Stützen gegen das Vergessen

Die Wellen im Delaware-River halten uns noch ein bisschen in Lewes fest. Bis zum Eingang in den Chesapeake-Delaware-Canal müssen wir gut 50 sm den Fluss hinauf, der sich hier unten aber eher als eine bis zu 40 km breite Meeresbucht präsentiert.

Etwa 25 kn Wind aus Nordnordost haben wir, der Fluss geht nach Nordwest hinauf, eigentlich segelbar. Bloß, die Strömung im Fluss beträgt bis zu drei Knoten und wechselt tidenbedingt, wir müssen also mit auflaufender Tide hoch. Wind gegen Strom, aber nur schräg, nur ein bisschen also, das könnte doch gehen? Wir machen einen Versuch. Als wir um den äußeren Breakwater herumkommen, werden wir unsanft daran erinnert, dass es nicht geht! Wilde Kabbelsee, vielleicht auch noch verstärkt durch den Schwell des Hurrikans Teddy weit draußen auf dem Atlantik. Alle Naselang läuft eine Welle komplett bis zu unserer Windschutzscheibe durch. Umdrehen. Zurück hinter dem zweiten Breakwater ankern wir wieder am gleichen Platz in ruhigem Wasser.

Und die Salzwasserflecken auf der Vorschiffskoje erinnern uns zusätzlich daran, dass sich die Dichtung des Vorschiffsluks (auf Lanzarote erneuert) an der Schnittstelle einen kleinen Spalt weit geöffnet hat und Schwallwasser jetzt einen Weg hindurch findet. 😖

Na gut, der verlängerte Ankeraufenthalt (für die nächsten beiden Tage sind keine besseren Bedingungen vorhergesagt) bietet ja Gelegenheit, sich der Sache anzunehmen. Und wenn wir schon bei Schiffsarbeiten sind, fällt uns gleich noch mehr ein. Ein Check im Motorraum, Ölstand, Seewasserfilter, Kühlwasser. Ah, die Handpumpe für den Dieseltank. Der sollte doch auch mal wieder kontrolliert werden 😊.

Das ist auf unserer Hallberg-Rassy 43 eigentlich eine feine Sache. Im Motorraum gibt es eine Handpumpe, mit der Diesel aus dem Sumpf am tiefsten Punkt des unter den verschraubten Bodenbrettern im Salon montierten Dieseltanks gefördert werden kann. Wenn sich (Kondens-)Wasser oder Verschmutzungen im Tank befinden oder die gefürchtete Dieselpest zugeschlagen hat und einen zähen Schlamm aus Mikroorganismen im Dieseltank bildet, würde man das bei der mit der Handpumpe heraufgeförderten Probe (zumindest mit einiger Wahrscheinlichkeit) feststellen. Ein Blick ins Wartungslogbuch bestätigt: schon wieder zu lange nicht kontrolliert. Erstmal die Niedergangstreppe abbauen, den Teppich hochnehmen, Kontolldeckel im Fußboden auf, Ventil für die Handpumpe öffnen. Welches der sechs war es gleich? Zum Glück sind sie beschriftet.

“Drain Fuel Tank” öffnen, dann in den Motorraum und pumpen. Ein bisschen heller Diesel aus dem Schlauch fließt ins Glas, dann wird das Pumpen schwer und nix kommt mehr. Verstopft? Etwa Dieselpestplocken? 😨

Nachdenken. Da war doch letztes Mal auch irgendwas? Irgendwann fällt der Groschen. Ein zweites Absperrventil sitzt versteckt unterhalb der Pumpe, ohne Knebel, nur mit einem Schraubenzieher zu bedienen, wie Chief Jan herausgefunden hatte, als wir die Pumpe wegen Festsitzens austauschen mussten, der Vorbesitzer hatte sie wohl auch nicht allzuoft benutzt. Das war mir blöderweise schon wieder entfallen.

Schlitz quer: Ventil geschlossen

Nochmal soll mir das nicht passieren, also muss gleich der Etikettierer dran:

Wie man sieht, sind im Motorraum schon andere Etiketten angebracht. Der ein oder andere mag das für übertrieben halten, aber z.B. die Neun❗️Seeventile im Motorraum möchte ich im Notfall nicht erst zuordnen müssen und auch die vier Wasserpumpen im Motorraum (Frischwasser, WC, Duschwanne, Bilgepumpe) sind mit Labeln versehen (im Bad im Vorschiff sind noch ein paar weitere).

Übrigens fördert die Handpumpe dann zum Glück nur Diesel, aber trotzdem eine Überraschung: er ist rosa gefärbt. Hm. Aus englischen Yachtzeitschriften ist mir die Steuerproblematik um “Red Diesel” in Erinnerung, in Deutschland das Färben von Heizöl aus gleichem Grund, wobei das auch einen anderen Schwefelgehalt und andere Additive haben sollte. Wie sieht es in den USA aus? Der Diesel ist an den Bootstankstellen nicht billiger als an den Straßentankstellen, wenngleich mit zumeist weniger als 3$ pro US-Gallone (=3,78 Liter) deutlich günstiger als in Deutschland. Und doch, das Prinzip ist das Gleiche. “Dyed Diesel”, also (rot) gefärbter Diesel, wird an den Bootstankstellen verkauft und ist “not to be used for on-road vehicles”. Wieder was gelernt.

Und im Hinterkopf die Fragen, ob wohl in Europa Yachten Ungemach droht, die in den USA mit “Dyed Diesel” betankt und z.B. per Frachter zurück über den Atlantik gebracht wurden. Oder wann durch Nachtanken mit ungefärbtem Diesel der Art Farbstich wieder verschwindet ⁉️.

Von Massachusetts nach Delaware

Mit dem ersten Morgenlicht brechen wir auf, die Fischer sind da schon unterwegs. 263 sm liegen vor uns, wir wollen von New Bedford in Massachusetts nach Lewes in Delaware, direkt an der Mündung des Delaware River. Idealerweise möchten wir im Hellen ankommen und nur eine Nachtfahrt dabei haben, deshalb der frühe Start. Wind genug sollte sein, zudem aus der richtigen Richtung, raum (schräg von hinten) bis achterlich. Mit dem langen Schlag möchten wir dem Tropensturm Teddy aus dem Weg gehen und auch wieder ein Stück nach Süden vorankommen, die Temperaturen werden derzeit herbstlicher (es soll aber auch in Neu England ab Mitte der Woche wieder wärmer werden). Trotzdem: heute ist es Mützensegeln, der Wind ist doch ziemlich frisch. Aber wir kommen unter Schmetterlingsbesegelung mit zweifach gerefftem Groß und der ausgebaumten Fock gut voran und es geht mit leicht abflauendem Wind in die Nacht.

Allerdings legt der Wind ab der zweiten Wache dann wieder ordentlich zu, immer mal wieder Böen von 8 Beaufort, wir reffen die Fock beim Wachwechsel auch noch ein und rauschen weiter. Am zweiten Vormittag nimmt der Wind noch ein bisschen weiter zu, statt 35 kn in den Böen werden es in der Spitze nun knapp unter 40. Stürmischer Wind knapp unter Sturmstärke, aber eben von achtern und damit beim Scheinbaren Wind um unsere Geschwindigkeit von rund 8 kn geringer. Flora verhält sich klasse und rutscht gelegentlich von den Wellen angeschoben in deutlich zweistellige Geschwindigkeitsbereiche, wenn auch immer nur kurz. Dabei bleibt sie trotz der inzwischen bestimmt 2,5 m hohen Wellen immer sicher beherrschbar. Macht sogar Spaß, zumal keinen von uns die Seekrankheit erwischt!

Und das flotte Vorankommen sichert uns dann tatsächlich auch ein Ankommen bei Tageslicht, obwohl der Wind dankenswerterweise vor der mit Flachs gespickten Mündung des Delaware fast ganz einschläft. Mit mehr als einer Stunde „Puffer“ fahren wir auf den Leuchtturm „Harbor of Refuge Light“ zu, erstmals seit langem wieder begrüßt von Delfinen und Pelikanen.

Wir schlängeln uns vorsichtig zwischen diesem Leuchtturm auf dem ersten Leitdamm, dem immer weiter in die Bucht hineinwachsenden Sandstrand der Halbinsel Cape Henlopen und dem roten Leuchtturm auf inneren Breakwater hindurch zu unserem Ankerplatz.

Und wie zur Belohnung gibts noch einen traumhaften Sonnenuntergang. ☺️

New Bedford: Whaling Capitol

Nach Nantucket nun New Bedford, das musste wohl so sein. Denn auch die Stadt am Acushnet River nimmt für sich in Anspruch, eine Zeitlang “Walfanghauptstadt der Welt” gewesen zu sein und mit diesem heute weniger schmeichelhaft empfundenen Titel eben das nahe gelegene Nantucket (von dem wir hier her gesegelt sind) abgelöst bzw. überflügelt zu haben. Das hatte ganz handfeste logistische Gründe:

Zum einem versandete die Einfahrt nach Nantucket, was für die inzwischen auf zwei- bis vierjährige Fangreisen ausgelegten und deshalb immer größer werdenden Walfangschiffe zum Problem wurde, weil sie voll beladen zuletzt (ab 1842) aufwändig mit einem Trockendock in den Hafen geschleppt werden mussten. Vor allem aber bot der vergleichsweise tiefe Hafen von New Bedford landseitig den unmittelbaren Anschluss an das Eisenbahnnetz, die Transcontinental Railroad führte von hier bis hinüber nach San Francisco.

Ein toter Wal oder ein verheiztes Boot, so habe ich mir dieses Zitat aus Moby-Dick übersetzt (die deutsche Ausgabe spricht von einem zerschellten Boot). Und sowohl irgendwie tot als auch verheizt kam uns New Bedford bei unserem ersten Spaziergang durch die Stadt bis hin zum im Industriegebiet gelegenen Supermarkt auch vor. Nicht verrottet, im Innenstadtbereich sogar baulich schön renoviert, aber leer, leblos, die besten Zeiten hinter sich. Ein bisschen im Ausverkauf trotz neuer Farbe. Ich glaube eigentlich nicht, dass es am Covid-bedingten Mindestabstand liegt, selbst wenn er martialisch in Harpunenlänge angegeben wird 😉

Andererseits: der Hafen ist ein lebendiger Arbeitshafen, wo noch mit LKW Eis von der hafeneigenen Eisfabrik auf die Fangschiffe gekarrt, wo entladen, beladen, entrostet, gepönt und geschweißt wird.

Ein zweiter Gang in die Stadt steht an, vielleicht ist der zweite Eindruck besser, außerdem wollen wir uns das Walfangmuseum nicht entgehen lassen. Es ist das dritte auf unserer Reise, nach dem in Mindelo auf den Kapverden und dem letzte Woche in Nantucket. In den beiden bisherigen gab es jeweils einen guten Blick von der Dachterrasse über die Bucht und die Stadt, New Bedford will da nicht zurück stehen:

Den Versuch war es wert. Viel mehr Punkte sammelt das Museum aber in seinem Inneren. Wal-Skelette, Scrimshaw, Harpunen, Walfangboot, na klar, das gab es überall, wenn auch hier in besonderer Qualität und Quantität und mit aktuellen Bezügen (zwei der drei großen Skelette der Eingangshalle resultieren aus Kollisionen der Wale mit Frachtern, auch die Bedrohung durch Fischfanggerät wird eindrücklich dargestellt).

Aber ein komplettes Walfangschiff im Maßstab 1:2, begehbar, mit Rigg, Segeln, Beibooten?

Beeindruckt sind wir auch von dem detailreichen Panoramabild, das Walfangschiffe aus New Bedford bei ihrer Reise um die Welt und die Eindrücke ihrer Besatzung stimmungsvoll einfängt. Dabei ist das lange und schmale, in vier übereinander angeordneten Bahnen angeordnete Gemälde nur eine Kopie im Maßstab 1:12. Das inzwischen restaurierte Original des 1848 erstellten “Grand Panorama of a Whaling Voyage ‘Round the World” ist 388 m lang und 2,5 m hoch! Das Museum denkt noch darüber nach, wie das Originalgemälde präsentiert werden kann.

(Nur ein Ausschnitt)

Auch der Walfang in anderen Kulturen und Regionen der Erde wird mit vielen Exponaten in mehreren Sonderbereichen und auch multimedial dargestellt.

Inuit, Fernost, Südsee. Vor allem aber die Bezüge zu den Azoren und den Kapverden, denn viele Walfangschiffe fuhren aus New Bedford “understaffed” ab, also mit Notbesatzung. Die Crew wurde dann auf den portugiesischen Azoren und Kapverden vervollständigt. Viele Crewmitglieder blieben nach den Fahrten in New Bedford und ließen sich dort nieder. Ihr Einfluss auf die Stadt ist bis heute spürbar, zudem sind (oder waren) mit Funchal, Horta, Mindelo und Figueira da Foz vier der sechs Partnerstädte New Bedfords portugiesisch.

Und wir gehen nach dem Museumsbesuch portugiesisch frühstücken 😊

Reservierung war nicht erforderlich

Direkt in der Nähe liegen dann auch noch das 1787 gebaute historische Seemannsheim (heute Museum) und die konfessionsfreie “Seaman’s Bethel” von 1832, die Kirche, die mit ihren Erinnerungstafeln an der Wand für die auf See gebliebenen und dem eindrucksvoll und in der Sprache der Walfänger predigenden Seemannspfarrer den jungen Herman Melville inspiriert hat und dann auch in Moby-Dick verewigt wurde.

Die Kanzel in Form eines Schiffsbugs hat Melville allerdings frei erfunden. Weil sich Touristen an die Filmszene (des insoweit allerdings in Irland gedrehten Kinofilms von 1956 mit Gregory Peck als Kapitän Ahab und Orson Welles als Pfarrer Mapple) erinnerten und die Kanzel vermissten, wurde sie 1961 – wenn auch ohne Strickleiter – eingebaut.

Also gut. Whaling is over. Whaling Capitol auch. Aber die zweite Chance hat New Bedford ein bisschen genutzt, Eindruck verbessert. So richtig warm werden wir mit New Bedford trotzdem nicht.

Morgen geht’s weiter, der Außenborder haben wir schon vom Dinghy an den Heckkorb genommen, die Propangasflasche ist aufgefüllt. Das haben Greg und Michael vor ihrer Abreise mit dem Mietwagen massiv erleichtert, denn direkt hier am Hafen sieht es so aus:

Nicht nur der Walfang ist vorbei. Aber (nicht zu alte Flaschen vorausgesetzt, das wurde jeweils überprüft) wir konnten in den USA unsere Gasflaschen schon in Hampton und jetzt hier bei dem omnipräsenten Umzugs-LKW-Vermieter “U-Haul” schnell und preiswert befüllen lassen.

Red light

Das könnte ein farbenprächtiger Sonnenuntergang über der New Bedford – Fairhaven Bridge sein, wenn nicht …

… ja, wenn nicht das Foto weit vor Sonnenuntergang aufgenommen wäre. Tatsächlich ist der rote Dunst leider durch die vielen Wald- und Buschbrände im Westen der USA verursacht. Tagsüber eigentlich kaum auszumachen, zeigt die niedrig stehende Abendsonne dann aber doch sehr deutlich, dass die Dunstwolke bis in die Stratosphäre vorgedrungen und dort große Entfernungen zurückgelegt hat. Zu uns hier in den Osten der USA und sogar noch weiter. Die aktuelle Verbreitung wird auf https://fire.airnow.gov anschaulich dargestellt:

Schon über 30 Tote haben die Brände gefordert, viele Menschen werden noch vermisst, da scheint ein bisschen Rauch, selbst weit entfernt auftretend, nicht dramatisch. Ist es vielleicht auch nicht. Andererseits: aktuell ist die Luftqualität in Portland in Oregon an der US-Westküste (dort, wo besonders starke Brände wüten) derzeit die schlechteste auf der Erde! Spätfolgen?

Nochmal zurück zur Brücke: die hydraulische Drehbrücke wurde im Jahr 1900 eröffnet und 1997 erneuert. Sie verbindet New Bedford (bekannt als alter Walfanghafen und durch Moby-Dick) und Fairhaven (Seglern vielleicht bekannt durch Joshua Slocum, der als erster Einhand-Weltumsegler 1895 hier mit seiner “Spray” startete und 1898 hierher zurückkehrte). Gemeinsam ist beiden Orten der Hafen, der eigentlich die Mündung des Acushnet River ist, jedoch durch eine künstliche Sturmflutbarriere geschützt wird. Der gemeinsame Hafen beherbergt die größte Fischereiflotte der US-Ostküste (kein Ort ohne Superlativ 😉), an beiden Ufern des Acushnet vor und hinter der Drehbrücke.

Wir nutzen das, indem wir das Abschiedsessen in ein Seafood-Restaurant verlegen, morgen werden Greg und Michael per Mietwagen nach Washington zurückfahren, wo jetzt dringend etwas zu erledigen ist. 10 Wochen waren die beiden bei uns an Bord, von Annapolis in der Chesapeake Bay über New York, Long Island, Rhode Island bis hinauf nach Maine und über Cape Cod, Martha’s Vineyard und zuletzt Nantucket bis hierher nach New Bedford. Was für eine schöne und eindrucksvolle Zeit!

Rund Nantucket

Die Insel gefällt uns so richtig gut. Nicht nur, weil das scheinbar Gleiche dann doch so unterschiedlich sein kann (Brant Point Lighthouse),

sondern vielmehr, weil wir auf Nantucket in wirklich entspannter Atmosphäre immer wieder Neues entdecken. Und immer wieder Schönes, wohin man schaut. Das ist schon ziemlich erstaunlich. Wir haben Martha´s Vineyard ja schon mit Sylt verglichen. Um im Bild zu bleiben, ist Nantucket dann ein einziges großes Kampen.

Tatsächlich ist Nantucket noch oberhalb von Kampen angesiedelt und mit 125 Quadratkilometern etwa ein viertel größer als Deutschlands mondänste Insel, zudem praktisch durchgängig von Sandstrand umgeben, der noch dazu – für die USA untypisch – öffentlich zugänglich ist.

Einige Probleme sind aber die gleichen: durch die extrem angezogenen Preise können sich nur wenige Einheimische ein Haus auf der Insel leisten, es ist schwer, irgendwie bezahlbaren Wohnraum zu finden. Und das, obwohl die Grundsteuer (für die USA) prozentual vergleichsweise niedrig ist. Handwerker kommen täglich mit der Fähre vom Festland herüber, die vielen super gepflegten Gärten werden von externen grünen Daumen in Ordnung gehalten, die während der Saison in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht sind.

Zwar wird bei jedem Hausverkauf eine lokale Steuer von 2 % des Kaufpreises fällig, von der die Insel Grundstücke aufkauft, die geschützt und nicht bebaut werden dürfen, zudem öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein privater Trust kauft aus Spenden weitere Grundstücke auf und verfährt ähnlich. Rund die Hälfte der Insel soll damit bereits dauerhaft vor Bebauung geschützt sein. Die Neubauwut wird dadurch zwar eingeschränkt, die Exklusivität und damit die Preise aber zusätzlich gesteigert.

Ein Spaziergang führt Wiebke und mich an das westliche Ende der Stadt, ganz langsam wird es ländlicher, aber nicht weniger gepflegt und schön.

Auch das älteste Haus der Insel finden wir auf diesem Spaziergang, es wurde 1686 gebaut.

Annemarie und Volker mit der Escape sind inzwischen ebenfalls in Nantucket angekommen, es freut uns die beiden hier wieder zu treffen.

Und sie helfen uns gleich aus der Patsche: den Weg an Land konnten wir mit Florecita wurderbar (vor dem Wind) zurücklegen, aber der Außenborder fängt unterwegs wieder an zu sprotzen und kein Gas anzunehmen. Der Rückweg gegen den frischen Wind und die inzwischen hohen Wellen wäre zu viert damit kaum machbar, aber Volker holt mit dem Dinghy der Escape Greg und Michael ab, Wiebke und ich schaffen es dann im Standgas irgendwie mit unserem Dinghy. Pitschnass werden wir übrigens alle dabei.

Kein Wunder, dass man bei den verlässlichen Wetterfahnen (neben Walen) zwar Boote sieht, aber niemals mit Außenborder 😉, sondern entweder mit Segel oder gerudert.

Wie dem auch sei, für den nächsten Landgang bei wieder viel Welle nehmen wir das Launch Boot. Wie schon in Provincetown und Edgartown gibt es auch hier wieder die Möglichkeit, sich in diesen „Taxibooten“ von dem Bojenplatz abholen und wieder zurückbringen zu lassen. In Provincetown war es in der Mooringgebühr enthalten, auf Martha´s Vineyard (4$) und Nantucket (6$) war es jeweils extra und pro Person zu zahlen. Wird Zeit, den Außenborder wieder in Ordnung bringen zu lassen.

Morgen soll es mal wieder einen Ortswechsel geben, wir möchten nach New Bedford am Festland. Das hängt damit zusammen, dass New Bedford ebenfalls eine schöne alte Walfängerstadt sein soll, aber auch damit, dass der Hurrikan „Paulette“ heute Nacht bereits Bermuda erreichen soll, laut Prognose wird er dann weiter nach Nordosten ziehen. Damit trifft er zwar nicht auf die US-Ostküste, zieht aber mit einigem Abstand an ihr hoch, bringt das Wetter durcheinander und wahrscheinlich auch ziemlich hohe Wellen. Da suchen wir lieber ein bisschen Schutz am Festland hinter den vorgelagerten Inseln. Mit Rene (der sich weiter draußen auf dem Atlantik bereits zur Depression abgeschwächt hat) und dem tropischen Sturm Sally an der Westküste Floridas ist auch sonst einiges los. Nur noch für drei weitere benannte tropische Stürme reichen die Namen (Teddy, Vicky und Wilfred, die Buchstaben Q, U, X, Y und Z werden als Anfangsbuchstaben der Namen nicht verwendet), alle weiteren benannten tropischen Stürme in diesem Jahr bekommen dann griechische Buchstaben (Alpha, Beta, Gamma …) Muss eigentlich nicht sein 😬. Nachtrag: jetzt, nur ein paar Stunden später sind auch Teddy und Vicky bereits benannte Stürme!)

Aber für den Abschluss auf Nantucket gibts noch ein besonderes Geschenk. Wir hatten auf Sardinien die Amerikaner Maggie und Sam kennengelernt, die für eine Auszeit ihre Jobs gekündigt und in Griechenland ein Segelboot gekauft haben. Wiedergetroffen haben wir die beiden auf Gran Canaria und dann in Bequia, aber wir sind immer in Kontakt geblieben. Inzwischen haben sie hier in den USA ihre Contest 38 wieder verkauft, wohnen und arbeiten nun in Denver. Aber sie haben uns nachdrücklich aufgefordert, Maggies Stiefvater David in Nantucket zu besuchen und – Nägel mit Köpfen – gleich eine gemeinsame WhatsApp-Gruppe eingerichtet.

David überlässt uns nicht nur die freie private Boje seines Segelbootes (ist schon aus dem Wasser), für heute hat er uns außerdem auf sein Angelboot eingeladen und unsere Freunde gleich mit.

Also fahren wir heute gemeinsam mit Davids Freund Charly und Volker von der Escape in Davies 29-Fuß-Motorboot hinaus. Es ist ziemlich ruppig, mit dem Angeln wird es nichts, aber dafür fahren wir eine wunderschöne Runde um die ganze Insel.

Es geht etwas flotter als mit der Flora, draußen springen wir mit 25 kn über die Wellen, mal dicht am Strand entlang, mal raus zu den „Rips“ genannten Flachs, wo die Fische stehen sollten, die See aber heute so aufgewühlt ist, das wir sie schnell wieder verlassen. Die abschließende Runde in den inneren „Head of the Harbor“, die gut 4 sm nach Nordosten gehende glatte Wasserfläche hinter der den Hafen schützenden Dünennehrung zeigt bis zu 35 kn auf dem Display.

Ab morgen kalkulieren wir dann wieder mit 5,5 kn 😁. Vorher gibts aber hier noch ein leckeres Abschiedsessen mit Annemarie und Volker und Greg und Michael hier in Nantucket.

Nebel um Nantucket

Nicht nur für uns war Nantucket eine Art Überraschungstüte, ganz allgemein scheint Nantucket etwas versteckter, dem Blick etwas mehr verborgen zu sein als etwa Cape Cod oder Martha´s Vineyard. Überhaupt: selbst wenn man die Namen schon mal gehört hat, so richtig verorten lässt es sich nur schwer. Hier also eine kleine Übersicht über unsere Fahrtroute in den USA bis hierher nach Nantucket, genau die letzten drei Monate lang:

In Maine hatten wir bereits eine nördlichere Breite erreicht als etwa Toronto in Kanada, aber inzwischen sind wir bereits im Süden von Massachusetts angelangt, fast schon wieder auf der Höhe von New York.

Die Entfernungen in den USA sind bekanntermaßen groß. Trotzdem ist kaum zu fassen, dass wir in diesen drei Monaten 2.420 sm zurückgelegt haben, also mehr als bei unserer Atlantiküberquerung von den Kapverden nach Bequia. Insgesamt sind es übrigens seit unserem Start in Griechenland 11.300 sm.

An unserem ersten Morgen im Hafen von Nantucket werden wir von den Nebelhörnern der einfahrenden Fähren geweckt. Als wir dann aber nach dem Frühstück zu unserer Radtour aufbrechen, scheint sich der Morgennebel schon deutlich zu lichten. Im Ort gibts diverse Fahrradvermietungen, Greg und Michael können auch wieder die von ihnen bevorzugten e-bikes bekommen.

Ein bisschen eintönig präsentiert sich die fast schnurgerade aber doch hügelige Strecke entlang der Straße nach Siasconset am Ostende der Insel, aber die etwas längere nördliche Schleife mit schöneren Aussichten haben wir uns für die Rückfahrt vorgenommen. ´Sconset, wie der Ort zumeist genannt wird, soll schöne Cottages haben und lockt zudem mit einer Wanderstrecke oben auf dem Kliff, die zum Teil direkt durch die Gärten der superteueren Häuser führen soll. Das wollen wir uns nicht entgehen lassen. Tatsächlich radeln wir am Eingang zu der Kliffwanderung erstmal vorbei. Nur ein kleiner Weg aus weißen Muschelschalen verschwindet zwischen den Häusern, wir hatten ihn für einen Privatweg gehalten, schließlich sind hier viele der Garagenauffahrten mit diesem edlen Belag versehen. Aber dann zweimal ums Eck, und da ist der Wanderpfad.

Die Fahrräder müssen wir hier abstellen, selbst zum Schieben ist es manchmal zu schmal. Dafür geht es mal durch einen Hohlweg, mal zwischen Wildrosen-Hecken hindurch, oft aber auch wirklich durch die Gärten der hier wieder durchweg mit Holzschindeln verkleideten Häuser, die hoch über dem langen Sandstrand der Ostküste auf der Klippe stehen.

Der Nebel ist nicht mehr ganz so dicht wie am Morgen, aber noch immer da. Das gibt unserem Spaziergang eine ganz besondere Stimmung, zumal wir war unten am Strand die Brandung hören und manchmal auch sehen können, der Blick aber beim Hinausschauen auf das Meer keinen Halt mehr findet. Kein Horizont ist zu sehen, die See und der Himmel lösen sich ineinander auf. Es ist eine der schönsten Kliff-Wanderungen, die wir bisher gemacht haben.

Steile lange (und meist private) Treppen führen hinunter zum Wasser, oft auch mit zusätzlichen Hütten auf halber Höhe oder unten am Strand. Die auffällig verschachtelte Architektur der größeren Häuser greift auch bei Neubauten den durch im Laufe der Zeit durch nach und nach hinzugekommene Anbauten typischen Stil der älteren Inselhäuser auf.

Zurück bei den Fahrrädern können wir die Häuser auf der Weiterfahrt noch einmal von ihrer Vorderseite bestaunen, denn an den Vorgärten vorbei rollen wir zu unserem nächsten Ziel, dem alten Sankaty Head Lighthouse von 1850. Wegen der Klippenerosion von knapp einem Meter pro Jahr musste es 2007 gut 100 m weiter nach Nordwesten „umziehen“, hier sollte es erst einmal sicher sein.

Passend zum immer wieder mal wieder dichteren Nebel machen wir unseren nächsten Halt am kleinen aber sehr schön gemachten „Shipwreck & Lifesaving Museum“.

Die unfassbar hohe Zahl von Schiffbrüchen rund um Nantucket ist nur zum Teil den vielen und weit vor der Insel liegenden Flachs geschuldet, die Nähe zu den Schiffahrtsrouten nach New York und Boston tut ein übriges und insbesondere die heftigen Winterstürme aus Nordost haben in Zeiten der Frachtsegler hohen Tribut mit sich gebracht. Vor allem aber wird all das noch durch den in diesen Gewässern so häufig und oft plötzlich auftauchenden Nebel verkompliziert. Das kalte Wasser des Labradorstroms aus dem Norden und das warme Wasser des Golfstroms aus dem Süden treffen hier aufeinander, wobei der Labradorstrom den Golfstrom nach Osten in Richtung Europa ablenkt. Dabei entsteht häufig Nebel. Das war denn auch die Hauptursache für das in Europa bekannteste Schiffsunglück vor Nantucket, den Untergang der Andrea Doria. Der italienische Luxusliner war auf dem Weg nach New York, als er im Juli 1956 mit dem von dort kommenden Passagierschiff Stockholm zusammenstieß. Ihr (vorhandenes) Radar wurde auf der Andrea Doria nicht benutzt und das Ausweichmanöver nach Backbord statt nach Steuerbord vorgenommen, somit genau vor den Bug der korrekt nach Steuerbord ausweichenden Stockholm, wo man zudem allerdings die Anzeige des eigenen Radars hinsichtlich Größe und Geschwindigkeit des anderen Schiffes auch nicht richtig interpretiert hatte. Zum Glück waren mehrere andere Schiffe in der Nähe und eilten zu Hilfe, denn die Rettungsboote der Andrea Doria konnten wegen der Schlagseite des Schiffes zur einen Hälfte gar nicht und zur anderen Hälfte nicht wie geplant sondern nur viel umständlicher eingesetzt werden. Immerhin waren sie eigentlich in rechnerisch ausreichender Anzahl vorhanden (anders als bekanntermaßen bei der Titanic 1912, deren typgleiches Schwesterschiff Olympic 1934 das hier in der Gegend in dichtem Nebel das Feuerschiff Nantucket gerammt und versenkt hatte).

Wir sind jedenfalls froh, dass mit Radaroverlay über die Seekarte und mit AIS die Situation heute auch bei unsichtigem Wetter meist deutlich leichter zu verstehen ist, dennoch ist der Besuch des Museums für uns ein weiterer Ansporn, uns mit der Radar der Flora noch besser vertraut zu machen.

Aber zunächst mal wollen wir noch gar nicht weiter, sondern noch ein wenig auf Nantucket bleiben. Nebel oder nicht, die Insel gefällt uns richtig gut.

Nantucket

Nantucket. Oder: Weißer Wal statt Weißer Hai.

Etwa 27 sm sind es von Edgartown auf Martha´s Vineyard nach Nantucket, dem einzigen Ort in den USA, bei dem Stadt, County (Landkreis) und Insel gleich heißen. 27 sm zwischen der Insel, auf der “Der Weiße Hai” gedreht wurde und der, wo der Autor Beter Benchley lebte und seinen zugrunde liegenden Roman schrieb. Für uns wird die Strecke etwas weiter, denn wir müssen gegen den Wind aufkreuzen. Da ist bei dem herrschenden herrlichen Segelwetter allerdings ein Vergnügen, trotz der zahlreichen Flachs, auf die wir bei unseren Schläge aufpassen müssen.

Was erwartet uns auf/in Nantucket? Ein alter Walfangort, das haben wir aufgeschnappt. Ein anderer, bekannterer Autor namens Herman Melville wird präsent sein, schließlich heuerte er hier erstmals auf einem Walfangschiff an und ließ hier auch den Ich-Erzähler Ismael an Bord der Pequod von Kapitän Ahab gehen als er in seinem großen Roman Moby Dick (Der weiße Wal) sowohl eigene Erlebnisse als auch das tragische Schicksal des Walfangschiffes Essex verarbeitete. Und sonst? Wir stellen es uns beschaulicher, kleiner, weniger exclusiv als das schicke Martha`s Vineyard vor. Das letztere erweist sich als nicht richtig 😉.

Zunächst mal, die Ansteuerung und der Naturhafen selbst weisen einige Ähnlichkeit auf. Dann aber kommt Nantucket grauer daher, statt der weißen Kapitänshäuser in Edgartown säumen fast nur mit edel ergrauten Holzschindeln verkleidete Häuser die Hafenfront.

Wir lernen aber schnell, dass das der Exklusivität keinen Abbruch tut. Nicht nur sind die Bojenpreise mit 95 Dollar pro Nacht doppelt so hoch wie noch in Edgartown, auch mehrere Superyachten an der Pier geben einen gar nicht mal so dezenten Hinweis.

Trotzdem: Nantucket zieht auch uns sofort in seinen Bann. „Das weit entfernte Land“, so die Bedeutung des Namens in der Sprache der Wampanoag-Indianer, hat aus seiner relativen Abgelegenheit früh eine Tugend gemacht und sich ab etwa dem Jahr 1700 auf den Walfang konzentriert, sich bis in das 19. Jahrhundert hinein zur Walfanghauptstadt der Welt entwickelt und damit großen Wohlstand auf die kleine Insel gebracht. Heute ist Nantucket Seebad und Erholungsort, die Immobilienpreise übersteigen die von Martha´s Vineyard nochmal deutlich (wir haben kaum ein Haus unter 3 Mio. Dollar gesehen!) und wirkt trotzdem zumeist eher historisch schmuck als stylisch aufgehübscht.

Das setzt sich in den Details fort. Viele der Dachrinnen der alten holzverkleideten Gebäude sind ebenfalls aus Holz, wenn auch meist weiß lackiert und daher nicht so gut zu erkennen wie hier:

Diverse Straßen in der Stadt weisen altes Kopfsteinpflaster auf, wobei zumeist die Steine als Ballaststeine auf den Segelschiffen hierher gelangt sein sollen. Jedenfalls wird auch das Pflaster originalgetreu und aufwändig instand gehalten.

Ein weiteres Detail: die alte Apotheke kommt nicht nur optisch historisch daher, sondern hat in ihrem Inneren auch heute noch einen „Soda Fountain Food Counter“, bietet also Frühstück und Lunch an, früher gerne auch mit Kokain und Koffein erstellte Getränke gegen Kopfschmerzen (so entstand ursprünglich Coca Cola beim Apotheker John Pemberton in Atlanta). Eigentlich wird am Tresen verzehrt, wie es ehedem eben in (amerikanischen) Apotheken üblich war, nur jetzt in Covid-Zeiten lediglich To-go.

Schade auch, dass Corona selbst unser Frühstück in dem kleinen netten „Corner Table“-Café in ein Selbstbedienungs-Plastikorgien-Bagelbasteln auf der schönen Gartenterrasse des Cafés verwandelt (lecker ist es trotzdem).

Verwöhnt werden wir dafür mit herrlich altmodischen Shops wie dem Schiffsausrüster „Brant Point Marine“ (von außen und zum Hindurchschauen)

sowie in der liebenswerten kleinen Buchhandlung an der Main Street, wer würde hier nicht ein bisschen stöbern wollen:

Natürlich darf in der (zum Glück ehemaligen) Welthauptstadt des Walfangs ein Walfangmuseum nicht fehlen und anders als so viele andere Museen ist das kleine aber gut gemachte Whaling Museum sogar trotz Covid geöffnet.

Neben dem eigentlichen Walfang (Schwerpunkt: Pottwalfang von Nantucket aus) setzt es sich auch mit den damit zusammenhängenden Themen wie der Scrimshaw-Gravur auf Pottwahlzähnen sowie sozialen Aspekten auseinander, etwa dass die Verdingung auf Walfangschiffen eine der wenigen Möglichkeiten für Nicht-Weiße war, ungefähr die gleiche Bezahlung wie Weiße zu erhalten. Nicht nur auf der beispielhaft angeführten fiktiven Pequod in Moby Dick waren Walfangcrews oft ausgesprochen divers zusammengesetzt.

Außerdem punktet das Museum mit einer Dachterrasse, von der man den Ort und Teile der Bucht überblicken kann, selbst die Flora können wir genau in der Lücke zwischen zwei Dächern erspähen.

Hoch über dem Museum weht als gut zwei Meter große Windfahne – na klar – ein Pottwal.

“Thar she blows!”

Überhaupt findet sich der Leviathan überall im Ort, mal als Allegorie auf sehr einseitiges besessenes Streben, als Meditation über Amerika (auch so kann “Moby Dick / or, The Whale” gelesen werden, wohl nicht zufällig hat Melville auf der ersten Seite seines Romans ein von Kommerz umgebenes Manhattan beschrieben), mal groß, mal ganz klein als Türklopfer, mal deutlich erkennbar, mal monsterhaft verfremdet.

Die Spiegelungen auf den Türen kommen übrigens von den hier in Neuengland häufig vor den eigentlichen Haustüren angebrachten (oft zumindest teilweise gläserernen) „Stormdoors“ bzw. „Screendoors“.

Aber nicht nur die Vergangenheit des Ortes wird künstlerisch kreativ aufgearbeitet, auch die Gegenwart als entspanntes Seebad findet sich motivisch wieder. Zum Beispiel so:

Von Hadley Harbor nach Martha’s Vineyard

Von Cape Cod aus motoren wir bei Nebel und spiegelglatter See durch den Cap Cod Canal Richtung Westen. Mit dem Radar haben wir ja schon mehrfach geübt, das zahlt sich jetzt aus. Außerdem passt das Timing perfekt: das Zeitfenster für die Durchfahrt ist ideal, bis zu 4 kn Strom schieben uns. Erst kurz vor unserem Ankerplatz hinter Bull Island kippt die Tide, so dass wir ihn fast bei Stillwasser erreichen.

Wir ankern etwas abseits im Outer Harbor
die meisten Boote im Inner Harbor liegen an Bojen.

Wie (außer Cuttyhunk) praktisch alle Inseln dieser zwischen dem Festland und Martha´s Vineyard liegenden Inselkette der Elizabeth Islands gehört auch Bull Island der Familie Forbes. Bull Island ist unbewohnt, es gibt aber einen Dinghysteg und viele der Bootscrews führen dort ihre Hunde Gassi, was sich sonst wohl wegen der vielen Privatgrundstücke an den Ankerplätzen häufig kompliziert gestaltet. Wir entscheiden uns für eine Erkundungsfahrt mit dem Dinghy durch die uns umgebenden ziemlich flachen Gewässer und genießen ansonsten die ruhige Ankerbucht.

Am nächsten Morgen gibts nur Kaffee, das Frühstück folgt erst unterwegs. Wir wollen mit dem Strom durch die Enge zwischen den Elizabeth Islands und Cape Cod. Eigentlich ist es mehr eine Notwendigkeit, denn der Strom setzt auch hier wieder extrem stark, diesmal schieben uns über viereinhalb Knoten. Da kommt selbst die Großschiffahrts-Fahrwassertonne ziemlich in Schräglage:

Danach ist es aber nur noch ein kleiner Hüpfer hinüber nach Martha´s Vineyard und so entscheiden wir uns gleich in den Osten nach Edgartown zu fahren. Eine Reservierung für eine Boje im inneren Hafen haben wir nicht, aber wir sind früh da und ergattern trotzdem eine, obwohl – wie wir feststellen – am langen „Labourday“-Wochenende (Feiertag erster Montag im September) ziemlicher Andrang herrscht. Schließlich beginnt nach diesem langen Wochenende wieder landesweit die Schule, was zugleich das Ende der Hauptsaison für den Tourismus markiert.

Als wir um die Landzunge beim Edgartown Harbor Light – Leuchtturm biegen, sieht es aber noch ganz beschaulich aus.

Zum Abend füllt es sich deutlich und die Stadt präsentiert sich quirlig. Wir mieten uns am nächsten Tag Fahrräder und werden gleich unten beim Hafen daran erinnert, dass hier auf Martha´s Vinyard 1974 der Schocker „Der Weiße Hai“ gedreht wurde. Einer der erfolgreichsten Filme überhaupt, einer der ersten Blockbuster, allerdings zugleich der Film, der beim gekonnten Spiel mit unseren Urängsten so weit geht, das nach seinem Erscheinen tatsächlich Strände gesperrt wurden und das Image nicht nur des Weißen Haies sondern praktisch aller Haie so schlecht wurde, dass ein weltweites Abschlachten dieser faszinierenden Tiere viel zu lange toleriert wurde.

Wir beschließen, mit den Rädern erstmal nach Oak Bluffs zu fahren. Ohne es geplant zu haben, kommen wir dabei gleich wieder an einem der bekanntesten Filmsets von „Jaws“ vorbei (so hieß der Film im Original). Die Tour führt nämlich malerisch am langen Strand der sandigen Nehrung entlang, die den Sengekontacket Pond vom offenen Meer trennt, wobei zwei kleine Durchlässe von Brücken überwunden werden. Und eine dieser Brücken … na ja, wer den Film gesehen hat weiß, dass man da eventuell nicht runterspringen sollte. Verboten ist es sowieso, aber das gibt vielleicht einigen nur noch besonderen Reiz.

Die zweite Brücke sieht übrigens genauso aus, ist aber komplett leer. 😉

Ganz anders dagegen der Ort Oak Bluffs, der ist gut gefüllt. Kein Wunder, viele Touristen kommen hier mit der Fähre an und die Gingerbread-Häuser dieses Städtchens an der Nordostspitze von Martha´s Vineyard sind eine bekannte Touristenattraktion. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gebaut, verschnörkelt und bunt, dabei oft sehr klein und damit wieder ganz anders als die Zuckerbäcker-Villen die wir z.B. in Cape May gesehen haben.

Im großen Bogen geht es danach am East Chop Lighthouse vorbei zumeist an der Straße entlang über die ziemlich waldige Insel zurück nach Edgartown, wo wir erst noch einkaufen und die Lebensmittel an Bord bringen, dann aber mit der kleinen Fähre auf die Halbinsel Chappaquidick übersetzen und unsere Radtour dort fortsetzen.

Zu Chappaquiddick und dem, was es für die Kennedy-Familie bedeutet, haben Klaus und Katrin von Floras Schwesterschiff Saphir in ihrem Blog einiges zusammengefasst.

Wir fahren hier nur gemütlich Rad. Erst als der Akku von Gregs E-Bike schlapp macht kehren wir um.

Weiter geht es nach Abgabe der Räder zu Fuß durch Edgartown mit seinen vielen gepflegten und gut renovierten weißen Kapitänshäusern. Schön hier.

Dass sehen wir nicht alleine so, was man nicht nur am vollen Dinghydock merkt, sondern auch ganz gut aus der Luft erkennt 😉.

Wir liegen mit der Flora oben links im Gewusel des Inner Harbor

Cape Cod

Der 130 sm-Schlag hinunter von Port Clyde in Maine nach Provincetown auf Cape Cod in Massachusetts beginnt ziemlich rau, aber das war abzusehen. Einmal mehr scheint die für die Böen in der Wettervorhersage von Windy angegebene Wert quasi durchgängig vorzuherrschen und so haben wir zunächst Wind von stets über 25 kn. Bei einem scheinbaren Windeinfallswinkel von meist zwischen 60 und 90 Grad kommen wir mit der Fock und zwei Reffs im Groß gut voran, aber durch die etwa 1,5 m Welle fühlt es sich an wie eine Kopfsteinpflasterautobahn.

Am späten Nachmittag wird es etwas ruhiger, und so wird die Nachtfahrt bei fast Vollmond überwiegend angenehm. Am Ende bremst uns auch ein wenig Gegenstrom noch weiter ab, dass passt ganz gut denn so geht die Sonne noch auf bevor wir dann gegen 7.00 nach rund 20 Stunden unser Ziel erreichen.

Als wir uns Cape Cod nähern erwartet uns eine Landschaft, die sich so ganz anders als Maine präsentiert. „Dänisch“ ist die erste Schublade, die unser Gehirn für die Dünenlandschaft hinter dem Sandstrand am Leuchtturm Wood End Lighthouse aufzieht:

Aber nur eine Ecke weiter, beim Blick auf den Hafen von Provincetown, geht das „Länderrätsel“ in die nächste Runde. Grüßt da aus der Stadt nicht ein mittelalterlicher norditalienischer Prunkturm herüber?

Tatsächlich haben die Amerikaner hier 1907 bis 1910 ein Monument errichtet, das als Denkmal für die hier gelandeten „Pilgerväter“, die mit ihrer Mayflower 1620 hier im Naturhafen von Cape Cod erstmals in der „neuen Welt“ vor Anker gingen. Warum das Denkmal hierfür dem Torre del Manga in Siena nachempfunden ist, erschließt sich nicht. Aber immerhin ist es – kein Ort in den USA ohne Superlativ – mit 77 m Höhe „the tallest all-grannite structure in the United States“. Vielleicht hatte man die Baupläne auch gerade zur Hand, schließlich steht im nicht weit entfernten Boston die schon etwa 15 Jahre früher errichtete etwas kleinere Kopie des gleichen Turmes, nur aus Backstein und als Teil der zentralen Feuerwehrstation gebaut.

Wie dem auch sei, auch für uns ergibt sich ein Superlativ. Der Platz an der Boje kostet hier in Provincetown (gerne auch P´town genannt) 3 Dollar pro Fuß Schiffslänge. Macht für uns 132 Dollar pro Nacht, wenn man zwei bezahlt ist die dritte allerdings frei. Knackig teuer, aber Mittwoch soll viel Wind kommen und wir wollen uns Cape Cod auf alle Fälle intensiver ansehen, also beißen wir in den sauren Apfel. Immerhin können wir es ja durch 4 teilen 😉.

P´town ist quirlig, touristisch, sympathisch und schwer in Regenbogenfarben gehüllt. Hier einige Eindrücke aus der Stadt:

Was uns außerdem richtig gut gefällt, ist die Radtour durch die Dünenlandschaft und den Wald auf der Nordwestspitze von Cape Cod. Der Radweg ist größtenteils unabhängig von der Straße geführt und gut ausgebaut.

Auch am Strand kommen wir entlang, es sieht einladend aus, wobei, zum Baden dann vielleicht auch wieder nicht:

Gefühlte Jahreszeiten

Kaum zu fassen, aber wir erleben seit über 14 Monaten durchgehend Sommer. Routenbedingt natürlich, denn den kalendarische Herbst, Winter und Frühling haben wir in den Kanaren, Kapverden und der Karibik verbracht und damit von den Temperaturen und dem Wetter her gefühlt eben durchgehend im Sommer. Und als es in den USA in der Chesapeake Bay hochsommerlich SEHR heiß wurde, sind wir – wie es auch viele Amerikaner gerne tun – nach New York und weiter hinauf in die Neuengland-Staaten gesegelt.

Und nun – im August – fühlt es sich für uns erstmals ein bisschen herbstlich an.

Derzeit sind keine kurzen Hosen, sondern Jeans, Pullover oder Jacke und sogar Mütze angesagt, es ist frisch geworden. Fühlt sich gut an und stört uns überhaupt nicht, sondern ist vielmehr eine wirklich willkommene Abwechslung.

Trotzdem sind unsere Tage hier im wunderschönen Maine gezählt, denn morgen gibt es auf absehbare Zeit (zumindest für die nächste Woche) das einzige annehmbare Wetterfenster für einen Schlag nach Süden. Nicht perfekt, aber wohl machbar. Wir wären zwar gerne noch ein wenig durch Maines Inselwelt gebummelt, aber wir möchten auch Cape Cod, Martha’s Vineyard und nach Möglichkeit Nantucket noch erkunden, noch ein paar (Wartungs-)Arbeiten in einer Werft in der Chesapeake Bay vornehmen. Dann also los in Richtung Süden.

Maine macht uns den Abschied nicht leicht, zeigt sich beim Törn nach Rockland und auch auf der Weiterfahrt nach Port Clyde erstmal von seiner sonnig schönen (trotzdem frischen) Seite.

Und auch Port Clyde, von dem wir bisher nur den Ankerplatz auf der anderen Seite der Barre kennen, gefällt uns richtig gut.

Wir machen an einer Gästeboje des “General Store” fest. Mit dem Dinghy setzen wir über, bezahlen im Store und kaufen noch ein paar Lebensmittel ein. Unter anderem auch wieder Hummer, der selbst in diesem urigen Supermarkt frisch aus dem Wasser geholt wird und supergünstig ist (etwa 7 bis 8 $ pro Hummer).

Noch ein kurzer Gang durch den Ort, die für Maine typische Holzkirche mit ihrer von uns so noch nicht gesehenes “Wetter-Taube” bewundern.

Und schwupp – schon wieder ein Tag rum.

Heute morgen dann ein ganz anderes Bild. Zunächst regnet es wie vorhergesagt. Ein Nachbarboot ist mit ihrem Hund an Land, auf der Rückfahrt zum Schiff fällt der Elektro-Außenborder aus, natürlich in einer kräftigen Böe und bei Gegenstrom. Die beiden mühen sich erst rudernd dann paddelnd, treiben aber immer weiter ab. Ich kann sie aber mit Florecita einfangen und zu ihrem Boot schleppen, zum Glück tut unser Außenborder diesmal brav seinen Dienst. Am Nachmittag hört der Regen auf, vorhergesagt waren jetzt Gewitter. Statt dessen: Flaute und Nebel.

Maine-Stimmung und ein bisschen gefühlter Herbst im August.

Und für die Spezialisten: das mittlere Boot mit dem in Europa eher ungewöhnlichen Rigg ist ein Zweimast-Catboat mit Wishbone-Rig (Spreizgaffel). Dieser Riggtyp ist an der US-Ostküste häufig und wird als Ein- oder Zweimaster, und von der Jolle über den Daysailer bis zum großen Fahrtenschiff gefahren.