In Reedville machen wir einmal mehr Bekanntschaft mit großzügiger amerikanischer Gastfreundschaft. Wir ankern im Back Creek. Steve und Helena sind dagegen mit ihrer Amalia an den Steg von Mary und Walt gegangen. Sie hatten die beiden über den OCC kennengelernt (Ocean Cruising Club, quasi das englisch internationale Pendant zu unserem Verein TransOcean).
Am Abend nach Halloween werden wir mit zum Sundowner ins Haus von Mary und Walt eingeladen. Die beiden bieten uns großzügig an, bei ihnen Wäsche zu waschen, das schnelle Wifi zu nutzen, Müll da zu lassen (nehmen wir gern in Anspruch). Es folgen noch weitere Sundownerabende mit angeregtem Gesprächen, einmal bekocht Mary sogar die ganze Bande.
Gemeinsam mit Helena, Steve, deren Kurzzeitbesuch Luda und Dave sowie eben Mary und Walt gehts am nächsten Tag zum Lunch in das nette rustikale Leadbelly Restaurant bei der Fairway Marina. Luftlinie nicht weit entfernt, aber durch die Umwege um die Creeks herum dann doch ein ganzes Stück mi dem Auto zu fahren.
Fahren würden sie uns auch zum Einkaufen, außerdem bieten sie uns an das Dock des Nachbarn zu nutzen, … aber wir wir möchten sie nicht überstrapazieren und fühlen uns auch sehr wohl vor Anker. Trotzdem, bevor wir nach 5 Tagen wieder weiter segeln, gehen wir doch noch einmal kurz bei der Amalia längsseits und bunkern am Steg Frischwasser. Unseren Wassermacher haben wir nämlich noch nicht wieder in Betrieb genommen, das trübe Chesapeakewasser setzt die Filter sonst recht schnell zu.
Übrigens ist es inzwischen recht frisch geworden hier, nachts geht es runter bis auf 5 Grad Celsius. Wird wirklich Zeit, weiter nach Süden zu segeln. Also nicht wundern, warum die Kuchenbude aufgebaut ist 😊. Sie wird auch ihrem Namen entsprechen genutzt:
Reedville. Steve und Helena mit der Amalia haben uns hier her gelockt, der Halloween-Umzug soll eine echte Show sein. Wir freuen uns, die beiden wieder zutreffen und so finden wir uns pünktlich am Abend vor Halloween gemeinsam am Ankerplatz ein.
“All hallows eve”, Abend vor Allerheiligen, das soll wohl der ursprünglich aus Irland stammende Hintergrund des Volksfestes mit Kürbisschnitzereien, Gruselfiguren und “trick or treat” sein. Kinder und Jugendliche, manchmal auch Erwachsene ziehen verkleidet von Haus zu Haus um Süßigkeiten abzustauben. Einige Horrorfilme haben das Thema schon aufgenommen, wie in fast jedem Jahr gibt es auch diesmal wieder Aggressionen, Gewalt und Schießereien irgendwo im Land in dieser Nacht, aber das ist nicht das typische Halloween. Klar, wir wären nicht in Amerika, wenn es nicht auch grelle und bunte Formen annehmen würde. Aber dennoch, es ist ein unbestrittener Höhepunkt im Jahr für die Kinder, dem lange Vorbereitung, Basteleien, Kostümierung und Hamsterkäufe an Süßigkeiten vorausgehen. Ein bisschen wie die regionalen Bräuche des Klausens und Martinssingens unserer Kindheit zusammen, noch eben alles eine Spur größer.
Beim Rundgang durchs Dorf treffen wir am frühen Nachmittag Rob, der vor seinem überaus üppig dekorierten Haus nach eigenem Bekunden gerade den dreißigsten Kürbis schnitzt. Ja, er sei schon Halloween-verrückt, schon von Kindesbeinen an, aber seine Frau Susan, die sei die wahre Queen of Halloween! Über 1.000 Süßigkeiten-Riegel würden sie an diesem Abend an die Kinder verteilen. COVID-bedingt waren es im letzten Jahr “nur” 600. Er habe extra eine Drachenrutsche gebaut, über die die “treats” mit Social Distancing zu den Kindern rutschen. Das haben sie für dieses Jahr beibehalten.
So richtig schön werde es erst in der Dämmerung, dann kämen auch Autos und sogar Busse mit Kindern aus dem ganzen County hier nach Reedville. Wir versprechen, nachher wiederzukommen. Bummeln noch ein wenig durch den Ort und lassen die Dekorationen auf uns wirken.
Dann geht die Sonne langsam unter und die Strasse füllt sich.
Kleine Schlangen bilden sich vor einigen Häusern, mit „Happy Halloween“ füllen sich auch die Taschen der Kinder.
Auch Erschrecken gehört dazu, hier wird eine Riesenspinne aus dem Baum per Seil von der Terrasse aus auf die mehr oder weniger überraschten Kinder fallen gelassen. Die nehmen es mal mit Kreischen, mal betont cool auf.
Und die leuchtenden, sich mit Pressluft bewegenden Figuren vor dem Haus von Rob und Susan stechen natürlich besonders heraus. Die beiden freuen sich sichtlich über den Andrang. Queen of Halloween.
Für uns hat Reedville aber noch einen ganz anderen Charme, der sich am nächsten Morgen wieder zeigt. Unser Ankerplatz liegt herrlich im Wirrwarr der Verästelungen des Creeks (wie Lungenkapillaren, hatte ich in einem anderen Beitrag mal geschrieben). Auf der Navionics Seekarte sieht das so aus:
Saisonstart im Oktober, das klingt irritierend. Aber genau so fühlt es sich für uns an, nachdem die Flora fast drei Monate auf dem Trockenen stand, wo sie eine Schönheits- und eine Fitnesskur bekam.
Der erste Segeltag – ein Traum. Kaiserwetter, dazu eine wunderbare Segelbrise und noch dazu aus West, so dass wir kaum Welle haben und unser Tagesziel Annapolis mit Halbwindkurs ansteuern können. Vorbei am ikonischen Thomas Point Shoal – Leuchtturm, selbst das eigentlich eher bräunlich trübe Wasser der Chesapeake Bay wirkt da blau 😊.
Gleich am ersten Tag in Annapolis besuchen wir Annemarie und Volker auf ihrer „escape“ und haben einen supernetten Abend bei ihnen an Bord.
Am nächsten Morgen beim amerikanischen Frühstück im Cockpit der Flora (mit leckeren Bageln) haben wir den Blick auf das Kapitol links im Hintergrund und das weitläufige Gelände der Naval Academy (rechts).
Nachdem wir ja bei unserem letzten Besuch hier das Kapitol besichtigt hatten beschließen wir, diesmal die Kaderschmiede der US Navy zu besuchen. Das Gelände ist öffentlich zugänglich und beinhaltet mehrere Ausstellungen, ein Museum, eine Kirche, natürlich die Wohnräume der Kadetten, die Hörsäle, die Verwaltungsgebäude und einen eigenen Navy-Yachthafen mit Jollen und diversen seegängigen Segelyachten.
Und man merkt selbst hier, dass es auf Halloween 🎃 zugeht:
Vor allem aber bekommen wir auf dem großen, parkähnlichen Campus-Gelände mit seinen monumentalen Bauten einen Eindruck davon, wie stark die Stadt Annapolis mit der Navy und ihrer Akademie USNA (United States Naval Academy) verbunden ist und wie sehr sie auch von dieser seit 1845 hier angesiedelten Institution geprägt wurde.
Apell der Midshipmenmen (und -women) täglich um 12.05, die Flaggen auf Halbmast wegen des Todes von Colin PowellGebäudeinschriften Navigation und Seemannschaft, davor tatsächlich ein Denkmal für JAMES BOND (Stockdale), die Studenten streben gerade aus dem Hörsaal zur Mensa.Die „Kapelle“ auf dem Campus der USNA
Die Soldatinnen und Soldaten in ihren weißen Ausgehuniformen gehören ohnehin zum Stadtbild von Annapolis. Vier Jahre dauert ihre Ausbildung (inclusive Studium) hier, dann folgen mindestens fünf weitere Jahre als Offizier der Navy. Die Ausstellung betont, dass danach natürlich nicht Schluss sein muss. Herausgestellt werden ehemalige Absolventen wie Präsident Jimmy Carter und diverse US-Astronauten.
Ein bisschen stößt auf, wie kritikfrei die heroische Darstellung in den Ausstellungen und im Museum ist, bei den militärischen Themen mag das noch verständlich sein, bei mehr historischen wie etwa der Nordpolexpedition von Robert E. Peary mit seiner umstrittenen Erstbetretung des Pols am 6. April 1909, na ja, kein Wort des Zweifels. Aber vielleicht war es ja auch so, dass Peary nur wegen der eisigen Kälte genau an den Tagen seines größten Erfolgs sein sonst so penibel geführtes Tagebuch und auch sein Routenbuch ohne Eintrag ließ.
Nicht so bitterkalt, aber doch merklich kühler und herbstlicher wird es jedenfalls auch hier, wird Zeit, dass wir der Wärme wieder ein Stück entgegensegeln. Schön ist es trotzdem.
So wie das dreidimensionale Schild in der Abflughalle des Flughafens von San José es beschreibt ist es wohl tatsächlich: Costa Rica hinterlässt bei uns einen bleibenden Eindruck, wir sind fasziniert von diesem Land, begeistert von der Vielfalt seiner Natur und den freundlichen Menschen.
Und zusätzlich sind wir auch dankbar für das Wetterglück, dass uns bei unserem Aufenthalt hier in der Hauptstadt-Regenzeit beschieden war. Klar, ohne die Covid-Reisebeschränkungen wären wir jetzt sicher nicht hierher geflogen, aber was für ein Geschenk war es, dieses kleine Land so wunderbar erleben zu dürfen. Manchmal verläuft der Glückspfad über Umwege.
Beim Einchecken morgens um 8.00 gibt’s noch einen kurzen Aufreger, denn “das System” berechnet Wiebkes (und nur ihre!) Aufenthaltszeit in Costa Rica fälschlicherweise mit 14 Tagen. Es müssen aber MEHR als 14 Tage seit der Ausreise aus dem Schengen-Raum sein, sonst lassen uns die USA nicht einreisen. Die Prüfung ist offenbar auf die Fluggesellschaften vorverlagert. Auf den Fehler hingewiesen, rechnet man am Schalter mit den Händen nach, kommt auf die korrekte Zahl von 15, ruft die CBP in den Vereinigten Staaten an und bekommt das o.k.
Über die Länder Nicaragua, Honduras, Belize und Mexiko und dann quer über den Golf von Mexiko hinweg fliegen wir nach Houston, Texas in die USA.
Kurzer Aufenthalt und dann leicht verspätet Weiterflug nach Washington DC. Da kommen wir dann am Abend um 21.00 im Dunkeln an, es war dann doch ein langer Reisetag.
Taxi zur Wohnung von Michael und Greg, Taschen fallen lassen, Durchatmen. Wir sind wieder da. Was für ein Luxus, auch hier fühlt es sich schon ein bisschen so an wie nach Hause kommen.
Jetzt warten noch knappe zwei Wochen Bootsarbeit auf uns, dann kommt Flora (hoffentlich) schon wieder ins Wasser.
Morgen geht unser Flug in die USA, die zwei Wochen hier in Costa Rica sind schon wieder um. Was für Naturerlebnisse! Und dabei haben wir nur einen kleinen Auschnitt dieses ohnehin (flächenmäßig!) nicht sehr großen Landes bereist.
Extrem positiv überrascht hat uns das Wetter, hatten wir doch befürchtet, jetzt in der Haupt-Regenzeit mehr oder weniger weggeschwemmt zu werden. Aber wir hatten Glück, außerdem konnten wir im Hochland unsere Aktivitäten überwiegend in die deutlich trockeneren Vormittage legen. So auch heute wieder:
Frühstück um 7.00 auf der Terrasse unseres Zimmers in der mit 80 $ die Nacht für hiesige Verhältnisse recht günstigen Lodge. Und dann gleich los zum Poás Vulkan, ganz lange wird der blaue Himmel wohl nicht halten.
Der Poás ist einer der sechs aktiven Vulkane Costa Ricas und rund 2.700 m hoch. Er hat zwei Kraterseen mit einem Durchmesser von jeweils etwa 400 m, die heiße „Laguna Caliente“ und den kalten „Botos“. Der Zugang zu letzterem ist seit dem Ausbruch des Vulkans 2017 gesperrt, spannender und optisch attraktiver ist aber ohnehin die Laguna Caliente. Der See in der Caldera ist nämlich nicht nur heiß, sondern auch extrem sauer (PH-Wert 1!). Und er zeigt sich in einem intensiven Türkisblau, wenn denn der Gipfel nicht in Wolken gehüllt ist, sondern die Sonne scheint.
Die Anfahrt über die Serpentinen der steilen Berghänge überrascht schon mal. Zum einen wechselt die Vegetation, wir fahren zunächst durch Kaffeeplantagen (unter anderem liegt die Starbucks-Plantage am Weg).
Und dann: Erdbeer-Anbau! An den Straßen sind kleine Verkaufsstände aufgebaut, sogar spezielle Restaurants mit den Fresas del Vólcano (Vulkanerdbeeren) gibt es. Typischerweise werden sie im Becher mit süßer Kondensmilch und Schokosoße verkauft, schmeckt gar nicht schlecht und „etwas“ zusätzliche Süße können die Fresas del Vólcano durchaus vertragen.
Weiter auf dem Weg zum Gipfel kommen dann schwarzbunte Milchkühe auf saftig grünen Bergwiesen in den Blick.
Die Wolken bleiben noch auf Abstand, deshalb können wir einen großen Teil der Hochebene überblicken, auf der Costa Ricas Hauptstadt San José sich breitmacht. Das ist durchaus wörtlich zu nehmen, denn der Ort wächst in alle Richtungen. Links am Bildrand liegt die alte Stadt Cartago, rechts Alajuela. Alle drei Städte waren einmal Hauptstadt des Landes, erst Cartago allein, dann sogar die drei gemeinsam. Turnusmäßig wurde dann alle paar Monate gewechselt, was ein unpraktisches Umziehen der Regierung mit sich brachte. San José wurde zur alleinigen Hauptstadt. Inzwischen sind die Städte zwar formal eigenständig, aber fast miteinander verwachsen.
Das Ticket für den Nationalpark um den Vulkan haben wir vorschriftsmäßig gestern online gelöst und so können wir durch die Kontrollstation durchfahren und müssen nur noch zusätzlich die Parkplatzgebühr bezahlen. Dafür sind wir dann aber auch nur noch ein paar hundert Meter Fußweg von der Aussichtsplattform über der Laguna Caliente entfernt.
Ach nein, ganz so einfach ist es dann doch nicht. Wir bekommen auf dem Weg noch farbige Schutzhelme verpasst, die zwingend auf dem ganzen Gelände zu tragen sind. Unsere sind knallrot und heben sich damit gut vom Grün der „Sombrilla de Pobre“ ab.
Die einem überdimensionalen Rhabarber ähnelnde Pflanze mit ihren Riesenblättern ist zu einem Symbol des Nationalparks geworden. Sie wächst überall am Wegesrand und ein Hinweisschild klärt uns hinsichtlich der Namensgebung auf, dass sie von den armen Leuten der Gegend früher als improvisierter Regenschirm benutzt wurde.
Dann sind wir oben am Rand der Caldera angekommen und blicken 300 m hinunter in den riesigen Krater. An verschiedenen Stellen steigen immer wieder Dampfwolken auf und ein Schwefelgeruch hängt in der Luft. Aber der Blick auf das türkise Säurebad ist ungeheuer faszinierend.
Es ist eine irritierende Erinnerung daran, was für immense Kräfte unter der dünnen Erdoberfläche schlummern und hätten wir nicht die schrecklichen aktuellen Bilder von La Palma im Kopf wäre auch der durch die Eruptionen des Poás aufgesprengte riesige Krater eine sehr eindrückliche Mahnung.
Wir nutzen das immer noch sonnige Wetter und fahren halb um den Poás herum zu den Wasserfällen von La Paz an der Ostflanke. Sie sind nur über einen privaten Park zugänglich, der leider mit 50 $ pro Nase happig teuer ist. Aber Michael von der Samai hatte ihn uns empfohlen und auch wir würden sagen: es lohnt sich.
Enthalten ist auch eine Art Zoo mit vielen ausschließlich heimischen Tierarten, von denen wir viele (manche zum Glück) nicht in freier Wildbahn erlebt haben. Diverse Schilder weisen darauf hin, dass die Tiere nicht für diesen Zweck gefangen wurden, sondern es sich vielmehr um vom Staat konfiszierte illegale Haustiere handelt, die dann vom Ministerium an diesen Tierpark übergeben wurden, weil sie nicht mehr ausgebildet werden können.
Und so mache ich doch noch ein paar Portraits, z. B.
selten gewordener roter AraOzelotJaguarPuma, die größte Raubkatze Costa RicasGrüne Rebenschlange
Es gibt auch ein Schmetterlingshaus, ein Froschhaus und einen Kolibri- und einen Orchideengarten und so dauert es doch eine Weile, bis wir uns zu den Wasserfällen durchgebummelt haben.
Und auch die sind absolut sehenswert. Es ist eine Kaskade von vier größeren und ein paar kleineren Wasserfällen, an denen ein mit Aussichtsplattformen ausgestatteter Wanderweg entlangführt. Man arbeitet sich dabei langsam, zwischendurch auch über steile Treppen, von Wasserfall zu Wasserfall nach unten. Von dort fährt ein Shuttlebus zurück zum Parkplatz.
Und dann wird’s auch Zeit für den Rückweg. Bei der Fahrt zur Abgabestation unseres Mietwagens können wir noch die Hortensienhecken genießen, die hier manchmal so malerisch die Straßen säumen.
Aber die dunklen Wolken ziehen schon auf, wie so oft am Nachmittag. In einem Wolkenbruch geben wir das Auto ab, fahren mit einem Uber zur Lodge zurück und packen unsere Sachen. Morgen früh geht’s wieder zeitig raus, diesmal allerdings zum Flughafen und morgen Abend sind wir hoffentlich wieder in den USA und können uns dann um Flora kümmern.
Genau hinschauen lohnt oft. Und die Geldscheine in Costa Rica laden dazu ganz besonders ein. Also in dem Fall mal nicht auf den Pfennig oder Cent schauen, sondern auf den Colón. Beziehungsweise auf die Colonnes, den für einen Euro bekommt man derzeit etwa 730 Colonnes, im Alltag sind wir also mit höheren Beträgen unterwegs als in Europa gewohnt. Natürlich würde man so auch schneller Millionär, (mit rund 1.370 Euro) aber ⚠️: wenn auf den Scheinen z.B. „ 2 MIL COLONES“ draufsteht, bedeutet das „nur“ Zweitausend Colones, also umgerechnet etwa 2 Euro 70 Cent.
Der kleinste Schein ist der 1.000er:
Die Vorderseite aller Scheine zeigt jeweils verdiente Persönlichkeiten des Landes und – farbig auf durchsichtigem Grund – einen Scherenschnitt, beim 1.000er den Umriss des Landes; somit auf der Rückseite spiegelverkehrt. Dafür bieten die Rückseiten viele Details. Auf dem 1.000 Colones Schein findet sich ein Weißwedelhirsch (nebst landessprachliche und wissenschaftlicher Bezeichnung), zudem ein Guanacastebaum (seit 1959 Nationalbaum) und eine nachtblühende Kakteenart. Die Landschaft bzw. das Ökosystem ist oben rechts vermerkt: Bosque Seco (Trockenwald) und diese Bezeichnung findet sich auch in den Wellen aus Buchstaben, die oben und unten klein über den Schein laufen.
Der nächst größere Schein ist der 2.000er:
Bullenhai, Kissenseestern und Meerfeder vor Korallen und Riffbarschen zeigen, dass es diesmal um die (Unterwasser-)Landschaft Korallenriff geht.
Ein besonderes Gimmik verbirgt sich in den kleinen, nur als Scherenschnitt gezeigten Schildkröten unter dem Hai: sie zeigen in miniaturkleinen Buchstaben das sich wiederholende Motto „Pura Vida“!
Als Nächstes kommt der 5.000er:
Hier sind es Weißschulterkapuzineraffe, Mangroven-Rennkrabbe und Rote Mangrove, das Ökosystem sind die Mangrovenwälder. Auch hier findet sich im Umriss des Krokodils oder Kaimans: Pura Vida.
Der 10.000er:
Da habe ich einen etwas älteren Schein im Portemonnaie, die durchsichtigen Merkmale der neuen Scheine fehlen. Er fühlt sich auch anders an, die neuen Scheine sind aus schmutz- und wasserabweisenden Kunststoff, sollen dadurch länger halten und besser recyclebar sein.
Das Dreizehenfaultier ist gut zu erkennen. Fun Fact: Alle Faultiere haben drei Zehen – an jedem der Hinterbeine. Die Unterscheidung in Zweizehen- und Dreizehenfaultiere erfolgt nach der Anzahl der sichtbaren „Finger“ an den Vorderbeinen.
Auf dem Schein sind außerdem sind eine Schlauchpilz- und eine Orchideenart (eine von über 1.500 in Costa Rica!) abgebildet. Im Umriss sind Tukane zu erkennen, klar, es geht um den Regenwald (Bosque Lluvioso).
Der größte Schein, den wir in die Finger bekamen, ist der 20.000er:
Groß abgebildet ist der Vulkankolibri, auch Vulkanelfe genannt. Zudem eine (allerdings giftige) Senecio aus der Familie der Gänseblümchen. Das Ökosystem Páramo bezeichnet die baumlosen Hochlandsteppen der Vulkangegenden.
Auf den Umrissen der Kaninchen lesen wir wieder: Pura Vida.
Soooo viel bunte Pflanzen- und Tierwelt. Und doch: nur ein klitzekleiner Ausschnitt, denn Costa Rica ist eines der 20 Länder mit der höchsten Biodiversität weltweit. Die Länder dieser Hotspots biologischer Vielfalt drängeln sich rund um den Äquator. Allein Costa Ricas Tierwelt umfasst in seinen 12 Mikroklimazonen unfassbare mehr als 500.000 Spezies, darunter über 250 Arten von Säugetieren, allerdings auch 300.000 verschiedene Insekten 😉.
Noch herausragender ist die Vielfalt bei den Pflanzen. Woran liegt diese enorme Biodiversität? Zum einen an der Lage an der Schnittstelle zweier von den Menschen erst spät intensiv besiedelten (und für sie „urbar gemachten“) Kontinenten. Zum anderen an der geographischen Lage in den Tropen, einer Gegend, die die Gletscher auch während der Eiszeiten nicht erreicht haben. Und letztlich auch daran, dass das Land noch bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts nur sehr dünn besiedelt blieb und das späte Bevölkerungswachstum zu einem erheblichen Teil erst erfolgte, als sich das Land schon für eine relativ naturverbundene und naturverträgliche Grundausrichtung entschieden hatte, etwa hinsichtlich der Ausweisung von Schutzgebieten und der weitgehenden Ausrichtung des Tourismus auf eher höherpreisiges „Öko“ statt auf Bettenburgen und Billigurlaub.
Wir schmeißen unsere ursprüngliche Absicht über den Haufen und bleiben doch nicht nur im Zentrum Costa Ricas. Küste und Strand sehen wir ja sonst auch – hatten wir gedacht.
Aber dann erfahren wir, dass gerade die grünen Meeresschildkröten zur Eiablage an den Strand von Tortuguera kommen, im Nordosten Costa Ricas an der karibischen Atlantikküste. O.k., da sollten wir dann wohl hin. Bloß, ganz so einfach gestaltet sich das bei näherem Hinsehen nicht. Es gibt keine Straße nach Tortuguera (kein Wunder dass der Ort autofrei ist). Ein kleiner Flugplatz für Propellermaschinen ist die eine Variante, die andere ist eine Fahrt in die Wildnis nach La Pavona. Dort gibt’s nix, außer einem bewachten Parkplatz und einer Anlandestelle für flachgehende Boote. Es gibt öffentliche „Bus“-Boote nach Tortuguero, aber wer bei einer der größeren Lodges bucht, wird mit einem privaten Boot abgeholt.
Liegen zunächst noch Kühe auf den Wiesen neben dem flachen braunen Gewässer, wird bald der Dschungel zu beiden Seiten dichter.
Witzig übrigens die „Jahreszeit“ hier im Nordosten Costa Ricas: während der September für das Land insgesamt einer der regenreichsten Monate ist, ist hier gerade typische Trockenzeit, was man auch am niedrigen Wasserstand des Flusses und den vielen zu Tage tretenden Sandbänken sieht. Dagegen wird es dann hier im Dezember viel regnen, wenn im übrigen Land die trockene Hauptsaison beginnt.
So watet der Nacktkehlreiher schon ein bisschen durch den Matsch.
Die martialische englische Bezeichnung „Tiger Heron“ scheint hier im Dschungel besser zu passen, denn der Vogel ernährt sich neben Fröschen und Krebsen auch gerne vom Nachwuchs der Kaimane und Krokodile. Und siehe da, der nächste Kaiman ist tatsächlich nicht weit:
So wird uns die gut eine Stunde dauernde Bootstaxifahrt nicht lang, es gibt immer wieder interessantes zu sehen. Etwa dieses Dreizehen-Faultier, dass sich direkt über dem Fluss ausruht und uns wie Queen Elizabeth zuzuwinken scheint:
Aber natürlich reicht uns das noch nicht an tierischen Begegnungen und so buchen wir gleich nach unserer Ankunft noch für dieselbe Nacht die Schildkröten-Tour am Atlantikstrand. Der gesamte Strand ist nämlich streng geschützt und darf zwischen sechs Uhr abends und sechs Uhr morgens nur im Rahmen von lizensierten Führungen betreten werden. Costa Rica hat sich diesbezüglich quasi vom Saulus zum Paulus gewandelt, vor gut 100 Jahren war das Land noch der weltweit größte Exporteur von Schildkröten, die Eier wurden (und werden illegal heute noch zum Teil) als Aphrodisiaka gehandelt. Der schwarze Strand von Tortuguero ist einer der wichtigen Eiablageplätze für die grüne Meeresschildkröte, die früher auch als Suppenschildkröte bezeichnet wurde. Jetzt in der Eiablagesaison kommen jede Nacht über 2.000 dieser wunderbaren Tiere hierher.
Wir bekommen den späteren der beiden Slots, ab 22.00 Uhr geht unsere Führung los. Maximal 10 Gäste pro Führer, wir sind nur 8, um so besser. Auch das ungeliebte spätere Zeitfenster erweist sich als Glücksfall, denn so steht der noch fast volle Mond höher am Himmel und gibt bei der dünnen Wolkendecke ein recht gutes Licht, wenn sich die Augen erst an die Dunkelheit gewöhnt haben. Taschenlampen sind absolut verboten, Fotos (auch ohne Blitz) leider ebenfalls. Wir haben das absolut wunderbare Erlebnis, eine etwa eineinhalb Meter große (Panzer ca. 1,20 m) und wohl etwa 150 kg schwere Grüne Meeresschildkröte ganz nah bei der Eiablage beobachten zu können. Erst als einer der Scouts des Conservation Teams das Zeichen gibt, dürfen wir mit dem Guide zu ihr. Sie hat die Eiablage begonnen und kann sie nun nicht mehr stoppen. Ganz in Ruhe legt sie Ei um Ei (etwa so groß wie ein Golfball) in die zuvor von ihr mühsam ausgescharrte tiefe Kuhle, was wir im Rotlicht der Lampe des Guides verfolgen. Auch den Beginn des Zuscharrens, dann wechseln wir den Standort. Eine weitere (etwas kleinere) Grüne Meeresschildkröte beobachten wir auf dem beschwerlichen Weg zurück über den Strand ins Meer. Dann noch eine dritte der Art, die ihr Gelege bereits zugescharrt hat und jetzt eine „Camouflage-Kuhle“ daneben anlegt um Nesträuber zu verwirren und das Gelege noch besser zu schützen.
Ein wirklich beeindruckendes Erlebnis, hier so nah dabei sein zu dürfen.
Spät ins Bett, aber früh wieder raus. Die Lodge liegt auf der schmalen Landzunge, die eine mehrere Kilometer lange Lagune vom Atlantik abtrennt. Um halb sechs ist Treffen an der Lobby für die Morgentour mit dem Boot in die Lagune und ein paar Nebenarme im Nationalpark.
Gleich als erstes zeigt sich ein Krokodil, Schwimmen ist in der Lagune wohl nicht zu empfehlen.
Eine weitere Echse erscheint da schon possierlicher:
Andererseits: es ist ein Basilisk (Grüner Stirnlappenbasilisk). In der Mythologie und bei Harry Potter ist klar: sein Blick versteinert jeden, den er ungeschützt trifft 😬.
Außerdem bekommen wir nach den Kapuzineraffen bei der Maquenque Lodge jetzt erstmals auch die bisher nur gehörten Mantel-Brüllaffen zu sehen, zudem zusätzlich auch noch die quirligen Geoffroy-Klammeraffen.
Und natürlich auch wieder eine Menge Vögel, darunter mehrere Regenbogentukane, die direkt über uns hinwegfliegen, sowie die ebenso wunderschönen Grünen Aras.
Nature-Overload? Kein Stück, wir legen uns nach der Tour ein bisschen hin und machen am Nachmittag noch einmal eine ungeführte Wanderung auf dem „Jaguar-Trail“ im Nationalpark. Und wir haben wieder Glück.
Erst läuft uns ein anderer Basilisk über den Weg. Ein Streifen-Basillisk, (auch Jesus-Christus-Basilisk genannt, weil er bei Gefahr auf den Hinterbeinen übers Wasser laufen kann; also mal Versteinerer, mal Erlöser):
Und dann scheint ein Geoffroy-Klammeraffe uns zeigen zu wollen, was für ein perfekter Macho er ist und welche artistischen Fähigkeiten er hat:
Von Chachagua aus fahren wir in die weite Ebene Richtung nicaraguanischer Grenze. Zunächst wird die Straße über weite Strecken von Feldern gesäumt. Hauptsächlich Zuckerrohr, Ananas und Bananen werden angebaut, aber wir sehen auch landwirtschaftliche Kulturen, die wir nicht auf Anhieb zuordnen können. Zunehmend mischen sich dann Weideflächen in das Bild, die Straße wird schmaler. Bei Pital geht sie dann unvermittelt in eine grobe Schotterpiste über, rund 17 km vor unserem Tagesziel. Hm, so ist es nun mal. Wir nehmen es als Einstimmung auf die etwas abseits gelegene Maquenque Eco Lodge, wo wir zwei Nächte verbringen wollen. Einiges ist hier ein bisschen anders:
Zunächst einmal endet die Anfahrt auf einem Parkplatz vor dem schlammig braunen Rio San Carlos. In einem „Kommunikationshäuschen“ hängt ein UKW-Gerät, mit dem wir die Lodge anfunken. „Kein Problem, das Wassertaxi holt Euch gleich ab, sobald der Regenschauer durch ist.“
Und so geschieht es. Danach einchecken, ein Willkommensdrink, und dann geht’s zu unserem Baumhaus. Mitten im Dschungel, wir können von dort keines der anderen Baumhäuser ausmachen, sehen nur auf dem Trampelpfad dorthin die Wegweiser an Abzweigungen.
Dann sind wir da und stehen vor einer Treppe, die bestimmt gut 10 m hoch zum Baumhaus „Perezoso“ führt. Übersetzt: Faultier 🦥. 😂
Oben angekommen erkennen wir, dass die großflächigen „Fenster“ gar kein Glas haben, sondern lediglich Mückennetze die Öffnungen überspannen. Das war uns bei der Buchung gar nicht aufgefallen, verspricht aber jedenfalls ein (hoffentlich nur akustisch 😳) noch unmittelbareres Dschungelnaturerlebnis.
Sieht aber absolut klasse aus, einschließlich Terrasse und Außendusche in schwindelerregender Höhe. Übrigens zieht während unseres Aufenthalts unvermittelt eine eine komplette Sippe von Weißschulterkapuzinern auf Augenhöhe durch die Nachbarbäume vorbei; die Affen scheinen über uns mindestens eben so erstaunt zu sein wie wir über sie:
Brüllaffen dagegen hören wir zum Glück nur in weiter Ferne, in direkter Nachbarschaft hätte sie uns vermutlich eine schlaflose Nacht beschert. So aber ist das nächtliche Dschungelgeräusch zwar fremdartig, aber der Klangteppich aus Zirpen, Pfeifen, Quaken, Zwitschern und, und, und … klingt auch wahnsinnig faszinierend und bringt uns nicht um den Schlaf.
Das ist auch gut so, denn für den nächsten Morgen haben wir eine schon um 6.00 Uhr früh beginnende vogelkundliche Wanderung gebucht. Guide José „Chino“ ist wieder einmal ein Glücksgriff. 36 Arten kann er uns auf dieser Tour zeigen. Eine kleine Auswahl unserer Sichtungen:
MontezumastirnvogelGelbstirn-BlatthühnchenGoldkehltukanKönigsspechtFischertukan, auch Regenbogentukan genanntNochmal der Fischertukan. Photocredit: unser Guide José „Chino“ (Instagram: WildChinoCR)Grauwangenpapagei, die englische Bezeichnung Brown Hooded Parrot trifft es irgendwie besserStrumpfband-Trogon / Violáceo-Trogon, aus der Familie, zu der auch der Quetzal gehörtTovisittichRotbrustfischer, mit bis zu 40 cm der größte Eisvogel Amerikas.
Die Fähigkeiten von Augen und Ohren unseres Guides Chino sind wirklich beeindruckend, unfassbar, wie er die Vögel entdeckt und sie uns dann zeigt.
Ganz nebenbei streift vor uns auf dem weitläufigen und in den meisten Bereichen sehr naturbelassenen Gelände der Lodge auch noch ein Nasenbär über den Weg.
Übrigens lassen sich auch direkt von dem offenen Hotelrestaurant aus Vögel beobachten, einige aufgehängte Bananen dienen als offenbar attraktive Futterstelle. So können wir uns beim Frühstück nach der Wanderung gleich weiter von den Exoten faszinieren lassen:
Männchen und Weibchen Kappennaschvogel (Green Honeycreeper )
Fun Fact: zum Nationalvogel hat sich Costa Rica diese Schlichtdrossel gewählt:
Das illustriert ziemlich deutlich, dass die Ticos nicht eben auf Effekthascherei aus sind. Haben sie auch gar nicht nötig. Die gigantische Artenvielfalt in Costa Rica zeigt sich aber nicht nur bei den Vögeln.
Die Lodge bietet um 14.00 eine kostenlose Dschungelführung an. Wieder ist Chino der Guide und wieder sind wir die einzigen Teilnehmer, es gibt jetzt in der Regenzeit und auch wegen der COVID-Auswirkungen nur sehr wenige Gäste hier.
Diesmal erfahren wir viel über die Pflanzen und die Insekten, sehen auch einige Amphibien. Besonders faszinierend ist, dass sich (wie beim Tauchen) bei genauem Hinsehen auf die kleinen versteckten Details eine völlig neue Welt von Crittern zu öffnen scheint. Etwa bei dieser Troll-Hair-Nymphe …
Photo Credit: José „Chino“
oder bei dieser zikadenverwandten Fulgoridae:
Und auch den Goldbaumsteiger-Frosch (Green Poison Frog)
Photo Credit: José „Chino“
und den klitzekleinen aber ziemlich lauten Bluejeans-Frosch (Erdbeer-Pfeilgift-Frosch) bekommen wir noch einmal bei Tageslicht in freier Wildbahn zu sehen:
Es ist nur schwer in Worte zu fassen, wie begeistert wir von unserem Aufenthalt hier sind. „Kneif mich mal, bitte.“ 😁
Das Nebelwaldgebiet um den Monteverde gefällt uns super, aber es zieht uns trotzdem weiter, wir möchten noch mehr von der vielgerühmten Vielfalt Costa Ricas erkunden.
Als „Schweiz Mittelamerikas“ wird Costa Rica häufig bezeichnet. Wohl überwiegend wegen der strikten Neutralität des Landes (Costa Rica hat das Militär abgeschafft und die freigewordenen Mittel in die Bildung gesteckt, demzufolge auch eine extrem geringe Analphabetenquote) und der für zentralamerikanische Verhältnisse stabilen Wirtschaft des Landes, jedenfalls vor COVID. Schon früh und sehr konsequent wurde auf Ökotourismus gesetzt, große Hotelburgen sind in den meisten Landesteilen selten, dafür gibt es viele kleine, oft familiengeführte „Lodges“. Die hatten (und haben) wegen Corona natürlich eine schwere Zeit, wir hören allerdings keine Klagen, sondern nur ein „jetzt gehts endlich wieder los“.
Neben politischer Neutralität und relativ stabiler Wirtschaft erinnert aber auch gelegentlich die Landschaft an die Schweiz. Nicht an die hochalpinen Bereiche, aber auf unserer Fahrt von Monteverde in Richtung des Arenal-Vulkans ist die Gebirgslandschaft durchaus steil und mit vielen Bergwiesen durchsetzt. Milchwirtschaft ist weit verbreitet, wir kommen an einer Käserei vorbei.
Am Ufer der Laguna de Arenal fahren wir sogar an einem komplett im Schweizer Stil erbauten Hotel mit Nebengebäuden vorbei, aber das wirkt hier dann doch etwas deplatziert, sind doch die Berge im Hintergrund bei näherem Hinsehen klar als Vulkane auszumachen. Der Arenal allerdings hüllt sich in ziemlich dichte Wolken, als wir an diesem riesigen und ziemlich modellhaften Vulkankegel vorbeifahren.
1968 gab es einen starken und verheerenden Ausbruch, mehrere Dörfer wurden zerstört. Bis 2011 blieb er einer der aktivsten Vulkane der Erde, seitdem schläft er wieder. Über den zerstörten Dörfern wurde ab 1973 ein 80 Quadratkilometer großer Stausee (eben der „Laguna de Arenal“) angelegt, der seitdem zur Stromerzeugung dient und erheblichen Anteil daran hat, dass Costa Rica inzwischen seinen Strom zu 100 % aus erneuerbaren Energien bezieht.
Aber wenn der Vulkan sich eh vor uns unter Wolken versteckt, fahren wir halt an ihm vorbei.
Die Chachagua-Lodge haben wir uns ausgesucht, sie liegt in einem Regenwaldgebiet einige Kilometer östlich des Vulkans. Regenwaldblick aus dem Zimmer und von der Terrasse unserer Hütte. Die Lodge ist liebevoll angelegt, hat eine Kaskade von heißen Pools zum Entspannen. Selbst beim Duschen haben wir Dschungelblick.
Vor allem aber führen von der Lodge aus eigene nur teilweise befestigte Pfade durch den Dschungel. Wir wählen den Hike, der zu einem kleinen Wasserfall führen soll. Tatsächlich finden wir ihn, allerdings scheinbar unzugänglich in einer kleinen Klamm. Mit ein bisschen Umweg erreichen wir dann aber doch eine Badestelle etwas oberhalb und können uns von dort im Flüsschen zum Wasserfall vorarbeiten.
Übrigens treffen wir während der ganzen Wanderung keine anderen Menschen. Wohl aber einige Tiere, zum Beispiel diese Blattschneiderameisen (hier als Video).
Und wir finden einen riesigen Ceibo-Baum mit wahrhaft gigantischen Brettwurzeln:
Aber auch auf dem Gelände der Lodge gibt es viel zu sehen, etwa diese Kolibri direkt in der Nähe unseres Zimmers:
Eines der Highlights hier ist für uns die von einem Biologen geführte Nachtwanderung, bei der wir viel erfahren (unter anderem den Trick, wie wir die Augen der Tiere besser erkennen können: die Taschenlampe in der Nähe der eigenen Augen halten, auf einmal leuchten überall Augenpunkte auf!) und natürlich wieder neue Tiere kennenlernen.
Zum Beispiel diesen Glasfrosch:
Von oben eher unscheinbar eben Knallgrün wie das Blatt auf dem er sitzt, zeigt die Beleuchtung des Blattes von unten mit der Taschenlampe fast ein Röntgenbild und erklärt die Namensgebung des kleinen Kerlchens ganz gut.
Oder diese blaue Zikade, die sich gerade aus dem Exoskelett häutet:
Einen schlafenden Gecko:
Wir entdecken sogar ein Faultier, dass sich bei Vollmond vor dem Nachthimmel abzeichnet. In tolles Bild, leider zu dunkel zum Fotografieren. Außerdem Spinnen, eine Schlange, viele große Grashüpfer, Schmetterlinge und neben verschiedenen neuen Fröschen auch einen schon bekannten, aber gern wieder gesehenen Rotaugenlaubfrosch:
Die Hauptattraktion in Costa Rica ist für uns die Natur. Das sehen die Ticos auch so, nicht ohne Grund ist inzwischen mehr als ein Viertel der Landesfläche geschützt, über 250 Naturschutzgebiete sind ausgewiesen, darunter auch privat finanzierte wie Monteverde. Selbst die menschengemachten Attraktionen in Costa Rica sind eng mit der Natur verknüpft (Achtung: Wortspiel 🤪), denn zu den Highlights zählen insbesondere (Fußgänger-)Hängebrücken über Urwaldtäler und Canopy-Touren. Letztere werden auch “Zipline” genannt. Und das machen wir jetzt im Selvatura Park. Mit Helm, dicken Lederhandschuhen und Klettergeschirr erklimmen wir eine im Regenwald aufgestellte Plattform. Von dort läuft ein gespanntes Stahlseil über die Baumwipfel hinweg bergab in das scheinbar endlose Grün hinein. Das Klettergeschirr wird mit einer Rolle über dem Stahlseil eingeklinkt und los geht die rauschende Fahrt. Die Handschuhe sind für das Bremsen im Notfall gedacht, wir müssen sie nicht einsetzen. Es ist ein irres Gefühl, so über das Blätterdach des Regenwaldes zu fliegen, mit traumhafter Aussicht und einem ziemlichen Adrenalinkick. Nach der ersten kürzeren Strecke stellt sich auch Vertrauen in die “Bremser” ein, die an der jeweils nächsten Plattform den Mechanismus für die Reduzierung der Geschwindigkeit bedienen. Ungebremst möchte man nicht in die sicherheitshalber angebrachten Sportmatten sausen. Insgesamt 13 Kabel umfasst die Tour, das längste ist über eine Strecke von mehr als einem Kilometer gespannt.
Manche der Strecken dürfen wir auch im Zweiergespann zurücklegen, der hintere umschlingt dann mit seinen Beinen den Vorderen (die Vordere). Und die Kilometerstrecke absolviere ich in “Superman-Manier” liegend, auch wenn ich mich dafür in eine Mischung aus Zwangsjacke und Trage hinein festgurten lassen muss. Is, wie wennste fliechst 😁.
Und gleich im Anschluss machen wir eine kleine Wanderung, allerdings auch wieder zumeist über den Baumwipfeln des Regenwaldes. Der Rundweg beinhaltet insgesamt acht Hängebrücken, zwischen knapp 60 m und 170 m lang und bis zu 30 m über dem Boden. Wir schwanken ganz ordentlich, bewundern die Blütenpracht in den Baumkronen und die Ausblicke hinunter in die Täler.
Brüllaffen machen ihrem Namen Ehre und sorgen für die passende akustische Untermalung. Übrigens erwischt uns nur ein kurzer Schauer, wir sind früh los und am Vormittag hält sich der Niederschlag hier selbst in der Regenzeit bisher doch vornehm zurück. Kaum zurück im Hotel geht der Wolkenbruch um so heftiger los, aber das stört ja nicht.