Zwischenstand aus Minerva

Ganz lange bleiben wir nicht das einzige Boot in Minerva, einen Tag nach uns kommt auch die Scout und ankert neben uns. Noch einen Tag spĂ€ter kommen auch Jacqui und Phil mit ihrer Skylark an. Alle hatten wir eine ziemlich unangenehme Passage, mĂŒssen uns erst einmal von der Seekrankheit erholen.

Hier in Minerva gilt es zunĂ€chst, das Schiff wieder in Ordnung zubringen. Die salzwassernasse Fock wird aus dem vorderen Bad wieder an Deck geschafft. Kleine Leckagen an ein paar Fenstern und Luken bei den schweren ĂŒberkommenden Wellen haben zudem fĂŒr reichlich zusĂ€tzliche Arbeit gesorgt. Die Stromversorgung der UKW-Funke habe ich repariert. Wir stellen aber fest, dass Seewasser in den lĂ€ngs durch die Flora fĂŒhrenden Kabelkanal gelangt ist und an verschiedenen Stellen in Schapps und SchrĂ€nke gelaufen ist. Die dadurch nass gewordene Kleidung mĂŒssen wir mit SĂŒĂŸwasser waschen. Kein Problem, sollte man denken, wir haben ja seit Whangarei jetzt wieder eine Waschmaschine an Bord. Stimmt – aber das Trocknen macht Probleme. Dauernd ziehen Squalls durch, bei diesen Regenschauern kann die WĂ€sche nicht draußen am Seezaun hĂ€ngen. Und wenn, dann können die Klammern sie kaum festhalten. Es blĂ€st. Böen bis 32 Knoten waren heute eigentlich angesagt, tatsĂ€chlich hatten wir mehr als 41 Knoten (WindstĂ€rke 9 Beaufort). Und morgen sind bis 37 kn angesagt. Erstaunlicherweise sind die Wellen hier in Minerva dabei noch recht ertrĂ€glich. Besonders wenn man bedenkt, dass (außerhalb des Riffs) knapp 4 m Welle stehen. FĂŒr morgen sind sogar 4,6 m vorhergesagt.

Wie sieht das aus? Jayne und James von der Scout haben mit ihrem Dinghy einen Ausflug an die innere Riffkante gemacht. Vom Riffdach aus gibts bei Niedrigwasser einen etwa kniehohen Wasserfall in die Lagune, draußen ans Außenriff donnern die brechenden Pazifikwellen. Von Bord der Flora zeigt sich das so:

Bei Hochwasser schafft es der Ozeanschwell stark abgeschwĂ€cht ĂŒber das Riffdach. Dann wird es hier am Ankerplatz unruhiger, aber bisher ist es immer noch gut ertrĂ€glich.

Nach dem Peak morgen sollen sich Wind und Wellen dann ab ĂŒbermorgen langsam wieder abschwĂ€chen.

Samstag kann ich dann vielleicht auch in den Mast, um das zum GlĂŒck am Fallenaustritt hĂ€ngengebliebene Fockfall herunterzuholen. In 20 m Höhe schaukelt mir das derzeit zu sehr.

Dann doch lieber erstmal an Bord der Scout mit Jayne und James dessen Geburtstag nachfeiern.

Überhaupt hat man ja von der Scout aus einen besonders schönen Blick auf die Flora, wie auch das von James geschossene Sonnenaufgangsfoto zeigt:

Auf der Horizontlinie ist ĂŒbrigens kein fernes Land zu sehen, sondern eben die Ozeanwellen außerhalb des Riffs.

Passage von Opua nach Minerva, Tag 6

Angekommen, geankert. Durchatmen. Durchschlafen.

Wir sind ein klein wenig zu spÀt, etwa eine Stunde. Den eindrucksvollen Sonnenuntergang fotografieren wir, als Flora noch sieben Meilen vom Pass in das Minerva Nord Riff entfernt ist.

Lasst Euch von den nach Achtern fotografierten Wellen auf diesem Bild nicht tĂ€uschen, auch zu dieser Zeit der Passage rollen mit (un)schöner RegelmĂ€ĂŸigkeit feste Wassermassen ĂŒber unser Deck.

Die kleine VerpĂ€tung bedeutet leider, dass wir die Einfahrt in den Pass bei Dunkelheit machen mĂŒssen. Völlige Dunkelheit, denn zu diesem Zeitpunkt verdecken dicke Wolken den Vollmond.

Wir kennen den Pass aber ja bereits, er ist breit genug und vergleichsweise einfach zu befahren. Wir haben die Tracks unserer letzten Durchfahrten, mĂŒssen also nur auf der Linie unseres Tracks bleiben. Trotzdem ist es aufregend, PĂ€sse sind immer auch ein bisschen unberechenbar. Also nutzen wir das volle Programm elektronischer UnterstĂŒtzung fĂŒr die Nachtansteuerung: auf Wiebkes iPad lĂ€uft Navionics mit unserem alten Track, auf dem Orca (der von Minerva keine Karte hat) das Satellitenbild von Google Maps und natĂŒrlich auf dem Furuno-Plotter die Time-Zero-Seekarte. Alles jeweils mit unserer aktuellen Position darin.

TatsÀchlich haben wir kurzfristig bis zu 3 Knoten Gegenstrom, aber ansonsten kommen wir gut und problemlos in die Lagune.

Der nÀchste skurrile Moment ist dann, den Anker im Stockdunkel auf 13 m Wassertiefe fallen zu lassen, mit hunderten von Meilen offenem Ozean um uns herum.

Der Haken grÀbt sich sofort ein, hÀlt mit 65 m Kette perfekt auch bei den 30er Böen in der Nacht. Und die Bedingungen innerhalb des Riffs erlauben es eben, einfach mal 10 Stunden durchzuschlafen.

Am Morgen dann:

FrĂŒhstĂŒcken im Cockpit, immer noch mit aufgebauter Kuchenbude wegen der permanent durchziehenden Squalls. Anbaden. Duschen. Und das klare Wasser sowie die relative Ruhe bei ziemlich durchgĂ€ngig 25 Kn Wind zu genießen. Wir sind das einzige Boot hier.

Danke an alle fĂŒrs DaumendrĂŒcken, es hat wohl geholfen.

Gesamtstrecke 745 Seemeilen, 5 Tage, 9 Stunden.

Essen: Nix. Fertig in die Koje.

Passage von Minerva nach Neuseeland, Tag 1


Wir segeln, zwar langsam, aber wir segeln und das bei herrlichem Wetter.


Der Wind ist schwach, meist zwischen 7 und 10 Knoten. Immerhin reicht das unter Groß und Code0, um nicht Motoren zu mĂŒssen, zumal die See auch angenehm ruhig ist. Allerdings haben wir eine Gegenströmung von jetzt noch 0,7 kn, zwischendurch war es mehr als ein Knoten. Das macht sich natĂŒrlich im VerhĂ€ltnis zu der langsamen Fahrt besonders bemerkbar. Also zupfen wir ein bisschen mehr als sonst auf Passage ĂŒblich an den Schoten, so legen wir in den ersten 24 Stunden dann doch immerhin 95 Seemeilen zurĂŒck.

Der Strömung können wir ĂŒbrigens kaum ausweichen, die Darstellung der StrömungsverhĂ€ltnisse (auf Windy.com) gleicht eher einer surrealistischen Malerei und die kleinen Kringel verĂ€ndern sich stĂ€ndig:

Anders als ursprĂŒnglich geplant werden wir aber wohl nicht nach Opua (Bay of Islands) gehen, sondern direkt nach Marsden Cove / Whangarei. Der Grund ist, dass wir bisher trotz dreimaliger Übermittlung von Unterwasservideos und ergĂ€nzenden Unterwasserfotos kein Pre-Approval von der Biosecurity haben. So, wie die neuen Regeln zumindest am Anfang dieser Ankunftssaison angewendet wurden, wĂ€re das etwa ein 1/3 Risiko dafĂŒr, im Ankunftshafen sofort aus dem Wasser gekrant werden zu mĂŒssen. In Opua wĂŒrde das bedeuten, dass wir auch noch einen Rigger bezahlen mĂŒssten um das Vorstag abzubauen, weil sie dort ansonsten nur bis 40 Fuß rausnehmen können. Oder rĂŒckwĂ€rts, aber dann wĂ€re unser Windgenerator im Weg. Um diese zusĂ€tzliche Komplikation zu vermeiden haben wir uns lieber fĂŒr Marsden Cove/Whangarei als Ankunftsort in Neuseeland entschieden.

Die Planung fĂŒr die Passage ist auch so schon komplex genug. Es sind nur rund 850 Seemeilen von Minerva bis nach Whangarei, aber die Wettersysteme verĂ€ndern sich in diesem Bereich sehr schnell. Der Wendekreis des Steinbocks (also der sĂŒdlichste Breitengrad, auf dem die Sonne mittags im Zenit stehen kann) verlĂ€uft in etwa in Höhe des Minerva Riffs. Mit der Passage verlassen wir also jetzt definitiv die relativ klimastabilen Tropen. Die Temperaturschwankungen (auch zwischen Tag und Nacht) nehmen spĂŒrbar zu und die weit sĂŒdlich durchziehenden Sturmgebiete beeinflussen mit ihren AuslĂ€ufern die WindverhĂ€ltnisse um so krĂ€ftiger, je weiter wir nach SĂŒden kommen.

Aktuell sieht der Wind zwischen unserer Position (weißer Punkt in dem grĂŒnblauen Schwachwindbereich) und Neuseeland so aus:

AuffĂ€llig ist dabei der schmale blaue „Flautenfluss“ links in der Mitte des Bildes. Nördlich davon herrscht Nordwestwind, sĂŒdlich davon SĂŒdostwind. Schaut man auf die Böen, wird vor dem Nordkap Neuseelands ein Bereich mit bis zu 45 Knoten (WindstĂ€rke 9) ausgewiesen. Er zieht nach Osten ab, quert also unsere Route.

Die Abfahrt haben wir deshalb so geplant, dass dieser Bereich vor uns durch sein sollte und das nĂ€chste Starkwindgebiet erst nach unserer Ankunft unsere Route quert. Der Kurs dafĂŒr ist nicht die gerade Strecke. Wir halten zunĂ€chst sĂŒdlicher und schwenken dann erst auf Whangarei ein.

Kleiner Haken: auch der angesprochene Flautenfluss an der Grenze zweier gegenlĂ€ufiger Wettersysteme verlagert sich östlich und da mĂŒssen wir durch. Es kann also sein, dass wir im Verlauf der Passage noch etwas motoren mĂŒssen. Dabei gilt es dann auch die Gewitter zu umfahren, die dieses PhĂ€nomen mit sich bringt.

Wenn die Vorhersage stimmt, können wir zwischen zwei stĂ€rkeren Zellen hindurch schlĂŒpfen.

Und als weiterer bedeutsamer Parameter sind noch die Wellen zu berĂŒcksichtigen. auch hierfĂŒr bieten sowohl Windy als auch PredictWind Vorhersagemodelle fĂŒr Richtung und Höhe an. Danach sind in der Spitze etwa 2,6 m Welle zu erwarten. Das ist fĂŒr sich genommen ok, allerdings kann das Wellenbild wegen der gegenlĂ€ufigen Systeme durchaus chaotisch werden. Unangenehm, aber bei dieser Höhe nicht gefĂ€hrlich.

Soweit unsere Überlegungen. Dass wir damit nicht ganz falsch liegen, scheinen die professionellen Wetterrouter einiger anderer Boote zu bestĂ€tigen. Nach zuvor eher ablehnender Haltung haben sie gestern doch kurzfristig zum Aufbruch von Minerva geraten. Wir sind also mit einem kleinen Konvoi losgefahren.

Auf See verteilt sich das aber schnell. Inzwischen sehen wir nur noch zwei Boote in 12 Seemeilen Entfernung auf dem AIS, ihre Segel können wir am Horizont aber schon nicht mehr erkennen.

Na gut. So viel zu unserem Plan. Vermutlich am vierten November wĂŒrden wir dann in Marsden Cove ankommen.

Bisher ĂŒbrigens kein AngelglĂŒck.

Essen: Bratkartoffeln mit Frikadellen und Möhren-Krautsalat.

TschĂŒss Minerva.

Die Gemeinschaft der Langfahrtsegler ist flĂŒchtig, wird immer wieder neu zusammengewĂŒrfelt. Aber zugleich ist sie wunderbar intensiv, auch und gerade an so abgelegenen Orten wie dem Minerva Riff. Ein Boot hat zu kleine SĂŒĂŸwasservorrĂ€te? Ein anderes mit Wassermacher hilft aus. Tauchflaschen werden gefĂŒllt. Man hilft sich mit Ersatzteilen. Auf der tĂŒrkischen Hallberg-Rassy 49 Deriska ist der Wassermacher ausgefallen. ZufĂ€llig haben wir den benötigten Kondensator mit 2 Mikrofarad an Bord, jetzt lĂ€uft er wieder. Selbst LebensmittelvorrĂ€te werden aneinander abgegeben, vieles muss jetzt vor der Einfuhr nach Neuseeland weg.

Aber wo treffen wir uns, wenn es doch in Minerva keine Bar und keinen Palmenstrand gibt? Nicki und Mike von der Zen Again organisieren ein Dinghy Raft-Up an ihrem Boot. Auch so geht Socialising unter Seglern:

Es ist super entspannt. Und doch, ein Thema zieht sich wie ein roter Faden durch alle GesprĂ€che: das Wetterfenster fĂŒr die Weiterfahrt nach Neuseeland. Die rund 850 Seemeilen lange Strecke fĂŒhrt durch ein Gebiet mit schnell ziehenden intensiven Wettersystemen und spannenden Wellenbedingungen, es gibt also reichlich Diskussionsstoff. Uneinig sind selbst die „WetterpĂ€pste“ bzw. Router, die viele der Crews zu Rate ziehen.

Aber es hilft ja nix. Wiebke und ich haben fĂŒr die Flora ein passendes Wetterfenster ausgemacht, nachdem sich die verschiedenen Modelle auf PredictWind endlich deutlich aneinander angenĂ€hert haben. Mittwoch morgen geht es los.

Ein letztes Mal wird noch mit der Tauchflasche das CopperCoat des Unterwasserschiffs geputzt. Ralf von der Barbarella fĂŒllt sie mir wieder auf und gemeinsam machen wir auch noch einen Tauchgang am Blue Hole des Außenriffs von Minerva. Leider streikt meine Kamera, die Bilder hat Ralf (Barbarella) gemacht, dafĂŒr bin ich dann auch mal auf den Tauchfotos. Faszierend an diesem Tauchgang sind vor allem die FĂ€cherkorallen an der Steilwand und die unglaubliche Vielzahl von gesunden, bunten Korallen auf dem Riff, außerdem natĂŒrlich das Blue Hole. Klasse.

Die Wetterlage scheint sich ein bisschen zu festigen. Sehr ruhiges Wetter zum Abschied und wenig Wind fĂŒr den Beginn der Passage, dann aber zunehmend.

Der letzte Abend im Minerva Riff beschert uns einen herrlichen Sonnenuntergang, und am Morgen des Aufbruchs zeigt sich Minerva noch einmal von seiner besten Seite als Ruhepol im Pazifik.

Minerva. Innehalten im Auge des Ozeans. Was fĂŒr ein Geschenk!

Dankbarkeit. Ehrfurcht. GlĂŒckseligkeit. Schwer in Worte zu fassen, was die ruhigen Tage hier im Minerva Riff uns so fĂŒhlen lassen.

Wir sind wie aus der Zeit gefallen, oder mehr noch: wie aus dem Raum, aus unserer an besonderen Orten ja schon nicht eben armen Welt. Hinein in diese Blase eines ganz eigenen Mikrokosmos.

Als stets prĂ€sentes HintergrundgerĂ€usch rauscht leise die Brandung auf dem Riff, sonst ist es einfach still. Der Wind hat deutlich abgeflaut. Keine Vögel, kein ZivilisationslĂ€rm, Allenfalls fĂ€hrt ab und zu ein Dinghy vorbei oder eine befreundete Crew kommt auf einen Schnack herĂŒber.

Denn ja, wir sind natĂŒrlich nicht alleine hier. Es ist Hauptsaison fĂŒr den Schwarm der seglerischen Zugvögel nach Neuseeland. Das schmĂ€lert aber keineswegs das GefĂŒhl, an einem einmaligen Ort sein zu dĂŒrfen. Eher im Gegenteil, diesen besonderen Ort gemeinsam mit Freunden erleben zu dĂŒrfen fĂŒhlt sich eher noch intensiver an, ein bisschen „wirklicher“.

Alle scheinen die „Pause“ bei wirklich idealen Bedingen hier auf Minerva zu genießen, ein Wetterfenster fĂŒr die Weiterfahrt nach Neuseeland zeichnet sich nicht vor Mittwoch ab.

Mit Ralf und David von der Barbarella fahren Wiebke und ich zum Schnorcheln an den Pass. SpektalĂ€re Drop-Offs machen deutlich, wie steil das Minerva-Riff aus der Tiefe des Pazifiks emporsteigt. Einmal mehr Ă€ndert sich die Fischwelt ein wenig, so sehen wir erstmals die weiß-gelb-schwarzen Diamant-Falterfische.

Am Nachmittag fahre ich dann mit Ralf, David, Phil und Jean-Luc hinĂŒber ans Riff. Das Riffdach ist rund um Minerva ziemlich breit und bei Ebbe ĂŒberwiegend gut begehbar. Es bietet gute Chancen, Lobster zu fangen, dieses Mal ist allerdings nur Jean-Luc erfolgreich, Phil fĂ€ngt ein eiertragendes Weibchen, das er gleich wieder frei lĂ€sst (einer der GrĂŒnde, warum wir nicht mit Harpunen auf Lobsterfang gehen).

Abends dann Potluck auf der französischen Inajeen bei Soize und Ben gemeinsam mit den Crews der Naida, der Clair de GouĂȘt und der Skylark.

Heute gibt’s dann fĂŒr Wiebke und mich Sonntags-Schnorcheln vom Feinsten. Nahe bei unserem Ankerplatz liegen im Flachwasser die Überreste des kleinen Stahlfrachters Commonderry der hier im Jahr 1969 und damit 83 Jahre nach seinem Stapellauf verunglĂŒckte. Wer sich fĂŒr die wirklich ereignisreiche Geschichte der Commonderry interessiert, findet hier nĂ€here Angaben.

Bug und Heck des auseinander gebrochenen Rumpfes liegen ein ganzes StĂŒck voneinander entfernt. Bei unserem ersten Besuch finden wir nur den Bug, einige Metallteile davon ragen auch bei Hochwasser an die OberflĂ€che.

Spannend, dass nach so vielen Jahren doch noch Details der Schiffstechnik auf dem Vorschiff erkennbar sind, obwohl sich eben auch farbenfrohe Korallen angesiedelt haben.

Das kleine Wrackteil des Schiffsbugs beherbergt eher wenige Fische. Ganz anders ist das bei den anderen Überbleibseln der Commonderry, die wir am Nachmittag bei etwas niedrigerem Wasserstand nĂ€her am Riffdach ausfindig machen.

Vor allem SchwĂ€rme von Gelbstreifen-Meerbarben und auch viele große Harlekin-SĂŒĂŸlippen mit ihren auffĂ€lligen schwarz-weißen Punktmustern halten sich mit unzĂ€hligen anderen Meeresbewohnern im und am Wrack auf. Und sie sind wenig scheu, das macht diesen Schnorchelgang im sonnendurchfluteten, glasklaren und damit farbenfrohen Flachwasser regelrecht magisch fĂŒr uns.

Das passt sich wunderbar ein in unsere Minerva-Stimmung.

Angekommen im Minerva-Riff. Irgendwo im Nirgendwo.

Es ist fast unwirklich. Wie eine maritime Fata Morgana in der WasserwĂŒste tauchen sie auf. Masten, die still stehen, obwohl doch um sie herum der Pazifische Ozean braust. Und ja, er braust noch, obwohl der Wind zuletzt etwas nachgelassen hat. Trotzdem, die zu den Masten gehörenden Segelboote liegen ruhig da, als ihre RĂŒmpfe beim NĂ€herkommen langsam sichtbar werden. Das ist es. Minerva, wir haben Dich erreicht.

Was fĂŒr ein Ritt. Nach nur knapp ĂŒber 48 Stunden liegen die 328 Seemeilen von der Ha’apai-Gruppe aus hinter uns, wir laufen durch den Pass ins Minerva-Riff ein.

Der Anker fĂ€llt irgendwo im Nirgendwo, ein paar hundert Meilen sĂŒdlich von den Inselwelten in Tonga und Fiji, tausend Seemeilen nördlich von Neuseeland, mitten im tiefblauen SĂŒdpazifik. Aber er fĂ€llt eben nur 13 m tief, grĂ€bt sich sofort in den Sandgrund der Lagune. Das lĂ€sst sich vom Bug der Flora wunderbar verfolgen, denn das Wasser ist kristallklar. Kein BĂ€chlein trĂ€gt hier bei Regen Sedimente ein, weit und breit ist kein Land in Sicht.

Ein Atoll ohne Insel. Nur ein fast kreisrundes, perfektes Ringriff mit einem einzelnen Pass umfasst die Lagune.

Es wirkt als hĂ€tte die Natur hier einen Rastplatz fĂŒr die Segler eingerichtet, die jetzt im Oktober aus dem ZyklongĂŒrtel der SĂŒdhalbkugel-Tropen heraus nach SĂŒden gen Neuseeland ziehen und im April oder Mai wieder nach Norden Richtung Fiji oder Tonga segeln. Wir sind jedenfalls sehr froh ĂŒber die Möglichkeit, nochmal inne zu halten und auszuschlafen. Dazu kommt, dass das Wetterfenster fĂŒr die weitere Passage jetzt „nur“ eine Woche und nicht mehr 10 Tage umfassen muss. Die Vorhersagen werden deutlich prĂ€ziser, je kĂŒrzer der Zeitraum ist. Bei den hier schnell wechselnden Wettersystemen ist das um so wichtiger.

Und es ist natĂŒrlich auch einfach faszinierend, mitten auf dem Ozean zu ankern.

Übrigens sind die Minerva-Riffe vielleicht kurz davor, Inseln zu werden. Langsam streben sie aus dem Meer empor, in den letzten 100 Jahren hat sich ihre Struktur um gut einen Meter angehoben. Wenn nicht ein ansteigender Meeresspiegel dagegen arbeitet, werden sich irgendwann die ersten Motus auf dem Riff bilden. Noch aber ĂŒberspĂŒlt das Wasser zumindest bei Flut praktisch das ganz Riff, bei Niedrigwasser dagegen kann inzwischen (mit feuchten FĂŒĂŸen) auf dem breiten Riffdach spaziert werden.

Abgesehen von der bei Seegang an das Riff tosenden Brandung sind die Minerva-Riffe aber noch immer schwer auszumachen. Immerhin sind sie in den Seekarten korrekt verzeichnet und in Zeiten der GPS-Navigation somit vergleichsweise einfach anzulaufen oder zu umschiffen. Aber das war eben nicht immer so, die Reste mehrerer Wracks finden sich auf den Riffen. Selbst regelmĂ€ĂŸige Lotungen helfen nicht, ohne Vorwarnung steigen die WĂ€nde des Riffs steil aus der blauen Tiefe, in denen das klassische Lot noch keinen Grund findet. Und so geht auch der Name auf einen Schiffbruch zurĂŒck: 1829 strandete der WalfĂ€nger Minerva auf dem sĂŒdlichen Minerva-Riff, die Besatzung konnte sich in einem völlig ĂŒberladenen Walboot auf eine Insel der Lau-Gruppe im entfernten Fiji retten.

Ein kleines Video von Flora im Minerva-Riff:

Den Schaden an unserem Frischwassersystem können wir zum GlĂŒck auch beheben. Eine Dichtung am Boiler war verrutscht. Bei ruhigerem Wasser ein Easy-Fix.

Passage von Ha‘apai nach Minerva, Tag 1: Schönes und Unschönes

Wir sind nicht die einzigen, die das Wetter fĂŒr den Sprung nach Minerva nutzen wollen. Die Katamarane Pisces und Inajeen und die Monos Naida und Claire de GouĂȘt sind kurz vor uns aufgebrochen, ihre AIS-Signale weisen uns quasi den Weg. Dazu kommt noch die Scout, die am Vortag schon mal 20 Meilen hinaus an eine vorgelagerte Insel verholt hat und ebenfalls etwas frĂŒher aufgebrochen ist, sie können wir zuerst nur auf dem „Over the Horizon“-AIS auf PredictWind sehen. Aber dort bewegt sich eben dieser Pulk von (mit uns) 6 Schiffen auf Ă€hnlichem Kurs Richtung Minerva. Die anderen Segel sehen wir allerdings nur am Anfang, denn ein kleines bisschen unterscheiden sich die Kurse doch. Wir halten zunĂ€chst mehr nach West. Zum einen, um uns weniger zwischen den Flachs und Inselchen hindurchschlĂ€ngeln zu mĂŒssen, zum anderen aber auch, um einen Bogen um die beiden aktiven Unterwasservulkane zu machen, die auf dem direkteren Weg liegen. So kommt es, dass wir schon ab Mittag kein anderes Boot mehr zu Gesicht bekommen.

Es ist schönes und recht flottes Segeln. Wir wechseln mehrmals zwischen Schmetterling (ausgebaumte Fock auf der einen Seite, mit Bullenstander gesichertes Groß auf der anderen Seite) und Raumschotskurs mit beiden Segeln auf Steuerbord hin und her. Das funktioniert wunderbar einfach, weil der Spibaum fest gesetzt bleibt. Wir holen nur entweder die durch die Baumnock gefĂŒhrte Spischot an Backbord oder eben die normale Fockschot an Steuerbord dicht.

FĂŒr die rabenschwarze Neumond-Nacht kommt ein Reff ins Groß. Trotzdem legen wir in den ersten 24 Stunden 166 Seemeilen zurĂŒck, das ist mehr als ordentlich fĂŒr diesen Kurs.

Leider gibt es allerdings auch AusfÀlle.

Als wir den Wasserhahn in der KĂŒche benutzen wollen, sprotzt der Wasserstrahl. Die Fehlersuche ergibt ein Leck am Warmwasserboiler im Motorraum. Blöd, der ist nĂ€mlich nur erreichbar, wenn ich mich lang ĂŒber den Motor und Generator lege, bei dem herrschenden Seegang keine verlockende Option. Frischwasser gibt es also zumindest bis Minerva erstmal nur aus Flaschen, davon sind aber genĂŒgend an Bord.

Der zweite Schaden fĂ€llt uns dann heute FrĂŒh auf. Beim Routinegang ĂŒber Deck sehe ich einen etwa 20 cm langen Riss im Unterliek des Rollgroßsegels, durch die LieksverstĂ€rkung hindurch und dann fast parallel zum Unterliek. Die ĂŒber 40.000 Seemeilen der vergangenen 6 Jahre fordern wohl ihren Tribut.

Wenn wir noch vor der angekĂŒndigten Flautenphase in Minerva ankommen wollen, können wir aber auf das Großsegel nicht verzichten. Es bleibt uns nichts anderes ĂŒbrig, als das Unterliek (eher schlecht als recht) provisorisch mit Segelpatches zu flicken.

FachmÀnnisch und schön geht anders, aber das sollte hoffentlich das weitere Ausbreiten des Risses verhindern.

Und so segeln wir recht entspannt weiter.

Essen: Asiatische Nudelpfanne mit gebratener Ananas.

Tonga: ausklariert und auf nach Minerva

Fast zwei Monate sind wir schon in Tonga. Offizieller Beginn der Zyklonsaison im SĂŒdpazifik ist der erste November, es wird also langsam Zeit, uns auf den Weg Richtung Neuseeland zu machen.

Ein Wunschziel liegt auf dem Weg: Minerva. Ein fast unwirklich erscheinender Ankerplatz mitten im offenen Ozean. Keine Insel, nur ein Unterwasser-Riff im ringsherum buchstĂ€blich tausende Meter tiefen Pazifik. Kein Land in Sicht fĂŒr Hunderte von Seemeilen. Das Minerva-Riff ist ein Atoll, nur eben knapp unter dem Meeresspiegel. Irgendwo im Nirgendwo zwischen Tonga, Fiji und Neuseeland. Auf der Navionics-Seekarte und auf Google Earth sieht das so aus:

Da wollen wir hin!

Formal gehören die beiden Riffe Minerva Nord und Minerva SĂŒd zu Tonga und weiten damit Tongas Fischereirechte weit nach SĂŒden aus, darĂŒber gab es frĂŒher durchaus auch schon Streit mit Fiji.

Ausklarieren mĂŒssen wir trotzdem vorher. Und so fĂŒhrt uns unser Weg erst einmal wieder zurĂŒck ins Örtchen Pangai und dort zunĂ€chst zum “Ministry of Infrastructure”. Ganz leicht zu finden ist es nicht, denn das große weiße Schild wĂŒrde zwar eigentlich das Ministeriumslogo und seine Bezeichnung tragen, nur ist es von der tropischen Sonne komplett ausgeblichen.

Aber es ist die auf Noforeignland angegebene Position, also klopfen wir und – siehe da – werden freundlich im Ministerium begrĂŒĂŸt. Aus der Tonnage unseres Bootes wird die zu entrichtende GebĂŒhr von 9,80 TOP ermittelt, etwa 3,50 €.

Mit der Quittung laufen wir dann durch den Ort zum ZollbĂŒro, wo wir ohne weitere GebĂŒhr ausklarieren können. Auch hier ist das Hinweisschild ausgeblichen, aber von der Seite ist die ehemalige Aufschrift immerhin noch zu erahnen.

ZurĂŒck auf der Flora machen wir unser Boot klar fĂŒr die Passage. Der Außenbordmotor wandert auf den Heckkorb, das Dinghy wird in den Davits mit “Bellybands” zusĂ€tzlich gesichert. Drinnen wird alles seefest verstaut, Flora ein letztes Mal gecheckt und dann kann es los gehen. Jetzt, unmittelbar vor der Abfahrt, können wir auch die nĂ€chsten Onlineformulare nach Neuseeland schicken. Das “ANA” (Advanced Notice of Arrival) mit diversen Anlagen und dann fĂŒr jeden von uns jeweils eine “Traveller Declaration”. Also auch fĂŒr das ĂŒbernĂ€chste Ziel geht es voran.

Wir lichten den Anker morgens am 7:30 bei leichtem Nieselregen und aufgebauter Kuchenbude, weil der achterliche Wind den Regen von hinten ins Cockpit drĂŒckt.

Inzwischen aber scheint die Sonne, mit ausgebaumtem Vorsegel rauschen wir an den Ă€ußeren Inselchen der Ha’apai-Gruppe vorbei unserem Ziel entgegen. Etwa zweieinhalb Tage sollten wir bis Minerva unterwegs sein.

Tonga: Ha‘apai und weitere Vorbereitung auf Neuseeland

Das Einchecken in die Ha‘apai-Gruppe erledigen wir im Hauptort Pangai auf der Insel Lifuka. Noch ein kurzer Spaziergang durch den etwas gesichtslosen Ort: mehrere kleine chinesische LebensmittellĂ€den, ein Markt, auf dem allerdings kaum etwas angeboten wird, die fĂŒr Tonga so typischen freilaufenden Schweine, eine verfallende Hafenmole.

Es sind fĂŒr uns nicht so sehr die Ortschaften, die Tongas Charme ausmachen. Also holen wir nach den FormalitĂ€ten und dem Spaziergang gleich wieder den Anker auf. Nur eine Insel weiter geht’s, nach Uolefa, quasi einen Steinwurf entfernt und doch auch gleich in eine andere (GefĂŒhls-)Welt.

Palmen erheben sich ĂŒber einen ewig langen Sandstrand, an den Seiten sĂ€umen zwei Riffe die Bucht. Sie bieten zusĂ€tzlichen Schutz vor dem hier scheinbar dauernd prĂ€senten Pazifik-Schwell, der immer einen Weg um die Inseln herum zu finden scheint. Und sie laden mit vielfĂ€ltiger Korallenwelt zum Schnorcheln ein. Ganz besonders gefallen uns die Harlekin-Feilenfische mit ihren orangenen Flecken auf blauem Grund, die wir hier erstmals sehen.

Schnorcheln kann aber andererseits durchaus Arbeit sein. Wir kratzen weiter an Floras Unterwasserschiff herum, insbesondere auch die Nischen sollen frei von Bewuchs und Pocken sein. Das ist zum Beispiel an den BorddurchlĂ€ssen und am Ruder sowie dessen BeschlĂ€gen nicht ganz einfach. Mit allen möglichen improvisierten Werkzeugen versuchen wir die Ritzen und Spalten zu reinigen. Und es fĂ€llt leider auf, dass unser CopperCoat-Antifouling in den ĂŒber 6 Jahren und ĂŒber 40.000 Seemeilen doch gelitten hat. Wenn man genau hinschaut kann man allerdings auf dem Bild vom letzten echten Anschliff (vor 4 Jahren in den USA) schon ein paar Macken und Unebenheiten erkennen. Angeschliffen sieht man ĂŒbrigens die Kupferfarbe, die im Salzwasser dann zum grĂŒnen Kupferoxid wird. Na gut, die Überarbeitung ist jetzt umso dringender fĂ€llig und steht in Neuseeland an.

Wir beantworten den Fragebogens des neuseelĂ€ndischen MPI-Ministeriums (dem auch fĂŒr Biosecurity zustĂ€ndigen Ministry for Primary Industries) mit Fragen wie z.B.:

  • When were the internal pipework/strainers last treated or cleaned? (Please provide a date or indicate if never treated).

FĂŒr die Fragen zur Reinigung des Unterwasserschiffes fordert uns das MPI auf, „Evidence of the last hull cleaning“ auf einen vom MPI bereitgestellten Share-file-Link hochzuladen. Wir senden aktuelle Videos vom jetzt sauberen Unterwasserschiff, dabei fallen uns die Macken aber natĂŒrlich besonders unangenehm auf.

Überhaupt nimmt uns die Vorbereitung fĂŒr die Passage zum Minerva-Riff und weiter nach Neuseeland doch ein bisschen mit. Wir vergleichen die Wettermodelle mehr als ohnehin ĂŒblich, versuchen herauszufinden, ob und eventuell fĂŒr wie lange ein Stop auf Minerva möglich und empfehlenswert wĂ€re. Windy und das Departure-Planning-Tool auf PredictWind laufen heiß. Die Wettersituation ist nicht ganz einfach und die Auswahl des möglichen Abfahrtstermins bereitet uns (wie den meisten anderen Seglern hier) durchaus Kopfzerbrechen.

Schöner Ausgleich: Wingfoilen. Vielleicht sind ja die dabei anfallenden NasenspĂŒlungen verantwortlich, aber jedenfalls wird der Kopf wieder frei.

😊

Tonga: Passage von Vava‘u nach Ha‘apai

Innerhalb von Tonga segeln wir eine Inselgruppe weiter nach SĂŒden. Wir erledigen den erforderlichen Inter-Island-Checkout bei Zoll und Hafenbehörde in Neiafu und verholen uns fĂŒr die Nacht wieder an Ankerplatz #7. Den können wir am nĂ€chsten Morgen unproblematisch noch vor Sonnenaufgang verlassen, um uns auf den Weg zur 70 Seemeilen entfernten Ha‘apai-Gruppe zu machen und dort sicher noch bei Tageslicht anzukommen.

Als wir den Schutz der Vava‘u-Gruppe hinter uns lassen, beginnt der Rock’n’Roll.

Wir werfen mal wieder die Angelleinen aus und haben tatsĂ€chlich auch einen Biss, aber es ist leider ein Barrakuda. Der darf zurĂŒck in den Pazifik, nachdem ich ihm den Haken aus dem Maul mit seinen beeindruckend spitzen langen ZĂ€hnen herausoperiert habe. Aber es ist eine in jeder Hinsicht spritzige Passage, wir sind schneller als erwartet nach gut 9 Stunden bereits in Ha‘apai.

Zur BegrĂŒĂŸung springen mehrere Buckelwale, schießen (in einiger Entfernung) hoch aus dem Wasser, drehen sich in der Luft und platschen auf der Seite zurĂŒck ins Wasser. Ein tolles Spektakel.

Den idyllischen und ruhigen Ankerplatz zwischen den Riffen vor der nördlichen Insel Ha‘ano haben wir ganz fĂŒr uns allein. Mit Blick auf das pilzförmige Inselchen, hinter dem sich am Ufer Sandstrand und schroffe FelskĂŒste abwechseln. Die Wale sehen wir leider nicht mehr, können sie im Schiff aber immerhin noch hören.