Keine halben Sachen …

… also gibt’s leider auch nicht nur dunkle Wolken. Deren Inhalt erwischt uns nämlich doch noch, im Young Island Cut auf St. Vincent ergattern wir zuvor noch eine Mooring, haben einen wunderschönen Sonnenuntergang, bei dem sich die Regenschauer um die untergehende Sonne drapieren, doch dann schüttet es wie aus Eimern. Wir bauen tatsächlich unsere Kuchenbude auf. Und das ist gut so, noch am nächsten Morgen pladdert es (zwischen kurzen regenbogengeschönten Abschnitten) “wie wenn die Kuh das Wasser lässt”.

Deutschland 🇩🇪 steht Kopf (in den Regentropfen). Ostseewtter in der Karibik, allerdings wärmer 😚.

An der Westküste von St. Vincent geht es weiter nach Norden, wir statten der Walliabou Bay und der Cumberland Bay einen Besuch ab, für die Nacht zieht es uns aber weiter nach Saint Lucia 🇱🇨, wo wir in Soufriere einklarieren und direkt unterhalb der berühmten Pitons an einer Boje liegen.

Die beiden über 700 m hohen Wahrzeichenberge von Saint Lucia bei der Ansteuerung von Soufriere.

Die beiden Pitons (Gros Piton und Petit Piton) sind erkaltete Vulkankerne, die insbesondere aus der Entfernung sehr auffällig sind und wie Zuckerhüte aus der Landschaft herausragen. Sie liegen in einem 3.000 Hektar großen Schutzgebiet, dass auch UNESCO Weltnaturerbe ist und neben tropischen Regenwald unter anderem auch Trockenwald sowie im Meeresgebiet auch Korallenriffe beinhaltet.

Wir verlassen Saint Lucia vergleichsweise schnell wieder, weil der Wind ab Donnerstag deutlich zunehmen soll, aber am Samstag von Martinique der Rückflug von Jan nach Hamburg geht. Wahnsinn, wie schnell diese fünf Wochen vergangen sind und wie viel dann rückblickend eben doch diese fünf Wochen beinhalten. Wir klarieren in der Rodney Bay wieder aus, nicht ohne Laura und Marco auf der HR 53 “Ngahue IV” noch ganz viel Glück für ihre Weltumsegelung mit der am Samstag startenden ARC World zu wünschen, die beiden hatten wir ebenfalls schon ein paar Mal getroffen.

Die gute Infrastruktur in Rodney Bay nutzen wir aber noch, um eine neue Batterie für unser Bugstrahlruder und eine Beleuchtung für unser Dinghy zu erstehen. Und um im Restaurant am Hafen nochmal anders die Pitons zu genießen.

Die Überfahrt nach Martinique 🇲🇶 ist dann wieder mal feinstes Segeln, wobei wir schon bei dem jetzigen Wind mit einem Reff im Großsegel keineswegs “untermotorisiert” sind. Wir sind flott unterwegs und haben deshalb eigentlich wenig Hoffnung auf Angelerfolg, aber die Leine rauscht trotzdem plötzlich aus. Beim Hereinholen gibt’s allerdings eine Überraschung:

Einen HALBEN FISCH hatten wir bisher auch noch nicht gefangen. Da war jemand großes offenbar schneller an der Regenbogenmakrele als wir.

Aber: KEINE HALBEN SACHEN. Also: Angel wieder rein. Und:

😁

Und hier in den Anses d‘ Arlets auf Martinique sind wir auch gut angekommen.

Dunkle Wolken im Paradies?

Na klar, sonst wäre es hier auf den Inseln ja nicht so grün. Obwohl, auch in den Tropen kann nicht jedes Eiland mit üppigen Planzenwachstum wuchern: Mopion zum Beispiel macht es gerade aus, nur ein kleiner Klecks Sand zu sein, umgeben von Korallen und nur mit einem einzigen, palmblattgedeckten Sonnenschirm bestanden. Je nach Witterung kann das Teil auch als Regenschirm taugen 😉.

Mopion. Mit aufziehendem Tropenschauer. Ist doch herrlich dramatisch und gleich viel weniger kitschig.

Auf dem Weg hierher haben wir erst in der schönen (und sehr grünen) Anse la Roche im Norden von Carriacou einen Zwischenstop eingelegt und ausgiebig an den pittoresken Felsen in der Bucht geschnorchelt. Dann ging’s aber doch weiter zum Ankerplatz zwischen Petit St. Vincent (gehört zu St. Vincent 🇻🇨) und Petit Martinique (gehört zu Grenada 🇬🇩). Der Ankergrund hier ist etwas tricky, obwohl es in der Seekarte gar nicht so aussieht, aber wir haben zwischen zwei Superyachten (eine davon mit einem unfassbar großen aufblasbaren Einhorn auf dem Vorschiff) dann doch einen Sandspot gefunden, in dem unser Anker über Nacht trotz diverser Drehungen der Flora um die eigene Achse gut gehalten hat.

Vor allem aber können wir von hier aus eben den Dinghyausflug mit Florecita nach Mopion unternehmen. Also Wein und Gläser eingepackt und in strahlendem Sonnenschein schnell los, denn am Horizont erscheinen schon ein paar dunkle Schatten.

Mopion haben wir ganz für uns alleine und wir umwandern die ganze Insel, was fast zwei Minuten dauert. Na klar, die Drohne kommt auch noch zum Einsatz:

Zurück an Bord der Flora gibt es dann weit weniger Regen als erwartet, die dicksten Wolken ziehen vorbei. Und Heute: strahlender Sonnenschein. Und Mopion wurde von einem anderen Dinghy aus “bevölkert”.

Wir segeln gerade bei herrlichsten Bedingungen wieder nach Norden in Richtung St. Vincent. Am Donnerstag und Freitag soll viel Wind kommen, da wollen wir möglichst bereits auf Martinique 🇲🇶 sein, weil Jan am Samstag von dort aus zurück nach Hamburg fliegt.

Pelikan-Tag

Es fing ganz anders an. Der Morgen in der Tyrell-Bay, wo wir gestern nach Grenada 🇬🇩 einklariert haben, begann mit ausgiebigem Schnorcheln. Wir haben direkt neben einem zum schwimmenden Seezeichen (Untiefentonne Nord) umfunktionierten Boot geankert. Also flugs mal dahin geschnorchelt und die gleich zwei Wracks unter dem gelben Unikum erkundet.

Danach haben wir dann eine Bucht weiter nach Norden verholt und liegen jetzt ganz wunderbar vor der kleinen palmenbestandenen Insel Sandy Island.

Und als wenn das noch nicht traumhaft genug wäre, liefern uns die hier zahlreichen Pelikane (zugleich die ersten, die wir sehen) eine Flug- und Jagdshow sondergleichen. Es gibt riesige Schwärme kleiner Fische am Riff nahe der Insel und die Pelikane bedienen sich. Sie segeln über dem Wasser, stürzen sich dann plötzlich senkrecht in die Tiefe und führen dabei die putzigsten Verrenkungen durch, um ihre Beute nicht aus den Augen zu verlieren.

Dabei schießen sie auch direkt neben uns ins Wasser und bieten uns ebenso spektakuläre Ansichten, wenn sie zu ihrer nächsten Runde starten.

Beach-Dinner

Eigentlich hätten wir heute dann doch mal weiter segeln wollen, aber 1. haben wir gestern mit den Crews der Amalia of London (Steve 🇬🇧 und Helena 🇵🇹 ) und der Anushka (Marc und Annie 🇫🇷) Silvester gefeiert, Lobster vertilgt und bei uns auf dem Boot danach noch gemeinsam “Dinner for one” geguckt. Da haben wir heute dann doch etwas länger geschlafen.

Und 2. haben wir dabei die Einladung für ein Beach-Dinner mit weiteren Seglern erhalten, insbesondere der Ariel IV – Crew Eric und Birgitta 🇸🇪 und noch einigen mehr. Marc hat dafür schon mal Austern angekündigt, wir konnten nicht widerstehen. Und so gab es ein großes Dinghy-Treffen auf der Landzunge am Turtle-Beach mit viel Schnacken (unter anderem haben wir Nils, Andrea und Noah von der Marzemino 🇩🇪 getroffen, die mit ihrer Bavaria 31 auf Atlantikrunde sind).

Und mit Dunkelwerden haben wir uns etwas windgeschützter in die Ecke verholt, die Decken ausgebreitet, getafelt und den Humor der anderen Crews genossen, die sich schon aus Surinam kennen. Ariel hat die Welt schon umsegelt, Anushka ist von den Seychellen über Madagaskar, Südafrika, St. Helena und Brasilien hierher gesegelt, Amalia ist nach ihrer Atlantiküberquerung 2018 nun schon die zweite Saison in der Karibik. Wir sind hier die Frischlinge.

Oh, und nicht zu vergessen: auch die Naturerlebnisse reißen nicht ab. Gestern z.B. ist doch glatt beim Schnorcheln ein gefleckter Adlerrochen elegant und ohne einen einzigen “Flügelschlag” unter uns durchgeflogen:

Adlerrochen

Danke!

Was für ein Jahr. Wir haben nach emotionalen Abschieden in der Firma und privat tatsächlich die Leinen losgeworfen, sind auf die Flora gezogen, quer durchs Mittelmeer, hinunter zu den Kapverden und über den Atlantik in die Karibik gesegelt. Haben nun schon ein halbes Jahr lang uns bisher unbekannte Orte erkundet, tolle Naturerfahrungen gemacht, vor allem aber wunderbare Menschen kennengelernt, Besuch von lieben Freunden und Verwandten bekommen, Zuspruch und Unterstützung auch von Daheimgebliebenen erhalten, interessante Gespräche geführt. Und jetzt sind wir hier in den traumhaft schönen Tobago Cays, nehmen Abschied von 2019 und freuen uns auf 2020.

Wir sind froh und dankbar dafür, dies alles genießen zu dürfen. Und wir möchten Danke sagen an Euch, dass ihr auch über den Blog an unserer Reise teilnehmt und uns damit gleichzeitig auch ein gutes Stück Geborgenheit gebt, weil wir mit Euch in Kontakt bleiben können.

Alles Gute für 2020!

Filmreif in den Tobago Cays

Nach einigen schönen Tagen auf Bequia sind wir jetzt etwa 25 sm weiter nach Süden gefahren und ankern in den Tobago Cays. Die Namensgebung dieser kleinen Inselgruppe kann verwirren: der Staat Trinidad & Tobago 🇹🇹 liegt noch deutlich weiter südlich, die Tobago Cays dagegen sind ein Teil der Grenadinen, die aber wiederum keineswegs zu dem Staat Grenada 🇬🇩 gehören (der allerdings im Süden unmittelbar angrenzt), wir sind immer noch in St. Vincent & die Grenadinen 🇻🇨.

Wir finden es TRAUMSCHÖN hier!

Die erste Nacht haben wir recht weit draußen auf der helltürkisen Sandfläche direkt hinter dem hufeisenförmigen Riff (Horseshoe-Reef) geankert, dann haben wir uns in den etwas geschützten Bereich zwischen den beiden Inseln Petit Bateau und Petit Rameau verholt.

Die Tobago Cays sind ein unbewohntes Naturschutzgebiet, aber von der nahen Insel Mayreau aus kommen die Locals mit kleinen Booten herüber und bieten z.B. Fisch, Brot oder Dienstleistungen wie etwa ein Lobster-Barbecue am Strand. Tische sind aufgebaut, die Zehen können beim Dinner im feinen Sand wühlen. Haben wir gestern sofort genossen.

Hier wird unser Abendessen von den Fischern angelandet, wobei die Lobster nicht hier in den Cays, sondern nördlich von Mayreau gefangen werden.
Und hier wird es serviert. O.k., die waren nicht alle für uns, wir haben mit fünf Finnen an einem Tisch gesessen. Lecker war’s!

Und auch das Schnorcheln hier gefällt: Wiebke hat direkt am Schiff unter anderem einen großen Rochen und eine Schildkröte gesehen. Jan und ich waren mit dem Dinghy raus zum Riff. Ein kleiner Film davon:

Fische am Horseshoe-Reef in den Tobago Cays

Eben gerade ist das Baguette 🥖-Boot vorbeigekommen. Hier bleiben wir noch etwas 😁.

Bequia

Wir sind da. In der Karibik. So ganz langsam gewöhnen wir uns an den Gedanken, dass das wahr ist und wir im letzten halben Jahr wirklich mit unserem eigenen Segelboot von Griechenland aus quer durchs Mittelmeer mit Sizilien, den Liparischen Inseln, Sardinien, den Balearen und Südspanien nach Gibraltar, weiter über Cádiz, Porto Santo und Madeira, die Kanaren mit La Graciosa, Lanzarote, Fuerteventura, Gran Canaria, Teneriffa und La Gomera, dann den Kapverden mit Sal, São Nicolau, Santa Luzia, São Vincente und Santo Antão und dann eben jetzt über den Atlantik nach Bequia gesegelt sind.

Und jetzt liegen wir hier, in der Admiralty Bay:

Sieht toll aus.
Sieht voll aus? Na ja, mit Teleobjektiv aufgenommen, da wirkt es etwas enger 😉

Ja, es sind viele Boote hier. Und nein, es ist – trotz Weihnachten – nicht voll hier. Man kann auf dem oberen Foto schon erahnen, dass die Strände nicht dicht bevölkert sind und auch am Ankerplatz sind wir von den Balearen engeres Zusammenrücken gewohnt. Tatsächlich präsentieren sich die angrenzenden Strände uns bei unserem Strandspaziergang direkt am Ankerplatz so:

Jawohl. So soll das auch!

Nach dem vielen Blau der letzten Wochen tut das kräftige Grün der Hänge rund um die Bucht und der Obstbäume und Palmen in den Gärten unseren Augen ganz besonders gut.

Und wie empfängt uns der Ort, unser „Port of Entry“ (*1) Port Elizabeth? Noch bevor wir das Beiboot klarmachen können, kommt schon ein Bötchen längsseits und bietet uns frisches Baguette an. An die gesalzenen Preise müssen wir uns noch gewöhnen, aber wir schlagen trotzdem zu, morgens um acht nach der langen Überfahrt ist das doch sehr willkommen. Weitere Boote kommen vorbei, bieten Eis, Wäscheservice, Diesel und Frischwasser oder sogar Lobster an. Wir lehnen erstmal ab und das wird auch ohne Diskussion akzeptiert. An anderen Orten sollen die „Boatboys“ aufdringlicher sein, aber hier gibt’s nichts zu meckern. Karibik für Einsteiger 😁. Auch das Einklarieren bei Zollbehörde und Einwanderungsbehörde ist schnell erledigt und völlig problemlos, lediglich eine Seite ist auszufüllen und wir müssen zusammen rund 40 € bezahlen, das war’s. Und anders als im Revierführer vermerkt, muss auch nur der Skipper mit den Pässen der Crew dort erscheinen.

Auch in Bars oder Restaurants brauchen wir keine Reservierung, alles ganz relaxed. Frei nach dem Motto auf der Kreidetafel einer Strandbar hier: Live slow today!

Farbenprächtig in Pastell wie die Strandbars präsentiert sich auch der Ort, wenngleich auf der südlichen Buchtseite eher mit gepflegten Villen und Gärten, einigen Hotels und netten Restaurants (Jans Eltern sponsern aus der Ferne ein leckeres Weihnachtsessen, DANKE!), im Norden der Bucht durchmischter mit weniger exclusiven Häuschen.

Beachtenswert auch die Wasserversorgung mit Auffangen des Dachrinnenwassers in einem großen Fass. Viele Häuser haben auch gemauerte Zisternen.

Auch das Socializing kommt nicht zu kurz: wir treffen Paulina und Matthias von der Kompanon (mit neuer Crew) wieder, die mit ihrer Aluminium-Reinke in San Miguel bei uns längsseits gegangen waren und die wir auch in Mindelo getroffen hatten. Spontan werden wir zu einigen selbstgemixten Piña Coladas an Bord eingeladen. Das Feiern kommt definitiv nicht zu kurz.

(*1) Port of Entry: Man darf in einem neuen Land (hier: St. Vincent und die Grenadinen) nicht einfach irgendwo ankern oder anlegen, sondern muss zuerst einen ausgewiesenen „Eingangshafen“ anlaufen, wo dann auch die zuständigen Behörden aufzusuchen sind.

Leinengetüdel und Segelgeraffel? Passatsegel II

Warnhinweis für Nichtsegler und Noch-Nicht-Segler: Mal wieder ein SEHR technischer Beitrag. Ich hoffe, die Bilder machen es etwas klarer. Ansonsten: lasst Euch nicht abschrecken! Vor dem Wind segelt eigentlich auch ein Ballen Stroh! Schlimmstenfalls: diesen Beitrag ausnahmsweise einfach „nicht mal ignorieren“ ! 😉

Vor unserer Langfahrt haben wir uns viele Gedanken gemacht, welche Besegelung in den Passatwindzonen wir für unser Boot vorsehen (dazu hatte ich hier schon etwas geschrieben). Vorhanden waren Großsegel, Fock, (135%-)Genua und Rollgennaker. Wir haben uns letztendlich gegen ein spezielles Passatsegel (oder auch einen Blue-Water-Runner oder einen Parasailor) und für einen modifizierten Code0 zur Ergänzung der Segelgarderobe entschieden. Modifiziert insoweit, als wir mit dem Segelmacher den voraussichtlichen Einsatzzweck als ausgebaumtes Vormwindsegel und nur in zweiter Linie als Leichtwind-Amwindsegel besprochen haben. Das Schothorn ist deshalb etwas höher geschnitten, als Segeltuch haben wir statt Code0-Laminat ein schweres Spinnakertuch (MPEX 300, 130 gr/qm) gewählt. Unser Code0 ist mit einem Antitorsionskabel im Vorliek auf einer Rollanlage mit Endlosleine montiert, hinten am Cockpit läuft die Endlosleine durch einen Doppelblock mit Klemmen. Im Längssack an der Reling angeschlagen, ist der Code0 schnell gesetzt oder geborgen und verstaut. Mit dem Segel waren wir schon vor der Passatzone hochzufrieden, es hat sich bereits im Mittelmeer bei leichteren Winden als echter Allrounder und Schwachwindturbo erwiesen und lässt sich selbst bei stärkerem Wind noch gut von Hand einrollen. Auf Teneriffa haben wir im Schothornbereich noch Klettstreifen nachrüsten lassen, die ein unbeabsichtigtes Ausrollen verhindern.

Code0 als normales Leichtwindsegel, nicht ausgebaumt, dafür mit Barberholer auf der Schot als zusätzliche Trimmmöglichkeit. Vorne sieht man den Längssack des Code0 an der Reling. Wir können das Segel in ihm verstauen und dabei die Endlosleine angeschlagen lassen.

Und wie hat sich das Segel nun im Passat der Atlantiküberquerung geschlagen?
Zunächst einmal: es kam weniger zum Einsatz als erwartet, wir sind mehr „Schmetterling“ gefahren als erwartet. Das lag daran, dass der Passatwind bei unserer Überfahrt Mitte Dezember 2019 ziemlich stark blies. In der ersten Woche von Mindelo auf den Kapverden aus hatten wir praktisch durchgehend sechs bis sieben Windstärken, selten auch mal Böen die untere acht Windstärken erreichten. Eher nicht das perfekte Einsatzgebiet für ein 80 qm großes Segel. Wenn aber der wahre Wind unter 20 kn fiel konnte es seine Stärken voll ausspielen, vor allem, weil das Umstellen der Besegelung so einfach war, denn der Code0 ist auf der Gennakernase angeschlagen und blieb aufgerollt auch bei Nichtbenutzung stehen.

„Schmetterling“ mit gerefftem Groß und ausgebaumter Fock. In der Mitte kann man den aufgerollten Code0 erkennen.

Wie ist nun unser Setup insgesamt?

Wir haben auf der Passage beide Spibäume permanent ausgestellt geriggt. Jeder ist zur Spibaumnock hin mit Topnant, vorderem Niederholer zur Vorschiffsklampe und achterem Niederholer zur Mittelklampe gesichert. Da wir nur einen echten Topnant haben, dient beim Backbordspibaum das Ersatzgenuafall als Topnant. Auf eine Ausführung der Topnanten als Hahnepot haben wir verzichtet, wichtig ist nur, sie zur Baumnock und nicht etwa zu einem mittiger auf dem Spibaum angeschlagenen Haltebügel zu führen, weil sonst erhebliche Biegekräfte auf den Spibaum wirken. Die Backbord-Spischot ist durch die Spibaumnock zum Schothorn des Code0 geführt. Entsprechend läuft die Steuerbord-Spischot durch die Spibaumnock des Steuerbord-Spibaumes zum Schothorn der Fock.

Steuerbordseite auf der Atlantiküberquerung
Im Vordergrund die Furlex-Rollanlage mit der Fock, dahinter unsere Code0-Endlosleinerollanlage (Bartels IV)
Seldén-Doppelblock mit Klemmen, auf der Fußreling hinten beim Cockpit angeschlagen
Die beiden Spibäume laufen auf derselben Schiene am Mast, sie sind mit einem Dyneema-Tauwerkschäkel miteinander verbunden. Der Kohlefaserbaum wird bei Nichtbenutzung am Mast hochgezogen und befestigt, der Alu-Teleskopbaum wird dann in einer speziellen Relingshalterung gefahren. Natürlich kann der Kohlefaserbaum auch einzeln gefahren werden.

Die normalen Fockschoten bleiben ebenfalls angeschlagen. Das hat gleich mehrere Vorteile: zum einen kann so sehr leicht die Spischot auf Schamfil-Stellen (insbesondere dort, wo sie in der Spibaumnock liegt) kontrolliert werden, indem die normale Fockschot dichtgeholt und die Spischot lose gegeben wird. Zum zweiten wird dadurch ermöglicht, die Fock „ganz normal“ zu fahren, falls doch einmal höher als ca. 120 Grad zum Wind gesteuert werden muss. Bei uns war das z.B. am Anfang der Passage in den Turbulenzen hinter Santo Antão der Fall. Die Fock kann bei dieser Konfiguration sogar gewendet und normal an Backbord gefahren werden. Im Prinzip hat die Fock ansonsten fast die ganze Passage über an Steuerbord ausgebaumt gestanden, wobei wir sie dabei zweimal etwas eingerefft hatten.

Bei Winden über 20 kn (TWS) fahren wir dazu das Großsegel (Schmetterling, also auf der gegenüberliegenden Seite zur Fock), bei mehr Wind reffen wir dann das Groß entsprechend ein. Der Bullenstander zur Sicherung des Großbaumes ist auf der Passage permanent an der Großbaumnock angeschlagen und außen zur Bugklampe und dann dort hindurch zurück auf die Backbord-Spinnakerwinsch im Cockpit geführt. Er lässt sich also vom Cockpit aus fieren oder dichtholen.

Bei wahrem Wind unter 20 kn rollen wir an Backbord zusätzlich den Code0 aus und nehmen dafür das Großsegel weg. Der Vorteil liegt nicht nur in der größeren Segelfläche des Code0 gegenüber dem Großsegel, sondern vor allem in einem etwas verminderten Rollen des Bootes und einem geringeren Arbeitspensum (und damit auch Stromverbrauch) unseres elektrischen Autopiloten.

Sind wir mit dem Setup zufrieden? Ja, sehr sogar. Es hört sich etwas kompliziert an und sieht mit den vielen geriggten Leinen auch erstmal so aus, ist aber extrem einfach zu bedienen und variabel in den Möglichkeiten, sich an geänderte Windverhältnisse anzupassen. Dazu ist auf der Passage keine Turnerei auf dem Vorschiff erforderlich, alles lässt sich sicher von hinten regeln. Gut war, dass wir statt der 135%-Genua die Arbeitsfock angeschlagen haben. Die Genua lässt sich mit ihrem niedrigen Schothorn nur schwer ausbaumen und hätte vermutlich ohnehin dauernd gerefft sein müssen. Der Größenunterschied zwischen Fock und Code0 bei gleichzeitiger Nutzung der beiden als Passatsegel hat nicht zu einer größeren „Unwucht“ mit spürbarem Effekt auf die Ruderlage geführt, aber vor dem Wind ist ja auch der Druckpunkt beider Segel nach vorn gerichtet und nahe am Bug, worauf wir auch die geringere Neigung zum Rollen zurückführen. Der Code0 hat sehr dabei geholfen, dem Atlantikschwell in leichtwindigeren Phasen genug Druck im Segel entgegenzusetzen.

Wäre ein extra Passatsegel nötig gewesen? Ganz klar nein, auch der Code0 nicht. Auch unter Schmetterling ließ sich das Boot im stärkeren wie im normalstarken Passat wunderbar fahren. Am Ende ist es immer die Frage, welchen der vielen möglichen Kompromisse man eingehen möchte. Wir sind aber trotzdem oder gerade deshalb sehr froh, dass wir uns für den Code0 entschieden haben, denn den setzen wir auch unabhängig von der langen Vormwindstrecke sehr gerne und sehr häufig ein. Ein gar nicht beabsichtigten „Nebeneffekt“ ist, dass wir unsere Fock sehr schätzen gelernt haben, die zuvor ein reines Reservistendasein geführt hatte. Die Genua war auf der Rollanlage angeschlagen und weil der Wechsel ja doch ein ziemlicher Aufwand ist, blieb sie es meist das ganze Jahr. Gerade wenn schon mehr Wind ist, möchte man nicht mehr wechseln, sondern fährt dann eben die Genua gerefft. Da steht allerdings die Fock besser und lässt das Boot auch mehr Höhe laufen. Der Nachteil der Fock bei wenig Wind und auf raumeren Kursen wird nach unserer Erfahrung mit dem leicht einsetzbaren Code0 deutlich überkompensiert.

😁
Die gelbgrünen Flecken auf dem Wasser an Steuerbord sind übrigens Sargassum.

Fotonachtrag zur Atlantiküberquerung

Erst mal ganz lieben Dank für Eure Anteilnahme, die Aufmunterungen und die Glückwünsche. Es freut uns riesig, dass Ihr uns auf unserer Reise so begleitet.

Ich hatte ja in den Iridium-Posts mehrfach geschrieben, dass wir ganz schön durchgeschaukelt werden und die See nicht einfach nur eine lange Ozeandünung sondern ziemlich kabbelig ist. Hier erst mal ein paar Bilder die versuchen, das in seiner Wildheit und Schönheit zumindest ansatzweise einzufangen:

Es ist schon erstaunlich, wie einerseits unfassbar anstrengend es ist, wenn DAUERND ALLES in Bewegung ist, nichts einfach dort liegen bleibt, wo man es „mal kurz“ ablegen musste, man sich selbst auf dem stillen Örtchen festkeilen muss, man beim Schlafen selbsttätig gewendet wird als sei man ein Grillhähnchen und selbst simpelste Aufgaben wie Kaffeekochen eigentlich eine dritte Hand erfordern würden. Und wie andererseits sich der menschliche Körper (und Magen) dann meistens doch irgendwann daran gewöhnt, man entspannen und sogar lesen kann.

Segel-Schaukel im Passat
Und ja, blaue Flecken von unvermittelt zufallenden Kühlschrankdeckeln gehören auch dazu.

Tierfotos hätte ich Euch gern mehr geboten, aber wir haben (sicher auch den hohen Wellen geschuldet) nicht allzuviel tierische Begegnngen gehabt. Nur die allgegenwärtigen Fliegenden Fische (von denen es einer trotz selbstverständlich geschlossener Fenster sogar in den Salon geschafft hat) und ab und zu ein Vogel (zumeist Weißbauchtölpel, wobei Tölpel sich nur auf das Verhalten an Land bezieht und den eleganten und mit bis zu 1,5 m Flügelspannweite auch großen Segelfliegern auf See und in der Luft nicht gerecht wird).

Na ja, und dann noch mal zu den Squalls. Wir hatten vorher viel darüber gelesen und konnten uns doch nicht recht etwas darunter vorstellen. Es sind kleine Regenzellen (manchmal auch Gewitterzellen, hatten wir aber zum Glück nicht), räumlich meist ziemlich begrenzt, vielleicht ein Kilometer im Durchmesser. Sie bringen oft (aber auch nicht immer) deutliche Veränderungen in der Windstärke und der Windrichtung, was bei der Vormwindbesegelung unangenehm sein kann, weil die Segel ja dann ziemlich in ihrer Position fixiert sind (zu dem Leinenwirrwarr schreibe ich demnächst noch mal was). Man kann die Squalls aber ganz gut auf dem Radarbild erkennen:

Hier auf dem Seekartenoverlay: das Radar zeigt einen Squall links vor uns und einen rechts hinter uns, außerdem ein bisschen Nieselregen knapp links hinter uns.

Meist kommen die Squalls am Abend oder Nachts, aber ein komplettes Band von Squalls hat uns auch einen Tag lang ganz gut beschäftigt 😉.

Ein Squall zieht auf.

Tja, und das Segeln …