Zeit ist relativ. Selbst Fiji-Time.

Fiji Time. Ein feststehender, viel verwendeter Ausdruck in diesem Land. Man hat Zeit, lässt sich Zeit. Kommt nicht so drauf an.

Es ist schon irgendwie erstaunlich. Gestern haben wir die Flüge für den „Heimaturlaub“ gebucht, Anfang Dezember geht’s von Auckland über Singapur nach Hamburg. Das ist (erst !?!) in zweieinhalb Monaten. Und was macht das mit uns? Eine ganze Menge. Von jetzt auf gleich fühlt sich Fiji anders an. Bisher schien die Zeit hier fast unendlich – immerhin sind wir eine ganze Saison lang ausschließlich hier in „Bula-Land“. Lassen uns reichlich Zeit, bummeln alleine über zwei Monate nur durch die abgelegenen Inseln der Lau-Gruppe. Und jetzt? Auf einmal tickt die Uhr. Nur noch 10 Tage und dann ist schon Oktober, dann schauen wir schon nach einem Wetterfenster für die Passage nach Neuseeland. Und plötzlich fühlen sich die Tage wie Abschiednehmen von Fiji an. Noch bewusster genießen, noch intensiver schauen. Wehmut? Ein wenig vielleicht. Aber auch das Gefühl: ja, das ist rund. Fiji ist toll, wir haben viele verschiedene Landesteile gesehen, wunderbar herzliche Menschen kennenlernen dürfen. Wir durften dieses Land sehr intensiv erleben, eben fast ein halbes Jahr lang hier leben. Was für ein Geschenk.

Und jetzt zum Abschluss die Inselgruppe der Yasawas. Wir haben inzwischen die nördlichste, namensgebende Hauptinsel dieser Kette erreicht, eben Yasawa Island.

Rund 20 Kilometer lang ist Yasawa Island, dabei aber nur maximal einen Kilometer breit. Die Insel erstreckt sich von Südwest nach Nordost, ein langer schmaler Schutzwall gegen den vorherrschenden Südostpassat. Das ist um so wichtiger, weil der Passat durch die Düse zwischen Fijis hohen Hauptinseln Viti Lvu und Vanua Levu gepresst noch einmal deutlich verstärkt hier ankommt, während die südlichen Inseln der Yasawa-Gruppe oft im Windschatten von Viti Levu liegen.

Vorschau für Freitag dieser Woche auf Windy.com

Unser erster Ankerplatz auf Yasawa Island war Namataya Anchorage, ganz im Süden der langen Insel.

Eine durchziehende Front mit über Süd drehendem Wind, da kann man hier zwischen den Riffen guten Schutz finden und beim kräftigen Südwind am nächsten Tag super Wingfoilen (mit dem kleinen 4 qm Wing).

Jetzt, mit dem Passat wieder klassisch aus Südost, aber noch gemäßigt ruhig (und wahrscheinlich seine Kräfte für Freitag aufsparend) liegen wir nach einem schönen Segeltag am anderen Ende von Yasawa Island, ganz im Norden vor dem Champagne-Beach.

Zum Wingfoilen muss jetzt der große 6,5 qm Wing ran.

Auch das ist ein bisschen Abschied nehmen, denn in Neuseeland werde ich wohl nicht mehr so viel foilen, erst recht nicht in kurzer Hose und nur mit T-Shirt unter der Prallschutzweste. Kein tropisch warmes Wasser dort, also jetzt nochmal Fiji-Temperatur und Fiji-Time genießen.

El Niño 2023/2024

Wir haben ausklariert und sind losgefahren.

Raus aus der Bahía de La Paz, um die Ecke und Floras Bug nach Süden gerichtet. Geht wirklich gut los, wir fangen den bisher größten Fisch unserer Reise, eine 1,25 m lange Gelbschwanz-Bernsteinmakrele (Yellowtail-Amberjack). Passt nicht in unsere Filetier-Schale auf dem Achterschiff,

aber wir bekommen trotzdem rund 4 kg schönes Filet. Auf dem weiteren Weg dann wieder springende Rochen und auch einige Buckelwale .

Und dann Stop!

Geplant war der Halt in der Bahía de Los Muertos sowieso, aber eigentlich nur als letzte Übernachtung, letztes Ausruhen vor dem großen Schlag. Jetzt werden wir aber wohl doch noch etwas länger bleiben müssen, das Wetter lässt uns kaum eine andere Chance. Laut den neuesten Wetterberichten wird sich in den nächsten Tagen ein ausgeprägtes Schwachwindgebiet südlich der Baja California entwickeln. Dem können wir nicht mehr rechtzeitig entwischen, zumal sich an seiner Südgrenze ein fettes Gewitterband anschließt. Wo zuletzt noch schönster Segelwind aus Nordost herrschte, sorgt jetzt ein kräftiger Trog für wilde Verhältnisse genau auf der Route zwischen unserem Standort und den ohnehin gewitterträchtigen Kalmen nördlich des Äquators. So sieht das auf Windy aus:

Regen und Gewitter
Blau=Flaute

Durch eine kleinere Flaute könnten wir hindurch motoren, aber bei der aktuellen Prognose wären unsere 440 Liter Diesel bereits aufgebraucht, bevor wir den notorisch windarmen Kalmengürtel überhaupt erreicht hätten. Also lieber erstmal hier bleiben und abwarten, Wetterberichte wälzen. Auch an unserem Zielort in Französisch Polynesien spielt das Wetter nicht so recht mit. Die Marquesas kommen noch ganz gut davon, aber die Gambier und auch die Tuamotus bekommen einiges ab. Von den Gesellschaftsinseln rauscht ein Tiefdruckgebiet nach dem anderen heran, in Papeete auf Tahiti bläst es gerade mit 8 Beaufort. Die Tiefs sorgen dann auch für reichlich Unruhe auf den sonst gegen den Südost-Passat geschützten Ankerplätzen Französisch Polynesiens.

Na klar, es ist Hochsommer auf der Südhalbkugel, aber das Wetter scheint extremer als sonst. Sind das Auswirkungen von „El Niño“? Und was ist El Niño überhaupt für ein Wetterphänomen?

El Niño bezeichnet das Auftreten ungewöhnlicher Temperaturen des Oberflächenwassers (besonders warm vor der peruanischen Küste, aber eben nicht nur dort) im Zusammenhang mit veränderten Meeresströmungen im Südpazifik. Vor allem in besonders intensiven El Niño Jahren kann dadurch das Wetter weltweit beeinflusst werden. Eine sehr gute Erklärung dazu gibt es hier bei NOAA Climate Gov.

Zum Jahreswechsel 2023/2024 (und bis jetzt andauernd) ist ein intensiver El Niño zu beobachten. Besonders gut lassen sich diese Temperaturanomalien hier erkennen (genannte Quelle):

Und unsere geplante Route von der Südspitze der Baja California in Mexiko nach Französisch Polynesien geht halt durch einen besonders ausgeprägten Teil dieser Anomalie mitten hindurch:

Im Extremfall führt El Niño dazu, dass die Passatwinde sich nicht nur abschwächen, sondern sogar (in manchen Regionen) umkehren können, also aus westlichen Richtungen wehen. Das ist allerdings bisher zumeist nur im westlichen Pazifik beobachtet worden. Trotzdem ist bei derartigen Temperaturveränderungen klar, dass in den roten Gebieten mehr Energie in der Luft ist, und damit eben auch das Risiko von Gewittern steigt. Ein Grund mehr, bei der Wettervorhersage für unsere Route besonders auf den CAPE-Wert (CAPE = Convective Available Potential Energy) zu achten und Gebiete mit vorhergesagten Gewittern nach Möglichkeit zu meiden.

Das wird nicht immer klappen, insbesondere in den Kalmen am Äquator. Aber hier oben in Mexiko, da können wir z.B. einfach unsere Abfahrt verschieben. Bleiben wir halt noch ein bisschen länger in der Bahía de Los Muertos.

Und es ist ja auch nicht immer alles so, wie es auf den ersten Blick scheint. Die „Bucht der toten Männer“, das hört ja ziemlich morbide an. Vielleicht sogar geschäftsschädigend, ein Hotel am Strand hat deshalb versucht, die Bucht in „Ensenada de Los Sueños“ (Bucht der Träume) umzubenennen, aber das hat sich nicht durchgesetzt. Der Ursprung des Namens hat eigentlich auch gar nichts mit Todesfällen zu tun. Vielmehr hat eine (inzwischen längst aufgegebene) Mine für den Abtransport der Erze Haltemöglichkeiten gebraucht. Deshalb wurden Moorings mit sogenannten „Totmann-Ankern“ befestigt und die gaben der Bucht ihren Namen. Eigentlich erstaunlich, dass die Namen dieser Anker im Spanischen, Deutschen und auch im Englischen jeweils ganz entsprechend ist.

Jedenfalls ist es schön hier:

Fotonachtrag zur Atlantiküberquerung

Erst mal ganz lieben Dank für Eure Anteilnahme, die Aufmunterungen und die Glückwünsche. Es freut uns riesig, dass Ihr uns auf unserer Reise so begleitet.

Ich hatte ja in den Iridium-Posts mehrfach geschrieben, dass wir ganz schön durchgeschaukelt werden und die See nicht einfach nur eine lange Ozeandünung sondern ziemlich kabbelig ist. Hier erst mal ein paar Bilder die versuchen, das in seiner Wildheit und Schönheit zumindest ansatzweise einzufangen:

Es ist schon erstaunlich, wie einerseits unfassbar anstrengend es ist, wenn DAUERND ALLES in Bewegung ist, nichts einfach dort liegen bleibt, wo man es „mal kurz“ ablegen musste, man sich selbst auf dem stillen Örtchen festkeilen muss, man beim Schlafen selbsttätig gewendet wird als sei man ein Grillhähnchen und selbst simpelste Aufgaben wie Kaffeekochen eigentlich eine dritte Hand erfordern würden. Und wie andererseits sich der menschliche Körper (und Magen) dann meistens doch irgendwann daran gewöhnt, man entspannen und sogar lesen kann.

Segel-Schaukel im Passat
Und ja, blaue Flecken von unvermittelt zufallenden Kühlschrankdeckeln gehören auch dazu.

Tierfotos hätte ich Euch gern mehr geboten, aber wir haben (sicher auch den hohen Wellen geschuldet) nicht allzuviel tierische Begegnngen gehabt. Nur die allgegenwärtigen Fliegenden Fische (von denen es einer trotz selbstverständlich geschlossener Fenster sogar in den Salon geschafft hat) und ab und zu ein Vogel (zumeist Weißbauchtölpel, wobei Tölpel sich nur auf das Verhalten an Land bezieht und den eleganten und mit bis zu 1,5 m Flügelspannweite auch großen Segelfliegern auf See und in der Luft nicht gerecht wird).

Na ja, und dann noch mal zu den Squalls. Wir hatten vorher viel darüber gelesen und konnten uns doch nicht recht etwas darunter vorstellen. Es sind kleine Regenzellen (manchmal auch Gewitterzellen, hatten wir aber zum Glück nicht), räumlich meist ziemlich begrenzt, vielleicht ein Kilometer im Durchmesser. Sie bringen oft (aber auch nicht immer) deutliche Veränderungen in der Windstärke und der Windrichtung, was bei der Vormwindbesegelung unangenehm sein kann, weil die Segel ja dann ziemlich in ihrer Position fixiert sind (zu dem Leinenwirrwarr schreibe ich demnächst noch mal was). Man kann die Squalls aber ganz gut auf dem Radarbild erkennen:

Hier auf dem Seekartenoverlay: das Radar zeigt einen Squall links vor uns und einen rechts hinter uns, außerdem ein bisschen Nieselregen knapp links hinter uns.

Meist kommen die Squalls am Abend oder Nachts, aber ein komplettes Band von Squalls hat uns auch einen Tag lang ganz gut beschäftigt 😉.

Ein Squall zieht auf.

Tja, und das Segeln …