Passage nach Hawaii, Tag 12

So lange waren wir bisher noch nie unterwegs. Heute Mittag haben wir die 12 Tage voll gemacht und damit unsere bisher längste Passage übertroffen, die Atlantiküberquerung Dezember 2019 mit 11 Tagen und 22 Stunden. Überhaupt erst die dritte Passage mit einer zweistelligen Anzahl von Tagen (10 Tage war Chesapeake Bay nach Antigua, November 2020).

Von der Passage nach Hawaii haben wir noch nicht ganz die Hälfte geschaft, das Bergfest steht noch aus. Und vor allem der taktisch kniffeligste Teil liegt noch vor uns, sogar unmittelbar vor uns: die Kalmenzone der ITZ. Das Wetterfenster ist nicht mehr so klar wie noch vor ein paar Tagen vorhergesagt, aber gleichwohl scheint sich uns noch die Chance zu bieten, mit einer überschaubaren Motorzeit durch die ITZ hindurch zu kommen und damit relativ weit östlich den Nordostpassat Richtung Hawaii zu erwischen. Damit würden wir den Passat dann leicht achterlich haben. Würden wir weiter nach Westen segeln in der Hoffnung auf eine dort schmaler werdende ITZ, hätten wir auf dem langen Schlag nach Hawaii den Passat eher schräg von vorn (also bei der zu erwartenden Windstärke nicht ganz so angenehm). Wir wälzen die über Satellit empfangenen Wetterberichte hin und her, diskutieren auch mit Jan in Hamburg. Spätestens morgen müssen wir die Entscheidung treffen.

Derzeit haben wir nichts auszustehen, der Wind ist mit etwa 15 kn perfekt, die Wellen sind auf knapp über 2 m zurückgegangen. Die Strömung hat ebenfalls nachgelassen und wird vermutlich in den nächsten Tagen eher ein bisschen gegen uns stehen. Sonnenschein, blauer Himmel, absolut kein Schiffsverkehr. Wir lesen viel, schlafen viel, genießen den Törn. Selbst so weit draußen begleiten uns immer wieder Seevögel, heute ein Nazca Boobie und ein junger Red Footed Boobie, der um unser Boot herum Kreise zieht und fliegende Fische jagt, außerdem Sturmtaucher.

Essen: Mahi-Tartar auf Reis mit Norigurken und Möhren in Sojasauce, frische Wassermelone zum Nachtisch.

Etmal: 182 sm(damit 599 sm in den letzten drei Tagen!), gesamt gesegelt 1.947 sm, noch geschätzte 2.353 sm nach Hawaii.

Passage nach Hawaii, Tag 11

Wir sind immer noch außergewöhnlich schnell unterwegs, der schiebende Äquatorialstrom schwächt sich nur ganz langsam ab, der Wind war sogar ein klein wenig stärker als gestern. Allerdings kommt er achterlicher, wir schaukeln etwas mehr. Außer die Segel ein bisschen zu öffnen brauchten wir keinerlei weitere Arbeit an Schoten und Segeln, weiterhin Fock und Groß. Das Wetter ist leicht bewölkt mit sonnigen Abschnitten, nur ein kurzer Schauer in der Nacht, sonst trocken.

Ab und zu beschleicht uns die Erkenntnis, dass um uns herum nicht viel anderes als Wasser ist. Tatsächlich ist das Festland von Mexiko 1.200 sm entfernt, die Marquesas rund 1.500 sm. Beides also sowohl näher als Galapagos und erst recht als Hawaii. Wir sind also ziemlich weit weg von allem. Das kann bedrückend sein, wenn wir an potentielle Probleme denken, kann aber auch ungeahnte Gespräche z.B. über weit entfernte Verwandtschaft mit sich bringen (was wahrscheinlich durch die im Moment gelesenen Bücher unterstützt wird), über Liedertexte lange nicht gehörter Lieder, allgemein über Stimmungen, über Ängste und Freuden.

Bootsarbeit des Tages: Eine Kombination aus (ungeliebtem) Lesen der Betriebsanleitung und (freudigem, wenn auch von gelegentlichem Fluchen begleiteten) Ausleben des Spieltriebs bringt mich dem Furuno-Plotter mal wieder etwas näher. Tatsächlich schaffe ich es, den dunklen Tiefen des Furuno-Menüs die Informationen zu entreißen, wie ein 360 Grad Radar-Alarmkreis gebildet werden kann und wie ich ihn zu einem 20 minütigem Stromspar-Schlaf mit anschließendem 1 minütigem automatischen und mit dem Alarmkreis gekoppelten Rundumblick bringen kann. Furuno nennt das Watchman. Warum dafür zuvor Grundeinstellungen in zwei völlig unterschiedlichen Grundmenüs zu verändern sind erschließt sich mir zwar nicht, aber der (kleine) Erfolg zählt. Auch einen Schlaf-Modus für das Display haben wir jetzt entdeckt, wir sind ja auch erst bald drei Jahre unterwegs.

Essen: Fischfrei! Hörnchennudeln mit frisch gerösteten Haselnusskernen, grünem Basilikum-Pesto und getrockneten Tomaten.

Heute vormittag war die Angel wieder draußen, allerdings nur kurz. Ein schöner 80 cm Mahi Mahi liegt jetzt bereits filetiert im Kühlschrank. 😉

Neues Rekord-Etmal: 209 sm, gesamt gesegelt 1765, noch geschätzte 2.535 sm nach Hawaii. Position 3 Grad N, 116 Grad 54′ W

Passage nach Hawaii, Tag 10

Nicht zu fassen. Ich habe gestern glatt vergessen zu erwähnen, dass wir erneut den Äquator passiert haben. Wir sind wieder auf der Nordhalbkugel.

Unsere hakenschlagende Streckenführung zahlt sich heute aus. Beim Umfahren der kleineren Schwachwindzone sind wir bewusst weiter als dafür eigentlich nötig nach Norden gegangen. Nicht zu weit, da warten ITZ und Regen, aber doch bis zu den bereit stehenden Siebenmeilenstiefeln. Blankpoliert und gespornt. Denn zwischen 1 und 2 Grad Nord verläuft derzeit der Äquatorialstrom ziemlich stabil und schiebt sehr kräftig westwärts. Auf den SeamanPro-Gribfiles von Wetterwelt lässt sich das wunderbar erkennen.
Mit der Halse von gestern morgen springen wir in diese magischen Stiefel hinein, sie bescheren uns unser heutiges Fabel-Etmal, das beste, das wir bisher mit der Flora jemals erreicht haben.
Dabei bleibt das Segeln angenehm, schon Schräglage, aber eben nur auf einer Seite und nicht hin und her rollend. Halbwindkurs mit zwischen 10 und (in Böen) 18 kn scheinbarem Wind. Der wahre Wind kommt leicht schräg von achtern, wie die Wellen auch, die uns deshalb zusätzlich immer mal wieder anschieben.

Im Bordrestaurant gibt es heute Zatar Mahi Mahi auf Rosmarin-Ofenkartoffeln gegart (Danke an Michael für die superleckere Zatar-Gewürzmischung). Und außerdem verwöhnen wir uns mit frischem Schokoladen-Haselnuss-Brownie-Kuchen. Steuerbord-Art, denn trotz kardanisch aufgehängtem Herd bildet er auf dem Blech eine etwas schiefe Ebene. Tut dem Geschmack aber keinen Abbruch.

Rekord-Etmal: 208 sm in den letzten 24 Stunden. Selbst wenn man 48 sm für konstante zwei Knoten westsetzende Strömung abzieht, immer noch sehr ein gutes Etmal. Gesamt gesegelt jetzt 1.556 sm, noch geschätzte 2.744 sm nach Hawaii.

Passage nach Hawaii, Tag 9

Das traumhafte Segeln vom Vortag setzt sich fort, wir bleiben den ganzen Tag und auch die Nacht hindurch unter Gennaker bei mäßiger Welle und nur ganz langsam zunehmendem Wind, Sonnenschein und blauem Himmel. „Wie klein Fritzchen sich das Segeln vorstellt!“

Die Linie(n) der chineschen Fischfangflotte, die hier offenbar systematisch das Meer leerkämmt, passieren wir bei Tageslicht. Die Schiffe fahren in mehreren Reihen gestaffelt und mit einigen Meilen Abstand, so dass wir auf dem AIS maximal vier gleichzeitig sehen. Durchkommen ist also zum Glück überhaupt kein Problem. Interessant wird es in der Nacht, da liegen die Fischer schon diverse Meilen achteraus. Wir können die uns am nächsten fahrenden trotzdem gut ausmachen, denn ihr gleißend helles Licht beleuchtet nicht nur die Schiffe sondern vielmehr auch das Meer um sie und spiegelt sich selbst in den Wolken. Die weiter entfernt fahrenden Flottenschiffe bilden einen gemeinsamen Lichtschein am Horizont, als läge in dieser Richtung eine Stadt. Ein surreales Bild mitten auf dem Ozean mit über 1.000 Seemeilen Wasser in jeder Richtung ohne ein Inselchen.

Im Übrigen eine wunderschöne Nacht, trotz spät aufgegehendem Mond nicht sehr dunkel durch den unfassbar leuchtenden Sternenhimmel. Mit dem ersten Sonnenlicht und unter Delfinbegleitung wechseln wir auf Westkurs. Wir nehmen den Gennaker herunter und sausen mit dem aufgefrischten Wind und jetzt wieder ordentlich mit 1,5 bis 2 kn schiebendem Strom unter Groß und Fock flott voran. Der neue Wetterbericht deutet von Donnerstag bis Samstag ein für uns erreichbares Fenster zum zumiondest teilweisen passieren der ITZ unter Segeln an, das wäre natürlich klasse.

Essen: Golddorade in Kruste von Maismehl und schwarzem Sesam mit Asia-Kohlgemüse und Reis 😉
Außerdem hat Wiebke aus Augenbohnen, Thymian, Rosmarin, Chili, Zwiebeln und etwas Frischkäse einen Brotaufstrich gemacht, der superlecker auf dem selbstgebackenen Dinkel/Weizenvollkorn-Baguette schmeckt.

Bootsarbeit des Tages: Betakeln einiger loser Enden von weniger benutzten Leinen. Fallen, Schoten und Festmacher hatte ich betakelt, aber bei Abschnitten wie etwa für unseren Trittfender oder die als Allzweckleine benutzte vormalige Rollreffleine war ich nachlässig, nur beklebt und verflammt. Jetzt ist Zeit und Muße für vernähte Taklinge.

Etmal 168 sm, gesamt gesegelt jetzt 1.348 sm, noch geschätzte 2.952 sm nach Hawaii.

Passage nach Hawaii, Tag 8

Was für Kontraste. Um ein derzeit eher schmales, jedoch weit von Ost nach West ausgreifendes Schwachwindgebiet (noch nicht die ITZ) zu vermeiden leiten wir einen Schlenker nach Norden ein. Nach der vorherigen Rauschefahrt ist damit aber auch ein ziemliches Bremsmanöver verbunden, weil wir direkt vor den Wind gehen müssen. Und kaum ein paar Stunden auf diesem Kurs, bricht der Wind dann ein (hätte er auf dem anderen Kurs auch getan). Wir dümpeln in der noch recht hohen Restwelle. Probieren alle möglichen Segelstellungen, selbst eine Passatbesegelung mit ausgebaumter Fock, Code0 auf der anderen Seite und zusätzlich dem Groß. In die Nacht geht es mit ausgebaumtem Code0 und dem per Bullenstander gesicherten Groß auf der anderen Seite (Schmetterling). Aber während der ersten Nachtwache nimmt der Wind noch weiter ab, die Segel flappen, die Beschläge ächzen und quietschen unter den ruckartigen Belastungen. Grrr.

Normalerweise würden wir jetzt den Motor starten, aber mit noch über 3.000 Meilen und der ITZ vor uns ist das erst einmal keine Option, den Diesel wollen wir noch sparen. Trotzdem, die Bewegungen und vor allem die Geräusche schmerzen fast körperlich. Gegen Ende dieser Wache dann Regen … Dankeschön. Denn mit der Regenwolke kommt auch Wind, und der bleibt auch, als das Regenfeld durch ist. Wir können wieder segeln statt dümpeln.

Bei Tagesanbruch wechseln wir auf den Gennaker und luven etwas an, laufen damit wieder über 5 kn. Herrliches, wunderbares Segeln, denn auch die Ozeanwelle hat sich inzwischen beruhigt, schüttelt uns nicht mehr durch sondern wiegt uns nur sanft mit ihrer langen Dünung.

Ah, die Verpflegung: Nach dem der Mahi Mahi gleich am ersten Tag für Ceviche genutzt wurde, gibt es diesmal Mahi Mahi in Koriander-Mango-Buttersoße, Kochbananen und Salat. Ein Gedicht. Außerdem backen wir Brot und machen Crunchy-Müsli-Nachschub.

Bootsarbeit des Tages: Das in den Davits aufgehängte Dinghy verliert in der Bugkammer Luft. Ärgerlich bei einem so neuen Dinghy. Ein Loch können wir nicht finden, wir vermuten ein schleichendes Entweichen durch das Ventil. Das Beiboot sitzt dadurch nicht mehr ganz fest in den Davits. Also muss nachgepumpt werden. Allerdings reicht das Kabel unserer elektrischen Kompressorpumpe nicht so weit. Wir suchen die manuelle Pumpe unter der Achterkoje heraus, lassen das Dinghy ein kleines Stückchen ab und können tatsächlich nachpumpen, auch wenn es ein Balanceakt auf der Badeplattform ist. Bei dem ruhigen Wetter jedenfalls gut machbar. Und wir stellen eine Scheuerstelle bei der zusätzlichen Verzurrung des Gennakers am Top-Beschlag des Antitorsionskabels (um das der Rollgennaker aufgewickelt wird) fest, die wir gleich vernähen und mit Scheuerschutz umwickeln.

Seit 4 Tagen die erste Schiffsbegegnung: Die Zhou Yu 919 läuft 3,5 sm vor uns durch. Vor zwei Tagen hatte Jan uns geschrieben, dass rund 100 chinesische Fischer sich auf einer Linie etwa 100 sm nördlich von uns über eine Länge von 400 sm synchron bewegen. Vielleicht ist es eines dieser Schiffe.

Etmal 115 sm (unser bisher schlechtestes Etmal nach dem bislang besten mit 172 sm gestern), auf dieser Passage gesamt gesegelt jetzt 1.180 sm, noch geschätzte 3.120 sm nach Hawaii.

Passage nach Hawaii, 7. Tag

Herrliches Ozeansegeln. Rund 15 kn wahr, segeln mit raumem Wind, Groß und Fock. Etwa 2,5 m Welle, blauer Himmel.

Wir sind schon eine Woche unterwegs, haben heute die 1.000 Seemeilen geknackt. Am Morgen wieder viele fliegende Fische und Kalmare an Deck und auch tagsüber sehen wir große Schwärme fliegender Fische, ein paar Mal geschätzte 50 bis 100 Stück, die sich schräg vor unserem Bug über die Wellen heben und zur Seite hin wegsegeln. Wenn eine Welle sie zu erreichen droht schlagen sie mit der Schwanzflosse darauf und scheinen sich damit weiteren Schwung zu holen. Tagsüber landen auch keine auf unserem Deck, aber nachts scheinen sie das Schiff zwar als Bedrohung zu spüren, es selbst aber im Flug nicht sehen zu können.

Was uns bewegt: eine taktische Entscheidung steht an. Wann und wie queren wir am besten die ITZ, also die Innertropische Konvergenzzone. Hätte gar nicht gedacht, dass wir die Erdkunde aus der 8.Klasse, in diesem Fall die „Hadley-Zelle“ so viel brauchen würden ;-).
Grundsätzlich weht auf den Ozeanen in den nördlichen Tropen der Nordostpassat, in den südlichen Tropen der Südostpassat. Das Zusammenströmen (also die Konvergenz) dieser beiden starken Windsysteme verstärkt das durch den hier hohen Sonnenstand ohnehin kräftige Aufsteigen von feuchter Luft. Die ITZ liegt nicht genau um den Äquator herum, sonder jahreszeitlich bedingt derzeit etwas nördlich davon. Sie ist gekennzeichnet von wechselhaften und flauen Winden, vielen Wolken und leider auch Gewittern. Also eine Zone, die man als Segler so schnell wie möglich hinter sich lassen möchte.
Die ITZ muss man sich aber nicht als eine feste Einrichtung vorstellen, eher wie ein waberndes Band, typischerweise ist sie näher am östlich gelegenen Festland (hier also am amerikanischen Kontinent) breiter und wird Richtung Westen eher schmaler.

Für uns gilt es jetzt also, um kleinere Schwachwindgebiete herum einen Weg zu einer (bei Ankunft) möglichst schmalen Stelle der ITZ zu finden, was natürlich auf die Schwierigkeit von ungenauen mittelfristigen Wetterprognosen stößt. Außerdem wäre es für den Winkel im derzeit recht starken Nordostpassat (nach dem Queren der ITZ) besser, wenn wir die Zone so früh, also so östlich wie möglich queren. Je weiter westlich, um so höher müssen wir auf der weiteren Strecke nach Hawaii an den Nordostpassat gehen (also desto mehr bekommen wir den Wind von vorn). Und um es noch ein bisschen komplizierter zu machen wollen wir die kräftigen Strömungen und Eddies idealerweise auch noch mit einbeziehen. Ihr könnt das z.B. auf http://www.windy.com ganz gut sehen.

Also wälzen wir die über Satellit bezogen Grib-Files Wetterdaten von PredictWind und von Wetterwelt in Kiel. Und zum Glück unterstützt uns unsere Shore-Crew in Hamburg (Chief Jan) mit dem für uns schwierigen Blick auf die großräumigere Lage.

Wer unseren Kurs auf Noforeignland verfolgt, sollte jedenfalls über irgendwelche Schlenker nicht irritiert sein.

Sorry an die Nichtsegler, wenn dieser Bericht mal wieder etwas „technisch“ geraten ist, aber das sind halt die Überlegungen, die uns gerade ziemlich beschäftigen.

Etmal letzte 24 Stunden: sehr gute 172 sm, von 12.00 Uhr bis 12.00 Uhr wegen der Zeitumstellung 25 Stunden: 178 sm. Und wo wir schon am korrigieren sind nehmen wir die bisher unterschlagenen 5 sm von der Abfahrt in Santa Cruz bis zum ersten Schiffsmittag auch noch dazu, bisher gesegelt insgesamt somit 1065 sm, noch geschätzte 3.235 sm nach Hawaii.

Passage nach Hawaii, Tag 6

Zeit für die Zeitumstellung. Was, schon wieder?
Das letzte Mal hatten wir die Bordzeit bei der Ankunft auf den Galapagos umgestellt, eine Stunde zurück gegenüber Panama. Aber klar, die jeweiligen Orte gehören zu einer Zeitzone, so wie eben in Deutschland MEZ (Mitteleuropäische Zeit) bzw. jetzt MESZ (Mitteleuropäische Sommerzeit) gilt. Und irgendwie habe ich auch noch diese Bilder aus dem Lufthansa Bordmagazin vor Augen, in dem immer auch eine Weltkarte mit den Zeitzonen enthalten war. Lustig, wenn dann für manche Länder wie z.B. Tonga die Zeitzone auf einmal eine Ausbuchtung hat, weil Tonga per Gesetzt beschlossen hat, zu einer anderen Zeitzone zu gehören.

Und wie machen wir das auf dem offenen Ozean, wo eine Zeitzonenkarte gerade nicht zur Hand ist? Na ja, immerhin haben wir Zeit zum Überlegen, mentalen Herauskramen des Geo-Unterrichts aus der 8. Klasse und Rechnen.
Die Zeitzonen verlaufen entlang der Längengrade, reihen sich also in Ost-West-Richtung aneinander. Kapstadt z.B. liegt grob im gleichen Längengradabschnitt wie Berlin oder Rom, haben also grundsätzlich auch die gleiche Uhrzeit. New York und Madrid liegen zwar auf dem gleich Breitengrad (also gleich weit vom Äquator weg), aber 6 Zeitzonen auseinander.
Stellt sich aber die Frage, wie breit eine Zeitzone denn nun eigenlich ist. Da sich die Erde in 24 Stunden einmal um die eigene Achse (also um 360 Grad) dreht, ist eine Zeitzone 15 Grad weit (360 : 24).
Das macht es für uns einfach. Im Moment segeln wir ja praktisch genau von Ost nach West, dabei legen wir am Tag etwa zweieinhalb Grad in dieser Richtung zurück. nach 6 Tagen sind das … 15 Grad. Galapagos liegt auf 90 Grad West, heute überqueren wir den 105ten Längengrad W. Also wird die Borduhr eine Stunde zurückgestellt und der Sonnenuntergang springt von kurz nach 19.00 wieder auf kurz nach 18 Uhr.
Hier am Äquator entspricht ein Längengrad übrigens 60 Seemeilen, so wie das die Breitengrade überall auf der Welt tun. Die Zeitzonen sind also 900 sm auseinander. Das gilt aber in anderen Breiten nicht. In Oslo muss man auf dem dort 60ten Breitengrad nur genau die Hälfte, also 450 Seemeilen nach Osten oder Westen reisen, um 15 Längengrade zu überwinden. New York und Madrid liegen beide ungefähr auf dem 40ten Breitengrad rund 70 Längengrade auseinander. Die Entfernung beträgt dort rund 3.100 sm, während 70 Längengrade auf dem Äquator 4.200 sm ausmachen würden. Klar, so ein Längengradbereich zieht sich ja wie die Apfelschale auf eine Apfelspalte von Pol zu Pol, ist in der Mitte am breit und an den Enden spitz.

Langer Rede kurzer Sinn: ab jetzt sind wir 9 Stunden hinter der Zeit in Deutschland. Wenn es hier Mittag ist, ist es in Deutschland schon 21.00 Uhr.

Ehrlich, so etwas beschäftigt mich unterwegs. Und ich kann herrlich meine Nachtwachen damit verbringen, mir darüber Gedanken zu machen und es mir an ein paar durchgerechneten Beispielen zu verdeutlichen 😉

Bootsarbeit des Tages: Gasflaschenwechsel. Das bedeutet auch, die achtere Backbord-Backskiste ganz leer zu machen um an die Ersatzflasche heranzukommen und gibt Gelegenheit zur Neusortierung/-Ordnung. Hört sich leichter an als es ist, denn auf dem Deck kann in den mitlerweile doch recht ordentlichen Wellen nichts davon einfach zwischendurch aufs Achterschiff gelegt werden, ohne mit der nächsten Welle davon zu rutschen. Kreative Befestigungs- und Stopftechniken sind gefragt. Die alte Gasflasche hat übrigens immerhin von Mexiko bis hierher gereicht, fast vier Monate. Trotz Brot- und Kuchenbacken, crunchy Müsli machen und fast täglichem Kochen.

Seit zwei Tagen sind wir keinem anderen Boot oder Schiff mehr begegnet, schaukeln hier (heute meist recht flott) scheinbar ganz allein durch die Gegend. Ein paar Vögel leisten uns ab und an doch Gesellschaft, insbesondere die kleinen Sturmtaucher finden sich immer wieder ein. Und unter der Wasseroberfläche? Ein Biss an der Angel, aber die schöne Dorade konnte sich wieder freikämpfen. Dafür zähle ich heute morgen 8 fliegende Fische und 9 Kalmare an Deck, hm.
Die werfe ich aber über Bord, es gibt leckere Bohnesuppe mit Augenbohnen, grünen Bohnen und Chorizo.
Während ich gerade schreibe, wieder ein Biss und wieder ein Fight, aber diesmal bekomme ich die 90 cm Golddorade (Mahi Mahi) an Deck und filetiere sie gleich auf dem Achterschiff in unserer bewährten Fischbox (eine flache 80 x 40 cm Plastikbox, in der wir in der Backskiste die Schnorchelflossen aufbewahren). Noch kein Boots-Yoga, aber schon eine Arbeit in verkrampfter Knieposition bei der Schaukelwelle. Egal, für die nächsten Tage ist wieder Fisch gesichert, die Angel werfe ich erstmal nicht wieder aus und auch die andere Leine wird eingeholt.

Etmal 166 sm (in 24 Std, also vor Zeitumstellung), gesamt gesegelt 882 sm, noch geschätzte 3.418 sm nach Hawaii.

Passage nach Hawaii, Tag 5

Morgens bewölkt, aber noch vor Mittag klart es auf und wir haben einen blankgeputzten Himmel, so war es auch die letzten Tage bereits.
Ein paar kleinere Bootsarbeiten: eine der Großschotklemmen hat sich gelockert, also Deckenverkleidung in der Achterkammer abbauen und Muttern nachziehen, ein paar Rostnasen auf dem Edelstahl wegpolieren, IridiumGo durch herausnehmen und Wiedereinsetzen der Batterie wieder zum Arbeiten überreden, Kartoffeln durchsortieren, waschen, in der Sonne trocknen.
Generator eine gute Stunde laufen lassen, da die Solarpanele erst ab 11.00 (wenn die Wolken weg sind) richtig Strom geben, aber ab ungefähr 15.00 auf unserem Kurs schon wieder zum Teil von den Segeln verschattet werden, zudem der Windgenerator zwar etwas Strom produziert, aber die Winde eigentlich zu leicht für ihn sind. Und – anders als etwa vor Anker – verbraucht unser elektrischer Autopilot natürlich eine ganze Menge Strom. Andererseits: Dafür ist der Generator ja da und er ist natürlich auch wesentlich effizienter als es die Lichtmaschine des Motors wäre, also alles gut.
Wiebke backt Orangenkuchen mit Kokosflocken – wir müssen ja dem Skorbut vorbeugen ;-).
In der Nacht wieder eine kurze Flautenphase, durch die wie uns aber unter Code0 mit 3 kn Fahrt durchlavieren, ansonsten läuft es wieder ganz gut. Wir genießen das ruhige Segeln durch die blaue Weite.
Etmal 151 sm, gesamt gesegelt 716 sm, noch geschätzte 3.584 sm nach Hawaii

Passage nach Hawaii, Tag 4

Wir haben uns in den Rhythmus der Passage eingefunden, die Nachtwachen wirken weniger anstrengend, es fühlt sich gerade ganz gut an, in unserem kleinen Raumschiff scheinbar fernab von allem und auf noch ziemlich unabsehbare Zeit durch die Unendlichkeit zu segeln. Ein ganz eigener Mikrokosmos.
Der hell erleuchtete Lichtfleck eines einzelnen Fischtrawlers in 6 sm Entfernung zeigt uns in der Nacht, dass wir doch nicht ganz allein sind (kein AIS-Signal).

Wir wechseln vom Code0 auf die Fock und nach der ersten Nachtwache wieder zurück, machen gute Fahrt mit ein paar kürzeren Schwächeperioden, in denen die Segel aber immer noch stehen und nicht schlagen. Das dürfte gerne so bleiben.

Seit längerem zum ersten Mal sehen wir wieder mehr fliegende Fische, außerdem hat sich heute Nacht ein kleiner Kalmar auf unser Deck katapultiert.

Der letzte Rest von dem gefangenen super leckerem Großaugenthunfisch wird verarbeitet. Insgesamt hat Wiebke aus ihm gezaubert:
– Thunfischsteaks in Koreander-Limettensoße mit Radieschen auf Reis mit Teriyaki-Paprikagemüse (ja, der Markt gab einiges her) – Thunfischbowl
– Kartoffeln mit Thunfisch-Kaperncreme (Verarbeitung des Restes an gebratenem Thunfisch) – Asiasuppe mit Thunfisch
– Thunfisch-Taccos mexikanisch
Also auch mal Mittags und Abends Fisch. Das Angeln hatte ich erst einmal eingestellt, ab heute nachmittag gehen die Leinen wieder raus. 😉

Etmal 158 sm, gesamt gesegelt 565 sm, noch geschätzte 3.735 sm nach Hawaii

Passage nach Hawaii, Tag 3

Ziemlich abwechslungsreich. Erst ein herrlicher Segeltag mit schönem Wetter, ganz allein durch die Weite des Pazifiks. Ganz allein? Wohl doch nicht. Wir sehen zwar kein anderes Boot oder Schiff, auch nicht auf dem AIS, aber plötzlich schwebt ein orangeroter Helikopter heran und dreht in niedriger Höhe eine Runde um die Flora. Als er wieder davon fliegt rufe ich ihn über Funkkanal 16 an und er antwortet auch prompt. Er sei auf der Suche nach Fisch, habe unser Boot gesehen und wollte nur nach dem Rechten schauen. Ich danke ihm und eine dreiviertel Stunde später kommt uns auch der Fischdampfer entgegen, geht aber mit 2 sm Abstand an uns vorbei. Auf dem AIS zeigt er sich nicht, auf dem Radar aber natürlich schon. Herkunft und Flaggenstaat bleiben so aber natürlich unklar, das gute Englisch mit amerikanischem Akzent machen einen chinesischen Fischer allerdings unwahrscheinlich. Ein solcher (mit AIS) wird uns in der Nacht mit 6 sm Abstand passieren, es sind unsere einzigen S chiffssichtungen.
Bootsarbeit heute: Steuerbordgenuawinsch auseinander nehmen, reinigen und wieder zusammensetzen, sie hatte ein paarmal gehakt. Auf dem schwankenden Schiff durchaus eine Herausforderung, nichts über Bord plumpsen zu lassen. Wir spannen sicherheitshalber ein Tuch an der Reling auf, aber dieses Mal fliegt keine der kleinen Federn oder Klinken durch die Gegend. Jetzt scheint wieder alles in Ordnung.
Außerdem versuche ich ein vernünftiges Foto der nur etwas größer als schwalbengroßen Petrels zustande zu bringen, die immer wieder mit ziemlich hektischen Flugmanövern dicht über den Wellen die Flora begleiten. Es sind wohl Wedge-Rumped Storm Petrels.
Jetzt, da wir etwas weiter südlich der Galapagos und damit des Äquators sind und nach Westen segeln, fällt erst so richtig auf, dass die Sonne inzwischen für uns Mittags im NORDEN steht. Klar wussten wir das vorher, aber wenn man es dann das erste Mal praktisch sieht, verwirrt es trotzdem.
Wunderschöner Sonnenunter- und Mondaufgang. In der vierten Nachtwache (von 04.00 bis 07.00 Uhr) dann leider ein Flautenloch. Der Wind ist wirklich komplett weg, wir rollen den an Wanten und Salingen scheuernden Code0 ein. Wir – weil nachts keiner das Cockpit verlassen darf, ohne vorher den anderen hoch zu rufen. Die Freiwache muss also ins Cockpit. 8.30 kann ich den Code0 wieder setzen, aber nur eine Stunde später landen wir im nächsten Flautenloch. Im Moment segeln wir wieder, sogar recht flott. Wir halten uns aber weiter südwestlich, weil im Süden weniger Flautengebiete sein sollten. Der zusätzliche Weg verlängert natürlich die Gesamtstrecke (schließlich wollen wir eigentlich nach Nordwesten) aber das ist allemal besser als in der Flaute zu dümpeln.

Etmal 137 sm trotz Flautenlöchern, gesamt gesegelt 407 sm, noch geschätzte 3.893 sm nach Hawaii.