Passage Samoa nach Tonga, Tag 1

Es ist noch dunkel, als wir aufstehen. Um 6:30 lösen wir das Spinnennetz der Leinen, mit denen Flora so lange hier in Apia vertĂ€ut war. Das Ablegemanöver klappt gut, obwohl unsere Motorschaltung immer noch hakt. Über Standgas hinaus können wir nur entweder vorwĂ€rts oder rĂŒckwĂ€rts gehen, das Umschalten dazwischen funktioniert nur mit einem Griff in die SteuersĂ€ule hinein (wofĂŒr ein Instrumentenpanel losgeschraubt sein muss). Eine neue Schaltmechanik haben wir aus Deutschland mitgebracht, aber noch nicht installiert, weil sich die alte nicht so recht lösen will. Da möchten wir zur Sicherheit jedenfalls eine Werft in der NĂ€he haben fĂŒr den Fall, das wir das Ganze bei einem Reparaturversuch verschlimmbessern.

Von der Windrichtung her passt das Wetterfenster, allerdings sind durchaus starke Böen angesagt. Ähnlich sieht es bei den Wellen aus. Die Richtung stimmt, aber bei gut 2,5 m Höhe und nur 8 Sekunden Frequenz.

Und so kommt es auch. Wir sind schnell unterwegs, aber so richtig angenehm sind die Bedingungen nicht. Zweimal erwischen uns Schauerböen bis 38 kn (8 Bft), aber Flora schlÀgt sich gut.

Bei dem Geschaukel liegen wir fast nur herum und schlafen viel.

Etmal in den ersten 24 Stunden unter gnÀdiger Hilfe der mitsetzenden Strömung 190 sm.

Essen: vorgekochter Linsen-Chorizo-Eintopf.

ZurĂŒck in Apia, Samoa

Der Monat „Heimaturlaub“ ist so schnell vergangen, der RĂŒckflug nach Apia steht an. Am allerletzten Tag kommt noch der Glaser und wechselt das obere Fenster im Bad aus. Die innere Scheibe der Dreifachverglasung war ohne Ă€ußere Einwirkung einfach gesprungen. Handwerker alten Schlages mit nettem Humor und mit einer klassischen Werkzeugkiste, wie ich sie schon lange nicht mehr gesehen habe.

Sehr schön, ist das zum Abschluss auch noch erledigt.

Am nĂ€chsten Morgen bringt uns Jan zum Flughafen, wir steigen ins erste von vier Flugzeugen auf dieser RĂŒckreise zur Flora.

eher: TschĂŒss

Immerhin: auf dem mit etwa 12 Stunden Flug lĂ€ngsten TeilstĂŒck von Frankfurt nach Singapur haben wir richtig viel Beinfreiheit:

Sechs Stunden Aufenthalt in Singapur, wir nutzen die Zeit, um ein Juwel zu besuchen. Direkt am, eigentlich fast im Changi Airport, liegt nĂ€mlich zwischen den Terminals 1-3 das „Jewel“. Etwa 22.000 qm groß, erinnert das runde, in Fassade und Dach von ĂŒber 9.000 GlasstĂŒcken eingefasste GebĂ€ude tatsĂ€chlich an ein in Facetten geschliffenes Juwel. 💎

Auf fĂŒnf Ebenen bietet es Shopping und Food-Plazas, vor allem aber beinhaltet es in seiner Mitte einen großen Park rund um den weltgrĂ¶ĂŸten Indoor-Wasserfall, der vom Dach aus rund 40 m in die Tiefe stĂŒrzt. Selbst die den Park durchquerende Flughafenbahn wirkt da klein. Und manche GĂ€ste machen vor der Kulisse des Wasserfalls ziemlich imposante DehnĂŒbungen zwischen den FlĂŒgen 


FĂŒr uns geht’s danach in einem 10stĂŒndigen Flug weiter nach Fiji. Nochmal ein paar Stunden Aufenthalt. Wie schon in Singapur 🇾🇬 grĂŒĂŸt auch in Fiji đŸ‡«đŸ‡Ż am Flughafen ein Schild mit unserem Nachnamen darauf 


😜

Endlich in Apia angekommen, haben wir bei der Einreise nach Samoa noch ein EinzelgesprĂ€ch mit dem Zoll gewonnen. Das AufgabegepĂ€ck wird nĂ€mlich bei der Einreise noch einmal durchleuchtet. Ist das eine NĂ€hmaschine da in ihrem GepĂ€ck? Bitte machen sie das doch mal auf. Und was ist das da? Kondensatoren fĂŒr unseren Generator. Und das? Ersatzteile fĂŒr unser WC.

Wir werden aufgeklĂ€rt, dass wir das eine Woche vorher beim Zoll hĂ€tten anmelden mĂŒssen. WĂ€re fĂŒr Yachten in Transit zollfrei, nur eine GebĂŒhr von 20 Tala (etwa 6,50 €) fĂŒr die Bearbeitung wĂŒrde anfallen.

Samoanisch freundlich: Sollen wir doch bitte beim nÀchsten Mal beachten. Das versprechen wir. Und gut ist.

Mit dem Taxi geht’s zur Marina und nach 43 Stunden Reise um die halbe Welt sind wir zurĂŒck auf der Flora. Besonders schön ist, dass die Gesundheit auf der RĂŒckreise keine Zicken mehr gemacht hat.

Tja, und jetzt?

IrgendwofĂŒr haben wir die ganzen Ersatzteile ja mitgeschleppt. Beide WCs funktionieren inzwischen wieder, der Heißwasserboiler auch. Dort war ĂŒbrigens nicht wie vermutet der Heizstab der ÜbeltĂ€ter, lediglich das Termostat musste ich tauschen. Und auch die neue Wasserpumpe im Generator ist eingebaut. Sieht goldig aus, ist aber trotz ihres Preises nur Messing.

Blut und Schweiß und Fluchen waren involviert, es ist also eine echte Bootsarbeit. So muss das wohl.

Angekommen und glĂŒcklich.

ZurĂŒck nach Hamburg und eine schmerzhafte Ăœberraschung

Vom Flughafen Nadi auf Fiji fĂŒhrt der nĂ€chste Abschnitt unseres Heimflugs nach Singapur. Ein 10stĂŒndiger Flug, zwischen Australien und Papua Neuguinea hindurch und ĂŒber Indonesien durch die Nacht, mit ein paar Filmen und auch viel Schlaf.

Dann gut vier Stunden Aufenthalt auf dem riesigen Flughafen von Singapur. FĂŒr mich ist das alles neu, ich war noch nie in Ostasien. Aber fĂŒr Wiebke kommen Jugenderinnerungen hoch: ihr Vater hat mehrere Jahre in Indonesien gearbeitet. In der Familie gab es deshalb fĂŒr Besuche bei ihm in Jakarta den Flughafen-Wegweiser-Spruch „In Singapur links rum“.

Aber auch fĂŒr Wiebke bietet der Flughafen Neues. So zum Beispiel „Bacha Coffee“. Was auf den ersten Blick mit seinen Innenbalkonen wie ein marokkanisches Kaffeehaus zum Verweilen daherkommt, bietet zwar „nur“ Coffee to Go, leckeres GebĂ€ck zum Mitnehmen und den Verkauf von zig Kaffeesorten in stylisch bunten Blechdosen, aber es ist einfach wunderschön gemacht. Und lecker!

Die menschengemachte Farbenpracht wird etwas spĂ€ter aber noch ĂŒbertroffen durch die Natur. Jawohl, denn mitten im Flughafen gibt es einen gar nicht so kleinen zweistöckigen Schmetterlingsgarten. Eine kleine Auswahl:

Als wir von Singapur abfliegen, können wir unter uns auf der Reede dicht gedrĂ€ngt eine Unmenge von Frachtern liegen sehen, viele davon werden gerade betankt (erkennbar an den Bunkerschiffen an ihrer Seite). Dazwischen sausen diverse kleinere Boote herum. Was fĂŒr ein Gewusel.

Der Flug nach Frankfurt wird dann fĂŒr mich leider nicht so angenehm wie erhofft. Singapur Airlines kann allerdings ĂŒberhaupt nichts dafĂŒr, Flugzeug und Service sind klasse. Nur macht meine Blase fast komplett zu, ziemlich schmerzhaft auf so einem Langstreckenflug.

Nach 54 Stunden (Schott auf der Flora in Apia bis HaustĂŒr in Hamburg) ist die Tortur noch nicht ganz zu Ende, aber noch in der Nacht kann ich per App einen Termin bei meinem Urologen fĂŒr den nĂ€chsten Morgen vereinbaren. Danach steht fest: Ein OP-Termin steht an.

Sieht so aus, als ob das Timing fĂŒr diesen spontanen Heimaturlaub ganz gut gewĂ€hlt war.

Warum es um uns so still ist

Wir sind immer noch in Apia. Ja, Samoa gefĂ€llt uns richtig gut, aber das ist leider gar nicht der Grund. Vielmehr sind wir krank. Trifft uns zum GlĂŒck selten, aber dieses Mal hat es uns ziemlich böse erwischt.

Ein Hautausschlag, an Wiebkes rechter Hand fĂ€ngt es an. Erster Arztbesuch am Montag. Sieht zunĂ€chst nach einem allerdings aggressiven Pilz aus und wird auch entsprechend behandelt. Allerdings bessert es sich nicht, wird sogar schlimmer, greift auf die andere Hand ĂŒber. Geschwollene Finger mit flĂ€chig aufgeplatzter Haut und tiefroten RĂ€ndern um die offenen Wunden.

Und ich bekomme den Ausschlag auf dem RĂŒcken. Aus „Hitzepickeln“ bilden sich im unteren RĂŒcken flĂ€chendeckend etwa 60 kleine und grĂ¶ĂŸere Blasen, die grĂ¶ĂŸten etwa im Durchmesser einer Euro-MĂŒnze. FlĂŒssigkeitsgefĂŒllt und juckend. SpĂ€ter auch auf dem HandrĂŒcken und ein paar kleine sogar im Gesicht am Kinn.

Wir schicken Bilder an unsere Freundin Bianca in Deutschland, sie ist Dermatologin. Ergebnis: agressive bakterielle Infektion, sie empfiehlt dringend bestimmte Breitband-Antibiotika (Amoxilin / ClavolansÀure) und eine Spezialsalbe.

Diese Antibiotika haben wir zum GlĂŒck in Floras Bordapotheke und beginnen sofort mit der Einnahme, lassen sie uns aber bei unserem zweiten Arztbesuch am Mittwoch trotzdem noch einmal verschreiben, damit sie fĂŒr uns beide reichen. Der Arzt verschreibt uns auch die Salbe und wir bekommen beides in der Apotheke nebenan gleich zum Mitnehmen, zudem ausgesprochen gĂŒnstig.

Die Behandlung schlĂ€gt an, erst langsam, aber heute (Samstag) geht es uns erstmals deutlich besser. Die alten Wunden beginnen sich zu schließen und es kommen keine neuen mehr dazu.

Ins Wasser und in die Sonne geht’s fĂŒr uns aber erstmal nicht, das ist blöd. Wir vertreiben uns die Zeit unter Deck und im Schatten im Cockpit.

Wiebke strickt trotz ihrer bandagierten Finger.

Und wir machen uns an das 1.000 Teile Puzzle đŸ§©, das uns unsere Segelfreunde Karen und Steve aus Denver nach Fakarava mitgebracht haben. Eine schöne Reminiszenz daran, dass wir im COVID-Lockdown auf Antigua in der Carlisle-Bay mit ihnen Puzzle von Boot zu Boot getauscht haben. Und zugleich eine tolle Erinnerung an unseren Besuch bei ihnen in Denver auf unserem USA-Roadtrip.

Heute geht es schon wieder so gut, dass wir ein kurzes Fotoshooting von Wiebkes letztem fertigen Strickprojekt machen können. Der flauschige Seiden-Mohair Cardigan wird wohl erst in Neuseeland wirklich getragen werden, dann aber mit der Farbe immer an die SĂŒdsee erinnern, wo er ĂŒberwiegend in den Tuamotus gestrickt wurde:

Busse in Samoa

Öffentliche Verkehrsmittel in Samoa sind preiswert. FĂŒr Taxifahrten innerhalb von Apia gilt als Standard-Fahrpreis 5 Tala, das sind umgerechnet 1,56 Euro. Noch gĂŒnstiger geht es mit dem Bus. Da kostet die innerstĂ€dtische Fahrt zwischen 0,5 und 3 Tala (bezahlt wird – passend! – beim Aussteigen. Farbenfroher ist es auch, den die Busse hier in Samoa sind bunt:

Und nicht nur das. Die Aufbauten auf dem LKW-Chassis sind aus Holz gefertigt. Es gibt einige wenige modernere (und zumeist kleinere) Busse, ansonsten sind die auffÀlligen und etwas antiquarisch anmutenden GefÀhrte der absolute Standard.

Touristen wird empfohlen, frĂŒhmorgendliche sowie Feierabendfahrten zu vermeiden, denn typischerweise werden die SitzplĂ€tze mehrfach genutzt, sind alle PlĂ€tze vergeben, nimmt der Samoaner halt Platz auf dem Schoß eines anderen Fahrgastes (wobei alte Leute und Touristen nach Möglichkeit wohl verschont werden sollen). Und auch Schulbeginn- und Schulschluss-Fahrten sollte man meiden, die Busse sind dann ohnehin rappelvoll und die Stapelbildung hat schon stattgefunden.

Bushaltestellen braucht man ĂŒbrigens nicht extra suchen, die Busse werden einfach irgendwo auf der Strecke durch Winken angehalten. Andererseits gibts auch keine wirklichen FahrplĂ€ne, hier auf Upolu fahren sie je nach Strecke im Abstand von zwischen etwa einer halben bis zu zwei Stunden, auf der Nachbarinsel Savai‘i können es auch mal drei Stunden sein.

Die anderswo fĂŒr Busse typische haarstrĂ€ubende Fahrweise bei ohrenbetĂ€ubender Musik mussten wir hier in Samoa dafĂŒr bisher nicht feststellen.

Was sich allerdings auf vielen der Busse findet, sind farbige, geflĂŒgelte KĂŒhlerfiguren:

Und da schließt sich der Kreis zu den Taxis, denn auch die sind hĂ€ufig mit solchen Skulpturen aufgepeppt.

Mitfahren ist wie wennste fliechst?!

Der Alltag nach der Feier: Starlink Mini und Bootsarbeiten

Was machen wir eigentlich so die ganze Zeit hier in Apia? Das fragen wir uns manchmal selbst, denn die Tage scheinen so schnell vorbei zu fliegen.

ZunĂ€chst mal nutzen wir die Zeit, um von der vergleichsweise guten Versorgungslage zu profitieren. Insbesondere der „Lucky Food“-Supermarkt bietet eine recht gute Auswahl und ĂŒberrascht uns gelegentlich mit lange nicht gesehenem: Brokkoli und Blumenkohl zum Beispiel. Und Lamm – wir kommen Neuseeland nĂ€her. Aber nicht nur Lebensmittel kaufen wir ein. Im „Bluebird – Lumber and Hardware“-Baumarkt finden wir neue wasserabweisende Kissen fĂŒrs Cockpit, diversen Kleinkram und – nicht ausgestellt sondern versteckt in der Glaskabine des Marktleiters – einen neuen Starlink-Mini. Das freut uns ganz besonders. Zwar funktioniert unser Starlink (Gen. II Dishy) an Floras Heck wirklich gut, aber er ist leider extrem energiehungrig. Etwa 10 Ampere verbraucht er pro Stunde, verdoppelt damit ungefĂ€hr unseren Grundverbrauch. Der kleine Starlink Mini sollte sich ungefĂ€hr mit der HĂ€lfte begnĂŒgen, das wĂ€re dann tatsĂ€chlich eine immense Verbesserung. Und zugegeben haben wir uns an die durch Starlink-Satelliten-Internet eröffneten Online-Möglichkeiten selbst an entlegenen Orten und auf hoher See so gewöhnt, dass wir gerne ein Backup hĂ€tten. Der Starlink Mini ist nur etwa so groß wie eine DIN A4 Seite und benötigt keinen zusĂ€tzlichen Router, kann theoretisch sogar ĂŒber einen leistungsstarken USB-C Anschluss versorgt werden. Wir haben ihn hier im Hafen erst einmal provisorisch unter dem Vorschiffsluk platziert und sind mit seiner Leistung mehr als zufrieden.

Allerdings mĂŒssen wir uns fĂŒr den Einsatz auf See noch eine gute Befestigung ĂŒberlegen. Scheibenbefestigungen mit SaugnĂ€pfen gibts zwar online, aber die haben wir hier in den GeschĂ€ften noch nicht gefunden. Improvisation ist mal wieder gefragt.

So auch bei der Reparatur unserer Solarpanel, quasi auf der umgekehrten Seite: wie kommen wir zu Energie.

Auf Bora Bora hatte ja eine 42 kn Böe den nach inzwischen 7 Jahren mĂŒrbe gewordenen NĂ€hten unserer guten SunWare-Solarpanele den Rest gegeben und sie vom Bimini (dem Sonnenschutz ĂŒber dem Cockpit) gerissen. Die Solarpanel selbst sind heil geblieben und funktionstĂŒchtig. Aber der angenĂ€hte Stoff ist bei einem Panel ganz, bei den anderen teilweise abgerissen. Dabei sind auch ein paar Tenax-Knöpfe aus dem Bimini gefetzt und haben Löcher hinterlassen.

Durch den Kunststoffrand der Panel können wir mit unserer einfachen (Haushalts-) NĂ€hmaschine nicht nĂ€hen. Segelmacher können das mit ihren krĂ€ftigen Maschinen, aber leider gibts auf Samoa keinen Segelmacher. Wie so oft ist auch hier die Noforeignland-App eine große Hilfe. Mit ihr machen wir einen Polsterei-Betrieb ausfindig, der auch Notreparaturen an Segeln durchfĂŒhrt. Mit dem Taxi fahre ich zum am Stadtrand gelegenen Unternehmen. Im GepĂ€ck habe ich neben den Panels auch Sunbrella-Stoff fĂŒr die Reparatur.

Joseph probiert zunÀchst in meinem Beisein aus, ob er durch die Panel nÀhen kann. Das klappt, und so lasse ich ihm die Sachen da. Zwei Tage spÀter kann ich sie repariert wieder abholen.

Preiswert ist das Ganze auch noch und so entschließen wir uns, das Bimini nochmal komplett abzubauen und von ihm reparieren und verstĂ€rken zu lassen. Zwei weitere Taxifahrten an den Stadtrand von Apia, aber Taxifahrten sind hier ausgesprochen gĂŒnstig, einfach zwischen 5 und 10 Tala (etwa 1,70 bis 3,30 Euro). Und der Taxifahrer wartet gerne, um auch die RĂŒckfahrt mitzunehmen. Die Tenax-Knöpfe schraube ich vorher ab und schlage sie hinterher neu ein. Das funktioniert gut und so hat Flora wieder eine etwas bessere Energieversorgung.

Insgesamt haben wir theoretisch 830 Wattpeak an Solar, davon 430 durch das große Panel auf den Davits an Floras Heck.

Weitere 400 Wattpeak könnten die Solarpanel auf dem Bimini liefern. Die jetzt wieder einsatzfĂ€higen SunWare-Module steuern ja seit Jahren zuverlĂ€ssig 200 Wattpeak bei. Die semiflexiblen sind zwar nicht ganz so effektiv wie das feste Panel auf den Davits, aber immerhin. Ein ziemlicher Reinfall dagegen sind die (deutlich billigeren) SunBeam-Panel. FĂŒr diese hatten wir erst letzten Oktober in Tahiti von einem Segelmacher eine Befestigung mit ReißverschĂŒssen und Klett auf dem Bimini machen lassen. Aber schon jetzt liefert eines der Panel gar keine Leistung mehr, zudem werden beide Panel an der OberflĂ€che so matt, dass auch die Leistung des zweiten Panels jedenfalls beeintrĂ€chtigt ist.

Da werden wir uns wohl im Winter in Neuseeland auf die Suche nach einem hochwertigeren Ersatz machen mĂŒssen.

Und was gibt’s sonst noch so an Bootsarbeiten? Wir nehmen alle VorhĂ€nge ab, behandeln sie gegen Spak und waschen sie. Danach holen wir uns FingerkrĂ€mpfe beim WiederaufhĂ€ngen, weil gefĂŒhlt hunderte kleine Haken verdeckt durch die Ringe in den Schienen an den Fenstern gefĂ€delt werden mĂŒssen. Und wir betreiben im Motorraum Ursachenforschung fĂŒr die Überhitzung des Generators. Genau genommen schließen wir einige mögliche Ursachen aus. Der Impeller ist ok, die SchĂ€uche sind es auch. Das Leck scheint in der Seewasserpumpe selbst zu liegen und auch der WĂ€rmetauscher muss ausgebaut und gereinigt werden. Wir bleiben also bis Neuseeland wohl erstmal ohne Dieselgenerator, aber das ist nicht weiter schlimm.

Außerdem wird das Schiff mal wieder ausgiebig mit SĂŒĂŸwasser gewaschen, ein Luxus hier am Steg im wasserreichen Samoa.

Langweilig wird uns jedenfalls nicht.

Rock zum 60. Geburtstag

Echt jetzt? Na ja, so richtig ĂŒberraschend kommt der 60. Geburtstag natĂŒrlich nicht, das Datum steht ja fest und rechnen kann ich einigermaßen. Trotzdem, war nicht frĂŒher mal jeder ĂŒber dreißig schon ein alter Zausel? Aber die Feier meines 30. Geburtstags in Siedenburg habe ich noch gut in Erinnerung und schon da war es so, dass ich nicht nur das Feiern, sondern auch das Älterwerden begrĂŒĂŸt habe. Das fortschreitende Lebensalter abzulehnen hieße in der Konsequenz ja, Stillstand statt Weiterentwicklung zu erhoffen. Wer nicht mehr Ă€lter wird ist tot. Und auch rĂŒckblickend bin ich fĂŒr die weitere Entwicklung meines Lebens von 30 bis jetzt 60 ausgesprochen dankbar.

Ein Zehntel dieser 60 Jahre sind wir jetzt schon auf Langfahrt unterwegs, seit wir am 25.06.2019 in Griechenland Floras Leinen losgeworfen haben. Meinen 60. Geburtstag feiern wir also in Samoa. Wie?

Im Rock.

Und mit viel Freude. Darauf stoßen wir an bei leckeren Lunch im „Feast“, dem Restaurant im Sheraton-Hotel.

Abends dann ist Steg-Party mit den anderen Seglern hier in der beschaulich kleinen Marina von Apia.

Zwei verlassene Boote liegen fest zwischen den Pollern vertĂ€ut, die einmal den zweiten Steg gehalten haben. Der wurde aber von StĂŒrmen immer wieder beschĂ€digt oder eben ganz weggerissen. Er soll derzeit nicht wieder aufgebaut werden, jedenfalls nicht bevor die Mole am Industriehafen erheblich verlĂ€ngert wurde und dann mehr Schutz vor Schwell bieten wĂŒrde.

Neun Segelboote liegen an dem intakten Steg. 8 EinrĂŒmpfer und ein Katamaran, was nach der hohen Katamarandichte in Französisch Polynesien schon bemerkenswert ist. Dazu kommen noch ein paar lokale Angelboote und – am Kopfende des Stegs – das Polizeiboot von Apia. Auslaufen sehen haben wir es noch nicht, nur einmal fĂŒr zehn Minuten zum Warmlaufen der Motoren. Danach folgte eine intensive ganztĂ€gige Putzaktion und am nĂ€chsten Tag die Besichtigung durch zwei Japaner. Japan sponsert derzeit viel in Samoa, auch die neue BrĂŒcke am Hafen wurde mit japanischer UnterstĂŒtzung errichtet. Jedenfalls liegt das Polizeiboot jetzt schön geputzt aber ziemlich unbewegt am Steg.

Genutzt wird es trotzdem 😉.

Die Crews der meisten Boote unseres Stegs finden sich nach und nach zum Potluck ein.

Die Musikbeschallung liefert, darauf ist am Wochenende Verlass, die direkt an der Marina gelegene Bar.

Chris von der „Hathor“, Einhandsegler aus Schweden, kredenzt zu meinem Geburtstag zudem ein umfangreiches Rum-Tasting mit wirklich edlen Rumsorten der verschiedensten Provenienzen von der Karibik ĂŒber den Pazifik bis nach Asien. Es wird ein langer, schöner Abend. Dankeschön, ein tolles Geburtstagsgeschenk.

Und 60 ist ĂŒbrigens wie 30, nur doppelt so schön!

Geschichte und Geschichten: Samoa und der Tusitala

Immer mal wieder werden wir gefragt, wie wir eigentlich unsere Reiseroute festlegen. Wonach entscheiden wir, welche LĂ€nder wir besuchen? Warum jetzt Samoa?

Ein Großteil dieser Entscheidungen entspringt im wahren Wortsinn der Bequemlichkeit. Wir wollen Starkwind möglichst vermeiden, erst recht natĂŒrlich StĂŒrme. Wir möchten den Wind möglichst wenig auf die Nase haben, die großen Meeresströmungen lieber mit uns als gegen uns.

Daraus ergibt sich ganz grundsĂ€tzlich die „Barfußroute“, auf der die meisten Langfahrtsegler unterwegs sind. Sie fĂŒhrt in die Karibik und weiter nach Französisch Polynesien. Die Hurrikan im sommerlichen Nordatlantik bzw. die Zyklon-Saison im winterlichen SĂŒdpazifik beeinflussen dann jeweils die weiteren Routenentscheidungen. So haben wir die Karibik zweimal nach Norden in Richtung USA verlassen und konnten deshalb nach New York und hinauf nach Maine segeln sowie intensiv die großen Antillen und die Bahamas erkunden. Die Alternative wĂ€re der SĂŒden der Karibik mit Aruba, Bonaire und Curacao gewesen, die wir dadurch leider nicht gesehen haben.

Ganz persönliche Traumziele beeinflussen die Reiseroute natĂŒrlich auch stark. So waren nach Panama fĂŒr uns die Galapagosinseln ein Muss, die fĂŒr europĂ€ische Langfahrtsegler eher ungewöhnliche Weiterreise ĂŒber Hawai‘i nach Alaska und British Columbia aber die ErfĂŒllung eines persönlichen Traums (zugleich natĂŒrlich auch eine deutliche Abweichung von der Barfußroute). Die WestkĂŒste der USA mit San Francisco und die WestkĂŒste Mexikos mit der Sea of Cortez machten als weitere Traumziele diesen nordpazifischen Kringel fĂŒr uns zu einem Highlight.

Und derzeit? Im SĂŒdpazifik ist gerade die Zyklonsaison zu Ende gegangen, viele Cruiser sind deshalb jetzt auf dem Weg nach Westen in Richtung Tonga und Fidji. Manche segeln von Französisch Polynesien oder den Cookinseln direkt zu diesen Zielen, die anderen wĂ€hlen je nach Wetter und Vorlieben entweder eine sĂŒdlichere Route ĂŒber Niue mit seinen tollen TauchplĂ€tzen oder eine nördliche ĂŒber Samoa.

FĂŒr uns war klar, dass es wenn irgend möglich die nördliche Route sein soll. Vor ĂŒber zwanzig Jahren, noch auf unserem ersten Boot, haben wir uns im Segelurlaub auf der Ostsee gegenseitig ein Buch vorgelesen. Wir waren ein paar Jahre zuvor nach Hamburg gezogen und „Das Haus an der Elbchaussee“ faszinierte uns. Über mehrere Generationen hinweg wird hier ab etwa 1800 geschichtlich fundiert die Familiensaga des Aufstiegs einer Kaufmanns- und Reederfamilie erzĂ€hlt. Zugleich wird Hamburger Politikgeschichte und Hamburger Stadtentwicklung greifbar, die heutige Villenstraße der Elbchaussee etwa war damals noch nicht gepflastert und lag wie der Nobelstadtteil Blankenese im Ausland, auf dĂ€nischem Boden. In den 1850er und 1860er Jahren bewegt sich ein Fokus der Reederfamilie auf das KoprageschĂ€ft in der SĂŒdsee und ganz speziell auf Samoa. Das GeschĂ€ft und auch das kaufmĂ€nnische Gebaren wird im Buch ausfĂŒhrlich beschrieben, auch das erste Einsetzen eines vom Hamburger Senat bestĂ€tigten Konsuls auf Samoa.

Ganz unabhĂ€ngig von dem Buch, deutsche Kaufleute waren es auch, die ab den 1870er Jahren die Politik drĂ€ngten, ihre Interessen in der SĂŒdsee zu schĂŒtzen, am besten eine Deutsche Kolonie dort zu etablieren. Bismarck widerstand zunĂ€chst diesem Bestreben. Und doch: die Kanonenboot-Diplomatie der EinflussmĂ€chte Deutschland, Großbritannien und USA hat hier ihren Ursprung und sogar Samoa als Schauplatz: interessanterweise suchten im MĂ€rz 1889 die Kriegsschiffe dieser „Three Powers“ in der Bucht von Apia Schutz, wurden aber von einem Zyklon ebenso versenkt wie die sechs dort ankernden zivilen Handelsschiffe. Einzig das stark motorisierte englische Kriegsschiff konnte rechtzeitig auslaufen und entkam schwer beschĂ€digt nach Australien.

Fotografiert im Robert Louis Stevenson Museum, Apia

Man einigte sich darauf, Samoa zu einem unabhĂ€ngigen Königreich unter dem Protektorat der Three Powers zu machen (zuvor gab es keine Könige auf Samoa). Neun Jahre spĂ€ter kam es nach dem Tod des ersten und einzigen Königs zu Nachfolgestreitigkeiten und Konfrontationen zwischen den Three Powers, die unterschiedliche Nachfolger unterstĂŒtzten. Der Konflikt wurde im Samoa-Vertrag von 1899 beigelegt. Deutschland erhielt den westlichen Teil Samoas (heute Samoa đŸ‡ŒđŸ‡ž), Amerika den östlichen (heute American Samoa 🇩🇾), das Vereinigte Königreich setzte dafĂŒr seine Interessen bei anderen Pazifikinseln durch. Deutschland kam so zu seiner (letzten) Kolonie. Die allerdings wurde anders als die ĂŒbrigen deutschen Kolonien aufgesetzt. Gouverneur der deutschen Kolonie Samoa wurde der Diplomat und Indologe Wilhelm Solf. Er setzte seine Vorstellungen von einem humanen Kolonialismus um. So verzichtete er auf die EinfĂŒhrung der in den ĂŒbrigen Kolonien gĂ€ngigen Arbeitspflicht fĂŒr die einheimische Bevölkerung und band die Samoaner intensiv in die Verwaltung und auch die Polizei ein. Als erste Amtshandlung ließ er ĂŒberraschend den zuvor ins Exil verbannten Mata‘afa Iosefo zurĂŒckkehren, der eine breite Bevölkerungsmehrheit hinter sich hatte. Damit unterband er sehr effektiv die zwischen den verschiedenen samoanischen Clans gefĂŒhrten ScharmĂŒtzel. Solf ernannte ihn zum OberhĂ€uptling und gab ihm das Faipule, eine Honoratiorenversammlung aus den OberhĂ€uptern der angesehensten samoanischen Familien zur Seite. Sachfragen wurden sowohl im Gouvernement als auch im Failpule verhandelt, Gesetze ließ sich Solf von Mata‘afa Iosefo mitunterzeichnen.

Im Dezember 1911 wechselte Solf nach Berlin an die Spitze des Reichskolonialamtes. 1912 verstarb Mata’afa Iosefo.

Mausoleum Mata’afas neben dem Fono, dem Parlament Samoas

Solfs Nachfolger fĂŒhrte Solfs Politik nur bedingt fort, erließ zum Beispiel ein umstrittenes Mischehenverbot. Aber faktisch bestand die Kolonie Samoa ohnehin nur bis 1914. Zu Beginn des ersten Weltkriegs besetzte Neuseeland Samoa, nach dem Krieg erhielt Neuseeland dazu auch das Mandat des Völkerbundes. 1962 wurde Samoa als erstes Land Polynesiens unabhĂ€ngig.

Insgesamt hat Solf mit seiner Politik dafĂŒr gesorgt, dass die kurze deutsche Kolonialzeit in Samoa als besser empfunden wurde als die neuseelĂ€ndische. Trotzdem bleibt es Kolonialzeit, die auch damals schon existierende samoanische UnabhĂ€ngigkeitsbewegung wurde – unblutig und mit UnterstĂŒtzung der Mehrheit der Samoaner – unterdrĂŒckt.

Architektonische Zeugnisse aus der deutschen Kolonialzeit gibt es kaum. Trotzdem ist die kurze deutsch-samoanische Vergangenheit prĂ€sent. Als wir unsere WĂ€sche abgeben, erfahren wir beim Smalltalk, dass die Inhaberin zu einem Achtel deutsche Wurzeln hat. Auf dem lokalen Friedhof stoßen wir auf viele deutsche Namen:

Und nicht zuletzt, auch Handelsbeziehungen bestehen offenbar noch. Zwar nicht mit direkten Frachtern zwischen Hamburg und Apia oder einem vom Hamburger Senat in Apia eingesetzten Konsul. Gleichwohl können wir sie direkt an unserem Liegeplatz sehen, die Marina grenzt unmittelbar an das FĂ€hr- und Containerterminal. Ein „Hamburg SĂŒd“ – Container fĂ€llt uns natĂŒrlich gleich auf.

Unerwartete VerknĂŒpfungen zur deutsch-samoanischen Geschichte finden wir, als wir das Robert Louis Stevenson Museum in Apia besuchen.

Der berĂŒhmte schottische Schriftsteller (u.a.: Die Schatzinsel, Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde) hat das GrundstĂŒck 1889 erworben und das Haus errichten lassen, in dem er dann 1894 mit erst 44 Jahren starb.

Die Samoaner gaben Stevenson den Namen „Tusitala“ (GeschichtenerzĂ€hler). 1892 veröffentlichte der sich keineswegs auf Romane beschrĂ€nkende Tusitala, frustriert von der zerfahrenen politischen Situation in seiner Wahlheimat, „A Footnote to History, Eight Years of Trouble in Samoa.“ Er ergriff Partei fĂŒr Mata‘afa und – nachdem dieser ins Exil geschickt wurde – unterstĂŒtzte er Mata‘afa und dessen Gefolgsleute auch finanziell.

Eine kleine Fußnote der Geschichte vom GeschichtenerzĂ€hler: das Haus des Schotten Stevenson, die Villa Vailima, wurde nach seinem Tod von einem deutschen Kaufmann erworben, allerdings bei einem Zyklon zerstört. Zwei Amerikaner bauten es spĂ€ter originalgetreu (sogar mit Tapete aus samoanischem Tapa (Rindenbast) wieder auf und ĂŒbergaben es dann unmittelbar als Museum an Samoa.

Kleine Sachen, die glĂŒcklich machen: Kanu-Hilfe

Wir erleben die Menschen hier in Samoa als ausgesprochen freundlich. Es fĂ€llt auf, dass der noch in den Kinderschuhen steckende Tourismus als Chance fĂŒr das Land gesehen wird. Mehrfach werden wir aufgefordert, doch anderen vom schönen Samoa zu berichten, damit mehr Besucher kommen. Das gilt auch fĂŒr die Segler. Als wir beim Einklarieren dem Biosecurity-Officer erklĂ€ren, unser ganzes Obst und GemĂŒse aufgegessen zu haben, weil wir gehört und gelesen haben, keines nach Samoa einfĂŒhren dĂŒrfen, ist er erschĂŒttert. Nein, so sei das nicht. Den Eigenbedarf dĂŒrften wir an Bord haben. Wir sollten das unbedingt auch anderen Seglern berichten, damit sie nicht von einem Samoabesuch abgeschreckt werden. Von unterschwelliger Ablehnung angesichts der immensen Touristenzahlen, die uns in Französisch Polynesien ja auch nur ganz vereinzelt begegnet ist, haben wir hier im etwas abseits der Hauptreiserouten gelegenen Samoa bisher nirgends etwas gespĂŒrt. Stattdessen freundliche, hilfsbereite und zuvorkommende Menschen.

Da tut es ganz gut, einmal etwas zurĂŒckgeben zu können.

Wir sitzen im Cockpit der Flora hier in der kleinen „Marina“ (ein Steg) von Apia, als wir vom Ufer hinter uns aufgeregte Rufe hören. Ein Mann winkt und ruft uns zu, dass sein Kanu abgetrieben sei.

Ich lasse das Dinghy ins Wasser und hole den Mann am Ufer ab. Dann flitzen wir hinaus in die Bucht von Apia. Koto, so stellt er sich vor, hat am Malecon zwischen Marina und Stadt gefischt, als sein Kanu abtrieb. Er schwamm hinterher, aber das Kanu trieb bei dem starken Wind zu schnell weg und fĂŒr ihn wurde es langsam gefĂ€hrlich. Also kam er zurĂŒck ans Ufer, lief zur Marina.

TatsĂ€chlich finden wir sein Boot weit draußen in der Bucht, wo der heute sehr frische Wind die See schon ziemlich aufgewĂŒhlt hat. Nur ein Frachter und Zweimaster-Katamaran ankern hier draußen.

Mit dem Dinghy ziehen wir das Kanu zurĂŒck zum Ufer. Dabei erzĂ€hlt Koto, dass er das Auslegerkanu selbst gebaut hat. Einen Treibholz-Stamm hat er mit einem Stechbeitel ausgehöhlt, mit Bauholz-Latten dann ein weiteres zurecht gezimmertes Treibholz als Ausleger angebracht. Das Ganze im Wesentlichen nicht geschraubt, sondern mit Laschings flexibel verbunden. Einfach und klein, aber effektiv.

Jedenfalls ist Koto sichtbar erleichtert und glĂŒcklich, sein Kanu zurĂŒck zu haben. Er besteht darauf, mir einen Fisch zu schenken, ohne die leckere Spanische Makrele (Scomberomorus) lĂ€sst er mich nicht davon.

Aber das eigentliche Geschenk hat er mir schon vorher gemacht. Die spontane Gelegenheit, die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Samoaner erwidern zu können, etwas zurĂŒck zu geben, uns nĂŒtzlich zu machen. Dankeschön.

Samoa mit Elisa

Wir kommen auf Samoa an und haben das GefĂŒhl, dass die Uhr tickt. Nur drei Tage haben wir noch gemeinsam mit Elisa hier, dann fliegt unser Patenkind schon wieder ab. Wie schnell doch sieben Wochen vergehen.

Entsprechend packen wir die Tage ziemlich voll. Am Montag bringen wir zunĂ€chst WĂ€sche weg und erkunden dann zu Fuß die Stadt. Der eigentliche Innenstadtbereich von Apia ist klein, wir lassen uns treiben, streifen durch die Nebenstraßen.

Was auf Anhieb auffĂ€llt: die schier unglaubliche Anzahl an Kirchen. Schon bei unserer Anfahrt mit dem Boot war das von See aus auffĂ€llig, zumal die blaue Kathedrale im Scheitel der Bucht von Apia die Skyline prĂ€gt. Sie wurde als Ersatz des nach dem schweren Erdbeben von 2009 abgerissenen Wahrzeichens der Stadt, der alten weißen Kathedrale, an gleicher Stelle errichtet und 2014 fertiggestellt.

Wir schauen uns die Kathedrale auch von innen an. Im blankpolierten Boden spiegeln sich die bunten Glasfenster, ansonsten dominiert Holz. Leider bleibt uns die Bedeutung der gemalten Personen in der Rotunde unklar. Der Christusfigur gegenĂŒber sitzt eine Frau. Die ĂŒbrigen Sitzenden tragen zumeist eine Ula Fala, die traditionelle rote, aus Pandanuss-Samen gefertigte Ehrenkette fĂŒr hochgestellte samoanische Personen.

Wir kommen bei unserem Spaziergang noch an zig anderen Kirchen vorbei. GefĂŒhlt kommen in Samoa auf je drei HĂ€user eine Kirche. Im Ernst, die Kirchendichte ist kaum zu glauben. Nicht alle, aber doch recht viele sind in sehr gutem Zustand und verglichen mit den HĂ€usern der Umgebung recht pompös. Es gibt aber auch Gegenbeispiele.

Ein zweites großes GebĂ€ude war uns schon bei der Anfahrt aufgefallen:

Es ist das RegierungsgebÀude Samoas, auch das Immigration Office befindet sich hier. Und auch diesem GebÀude statten wir bei unserem Rundgang einen Besuch ab. Wir können dort nÀmlich unsere gestempelten PÀsse sowie die Bootspapiere abholen.

Die auffĂ€llige „Haube“ auf dem GebĂ€ude symbolisiert ĂŒbrigens ein „Fale“ bzw. dessen traditionelle Dachform. Ein Fale ist ein Wohn- oder auch Versammlungshaus. UrsprĂŒnglich palmblattgedeckt und komplett ohne WĂ€nde auf HolzsĂ€ulen ohne Metallverbinder errichtet, haben heute viel Fale eine von WĂ€nden umgebene, abgetrennte Ecke und sind zumeist mit Wellblech gedeckt. Als große VersammlungsstĂ€tten sieht man sie in jedem Dorf, auf dem Land oft auch noch als WohnhĂ€user.

Die kleinere Version dieser GebĂ€ude, Faleo‘o genannt, bezeichnet, dienen als KĂŒchenhĂ€user, AbstellrĂ€ume oder als kleine StrandhĂ€user.

Wir nutzen eines der letzteren, als wir am nĂ€chsten Tag mit dem Mietwagen hinĂŒber auf die andere Inselseite von Upolu fahren.

Dort besuchen wir den To-Sua Oceantrench, ein Sinkhole bzw. eine Doline. Im Prinzip eine Höhle mit eingestĂŒrztem Dach. Mit der Besonderheit, dass sie (wie den Cenoten in Mexiko) eine unterirdische Verbindung zum nahen Ozean aufweist und ein nur ĂŒber eine steile Holztreppe zu erreichendes wunderbares Naturschwimmbad ist.

Die Fahrt dorthin und auch die Weiterfahrt fĂŒhrt durch die Berge im Zentrum von Upolu. Zum Teil ziehen sich Plantagen an den HĂ€ngen entlang, wo es steiler wird weidet Vieh auf Bergwiesen. Die höheren Grate sind dafĂŒr aber meist zu schroff. Hier fangen sich die Wolken und sorgen dafĂŒr, dass Samoa so ĂŒppig grĂŒn ist.

Die NiederschlĂ€ge fĂŒhren in dem steilen GelĂ€nde zu zahlreichen WasserfĂ€llen. Wir besuchen die Sopoga Falls, eines der Wahrzeichen Samoas, das auch den 20-Tala-Schein ziert.

Die jetzt tief hĂ€ngenden Wolken sorgen aber auch dafĂŒr, dass wir im Nebel (bzw.. eben in den Wolken) nach Apia zurĂŒckkehren, wo dann auch prompt wieder die Sonne scheint.

Abperlende Tropfen auf einem Taro-Blatt

Und was machen wir in Apia? Na ja, in der Stadt natĂŒrlich: shoppen! Klingt langweilig? Nicht wirklich. Es gibt sogar ein weiteres „erstes Mal“ fĂŒr mich: mit fast 60 Jahren kaufe ich meinen ersten eigenen Rock!

Nicht nur hier in Samoa, auch in Tonga und Fidji tragen MĂ€nner traditionell Rock. Es ist nicht zwingend notwendig, wird aber als Anerkennung der lokalen Traditionen gesehen, wenn sich GĂ€ste bei offiziellen AnlĂ€ssen (in Fidji zum Beispiel beim erforderlichen Antrittsbesuch beim lokalen Chief) entsprechend kleiden. Jetzt habe ich dafĂŒr also schon mal vorgesorgt. Als wir abends im Restaurant essen gehen, werden Wiebke und Elisa mit „Hello“, ich (im Rock) aber mit dem samoanischen „Talofa“ begrĂŒĂŸt. Auch irgendwie nett. Im Stadtbild von Apia sind die MĂ€nnerröcke eine ganz normale Erscheinung, auch bei Uniformen. Das gilt bei Jugendlichen auch fĂŒr die hier ĂŒblichen Schuluniformen.

Und natĂŒrlich gilt es erst recht fĂŒr touristische Veranstaltungen wie die Siva-Afi Feuer-Show mit samoanischem Buffet. Vor ĂŒber zwanzig Jahren aus einer Initiative fĂŒr Straßenkinder hervorgegangen, hat sich die Veranstaltung um Feuertanz, traditionellen samoanischen Tanz und typische samoanische KĂŒche zu einem Standard in Apia entwickelt.

Die MĂ€nnerröcke hier sind allerdings dem sportlichen Erfordernis angepasst und deutlich kĂŒrzer als die bis ĂŒber die Knie reichende „Straßenversion“.

Kulturell geht es fĂŒr uns auch am nĂ€chsten Tag weiter. Im „Cultural Village“, einer Art Museumsdorf gleich neben dem RegierungsgebĂ€ude, nehmen wir an einer FĂŒhrung teil. Samoanische Musik, aktives Flechten eines Tellers aus Pandabuss-PalmenblĂ€ttern, samoanische KĂŒche einschließlich der Demonstration eines Umu-Erdofens, Kokosnussöffnen und Kokosmilchherstellung sowie VorfĂŒhrung traditioneller samoanischen Schnitzerei stehen auf dem Programm. Außerdem dĂŒrfen wir bei TĂ€towierung zusehen. In einem heiligen und mit besonderen Tabus versehenen Fale (unter anderem: nicht fotografierenund keine Kopfbedeckung) wird nach alter Sitte mit einem kleinen gezackten Kamm tĂ€towiert, der mit einem Holzstöckchen immer wieder tintengetrĂ€nkt in die Haut geschlagen wird. Auch wenn der Kamm heute mit Metallspitzen aus Titan versehen ist, bleibt es eine sehr schmerzhafte Prozedur. Dies gilt umso mehr, als die samoanischen Tattoos sehr flĂ€chig und dunkel sind. Der Übergang vom Jungen zum Mann wird traditionell durch ein Tattoo gezeigt, dass vom unteren RĂŒcken ĂŒber die HĂŒfte bis hinunter zu den Knien reicht.

Heute Morgen heißt es dann extrem frĂŒh aufstehen, schon um 2:30 Uhr fahren wir mit dem Mietwagen los. Zwar ist Faleolo, der Internationale Flughafen von Samoa, nur etwa 30 km entfernt. Trotzdem ist es fast eine Stunde Fahrt bis dorthin.

Und schon verlÀsst uns Elisa wieder. Die genau sieben Wochen mit ihr sind so schnell vergangen. Dankeschön Elisa, es war toll mit Dir.