festzurren.
Hier in Herrington Harbour North bekommen wir keinen präzisen Krantermin, sondern sind für diese Woche “on the list”. Ziemlich weit oben offenbar, denn gleich Dienstag früh (Montag war ja wegen des Feiertags am Sonntag frei) kommt ein Hafenboot und will uns zu einem der drei Travellifte bringen. Da sind wir noch nicht fertig, die Handwerker haben sich verspätet und die Klimaanlage muss im Wasser geprüft werden. Grr. Dadurch rutschen wir ans Ende der Liste. Außerdem ist bei unserem Tiefgang auch die Tide zu berücksichtigen, damit die Krangurte möglichst nicht durch den Hafenschlamm gezogen werden müssen.
Immerhin findet der Mechaniker einen Fehler in der hinteren Klimaanlage, das ist die kleine für die Achterkoje in der wir schlafen. Normalerweise kommt die Klimaanlage bei uns kaum zum Einsatz, sie läuft nur über den Generator oder über Landstrom im Hafen und in Marinas sind wir selten (zuletzt in Antigua wegen kleinerer Reparaturarbeiten). Gerade jetzt aber wäre sie fein, denn es sind diese Tage tagsüber 35 bis 36 Grad und nachts immer noch 28, am Abend hier im Hafen wenig Wind, die Luft steht, da wird es dann kuschelig unter Deck. Leider steigt während der Fehlersuche plötzlich auch die vordere Anlage aus, aber dort hat nur eine versteckt eingebaute zusätzliche Glassicherung ausgelöst und so können wir das Boot vor dem Schlafengehen doch noch herunterkühlen. Die “Aircondition” hätten wir als Extra nicht geordert, unser Vorbesitzer hat sie aber nachträglich eingebauten lassen. An solchen Tagen wie heute (oder wenn man häufig in Marinas wäre) ist sie zwar angenehm, auch weil sie die Luft entfeuchtet, sie beansprucht allerdings durch die installierte Technik und die luftführenden Schläuche auch ziemlich viel wertvollen Stauraum und ist eben wartungs- und reparaturanfällig. Bei den aktuellen Bedingungen sind wir allerdings froh und dankbar, das wenigstens der vordere Teil funktioniert 😌.
So falsch es sich anfühlt, Flora an Land zu stellen, so richtig fühlt es sich an, nach über zwei Jahren wieder einmal Familie und Freunde in Deutschland zu besuchen 😁 (und ein bisschen Organisationskram zu erledigen, wie Steuererklärung und neue Kreditkarten).
Erst mal hier in den USA noch die zweite Impfung und dann kriegen wir hoffentlich auch einen Flug. Die Planung für den Rückflug zur Flora gestaltet sich derzeit noch etwas schwierig, weil eine direkte Einreise aus Europa in die USA für uns immer noch nicht zulässig ist und wir wahrscheinlich zwei Wochen „Zwischenstation“ in einem außereuropäischen Land einschieben müssen. Vielleicht ziehen wir die für nächsten Winter eigentlich von der Flora aus vorgesehenen Landausflüge in Mexiko für diesen Zweck einfach vor 😎.
Die Bilder sind vom letzten Herausnehmen hier in Herrington. Nachdem wir heute den ganzen Tag gewartet haben, haben ihr es am Ende doch nur bis in die Gasse vor den Travelliften geschafft und Flora soll morgen früh als erste gekrant werden. Ohne uns (wir können da eh nichts machen), unsere Freunde Greg und Michael haben uns abgeholt, wir sind jetzt bei ihnen in Washington. 😁
Mit unserem Außenbordmotor haben wir uns ja schon etwas länger rumgeärgert. Schlechtes Anspringen (insbesondere halbwarm), von Wiebke gar nicht zu starten, unrunder Lauf, Ausgehen bei Standgas (selbst wenn es schon so hochgedreht war, das das Dinghy beim Gangeinlegen erst mal einen Hüpfer machte). Grrrr. Der Service durch einen Techniker letztes Jahr brachte kaum Besserung, der neue Vergaser nur eine gewisse Linderung der Symptome.
Hilft nix, ein neuer soll her. Und wo wir schon dabei sind, das etwas überdimensionierte 340er Dinghy mit seinem Luftboden und seiner PVC-Hülle würden wir auch gerne durch ein 310er (Länge in Zentimetern) mit robustem Aluminiumboden und UV-beständigeren Hypalonschläuchen ersetzen, idealerweise mit einem festen Staukasten im Bug. Der dient als bequemer Tritt beim Einstieg, lässt den Tank, das Kabel zum Anschließen und die in den USA obligatorischen Rettungswesten verschwinden und von dort aus wird der Benzinschlauch zwischen dem doppelten Aluboden nach hinten zum Motor geführt. So stellen wir uns das jedenfalls vor.
Die erste Internetrecherche ist allerdings ernüchternd. Fast überall heißt es „derzeit nicht verfügbar“. Beim Spaziergang durch Eastport (auf der Südseite des Hafenbeckens von Annapolis und durch eine Klappbrücke verbunden) finden wir an einem Hinterhof das Schild „Annapolis Inflatables“ und schauen dort hinein. Tatsächlich verbirgt sich hinter dem unscheinbaren Eingang ein ganz veritabler Showroom mit diversen Dinghys (leider fast alle mit „verkauft“-Schild) und sogar auch einigen Motoren. Schon länger bestellte Außenborder sind angekommen, noch verpackt stehen sie in der Ecke. Und wir haben Glück, ein 20 PS Tohatsu ist dabei und noch nicht verkauft, da werden wir uns schnell handelseinig.
Bei den Dhinghys können wir die von uns favorisierten Marken „AB“ und „Highfield“, außerdem „Achilles“ direkt vergleichen. Ein 310er Highfield gefällt uns am besten, allerdings steht der Käufername schon dran. Weitere sind aber bestellt und sollten spätestens im September kommen. Nach etwas Hin und Her in den folgenden Tagen ergibt sich, dass wir ein (anderes) bestelltes 310er Highfield bekommen können, der Käufer hat es mit einem Suzuki-Motor bestellt, die Lieferung des Motors verzögert sich. Der Ladenbesitzer erklärt uns, er könne derzeit weit mehr Dinghys und Motoren verkaufen, als er beschaffen kann – COVID-bedingter Run auf den Wassersport und COVID-bedingte Lieferknappheit seien eine blöde Kombination.
In Zahlung nimmt er unsere Florecita und den Honda leider nicht, und so wandert der Honda auf die Halterung am Heckkorb, Florecita wird geschleppt. Der Nachbarlieger unkt „It’s always good to have a spare.“
Wir hoffen aber, die beiden Sachen über Ebay oder Facebook Marketplace bald loszuwerden.
In Annapolis wird es voll, die freien Bojen werden schon mit Paddleboards und Dinghys reserviert. Ein paar historische Segelschiffe kommen herein und drehen eine Ehrenrunde durch das Hafenbecken. Sie haben eine US-Nationalflagge mit nur 13 (statt der heute 50) Sternen gehisst, die „Betsy-Ross-Flagge“. Betsy soll im Juni 1776 diese erste US-Nationalflagge nach einer Zeichnung von George Washington genäht haben, was aber historisch umstritten ist. Jedenfalls kamen ursprünglich für jeden weiteren Staat der Vereinigten Staaten ein Streifen und ein Stern dazu, bis der Kongress 1818 beschloss, die Zahl der Streifen auf 13 (Zahl der Gründerstaaten) zu beschränken und jeweils am 4. Juli nach dem Beitritt eines weiteren Staates einen Stern hinzuzufügen, so dass die Zahl der Sterne der aktuellen Zahl der Bundesstaaten entspricht. Zuletzt wurden am 4.Juli 1960 zwei Sterne hinzugefügt, nachdem Alaska und Hawaii 1959 zu weiteren Bundesstaaten erklärt worden waren.
Zu den Feiern am amerikanischen Unabhängigkeitstag bleiben wir nicht mehr in Annapolis, sondern segeln schon hinunter nach Herrington. Am 4. Juli gibt’s auch hier Feuerwerk, wenn auch kleiner und ohne Umzüge auf den Straßen. Macht nichts. Wir müssen die Flora vorbereiten, schließlich soll sie in der nächsten Woche an Land gestellt werden. Nicht am 5. Juli, da ist hier Ruhetag. Wenn ein Feiertag (4. Juli) auf ein Wochenende fällt, wird dafür der folgende Montag frei 😎.
Aber halt an einem der darauf folgenden Tage, also putzen wir, räumen auf, geben den uns besuchenden Greg und Michael Sachen mit (im Gegenzug zu den bei ihnen angelieferten Amazon-Paketen), schlagen schon mal die Segel ab. Letzteres funktioniert besser als gedacht. Den Code0 können wir auf dem Weg nach Herrington trockensegeln, er war bei dem Gewitter in seiner Tasche am Seezaun doch ganz schön geflutet worden. Die Fock flutscht gut herunter und beim Großsegel bekommen wir die 5 langen Segellatten (die längste ist über 15 m) mit wenig Fummelei heraus und können das Segel auf dem Steg ordentlich zusammenfalten.
Knapp zwei Jahre alt, hat aber schon deutlich über 10.000 Seemeilen auf dem Buckel. Wir finden, das Großsegel sieht dafür noch gut aus, wollen es aber trotzdem beim Segelmacher auf kleinere Beschädigungen durchsehen lassen. Bei der Fock finden wir ein paar Macken, insbesondere im UV-Schutz und an den Lieken. Besser jetzt reparieren lassen, bevor sich größere Schäden entwickeln.
Zur Feier des Tages fahren wir am Abend des 4. mit dem neuen Dinghy raus aus dem Hafen in die Bucht und genießen das rundherum in den Himmel steigende Feuerwerk 🎇 über der Herrington Bay.
Wir liegen immer noch im Spa Creek an einer Mooringboje, quasi im Stadthafen von Annapolis. Das ist ideal, um in der Einkaufsstraße bummeln zu gehen (machen wir), um in einem der vielen Restaurants Essen zu gehen (machen wir auch) und um in dieser selbsternannten “Sailing Capital” die maritime Infrastruktur zu nutzen (machen wir natürlich auch).
Aber heute beschert Annapolis uns darüber hinaus etwas Unerwartetes. Auf meinem Handy (mit amerikanischer SIM) ploppt unvermittelt eine Warnung auf: „Tornado Warning ⚠️… (für unseren Landkreis hier) … , severe weather, … seek shelter.“ Wer verschickt das, wieso an uns, wir haben uns nirgends dafür angemeldet? Ist das echt, müssen wir das ernst nehmen? Im normalen Wetterbericht war für heute Nachmittag zwar Regen angekündigt, auch Gewitter, aber so was? Hm, immerhin sind wir an Bord. Während wir noch rätseln verdunkelt sich der Himmel, Wind ist aber kaum.
Dann geht alles ganz schnell.
Eine schnell ziehende Wolkenwand rauscht heran und Sekunden später kommt der Regen schon waagerecht.
Die Sicht ist weg, Blitze zucken und der Wind ist stürmisch, in der Spitze messen wir 43 kn, Windstärke 9, also Sturm. Meist bleibt es aber bei 8 (stürmischer Wind). Wie das bei uns hier an der Boje in Annapolis aussieht, könnt ihr auf unserem Video ein bisschen miterleben.
Bruch gibt’s zum Glück keinen, weder bei uns noch (soweit wir das sehen) auf den anderen Booten an den Bojen hier. Selbst unser aufgebautes Bimini mit seinem schon etwas angeschlagenen Stoff übersteht es gut.
Und einen Tornado erleben wir zum Glück auch nicht.
Die erste Hauptstadt der Vereinigten Staaten (wenn auch nur für neun Monate direkt nach Ende des Unabhängigkeitskrieges 1784) ist heute noch die Hauptstadt des Staates Maryland. Gleichwohl, Annapolis hat nur etwa 40.000 Einwohner, eine beschauliche pittoreske Kleinstadt mit historischem Stadtkern.
Sie beherbergt aber auch die Marineakademie der US Navy mit etwa 4.000 Kadetten, die mit ihren weißen Uniformen im Stadtbild sehr präsent sind. Wohlgemerkt: nur die Kadetten. Die Kriegsschiffe selbst dagegen liegen hauptsächlich in der großen US-Marinebasis in Norfolk im Süden der Chesapeake Bay.
Die vielen Häfen in und um Annapolis dienen dagegen der Freizeitschschifffahrt. Segelboote, von Jollen bis zu großen Yachten prägen das Bild, zumal die in den Ort hineinragenden Creeks gespickt sind mit Bojen, Ankerplätzen und Stegen vor den schmucken Häusern an den unzähligen Wassergrundstücken. Darauf nimmt auch der inoffizielle Spitzname der Hauptstadt Marylands wortspielerisch Bezug: “Sailing Capital”.
Und Annapolis zeigt sich wirklich seglerfreundlich. Da ist z.B. der gut geschützte Stadthafen mit seinen recht günstigen Bojenplätzen (35 $ pro Nacht), für kleinere Boote und weiter hinein in den Creek hinter der Klappbrücke gibt es günstigere Bojen. Außerdem gilt in Annapolis die Regel, dass jede am Wasser endende Straße ein Dinghydock aufweisen soll, ungewöhnlich für die USA und sehr cruiserfreundlich. Auch die Service- und Zubehörangebote für die Segler sind vielfältig, was uns verleitet, uns doch mal nach einem neuen Außenborder und vielleicht sogar einem neuen Dinghy (dann mit Festboden und aus Hypalon) umzusehen. Mal sehen ☺️.
Am Ankerplatz Delfine sehen, das hatten wir schon in Beaufort. Und auch in Deltaville zieht am Abend eine Schule Delfine eine Runde. Um die Flora herum und dicht am Ufer entlang, in aller Ruhe und scheinbar ohne von den Ankerliegern Notiz zu nehmen.
Am nächsten Abend ist es anders. Kein Schnaufen beim Atomholen, kein auftauchender Rücken. Trotzdem Flossen an der Wasseroberfläche, die sich diesmal direkt auf die Flora zu bewegen.
Ziemlich dicht bei einander, meist paarweise auftauchend, immer nur die Flossen. Was ist das?
Bis zu fünf Flossen sehen wir gleichzeitig, in kreisenden Bewegungen nähern sie sich unserem Boot. Trotz der fast glatten Wasseroberfläche können wir nicht viel erkennen, zu trübe ist das dunkle Wasser. Ab und zu gibt’s ein bisschen Geplansche, dann geht das Kreisen von vorn los. Erst als sie schon ganz nahe sind, erkennen wir von oben, was sich da tut:
Rochen. Ein großer vorneweg, mehrere kleine hinterher. Sieht fast aus wie Schwimmunterricht, ist aber vermutlich etwas anderes 😉. Es sind Kuhnasenrochen (cownose ray), das größere Weibchen schwimmt vorn, die Männchen sind etwas kleiner. Und das Herausstrecken der Flügelspitzen gehört tatsächlich zum Paarungsritual.
Da sind die für die Chesapeake Bay so typischen Fischadler (Osprey) schon um einiges weiter. Der Nachwuchs macht bereits ordentlich Lärm in den Nestern und die Eltern haben reichlich zu tun, um die hungrigen Schnäbel zu stopfen.
Aber sie sind sehr erfolgreich, obwohl es reichlich Konkurrenz gibt. Nicht nur aus dem eigenen Lager, sondern auch von den ebenfalls zahlreich vorhanden anderen auf Fischfang spezialisierten Vögeln.
Sieht auf den ersten Blick wie eine Ansammlung von Kormoranen aus. Aber auch Pelikane, Fischadler, Möve und Seeschwalbe verstecken sich im Bild.
Wie die Adler es anstellen, an flachen Stellen in der trüben Brühe der Chesapeake Bay sogar Plattfische vom Grund zu holen ist um so mehr erstaunlich und bewundernswert.
Um so schöner, dass wir sie an allen bisherigen Ankerplätzen beobachten konnten, egal, ob es stärker bebaute Ufer mit viele Häusern gab (etwa in Solomon’s) oder idyllisch eher abgelegen war (wie z.B. im Mill Creek am Wicomico River, einem unserer Lieblingsankerplätze hier:
… leben wir jetzt auf der Flora. Unfassbar viele Erfahrungen und Begegnungen, bei weitem übertroffene Erwartungen, Überraschungen, Aha-Erlebnisse und Genussmomente.
Insgesamt haben wir in dieser Zeit mit dem Boot 14.471 sm zurückgelegt. 8.846 sm waren es im ersten Jahr, von Griechenland quer durchs Mittelmeer, über Madeira, die Kanaren, die Kapverden, dann die Atlantiküberquerung, der Antillenbogens, die USVI und dann die Ankunft in der Chesapeake Bay in den USA. 🇬🇷 🇮🇹 🇪🇸 🇬🇮🇵🇹 🇮🇨 🇨🇻🇻🇨🇬🇩🇱🇨🇲🇶🇩🇲🇬🇵🇦🇬🇻🇮🇧🇸🇺🇸. Viele neue Länder und Regionen in Floras Kielwasser, viele verschiedene Gastlandsflaggen, die erstmals unter Floras Steuerbordsaling flatterten.
Jetzt in unserem zweiten Langfahrerjahr waren es “nur”5.625 sm und neben bereits besuchten “nur” drei neue Länder: 🇸🇽🇵🇷🇩🇴. Waren wir reisefaul 🙄? Nö, eher nicht 😁. Zum einen entspricht diese Strecke ziemlich genau der Entfernung (Luftlinie) zwischen Deutschland und Singapur, sooo wenig war es dann also auch wieder nicht. Vor allem aber geht es uns ja nicht darum, irgendwelche Rekordweiten zu erzielen oder möglichst viele Stempel in den Pass zu bekommen, sondern um das Erleben, das nähere Kennenlernen. Von Orten, noch viel mehr aber (und noch wichtiger) von Menschen. Und da war auch dieses zweite “Liveaboard”-Jahr ausgesprochen erfüllend. Einige Highlights unter vielen:
Es beginnt schon gleich im Juli, unsere Freunde Greg und Michael aus Washington kommen zu uns an Bord und begleiten uns für die nächsten gut zwei Monate. Gemeinsam erleben wir die Gänsehautmomente, direkt an der Freiheitsstatue in New York zu segeln und zu ankern.
Und viele weitere. Mit den beiden segeln wir durch den Big Apple hindurch in den Long Island Sound und weiter die US-Ostküste hinauf in die Neu-England-Staaten bis nach Maine an der kanadischen Grenze. Treffen zwischendurch mit Annemarie und Volker von der Escape oder Helena und Steve von der Amalia “alte” Freunde, lernen dazu neue kennen, genießen wunderbare Gastfreundschaft und traumhafte Landschaften, urige Orte und Lobster satt (mit dem wir uns für das erfolgreiche Umfahren der vielen Lobsterpots belohnen😜).
Der Sommer in Maine verwöhnt uns auch wettertechnisch, trotzdem beschert uns dieser Ausflug in den Norden ein wenig Frische und das Gefühl von Jahreszeiten. Auch das ein Luxus in den inzwischen zwei Jahren Dauersommer.
Über Cape Cod, Martha’s Vineyard und Nantucket, wo wir wieder einmal großzügige amerikanische Gastfreundschaft genießen dürfen, geht es dann zurück in den fast schon herbstlichen Spätsommer der Chesapeake Bay. Eine unglaublich intensive Zeit.
Auf eine ganz andere Art intensiv ist dann im November die Passage zurück in die Karibik. Hatten wir mit unserer Route in den Norden den in Rekordzahl aufgetretenen Hurrikans und tropischen Stürmen gut aus dem Weg gehen können, verbauen uns jetzt die Ausläufer der letzten (schon lange mit griechischen Buchstaben benannten) Stürme den Weg in die Bahamas. Wir planen kurzfristig um und machen uns mit 35 anderen Booten der “Salty Dawg” auf den Weg nach Antigua. Das alleine ist ein Seestück von über 1.700 sm. Wir benötigen dafür 10 Tage, fast immer hoch am kräftigen Wind segelnd, bei viel Welle. Es ist unsere bisher anstrengendste Passage, deutlich kräftezehrender als die Atlantiküberquerung im Jahr zuvor. Aber es ist angenehm, bei diesen Bedingungen eigentlich immer andere Segler in UKW- und AIS-Reichweite zu haben. Das schweißt zusammen, wie sich dann in English Harbour zeigt, wo die Salty Dawg Boote den Kai zunächst fast exclusiv für sich haben und eine enge Gemeinschaft formen. Nicht mit allen Schiffen, aber eben doch mit einigen. Auch hier haben wir wunderbare Freundschaften geknüpft, die trotz dann wieder getrennter Wege fortbestehen. Tropicool, Helacious, Kalli, Skylark, Fatjax, Landscape und noch einige mehr. Auch Kontakte vom letzten Jahr leben wieder auf, so z.B. mit Andrea und Kai von der Silence in der Nonsuch Bay, der vierköpfigen Crew der Alisara, Luise und Brent von der Knot Safety aus der Carlisle Bay Corona Group oder (später) Karen und Steve von der Second Chance aus der gleichen Gruppe. Neue kommen dazu. So verbringen wir wieder zweieinhalb Monate auf Antigua und Barbuda und wieder ist es wunderbar.
Ein Wohlfühlen-Weihnachten auf Barbuda mit den Crews der Gerty, der Escape, der San Giulio und der Oroboro und den Feiern bei Inoch am Strand, Silvester mit der Escape im kleinen Kreis nicht weniger schön, mit den beiden machen wir auch in der Folge noch vieles gemeinsam.
Als es dann für uns weitergeht, nutzen wir Sint Martin nur als kurze Zwischenstation und segeln schon eine Woche später nach Culebra in den Spanish Virgin Islands. Ein Traum.
Mit Heike und Jürgen von der Valentin erkunden wir Culebra, mit den Salty Dawg Kim und Chuck von der La Rive Nord die kleine Schwesterinsel Culebrita und später auch noch Vieques. Da kommen dann auch Andrea und Ingo von der Easy-One extra aus Curaçao hoch (kein angenehmer Törn), um wie im letzten Jahr mit uns Andreas Geburtstag zu feiern. Wir freuen uns bolle. Mit den beiden werden wir (was wir jetzt noch nicht wissen) die nächsten vier Monate Buddyboating und auch gemeinsame Landausflüge machen, in Puerto Rico z.B. in die faszinierende Hauptstadt San Juan und in den El Yunque Nationalwald.
Und so segeln wir eben auch gemeinsam nach Samaná in der Dominikanischen Republik. Als Törnziel für uns eine der großen Unbekannten, erweist sich unser Aufenthalt dort als ein weiteres Highlight dieser Saison. Keines unserer angelesenen Vorurteile wird bestätigt, statt dessen empfangen uns auf der Anreise Buckelwale und dann freundliche Menschen in dieser pulsierenden, lauten, bunten lebendigen Stadt.
Und auch das Hinterland begeistert, erst recht der in der großen Bucht gegenüberliegende Los Haitises Nationalpark. Hier, wie schon am Ankerplatz in Santa Bárbara de Samaná treffen wir Martina und Daniel mit ihrer Vairea wieder, die wir zuletzt im vorigen Jahr auf den USVI gesehen hatten. Die Freude ist groß.
Ein Schwerpunkt dieser Saison schließt sich an, die Bahamas. Im letzten Jahr konnten wir wegen COVID nur auf „Innocent Passage“ durchreisen, durften zwar ein paar mal ankern, aber nicht an Land gehen. Um so intensiver erkunden wir in diesem Jahr die Bahamas, bleiben dort gut zweieinhalb Monate und können trotzdem nur 30 Inseln und damit nur einen kleinen Teil der vielen Eilande besuchen. Über Great Inagua und das wunderbare Hogsty Reef geht es nach Acklins, wo uns die Südafrikaner Amy und Hylt auf ihrem Katamaran an das Jig-Fischen heranführen.
In den Ragged Islands treffen wir Helena und Steve mit Floras Schwesterschiff Amalia wieder, außerdem Stefan und Dorothee von der Invia. Und wir lernen einige neue Crews und auch neue Beschäftigungen kennen. Etwa das Anlegen von Pfaden auf diesen unwegsamen Inseln oder das Spearfishing. Die Geselligkeit der Cruiser bündelt sich am „Hog Cay Yacht Club“, unerwartet auf einer unbewohnten Insel!
In den Raggeds treffen wir außerdem erstmals auf „Blue Holes“ und das gleich in ganz verschiedenen Größen, Tiefen und Ausprägungen. Mal an Land gelegen und eher grün, mal zum Drübersegeln und dunkelblau aus dem typischen Türkis der Bahamas herausleuchtend, öfters als interessante und gern genommene Schnorchelziele.
Überhaupt, dieses türkisfarben leuchtende kristallklare Wasser.
Dazu reichlich unbewohnte Inseln, auf denen wir manchmal im Team Kokosnüsse ernten und verarbeiten.
Auf Long Island treffen wir die Vairea und die Invia wieder, dazu die Akka (vom letzten Jahr aus Deltaville) und erstmals die Lille Venn, die wir bisher nur über die sozialen Medien kannten und ein paar Mal knapp verpasst haben.
In den Exumas dann erneut die Amalia. Hört sich an, als würden wir nur im eigenen Saft der Cruiser schmoren? Das macht sicher einen großen Teil aus, weil man sich eben oft mehrfach trifft, sich trennt, wieder trifft, Gemeinsames erlebt, es ist aber eben auch nicht alles. Ein schönes Beispiel erleben wir auf Little Farmers Cay, der Nachmittag mit Jasmine und Isryel und die spontane Tanzperformance auf der Terrasse des Restaurants seines Großvaters hauen uns schlicht um.
Überhaupt machen uns die Exumas auch viel Spaß, obwohl sie touristischer und “voller” sind als die abgelegenen Raggeds. Wirklich voll erleben wir es nie, was sicher auch COVID und der dadurch verringerten Zahl von Charterern und dem völligen Fehlen von Kreuzfahrern geschuldet/gedankt ist. Die schwimmenden Schweine werden inzwischen auf anderen Inseln als Attraktion kopiert, es gibt tolle Höhlen und Flugzeugwracks zum Schnorcheln.
Und es gibt eine unfassbar schöne Landschaft mit Farben, an denen wir uns nicht sattsehen können:
Aber auch hier ist es das Miteinander, was dem Ganzen die Krone aufsetzt. In Shroud Cay findet zusammen: mit Natalja und Jochen von der Caroline haben wir schon länger online Kontakt, die schweizer Jollity mit Leonie, Jonas und Jonathan kennen wir aus Samaná, Mareike mit ihrer Moana hat letztes Jahr im Lockdown mit uns vor Jolly Harbour und später in der Carlisle Bay gelegen, Janna und Ilja haben wir auf Rudder Cut Cay kennengelernt und Andrea und Ingo ja schon letztes Jahr in Martinique. Anya und Rob von der etwas abseits ankernden Ronya hatten die Deutsche Tauchschule auf Key Largo, in der Wiebke und ich vor Jahren den AOWD-Tauchschein gemacht haben. Die Welt ist ein Dorf! Und manchmal ist das auch ganz gut so.
Da ist es dann fast schon müßig zu erwähnen, dass wir an unserem ersten Ankerplatz zurück in den USA die Vairea und die Tropicool vorfinden, die Jollity kommt etwas später an. Und die Escape holt uns zu unserer großen Freude auf dem nächsten Ankerplatz am Cape Lookout ein 😁.
Eine Aufzählung von Treffen, o.k.
Aber das Entscheidende ist natürlich nicht die Menge, die Anzahl, sondern der intensive Austausch, das gemeinsame Erleben, die Bereicherung durch die unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven. Manchmal über das Seglerische, manchmal über ganz Persönliches.
In einem Jahr, in dem COVID an so vielen Stellen Kontaktbeschränkungen mit sich brachte, freuen wir uns darüber ganz besonders. Für uns Segler in den USA und der Karibik war Reisen möglich, nicht überall, vielfach mit zum Teil mehrfachen PCR-Tests und ein paar Formalismen, aber es war möglich. Und die Segler unter sich (jedenfalls auf den einsameren Inseln), zumal wenn frisch getestet oder aus der (seglerischen) Quarantäne, zum Teil bereits durchgeimpft, praktisch immer im Freien, schienen ein relativ geringes Risiko zu sein.
Übrigens, auch wenn sich das in der knappen Zusammenschau eines ganzen Jahres nicht so anhört, Zeit genug für uns allein hatten wir auch.
Und weil ich mit den ganzen tierischen Highlights den Beitrag jetzt echt sprengen würde, hier nur ein einziges Foto als Stellvertreter für die unfassbar vielen wunderbaren Naturerlebnisse:
Ich glaub, es geht schon wieder los (o.k., der Schlagerabend zum Abschied von der Crew der Easy-One sitzt mir noch in den Knochen). Aber tatsächlich kündigt sich nach der heftigen letztjährigen Saison die neue und als wiederum überdurchschnittlich prognostizierte Hurrikansaison langsam an, schon der dritte Tropensturm wurde benannt: Claudette. Der Landfall war war weit entfernt an der Südküste der USA und er richtete in Luisiana, Mississippi, Alabama und Teilen Floridas Unheil an, aber die Überbleibsel ziehen auch hier in der Chesapeake Bay vorbei.
Zunächst mal wird es nur etwas grau, aber wir verlassen trotzdem die Mobjack Bay und nutzen die Zeit vor dem Durchzug der Front und dem damit verbundenen Windsprung dazu, uns etwas weiter nach Norden in die Fishing Bay vor Deltaville zu verholen. Die Ausfahrt von unserem Ankerplatz im East River bei Mathews macht einmal mehr deutlich, wie weit verbreitet die Fischadler hier sind. Buchstäblich auf mindestens jedem zweiten Seezeichen hier brüten diese majestätischen Greifvögel derzeit und lassen sich dabei auch von dem Boot der ihren Bruterfolg überwachenden Biologen nur kurzzeitig aufschrecken:
Mathews hat uns wieder gut gefallen, anders als letztes Jahr passen wir dieses Mal auch die Dinghyfahrt in den Ort gut an die Tide an, erwischen wirklich die Zeit um Hochwasser und müssen deshalb nicht das letzte Stück durch den Schlamm staken. Neben dem Einkauf im FoodLion bleibt uns noch Zeit für ein Sandwich im urigen lokalen Diner und einen kleinen Rundgang durch das Örtchen. Eines fällt besonders auf: der in den USA ohnehin üppige Flaggenschmuck mit den „Stars and Strips“ wird hier noch einmal getopt:
Auf einer Wiese im Ortskern wehen die Flaggen dicht an dicht. Nun ist das Verhältnis der meisten US-Amerikaner zu ihrer Flagge ohnehin von einem starken Patriotismus geprägt. Flaggen wehen an vielen Häusern, nicht nur zu nationalen Festtagen. Das muss nicht zwingen in Nationalismus gesteigert sein, die ausgedrückte Liebe zum eigenen Land also nicht in Geringschätzung anderer Länder umgeschlagen sein, aber es wirkt auf uns trotzdem erst einmal etwas fremd. Und die Erklärung auf einem am Rand angebrachten Schild wirkt denn auch ziemlich pathetisch: Flags for Heroes, Flaggen für Helden. Wir erfahren, dass der örtliche Rotary Club hier von Sponsoren bezahlte Flaggen aufstellt, ein kleiner Sticker an jeder Flagge benennt den Sponsor und denjenigen, der für ihn eben ein „Held“ ist. Auf den ersten Schildern lesen wir mehrere Army- oder Navymitglieder mit ihren Dienstgraden und teilweise den Kriegen, in denen sie eingesetzt waren. Aber darin erschöpft es sich nicht. Weitere Schilder benennen zum Beispiel die Mutter, den Pastor, sogar den Manager des örtlichen Supermarktes und viele andere Helden des Alltags. Da wird der Umgang mit der Flagge dann deutlich vom Nationalen abgekoppelt.
Etwas im Gegensatz dazu scheint uns zu stehen, dass an den Segelbooten die Flaggenführung häufig nicht sehr ausgeprägt ist. Wir sehen viele Boote, die keine Nationale führen. Das war auch schon auf den Bahamas bei mehreren Yachten so, die sich dann später als amerikanische Boote erwiesen. Flaggenführung aus Formalismus oder bloß wegen internationaler Gepflogenheiten ist möglicherweise eher nicht so angesagt. Auch bei unserem Nachbarlieger können wir keine Flagge erkennen, lediglich der Heimathafen am Heck zeigt die Herkunft des Amerikaners.
Von Claudette bekommen wir dann übrigens vor Anker in der wunderschönen Fishing Bay nicht allzu viel mit, nur ein etwas regnerischer Tag, aber die später losgefahrene Easy-One muss ihre Fahrt dann doch noch einmal unterbrechen, umdrehen und sich hinter einer Landzunge verstecken um den kräftigen Winden zu entgehen. Und auch wir drehen nochmal um, denn als wir aus der Fishing Bay gerade wieder heraussegeln kommt uns an der Mündung des Piankatank River die Easy-One entgegen! Sie sind inzwischen wohlbehalten hier angekommen. Wir drehen um und laufen mit ihnen wieder ein. Das Wetter ist auch wieder besser und so können wir heute eine ausgiebige Fahrradtour mit den Leihfahrrädern der Marina machen. Unsere Wege trennen sich hier erst einmal, die Easy-One möchte in der Fishing Bay eine Pause einlegen, wir mit der Flora noch etwas die Chesapeake Bay hinauf segeln, weshalb wir am Abend eben mit Schlagersingen und Erinerungen an die letzten vier Monate den traurigen Abschied so gut es eben geht in Freude über das gemeinsam Erlebte umwandeln.
Das Cape Lookout und insbesondere das Kap Hatteras genießen trotz ihrer optischen Schönheit unter Seglern einen eher zweifelhaften Ruf. Das liegt an den vorgelagerten Flachs, der schlechten Sichtbarkeit der niedrigen Outer Banks, vor allem aber an den Strömungen. Als wäre der Golfstrom nicht schon genug, arbeiten sich Ausläufer einer zweiten atlantischen Hauptströmung, des aus dem Nordpolarmeer kommende relativ kalten Labradorstroms eng an der Küste bis hier hinunter und drängen ab hier den Golfstrom nach Osten ab. Das ergibt eine intensiv arbeitende Wetterküche, die für unseren geplanten etwa 230 sm langen Übernachttörn in die Chesapeake Bay eben ein wohlgewähltes Wetterfenster erfordert.
Allzu zimperlich können wir da nicht sein, und so nehmen wir gemeinsam mit mindestens sechs anderen Booten die Chance eines Flautentages mit anschließend einsetzendem Südwestwind gerne wahr, auch wenn damit eine längere Strecke unter Motor verbunden ist.
Noch vor Sonnenaufgang gehen wir Anker auf, mogeln uns im ersten Büchsenlicht aus dem Barden Inlet und fahren erst einmal fast 10 sm in die “falsche” Richtung nach Südsüdosten um das weit aus greifende Flach vor Cape Lookout herum. Erst dann können wir nach Nordost Richtung Kap Hatteras schwenken.
Auf dem ersten Stück brausen trotz (bzw. wegen) der frühen Stunde die Sportfischerboote des Wettbewerbs in Beaufort rechts und links um uns herum, rauschen mit bis zu dreißig Knoten knapp an uns vorbei in Richtung Golfstrom und wühlen das Wasser dabei ziemlich auf.
Immerhin, noch können wir (wenn auch gelegentlich von den Motorbootwellen durchgeschüttelt) segeln, aber mit steigender Sonne setzt leider Flaute ein, wie vorhergesagt wird es ein Tag mit auch bei Flora rotierendem Motorstundenzähler. Wir trösten uns damit, dass wir sieben Segelboote zusammen am Tag weniger Diesel verbrauchen als eins dieser Boote in ein oder zwei Stunden.
Wir nutzen den von der Lichtmaschine im Überfluss bereitgestellten Strom, um vor der brackigen Chesapeake Bay unsere Frischwassertanks per Wassermacher noch einmal komplett voll zu machen.
Immerhin, zum Abend setzt der Wind langsam wieder ein und unter Groß und Code0 gleiten wir in die Nacht hinein.
Nachts haben wir zum Glück trotz Küstennähe nur relativ wenig Schiffsverkehr. Wechsel auf die Fock, zurück auf den Code0, Motorsegeln, weitere Segelwechsel und dann doch wieder längere Zeit motoren, so zeigt sich der zweite Tag.
Außerdem haben wir endlich wieder einmal Angelerfolg, eine schöne Spanische Makrele können wir an Bord ziehen. Trotzdem, das lange motoren hinein in die große Chesapeake Bay zieht sich, insbesondere nachdem wir das imposante Bauwerk des Chesapeake Bay Bridge Tunnels passiert haben, das sich mehr als 28 Kilometer lang über die Mündung der Bucht erstreckt. In beide Richtungen unserer Durchfahrt über einen der zwei Tunnelabschnitte läuft die Brücke aus unserem Blickfeld hinaus.
Und danach geht es eben noch stundenlang unter Motor weiter bis hinüber auf die westliche Seite der hier sehr breiten Bucht. Erst gegen 17.00 können wir den Anker im East River der Mobjack Bay fallen lassen. Es fühlt sich an, als wären wir in einem stillen, von hohen Bäumen und schönen Häusern umstandenen See vor Anker gegangen. Die Escape ist schon da, Easy-One und Tropicool finden sich kurz nach uns ein und ankern nicht allzu weit entfernt.
Keine 100 m hinter unserem Schiff hat ein Fischadler sein Nest auf einem Pfahl im Wasser gebaut, sein Schrei klingt durch die Abendstille über das glatte Wasser.
Ein näherer Blick auf die amerikanische Ostküste von North Carolina aufwärts bis New York State offenbart etwas (zumindest für uns) Unerwartetes. Der Atlantik hat hier gemeinsam mit der oft küstenparallelen Strömung auf etwa 1.000 km Länge eine Landschaft geschaffen, bei der häufig Sanddünen lange Strände säumen. Dahinter befinden sich aber Lagunen und Buchten, die auf uns wie eine Mischung aus den Hafflandschaften der Ostsee und den Tidenrevieren hinter den friesischen Inseln wirken.
Ganz besonders betrifft das die “Outer Banks”, genau genommen eine Kette von rund 20 schmalen, langgestreckten und teilweise mit Brücken verbundenen Inseln, die sich in einem Bogen von etwa 300 Kilometern vor dem Festland von North Carolina und Virginia entlangziehen. Die Linie der zum Teil nur wenige Hundert Meter breiten Inseln entfernt sich dabei am Kap Hatteras etwa 50 Km vom Festland.
Südlichster Punkt der “Outer Banks” ist Cape Lookout, an dem wir jetzt im Barden Inlet, geschützt von der South Core Banks und der Shackelford Banks ankern.
Die flachen Sandinseln und die sich an den Kaps noch weit ins Meer erstreckenden Flachs, verbunden mit der starken und schwer einschätzbaren Strömung des Golfstroms, die bei nördlichen Wind zudem eine grobe See produziert, haben für viele Schiffbrüche an diesem Küstenabschnitt gesorgt. Schon früh wurden deshalb Leuchttürme errichtet. Das erste Leuchtfeuer am Cape Lookout ging 1812 in Betrieb, aber es war zu niedrig und die Reichweite zu gering. Einige Kapitäne bezeichneten die Feuer von Hatteras, Lookout und Cape Florida als geradezu gefährlich, weil sich Schiffe auf der Suche nach dem Licht des Leuchtturms zu nahe an die Flachs begaben. Schon 1859 ging deshalb ein neuer, mit 163 Fuß (knapp 50 m) deutlich höherer Leuchtturm in Betrieb, der dann auch ausreichend Tragweite hatte. Die charakteristische, unverwechselbare Bemalung mit weißen und schwarzen Rauten (day marks) erhielt er 1870.
Natürlich statten wir dem Leuchtturm einen Besuch ab, mit dem Dinghy können wir an der Innenseite des Fähranlegers festmachen. Über Holzbohlenstege geht es dann durch die Dünenlandschaft zum Leuchtturm und weiter hinüber zum breiten Strand an der Atlantikseite. Teile des Strandes sind für Autos befahrbar, weiter im Norden gibt es eine Fährverbindung extra für diesen Zweck. Viel Verkehr ist aber nicht, wir machen einen herrlichen Strandspaziergang.
Zurück zum Leuchtturm, wo uns intensiver Kiefernduft empfängt, Sommerluft wie auf Anholt oder Hiddensee 😃.
Fun fact: die Rauten sind keineswegs nur zufällig dekorativ zur Unterscheidung von anderen Leuchttürmen. Sie sind so aufgemalt, dass die weißen Rauten übereinander exakt in Ost-West-Richtung sichtbar sind, die schwarzen Rauten exakt in Nord-Süd-Richtung. 😎
Die Landschaft scheint irgendwie vertraut, aber sie ist es natürlich nicht allein, die die verschiedenen Regionen auf unserer Reise unterscheidet. Es sind die Menschen und – auf unbewohnten Inseln wie hier – eben auch die Pflanzen und Tiere. Lösen die Kiefern mit ihrem Duft eher heimatliche oder zumindest urlaubsbekannte Gefühle aus, erinnert uns die zum Teil ungewohnte Tierwelt daran, dass wir eben doch Besucher in fremden Ländern sind.
Beim Strandspaziergang sehen wir bekannte Arten wie Möven, Austernfischer, Seeschwalben und Standäufer. Aber eben auch das:
Ein weißer Ibis (Schneesichler) erschüttert unsere vorschnelle “ ach, das ist ja wie in … “ – Einordnung. Auch die Reiher kommen irgendwie anders daher. Erst ein Rötelreiher (Egretta Rufescens),
dann ein Schmuckreiher (Egretta THULA!) mit gelben Füßen und ebensolchem “Brillenband”:
Der erinnert uns einmal mehr an Janna und Ilja von der Thula, die jetzt gerade auf dem nicht ganz einfachen Törn von den Bahamas zu den Azoren unterwegs sind und mit denen wir immer mal über Iridium Kontakt haben.
Vielleicht sogar noch mehr als durch die Vögel bekommen wir durch ein anderes Tier deutlich vermittelt, dass wir uns in für uns neuem Terrain befinden:
Am Baum direkt neben dem Bohlenweg schlängelt sich eine amerikanische Kletternatter entlang. Sie ist ungiftig und als Würgeschlange eher auf Nagetiere und Vögel spezialisiert, aber – hey – , das muss ja doch erstmal nachschlagen ☺️.
North Carolina. Ganz deutlich Südstaaten. Wie man sich das nach „Vom Winde verweht“ oder „Fackeln im Sturm“ so vorstellt. Wobei, hier in Beaufort NC orientiert sich der Ort eher nicht an alten Großplantagen, sondern an seiner maritimen Tradition, der Ausrichtung zur See hin. Mit ihren Piraten (Blackbeard soll hier ein Haus gehabt haben), vor allem aber der Fischerei. Die hat früh die Basis für den Ort gelegt, 1709 gegründet ist Beaufort die drittälteste Stadt in North Carolina.
Ganz aktuell zeigt sich die sehr lebendige Fischereitraditon in dem „63rd Annual Big Rock Blue Marlin Tournament“, das diese Woche hier in Beaufort und Morehead stattfindet. Ein Angelwettbewerb, o.k., aber einer, der es in sich hat und die Bedeutung des Sportfischens für die Amerikaner auf eine Weise unterstreicht, die in Deutschland wahrscheinlich nur sehr schwer verständlich ist. 270 Boote haben sich für den Wettbewerb angemeldet, im Schnitt so etwa 50 bis 60 Fuß lang. Die größte (soweit ich das gesehen habe) ist die 97 Fuß lange Weaver97 „18 Reeler“. Knapp 40 kn (74 kmh) schafft sie in der Spitze, bei Cruising-Speed von immer noch rund 30 kn verbraucht sie dann etwa 620 Liter Diesel. Pro Stunde wohlgemerkt. Da müssen dann auch die Preisgelder des Wettbewerbs exorbitant sein, über drei Millionen Dollar Preisgeld werden insgesamt ausgeschüttet, der Sieger bekommt alleine mindestens eine Million Dollar. Die Meldegebühren allerdings sind auch nicht ohne, wer in allen Kategorien antritt zahlt über 26.000 Dollar Startgeld. Frühmorgens laufen die Boote in einer endlos scheinenden Reihe aus, am späten Nachmittag kommt die Prozession zurück. Dazwischen geht es raus in den Golfstrom, immer auf der Suche nach dem größten Blue Marlin als begehrtestem von einigen sogenannten „Billfish“, den Schwertfischen, Segelfischen und Marlins, um die es hier geht. Auch für gefangene und wieder freigelassene Fische (Catch and Release, z.B. per Funk, Foto oder Video zu dokumentieren) gibt es Preise, insgesamt ist das Reglement wohl eher etwas für Spezialisten.
Bei uns: Stirnrunzeln. Aber im Abendlicht und mit Delfinfamilie im Vordergrund sieht der kleine Teil der Flotte, der hier in Beaufort liegt, dann fast schon wieder stimmungsvoll aus.
Beim erneuten Gang durch den Ort zum etwa eine halbe Stunde Fußmarsch entfernten Supermarkt zeigt die Bebauung des Ortes dann doch auch landseitig deutlich Südstaaten-Stil:
Natürlich ist es nicht überall so malerisch. Außerhalb des historischen Bezirks präsentiert sich Beaufort wie so viele amerikanische Orte autoorientiert, Fußwege an den Straßen werden rar. Immerhin aber gibts auf dem Weg zum Supermarkt doch ganz überwiegend Gehsteige. Aber ab und zu heißt typisch amerikanisch eben auch: Diner und Wasserturm. Wären die Autos nicht modern, könnte das Bild auch aus einem anderen Jahrzehnt stammen. Insofern auch irgendwie zeitlos 😉.
Auf dem Weg zurück zur Flora beeilen wir uns, denn am Himmel braut sich offensichtlich etwas zusammen. Von Westen her türmen sich die Wolken immer steiler und dunkler auf, die Luft steht und wird schwül, ein Gewitter kündigt sich an.
Wir sind rechtzeitig zurück an Bord, aber dann geht es auch schon los. Der schnell zunehmende Wind und die Tide sorgen für einen völlig unkoordinierten Tanz der Ankerlieger, mal sehen wir unsere Nachbarn Heck an Heck, mal ist unser Bug nur noch wenige Meter vom Bug unseres Nachbarkatamarans entfernt, weil wir beide in entgegengesetzte Richtungen über unsere Ankerketten getrieben werden. Zwischendurch starte ich angesichts des jetzt auch einsetzenden Gewitters den Motor und bringe etwas mehr Abstand zwischen uns. Das Gewitter selbst ist dann aber gar nicht so schlimm, sondern zieht überwiegend südlich vorbei, auch wenn einige Blitze uns doch zusammenzucken lassen.
Am nächsten Morgen: bestes Wetter, Delfine spielen um die Boote herum, die Wildpferde lassen sich auch wieder sehen. Das macht uns den Abschied nicht leichter, aber wir wollen zum Cape Lookout. 😁