Übeltäter und Hochgefühle

Nach dem Ankommen schnaufen wir erstmal durch. Das war nicht unsere schlimmste Passage, diesen zweifelhaften Titel behält Chesapeake Bay nach Antigua (November 2020). Aber es war eben doch anstrengend, vor allem wegen der mentalen Belastung nach dem gleich doppelten Verlust von Fockfall und Ersatzfall, dem unterwegs-in-den Mast-gehen, dazu dem beschädigten Vorsegel. Eine aufgegangene Naht im Großsegel konnten wir ja schon vorher nur provisorisch reparieren, im Laufe des Törns zeigt sich dann auch noch ein kleines Loch im Code0. Am Ende spielt auch noch unsere Lichtmaschine verrückt und lädt die Batterien nicht mehr. Ganz schön viel Verschleiß.

Erst mal die Gefühlslage beruhigen, ein bisschen Wunden lecken und das gute Ende feiern, gemeinsam mit „Leidensgenossen“, die ebenfalls gerade angekommen sind.

Schon nach zwei Tagen aber verlassen wir die schön gelegene Marsden Cove Marina wieder.

Bei herrlichem Wetter fahren wir den Hatea River hinauf nach Whangārei. Die Fahrt erinnert irgendwie an die heimatliche Schlei. Schmale Abschnitte wechseln mit weiten Wasserflächen, trotzdem müssen wir uns an das gut betonnte Fahrwasser halten, gleich daneben wird es oft untief. Hügelige Ufer, darüber „Schleswig-Holstein-Wolken“.

Überhaupt, es fühlt sich richtig gut an, wieder hier zu sein. Der schnelle Aufbruch ist auch damit verbunden, dass wir auf dem Steg in Marsden zufällig Waldo getroffen haben, den Segelmacher, der im letzten Winter unsere Segel durchgesehen hatte. Er hat gerade etwas Zeit und außerdem sein Calibre-Sails-Loft zu Dockland 5 verlagert, wohin wir wegen unseres Motor-Mechanikers ohnehin wollen. Und da steht ja außerdem auch noch unser Auto.

Kaum dort angekommen, schlagen wir alle Segel ab und bringen sie zu Waldo, der sich gleich ans Werk macht.

Danach beginnt die Operation Fockfall. Unser zuletzt in Hawaii 2022 erneuertes primäres Fockfall ist ja ein Draht-Tau-Fall. Wir konnten uns nicht so richtig erklären, wie es versagt hat. Die am am oberen Beschlag der Rollanlage verbliebene Metallkausch verhieß allerdings nichts Gutes. Mit etwas Mühe können wir das in den Mast gerutschte Fall unten am Mast herausziehen. So präsentiert es sich:

Nicht gut. Da der übrige Draht und auch der Tauwerksbereich aber noch sehr gut aussehen, wollen wir von einem Rigger den Draht kürzen und ein neues Auge pressen lassen.

Wir nehmen unser Auto wieder in Betrieb, es springt auf Anhieb an. Tatsächlich hat das Marina-Personal es einmal im Monat laufen lassen, super. Also ab zum Rigger und der erledigt das auch gleich:

Nur, jetzt muss das Fall ja auch noch wieder durch den Mast gezogen werden. Also zieht mich Wiebke wieder in schwindelnde Masttop-Höhe, ich lasse eine dünne Leine mit einem Angelblei-Gewicht im Mast hinunter und irgendwann können wir sie unten auch tatsächlich heraus fischen. Jetzt das an der dünnen Leine angeknotete Fall nachziehen und juchhe: das primäre Fockfall ist wieder einsatzbereit.

Vorrübergehend Leinensalat, aber das blaue Fockfall ist wieder da, wo es sein soll!

Waldo meldet sich, die Segel sind schon fertig repariert. Klasse, noch vor dem Wochenende. Die Segel schlagen wir heute allerdings nicht mehr an. Es ist Wind aufgekommen und außerdem kommt Motor-Mechaniker Byron auf die Flora: Fehlersuche bezüglich der Lichtmaschine. Nach einigen Messungen vermutet er einen Elektrowurm als Ursache.

Da müssen wir morgen (am Samstag!) noch etwas tiefer einsteigen und bis dahin darf ich im Motorraum schon mal die (auf der Flora etwas zugebaute) Rückseite des Sicherungspanels freilegen.

Passage Fiji nach NZ, Tag 8: Geschafft.

Exakt einen weiterer Segeltag benötigen wir. Um 12.00 Uhr laufen wir in Marsden Cove ein. Dieser letzte Tag hat es noch einmal in sich, bis in die Nacht hinein kräftiger Wind und hohe Wellen. Etwa ab Mitternacht wird es dann aber besser, ruhiger. Gegen 04.00 Uhr schläft der Wind dann entgegen der Vorhersage sogar ein, eine Zeitlang müssen wir motoren.

Der Dienstagmorgen versöhnt uns dann. Frische, klare, kalte Luft, ja, schon Mitte der Passage haben wir auf lange Hosen und nachts auch Pullover gewechselt. Dazu jetzt aber herrlicher Sonnenschein und raumer Segelwind.

Frühstück mit Resteverwertung. Der letzte Salat, das letzte Gemüse, der letzte Rest Salami, Aus den letzten Eiern wird Rührei gemacht. Wobei: Wiebke erfindet quasi das selbstrührende Rührei, denn die Restwellen schaukeln den Pfanneninhalt auf dem halbkardanisch aufgehängten Herd ordentlich durch. Wohlgemerkt, bei ganz guten Bedingungen, wo man wieder kochen mochte und wie man am Hintergrundgeräusch hört sogar unter Motor. (Video anklicken)

Vor der Einfahrt in den Hatea River, der sich hinter Marsden Cove zur Bucht Whangārei Harbour weitet, biegen wir um die von der Felsformation Whangārei Heads gebildete Kap.

Malerisch und auch ein Gänsehaut-Moment. Wir sind wieder da.

Die Passage ist es und wir selbst sind es auch: geschafft!

Flora in der Marsden Cove Marina

Einklariert am anderen Ende der Welt

Das ist eine neue Gefühlsdimension für uns. Erstmals haben wir uns mehr Gedanken über das nachfolgende Einklarieren nach NZ als über die als manchmal durchaus knifflig bekannte Passage hierher gemacht. Und ja, auch die Passage hat uns sehr wohl beschäftigt. Aber alles in allem war sie dann (für uns) weniger problematisch als erwartet, einzig das aus den Erfahrungen der anderen Segler genährte „da könnte noch was kommen“ zehrte etwas an den Nerven. Insbesondere für die von Fiji herunter kommenden Boote, aber auch für einige gar nicht weit von uns entfernte Segler aus Tonga hatte das Wetterfenster ja tatsächlich einige unangenehme Überraschungen parat.

Und das Einklarieren?

Nach einer super ruhigen Nacht am Quarantänesteg der Marsden Cove Marina klingelt der Wecker. Statt im Bett gibt’s den Kaffee diesmal im Cockpit, wer weiß, wann die Offiziellen ankommen.

Das neuseeländische (Papier-)Formular „Masters-Declaration for full Biosecurity Clearance“ haben wir in Tonga beim Bootsausrüster kostenlos in die Hand gedrückt bekommen. Neben diversen anderen Angaben sind auf Seite 3 diverse möglicherweise problematischen Produkte aufgeführt und sollen eingekreist werden, weitere Ergänzungen sind in einer Extraspalte zu machen. Selbst Reis findet sich auf der Liste.

Wir füllen das Formular schon mal aus, es bleiben aber einige Fragen. Müssen wir wohl mit dem Officer klären.

Wiebke sortiert unsere Lebensmittelbestände nochmal komplett durch. Alles, was den Argwohn des MPI hinsichtlich der strengen Biosecurity-Vorschriften erwecken könnte, wird auf dem Salontisch aufgebaut. Die Gewürze der Pantry werden ebenfalls selektiert: gemahlene Gewürze bleiben im Schapp, alles was keimen könnte (Koreandersamen, Fenchelsamen, Nelken, Sesam, Senfkörner etc., selbst Nichtgewürze wie Popcorn-Maiskörner) werden herausgestellt.

Und ich stelle aus den Unterwasser-Videos und Fotos sowie den bereits eingereichten Formularen nochmal einen Präsentationsordner auf dem iPad bereit.

Tatsächlich kommt das MPI zuerst: ein Officer mit an einem Gestänge montierter GoPro und Unterwasserlampe kommt durch das Quarantänetor und direkt zu unserem Boot (insgesamt 11 Boote haben sich hier im Laufe der Nacht eingefunden). Er drückt uns die Masters Declaration in die Hand, aber die haben wir ja schon. Dann verschwindet er nochmal kurz. Inzwischen trifft auch der Zöllner ein. Ich beantworte Cockpit seine Fragen, Wiebke zeigt derweil dem MPI-Officer die (ja vorab elektronisch übermittelten, aber für ein Pre-Approval als nicht ausreichen klassifizierten) Unterwasserfotos auf dem iPad. Das genügt ihm, er hält nicht einmal mehr die GoPro ins Wasser. Kein Emergency-Haul-Out nötig, das sieht doch sehr gut aus. Da fällt uns schon mal ein Stein vom Herzen.

Wiebke und er wenden sich jetzt den Lebensmitteln zu.

Auch das läuft extrem entspannt ab, die ordentliche Vorbereitung findet er offenbar gut. Kein Durchstöbern aller Schapps, kein Anheben der Bodenbretter, nicht mal ein Blick in den Kühlschrank. Zudem wandert weit weniger als befürchtet in den Biosecurity-Abfallsack zur (kostenlosen) Entsorgung, die Gewürze z.B dürfen praktisch alle an Bord bleiben. Bei Dosen wird nur eine Linsensuppe mit Chorizo konfisziert. Und der Popcornmais muss auch weg.

Und auch der freundliche Zöllner hat seinen Fragenkatalog abgearbeitet, gibt mir inzwischen Reisetips für Neuseeland und für unser im nächsten Jahr folgendes Reiseziel Fiji.

Nach einer dreiviertel Stunde sind wir durch. Einklariert. Die gelbe Quarantäneflagge kann runter, die Gastlandsflagge für Neuseeland weht jetzt unter der Steuerbordsaling.

Ein weiterer Stein plumpst vom Herzen. Die müssen in Neuseeland doch echte Steinlager haben …

Haben sie tatsächlich!

Steinlager Bier, gebraut in einem Vorort von Auckland, ist international auch bekannt geworden durch das Whitbread Round the World Segelrennen 1989/90, das der legendäre Peter Blake auf der STEINLAGER II gewann. Zudem in der Folge als einer der Hauptsponsoren bei den erfolgreichen neuseeländischen Kampagnen im America‘s Cup. Der Rumpf der NZL 60, die im Jahr 2000 die „bodenlose Kanne“, diese wohl älteste Segeltrophäe für den Gewinn des America‘s Cup nach Neuseeland holen konnte, steht heute aufgebockt hier am Hafen. Perfekt im Blickfeld vom Grillponton aus.

Geschichten und Geschichte.

Wir chillen, kommen ganz langsam hier in Neuseeland an. Kneifen uns, es fühlt sich so unwirklich an. Entspannt. Stressfrei. So einfach. Mal eben im kleinen Supermarkt am Hafen grünen Spargel kaufen zum Grillen mit dem Fisch, den uns Iain und Brioni von der Indioko (red-seas.com) geschenkt haben.

Ziemlich schwer zu fassen ist auch, jetzt am anderen Ende der Welt angekommen zu sein. Vor gut sechs Jahren sind wir an Gibraltar vorbei aus dem Mittelmeer hinausgesegelt. Würde man hier im Norden Neuseelands ein Loch gerade durch den Erdmittelpunkt bohren, käme man in Gibraltar wieder heraus. Die beiden Orte sind Antipoden, mit gleicher geographischer Breite (nur eben einmal auf der Nord- und einmal auf der Südhalbkugel) und um 180 Grad versetzter geographischer Länge. Und wir sind wirklich hier her gesegelt.

Kneif mich noch mal.

Passage Minerva nach NZ: Tag 6, Ankunft in NZ

Es bleibt durchwachsen. Erstmal segeln wir weiter unter der dicken grauen Wolke von gestern und so geht es auch in die Nacht. Der Wind dreht allerdings, zum Wachwechsel um 22.00 Uhr beschließen wir, den Spibaum zu setzen um vor dem Wind Schmetterling segeln zu können. Das hält dann auch bis zum Morgen durch, wenn auch bei leider abnehmendem Wind. Um 07.00 nehmen wir den Motor dazu. Eine Neuheit für uns, Motorsegeln vor dem Wind, aber nur so können wir eine Ankunft in Marsden Cove bei Tageslicht sicherstellen.

Zwischendurch können wir nochmal eine Zeitlang segeln, dann wird es doch wieder motorsegeln. Immerhin, wir sind inzwischen südlich der grauen Wolkenfront.

Und dann zeichnen sich langsam Umrisse am Horizont ab. Neue Wolken? Auch, aber: Nein. Land in Sicht! NEUSEELAND.

Am Nachmittag laufen wir an den Klippen der Whangārei Heads in den Hãtea River ein. Ein Orca zeigt kurz seine markante Rückenflosse, will sich aber leider nicht fotografieren lassen. Und wir sehen erstmals Austral-Tölpel, nahe Verwandte der für Helgoland so typischen Basstölpel, denen sie auch sehr ähnlich sehen.

Ein kleines Stück geht es flussaufwärts, links Industriekaianlagen, rechts aber wunderschöne Landschaft.

Wir biegen ab in den schmalen Kanal, der zur Marsden Cove Marina führt. Der Hafenmeister weist uns einen Platz im Quarantänebereich zu. Die Abfertigung wird heute nicht mehr erfolgen, MPI und Zoll kommen dann morgen früh an Bord.

Macht überhaupt nichts. Wir sind superglücklich, hier zu sein.

Essen: unterwegs Rührei mit einigem von dem, was das MPI uns morgen sonst wegnehmen würde, z.B. Datteln und Speck. Und heute Abend Nudeln mit Pilz-Sahne-Soße. Wie ein Kessel Buntes eben, passt doch ganz gut zu dieser ziemlich abwechslungsreichen Passage.

Strecke seit gestern 202 sm (in 31 Std), gesamt 761 Seemeilen.