WAS IST WAS- Das Schöne am Neuen

Obst und Gemüse erfordern ein wenig Ein- oder Umgewöhnung. Nix dramatisches, vieles kommt einem bekannt vor, aber auch das birgt Überraschungen. Bananen zum Beispiel. O.k., man sieht bei uns selten ganze Bananenstauden, aber entscheidender ist, dass die Bananen hier in sehr unterschiedlichen Arten angeboten werden, die für uns nicht so leicht zu unterscheiden sind.

Hiesige (Dessert-)Banane. Manchmal sehr klein und jedenfalls sehr lecker.

Kochbananen sehen (un)praktisch genauso aus wie normale (Dessert-)Bananen, sind meist etwas größer (schlechtes Unterscheidungsmerkmal, weil die „normalen“ Bananen hier eher kleiner sind als bei uns im EDEKA), sind aber roh erst in quasi überreifem Zustand genießbar. Man muss sie eben kochen, frittieren oder backen. Erfordert halt ein wenig Flexibilität, wenn man meinte, sie als „normale“ Bananen gekauft zu haben. Auch Verständigung ist Glückssache 😉.

Obst- und Gemüsestand auf dem „afrikanischen Markt“ in Mindelo
Orangen, Zitronen, die grünen stacheligen Dinger werden hier als Paúls-Früchte, von einer jungen Verkäuferin dagegen als „Pinha“ verkauft, sehen aufgeschnitten aus und schmecken wie Cherimoya, also Weiß mit schwarzen, nicht essbaren großen Kernen und sind SEHR lecker, rechts unten Papaya von São Vincente
Maniok, Zwiebeln, Yams. Bekanntes und uns Unbekannteres bunt gemischt. Viel auszuprobieren, macht Spaß und hat (bisher) immer gut geschmeckt.

Am besten ist es da natürlich, sich von Einheimischen bekochen zu lassen 😁. Wir hatten Laury aus Hamburg auf Sal kennengelernt und er hatte uns das Versprechen abgenommen, uns zu melden wenn wir nach Mindelo kommen. Haben wir natürlich gemacht und wir werden von seiner Gastfreundschaft überwältigt. Laury ist in Mindelo geboren und aufgewachsen, mit 15 dann aber – wie viele hier – zur See gefahren um der (portugiesischen) Wehrpflicht und dem Einsatz als Kanonenfutter in Kolonialkriegen zu entgehen. Später war er beim Bezirksamt Mitte in Hamburg beschäftigt, heute ist er pensioniert und fährt im Winter gern für ein paar Monate auf die Kapverden. Er zeigt uns nicht nur Mindelo, sondern lädt uns zu einem Cachupa-Essen zu seiner Schwester ein. Natürlich inclusive Catalina und dem inzwischen eingetroffenen Jan. Und da treffen wir dann auf viele Familienmitglieder und Freunde, dass von Laurys Schwester zubereitete Nationalgericht wird in großer geselliger und sehr internationaler Runde auf der Dachterrasse verzehrt.

Schwedisch, Deutsch, Kanadisch, US-amerikanisch, Portugiesisch, Philippinisch und vielleicht noch mehr. Es sind auch gar nicht alle Gäste auf dem Foto. Jedenfalls auch Kapverdisch. Laury im geblümten Hemd neben Wiebke.

Danke, Laury, muito obrigado an alle für Eure wunderbare Gastfreundschaft!

Santo Antão

Der Wecker klingelt. Um halb sechs! Aber die erste Fähre von Mindelo hinüber nach Porto Novo auf Santo Antão geht halt schon um sieben, und die wollen wir erwischen. Es schaukelt ganz gut auf der einstündigen Überfahrt und wir sind bei der bewegten See froh, nicht mit Flora versucht zu haben, auf einem der wenigen und als rollig bekannten Ankerplätze vor der nordwestlichsten Kapverdeninsel unterzukommen. Stattdessen wechseln wir in Porto Novo direkt von der Fähre ins Taxi und vereinbaren mit dem Fahrer, auf alle Fälle die alte Kopfsteinpflasterstraße quer über die Insel hinüber nach Ribeira Grande zu benutzen.

Zunächst geht’s durch trockene Landschaft hinauf in die von Osten karg erscheinenden, faltig aufgeworfenen Berge, über deren Spitzen dicke Wolken hängen.

Schön zu sehen die plüschig zottelige Armaturenbrettauflage, ohne die ein Aluguer oder Taxi hier scheinbar nicht auskommt 😉. Hier ausnahmsweise in dezentem Grau, sonst aber auch sehr gern in knalligen Farben genommen.

Aber schon bald sind wir in den Wolken, es wird feucht

und dann eben auch fruchtbar, was selbst in den steilen Gebirgslagen genutzt wird.

Aber vor allem führt die Fahrt auf der anderen Seite des hohen Passes hinter dem Pico da Cruz mit seinem für uns wegen der Wolken unsichtbaren Krater wirklich spektakulär weiter. Die Straße windet sich auf dem schmalen Kamm eines Gebirgsrückens hinunter nach Ribeira Grande, manchmal geht es auf beiden Seiten fast senkrecht in die Tiefe.

und zwar WEIT in die Tiefe. So können wir ganz tief unter uns schon unser späteres Ziel, das Xôxô-Tal liegen sehen. Erreichbar ist es aber nur über eine Sackgasse von Ribeira Grande aus.

Aber erst einmal fahren wir nach Ribeira Grande, wo wir zum ersten Mal die kapverdische Nationalspeise Cachupa (einen langsam gekochten Eintopf aus Mais, Bohnen, Maniok und Süßkartoffeln und was noch so da ist) probieren und so gestärkt den Ort mit seinen bunten aber auch zum Teil ärmliche Seiten und seinen vielen Wandmalereien erkunden.

Hier haben es die Fliegenden Fische bis auf die Fassade geschafft
Und auch die Wasserversorgung wird gleich neben der entsprechenden Statue auch auf einem Wandbild thematisiert

In Ribeira Grande warten unglaublich viele Aluguers auf Passagiere (das hier ist aber offensichtlich noch nicht ganz voll genug),

aber wir fahren mit unserem Taxi weiter ins Xôxô-Tal. Eigentlich wollten wir dort übernachten, aber wir sind zeitlich so gut, dass wir hier eine kleine Wanderung machen und dann noch weiter die Insel erkunden können.

Zuckerrohr, Bananen, Papaya und Zimtapfel (Pinha) gedeihen hier üppig, auch Yams wird angebaut. Alles in dem schmalen steilen Tal erfordert Handarbeit, maschinelle Unterstützung scheint es kaum zu geben. Nach oben ins Dörfchen führt nur eine Treppe, Autos kommen da nicht hin.

Papaya und Banane
Zuckerrohr am terrassierten Hang
Weg hinauf nach Xôxô

Kontrastprogramm nach der Bergwanderung: wir fahren zurück ans Meer, nach Ponta do Sol. Fischer schleppen gerade ihren Fang zu den Verteiltischen, wo scheinbar nach Sorte und Gewicht aufgeteilt wird, die Frauen tragen dann die jeweiligen Rationen zum Markt oder nach Hause.

jedenfalls haben wir uns das so zusammengereimt. Ob’s stimmt?

Danach fahren wir im Norden von Santo Antão die Küstenstraße entlang zurück Richtung Porto Novo, mit einem Abstecher ins grüne und fruchtbare Paúl-Tal und der Besichtigung einer Grog-Brennerei (Grog heißt der hiesige Rum, ein ziemlicher Rachenputzer; entschärft als Ponche wird der Zuckerrohrbrand mit Melasse gemischt). Auch hier sind Straßenführung und Blicke wieder spektakulär.

Da reiht sich dann der Blick von der Fähre auf den Leuchturmfelsen vor Mindelo im Sonnenuntergangslicht auf der Rückfahrt nahtlos ein. Was für ein Tag!



Mindelo

Der Absprungort für die Atlantiküberquerung von den Kapverden aus ist Mindelo. Zugleich wartet die Stadt als einzige des ganzen Archipels mit einer Marina und damit mit einer vernünftigen Infrastruktur für Segelboote vor einem großen Törn auf. Hier können wir die Proviantierung noch um die frischen Sachen wie Obst und Gemüse ergänzen, noch mal Wasser und ggf. Diesel tanken, zur Not (zu Apothekenpreisen) sogar noch notwendiges Bootszubehör bzw. Ersatz- oder Verschleißteile kaufen. Um uns herum sind die Boote alle mit „letzten“ Vorbereitungen beschäftigt. Aber wir haben ja noch Zeit. Catalina ist für 10 Tage zu Besuch gekommen, Jan wird Samstag eintreffen und mit uns bis Martinique segeln.

Und so lassen wir es gemütlich angehen und erkunden zusammen ein wenig den Ort. Die Häuser sind größer als in den von uns hier bisher besuchten Orten, kein Wunder, Mindelo (früher: Porto Grande) ist eine Stadt mit rund 80.000 Einwohnern. Hier unten am Hafen findet sich neben einigen sehr modernen Bauten noch viel koloniale Architektur aus der portugiesischen Zeit.

So auch im Gemüsemarkt (ziemlich leer, wenn man erst kurz vor Feierabend reinschaut 😉):

Wieder ist es bunt hier, aber es werden auch andere Akzente gesetzt. Eine neue Art der auf den Kapverden so beliebten Wandmalerei sehen wir auch: eine zweistöckige Fassade ist mit dem Portrait der berühmtesten kapverdischen Sängerin Cesária Évora verziert:

Erst bei näherem Hinschauen erkennen wir, dass dieses Bild nur durch in den Putz des Hauses geschlagene „Löcher“ gebildet wird:

Und auch der Stadtstrand hinter dem Fährterminal überrascht uns. Wieder positiv, die Farben habe ich nicht bearbeitet 😁:

Ah, fast vergessen. Auf der Fahrt hierher hatten wir wieder einmal Angelglück, ein schöner Mahi Mahi mittlerer Größe, perfekt fürs Abendessen.

Und wo sind wir jetzt? Die aktuelle Position der Flora findet Ihr hier:



Santa Luzia

Wie – das erste Adventskalendertürchen geht gerade auf und wir feiern schon das skandinavische Lucia-Lichterfest? Falls ja, dann jedenfalls irgendwie anders 😁.

Wir ankern gefühlt im Monument Valley,

tatsächlich aber vor der Südwestseite der unbewohnten Insel Santa Luzia. Gegenüber des kleinen Felseninselchens Ilhéu Zinho zieht sich ein breiter, wunderbar feinsandiger Strand die ganze Bucht entlang. Als wir ankommen, liegt nur ein einziges weiteres Boot in der Bucht, kurz vor Sonnenuntergang kommt ein drittes hinzu. Beide sind am nächsten Morgen schon früh wieder verschwunden. Wir aber bleiben, haben wir uns doch einen Landgang auf der Insel vorgenommen. Santa Luzia macht das dem Besucher allerdings nicht leicht: obwohl der Strand in Lee (*1) der Insel gelegen ist, blasen hier fortwährend Williwaws (*2) aus den Tälern heraus. Zudem gibt sich die See zwar ruhig und wir rollen auch nicht übermäßig vor Anker, aber die Dünung brandet trotzdem in beeindruckenden Wellen auf den Strand. Das Dinghy würde bei diesen Wellen große Gefahr laufen umzukippen. Nicht nur dass wir dann unfreiwillig baden würden, der Außenbordmotor des Beibootes mag solche Taucheinheiten gar nicht.

Also bleibt nur, FREIWILLIG Baden und an Land zu schwimmen. Kamera, Handtuch und trockene Klamotten kommen in einen Drybag (*3), Flossen und Taucherbrille an und dann los.

Und tatsächlich erwischt uns kurz vorm Strand eine brechende Welle so, dass Wiebke fast eine Flosse (kann sie gerade noch retten) und ganz ihre Taucherbrille verliert (finde ich aber gleich wieder). Alles gut gegangen.

Wir erkunden ein wenig die Gegend und ganz ausgiebig den Strand. Exklusiver geht’s nicht, den kilometerlangen Sandstrand haben wir ganz für uns alleine.

Und wir sehen uns in der Einschätzung bestätigt, den Landgang besser nicht mit dem Beiboot versucht zu haben:

Zurück an Bord (klappt unproblematisch) genießen wir einen ruhigen Nachmittag mit selbstgebackenem Kuchen. Dann kommen Fischer vorbei, denen wir zwei Juwelen-Zackenbarsche abkaufen, das Abendessen ist also auch gesichert 😄.

(*1) windabgewandte Seite

(*2) scheinbar aus dem Nichts kommende Fallböen mit bis zu doppelter Stärke des eigentlich herrschenden Windes

(*3) quasi ein Sack aus Lkw-Plane, der wasserdicht zusammengerollt und verschlossen werden kann



Ribeira Brava

São Nicolau hat nicht nur eine deutlich steilere Küstenlinie als Sal, die Insel zeigt sich richtig gebirgig und von tiefen Schluchten durchzogen. Und so gerät unsere Aluguer-Fahrt in dem im Inselinneren liegenden Hauptort Ribeira Brava zu einer imposanten Aussichtstour.

Besonders beeindruckt dabei, das die vom Ankerplatz aus so karg und braun scheinende Inselin ihrem Inneren so grün ist. Tatsächlich scheint im Zentrum von São Nicolau jedes Fleckchen Erde bewachsen zu sein, ein großer Teil davon sogar landwirtschaftlich genutzt. Die häufig bis in die steilen Hänge hinein terrassierten Bergflanken sind – anders als in den Kanaren – größtenteils auch wirklich genutzt. Und dass, obwohl die Hänge oft so steil sind, dass auf einer Terrassenzeile nur eine einzige Reihe Mais Platz findet. In etwas ebenerem Gelände finden sich Zuckerrohr, Bananen und Papaya dicht an dicht.

Der Ort Ribeira Brava glänzt mit einiger Architektur aus der Zeit, in der die Kapverden zu Portugal gehörten. Dennoch, anders als die meisten anderen afrikanischen Staaten entwickeln sich die Kapverden positiv, wenn auch von niedrigem Niveau kommend. So ist der Staat (nach Botswana) der zweite afrikanische Staat, der von einem wenig entwickelten Land zu einem Land mit mittlerem Einkommen heraufgestiegen wurde (2008). Im Wohlstandsindikator der UN haben die Kapverden 2015 den Platz 122 von 188 erreicht und damit die unterste Kategorie verlassen. Das Jahresdurchschnittseinkommen liegt dennoch bei unter 4.000 $. Wir vermuten, dass das nicht unerheblich zur intensiven Nutzung auch der schwierig zu bewirtschaftenden Flächen beiträgt.

Der Ort präsentiert sich bunt und gepflegt.
Fischverkauf von der Ladefläche eines Pickup-Aluguer
Tankstelle in der Mitte der Hauptstraße

Wir bummeln eine Zeitlang durch den kleinen Ort mit seinen alten, meist engen Kopfsteinpflasterstraßen, dann geht’s mit einem Aluguer zurück. Ein weiteres Mal über die Gebirgspässe und zurück nach Tarrafal. Am Hafen kaufen wir uns einen schönen Fisch, Süßkartoffeln (beides im Backofen) und Papaya (Salat) für unser Abendessen an Bord. 😋



Hamburg – Peking

Wir sind nach einer schönen Nachtfahrt heute morgen um halb neun in Tarrafal auf São Vincente angekommen. Nachtfahrt deswegen, weil wir es uns wichtig war, mit Tageslicht an dem uns unbekannten Ankerplatz anzukommen. Andererseits wollten wir auch bei Tageslicht losfahren, weil ich beim Schnorcheln 🤿 gesehen hatte, dass sich unsere Ankerkette in Palmeira ein bisschen zwischen ein paar Felsen am Grund durchschlängelte, falls es beim Aufholen ein Problem geben würde ließe sich das bei Tageslicht besser lösen (ging aber alles glatt).

86 Seemeilen Strecke lagen vor uns, bei kalkulierten 5,5 kn wären das fünfzehneinhalb Stunden, bei 6 kn Geschwindigkeit 14 Stunden und 20 Minuten, bei für die Windverhältnisse sehr hohen 6,5 kn etwas über 13 Stunden. Hier geht die Sonne derzeit um 18.00 Uhr unter und morgens um viertel vor sieben wieder auf. Wir sind deshalb etwas vor Sonnenuntergang losgefahren, um bei allen drei Geschwindigkeiten im Hellen anzukommen. Den Gedankengang haben wir offenbar nicht exklusiv, fast zeitgleich mit drei weiteren Booten brechen wir in den Sonnenuntergang auf.

Und tatsächlich haben wir etwa in der Mitte unserer Berechnungen gelegen, waren knapp 6 kn (also etwa 11 km/h) „schnell“, da müsste man mit dem Fahrrad schon fast aufpassen um nicht umzufallen 😉. Aber für ein Fahrtensegelboot ist das schon eine ganz gute Durchschnittsgeschwindigkeit.

Vor genau fünf Monaten sind wir von Griechenland nach Italien losgesegelt, heute ist unser 154ster Reisetag. Um mit der Statistik noch etwas weiterzumachen: bisher haben wir auf dieser Reise 4.035 sm geloggt, also umgerechnet eine Strecke von 7.472 Kilometern. Das entspricht ziemlich genau der Entfernung zwischen Hamburg und Peking!

Hatten wir uns vorher gar nicht so klar gemacht. 🤔 Aber zum Glück haben wir diese Entfernung eben nicht „Luftlinie“ zurückgelegt, sondern sind von einem Ort zum anderen gebummelt. Zum Beispiel jetzt vom flachen Palmeira

hierher nach Tarrafal mit seiner deutlich steileren Küstenlinie. Hier führt uns heute wie vorgeschrieben der erste Weg direkt zur Polizei. Auch wenn wir das Land nicht gewechselt haben, in den Kapverden ist das Anmelden für die einzelnen größeren Inseln obligatorisch.

Tarrafal:

Vom Boot ausgebrachtes Netz wird zum Strand hin eingeholt
Flora vor Anker und unser Beiboot Florecita am schwarzen Sandstrand
und Sonnenuntergang heute in der Hängematte 😎



Pedra de Lume

Über die Salinen von Pedra de Lume hatten wir ja schon geschrieben. 1919 wurde eine Seilbahn gebaut, um das gewonnene Salz über den Kraterrand zum kleinen Hafen zu bringen. Die aus Holzbohlen gezimmerten Trag- und Stützmasten der Seilbahn ebenso wie die aus Holz gebaute Verladestation mit der stählernen Seilbahnmechanik sind zwar längst aufgegeben, aber bei dem hiesigen Klima trotz aller Verwitterung eben doch auch im Wesentlichen erhalten. Sogar das Ende eines völlig verrosteten Tragseils hängt noch herunter. Eigentlich ist das Ganze ein Industriedenkmal in einem Freiluftmuseum, nur dass es weder gepflegt wird noch Eintritt kostet 😊. Die Stimmung dort erinnert an einen Spaghettiwestern, man meint, gleich müsse ein „Tumbleweed“-Busch durch die Geisterstadt rollen.

Und wie um diese Atmosphäre fortzuführen präsentiert sich fast unmittelbar neben der Verladestation ein Werftgelände. Rotte Holzboote und diverse durchgerostete Schiffsrümpfe sind hoch auf das Ufer gezogen, die alte Helling ist mit rostbraunen Lastkähnen ohne Boden belegt. Eine riesige Schriffsschraube gammelt pittoresk vor dem bei Ebbe hellgrün leuchtenden Algenschleim auf den Ufersteinen. Ein Fotografentraum-Farbenspiel 🤩.

Aber es kommt noch besser, denn die Werft ist eben noch nicht vollständig aufgegeben. Das Dach einer Halle ist noch intakt und unmittelbar daneben werden im improvisierten Sonnenschutz flatternder Planenreste zwei neue Fischerboote gebaut, ein kleines und ein größeres, beide traditionell mit Holzplanken auf Holzspanten. Ich frage, ob ich fotografieren darf und bekomme die Erlaubnis, lediglich ein kleines Trinkgeld wird erbeten.

200 Meter weiter, am kleinen geschützten Fischerhafen von Pedra de Lume (Pedra=Stein, Lume=Feuer, sehr passend für das Örtchen neben einem Vulkankrater) sehen wir einmal mehr, wofür diese Boote dann verwendet werden. Die bunt bemalten Kähne sind schon wieder mit langen Leinen quer über den Hafen vertäut, aber die Fischer noch mit dem Ausnehmen und Sortieren ihres Tagesfangs beschäftigt.

Das große Boot wird wohl draußen vor dem Hafen an einer Mooringboje liegen müssen, das kleine irgendwann farbenprächtig bemalt die bunte Flotte hier ergänzen.

Sal

Ursprünglich war der volle Name der Insel „Ilha do Sal“, portugiesisch für „Insel des Salzes“. Die recht späte dauerhafte Besiedelung des Eilands geht denn auch auf das weiße Gold zurück. Auf der vergleichsweise flachen Steppeninsel lohnte fast nur die Salzgewinnung. Neben vielen inzwischen aufgegebenen Salinen im Süden (bei Santa Maria) gibt es noch eine große Besonderheit: etwa auf Höhe von Palmeira, aber auf der anderen (östlichen) Inselseite erhebt sich ein alter, längst erloschener Vulkan. Seine Caldera, also der weggesprengte oder eingesackte Kessel in seiner Mitte, liegt etwas unter dem Niveau des Meeresspiegels. Damit bildet er praktisch eine natürliche Saline von Pedra de Lume, die ab Ende des 18.Jahrhunderts industriell ausgebaut und genutzt wurde. Da wollen wir hin.

Und dafür stellen wir uns in Palmeira einfach irgendwo an die Hauptstraße. Schon nach kurzer Zeit hält ein „Aluguer“ vor uns und wir steigen ein. Kein Zufall, diese Transportfahrzeuge (meist Minibusse, manchmal auch Pickups mit Bänken auf der Ladefläche) fahren hier so lange die kurze Hauptstraße von Palmeira rauf und runter, bis wirklich alle Plätze besetzt sind. Dann geht’s los, einziges Ziel ist Espargos in der Mitte der Insel. Wer weiter will, muss dort umsteigen. Die Fahrt kostet pro Person 50 Cent, wahlweise 50 CVE (=Cabo Verde Escudos). Der Umrechnungskurs ist also ziemlich einfach zu managen 😁.

Espargos ist zwar der Hauptverwaltungsort von Sal und auch etwas größer, aber trotzdem ähnlich übersichtlich und entspannt wie Palmeira. Wir drehen eine kurze Runde über den zentralen Platz mit der schmucken blauen Kirche, dann suchen wir uns ein Taxi, dass uns für 5 Euro zu den Salinen von Pedra de Lume bringt.

Außen vor dem Vulkan stoppen wir an einer Schranke, zahlen je 5,- € Eintritt und gehen dann zu Fuß durch einen Tunnel in der Vulkanflanke. Auf der anderen Seite des gar nicht sonderlich langen Tunnels blicken wir in die kreisrunde Caldera mit ihren Salinen:

Von oben sieht man die Nähe zum Meer

Wir bummeln durch die Salinen und genießen das surreale Farbenspiel mit den weißen und rosaroten Salinenbecken, dem Vulkangestein und dem blauen Himmel.

Wiebkes Outfit mag skurril erscheinen, ist aber schnell erklärt: im Eintrittspreis ist freies Baden im salzigen Salinenbecken enthalten, schöne Grüße vom Toten Meer 😉!

Palmeira

Wir sind in Afrika. Geographisch war das schon auf Madeira und auf den Kanaren der Fall, aber beide Inselgruppen gehören zur Europäischen Union und fühlen sich auch europäisch an.

Ganz anders die Kapverden. Die Atmosphäre im Örtchen Palmeira auf der Insel Sal unterscheidet hat sich so deutlich von den bisher besuchten Orten, das der Wechsel in den afrikanischen Kulturkreis quasi ins Auge springt.

Dreh- und Angelpunkt (ja, Wortspiel) Palmeiras ist der Hafen. Hier landen die Fischer mit ihren zumeist kleinen bunten Booten täglich ihren Fang an, der dann vor Ort in Eimern und Plastikwannen sortiert, verkauft oder aufgeteilt oder zu einem Teil sogar gleich weiterverarbeitet wird (nämlich gesalzen und auf großen Tischen getrocknet).

Und hier am Hafen wird auch gespielt und gebadet, hier findet sich ein einfaches aber superleckeres Fischrestaurant, hier gibt’s improvisierte Bars, in denen geklönt und diskutiert wird und die die auf den Kapverden unverzichtbare Musik zur entspannten Atmosphäre beisteuern.

Die Frachtschiffmole des Hafens bietet außerdem den hier vor Anker liegenden Yachten Schutz gegen die mit großer Wucht anbrandenden Wellen des Atlantiks. Kaum zu glauben, wie ruhig wir hier liegen während wir vom Boot oder vom Strand aus beobachten können, wie in unmittelbarer Nähe Brecher mit weit abwehender Gischt ans Ufer schlagen und den lokalen Surfern herausfordernde Bedingungen bieten.

Im Ort selbst wird ebenfalls deutlich, dass wir die europäische Komfortzone verlassen haben. Es gibt zum Beispiel kein Wasserleitungsnetz. Einzelne neuere Häuser haben Druckwasseranlagen, bei einigen anderen sehen wir Wassertanks auf dem Dach. In beiden Fällen müssen die Wasserspeicher durch Tanklaster aufgefüllt werden. Die Mehrzahl der überwiegen einfachen Häuser mit Flachdächern versorgen sich mit Frischwasser, indem sie per Schubkarre in großen Kanistern Wasser aus dem örtlichen „Fontenário“ holen. Für ein paar Cent pro Liter kann an dieser Zapfstelle Frischwasser (aus der Meerwasserentsalzungsanlage) gekauft werden, dass ebenfalls per Tanklaster dorthin angeliefert wurde.

Der Komfort, ja Luxus, den unser Boot uns bietet wird uns vor einem solchen Hintergrund um so deutlicher.

Die Liebe der Menschen hier zu bunten Farben zeigt sich oft in der Kleidung, aber vor allem auch in vielen Wandmalereien und überhaupt den wann immer möglich leuchtend angestrichenen Häusern.

Und ja, auch die Einkäufe werden gelegentlich auf dem Kopf nach Hause getragen.

Passage nach Sal, Fliegende Fische, Einklarieren und „Zollstander“

Wie versprochen, hier noch der optische Nachtrag zur Passage von La Gomera auf den Kanaren nach Palmeira auf Sal in den Kapverden. Wir hatten abgesehen von einer kurzen Zeit im Windschatten der kanarischen Inseln fast durchgängig 6 Windstärken, selten weniger, in den Böen aber oft auch mehr. Aber, und dass hat uns etwas überrascht, trotz des immer aus Nordost kommenden Windes gab es auf dieser Passage nicht die eine lange Dünung, die zwar hoch ist aber doch nur langsam unter dem Schiff hindurchläuft. Statt dessen hatten wir achterliche Wellen von Anfangs drei Meter Höhe, zum Ende hin abnehmend auf zwei Meter, die aber etwa alle sieben Sekunden relativ steil heranrauschten. Dazu niedrigere Wellen von den Seiten, häufiger von Backbord, seltener auch von Steuerbord. Sie sorgten für ziemliches Gerolle und ab und an bei Überlagerung der Wellen klatschendes Aufeinandertreffen und Spritzer ins eigentlich gut geschützte Cockpit. Von anderen Seglern haben wir gehört, dass dieses Wellenbild auf der Passage von den Kanaren zu den Kapverden nicht unüblich ist. Das nährt die Hoffnung, auf der Atlantikquerung doch längere Dünung und weniger Kreuzseen zu haben 🤞.

Rollt ganz gut 😊

Ebenfalls ein bisschen unerwartet war das „Verhalten“ der Fliegenden Fische. Schon im Mittelmeer hatten wir welche gesehen und auch auf dem Weg zu den Kanaren stoben immer mal wieder einige von ihnen vor unserem Bug auf und segelten davon.

Auch auf den ersten drei Tagen dieses Törns blieb das so, aber am vierten Tag klatschte uns in Kammikaze-Manier der erste fliegende Fisch gegen die Windschutzscheibe und blieb an Deck liegen. Nach der folgenden Nacht fanden wir 8 (acht!) Fliegende Fische an Deck, vertrocknet und stinkend, zudem hatten sie um sich herum reichlich Schleim und Schuppen hinterlassen. In der letzten Nacht waren es sogar 9 und zusätzlich ein kleiner Tintenfisch.

Scheint ein Phänomen der Tropen zu sein, die wir jetzt nach passieren des Wendekreises des Krebses (*1) offiziell erreicht haben, obwohl die Temperaturen bei den Nachtwachen anderes suggerieren.

Nach der Nachtwache gestern: Vorbereitung des Einklarierens

Zum ersten Mal auf unserer Reise müssen wir in den Kapverden „richtig“ einklarieren. Bisher war das Anmelden der Einreise in ein von uns besuchtes Land in einem vereinfachten Verfahren möglich. Hier in den Kapverden dürfen wir erstmals bei der Einreise nur ganz bestimmte Orte anlaufen, sogenannte „Port of Entry“. Es gibt nur drei: Mindelo auf São Vincente, die Hauptstadt Praia auf Santiago und eben unsere Wahl: Palmeira auf Sal.

Jedes einlaufende Schiff muss durch Hissen der Flagge „Q“ des internationalen Flaggenalphabetes (*2) deutlich machen, dass an Bord alle gesund sind (Q wie Quarantäne!) und man bisher noch nicht einklariert, sich also bei allen zuständigen Behörden angemeldet hat.

Hier auf den Kapverden muss man sich bei nur zwei zuständigen Behörden anmelden, dem Hafenamt und der Polizei. Beide residieren praktischerweise im selben Gebäude, das mit dem Wartenden und den beiden Straßenhunden das hiesige Motto „no stress“ ganz gut wiederspiegelt.

Keine Ironie, obwohl die Mitarbeiter dort wenig Englisch sprechen und wir gar kein Portugiesisch oder Kreol, die Prozeduren laufen superfreundlich und entspannt ab. Na gut, der Kollege von der Polizei ist inzwischen am Flughafen (dort kann man auch einklarieren). Egal, wir dürfen das Schiff verlassen und uns frei bewegen (sonst eigentlich erst ab vollständiger Einklarierung), morgen wiederkommen und den Rest machen und vor allem: no stress!

Jonna von der Tangaroa hatte mich zu den Behörden geführt und mir auch gleich gezeigt, wo ich eine Internet-SIM-Karte kaufen kann. Im Laden übrigens das gleiche Phänomen: Sprachschwierigkeiten, na und? Die gewünschte Karte wird durch hin-und-her-hantieren der Besitzerin mit ihren zwei Handys freigeschaltet, klappt.

😁 🇨🇻

(*1) Wendekreis des Krebses: die Vorstellung, die Sonne stehe mittags senkrecht über dem Äquator stimmt nur ungefähr. Genau genommen tut sie das nur bei der Tagundnachtgleiche am 21. März und am 23. September. Ansonsten sorgt die Schrägstellung der Erdachse dafür, das die Sonne senkrecht über anderen Orten der Erde steht. Und zwar „wandern“ diese Punkte bis zum 21. Juni nach Norden bis zu einer Linie, die 23,5 Grad nördlich des Äquators liegt und im Atlantik von der Westsahara aus südlich der Kanaren hinüber zu den Bahamas und nach México läuft. Eben der Linie, die als Wendekreis des Krebses (lateinisch: tropicus cancri) bezeichnet wird. Auf der Südhalbkugel gibt es entsprechend den Wendekreis des Steinbocks (tropicus capricorni). Das Gebiet zwischen den Wendekreisen nennt man deshalb Tropen. Ein witziges Detail dazu ist, das die Sonne heute an den betreffenden Tagen gar nicht mehr in dem Sternbildern steht, nach denen die Wendekreise in der Antike benannt wurden. Vielmehr war das beim Wendekreis des Krebses zwischenzeitlich das Sternbild der Zwillinge und ist (seit 1990) heute Stier. Beim Wendekreis des Steinbocks ist es heute Schütze – die Bezeichnungen sind aber dennoch seit der Antike beibehalten worden.

(*2) Wir haben den kompletten Flaggensatz des internationalen Flaggenalphabetes ( https://www.esys.org/esys/flagalph.html ) an Bord, aber nur die schlicht gelbe „Q“-Flagge werden wir wohl häufiger benötigen. Wie alle anderen hier auch, zeigen wir sie über der Gastlandsflagge der Kapverden an Steuerbord. Unsere österreichischen Freunde werden uns hoffentlich diesen aus österreichischer Sicht offenbar schweren Mangel an guter Seemannschaft (so jedenfalls laut einer aufmerksamkeitstarken Diskussion in der österreichischen Yachtrevue ) irgendwie verzeihen, denn demnach würde er auf die andere Seite des Schiffes unter die Backbordsaling gehören. Die Deutschen sind da übrigens nicht wirklich besser: anders als international üblich muss nämlich (theoretisch) in Deutschland nach § 4a und Anlage 2 ZollV statt gelben „Q“ als „Zollstander“ der dritte Hilfsstander des Flaggenalphabetes (dreieckig weiß mit waagerechtem schwarzem Streifen) gezeigt werden 😳🤣.