Präsidententage auf Long Island: Ruhe und Aufregung

So aufregend New York und die Passage durch Hell Gate gewesen sein mögen, so beruhigend (überwiegend jedenfalls) sind die nächsten Tage im Long Island Sound.

Es ist zumeist fast windstill und so motoren wir, abgesehen von gelegentlichem Leichtwindsegeln eher zur Abwechslung als zum Vorankommen.

Unser erstes Ziel ist Port Washington, nur etwa 10 sm westlich von Hell Gate auf dem zum Staat New York gelegenen Long Island. Diese fast 200 km lange Insel zieht sich von der City New York aus nach Osten und trennt dadurch eine Meerenge ab, auf deren gegenüber liegender Seite sich an New York die Bundesstaaten Connecticut und Rhode Island anschließen. Long Island ist Sommerfrische und beliebter Wohnort für wohlhabende New Yorker, insbesondere die im Südosten der Insel liegenden Hamptons (South Hampton, Bridge Hampton und East Hampton) mit ihren Stränden sind dafür bekannt. Aber auch an der Nordküste der Insel finden sich unfassbar viele, mal mehr, mal weniger geschmackvolle “Residenzen”. Schlendert man aber durch die Orte, sind doch die meisten Häuser eher normal groß. Auffällig ist wie sich der Stil verglichen etwa mit Cape May oder der Chesapeake Bay verändert hat. Traditionell sind hier Holzschindeln (shingles), nicht nur auf den Dächern sondern auch an damit verkleideten Fronten. Allerdings sind sie häufig an den nicht ganz so exquisiten Häusern nicht mehr wirklich aus dem Naturmaterial, sondern aus Kunstoff.

In der tiefen Bucht von Port Washington sind mehrere Marinas beheimatet, aber es gibt auch große Bojenfelder. Ankern außerhalb der Bojenfelder ist ebenfalls erlaubt, allerdings ist der Weg mit dem Dinghy zum Ort dann recht weit. Wir haben aber Glück: zusätzlich zu den üblichen weißen Bojen sind auch gelbe Gästebojen ausgelegt, deren Benutzung für die ersten beiden Tage hier sogar kostenfrei ist. 😁

An unserem nächsten Stop, 30 sm weiter östlich und wiederum in einer tief eingeschnittenen Bucht gelegen, ist das leider anders. 50,00 $ pro Nacht kostet die Boje hier, immer noch deutlich günstiger als der etwa dreimal so teure Platz am Steg, was hier schon günstig ist. Außerdem ist der Shuttle-Service im Bojenpreis schon inbegriffen.

Port Jefferson (wie Port Washington nach einem frühen Präsidenten benannt) lockt uns außerdem mit einer hafeneigenen “Laundry”, also mehreren Waschmaschinen und Trocknern, was unsere kleine 3,5 kg Bordwaschmaschine entlasten soll. Das Bootsshuttle setzt uns dort mit unserer Wäsche ab und – grrr 😖, wegen Covid ist das Häuschen, in dem sich auch die Sanitäranlagen befinden, leider GESCHLOSSEN.

Wir google ein bisschen auf dem Handy und finden heraus, dass sich etwa zwei Meilen weiter die Hauptstraße hinauf ein offener Münzwaschsalon befindet. Das (Uber-) Taxi bringt uns hin:

Großzügig, sauber und preiswert. Fein. Bloß blöd, dass wir feststellen müssen: Greg hat sein Handy im Uber liegen lassen. Die Kontaktaufnahme erfolgt über die Uber-App, wir bekommen zwar nicht die Nummer des Fahrers, werden aber verbunden. Allerdings gestaltet sich die Kommunikation schwierig, sein Englisch ist doch ziemlich limitiert. Immerhin, er hat das Handy. Wir warten zwei Stunden am Waschsalon auf ihn, aber er erscheint nicht, weitere Anrufversuche scheitern. Als es schon dunkel ist, machen Wiebke und ich uns auf den Heimweg, ergattern auch noch das Shuttleboot und können die später (ohne Handy) heimkommenden Greg und Michael mit dem Dinghy abholen. Zurück an Bord kriegen wir doch noch mal den Fahrer ans Telefon und eine weitere Dinghyfahrt später hat Greg sein Handy wieder. Spätestes Bord-Dinner um 23.00, HAPPY END. 😎

New York, New York

Das ist New York:

Beide Bilder sind vom gleichen Standpunkt im New Yorker Hafen aufgenommen, nur die Blickrichtung ist unterschiedlich. Das erste zeigt den Blick über den Buttermilk Channel hinweg zu den Containerbrücken in Brooklyn, das zweite den Blick genau entgegengesetzt hinüber zum Finanzdistrikt an der Südspitze von Manhattan mit den Fährterminals im Vordergrund.

Wir sind nicht das erste Mal in New York, und trotzdem sind wir wieder überrascht von den Gegensätzen, die in diesem Schmelztiegel wie selbstverständlich nebeneinander zu finden sind. Und obwohl wir ursprünglich gedacht hatten, wir würden nur eine Nacht an der Freiheitsstatue ankern und dann ohne Landgang weiterfahren, die Anziehungskraft der Stadt ist dann doch zu groß. Wir lassen das Dinghy zu Wasser und fahren die gut anderthalb Meilen den Hudson River hinauf und hinüber in den North Cove Yacht Harbour in Manhattan.

Gegen Gebühr von einem Dollar je Stunde (pro Fuß Länge) können wir Florecita dort parken. Und so machen wir uns zu Fuß auf, die sonntäglich und Corona-bedingt ziemlich leere Stadt zu erkunden. Was sofort auffällt ist, dass praktisch alle auch auf der Straße Gesichtsmasken tragen.

Durch das neue Brookfield Place Center hindurch gelangen wir unterirdisch gleich zu einem architektonischen Leckerbissen. Der direkt am World Trade Center gelegene neue Umsteigebahnhof der PATH-Pendlerzüge zur U-Bahn wurde 2016 eröffnet. Die „Oculus“ genannte Haupthalle wurde vom spanischen Architekten Santiago Calatrava gestaltet (unter anderem hat er auch das Auditorium de Tenerife in Santa Cruz und den Turning Torso im schwedischen Malmö entworfen). Was fotografisch besonders reizt, ziemlich sicher werden wir die großzügige, halb unterirdische Halle kaum noch einmal so leer erleben:

Auch von außen ist die Station außergewöhnlich und Aufsehen erregend:

Gleich nebenan liegen an der Stelle der durch die Terroranschläge am 11. September 2001 eingestürzten Zwillingstürme zum einen das Ground-Zero-Denkmal und zum anderen das (mit Antenne) 541 m hohe neue World Trade Center:

Aber wir wollen nicht bei den Hochhäusern im Finanzdistrikt bleiben, sondern spazieren zu Fuß nordwärts die Insel Manhattan hinauf. Dabei kommen wir zunächst nach Tribeca, weiter durch Soho und nach Greenwich Village bevor wir über andere Straßen wieder zurück schlendern.

Natürlich gibt’s die typischen Feuerleitern und auch die ebenso markanten Wassertanks auf den Dächern zu sehen:

Das (nicht nur dem Namen nach) winzige Restaurant im rosafarbenen Altbau und im Gegensatz dazu der verschachtelte neue Mega-Wohnturm, New York bietet viel. Auch viel Grün übrigens, wir verschnaufen in kleinen Parks und laufen sogar an „Urban Gardening“-Schrebergärten mitten in den superteuren In-Stadtteilen vorbei:

Wo wir schon mal an Land sind: noch ein bisschen einkaufen bei Whole Foods für unser Abendessen. Als wir zurück auf Flora sind, haben wir 15.000 Schritte auf dem „Taxameter“, nicht schlecht bei Temperaturen von gut 30 Grad. Chillen an Bord, das haben wir uns wahrlich verdient. Aber schön war es wieder, wir diskutieren wie es wohl wäre, einige Zeit in NY zu leben.

Trotzdem, heute geht’s dann früh raus, denn die Tide diktiert für den nächsten Teil unserer Route den Start. Wir wollen den East River hinauf in den Long Island Sound fahren. Das bedeutet, zunächst unter einem weiteren Wahrzeichen von New York hindurchzufahren, nämlich der Brooklyn Bridge. Die 1883 fertiggestellte von massiven Steintürmen mit Spitzbogenportalen getragene doppelstöckige Hängebrücke verbindet Manhattan mit Brooklyn. Weiter geht es unter der ebenfalls sehr markanten Manhattan Bridge und dann der Williamsburg Bridge hindurch (EselsBRÜCKE für die Reihenfolge laut Revierführer: BMW=Brooklyn/Manhattan/Williamsburg).

Dann folgt das navigatorisch aufregenste Teilstück, die Passage westlich der langgestreckt im East River liegenden Insel Roosevelt Island und des danach an der Einmündung des Harlem Rivers liegenden berüchtigten „Hell Gate“. Ursprünglich von dem als erstem Europäer hier bei offenbar mitsetzendem Strom hindurch navigierenden Holländer Adriaen Block „HelleGat“ (Gute Passage) getaufte Durchfahrt glänzt nämlich mit Tidenströmen von bis zu 5 kn. Man sollte also gut planen, wann man hier an- bzw. durchkommt. Laut Revierführer setzt auflaufendes Wasser hier nach Nordosten Richtung Long Island Sound, also wollen wir mit der Flut hindurch. Niedrigwasser ist laut der empfehlenswerten App „Tides USA“ um 6.45 Uhr. Tatsächlich schiebt uns die Strömung mit in der Spitze 4,7 kn vorwärts, der Motor hat also nicht allzu hart zu arbeiten. Die Steuerfrau dagegen schon, denn die Strudel und Verwirbelungen sind nicht nur sicht- sondern auch spürbar. Trotzdem: mit der richtigen Tide muss man vor dieser Passage keine Angst haben. Respekt aber schon.

Und nebenbei bietet auch diese Passage wunderbare Blicke auf New York.

So etwa am Gebäude der vereinten Nationen (UN) mit der vom Fluss aus sichtbaren Statue „Schwerter zu Pflugscharen“ und mit wiederum sehr unterschiedlichen Gebäuden.

Suchbilder: das quadratische Bild ist jeweils in dem größeren Bild zu finden 😉

Den Text an der Statue habe ich allerdings ergänzt, denn die Grafik dieser bildhauerischen Interpretation eines Bibelzitates hat als Logo in meiner Jugend meine geliebte Jeansjacke geziert.

New York: Jetzt aber richtig

Nachdem gestern Abend ja erstmal die Ankunft gefeiert wurde, jetzt noch mal deutlich ausführlicher:

Wir sind superfroh, angesichts der Regenfront erst mal nach Sandy Hook abgelaufen zu sein und dafür dann am nächsten Tag bei Kaiserwetter in den Hafen von New York einzulaufen.

Dafür müssen wir uns zunächst mal durch die vielen Muschelfischer in der Sandy Hook Bay hindurchschlängeln, die mit speziellen Metallkäschern an langen Stangen und offenbar harter körperlicher Arbeit die Muschelbänke abernten. Mit pumpenden Bewegungen von Oberkörper und Armen am T-förmigen Griff wird das Gerät über den Grund gezogen und dann ins Boot geleert.

Ein Stück weiter Richtung NY sind es dann unzählige Angelboote, die uns zur Slalomfahrt nötigen. Der Fischreichtum zeigt sich aber auch in den an der Oberfläche springenden Schwarmfischen (wir vermuten Menhaden) und den vielen Delfinen in der Bucht.

Dann geht’s unter der Staten Island und Brooklyn verbindenden Verrazano-Narrows-Bridge hindurch in den Hafen von New York. Und ja, es ist ein äußerst lebendiger Hafen, mit Großschifffahrt, Schubverbänden, viel Fährverkehr, Frachtern auf Reede, geparkten Schuten, jeder Menge kreuzender oder abzweigender Fahrwasser mit entsprechender Betonnung, mehreren einmündenden Flüssen, dazu regem Sportbootverkehr und erstaunlich vielen Jetskis. Dazu reichlich Polizei- und Coastguardboote und – um die Wuselei komplett zu machen – diversen tieffliegenden Hubschraubern. Trotzdem beschert uns Covid einen mutmaßlich wesentlich ruhigeren Hafen als sonst üblich. Kreuzfahrer fehlen komplett, ebenso die Besucherboote für Liberty Island 🗽 und Ellis Island. Das macht sich für uns um so mehr bemerkbar, als wir ja genau zwischen diesen beiden Inseln ankern.

Das allerdings erst, nachdem wir gleich bei unserer Ankunft mit der SY Escape ein gegenseitiges Fotoshooting unserer Boote unter Segeln vorgenommen haben. Annemarie und Volker wollen nämlich gerade aufbrechen, schade, aber immerhin passt es perfekt und wir werden uns hoffentlich schon bald im Long Island Sound wiedersehen. Aber dadurch haben wir diese tollen Fotos der Flora bekommen (und sie auch ein paar ganz gute der Escape 😉):

Das anschließende Feiern hält uns aber nicht davon ab, noch ein paar Abend- und Nachtfotos der Kulisse an unserem Ankerplatz zu machen:

Und weil ich mich nicht sattsehen kann, gleich noch ein paar frühe Fotos von heute morgen (“The City never sleeps!) vor und zum Sonnenaufgang über Manhattan:

New York

Angekommen im “Big Apple”, auf eigenem Kiel. Wir ankern direkt an der Freiheitsstatue mit Blick auf die Skyline von Manhattan. Ein ausgewiesener offizieller Ankerplatz, nur 150 m Sicherheitsabstand zur Freiheitsstatue sind einzuhalten und man soll sich bei Traffic Control per UKW-Funk auf Kanal 12 anmelden. Haben wir gemacht und wurden willkommen geheißen. Wir sind das einzige Boot auf diesem Ankerplatz. Fühlt sich irre an.

Deshalb gibt’s auch nur ein paar schnelle Bilder, wir feiern jetzt nämlich erstmal 😁 🥂.

New York will uns noch nicht

Erst mal hält uns die Windvorhersage zurück. Wie Uwe mal so schön formulierte: “Schipper mit Tiet hätt jümmer goden Wind”. Nordwind für den Schlag von Cape May nach New York? Warten wir halt noch.

Ostwind, über Südost auf Süd drehend ist die Vorhersage für den nächsten Tag, geht doch ☺️!

120 sm sind zu bewältigen, dass wird für unsere Gäste Greg und Michael die erste Nachtfahrt überhaupt. Aber der Wind soll die ganze Zeit unter 20 Knoten bleiben und hält sich auch daran. Die beiden bleiben trotzdem nicht ganz unbeeindruckt von den Atlantikwellen.

Auf Höhe von Atlantic City findet sich kurz vor der Dämmerung ein weiterer Gast bei uns ein. Höchst ungewöhnlich (wir sind schon auf 39 Grad Nord) segelt ein junger Weißbauchtölpel ein paar elegante Runden um Flora und lässt sich dann auf dem Burgkorb nieder. Die eigentlich nur in den Tropen beheimateten etwa gänsegroßen Vögel werden wohl gelegentlich von Stürmen auch in andere Gebiete verweht, aber das hier ist doch schon sehr weit und das Verhalten lässt auch auf Erschöpfung schließen, denn nach einer weiteren Runde ruht er sich nochmals auf dem Seitenschiff aus und putzt sein zerzaust wirkendes Gefieder.

Der Balanceakt auf dem Süllbord währt dann aber auch nicht sehr lange. Noch vor der Nacht macht er sich wieder auf den Weg.

Leider ziehen am Morgen dicke Wolken auf und just als wir der Silhouette von New York näher kommen, die Wolkenkratzer von Manhattan hinter dem Vergnügungspark von Coney Island und den dunklen Fassaden von Brooklyn sich einzeln aus dem Dunst herauszuschälen beginnen, da verdichten sich die Wolken schon dramatisch, bescheren uns einen Wolkenbruch und verschlucken den Blick auf die Häuserschluchten.

Auch gut. Machen wir halt einen Schlenker, ankern hinter Sandy Hook und fahren morgen in den Big Apple.

Segler mit Zeit hat ja vielleicht auch besseres Wetter 😉.

Cape May

„Ältester Badeort der Nation“. Ohne Superlativ scheint ja kaum ein Ort der USA auszukommen. Nun ist Cape May ja ohnehin schon südlichster Ort in dem Bundesstaat New Jersey, prominent auf einer Halbinsel im Mündungsdelta des Delaware River gelegen oder – wenn man so will – durch den vom Westen aus dem Fluss heraus angelegten Cape-May-Kanal inzwischen schon auf einer Insel gelegen. Nach Norden hin schließt sich bis Sandy Hook in der Bucht vor New York ein langgestrecktes Nehrungsgebiet mit Stränden zum Atlantik und einem dahinter liegenden Flachwassergürtel an. Wie auch immer, wir können leider wegen unserer Masthöhe nicht durch den Cape-May-Kanal fahren, sondern müssen einen größeren Umweg um die Flachs vor dem Ort machen und durch das Inlet an der Atlantikseite den kleinen Ankerplatz hinter der Nehrung anlaufen.

Aber das lohnt sich allemal, denn der 1620 gegründete Ort hat sich bereits im 18. Jahrhundert tatsächlich zu einer Sommerfrische für die wohlhabenden Bürger aus New York und Philadelphia entwickelt. Vor allem aber: viele der viktorianischen Villen aus vergangener Zeit wurden erhalten. Holzhäuser im Gingerbread (Zuckerbäcker-)stil und Pastellfarben, das macht Cape May bis heute aus und führt dazu, dass in guten Ferienzeiten 100.000 Urlauber dort wohnen, obwohl der Ort nur gut 4.000 ganzjährige Bewohner verzeichnet.

Selbst in Covid-Zeiten scheinen die meisten Bed&Breakfast sowie Pensionen besetzt zu sein. Aber es gibt auch Ausnahmen – warum nur 😉

Egal, wir halten uns an das in der Fußgängerzone gefundene Motto und bleiben einen Tag hier vor Anker. Morgen soll es dann weiter Richtung New York gehen.

Kanalbrücken – Fotosession

Wir stoppen in Chesapeake City kurz nach der Einfahrt in den C&D Canal. Der „Chesapeake and Delaware Canal“ ist nur 14 Meilen lang und verbindet den Elk River im Norden der Chesapeake Bay mit dem Delaware River, ermöglicht so also eine Abkürzung von rund 300 sm auf dem Weg vom Elk River nach Cape May.

Der Ankerplatz in Chesapeake City ist tricky und neigt zur Versandung, außerdem fehlt die rote Tonne (die in der Mitte der Einfahrt liegen sollte, die Grüne ist an die Ostseite der Pier gemalt. Wir gehen gegenüber an die Spundwand vor dem Restaurant „Schaefers“. Der dortige Hafenmeister versorgt uns mit vielen Tips für die Weiterfahrt. Er rät uns, zwei Stunden vor Hochwasser abzulegen, um die Strecke nach Cape May bestmöglich (strömungsgünstig) zu bewältigen. Klar, machen wir. Blöd ist nur, dass Hochwasser in Chesapeake City am nächsten Morgen bereits um 06.10 ist. Das Abendhochwasser ist uns zu spät, dann wäre es eine komplette Nachtfahrt den Delaware River hinunter. Also heißt es: morgens um 04.00 los.

Das führt aber dazu, dass wir auf unserer Fahrt nach Cape May in New Jersey die Brücken über den C&D Canal (Maryland und Delaware) in beinahe magischem Licht des sich langsam erhellenden Nachthimmels zu sehen bekommen:

Andere Länder, andere Sitten

Wir segeln weiter die Chesapeake Bay hinauf und erkunden verschiedene Flüsse und Creeks. Mit Greg und Michael an Bord machen wir als erstes einen kurzen Schlag von Annapolis in den Magothy River eben nordwestlich der Chesapeake Bay Bridge und ankern weiter drinnen hinter North Ferry Point.

Vor dem flachen Uferbereich ziehen sich lange Stege der versteckt unter den Bäumen liegenden Häuser hinaus. Manchmal mit Bootshäusern, fast immer aber mit Bootsliften versehen. Insbesondere die Motorboote werden hier zumeist nicht am Steg vertäut, sondern mit dem heimischen Bootslift elektrisch komplett aus dem Wasser gehoben und „in der Luft“ geparkt. Spart vielleicht auch das Antifouling. ☺️ In Marinas gibt es häufig überdachte Hallen für die Motorboote im Wasser, manchmal auch regelrechte Hochregallager, mehrstöckige Stapelplätze an Land.

Mit Florecita erkunden wir den gegenüber liegenden Cypress Creek, ein wunderschöner Ausflug auch wenn einmal mehr auffällt, dass das Anlanden mit dem Dinghy wegen des fast überall im Privatbesitz befindlichen Ufer schwierig sein kann.

Und – für uns vielleicht noch irritierender als bei den zahlreichen überwiegend eben doch kleineren Motorbooten – auch Segelboote haben manchmal am heimischen Steg und zum Teil auch in der Marina einen luftigen Liegeplatz:

Als nächstes Ziel haben wir uns Georgetown ausgewählt. Dafür segeln wir ein Stück weiter die Chesapeake Bay hinauf und dann gut 8 sm weit in den wunderschönen Sassafras River hinein. Wir sind schier überwältigt von diesem für uns bisher schönsten Fluss hier. Der Sassafras schlängelt sich, mal schmal, mal breiter, zwischen einer leicht hügeligen Landschaft hindurch, die mit lehmigen Steilufern, flachen Sandstränden, dichtem Schilf, riesigen Seerosenbuchten, gelegentlichen Wiesen oder Feldern und viel Wald herrlich abwechslungsreich ist. Die Bebauung ist hier am „Eastern Shore“ bei weitem nicht mehr so dicht wie um Annapolis herum oder am Magothy River. Wenn die Häuser höher am Hang gebaut sind, wird der Wasserzugang über Treppenkonstruktionen erschlossen oder es gibt einen eigenen Freisitz über dem Privatsteg.

Aber es gibt nicht nur solche Luxusvillen, sondern auch schöne einfache Häuser am Ufer. Insgesamt erinnert die Landschaft uns vielfach an unser altes Heimatrevier Schlei, kein Wunder, dass es uns so gut gefällt. Noch dazu, wenn wir vom Ankerplatz aus einen solchen Sonnenuntergangsblick genießen dürfen:

Annapolis

Wenn wir schon mal in den USA sind, ankern wir doch gleich mal vor dem Kapitol. Ähh, Moment, wir sind doch in Annapolis, nicht mehr in Washington D.C.

Stimmt, aber auch hier gibt es ein Kapitol. Das Parlamentsgebäude ist sogar das erste der Vereinigten Staaten. Hier tagte der Amerikanische Senat 1783/1784, hier wurde der Frieden von Paris ratifiziert, mit dem die Unabhängigkeit der USA von England offiziell wurde. Und das mit seiner Kuppel ein bisschen an eine Kirche erinnernde „Maryland State House“ wird bis heute heute legislativ genutzt, ist unter anderem Sitz des Senatspräsidenten des Bundesstaates Maryland, dessen Hauptstadt das nur knapp 40.000 Einwohner zählende Annapolis ist.

Und Annapolis hat noch mehr zu bieten. Es ist Sitz der United States Naval Academy und zudem unzweifelhaft das Segelzentrum der Chesapeake Bay. Im Ort und in allen umliegenden Creeks sind die Ufer dicht mit Stegen und Booten belegt. Bei unserer Anfahrt müssen wir uns durch vier Regattafelder von Optis, Lasern und J80 kämpfen. Dann aber gibt’s mitten im Zentrum zwischen Eastport und Annapolis ein Bojenfeld. Schön ist auch, das an allen am Wasser endenden Straßen jeweils ein Dinghydock angelegt ist.

So auch an der Hauptstraße mit ihren Geschäften, (Eis-)Cafés und Restaurants, die wirklich zum Bummeln einlädt. Am Hafen liegt zudem ein nettes Restaurantviertel, belebt trotz der eingehaltenen Corona-Abstände. Masken scheinen ziemlich konsequent getragen zu werden.

Ein Denkmal für Alex Haley, den Autor der generationenübergreifenden die Sklaverei thematisierenden eigenen Familiengeschichte „Roots“ findet sich gleich in der Nähe.

Wir schlendern durch den Ort (und auch das gegenüberliegende Eastport), viele historische Gebäude, schöne, niedrige Bebauung. Außerdem treffen wir auch die Crew der Escape wieder und haben einen schönen Abend bei Annemarie und Volker an Bord, während ein Gewitter über uns hinwegzieht.

Und wir bekommen Besuch. Greg und Michael kommen an Bord, sie wollen uns die nächste Zeit begleiten. Gebracht werden sie von ihrem Neffen Roderick, mit dem wir noch einen schönen Nachmittag an Bord verbringen, bevor wir am nächsten Tag unter der markanten Chesapeake Bay Bridge Doppelbrücke weiter in Richtung Norden unterwegs sind.

Leuchttürme der Chesapeake Bay

Ich gebe es zu, ich habe eine Schwäche für Leuchttürme. Damit bin ich vermutlich nicht alleine, dafür sind die Bauwerke zu romantisch, ist die Symbolik zu aufgeladen. Leuchttürme geben Orientierung, weisen auf Gefahrenstellen hin, senden ein Licht in die Dunkelheit, ragen heraus. Sind standfest, solide, überdauern die Zeit und die Stürme. Und sie sind einfach schön. Ist das wirklich so? 😉

Die flachen Gewässer der Chesapeake Bay und ihrer Ansteuerung, die vielen Flussmündungen und Austernbänke, sie haben zu einer großen Vielzahl von Leuchttürmen in und an der Chesapeake Bay geführt. Einige habe ich fotografiert, wobei die meisten inzwischen streng genommen keine LEUCHTtürme mehr sind, weil sie längst außer Betrieb genommen wurden.

Begrüßt wurden wir kurz vor dem Eingang zur Chesapeake Bay zunächst von einer ungewöhnlichen Erscheinung, aus der Entfernung sah es aus wie ein riesiges Reh auf dem Wasser. Spielt uns das Hirn frühmorgens am Ende unserer Nachtfahrt Streiche? Nein, es ist tatsächlich „Chesapeake Light“. 1965 als Ersatz für das bisher dort (und jetzt als Museumsschiff im Hafen von Baltimore) liegende Feuerschiff Chesapeake errichtet und war bis 2016 in Betrieb. Es gab tatsächlich sogar eine ganze Reihe von Leuchttürmen dieser „Texas Tower“ genannten Art.

Ein kleines Stück weiter, am Cape Henry, gibt’s dann klassischere Leuchttürme zu sehen. Der rechte, ältesteste Leuchtturm von 1792 ist tatsächlich das erste autorisierte Leuchtturmprojekt der neu gegründeten Vereinigten Staaten von Amerika. Der mittlere, schwarz weiße Turm wurde „erst“ 1882 gebaut und ist tatsächlich bis heute in Betrieb.

Auf dem Weg nach Hampton knickt das Fahrwasser dann am Thimble Shoal Abandoned Lighthouse ab, ein weiterer aufgegebener Leuchtturm, immerhin in der Seekarte auch als solcher bezeichnet. Er wurde in der Caisson-Bauweise errichtet, also wurde ein Senkkasten in den Schlamm getrieben, das Wasser und der Schlamm herausgepumpt und so das Fundament für das Bauwerk geschaffen. Der zunächst schwarze Stahlturm ist im Privatbesitz und wurde erst nach seiner Außerdienststellung (rost)rot gestrichen.

In Hampton selbst begrüßt uns das älteste noch in Betrieb befindliche Leuchtfeuer der Chesapeake Bay, das „Old Point Comfort Light“ von 1803.

Weiter nach Norden kommen wir dann am „New Point Comfort Lighthouse“ im äußersten Südwesten von Mathew County vorbei. Der leuchtet nicht mehr, die Seekarte weist ihn als „Landzeichen zur Leuchtfeuerunterstützung“ (der beiden roten Leuchttonnen vor ihm) aus.

„Wolf Trap Light“ von 1894 ist der nächste stillgelegte (Caisson-)Leuchtturm auf unserem Weg. Er ist in Privatbesitz, man kann dort übernachten. Benannt wurde er nach dem auf dem dortigen Flach 1691 auf Grund gelaufenen Schiff „Wolfe“ der Royal British Navy.

„Cove Point Lighthouse“ am Fuß der fossilienreichen lehmigen Steilküste Calvert Cliffs ist wiederum ein am Ufer auf festem Grund errichtetes steinerner Leuchtturm (von 1820). Er ist heute eine Außenstelle des Museums von Solomon.

„Point No Point Lighthouse“ von 1904 sieht ein bisschen ähnlich aus wie Wolf Trap, ist jedenfalls auch achteckig. Der Leuchtturm hat nicht nur einen skurrilen Namen sondern auch eine erstaunliche Aufgabe: er dient den Navy-Flugzeugen als Markierung für ihr Zielgebiet bei Schießübungen. Die schon angesetzte Versteigerung des Turms wurde deshalb wieder abgesagt. Der Zustand aber scheint inzwischen ziemlich marode.

Trotzdem aber noch nicht ganz so schlimm wie bei „Sharps Island Light“. Nicht nur ist die Insel Sharps Island längst wegerodiert, der Leuchtturm von 1882 wurde zudem auch noch von schwerem Eisgang im Winter 1977 so auf die Seite gedrückt, dass der seitdem vor sich hin rostende Metallturm den Spitznamen „Leuchtturm von Pisa“ bekam, trotzdem aber in der Seekarte nur als kleines eingekreistes Kreuz auftaucht. Wenn man draufklickt, erscheint der Hinweis „Haus“ 😳:

Aber neben so viel marodem, es gibt auch Perlen. Eine davon ist auf alle Fälle „Thomas Point Shoal Light“ von 1875, quasi der Paradeleuchtturm der Chesapeake Bay und eines ihrer Wahrzeichen. Kurz vor Annapolis segeln wir unter Gennaker an ihm vorbei:

Interessanterweise ist diese so ungewöhnlich scheinende Leuchtturm-Bauweise das Grundmuster, nach dem ursprünglich auch die Vorgänger vieler der oben gezeigten Leuchttürme konstruiert waren. Screw piles, Schraubsäulen wurden in den meist weichen Grund gedreht, die Plattform errichtet, ein Holzhaus darauf gestellt.

52 Leuchttürme dieser Art gab es ursprünglich in der Chesapeake Bay, der einzige noch in Funktion verbliebene ist „Thomas Point Shoal Light“. Andere sind abgebaut und in Museen wieder aufgebaut worden (z.B. in Solomon und in Saint Michaels). Manchmal wird eine Mini-Variante als Wintergarten oder Teehäuschen auf dem Steg montiert. Sogar komplette Nachbauten gibt es, wie etwa in der Stingray Point Marina in Deltaville.