Schon klar, Tropennächte sind damit nicht verbunden. Aber die letzten Tage haben uns in Prideaux Haven im Desolation Sound tatsächlich mit sommerlichem Wetter verwöhnt. Sind wir wirklich nicht mehr gewohnt. T-Shirt und kurze Hose auf Flora!
Wir nutzen das wunderbare Wetter für Dinghyausflüge und für ausgedehnte Hikes. Der Tidenhub und die mit scharfkantigen Austern bewachsenen Felsen machen es nötig, das Beiboot während unserer Abwesenheit vom Ufer weg zu halten. Unser „Anchor Buddy“ bewährt sich einmal mehr: das starke Gummiband in der Ankerleine zieht Florecita zuverlässig ins tiefe Wasser, obwohl wir landseitig wir an einer der Ketten (stern tie pin) festgemacht haben.
Es gibt mehrere gekennzeichnete Trampelpfade durch den Wald und sie führen buchstäblich über Stock und Stein. Besonders der Hike zum Unwin Lake hat es in sich, über mehrere Bergrücken hinweg geht es fast nur steil bergauf und bergab, dazwischen abgesehen von der sumpfigen Niederung am See kaum einmal ein paar Meter in der Ebene zum Luftschnappen. Insgesamt sind es eigentlich nur 7 km aber trotzdem sind wir rechtschaffen fertig und ordentlich durchgeschwitzt, als wir wieder am Dinghy ankommen. Was für eine herrliche Wanderung.
Etwas einfacher ist der Hike am nächsten Tag, er führt über die Halbinsel, die unseren Ankerplatz von der südlicher gelegenen Melanie Cove trennt.
Wie schon am Vortag gibt es auch hier ein paar ganz besondere Naturerlebnisse. Wieder sehen wir eine Schlange, wie am Vortag ist es eine Puget Sound Garter Snake, eine farbenprächtig grün-gelbe Unterform der Strumpfbandnatter.
Sie ist eine der wenigen lebendgebärenden Schlangenarten und gehört zwar zu den Giftschlangen, aber ein Biss der eher scheuen, nur gut daumendicken Reptilien ist für den Menschen normalerweise ungefährlich, löst allenfalls Jucken, Hautreizung und Schwellungen aus.
Wir hören gelegentlich die Rufe wilder Truthähne und vor allem häufig flötende Vogel-Stimmen, aber es dauert eine ganze Zeit, bis wir einen der Urheber zu sehen bekommen. Es ist eine Wanderdrossel (American Robin). Ein ganzes Stück fliegt sie von Ast zu Ast vor uns her, bis sie uns endlich auch einen Blick auf ihre rötliches Brustgefieder erhaschen lässt.
Auch rötlich: die Rinde des Amerikanischen Erdbeerbaums (sic!), hier Madrone genannt. Er ist einer der wenigen Laubbäume in diesen von Nadelbäumen geprägten Regenwäldern. Mit seinen ledrigen Blättern zählt er zu den immergrünen Gewächsen, aber die farbenfrohe Rinde scheint diese Einordnung verhöhnen zu wollen:
Vor allem aber: was für ein Wald, was für eine traumhafte Landschaft!
Totempfähle? Steinmetz-Arbeiten an einem Indiana Jones Tempel? Rätselhafte Fels-Skulpturen vergessener Kulturen?
Quatsch! Unsere Phantasie schlägt Purzelbäume, aber es sind natürlich nur um 90 Grad gedrehte Spiegelungen der Felsen an der Wasserlinie hier am Ankerplatz in Prideaux Haven. Trotzdem, von mystischen Schlangen bis zu Vogelmenschen oder Katzenköpfen bis hin zu Comic-Figuren lässt sich für uns alles darin erkennen. Nach den Wolken-Tierchen auf der Atlantiküberquerung und den Eisskulpturen in Alaskas Glacier Bay sind jetzt also mal die Felsen dran für kurzweilige Spielchen mit der Vorstellungskraft.
Und weil es hier so schön ist, bleiben wir noch ein bisschen und spielen weiter.
Whistler, benannt nach dem charakteristischen Pfeifen der Murmeltiere, ist eines der bekanntesten großen Skigebiete Nordamerikas. Die “Schnee-Disziplinen” der Olympischen Winterspiele 2010 von Vancouver fanden hier statt. Wir nutzen die Gelegenheit, hier zum wahrscheinlich für längere Zeit letzten Mal Ski zu fahren und diese an Skiorten für uns so reichhaltige Wintersaison abzuschließen.
Es wird ein überaus würdiges Finale. Die Schneeverhältnisse sind klasse, die wohl besten, in denen wir bisher unterwegs waren. Oder vielleicht sollte man sagen: himmlisch. Die Pisten sind jedenfalls schon mal entsprechend bezeichnet. Blaue Abfahrten entsprechen übrigens in etwa den europäischen Roten, die einfacheren sind hier in Nordamerika Grün. Schwarz bleibt Schwarz 😉.
Das Skigebiet erstreckt sich über mehrere Berge. Die beiden gegenüberliegenden Spitzen von Blackcomb und Whistler sind dabei auf 4,4 Kilometer Luftlinie durch die spektakuläre „Peak 2 Peak Gondola“ mit nur 36 m Höhenunterschied verbunden. Dabei gibt es auf jeder Seite nur zwei Seilbahnstützen, dazwischen erstreckt sich ein freie Spannweite von über 3 Kilometern. In dieser Disziplin wird sie weltweit nur von der Seilbahn Zugspitze knapp übertroffen, die aber schräg den Berg hinauf führt.
Auf der Fahrt mit der Peak 2 Peak schwebt die Gondel zwischendurch über 400 m hoch über dem durch das Tal fließenden Fitzsimmons Creek, es ist ein wirklich beeindruckender Ritt.
Wir genießen jede Minute unseres Skisaisonabschlusses, das schließt auch ein zünftiges Aprés Ski in Whistler ein 😚
Auf dem Weg zurück zur Fähre nach Vancouver Island fahren wir am nächsten Tag die wunderschöne Strecke am Squamish Harbour Fjord entlang und statten unseren tschechischen Segelfreunden Tereza und Jakub noch einen Besuch ab, deren KateMarie derzeit in Horseshoe Bay an Land steht.
Und das soll es dann jetzt vorerst mal mit Landreisen gewesen sein, noch ein paar Arbeiten an Flora und dann wollen wir British Columbia per Boot weiter erkunden.
Ein kleiner und ein bisschen verborgener Schmuckstein auf Vancouver Island ist das Örtchen Tofino. Auf der langgestreckten Insel gibt es nur eine durchgehende Straßenverbindung von Süd nach Nord, etwa 500 km lang. Sie verläuft auf der Canada 1 von Victoria bis Nanaimo (dort biegt die Canada 1 auf die Fähre ab und führt auf dem Festland bei Vancouver weiter). Von Nanaimo bis Port Hardy im Norden von Vancouver Island läuft dann der Highway BC 19. Fast die gesamte Strecke führt dicht an der etwas flacheren und von weniger Fjorden durchzogenen Ostküste entlang. Auf der gesamten Insellänge gibt es nur eine einzige gut ausgebaute Stichstraße, die ganz hinüber an die andere Seite führt, nämlich zum ungefähr in der Mitte der wild zerklüfteten Westküste gelegen Tofino.
Auf Google Maps sieht das so aus (Karte nicht eingenordet):
Auf dem Weg dorthin, immerhin etwa 3,5 Stunden Fahrt, machen wir im MacMillan Park halt. Der ist auch bekannt als “Cathedral Grove” (übersetzt etwa Kathedralen-Hain). Auch wenn auf der bisherigen Strecke dies hier das wohl häufigste Schild war:
Im MacMillan Park stehen tatsächlich noch diverse über 800 Jahre alte Douglasien (Douglas Fir), umgeben von “nur” 350 Jahre alten Exemplaren. Manches Mal nutzen jüngere Bäume die abgebrochenen Stumpen ihrer Ahnen gar als Steighilfe und Nahrungslieferant. Wanderpfade, an den feuchteren Stellen überwiegend in Form von (auch die Wurzeln schonenden) Bohlenwegen führen durch den dicht bemoosten Wald. Und die zumeist gerade gewachsenen imposanten Bäume, deren Äste bei den „erwachsenen“ Exemplaren erst in großer Höhe beginnen, erinnern tatsächlich an die Säulen einer Kathedrale (oder ist es umgekehrt?). Tatsächlich können Douglasien die Höhe der berühmten Redwoods Küstenmammutbäume erreichen, sind aber schlanker.
Dann aber weiter auf der Straße, über den Pass nach Port Alberni. Hier mündet der Somass River in den 40 Kilometer langen Pazifik-Fjord des Alberni Inlet. Darüber liegt dichter Nebel, aber als wir den nächsten Pass Richtung Tofino erklimmen setzt sich wieder die Sonne durch. Blauer Himmel bis zum Zielort, herrlich. Und wer hätte das gedacht: Tofino bietet ein GANZJÄHRIGES SURFREVIER, wenn auch nur für die etwas abgehärteteren Wellenreiter. Derzeit liegt die Wassertemperatur knapp unter 8 Grad Celsius, aber im Hochsommer werden es manchmal fast 13 (dreizehn) Grad! Kurz vor dem Ort gibt es am Pazifik eine Reihe von Sandstränden. Da ist durchaus einiges los. Strandspaziergänger vor allem, aber auch wirklich Surfer.
Auch wenn die Wellen heute eher anfängerfreundlich sind, die Temperaturen sind es eher nicht.
Der 2.000-Seelen Ort Tofino kann zur Hauptsaison auf das fünffache anwachsen, ist aber surfertypisch relaxt und nicht einmal allzu touristisch, bietet zudem neben den auch jetzt geöffneten Surfschulen (bin ich froh, dass ich das in Hawaii am Waikiki Beach gemacht habe) nette Gimmiks wie etwa die phantasievoll gestalteten Zebrastreifen.
Und Tofino wartet mit indigener Kunst, wundervolle Ausblicken zu schneebedeckten Bergen und trotzdem sogar mit Palmen in den Gärten auf.
Für uns ist das Highlight in Tofino allerdings eine weitere Wanderung durch den Regenwald, diesmal auf dem Tonquin Trail gleich am Ortsausgang. Der Hike führt zu mehreren nur über den Trail oder vom Wasser her erreichbaren Stränden.
Obwohl zumeist durch Sekundärwald führend, gibt es doch auch einige Baumriesen mit „Bärenhöhlen“ unter ihren Wurzeln …
Wir verlassen Oregon über die Astoria-Megler-Bridge, die den Unterlauf des hier 6 km breiten (!) Columbia River überspannt, es ist die längste durchgängige Fachwerkbrücke Nordamerikas.
Auf der nördlichen Seite des Flusses beginnt Washington. Am Cape Disappointment vorbei fahren wir bei wechselhaftem Wetter auf die westlich vorgelagerte Halbinsel Long Beach. Nicht nur in den gleichnamigen Ort, sondern wir nehmen das durchaus wörtlich.
Der zumeist dunkle, aber breite und feste Sandstrand im südlichen Teil von Washingtons Westküste ist an vielen Stellen mit Zufahrten für Pkw versehen und kann bei Ebbe befahren werden. Mehr noch, lange Zeit war er für Kutschen sogar so etwas wie eine heutige Autobahn.
Nach Norden hin allerdings verändert sich die Küstenlandschaft. Auffällig mehr Treibholz liegt angespült am Ufersaum …
… die Dünen weichen einer Steilküste, die zunehmend näher an die Brandung heranrückt.
Irgendwann verschwindet auch der Sandstrand, weicht Kieselstränden und felsigen Abschnitten, wird spektakulär wie hier am Ruby Beach:
Kurz danach biegt die bisher oft so schön nahe an der Küste verlaufende Straße (US 101) ins Landesinnere ab und windet sich nördlich um den mit Gletschern bedeckten Mount Olympus herum. Die Strecke führt teilweise durch den ausgedehnten Olympic National Park. Mal säumen Baumriesen die Straße, aber häufig sehen wir auch Langholztransporter und große Kahlschlagflächen.
Bei Port Angeles erreichen wir wieder die Küste, diesmal allerdings an der “Salish Sea”. Hier trennt die Juan de Fuca Strait die USA von Kanada, auf der anderen Seite des Meeresarmes können wir Vancouver Island sehen. Und SEHR SEHR DEUTLICH hören wir Flora nach uns rufen. Hm, wir wollten doch eigentlich erst noch Richtung Whistler zum Skilaufen? Aber Seglers Pläne sind ja bekanntlich bei Niedrigwasser in den Sand geschrieben, also werfen wir unsere Reiseroute mal wieder um. Das Skifahren läuft uns ja nicht weg. Noch eine Visite im Holzboot-Eldorado von Port Townsend, das uns richtig gut gefällt.
Dabei schaffen wir es sogar, der “Tally Ho” einen Besuch abzustatten. Der wunderschöne und zwischenzeitlich völlig heruntergekommene Holzboot-Klassiker, der 1927 das Fastnet-Race gewann, wird derzeit liebevoll und unfassbar aufwändig renoviert. Der Eigner, Bootsbauer Leo Sampson Goolden, berichtet darüber regelmäßig in seinem YouTube Channel, sehr sehenswert!
Trotzdem, nach nur einer Übernachtung fahren wir zurück nach Port Angeles, nehmen die Fähre hinüber nach Victoria und brausen zurück zu unserem Zuhause. Bei unseren Freunden Lynn und Wulf wollen wir eigentlich nur Floras Schlüssel abholen, die beiden haben sich in unserer Abwesenheit ganz wunderbar um das Wohlergehen unseres Schiffes gekümmert. Aber die Einladung zu einem Willkommensessen schlagen wir natürlich nicht aus.
😊
Und jetzt sind wir erst einmal wieder auf unserer Flora im Hafen von Campbell River. Fühlt sich sooooo gut an.
Wir sind wieder am Pazifik. Der Roadtrip durch die USA ist noch nicht ganz zu Ende. Aber immerhin: den Ozean, auf dem Flora derzeit schwimmt, den haben wir wieder erreicht.
Von Portland fahren wir zunächst in das Örtchen Seaside und erreichen dort den Ozean. Und das ziemlich nahe einer historischen Stelle, wie uns die Statue von Lewis und Clark oberhalb des breiten Sandstrandes von Seaside deutlich macht.
“End of the Trail“ (Ende des Weges) lautet die Inschrift am Sockel des Denkmals, daneben die Namen Lewis und Clark. Mehr braucht es wohl nicht, denn die beiden und ihre Geschichte kennt in den USA jedes Schulkind. Und doch, eigentlich wird nicht das Ende ihres Weges markiert, sondern der Punkt, an dem sie umkehrten. Wohl aber ist es der Schlusspunkt des “Lewis and Clark National Historic Trail”, mit 5.950 km einem der längsten Wanderwege und Routen im umfangreichen vom National Park Service betreuten Trail-System der USA.
Der Hintergrund ist eine abenteuerliche Expedition. Die Vereinigten Staaten hatten 1803 von Frankreich dessen koloniales Gebiet westlich des Mississippi und von New Orleans hinauf bis etwa zur heutigen kanadischen Grenze bei Montana gekauft (und damit Napoleons Kriegskasse für seine Europäischen Expansionspläne aufgefüllt). Mit dieser Innenpolitisch hoch umstrittenen Entscheidung wurde das Staatsgebiet der USA etwa verdoppelt. Allerdings war einigermaßen unklar, was man da eigentlich genau erworben hatte. Und so veranlasste Präsident Jefferson eine Expedition, auf der neben möglichst umfangreicher Kartierung insbesondere schiffbarer Flüsse versucht werden sollte, soweit wie möglich nach Westen in dieses unbekannte Gebiet oder gar bis zum Pazifik vorzudringen und zudem Informationen über die geographischen Gegebenheiten, aber auch über die indigenen Bewohner und über Pflanzen und Tiere zu sammeln.
Die von Lewis und Clark geleitete Expedition bestand im Kern aus 33 Personen (überwiegend Soldaten) und startete im Mai 1804. Zunächst den Missouri hinauf arbeiteten sie sich dann durch die Great Plains. Dort konnten sie einen französischen Pelzhändler und – wohl ziemlich entscheidend – dessen Frau (eine indigene Shoshone) für die Expedition gewinnen. Nach der ersten Überwinterung ging es über die Rocky Mountains auf Pferden, die sie von Shoshone-Indigenen durch Tauschhandel erwarben. Danach folgten sie dem Clearwater River zum Snake River und weiter zum Columbia River. Im November 1805 erreichten sie den Pazifik, überwinterten in der Nähe des heutigen Seaside und schafften tatsächlich auch den Rückweg. Ende September 1806 erreichten sie St. Louis.
Was für eine Reise, was für eine erfolgreiche Expedition. Damit war klar: der Weg nach Westen ist möglich. Und die weitere Entwicklung der USA nahm ihren Lauf.
Dort, wo Lewis und Clark den Pazifik erreichten, an der Mündung des Columbia River, liegt auf der Oregon-Seite des Flusses die Stadt Astoria, unser nächstes Ziel. Wir schauen uns das interessante Columbia River Maritime Museum an.
Der Fluss ist eher ein Strom, riesig breit und weit hinauf schiffbar. Mit Flora könnten wir auf unserer geplanten Fahrt die Westküste hinunter hier Station machen. Allerdings liegen fast alle potentiellen Zwischenstops an dieser Küste in Flussmündungen, so wie eben dieser. Und praktisch alle Mündungen hier an der Nordwestküste weisen eine flache Barre auf, die gemeinsam mit der ungebremst anrollenden Pazifikwelle und dem oft auftretenden Nebel die Einfahrt häufig gefährlich macht.
Vielleicht doch lieber ein langer Schlag weiter draußen vor der Küste? Müssen wir ja erst irgendwann im Juli oder August entscheiden, also: mal sehen.
Unser Roadtrip führt uns weiter durch Minnesota hinauf in Richtung der Großen Seen. Zunächst weiter durch flache Landschaft mit viel Landwirtschaft, schnurgerade Straßen. Abwechslung bringen die immer mal wieder in Gegenrichtung vorbeifahrenden Häuser 😁.
Eine Zwischenstation machen wir noch, wir übernachten in Minneapolis. Anders als der Name vermuten lässt, ist das zwar die größte Stadt, nicht aber die Hauptstadt von Minnesota. Diesen Titel führt das gleich nebenan ein paar Meilen flussabwärts am Mississippi liegende St. Paul. Gemeinsam bilden sie die Metropolregion „Twin Cities“. Für uns eine Wundertüte, wir wissen nicht so recht, was uns erwartet. Als Volltreffer erweist sich der Tip, nicht direkt zum Stadtzentrum, sondern zunächst entlang der „Chain of Lakes“ zu fahren. Der inoffizielle Beiname von Minnesota ist „land of 10.000 lakes“, tatsächlich ist die Zahl der Seen sogar noch größer. Und selbst das Stadtgebiet von Minneapolis trägt dazu bei. Neben vielen kleineren Wasserflächen am markantesten mit eben dieser Kette von Seen, der größte (Bde Maka Ska / See der weißen Erde) etwas größer als die Außenalster. Auch die Villen am Ufer, die Parks und die Wassersportmöglichkeiten müssen sich hinter denen an Hamburgs zentralem Wasser nicht verstecken. Nur eben, dass es hier gleich eine Kette von Seen gibt. An denen entlang fahren wir in Richtung Downtown. Gleich gegenüber vom Hotel liegt ein großes Theater in futuristischem Design, das Guthrie Theater. Kein Wunder, schließlich ist die Pro-Kopf-Dichte an Theatern außer in New York nirgends in den USA so hoch wie in Minneapolis. Hatten wir so nicht erwartet.
Eine weitere Besonderheit in Minneapolis ist historisch bedingt: durch mit Wasserkraft betriebene sehr effektive Groß-Mühlen wurde hier, am Oberlauf des schiffbaren Mississippi besonders feines Mehl gemahlen. So wurde die Stadt zwischen 1880 und 1930 zu einem der wichtigsten Standorte für die Mehlproduktion in den USA. Zudem konnte das Mehl über den Fluss und die Eisenbahnlinie nach Chicago auch günstig an die Abnehmer weitergeleitet werden. Die riesigen Pillsbury und Gold Medal Flour Reklamen auf den historischen Produktionsanlagen und Speicher zeugen noch heute davon.
In die erhaltenen Ruinen in Downtown hinein wurde das moderne „Mill City Museum“ hineingebaut, am Tag unseres Besuchs war es allerdings leider geschlossen. Also trotz der Kälte noch ein Gang über die alte Eisenbahnbrücke, die heute die beiden Ufer für Fußgänger und Radfahrer verbindet.
Ein weiteres Industriedenkmal besichtigen wir am nächsten Tag bei einem Stop in Duluth.
Die Hubbrücke wurde 1905 als Schwebefähre gebaut, später umgebaut und 1930 in jetziger Form eröffnet. Größere Frachtschiffe, insbesondere die “Laker” können so durch den unter ihr verlaufenden Kanal in den Hafen von Duluth einlaufen, der dadurch an Bedeutung für den Verkehr auf den großen Seen gewann.
Das Museum gleich neben der Hubbrücke informiert über die speziellen Laker, schlanke (wegen der Schleusen) Frachtschiffe, oft mit dem Steuerhaus vorn auf dem Bug. Sie transportierten neben anderen Gütern Getreide und vor allem Eisenerz über die großen Seen und zum Teil den Sankt Lorenz Strom hinunter. Insbesondere aber auch zu den Stahlwerken an den unteren Seen.
Spannend auch die großen Seen selbst:
Das obere Schaubild zeigt das Volumen der Seen (das etwa dem der Ostsee entspricht) und die unterschiedlichen Höhenlagen einschließlich der sich daraus ergebenden Niagara-Fälle. Das untere Relieffpanorama macht auch deutlich, wie wir uns hier, am Ostende des Lake Superior (Oberer See) relativ zu Lake Michigan, Lake Huron, Lake Erie und Lake Ontario befinden.
Diese riesigen Inlands-Wassermassen sorgen auch für besondere Klimabedingungen – eben die “Lake Effects”. Im Winter kann das zu plötzlichem extrem starken Schneefall führen, so wie es gerade in dieser Woche wieder in der Gegend der unteren Seen auftrat. Polar kalte Winde Streifen dann (zumeist von Nordwesten her) über die noch relativ warmen Seen, der aufgenommene Wasserdampf geht am Lee-Ufer als Schnee nieder.
Am Nordwestufer des Lake Superior entlang fahren wir zum Glück ohne aktuellen Schneefall durch eine wunderbare Winterlandschaft. Unsere Segelfreunde Kim und Chuck (La Rive Nord) haben uns nach Lutsen eingeladen, kurz vor der Kanadischen Grenze. Wir haben die beiden an der US-Ostküste kennengelernt, unterwegs in Antigua, Puerto Rico, den Bahamas und Annapolis wieder getroffen und sind immer in Kontakt geblieben.
Sie haben ihr altes Haus in Lutsen verkauft, das neue ist noch im Bau. So wohnen wir gemeinsam mit ihnen im Haus ihrer Freunde. Mitten im Ahorn-Wald, einige Kilometer außerhalb des Ortes.
Mit Chuck machen wir unsere erste Schneeschuh-Wanderung, hinunter zum Fluss. Es ist herrlich, wobei: nicht immer ist die Natur im tief verschneiten Wald unberührt. Was sind das für Schläuche zwischen den Bäumen?
Na klar: hier wird Ahornsirup gemacht. Die Bäume werden angezapft, die Flüssigkeit dann per Vakuum aus den Schläuchen gesaugt und verarbeitet, etwa 40 Liter Saft benötigt man für einen Liter Ahornsirup.
Der Saft fließt nur, wenn die Bäume am Ende des Winters Nährstoffe von den Wurzeln zu den Trieben zu transportieren beginnen, es nachts friert und tagsüber Plus-Temperaturen herrschen. Und auch sonst ist es tricky, je nach Periode werden unterschiedlich dunkle und unterschiedlich schmeckende Säfte abgegeben, die dann nach Verdickung zu dem gewünschten Sirup zusammengestellt werden (blending).
Carrey und Michael erklären uns das in einem kleinen Nebengebäude ihres Hauses, der Abfüllerei ihres preisgekrönten “Wild Country pure Maple Syrup”.
Aber auch Kim und Chuck produzieren in Lutsen Lebensmittel: unser nächster Ausflug führt in ihre Weinkellerei, die “North Shore Winery”.
Trifft sich doch gut, dass sie dort heute auch noch Live-Musik veranstalten 😊.
Ausklingen lassen wir das Ganze am Lagerfeuer im Schnee zurück bei Carrey und Michael:
Ausflüge in die Umgebung mit ihrer herrlichen Natur, mehrfach wunderbare Bewirtung bei Freunden, spannende Vorträge und Anschauungsunterricht im Schneeschuhbau bei der Folk School, die Tage mit Kim und Chuck vergehen unfassbar schnell.
Danke für die wunderschöne Zeit mit Euch!
Für uns geht es auf unserem Roadtrip weiter, zunächst durch Wisconsin und Illinois nach Chicago am Südwestufer des Lake Michigan. Es ist schon dunkel als wir dort ankommen.
Frühe Weihnachtsbeleuchtung und der Beginn der legendären Route 66 fallen ins Auge, aber die geschäftige Stadt bleibt doch nur eine Durchgangsstation, wir fahren nach einer kleinen Tour durch Downtown doch noch bis kurz vor Mitternacht weiter, rasten erst hinter Indianapolis in Indiana. Dann am darauffolgenden Tag weiter durch Ohio, West Virginia und Pennsylvania nach Maryland. Ganz schön viel Strecke in zwei Tagen, aber wir kommen gut (und wie geplant rechtzeitig vor Thanksgiving) bei unseren Freunden Greg und Michael in der Nähe von Washington DC an.
Dort ist noch ein bisschen Ruhe angesagt und dann fliegen wir auch schon bald nach Deutschland. Der erste Teil (also West nach Ost) unseres Roadtrips durch die USA liegt schon hinter uns. Anfang Februar werden wir wieder in die USA fliegen. Dann soll der zweite Teil des Roadtrip-Abenteuers folgen, über eine etwas südlichere Route zurück von der Ostküste nach Westen und nach Vancouver Island.
Im Schneetreiben geht es weiter. Statt wie ursprünglich gedacht über die Black Hills zu fahren bleiben wir lieber auf der i90, die in einem kleinen Bogen nördlich um die Berge herum führt. Damit verpassen wir auch Mount Rushmore, jenes ikonische Monument der vier der US-Päsidenten Washington, Jefferson, Lincoln und Roosevelt, deren Portraits hier 18 m hoch in den Granit des Berges gemeißelt wurden. Allerdings hätten wir bei der schlechten Sicht wohl ohnehin nur Schemen davon zu Gesicht bekommen.😁
Immerhin, auf der Weiterfahrt hört es langsam auf zu schneien und so können wir den berühmten „Badlands National Park“ in South Dakota besuchen.
Die „Badlands“ sind eine fast unwirklich erscheinende Erosionslandschaft in der Gras-Prärie. Mit Hochebenen, auf denen wiederum Bisons grasen, durchzogen von tiefen Tälern, aber auch mit schroffen und spitzen Felsenlandschaften, die eher an verwitterte Tempelstädte als an den Meeresgrund erinnern, auf dem diese Gebilde tatsächlich vor Urzeiten entstanden.
Ein faszinierender, mystischer Ort.
Von da ab geht es die nächsten anderthalb Tage ungefähr so weiter:
Wir fahren durch die Kornkammer der USA, naja, jedenfalls einen Teil davon. Quer durch South Dakota und dann durch Minnesota auf endlosen geraden Straßen mit Kornfeldern rechts und links.
Heute gilt es mal wieder, Strecke zu machen. Wir verabschieden uns von unseren Gastgebern in Jackson, starten gegen 8.00 Uhr. Dann fahren wir den ganzen Tag, mit nur kurzen Pausen, bis wir um 17.00 Uhr in einem Motel in Gillette einchecken. 416 Meilen, also 670 km haben wir zurückgelegt, grob gesagt etwa von West nach Ost. Hört sich nicht sonderlich viel an für 9 Stunden.
Und doch – was für Eindrücke!
Zunächst mal: die ganze Fahrt führt über keine einzige Bundesstaatsgrenze, wir sind ausschließlich in Wyoming unterwegs.
Start in Jackson mit Blick auf die Teton Range
Einen kleinen Abstecher von der Route erlauben wir uns gleich am Ortsausgang von Jackson. Wir würden so gerne noch Elche sehen (hier in Nordamerika „Moose“ genannt). Lisa und Are haben dazu einen Tip parat, nur ein paar Meilen Richtung Kelly, dort sollte es morgens klappen. Und, na klar:
Und dann geht es weiter. Mehrere Pässe von rund 10.000 Fuß bzw. knapp 3.000 m Höhe liegen auf unserer Strecke. Hochebenen, wild zerklüftete Landschaft, Flusstäler, Prärie, alles ist dabei auf der Strecke über Dubois, Shoshoni, Thermopolis, Ten Sleep und Buffalo nach Gillette.
Ein paar Eindrücke von der Strecke (in der Reihenfolge wie das Wetter und die Straßenverhältnisse auch wechselten):
Zwischendurch auch ganz schön anstrengend, die letzten zwei Stunden durchweg festgefahrene Schneedecke, aber: ein ziemlich abwechslungsreicher Tag 😊
Nach dem Abstecher in den Yellowstone Nationalpark fahren wir ein kleines Stück zurück bis nach Bozeman, verlassen dann Montana und über teils ziemlich festgefahrene Schneedecken auf den Straßen in Idaho geht es unserem nächsten Ziel entgegen.
Die Grand Teton Mountain Range taucht am Horizont auf, da wollen wir hin.
Ein weiterer Gebirgspass (eben der Teton Pass) ist dafür zu bewältigen, knapp 2.600 m hoch, dann gehts wieder ein bisschen hinunter nach Jackson, Wyoming. Wunderschön auf einer Hochebene (etwa 1.900 m) umgeben von alpinen Gebirgen gelegen, entsprechend derzeit tief verschneit.
Unsere wunderbaren Gastgeber Lisa und Are sind Verwandte von Chief Jan. Sie nehmen uns nicht nur in ihr Haus auf und bewirten uns aufs Köstlichste, sie geben uns auch den Tip, zum nahegelegenen „National Elk Refuge“ zu fahren. Dieses Schutzgebiet für Wapitihirsche wurde bereits 1912 eingerichtet um den Hirschen sichere Winterweideflächen zu ermöglichen. Die Wapiti ziehen mit beginnendem Winter in großen Wanderungen aus ihren Sommerrevieren hauptsächlich im Yellowstone Nationalpark hierher, wo sie leichter Futter finden können (und gegen Ende des Winters auch umstrittene Zufütterungen erhalten). Nach offiziellen Angaben kommen jährlich über 7.000 Wapiti, auch Zahlen über 10.000 werden genannt.
Lisa und Are machen uns zudem Hoffnung, dort auch „bighorn sheep“, also Dickhornschafe entdecken zu können. Und tatsächlich, kaum einen Kilometer hinter der Einfahrt in das National Elk Refuge treffen wir auf sie. Bei den alten Böcken drehen sich die Hörner ganz im Kreis, bilden manchmal gar den Ansatz zu einer zweiten Drehung. Diese hier sind also noch etwas jünger, manche auch noch ganz klein, aber Dickhornschafe können ausgewachsen bis zu 140 kg wiegen. Das Gehörn ist dennoch auch bei den jüngeren Böcken schon ziemlich imposant (bei den Weibchen sind die Hörner kürzer und gehen kaum gekrümmt nach hinten.
Und ein Stückchen weiter sehen wir unsere erste wirklich große Herde von Wapiti-Hirschen (Elk). Über 100 dieser majestätischen Tiere haben sich in der Ebene gleich hinter Jackson versammelt, bei der Weiterfahrt sehen wir noch mehrere, teils sogar deutlich größere Ansammlungen dieser Tiere.
Schon auf der Fahrt nach Jackson haben wir unzählige Hinweisschilder auf Trails gesehen und natürlich möchten wir auch hier in Jackson mit dieser phantastischen Landschaft gerne eine Wanderung machen. Lisa und Are empfehlen uns den Hike zum Taggart Lake im Teton Park und es ist tatsächlich eine herrliche Wanderung auf einem gut 6 Kilometer langen Rundweg. Tourenski-Geher und Schneeschuh-Wanderer haben in den Tiefschnee bereits eine zwar schmale, aber feste Rinne gedrückt. So lässt es sich gut wandern.
Und danach machen wir noch einen Besuch im Ortskern von Jackson. Eigentlich ein Touristenmagnet, aber durch den frühen Wintereinbruch noch nicht überlaufen, zumal die Skigebiete erst später in diesem Monat öffnen werden.
Was ganz besonders ins Auge fällt, sind die vier Torbögen am zentralen Platz, die alle komplett aus echten Hirschgeweihen errichtet wurden.
Wohlgemerkt: dafür musste keines der Tiere geschossen werden. Die Geweihe können im Frühjahr im National Elk Refuge eingesammelt werden, denn im Winter werfen es die Hirsche ab, bilden im Frühjahr „Noppen“ aus und bis zum Spätsommer wächst dann das neue, noch verzweigtere Geweih. Für Nachschub ist also gesorgt.