Also Antigua!

Zur Eindämmung des Coronavirus werden auch hier in der Karibik allenthalben Maßnahmen getroffen, allerdings – wie in Europa auch – nicht in allen Staaten gleichzeitig. Da hier in den kleinen Antillen fast jede größere Insel ein eigener Staat ist, führt das zu einem Flickenteppich von sich in schneller Folge verändernden (=derzeit: verschärfenden) Regularien für die Segler, die sich zwischen den Inseln bewegen.

Verständlicherweise sind die Auswirkungen auf Segler nicht das Allererste, was beim Erlass neuer Regelungen in den Sinn kommt oder geprüft wird. Ist eine Regelung zur Corona-Eindämmung aber erstmal getroffen, wird sie von den ausführenden Oganen/Behörden in der Regel mit Vehemenz umgesetzt, auch das ist vor dem Hintergrund einer Pandemie nur zu verständlich. Es führt allerdings in manchen Fällen zu nur schwer verdaulichen Situationen, wenn etwa einem Segler trotz schlechten Wetters und rauer See das Anlegen in einem Hafen des Landes verwehrt wird, in dem er sich schon längere Zeit bewegt (so geschehen auf Madeira) oder nach tagelanger Fahrt (von den Kanaren nach Marokko) das Schiff mit Maschinenpistole im Anschlag zur Umkehr gezwungen wird.

In solche Situationen möchten wir natürlich nicht kommen. Auch hier in den kleinen Antillen werden zunehmend Grenzen geschlossen, Häfen gesperrt, beim Einreisen 14tägige Quarantäne vorgeschrieben, Ausgangssperren verhängt, dem Vernehmen nach z.T. sogar Ankerplätze geräumt (z.B. Îles des Saintes oder Bequia).

Nachdem sich in den letzten Tagen die Situation immer unübersichtlicher gestaltete, hatten wir für uns drei Länder als mögliche Fixpunkte herausgesucht, in denen wir die weitere Entwicklung in Ruhe beobachten könnten. Zunächst einmal Antigua und Barbuda 🇦🇬 , in dem wir seit Anfang des Monats einklariert sind, darüber hinaus Guadeloupe 🇫🇷 und Sint Maarten 🇸🇽 / St. Martin 🇫🇷, die beide mit einer längeren Tagesfahrt erreichbar gewesen wären. Allerdings: bei Guadeloupe und St. Martin zeichnete sich wegen der Anbindung an Frankreich früh ab, das die in Frankreich getroffenen strikten Maßnahmen auch hierhin ausstrahlen würden. Und tatsächlich: dort wie auch im holländisch geprägten Sint Maarten ist die Einreise für neu ankommende Schiffe inzwischen seit dem 18. März nicht mehr möglich. Wäre unglücklich gewesen, wenn man sich dorthin auf den Weg gemacht hätte und nicht rechtzeitig vor Schließung angekommen wäre.

Wir bleiben also hier in Antigua und Barbuda. Vor gut einer Woche, am 12. März, hatte ich ja schon mal zitiert: „If you’re gonna get stuck, get stuck somewhere nice“. Und „nice“ ist es hier allemal. Es gibt zwar Restriktionen, einklariert werden kann nur noch in der Hauptstadt St. John’s, aber die Bewegungsfreiheit im Land ist bisher nicht eingeschränkt. Wir können also zwischen den Ankerplätzen hin und her wechseln.

Und das machen wir auch: zuletzt in Barbuda am Cocoa Point Anchorage verholen wir uns etwas weiter nördlich in die Low Bay (wieder vor Anker) und machen von dort aus einen geführten Ausflug in das Vogelschutzgebiet im Norden der großen Insellagune.

Links Ankerplatz, rechts Lagune. Hurrikan Irma hat diese Dinghydurchfahrt in die westliche Nehrung gerissen, die sich aber bereits langsam wieder schließt.

Guide George holt uns mit einem flachgehenden Boot ab und bringt uns in das Schutzgebiet. Auch diese von den Fregattvögeln als Brutgebiet geschätzte Mangrovenlandschaft wurde von Irma schwer getroffen. Sie erholt sich aber und auch die Zahl der dort lebenden Fregattvögel nimmt erstaunlich schnell wieder zu.

Die Wucht des Hurrikans und auch das Schließen der durch ihn verursachten Wunden werden deutlich an diesem (gefüllten) Seecontainer, den Irma rund zwei Meilen durch die Luft schleuderte und der heute fast schon von Magroven überwuchert ist.

Etwas weiter zeigen sich dann auch die Fregattvögel. In der Balz versuchen die geschlechtsreifen Männchen die Weibchen durch Aufblasen ihres roten Kehlsacks zu beeindrucken.

Eigentlich ist die Zeit dafür schon vorbei, längst hocken bereits flaumige, gar nicht mehr kleine Federknäuel in den Mangrovennestern. Aber die übrig gebliebenen Junggesellen werfen sich trotzdem noch mächtig in Schale, aus der Entfernung wirkt es gelegentlich, als seien Luftballons 🎈 in den Büschen hängen geblieben.

Fregattvögel sind riesig, ihre Flügelspannweite kann über 2,40 m erreichen. Dabei sind sie im Verhältnis zu ihrer Größe die leichtesten Vögel überhaupt. Ihre Beute fangen sie im Flug, wobei sie – wenn sie selbst jagen – selten mehr als mit dem Schnabel oder höchstens Kopf ins Wasser tauchen. Mit gutem Grund: ihr Gefieder ist nur unzureichend wasserdicht. Sind sie zu lange im Wasser saugt es sich voll und sie können kaum noch starten. Auch das sehen wir auf unserer Exkursion, wobei das Wiederaufsteigen in die Lüfte dann doch noch klappt, aber erst nachdem unser Guide schon begonnen hat, zu einem Rettungsversuch anzusetzen.

Der fast ausgewachsene, aber noch nicht geschlechtsreife Jungvogel (erkennbar am weißen Kopf) hat große Mühe wieder in die Luft zu kommen.

Der Name Fregattvögel kommt übrigens von einer weiteren Eigenart bei der Nahrungsbeschaffung, die an die Überfälle der Kriegsschiffe erinnern mag. Die sehr wendigen Fregattvögel bedrängen andere Vögel im Flug so sehr, bis diese ihre eigene Beute fallen lassen, die der Fregattvogel dann dann oft noch im Flug auffängt.

Am Tag nach dieser für uns eindrucksvollen Exkursion segeln wir wieder nach Süden, zurück in den Westen von Antigua nach Jolly Harbor. Der Grund hierfür ist vorrangig, dass wir zum einen die weitere Entwicklung in Sachen Corona von einem Ort mit guter Versorgungslage beobachten wollen. Das betrifft einerseits den Proviant: wir sind gut ausgerüstet, stocken aber vor allem noch frische Lebensmittel wie Milch, Käse, Obst und Gemüse auf. Zum Anderen ist unsere in Spanien gekaufte 11kg-Gasflasche jetzt doch mal leer. Wir haben zwar noch eine griechische 10 kg-Flasche in Reserve, aber der notwendige „Adapter # 2“ (zwischen deutschem Druckminderer und griechischer Flasche ist nicht auffindbar. Grrr. Wir hatten ihn ausgeliehen, glauben aber eigentlich ihn wiederbekommen zu haben. Nur ist er jedenfalls nicht da, wo wir bisher überall gesucht haben. Kochen können wir trotzdem: erstmalig kommt unser Backup, eine elektrische Induktionskochplatte zum Einsatz und bewährt sich dabei gut, wobei sie allerdings über den Inverter betrieben mächtig viel Strom aus unseren Batterien saugt, wenn wir nicht nur unseren Morgenmokka zubereiten.

Der Törn hinunter nach Jolly Harbor bietet uns 30 sm wunderschönes Segeln und zwei dicke Überraschungen: erst fange ich an einem Köder zwei Jackfische gleichzeitig (und danach nur noch Sargassum).

Und dann besucht uns ein Wal. Er taucht nur 5 m neben der Flora auf, erfreut und erschreckt uns etwas mit seinem Blas, lässt sich dann aber zurückfallen und zeigt sich hinter uns noch zwei weitere Male. Er ist groß, aber wir können die Art nicht sicher bestimmen 😔. Kann jemand aushelfen?

Und wie geht’s weiter? In Antigua & Barbuda sind bisher die Geschäfte weiter geöffnet, es gibt (noch?) keine Ausgangssperre, der Supermarkt ist gut sortiert und ohne größere Regallücken. Es gibt einen Budget-Marine (Yachtausrüster), wir können also auch gut am Boot basteln. Internetempfang ist in Ordnung, was unserem gesteigerten Informationsbedürfnis in Corona-Zeiten sehr entgegenkommt und uns auch über WhatsApp-Telefonate mit den Lieben daheim und unseren Freunden in anderen Teilen der Welt verbindet. Hier bleiben wir erstmal ein bisschen und vielleicht (wenn das dann noch möglich sein sollte) verholen wir uns nach einiger Zeit wieder in eine ruhigere Ankerbucht. Menschenansammlungen, wie wir sie noch vor einer Woche auf Shirley Heights in English Harbor hatten, würden wir jetzt eher meiden. In kleinem Rahmen bleiben wir aber in Kontakt mit den befreundeten Seglern anderer Boote. Unabhängig von den jeweiligen ursprünglichen Plänen sind wir alle konfrontiert mit der Pandemie und ihren noch immer unklaren Auswirkungen, der Ungewissheit, welche Reisewege bis zum Beginn der Hurrikansaison wieder offen sein werden oder versperrt bleiben, vor allem aber Sorge um die Angehörigen und Freunde daheim. Bleibt gesund!

11 Gedanken zu „Also Antigua!

  1. Danke für Eure vielen Infos zur Situation vor Ort, einige Freunde von uns sind ebenfalls in der Karibik unterwegs oder auf dem Weg dahin, an die ich Eure Einschätzungen immer weitergebe. Falls Langeweile aufkommt, würde sich die Trans Ocean community sicherlich auch freuen, wenn Ihr mal was zur Lage postet.
    Wünsche Euch weiterhin alles Gute, und hoffe, dass Ihr Euren Aufenthalt auch ein bisschen genießen könnt. Wir sitzen seit Sonntag in Las Palmas fest, aber fühlen uns wohl und sicher an Bord. Grüße von Tania und Wolfgang, SY Blue Pearl

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  2. Hallo Flora Crew – lustig dass ihr genau dieselbe Induktionsplatte wie wir als Backup habt.
    Antigua ist definitiv ein schöner Platz um längere Zeit zu bleiben!
    Auf Antigua kann – wie auf fast allen nicht-französischen Inseln – Propangasflaschen befüllen lassen. Ich habe mir nicht gemerkt wo, glaube es war in Falmouth. Ggf. in der Funkrunde nachfragen.

    Wie ich auf gestern unserem BLOG geschrieben hatte, werden wir wohl unsere USA Pläne sausen lassen und planen, zur Hurrikansaison wieder zurück nach Grenada oder Trinidad zu gehen. Sofern wir es dann dort rein dürfen!
    Bisher halten wir es gut in den BVIs aus. Genau wie Antigua hat es viele Möglichkeiten und Buchten. Und gute Infrastruktur. Dumm ist dass man immer nur für 4 Wochen eine Aufenthaltserlaubnis bekommt und angeblich wird diese jetzt nicht mehr verlängert. Ich hoffe das ändert sich wieder.

    Liebe Grüße von der INVIA!

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  3. Hallo Stefan,
    erst mal herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag (wenn Fb recht hat). Wir haben die USA-Pläne noch nicht aufgegeben, aber das Wort „Plan“ ist hinsichtlich von Segelzielen in diesen Zeiten vielleicht ohnehin ein zu großes Wort. Zukunftsvorstellungen für die Hurrikansaison reduzieren sich derzeit ja eher auf „Ideen“.
    Die spanische Gasflasche haben wir in Jolly Harbor an der Hafentankstelle abgegeben und sollten sie heute Vormittag gefüllt wieder abholen können 🤞.
    Gestern Abend auf der Baradal von Martina und Uli kam das Gespräch übrigens auch auf Euch, witzig, wie sich die Fäden immer wieder verknüpfen.
    Liebe Grüße, genießt die BVIs und bleibt gesund!

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  4. Das wünsche ich Dir und allen Massingern ebenfalls! (Sorry an die Flora Crew dass ich Ihren Blog dazu missbrauche)

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  5. Vielen Dank für eure ausführlichen Beiträge und wie es wegen dem Corona Virus in der Karibik aussieht. Liegen in Ecuador und wollten eigentlich in die Gambier aufbrechen. Bleiben erstmal hier und warten ab. Alles Gute weiterhin und bleibt gesund

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  6. Hallo Wiebke, Hallo Ralf,
    Vielen Dank für die Berichte und die tollen Bilder. Macht weiter so, auch mit versteckten Insider Witzen! Ich bin sehr empfänglich für farbige Bilder jeder Form und lockere Berichte über euren Alltag. Düstere Prognosen und Ängste gibt es hier mehr als genug. Bleibt gesund und passt auf euch auf. LG Gisela

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  7. Hallo Ihr Beiden
    Ich sitze auf meiner Terrasse und lese gerade euren tollen Blog Uns geht es zur Zeit noch prima wir haben so wie wahrscheinlich alle einen Kloß im Hals. Fenja pendelt zwischen ihrem Momme und uns, sodass wir viel Zeit miteinander verbringen, was wir natürlich sehr genießen. Eckernförde steht wie der Rest des Landes still, einer der wenigen die mehr zu tun haben sind die Steuerberater. Das geht von der Beantragung von Kurzarbeitergeld bis zu Beantragung von Überbrückungsdarlehen. Du siehst, wenn das Problem viel Arbeit ist geht es uns gut. Bleibt zuversichtlich und gesund
    Fenja Petra und Gerfried

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