Bocas Town

Wir sind einklariert. Tatsächlich war das ein Klacks, nachdem wir erst einmal verstanden hatten, dass die Antwort auf unseren Funk-Anruf reiner Zufall war (die Funkanlage steht eingeschaltet auf dem Wartezimmerflur) und trotz „un momento“ keine weitere Aktion nach sich ziehen würde. Auch auf die auf Noonsite genannte WhatsApp kam keine Antwort, also doch einfach mal rüberfahren. Und dann ging es ganz flott. Bloß der für die „Permiso de Navigacion“ zuständige Kollege war inzwischen schon im Wochenende. Macht nichts, dann beantragen wir die am Montag.

Bocas Town ist der einzige größere Ort hier im Gebiet Bocas del Toro. Wie das bemalte und schon etwas abgeblätterte Metallschild im Ort aufzeigt, liegt das Städtchen auf der Isla Colón, die gemeinsam mit der Isla Bastimento und der Isla Popa die große Festlandsbucht zum Atlantik hin abschirmt und ein geschütztes Archipel mit einer Vielzahl kleiner und kleinster Inseln bildet.

Das übliche Prozedere danach: erst einmal eine Telefon-SIM besorgen, Bargeld in Landeswährung (hier kein Problem, der Geldautomat spuckt US$ aus) und uns den Ort ein bisschen erlaufen.

Und der Ort gefällt uns auf Anhieb. Praktisch alles in Boca scheint auf Stelzen gebaut. Am Ufer scheint das klar. Aber selbst ein paar Straßen weiter innen hört und sieht man im offenen Gulli die Wellen schwappen. Wellen, von denen wir an unserem Ankerplatz (außer dem Schwell der vorbei rasenden Lanchas) nichts mitbekommen, die aber zugleich für den Charakter des Ortes entscheidend sind. Denn Boca Town ist das Zentrum der Wellenreiter dieser Gegend auf der Atlantikseite Panamas. Das prägt den Tourismus hier. Wenig Tagestouristen, dafür diverse einfache Hostels. Auch ein paar Hotels, jedenfalls aber viele Bars und Restaurants, von Street Food Basics bis stylisch schick. Und eben Surfer, die von den Lanchas abgesetzt wurden mit ihren Boards über die Straße laufen.

Alles sehr bunt und ausgesprochen relaxed.

Es gibt mehrere kleine und auch größere Supermärkte, Hardware-Stores auch mit Bootszubehör und Angelkram, liebenswert chaotische kleine Obststände und sogar eine „Deutsche Bäckerei“, zwar nicht mit deutschem Brot aber doch mit leckerem Kuchen. Dienstleister bieten auf handgemalten Schildern (mit interessanten Öffnungszeiten) z.B. Wäscherei an, Hühner laufen frei herum.

Von unserem Ankerplatz vor dem Ort aus sehen wir die mal einfachen, mal bunten Stelzenhäuser am Ufer.

In die andere Richtung schauen wir auf das Grün der Palmen und Mangroven, dass sich über den größten Teil des Südufers der Insel hinzieht. Neben den vorbeiratternden Lancha-Wassertaxis paddeln auch immer wieder in aller Ruhe Fischer durch die Bucht, in ihren einfachen Kanus Angelleinen hinter sich her ziehen.

Hatten wir schon erwähnt, dass es uns hier gut gefällt 😍

Pura Vida.

Ankern auf dem Rondeelteich

Wir liegen hier in Fort Lauderdale vor Anker im Lake Sylvia. Unfassbar, es ist als würde man in Hamburg kurz von der Elbe in die Alster schleusen (o.k., hier war’s nur eine Klappbrücke) ein kleines bisschen weiter motoren und dann im Rondeelteich ankern. Hört sich übertrieben an?

Und was machen wir, wenn wir nicht gerade die Szenerie genießen? Bisher jeden Tag einen langen Spaziergang durch die Stadt und ihre Gewerbegebiete westlich des Port Everglades. Wir bringen unsere unsere in Charleston ausgebaute alte Lichtmaschine zu einer Werkstatt. Und was für eine: Lauderdale Battery and Alternator. Freundlicher Empfang, dann schickt man uns gleich in die Werkstatt zum Spezialisten. Lichtmaschinen in allen (zumeist aber: späteren) Lebensphasen säumen den Weg. Die Maschinen sehen antiquiert aus, aber die Jungs wissen, was sie tun. Nur: Neil gibt unumwunden zu, es sei die erste Lichtmaschine mit externem (Lithium-Batterien-)Regler, die zu ihm gebracht wird. Der erste Test auf dem scheinbar musealen Prüfstand ergibt: Lichtmaschine tot.

Aber so schnell gibt Neil nicht auf. Dann muss er sie halt auseinandernehmen. Wir sollen morgen wiederkommen.

Wenn wir schon mal in der Gegend sind, laufen wir noch ein paar Blocks weiter und statten “Bluewater Books and Charts” einen Besuch ab. Annemarie von der Escape hatte darüber berichtet, und wir brauchen für unsere weitere Reise noch nautische Informationen und Literatur. Wir werden nicht enttäuscht, die Auswahl ist riesig, wirklich alle Teile der (nautischen) Welt werden abgedeckt. Im Prinzip ein Laden wie früher Hanse-Nautic in Hamburg, nur viel größer.

Es ist herrlich, in den Törnführern erst einmal stöbern zu können, sie in der Hand zu halten. Das macht am Ende zwar die Auswahl leichter, unsere Rucksäcke aber umso schwerer. Ganz schöne Wälzer.

Elektronische Seekarten gibts auch, der Pazifik rückt näher. Die für unseren alten (2011) Furuno-Plotter erforderlich maximal 2 GB fassenden Speicherkarten (größere liest er nicht) sind vorrätig, die Karten werden schnell aufgespielt. Zum Glück habe ich im Handy die erforderliche Seriennummer des Plotters abgespeichert (Danke, Uwe, für den Tip und Deine Hilfe damals bei der letzten Aktion). Wieder ein wenig Vorbereitung abgehakt.

Tja, und an dem riesengroßen WestMarine Schiffsausstatter, der auch in dieser Gegend liegt, kommen wir natürlich auch nicht vorbei. Bepackt wie die Lastesel gehts zurück zum Boot, zumal wir kurz vorm Dinghydock noch einen Supermarkt finden. 😁

Heute Vormittag kommt dann der Anruf: die Lichtmaschine ist fertig, zur Abholung bereit. Diesmal kommt uns der Weg dorthin schon kürzer vor. 😉

Die Bürsten sind getauscht, aber das eigentliche Problem lag in einem Kabelbruch innerhalb der Lichtmaschine an der Verbindung zum externen Regulator. Auf dem Prüfstand zeigt die Lichtmaschine diesmal genau das, was sie soll. Neil ist stolz, wir sind superfroh, wieder ein funktionsfähiges Backup zu haben.

Und warum haben wir eigentlich kein Taxi oder Uber genommen? Ein bisschen Bewegung tut uns ganz gut und außerdem mögen wir es, uns einen Ort quasi zu „erlaufen“, gerade auch mit seinen weniger herausgeputzten Ecken.

Außerdem gibts hinterher zur Belohnung Austern in der „Southport Raw Bar“, einer der wenigen Orte, wo wir unser Dinghy lassen können. Festmachen kostet 10 $, aber erstens gibt es kaum eine Alternative und zweitens werden die 10 $ beim Besuch der Bar voll auf die Rechnung angerechnet. Na dann …

Pura Vida.

Fort Pierce und Fisch zum 2. Advent

Der Weg an der Ostküste der USA herunter ist für uns mit ein bisschen mehr Motorstunden verbunden, als uns eigentlich lieb ist. Aber zwischendurch ist es auch immer wieder herrliches Segeln. Der Törn von Cape Canaveral nach Fort Pierce ist dafür exemplarisch, zu Beginn und am Ende jeweils ein paar Stunden motoren, dazwischen aber wunderbares Vor-dem-Wind-Segeln. Wir riggen beide Spinnakerbäume, setzen an Backbord den Code0 mit Floras Logo und an Steuerbord die Fock. Wie ausgebreitete Flügel vor dem Bug ziehen uns die beiden Segel südwärts. Was für ein herrlicher Anblick, was für ein tolles Gefühl.

Zumal der Törn auch noch Angelerfolg bietet, zwei Bonitos in guter Größe hole ich herein, dann verhängt Wiebke Angelverbot. 😳

In Fort Pierce kommen wir so rechtzeitig an, dass wir vorm Sonnenuntergang sogar noch unsere schwergängig gewordene Steuerbord-Mastwinsch auseinandernehmen, säubern, fetten und wieder anbauen können.

Im Hintergrund sieht man eine der typischen festen Brücken über den Intracoastal Waterway ICW, der parallel zu unserer Strecke entlangführt. Genau 65 Fuß Durchfahrtshöhe hat auch diese Brücke, bei unserer Masthöhe also nicht machbar mit der Flora.

Auf der anderen Seite unseres Ankerplatzes liegt ein Naturschutzgebiet mit Mangroven und Salzmarschen.

Wobei, wie so oft ist auch hier der eigentliche Küstenstreifen zum Strand nicht mehr Teil des Naturschutzgebietes, sondern mit Betonburgen bebaut, die etwas an die unglücklichen Hotelklötze auf der Nehrung des Mar Menor an der spanischen Mittelmeerküste erinnern.

Wir bleiben einen Tag hier am Ankerplatz, pruddeln am Boot herum (z.B. verstärken wir die Halterung unseres Außenborders am Heckkorb). Außerdem wird die komplette an Bord vorhandene Adventsdeko geriggt, bestehend aus einem handtellergroßen Herrnhuter Stern und einer Weihnachtsbaumkugel im Globus-Design.

Heute morgen dann noch kurz tanken und dann durch das Fort Pierce Inlet wieder hinaus in den Atlantik. Das Timing ist diesmal schlecht, bis zu vier Knoten Gegenstrom stehen uns im Inlet entgegen. Lässt sich aber nicht ändern, wenn wir unser Ziel West Palm Beach bei Tageslicht erreichen wollen. Also müssen wir da durch, ist ja auch nur ein kurzes Stück von ungefähr einer Meile. Aber die Strömungskabbelungen im Fahrwasser sind schon beeindruckend.

Wir hoffen mal, dass das nicht ein Vorgeschmack auf den Golfstrom ist, der uns bei Palm Beach leider mit voller Stärke bis direkt unter Land entgegenstehen wird. Seit Kap Hatteras hatten wir davon profitieren können, dass er auf dem Zwischenstück weiter draußen floss und sich in Landnähe sogar für uns vorteilhafte, Süd setzende Neerströme bildeten. Das ist ab jetzt wohl leider erst einmal vorbei.

Ein Gutes hat das aber auch, wir profitieren vom sprichwörtlichen Fischreichtum im Golfstrom. Einen Bonito lassen wir noch wieder frei, dann beißt diese schöne und leckere King Mackerel.

Und dann – verhängt Wiebke gleich wieder Angelverbot. Ist wohl besser so 😁.

Als ein Squall vor uns auftaucht, schalte ich das Radar ein, um die Regenzelle auf dem Plotter besser lokalisieren zu können. Nur leider sagt die Anzeige „Kein Radar gefunden“. Grr. Die nächste Baustelle tut sich auf. Aber auch das ist Bootsleben. Die To-do-Liste wird nie leer.

Pura Vida.

St. Augustine: da kommt uns Amerika spanisch vor

Die Einfahrt nach St. Augustine hat einen Ruf. Wir werden vorher von anderen Seglern gefragt, ob wir da wirklich rein wollen. Man habe Schlimmes gehört. Und die Navionics-Seekarte zeigt direkt vor der Einfahrt die Zweimeter-Linie an. Hm. Aber auf Sonar-Charts umgestellt wird klar, dass die Tiefe mehr als ausreichend ist. Die Recherche zeigt außerdem, dass der schlechte Ruf von Wind-gegen-Strom-Situationen herrührt. Wir timen es so, dass uns das nicht trifft. Tatsächlich ist es dann völlig unproblematisch und wir finden auch noch einen Platz im gut gefüllten Ankerfeld vor der alten Festung der Stadt.

Schon von dort sieht die Stadt eher südeuropäisch als typisch amerikanisch aus.

An Land setzt sich dieser Eindruck fort. Zunächst bei der Festung „Castillo de San Marcos“, deren Mauern und Türme nicht zufällig an San Juan in Puerto Rico erinnern, die wir uns ob des Besucheransturms aber lieber nur von außen anschauen.

Dann aber vor allem bei den im Stadtzentrum mit Gebäuden, die mit ihren Ornamenten und Holzbalkonen sehr deutlich spanischen Einfluss zeigen. Oder auch in der alten Pflasterung mit Ziegelsteinen.

Tatsächlich ist St. Augustine (kein amerikanischer Ort ohne Superlativ) die älteste noch durchgehend besiedelte existierende Stadt der USA. 1565 von Spanien gegründet, wechselte ihr Besitz mehrfach zwischen den Staaten, die Stadt wurde 1763 britisch, 1784 wieder spanisch und dann 1821 wie ganz Florida durch einen Grenzbereinigungs- und Kaufvertrag Teil der Vereinigten Staaten.

Aber nicht nur die beiden spanischen Phasen führen zu dem südeuropäischen Gepräge, sondern auch eine Besonderheit der Besiedlung während der britischen Phase. Etwa 1.000 vorwiegend aus Menorca stammende Siedler waren nach Neu Smyrna, etwa 100 km weiter südlich in Florida ausgewandert und dort in der Indigoproduktion angeworben worden. Die Arbeitsbedingungen und mangelnde Vertragstreue der Partner führten aber 1777 dazu, dass sie sich zu Fuß auf den Weg nach St. Augustine machten und hier im Stadtteil „Little San Felipe“ ansiedelten. Schöner Nebeneffekt für uns: die Küche in den Restaurants dort verbindet inzwischen mediterranes Erbe mit karibischen Einflüssen, eine tolle Mischung.

Ein Spaziergang führt uns in ein ganz anderes, historisch aber ebenfalls bedeutsames Eckchen der Stadt. Der Stadtteil Lincolnville wurde nach dem amerikanischen Bürgerkrieg 1866 von befreiten Sklaven gegründet und entwickelte sich ausnehmend gut, wie diverse erhaltene viktorianische Häuser bezeugen. Er blieb dabei ein afroamerikanischer Stadtteil. Als solcher machte er knapp 100 Jahre später Schlagzeilen, als 1963/64 Dr. Martin Luther King und andere Aktivisten des Civil Rights Movement wie Dr. Robert Hayling nach mehreren rassistischen Vorfällen friedliche Proteste organisierten, die gewaltsam aufgelöst wurden. Auch Dr. Martin Luther King wurde 1964 hier verhaftet.

Die Hauptstraße durch das bunte Viertel trägt heute seinen Namen.

Ein anderer (ziemlich langer) Spaziergang führt uns am nächsten Tag zum Leuchtturm von St. Augustine auf einer Insel jenseits des ICW. Es ist der erste Advent und nicht nur das Geländer der Aussichtsplattform des charakteristisch spiralförmig schwarz-weiß geringelten Leuchtturm mit seiner roten Haube ist weihnachtlich geschmückt.

Das angeschlossene interessante Museum in den Nebengebäuden des Leuchtturms ist es ebenso, außerdem sehen wir in jedem Raum (und auch vor dem ehemaligen Außen-WC) verzierte Tannenbäume. Alle sind phantasievoll, detailversessen und sehr unterschiedlich (aber immer übervoll und bunt) dekoriert, hier eine kleine Auswahl:

Am Abend sehen wir dann schon vom Ankerplatz aus und erst recht später in der Stadt, warum derzeit so viele Touristen in der Stadt sind.

Nights Of Lights. Schon seit 28 Jahren wird in St. Augustine unter diesem Namen in den Wintermonaten eine Illumination privater und öffentlicher Gebäude vorgenommen, bei der die besten Beleuchtungen am Ende prämiert werden. Das ganze hat hat sich zu einem Touristenmagnet entwickelt, kaum einer mag zurückstehen. Auch die Schiffe werden mit Glühbirnen vollgehängt und wir sehen sogar Pferdekutschen mit „Unterboden-Beleuchtung“. American Show, die auf der offiziellen Webseite der Stadt ohne erkennbaren Anflug von Ironie auf den alten spanischen Brauch zurückgeführt wird, zu Weihnachten eine weiße Kerze ins Fenster zu stellen, um in den Häusern und Herzen symbolisch Raum für Jesus zu schaffen.

Pura Vida.

Fernandina Beach

Nach dem herrlichen Naturerlebnis auf Cumberland Island verholen wir uns auf die andere Seite des St. Mary’s Inlet vor das Städtchen Fernandina. Wieder ein anderer Bundesstaat, nach Georgia haben wir jetzt Florida erreicht. Also: der Meldepflicht genügen und die CBP (Custums and Border Protection) anrufen. Wir erreichen nur die Mailbox, sprechen die wesentlichen Daten aufs Band. Woher, wann und wo angekommen, Nummer der Cruising Licence, Bootsname, etc.

Der Ort weist einige schöne historische Bauten auf und wird als schmuck beschrieben, aber so richtig zieht er uns nicht in Bann. Die Nase arbeitet gegen das Auge 😉.

Zudem ist der Ankerplatz eher industriell geprägt, insbesondere die große Papierfabrik mit ihren Kränen und Sägespänehalden ist keine Zierde, vor allem aber: sie stinkt. Das ist sicher von der Windrichtung begünstigt, aber es verleidet uns doch etwas den Aufenthalt.

Zurück an Bord schreckt uns ein Klatschen an Deck auf. Ein Pelikan hat sich auf dem Großbaum niedergelassen und lässt sich von uns nicht stören.

Ein beeindruckender Vogel. Als er dann allerdings anfängt, mit seinem kräftigen Schnabel auf unser Bimini-Solarpanel einzuhacken, müssen wir ihn doch verscheuchen. Wildes Gewackel am Großbaum reicht dafür nicht, er scheint es eher als Gleichgewichtsübung zu nehmen. Anschreien und wirklich dicht auf die Pelle rücken funktioniert dann aber doch.

Ein schönes Thanksgiving-Abendessen auf der Flora mit Helena und Steve ist gleichzeitig ein Abschiedsessen, denn die beiden wollen einen größeren Sprung nach Süden machen, während wir weiter die Küste hinunterbummeln. Unsere nächste Station soll das 55 sm entfernte St. Augustine sein. Dafür will die Abfahrtszeit gut geplant sein. Zum einen, um möglichst mit der Tide auszulaufen, vor allem aber, um keinesfalls bei Wind gegen Tide in St. Augustine einzulaufen, denn dann ist die Einfahrt dort berüchtigt.

Für uns heißt das, um 6:30 mit aufgehender Sonne auszulaufen und unterwegs nicht zu bummeln.

Klappt, denn wir haben besten Segelwind und so fällt schon um 15:00 Uhr der Anker vor dem Castillo de San Marcos in St. Augustine.

Pura Vida.

Gürteltiere, Wildpferde und Zauberwald in Georgia

Der nächste Segelschlag nach Süden führt uns aus South Carolina hinaus und fast ganz an der 160 km langen Atlantikküste von Georgia entlang bis an den westlichsten Punkt der US-amerikanischen Atlantikküste, nach Cumberland Island. Georgias Küste wartet dabei durchaus mit schönen Stränden auf, aber dahinter folgt praktisch auf der gesamten Küstenlänge ein breiter Streifen von Marschland mit unzähligen verästelten Flüssen und tideabhängigen Prielen. Die größeren Städte von Savannah im Norden bis Brunswick im Süden liegen deshalb stets einige Meilen im Landesinneren. Auf unserer Fahrt können wir trotzdem ziemlich genau ausmachen, wo wir sie zu verorten haben. Denn draußen auf See, außerhalb der stark strömenden und zum Teil engen Flüsse, liegen die Frachter weit vor den Häfen auf Reede. Natürlich müssen wir da durch und eben so klar ist, dass wir die Reede vor Savannah mitten in der Nacht passieren. Da, wo offene See sein muss, taucht vor uns ein Lichtermeer auf. Die Deckslichter der Frachter sind hell erleuchtet, ein großer dunkler Schatten zieht vor den Lichtern vorbei. Auf unserem Plotter sieht das dann so aus:

Aber außer der etwa quer durchs Feld fahrenden 300 m langen GSL Arcadia, für die zwischenzeitlich ein CPA (also die größte Annäherung) von nur 180 Metern angezeigt wird, kommt uns keiner der Frachter nahe und wir selbst halten ebenso Abstand. So wie auch von der Küste, denn zum Land hin wird es flach und selbst 20 sm vor dem Strand ist es kaum mehr als 20 m tief.

Tagsüber können wir erst schön segeln, aber dann wird der achterliche Wind immer schwächer und irgendwann reicht selbst unsere größtmögliche Schmetterlingsbesegelung mit Groß und Gennaker nicht mehr aus, wir müssen einen größeren Teil der Strecke motoren, können erst für die letzten Stunden wieder Segel setzen.

In den St. Marys Entrance fahren wir durch eine meilenlange Mole hinein, die allerdings bei hohem Wasserstand größtenteils überflutet ist. Das Timing stimmt durch das am Ende langsame Segeln nicht so recht, die Tide ist schon gekippt und das Wasser fließt uns mit 3 bis 4 kn entgegen, aber wir wollen nicht draußen warten. Für den Nachmittag und die folgende Nacht sind kräftige Winde angesagt, also müssen wir durch den Gegenstrom durch zu unserem geschützten Ankerplatz hinter Cumberland Island. Zieht sich etwas, geht aber.

Den Ankerplatz haben wir gewählt, weil wir so viel Gutes über das Naturschutzgebiet im Süden von Cumberland Island gehört haben. Also gehts am nächsten Morgen mit dem Dinghy hinüber zum kleinen Dock an der Ranger-Station. Dort entrichten wir pro Nase 10 Dollar Eintritt (es gibt nur Wochentickets) und marschieren dann mit Steve und Helena von der Amalia los. Einige Wanderwege und ein paar unbefestigte Straßen ziehen sich über die Insel. Und der kleine Pfad, auf dem wir unterwegs sind, bezaubert uns sofort. Palmettos bedecken den Boden. Die darüber hinausragenden niedrigen Bäume sind über und über mit Spanish Moss behangen, das im immer noch kräftigen Wind hin und her schwingt. Jede einzelne der Bart eines alten Mannes, der Geschichten und Märchen erzählt. Eine mystische Stimmung, als müssten gleich Elfen auftauchen.

Hier im Naturschutzgebiet stehen nur wenige Häuser, fast alle davon gehören zu einem ehemaligen Anwesen der Carnegie-Familie. Das 59-Zimmer-Herrenhaus ist abgebrannt und nur noch eine allerdings imposante Ruine, aber einige der Nebengebäude stehen noch.

Die Hauptattraktion der Insel aber ist die Natur. Der Zauberwald, Blicke ins weite Marschland, der Strand auf der Atlantikseite, nicht zuletzt auch die Tierwelt. Wilde Pferde posieren praktischerweise vor der im Hintergrund ankernden Flora 😉

Und wenn schon keine Elfen vorbeifliegen, macht uns ein Rascheln im trockenen Laub doch auf ein Wesen aufmerksam, das irgendwie nicht von dieser Welt zu sein scheint. Mauseöhrchen auf einem scheinbar unverhältnismäßig kleinen Kopf mit Knopfaugen und langer Nase, dazu ein breiter Körper mit dickem Knochenpanzer, kräftige Grabekrallen und gestreifter, ebenfalls gepanzerter Schwanz. Gleich mehrere Gürteltiere bekommen wir auf unserem Spaziergang zu sehen.

Dabei hätten wir diese einzigartigen prähistorisch wirkenden Säugetiere hier in Nordamerika gar nicht erwartet, aber der Südosten der USA gehört tatsächlich noch zu ihrem Verbreitungsgebiet. Und hier auf Cumberland Island sind sie inzwischen sogar recht häufig.

Pura Vida.

Über Wilmington nach Charleston

Wenn der Wind passt, wollen wir es nutzen. Die “Norder” mischen sich hier zu dieser Jahreszeit immer wieder mal in die Wettervorhersage. Sie bringen kalte Luft mit sich und äußerst fiese Wellen im Golfstrom. Aber eben auch Rückenwind auf unserem Weg nach Süden, jetzt, wo wir uns zwischen den Golfstrom und die Ostküste der USA gesetzt haben und somit eher günstige nach Süd setzende Neerströme nutzen können.

Für die Nacht auf Samstag ist ein kurzer Norder angekündigt. Den ganzen Tag haben wir schwachen Südwind, aber tatsächlich, um 20.30 Uhr springt unser Windgenerator an, gleichzeitig dreht sich Flora um 180 Grad. Na dann los! Wir tasten uns im Dunkel aus der schönen Ankerbucht am Cape Lookout, setzen die Segel und Rauschen durch die Nacht. Wilmington/Wrightsville Beach ist unser Ziel, eine der gar nicht mal so vielen “Class A”-Einfahrten an der US-Ostküste, die auch bei ungünstigeren Wetterbedingungen mit unserem Tiefgang angelaufen werden können. Aber das ist heute gar nicht wichtig, es wird eine wunderbare schnelle und trotzdem recht ruhige Überfahrt. Frisch, aber die aufgebaute Kuchenbude hilft. Mit Sonnenaufgang kommen wir an.

Wrightsville Beach liegt auf einer schmalen Insel, im Grunde wieder eine Nehrung, die die dahinter liegende flache Insellandschaft vom Meer trennt. Auf der Nehrung stehen dicht an dicht Strandvillen. Geankert wird im Kanal dazwischen.

Für uns wird es allerdings nur ein kurzer Stop. Eine Nacht bleiben wir dort, tanken noch in der Marina, dann gehts am nächsten Morgen früh los und weiter nach Süden, wobei wir erst ein ganzes Stück weit um das Cape Fear herum ausholen müssen. Kein Norder mehr, aber westnordwestliche Winde, die uns erst einmal schräges aber schönes Amwindsegeln bescheren, abwechseln mit Fock oder Code0. Zum Abend hin schläft der Wind (etwas früher als vorhergesagt) ein. Aber zuvor dürfen wir noch ein ganz besonderes Erlebnis genießen: Delfine begleiten uns und spielen um die Flora, während wir in den Sonnenuntergang segeln.

Nun sind Delfine am Boot immer klasse, aber diese Begegnung im letzten Büchsenlicht hat für uns schon eine ganz besondere Magie. Ein Video davon (besser als das Foto) findet sich HIER.

Und nach einer durchmotorten Nacht kommen wir am Morgen in Charleston an. South Carolina, aus Maryland kommend nach Virginia und North Carolina der dritte der Südstaaten im engeren Sinne, also derjenigen sklavenhaltenden “konföderierten” Staaten, die sich 1860/1861 von der Union losgesagt hatten.

Und noch mehr als zuvor in Virginia und North Carolina wird hier in Charleston das vielleicht von “Vom Winde verweht” und “Fackeln im Sturm” geprägte Südstaatenbild bedient. Kein Wunder, denn die auf einer Halbinsel zwischen dem Ashley River und dem Cooper River gelegene Stadt war mit ihrem Naturhafen im ausgehenden 17. und frühen 18. Jahrhundert die wesentliche Drehscheibe des Sklavenhandels. Die Plantagenbesitzer ließen sich hier am Atlantik prächtige Stadthäuser bauen, um der Sommerhitze in der Ozeanbrise etwas zu entgehen.

Noch heute prägt die Architektur mit großzügigen überdachten Terrassen und vielen Säulen vielerorts das Stadtbild. Ganz sicher trägt zum Südstaatenklischee auch das weit verbreitete “Spanish Moss” bei. Das manchmal auch als Louisianamooss oder Feenhaar bezeichnete Bromeliengewächs hängt oft dicht an dicht in den Bäumen, so als ob diese mit den Bärten von ZZ-Top konkurrieren wollten 😉.

Mit Steve und Helena von der Amalia erkunden wir die Stadt, laufen kreuz und quer durch die vielen kleinen Straßen und finden die ungewohnte Kombination von reichlich Palmen und viel Herbstlaub (und natürlich dem Spanish Moss). Und wir feiern auf der Moana den Geburtstag von Mareike. Schön, hier am Ankerplatz mit viel Tide und Strömung im Fluss gleich mehrere befreundete Crews wiederzutreffen.

Pura Vida.

Ruhige Tage am Cape Lookout

Danke für’s Daumendrücken, es hat ganz offensichtlich geholfen. Unsere Passage um das Kap Hatteras war so, wie wir wie sie uns angesichts des Wetterfensters nur wünschen konnten: vergleichsweise ruhig, ohne allzu große Seen und mit durchaus schönen segelbaren Abschnitten, obwohl ganz überwiegend doch der Motor ran musste. Insgesamt 38 Stunden Fahrt, zwei Nächte wegen der Abfahrt am Nachmittag, die Ankunft kurz vorm Hellwerden.

Und jetzt sind wir hier auf dem Ankerplatz im Barden Inlet am Cape Lookout. Durchatmen und genießen.

Während sich die Wellen draußen am Strand krachend brechen, liegen wir hier drinnen wunderbar ruhig.

Lange Strandspaziergänge gemeinsam mit Helena und Steve, Spiele, gemeinsame Abendsessen.

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Pura Vida.

Wetterfenster? Die Zweite

“Red sky at night, sailors’ delight”. Wir nehmen es als gutes Zeichen, zumal sich am nächsten morgen eben kein roter Himmel zeigt (red sky at morning, sailors take warning).

Gemeinsam mit der Amalia segeln wir 42 sm weiter die Chesapeake Bay nach Süden hinunter zu unserem angedachten Startpunkt für den Absprung aus der Chesapeake und den Weg ums Kap Hatteras. Es wird ein wunderbarer Segeltag. Erstmal müssen wir allerdings den Anker vom festsitzenden Schlamm befreien. Schon beim Einholen der Kette spülen wir diese mit Salzwasser, ansonsten werden zu viele Matschklumpen aufs Deck geschleudert. Flora hat eigens dafür eine Deckswaschpumpe mit Schlauchanschluss auf dem Vorschiff. Beim Anker muss dann erstmal der Bootshaken ran, um den groben Dreck vom Anker zu schieben, der Rest des klebrigen Krams wird abgespült.

Dann aber ist es herrlich. Mit aufgebauter Kuchenbude segeln wir selten, aber jetzt ist es selbst vor dem Wind und trotz der Sonne ziemlich kalt, da ist das “Cockpit-Zelt” eine echte Wohltat.

Zumal der anfangs noch entgegen laufende Tidenstrom uns ordentlich bremst und wir deshalb wirklich den ganzen Tag unterwegs sind. Und gegen 17.00 geht schon die Sonne unter, da sind wir noch nicht dran gewöhnt, erst am letzten Wochenende war hier die Umstellung auf Winterzeit.

Erst gegen 18.00 tauchen dann die Lichter von Norfolk und Hampton vor uns auf, als wir den Ankerplatz im Mill Creek erreichen ist es bereits stockfinster.

Und jetzt gilt es: wollen wir morgen wirklich los? Noch einmal werden die Köpfe zusammengesteckt, die Wetterprognosen gecheckt, Varianten erörtert. Als nützlich erweist sich das bisher von uns nicht viel genutzte “Departure Planning”-Tool unserer Wettersoftware Predict Wind:

Quelle: Screenshot PredictWind

Wir spielen ein bisschen herum und einigen uns mit Steve und Helena darauf, dass eine Abfahrt um 15.00 Uhr am meisten Sinn zu machen scheint. Es ist ein Kompromiss, die Wellen des alten Tiefs haben mehr Zeit sich zu beruhigen und vor der Donnerstag Abend einsetzenden nächsten Starkwindphase aus Süd sollten wir den Ankerplatz am Cape Lookout erreichen. Warum legen wir hier soviel Wert darauf, dass sich die Wellen beruhigen, während wir sonst mit höheren Wellen nicht so große Probleme haben? Na ja, eine gleichmäßige lange und meinetwegen auch hohe Atlantikdünung, die das Schiff von hinten kommend anschiebt ist ja eher willkommen. Hier aber passt die Welle weder zum Wind noch zur Dünung des abgezogenen alten Tiefdruckgebiets.

Quelle: Screenshot Windy.com

Deshalb möchten wir nicht vor Mittwoch Nachmittag am Kap Hatteras sein. Allerdings müssen wir bei der sich daraus ergebenden Abfahrtszeit mit Sicherheit zwei Nächte statt sonst möglicherweise nur einer Nacht durchsegeln. Ebenfalls ein Kompromiss hinsichtlich der Strömung: sie wird am Kap dann doch schon wieder mit einem Knoten gegen uns stehen, dafür schiebt sie uns aber aus der Chesapeake heraus.

Quelle: Screenshot PredictWind

Die verschiedenen Wettermodelle des Routing-Tools sind sich ziemlich einig (ein gutes Zeichen), lediglich beim Winkel, in dem der Wind am Ende der Strecke von vorn kommen wird, liegen sie zwischen hoch am Wind und fast Halbwind auseinander.

Der Dinghymotor ist an Floras Heckkorb gewandert, Florecita selbst mit zusätzlichen „Bellybands“ in den Davits verzurrt. Unter Deck soweit alles gestaut und unser „Reisebett“ im Durchgang zum Vorschiff eingerichtet. In zwei Sunden soll es losgehen. Drückt uns die Daumen.

Pura Vida.

Sturmversteck und Gunkholing

In enger Folge ziehen derzeit kräftige Tiefdruckgebiete über die Chesapeake Bay, nicht untypisch für diese Jahreszeit. Die Lücken zwischen ihnen nutzen wir für die Fahrt nach Süden.

Screenshot, Quelle: Windy.com

Aber wenn das Tief naht, verkriechen wir uns. In diesem Fall hinein in die verzweigten Creeks von Solomon‘s Island. Wobei, ganz tief hinein brauchen wir gar nicht, schon die verschlungene Einfahrt gewährt guten Schutz. Mit dem Dinghy erkunden wir die von herbstlich gefärbten Bäumen gesäumten Verästelungen des Mill Creek und des von ihm abzweigenden St. John Creek, über drei Kilometer weit hinein. „Gunkholing“ nennen die Amerikaner das Herumfahren in diesen manchmal flachen und mit tiefgehenden Booten schwer zu navigierenden Inlets, wobei man dann herrliche Einblicke in die zum Wasser ausgerichteten Gärten der anliegenden Häuser bekommt.

Naja, Häuser. Am Eingang des Creeks sind es eher Villen, mal mehr, mal weniger geschmackvoll, die oft eher Motoryachten, schnelle Sportangler und Spielzeuge wie Jetskis an ihren Anlegern präsentieren. Weiter innen im Creek werden die Häuser oft etwas kleiner, liegen versteckter.

Manche der festen Stege am Ufer finden wir schon überspült, denn das Tiefdruckgebiet presst offenbar reichlich Wasser in die Chesapeake Bay hinein, ein ungewöhnliches Hochwasser ist angekündigt, Hochwasser- und Sturmwarnung bis hinauf nach Washington DC.

Ein Spaziergang zum WestMarine Bootsausstatter folgt, auf dem Rückweg besuchen wir noch Mareike, die in einer Marina im Nebencreek an ihrer Moana arbeitet und verabreden uns für morgen zum Abendessen.

Im Ort kommen wir dabei durch ein „historisches Viertel“ mit zum Teil wirklich alten, zum Teil aber auch brandneuen Häusern und Häuschen im historischen Baustil.

Zurück an Bord genießen wir noch ein wenig die Ruhe vor dem angesagten Sturm. Die Wettermodelle sind sich nicht ganz einig, bis zu 10 Bft könnten es nach dem NAM-Modell in der Chesapeake werden, hier für Solomon’s sagen immerhin drei von vier Modellen um die 40 kn und darüber (8 bis 9 Bft) voraus, lediglich das sonst in den Böen oft genauere ECMWF beschränkt sich diesmal auf 34 kn.

Screenshot, Quelle wiederum Windy.com

Wir machen die Flora klar für den Starkwind, kontrollieren Anker und Ankerkralle, sichern die Fock zusätzlich und stauen windanfällige Sachen wie z.B. den Rettungskragen) unter Deck. Und wirbekommen die Sendefunktion unseres AIS nach mehreren Emails mit dem Hersteller und einem Softwareupdate endlich wieder zum Laufen.

Und dann heißt es Abwarten.

Pura Vida.