Die Hurrikansaison im östlichen Nordpazifik sollte vorbei sei, der nationale US-Wetterdienst NOAA sagt uns keine tropischen Sturmaktivitäten mehr voraus. Das Wetterfenster sieht kurzfristig auch gut aus, bevor der Wind dann erstmal auf Süd drehen wird, also:
Es geht wieder weiter. Tschüß San Diego, good bye USA. Wir haben die US-Ostküste von Maine bis hinunter nach Key West besegelt, Hawai’i, Alaska und die Westküste von Washington bis Kalifornien, dazu noch die ausgedehnten Roadtrips zweimal quer durch dieses riesengroße und vielfältige Land. Dankeschön USA, wir haben Dich sehr genossen.
Jetzt sind wir ausklariert für Mexiko, heute Nacht geht’s los, damit wir bei Tageslicht in Ensenada (unserem Einklarierungshafen in Mexiko) ankommen.
Ob Sportboote überhaupt aus den USA ausklarieren müssen, ist ähnlich umstritten wie das Ausklarierungserfordernis für Europäer auf den Kanaren für den Törn zu den Kapverden.
Auch hier gilt: viele tun es nicht und holländische Freunde von uns konnten ohne hiesige Ausklarierung in Ensenada einchecken. Allerdings: als wir vor zwei Jahren auf der Atlantikseite von Key West nach Isla Mujeres gesegelt sind, wollten die mexikanischen Behörden das “Zarpe”, also die Clearance ihrer amerikanischen Kollegen, unbedingt sehen. Zumindest rein formal ist es ein Erfordernis.
Also machen wir uns hier in San Diego mit einem ausgefüllten Formular CBP 1300 und einer Crewliste auf den Weg zum Flughafen, um uns die Stempel abzuholen. Leider ist das Büro der CBP scheinbar geschlossen, ist aber ja auch Sonntag. Am Info-Schalter im Flughafen bekommen wir eine Telefonnummer und die angerufene CBP versichert uns, wir seien richtig, sollten in der Erdgeschoss-Lobby des blauen Gebäudes im internationalen Bereich warten, ein Kollege würde uns abholen. So geschieht es.
Drinnen stellt sich dann heraus, dass unsere Hawaii-Einreise im Computer ist, die Einreisen in Alaska und in Oregon aber in einem anderen System abgelegt wurden und erst gesucht werden müssen. Macht nichts, wir können es belegen und irgendwann findet es sich auch im System oder wird dahin übertragen. Dauert ein bisschen, aber die Officer sind super freundlich, machen Kopien und geben uns auch Formulare für Jan von der beAtitas mit, der uns zum Flughafen begleitet hat, um sich das auch ihn erwartende Prozedere schon mal anzuschauen.
Ein Abschiedsessen / Sundowner auf der Flora mit den befreundeten Crews Heather & Jim von der Kavenga sowie Pauline & Mark von der Sari Timur, die ebenfalls bald nach Mexiko aufbrechen wollen.
Alle Amazon-Pakete sind abgeholt, Tanks gefüllt, Müll weggebracht.
Wir ankern vor Santa Barbara. Erstmal. Die Nacht ist dann etwas unruhig, die nächsten Tage soll die See noch bewegter sein, der nationale Wetterdienst hat sogar eine „Small Craft Advisory“ herausgegeben. Die Wind- und Wellenwarnung ist zwar nicht dramatisch, aber unangenehm würde es am Ankerplatz wohl schon werden. Deshalb möchten wir in den Hafen gleich nebenan verholen. Über Funk und Telefon bekommen wir allerdings jeweils Absagen: kein Platz, vielleicht später noch mal probieren. Also erkunden wir erst einmal zu Fuß die Stadt, sie gefällt uns auf Anhieb richtig gut.
Auf dem Rückweg gehen wir beim Hafenmeister vorbei, schildern die Situation. Die Antwort ist gleich: kein Platz. Aaaaber: als wir ins Spiel bringen, dass wir auch ins Päckchen gehen würden (was in Nordamerika nicht so üblich ist wie in Deutschland oder Dänemark) fällt dem Hafenmeister ein, dass ja die Small Kraft Advisory im Raum steht und der Hafen ein „Safe Harbor“ (also ein Schutzhafen) ist. Er weist uns einen Platz an einer (der vier!) Absaugstationen des Hafens zu. Zuerst sollen wir aber am Ankunftspier anlegen und mit unseren Papieren ins Büro kommen. Machen wir prompt. In der Zwischenzeit hat er dann doch eine Box für unser Schiff gefunden. Wir berichten Heather und Jim auf der draußen vor Anker liegenden „Kavenga“ davon, die darauf hin auch herein an die Ankunftspier kommen und für die der Hafenmeister nach Hinweis auf die Small Craft Advisory ebenfalls eine Box findet.
Mit dem Anlegen an der Ankunftspier hat es in Santa Barbara übrigens eine besondere Bewandtnis. Bei allen Booten mit WC an Bord kommt nämlich ein Offizieller an die Pier und platziert eine Färbe-Tablette im WC. So soll verhindert werden, dass heimlich (und illegal) die Fäkalien in das Hafenbecken entleert werden. Eigentlich gut, nur wären die Bemühungen zum Umweltschutz deutlich überzeugender, wenn die Bohrinseln vor der Küste nicht dafür sorgen würden, dass wir auf der Anfahrt zum Hafen mehrfach durch riesige, stinkende Ölteppiche fahren müssen. Beim ersten Mal haste ich ins Boot, reiße die Tür zum Motorraum auf. Aber nein, der Gestank kommt von draußen und wir fahren durch regenbogenfarbig schillernde Lachen auf dem Wasser. Ob die aktiven Bohrinseln wirklich die Verursacher sind, können wir nicht mit Sicherheit sagen, die Seekarte weist an diesen Stellen auch mehrere „Sub Surface Well ; Heads Covered“ aus, also abgedeckte ehemalige Quellen.
Die Stadt Santa Barbara allerdings nimmt uns sofort für sich ein. Palmenalleen am Strand entlang, dann wunderschöne Gebäude den gemächlich ansteigenden Hang hinauf bis die Berge dann mit Steilhängen in die Höhe zu schießen scheinen.
Sehr schön lässt das vom Uhrenturm des Gerichtsgebäudes aus anschauen, wobei man in der Ferne auch die Bohrinseln ausmachen kann:
Das Gerichtsgebäude ist aber auch sonst einen Besuch wert. Obwohl es in Betrieb ist (während unseres Besuchs fanden auch Verhandlungen statt, wenn auch nicht im Mural-Gerichtssaal) kann es kostenfrei besichtigt werden.
Und die Stadt: einfach WOW!!!
Vor allem in der zentralen Fußgängerzone, aber nicht nur dort, stehen bunt bemalte Klaviere. Sie werden genutzt. Manchmal klimpern Kinder, häufig aber setzt sich für kurze Zeit ein Passant ans Klavier und lässt die vorbei Spazierenden meist erfreut aufhorchen. Auch Wiebke gibt ein kurzes – längst verschollen geglaubtes – Musikstück aus ihrer Jugend-Klavierlern-Phase zum Besten. Klappt.
Im gesamten Innenstadtbereich finden sich alte Gebäude im Adobe-Stil, aber auch viele neuere Bauten, die Optik dieses Lehmziegelstiles aufnehmen, manchmal auch neu interpretieren.
Wir sind begeistert. Was wir aber leider nicht finden: der örtliche REI (Outdoor-Spezialist) hat leider das aufblasbare Doppelkanu nicht vorrätig, mit dem wir schon einige Zeit liebäugeln. Der Versand hierher würde zu lange dauern.
Wenn das Kanu nicht zu uns kommt, wie kommen wir zu ihm? Wiebke googelt, der REI in Burbank bei Los Angeles hat noch eins. Wir sichern es uns telefonisch und mieten ein Auto. Der nächste Landausflug steht also fest.
In Burbank holen wir das Kanu ab, und wo wir schon in der Nähe sind, reicht es auch für Hollywood und einen Blick auf L.A.
Die Rückfahrt über führt dann über Beverly Hills, das letzte Stück der Route 66 nach Santa Monica ans Meer und dann wieder auf dem Highway 1 am Pazifik entlang nach Santa Barbara. Eine Teilstrecke geht es auf dem “El Camino Real” (dem Königsweg), der die spanischen Missionsstationen zwischen Santa Bruno auf der Baja California und dann San Diego und San Francisco verbindet. 21 Missionen waren es ursprünglich, jeweils etwa 50 km bzw. einen Tagesritt voneinander entfernt. Mit diesen verleibten die Spanier ab 1684 nach und nach diese Region ihrem damaligen Weltreich ein. Geblieben sind die spanischen Namen der katholischen Heiligen, nach denen die Missionen benannt wurden. Oft sind es noch heute die Namen der Städte, deren Keimzelle die entsprechende Mission bildete. So wie in San Diego, in San Francisco und eben auch in Santa Barbara.
Heute machen wir – neben einem weiteren langen Gang durch die wunderschöne Stadt – auch gleich eine kleine Probefahrt mit unserem neuen Zweit-Dinghy, dass sich dann auch besser den Strand hinauf tragen lässt. Das Paddeln klappt ganz gut und macht uns richtig Spaß.
Wir sind wieder unterwegs in Richtung San Francisco. Drei Stops haben wir nach Verlassen der kanadischen Gewässer unterwegs bereits eingelegt.
Da war zunächst Neah Bay in Washington State. Nach einem abgebrochenen Versuch klappt es beim zweiten Mal. Wir runden Cape Flattery im ersten Sonnenlicht.
An der schönen aber auch rauen Küste von Washington und Oregon mit ihren prägnanten Felsen geht es hinunter bis zu unserem Etappenziel Newport. Kein wirklich angenehmer Törn, obwohl wir nur selten die vorhergesagten 30 kn in Böen haben, wobei der Wind und die Wellen achterlich kommen. Aber es sind gut 200 Seemeilen, also ein Übernachttörn. Und ich bin seekrank. Kann zwar meine Wachen gehen, behalte aber nichts bei mir, füttere mehrmals die Fische. Nicht ungewöhnlich für die erste längere Offshore-Passage nach den kurzen Hüpfern an der Küste, da muss ich jetzt durch und hoffen, dass die See-Beine sich schnell wieder einstellen.
Die Einfahrt nach Newport klappt gut, Wind und Welle haben wie vorhergesagt nachgelassen. Wir passieren die Barre ohne Probleme und motoren unter der in den 1930er Jahren gebauten imposanten Bay Bridge hindurch den Yaquina River hinauf.
Der Ankerplatz liegt gleich hinter dem Zentrum von Newport in einer Flussbiegung. Abgesehen davon, dass direkt hinter der Flora die Verbände auf Schleppverband (seewärts) oder Schubverband (flussaufwärts) umgestellt werden ist es ziemlich ruhig.
Eben noch hinter der Schute schiebend, jetzt als Schlepper im Einsatz. Der fahrende Leuchtturm 😉
Aber es stinkt. Die Fischverarbeitungsfabrik am Ufer schickt Schwaden von wenig wohlriechender Bestätigung ihrer Aktivitäten herüber. Wir bleiben trotzdem zwei Nächte, denn das Einklarieren in die USA zieht sich etwas hin. Wir haben den Antrag online über die App CBP ROAM gestellt, nachdem wir gegen 16.00 Uhr geankert hatten. Sofort erhalten wir eine Meldung:
“Your request has been submitted and is awaiting review by a CBP officer. Status: Pending”
Am nächsten Morgen hat sich daran nichts geändert. Gegen 9.00 Uhr bekommen wir immerhin schon mal die Bestätigung, dass unsere Cruising License erteilt wurde. Gut, damit ist Flora drin. Aber wir sind halt noch nicht offiziell eingereist. Kurz darauf eine neue Meldung:
“Your request is being processed by a CBP Officer. Please stand by for a video interview or confirmation. Status: Processing”
Und dabei bleibt es dann den Tag über. Am Nachmittag werden wir langsam unruhig. Newport in Oregon ist “Port of Entry”, aber die CBP ist hier offenbar nicht mehr vor Ort. Die angegebene Telefonnummer führt nur zur Auskunft: ist nicht mehr vergeben. Die nächstgelegene CBP-Station ist Coos Bay. Dort landen wir auf dem Anrufbeantworter, unsere Telefonate brechen aber bereits vor dem Piepton immer an der selben Stelle ab. Die allgemeine Nummer der CBP probieren wir auch, aber an der Ostküste der USA ist schon Büroschluss. Hm.
Und dann plötzlich: Pling. “Approved”. Kurz danach auch die Email-Bestätigung. “Enjoy your stay”. Wir sind eingereist und dürften an Land gehen. Fein. Aber lieber bereiten wir Flora auf die Weiterreise am nächsten Morgen vor. Das Wetterfenster passt für eine weitere Übernachtfahrt nach Crescent City im nördlichen Kalifornien.
Die vielen Seelöwen fühlen sich von dem Geruch der Fischfabrik eher angezogen. Und riechen selbst auch ziemlich intensiv.
Es wird ein ziemlich flotter Ritt, diesmal aber zum Glück ohne Seekrankheit. Der Wind nimmt wie vorhergesagt kräftig zu, die Welle bleibt aber noch mäßig. Mit Reffs im Großsegel und in der ausgebauten Fock rauschen wir gen Kalifornien.
Dass die Sonne wieder so außerordentlich rot ist, liegt an den vielen Staubpartikeln in der Atmosphäre. Die stammen von den verbreiteten Waldbränden. Leider hat das auch Auswirkungen auf unseren Aufenthalt in Crescent City. Das ansonsten nicht sonderlich attraktive (und 1964 und 2011 jeweils von verheerenden Tsunamis heimgesuchte) Städtchen bietet sich für einen Ausflug in den Redwood Nationalpark ganz in der Nähe an. Hätten wir sehr gerne gemacht, ist aber zur Zeit nicht möglich. Die Waldbrände sind zwar außerhalb des Parks, aber unzählige Feuerwehrleute versuchen das Übergreifen auf die uralten Baumriesen zu verhindern. Die Motels in Crescent City sind mit Rettungskräften belegt, Feuerwehrfahrzeuge überall.
Also wieder eine Planänderung: gemeinsam mit der Joy laufen wir schon am Tag nach unserer Ankunft wieder aus. Damit können wir es (hoffentlich) noch vor dem nächsten von Süden heranziehenden Starkwindfeld um das berüchtigte Kap Mendocino herum zur Drakes Bay eben nördlich von San Francisco schaffen. Zwei Tage und zwei Nächte werden wir dafür wohl unterwegs sein. Drückt uns die Daumen.
Was hat Mecklenburg-Strelitz mit Haida Gwaii zu tun? Unmittelbar nichts. Aber mittelbar in Form der kolonialen Namensgeschichte der Inselgruppe dann doch eine ganze Menge.
Sophie Charlotte von Mecklenburg-Strelitz heiratete 1761 mit 17 Jahren König George III und wurde Königin von England und Irland. (Trivia: sie hat die Tradition des Weihnachtsbaums in England eingeführt). Nach ihr wurde nicht nur die Paradiesvogelblume “Strelitzia” benannt, sondern auch das Schiff HMS Queen Charlotte, mit dem Kapitän George Dixon in den Jahren 1786 und 1787 die Küsten Nordwestamerikas erkundete, Pelzhandel betrieb (er verkaufte die Felle später in China) und eben auch für die Europäer die Inselgruppe Haida Gwaii (Inseln des Haida Volkes) sowie die Durchfahrt zwischen diesem Archipel und dem zu Alaska gehörenden Prince of Wales Island entdeckte. Die Passage heißt nach ihm Dixon Entrance, Haida Gwaii benannte er nach seinem Schiff: Queen Charlotte Islands. Erst seit Dezember 2009 lautet der offizielle Name (wieder) Haida Gwaii.
Gut die Hälfte der insgesamt nur etwa 4.500 Einwohner dieser 300 km langen Inselgruppe sind Haida First Nation, wobei die vier Hauptorte relativ gleichmäßig jeweils etwa um die 1.000 Einwohner haben. Verwaltungssitz ist das in der Inselmitte gelegene Daajing Giids, ehemals eben Queen Charlotte City.
Das ist auch der Grund, warum wir den deutlich längeren Weg nach Daajing Giids gesegelt sind, statt den kürzesten Weg über die berüchtigte Hecate Strait zu nehmen. Denn nur hier können wir das notwendige Permit, die Genehmigung für das Besuchen des Gwaii Haanas National Park Reserve and Haida Heritage Site bekommen. Dieser Nationalpark umfasst 1.500 Quadratkilometer Fläche im heute praktisch unbesiedelten Süden der Inselgruppe. Dort befinden sich neben Rückzugsgebieten für viele Tierarten auch wichtige historische und kulturelle Stätten der Haida. Teilweise können sie besichtigt werden, wenn man sich zuvor per UKW-Funk bei dem dortigen Haida-Watchman anmeldet.
Die Stimmung in Daajing Giids gefällt uns ausgesprochen gut, die Leute sind freundlich und überaus aufgeschlossen. Die Dame vom Informationszentrum gleich am Hafen bietet uns freundlicherweise an, uns die 7 km zum Haida Heritage Centrum zu fahren.
Dort, im Haida Heritage Centrum erhalten wir eine “Orientation”, eine vorgeschriebene Einführung zum Nationalpark mit seinen Geboten und Verboten, die auch z.B. Kanuten und Wanderer und selbst Teilnehmer geführter Touren zu absolvieren haben. Wir müssen für das abgelegene Gebiet einen Törnplan einreichen und sollen auch unsere Satelliten-Telefonnummer sowie eine Notfall-Kontaktadresse angeben. Sicherheit wird beim Besuch dieses entlegenen Gebietes groß geschrieben. Aber auch die Geschichte der Inseln und des Haida-Volkes sowie deren Werte und Verhaltenserwartungen werden bei der “Orientation” vermittelt. Außerdem ist ein gutes und spannendes Museum angeschlossen (in dem aber drinnen nicht fotografiert werden darf).
Der Ort Daajing Giids ist klein, hat aber Charme und bietet einen Supermarkt zum Aufstocken von Frischwaren. Relikte der früheren Holzverarbeitung liegen an der Bucht. Die Tide von bis zu über 7 Metern bietet zudem die Möglichkeit, sein Schiff an einem „Tidal Grid“ trockenfallen zu lassen, etwa um am Propeller zu arbeiten oder das Echolot zu wechseln. Das schauen wir uns allerdings nur bei einem anderen Boot an.
Bootsarbeit bei uns bleibt aber auch nicht aus: die Ankerwinsch hatte sich leider doch nicht mit einem Hammerschlag repariert. Also bauen wir den Elektromotor der Ankerwinsch aus, was trotz der relativ guten Zugänglichkeit im Vorschiff bei dem schweren Ding doch mit etwas Bootsyoga verbunden ist, drei Arme gleichzeitig lassen sich nicht gut in den Hängeschrank quetschen. Dann wird der Elektromotor geöffnet und vom Staub der Kohlebürsten gereinigt. Nachdem der schwere Klotz wieder an Ort und Stelle gewuchtet und angeschlossen wurde, läuft die Ankerwinsch wieder. Wunderbar.
Tierbegegnungen müssen nicht auf die Weiterfahrt in den Nationalpark warten, schon im Hafen hier in Daajing Giids werden sie uns beschert. Zum einen sind da natürlich die auf Haida Gwaii sehr häufigen Weißkopf-Seeadler, aber auch die von ebenfalls schwarz-weißen Taubenteisten, die dicht an der Flora nach kleinen Fischen jagen und mit ihren knallroten Füßen und Rachen auch einen farblichen Akzent setzen.
Eine besondere Freude bereitet uns ein Fischotterweibchen. Nachdem wir sie schon ein paar mal durch den Hafen schwimmen sahen, wo sie dann unter den Stegen lautstark Muscheln abknusperte, ruht sie sich direkt neben der Flora auf unserem Schwimmsteg aus:
Außerdem machen wir noch einen herrlichen Hike in den Wald am Ortsrand.
Wiebke begutachtet einen Einschnitt für ein „Springboard“, auf dem die Holzfäller für standen, um mit Axt und Säge gut oberhalb des Wurzelbereichs ansetzen zu können.
Heute ein (Zaun-)König … (Pacific Wren)
ein Haarspecht-Weibchen (Hairy woodpecker) …
und mehrere Feuerkopf-Saftschlecker (Red-breasted sapsucker) 😁
…, eine Spechtart des Pacific Northwest, die tatsächlich in Ringen Saftlöcher in die Rinde von Bäumen hackt. Neben anderer Nahrung wie Insekten und Beeren schleckt er mit seiner Zunge eben auch den Saft aus der Borke. Zur Fütterung seiner Jungen taucht er sogar gefangene Insekten vorher kurz in den Saft ein. Ein echter Feinschmecker.
Aber bevor wir noch im wirklich guten Restaurant gleich am Hafen ebenfalls schlemmen (wieder nimmt uns ein freundlicher Autofahrer mit, dieses Mal Archie, der in den 50er Jahren aus Deutschland hierher ausgewandert ist und eine Haida geheiratet hat), flitzt uns noch etwas über den Weg und vor die Linse: ein Douglas-Hörnchen:
Fühlt sich schon seltsam an, VON NORDEN HER nach Kanada eingereist zu sein. 😊
Andererseits: schon bei der Anfahrt nach Prince Rupert kommen auch Heimaterinnerungen auf. Die wie Legosteine doppelstöckig auf Eisenbahnwaggons aufgereihten Container säumen das Ufer an Steuerbord, darunter einige von Hamburg-Süd und Hapag-Lloyd. Und auch die großen, weithin sichtbaren Containerbrücken erinnern ein kleines bisschen an unsere Heimatstadt an der Elbe.
Und vielleicht hätte sich Prince Rupert tatsächlich zu einem ähnlich großen Handelsplatz entwickelt. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts standen die Zeichen jedenfalls gut dafür. Der Hafen von Prince Rupert ist tief, im Fahrwasser durchgängig fast 40 m! Das ist nicht nur wesentlich tiefer als die Elbe in Hamburg selbst nach der Elbvertiefung sondern auch ziemlich konkurrenzlos an der Westküste Amerikas. Zum Vergleich: Los Angeles bietet gut 16 m, Seattle nur knapp 11m. Zudem ist die Strecke von und nach China wesentlich kürzer. Das brachte Charles Hays, den Vorstandsvorsitzenden der “Grand Trunk Pacific Railway” auf die Idee, neben der bestehenden Eisenbahnlinie nach Vancouver eine transkontinentalen Strecke nach Prince Rupert zu bauen (das 1907 extra dafür gegründet wurde) und den Ort zum “Metropolis des Nordens” und dominanten nordpazifischen Warenumschlagplatz auszubauen. Hays trieb das Projekt vehement voran. Aber: er starb beim Untergang der Titanic 1912 auf der Rückreise von einem Fundraising-Trip für diese von ihm als “Neue Seidenstraße” vorgestellte Infrastruktur. Mit dem Tod Hays fehlte der visionäre Antreiber, dazu kam der erste Weltkrieg, das Projekt wurde nicht mehr mit voller Kraft vorangetrieben und endete 1916 in einer Pleite.
Heute hat Prince Rupert 12.000 Einwohner, ist per Eisenbahn und Straße angebunden und hat einen Flughafen. Der Tiefwasserhafen ist nicht unbedeutend, bietet Containerbrücken und große Verladestellen für Getreide und Kohle, ist aber weit von der Vision des Charles Hays entfernt.
Das Einklarieren ist entgegen der Bedenken und Vorkehrungen (z.B. keine Eier etc. einführen) völlig unkompliziert. In der ArriveCan-App kann 72 Stunden vor der Einreise der Ort und ungefähre Zeitpunkt der Ankunft eingetragen werden, Pass- und Impfdaten können schon vorher hochgeladen und gespeichert werden. Haben wir gemacht. Nach dem Festmachen am Steg in Prince Rupert dann ein Anruf bei “Customs”, ein paar Fragen beantworten. Dann gibt der Officer uns eine Nummer durch, die wir aufschreiben und hinter die Cockpitscheibe legen sollen. “Falls Sie kontrolliert werden, das ist Ihre Report-Nummer. Damit weisen Sie nach, dass Sie korrekt eingereist sind.” Das war’s. O.k, dann kriegen wir wohl keinen Stempel im Pass.
Der Hafen ist rappelvoll, wir quetschen uns längsseits in eine Lücke, in die wir nach Abmontieren des Bugspriets gerade so eben hineinpassen, wenn wir mit dem Bug nah am Schwimmsteg festmachen und mit dem Heck etwas weiter weg und damit leicht schräg vor dem Päckchen hinter uns liegen. Na ja, immerhin klappt das Manöver auf Anhieb. Freizeitboote sind übrigens klar in der Minderzahl gegenüber den Fischern.
Über sechseinhalb Meter beträgt der Tidenhub, da wird der Aufgang vom Schwimmsteg schon ziemlich steil.
Der vordere (leere) Teil des Hafens darf nur zum Be- und Entladen angefahren werden
Da müssen wir aber hoch, schließlich wollen wir die Stadt nochmal nutzen.
Wir gehen ins Kino (Top Gun), kaufen eine kanadische SIM-Karte fürs Handy, außerdem die in Kanada für das Lachsangeln vorgeschrieben Angelhaken ohne Widerhaken. Machen einen tollen Spaziergang auf einer stillgelegten alten Bahnstrecke am Wasser entlang nördlich des Hafens aber mit zum Teil spektakulären neuen Brücken. Besuchen die örtliche Mikro-Brauerei.
Außerdem müssen wir Lebensmittel bunkern, die nächsten Wochen wird es dazu wohl nicht allzu viel Gelegenheit geben. Der nördliche Teil der Küstenregion von British Columbia weist noch weniger Ortschaften auf als das südliche Alaska, es warten einsame Ankerbuchten.
Und dahin segeln wir jetzt. Heute sogar mal unter Gennaker.
Bärenspray und Gummistiefel haben wir. Und was brauchen wir noch? ganz klar, wenn wir Lachs zu den Salmonberries wollen: eine Fishing Licence! Zu Alaska hat wohl fast jeder Bilder im Kopf, auf denen sich die Lachse dicht an dicht die Flüsse und Bäche hinaufdrängeln und den Grizzlybären wie im Schlaraffenland in die weit geöffneten Mäuler hüpfen. Bei dem sprichwörtlichen Fischreichtum hier in Alaska wäre es ja sträflich, wenn wir nicht angeln 🎣 dürften.
Zumal es auch nicht so einfach ist, hier Fisch zu kaufen. Dem Vernehmen nach ist es den Fischern verboten, direkt vom Kutter zu verkaufen. Große Fischereischiffe gibt es viele, was auch daran liegt dass Fischfarmen in Alaska verboten sind. Anders in British Columbia, dort gibt es dafür viel weniger Fischer. Wie auch immer, das einzige Fischgeschäft an Sitkas Hauptstraße bietet nur Konserven an, die die Touristen als Geschenk mitnehmen können. Und im Supermarkt kostet eine Scheibe abgepacktes Lachssteak 12 US$. Hier angelt offenbar jeder selbst, die Vielzahl der kleinen und mittelgroßen Angelboote in den Häfen spricht dafür. Also gut, die Fischereilizenz kann man online beantragen (www.adfg.alaska.gov/) oder in einer der vielen Verkaufsstellen bekommen, etwa Angelgeschäften. Ganz günstig ist das allerdings für „Non Residents“ wie uns nicht: für einen Tag kostet die Lizenz 15$, für eine Woche 45$, für ein Jahr 100$. Also gut, dann die Jahreslizenz. Schluck.
„Ja, aber wenn Ihr King Salmon fischen wollt, kostet das noch mal 100$.“ Wie jetzt?
Lachs ist nicht gleich Lachs. Es gibt hier fünf verschiedene Lachsarten. Der Königslachs (King Salmon oder Chinook) wird bis zu 1,5 m lang und 36 kg schwer. Viel zu groß für uns, zumal wir den zweiten Kühlschrank nicht als Kühltruhe eingestellt haben. Abgesehen davon ist die Saison für diesen Lachs fast schon zu Ende und er ist ohnehin recht selten geworden. Die Zusatzlizenz kaufen wir also nicht. Wir werden „Nicht für King Salmon“ auf den Haken schreiben. Spaß beiseite, die mit der Lizenz übergebene Broschüre enthält diverse weitere lokale Einschränkungen und genaue Anleitungen zum Freilassen „verbotener“ Arten. Die anderen Lachsarten sind Chum (Calico/Ketalachs, bis 100 cm und 15 kg), Coho (Silver Salmon/Silberlachs, bis 100 cm und 10 kg), Sockeye (Red Salmon/Rotlachs, bis 90 cm, 7 kg) und Pink Salmon (Humpy/Buckellachs, bis 65 cm und 6,5 kg). Außerdem Steelhead Trout, kein Lachs, sondern die Salzwasservariante der Regenbogenforelle, die dafür aber um einiges größer ist (bis 110 cm und 25 kg). Mal schauen, ob uns irgendetwas davon an den Haken geht.
Der geschäftstüchtige Verkäufer im Angelladen ist aber noch nicht glücklich mit der verkauften Lizenz und ein paar Ködern. „Wenn Ihr ankert, solltet Ihr auf alle Fälle einen Crab Pot (Krebskorb) aussetzen. Dafür braucht Ihr keine weitere Lizenz.“
Oh Mann. Aber Krebse sind hier wirklich ganz groß. Im Wortsinn und auch was die Verbreitung des Krebsfischens angeht. Wir sehen kaum ein Sportboot, dass nicht mindestens einen Crab Pot an Bord hat. Unser Bootsnachbar (2 Krebskörbe) erklärt uns, wie es geht. Am besten vor einer Flussmündung/einem Wasserfall/einem einfließenden Bach, wo wir ohnehin gerne ankern wollen. Krebskorb runter auf 10 bis 40 m und ein paar Stunden warten. Das war’s.
Hm. Und wie machen wir das mit den Krebsen? 🦀
Hier in Alaska sind es hauptsächlich Dungeness Crabs, also Taschenkrebse, die bis etwa 25 cm groß werden können (Körperbreite ohne Beine). Wir finden einen Fischer, der uns zwei Crabs verkauft, erklärt, wie man die freizulassenden Weibchen von den Männchen unterscheidet und uns zeigt, wie man sie schnell und einfach tötet (kräftiger Schlag auf die Brust) und filetiert.
Na dann, jetzt kaufen wir uns tatsächlich einen (zusammenfaltbaren) Crab Pot. Wir werden berichten, ob wir damit Erfolg haben.
Erst einmal bereiten wir aber die Taschenkrebse zu. Das Kochen riecht etwas kräftiger, am Besten macht man es draußen. Bei uns kommt dafür unser „Notfall-Backup-Gaskartuschenkocher“ zum Einsatz.
Und das Ergebnis (mit selbst gebackenem Baguette):
Lecker. Wird Zeit, dass wir den Hafen verlassen, ankern ⚓️ und den Crab Pot ausprobieren 😊.
Anknüpfend an die Schlusssätze des letzten Blogposts haben wir mit dem Segeltörn von San Christobal nach Isabela so etwas wie eine Zeitreise innerhalb des Galápagos-Archipels gemacht. San Christobal ist vor drei bis fünf Millionen Jahren entstanden und damit eine der ältesten Galápagosinseln, Isabela dagegen ist weniger als eine Million Jahre alt und damit nicht nur eine der jüngsten Inseln hier, sondern auch eine, auf der der vulkanische Ursprung aller dieser Inseln noch sehr präsent ist. Der Vulkan “Wolf” (benannt nach dem deutschen Geologen und Botaniker Theodor Wolf), zugleich mit 1.707 m der höchste Berg der gesamten Inselgruppe, brach zuletzt im Januar diesen Jahres aus.
Allerdings ist Wolf trotzdem ziemlich weit weg von uns, denn die von den Umrissen her an ein Seepferdchen erinnernde Insel Isabela ist die mit Abstand größte Insel der Gruppe und macht alleine mehr als die Hälfte der Landmasse der gesamten Galápagos aus. Wolf liegt am Nordende im Kopf des Seepferdchens, unser Ankerplatz vor dem einzigen “größeren” (2.200 Einwohner!) Ort der Insel über 100 km entfernt im Süden im aufgerollten Greifschwanz des Seepferdchens.
An Land waren wir noch nicht, aber “einklariert” sind wir schon mal. Kaum war der Anker im Grund, waren die Offiziellen auch schon da. Diesmal aber nur Agent + Armada + Port Captain. Ging ganz flott und ohne weitere Inspektion des Bootes. Und danach haben wir einfach nur an Bord gemütlich rumgeschlumpft.
Also noch keine neuen Bilder von hier, dafür aber reichlich Bilder von unserem letzten Schnorcheln am Ankerplatz in San Christobal vor der Abfahrt, wo uns ein junger verspielter Seelöwe große Freude gemacht hat:
Z.B. seinen Beutefisch zu mir rüber schubsen und dann doch kurz vor mir wieder wegschnappen …… verkehrt herum unterm Rumpf der Flora posieren…… den neugierigen Schwarzspitzenhai verscheuchen …… Kringel um die Ankerketteoder um Wiebke drehen …… oder mit meiner Schnorchelflosse spielen.
Was für ein Geschenk!
Ein kleines Video dazu habe ich HIER zusammengestellt.
Ja, es ist geschafft, wir haben auf den Galápagosinseln offiziell in Ecuador einklariert. Der Prozess war der bisher bürokratischste, den wir auf unserer Reise hatten. Wir hatten das zwar vorher schon gehört, neben den happigen Gebühren werden viele Segler dadurch vom Besuch abgeschreckt, aber obwohl wir das wussten war einiges dann trotzdem überraschend intensiv.
So mussten wir dem Agenten im Vorfeld bereits eine Vielzahl von Dokumenten und Bescheinigungen schicken, jeweils als PDF, Fotos werden von den Behörden nicht akzeptiert. Das wiederum erfordert zwingend ein Programm, was PDFs verkleinert, weil sonst die Dateien schlicht zu groß zum praktikablen Versandt per Email sind.
Neben den üblichen Schiffspapieren, Crewliste und Reisepässen war vorab zu übermitteln:
Impfzertifikat für jedes Crewmitglied
Bestätigung über bestehende Krankenversicherung die Galapagos einschließt
internationales Zarpe, das unbedingt selbst noch einmal die Crewliste enthalten muss
Zertifikat über die erfolgte Schiffsausräucherung
Antifouling Zertifikat
“Sauberes Unterwasserschiff”-Zertifikat
AIS/MMSI-Zuteilungsurkunde
Liste der letzten zehn besuchten Häfen mit Abfahrtsdatum
Die Zertifikate kann man zum Teil auch selbst erstellen und mit dem eigenen Schiffsstempel versehen, so etwa das “Sauberes Unterwasserschiff”-Zertifikat. Hier sollen aber in jedem Fall Bilder des sauberen Unterwasserschiffs (einschließlich der kritischen Punkte wie Spalt am Ruderblatt, Propeller, Borddurchlässe, Tunnel Bugstrahlruder bei der Inspektion auf Galapagos vorgezeigt werden können. Das Antifouling Zertifikat haben wir tatsächlich selbst erstellt, versehen mit der Rechnung für Coppercoat und einem Bild nach dem Auftragen.
Mit den ganzen Unterlagen und Zertifikaten ist es aber nicht getan. Nach der Ankunft auf den Galápagosinseln hat man an Bord zu warten, bis der vom Agenten organisierten Behördentross eintrifft, 8 bis 10 Leute kommen dann gleichzeitig an Bord.
Auf dem Bild sind nur sieben zu sehen? Ja, weil der Taucher (!) gerade schon das Unterwasserschiff kontrolliert. Da darf kein Bewuchs drauf sein, schon wegen einer Seepocke kann er die Einreise verweigern. Dann muss man 40 sm raus, auf gutes Wetter hoffen, tauchend nacharbeiten, 120 US$ zusätzlich bezahlen und bei der nächsten Inspektion hoffentlich unbeanstandet bleiben. Außerdem ist ein Officer des Ministerio del Ambiente (also dem Umweltministerium) schon unter Deck im Salon, weil die Vielzahl seiner Formulare den verfügbaren Platz im Cockpit jetzt wirklich sprengen würde.
Man sollte vorbereitet sein, weitere Dokumente präsentieren zu können, etwa eine “COVID-19-Guideline” zum Verhalten an Bord (hatten wir gefertigt, wurde aber nicht abgefragt) und eine Liste aller an Bord befindlichen Medikamente (wurde abgefragt, kontrolliert auf abgelaufenen Medikamente, weshalb es für zwei Medikamente einen Hinweis gab).
Vom Agenten gab es im Vorfeld eine Liste mit erforderlichen Gegenständen an Bord, die kontrolliert werden können, außerdem eine Liste mit verbotenen Dingen (hauptsächlich bestimmte Nahrungsmittel). Und eine Liste mit anzubringenden Schildern.
Bei den erforderlichen Dingen wurden bei uns Ölbindetücher und biologisch abbaubares Spülmittel kontrolliert (und jeweils für die Akten fotografiert). Die Kühlschränke wurden inspiziert, allerdings nur oberflächlich, nachdem wir vorher versichert hatten, kein Frischfleisch und keinen Frischkäse dabei zu haben, nach diesen beidem Dingen wurden wir ausdrücklich gefragt. Der Kaffee wurde darauf kontrolliert, dass er gemahlen ist (keine ganzen Bohnen) und nach den verbotenen Chia-Samen wurden wir dreimal gefragt. Die extra angebrachten erforderlichen Schilder an den drei erforderlichen Mülltonnen (Organic, Recyle, Non-Recycle) wurden genauso für die Akten fotografiert wie der (natürlich geschlossene) Hebel für die Entleerung des Abwassertanks. Das ebenfalls notwendige, IM MOTORRAUM anzubringende Schild “Do not discharge black waters into the sea” blieb dagegen unbeachtet, bei den im Innen- und im Außenbereich des Schiffes anzubringenden “Do not throw garbage into the sea” bin ich nicht sicher. Schließlich war ich zwischendurch mal nicht dabei, weil bei jedem Crewmitglied von den beiden Health-Mitarbeiterinnen Temperatur, Sauerstoffgehalt des Blutes und der Blutdruck gemessen wurden. Außerdem war ich immer wieder abgelenkt, wenn eines der unzähligen Formulare zu unterschreiben war.
Natürlich ist schon der Gedanke, dass Fremde das eigene Schiff und Zuhause durchstöbern (können) unangenehm. Theoretisch sind entsprechende Kontrollen bei fast jedem Einklarieren in einem neuen Land möglich, praktisch haben wir das bisher zum Glück nicht erlebt. Der bekannt massive Personaleinsatz hier auf den Galapagos steigert ein solches latentes Unbehagen (im Vorfeld) eher noch. Aber alle vom Einklarierungsteam waren freundlich und super nett, die Vorbereitung und Begleitung durch den Agenten sehr professionell und hilfreich. Am Ende hat das Ganze eine gute Stunde gedauert (die Vorbereitung allerdings deutlich länger).
Und jetzt: Galápagos genießen. Das Sehnsuchtsziel, seit es in Kindertagen auf einem WWF-Brettspiel eines der Exotic-Highlights war für den Teil der Crew, der damals und auch später bei jedem Tierfilm wie gefesselt vor dem Bildschirm hing 😁
Wir klarieren aus Panama aus, es wird ernst. Auf dem Zarpe steht „con destino a GALAPAGOS ISLANDS, ECUADOR“. Also gut.
Nach dem Papierkram noch kurz letzte Einkäufe und noch einmal Müll wegbringen, beides wird für die nächste Zeit etwas komplizierter. 😉 Einmal mehr laufen mir dabei Krabbenwaschbären über den Weg, Die hatten wir vorher noch nirgends gesehen, aber hier in der Playita Marina sind sie auch tagsüber ziemlich aktiv.
Gegen Mittag gehts dann wirklich los, raus auf den Pazifik. Den (dem Namen nach) Stillen Ozean, der zugleich das größte der Weltmeere ist. Trotzdem wird es erst einmal nur ein kurzer Nachmittagstörn von 35 sm, hinüber zu den vorgelagerten noch zu Panama gehörenden „Las Perlas“-Inseln. Ganz legal, das Zarpe verlangt eine Ausreise erst in den nächsten 48 Stunden.
Und wie als Gruß aus unserer Heimatstadt für diesen neuen Abschnitt unserer Reise kommt bei unserer Abfahrt ein Containerschiff der Hamburg Süd aus dem Panamakanal und dampft an uns vorbei.
Auch wir müssen erst ein gutes Stück vom Festland weg motoren, bis wir ausreichend Wind finden. Dann aber ist es herrliches Segeln auf glattem Wasser, erst Code0, dann Gennaker.
Am Ende noch der Wechsel auf die Fock, weil der Wind abnimmt und immer mehr von vorn kommt. Nur kurz, dann muss doch der Motor ran, zumal die Sonne schon ganz schön tief steht.
Hunderte Pelikane ziehen an uns vorbei ebenfalls zu den Las Perlas, wie an der (Perlen-?)Schnur gezogen in langen Reihen, meist dicht über dem Wasser, manchmal auch ungewohnt hoch. Zweimal sehen wir jeweils über 50 Pelikane im Formationsflug hintereinander.
Kurz vor der Ankunft am Ankerplatz vor der Insel Contadora dann auch noch Angelerfolg, ein schöner Skipjack Tuna (Echter Bonito) geht uns an den Haken. Der erste Segeltag auf dem Stillen Ozean verwöhnt uns wirklich.
Colón an der atlantischen Zufahrt zum Panamalkanal ist alles in allem eine ziemlich herunter gekommene Stadt. Der dortige Hafen und die an ihm gelegene Altstadt liegt naturgemäß am Wasser und damit in diesem Fall direkt an der Limón Bay, der mit Molen geschützten karibischen Einfahrt des Kanals. Damit lag Colón in der auf jeder Seite des Kanals fünf Meilen (8,1 km) breiten Panamakanalzone. Diese Zone wurde zwischen 1903 und 1979 von den USA kontrolliert, die ja das damals zu Kolumbien gehörende Gebiet nach Rechtsstreitigkeiten besetzten und den unabhängigen Staat Panama ausriefen. Sie bauten den von den Franzosen angefangenen Panamakanal zu Ende und ließen sich das Recht auf den Kanal und die Kanalzone für 99 Jahre zusichern. Bis 1979 wurde die Zone um den Kanal von den USA im wesentlichen militärisch genutzt. Von 1979 bis 1999 verwalteten dann die USA und Panama die Zone gemeinsam, ehe sie mit dem Kanal an Panama ging.
Colón allerdings wurde bereits 1950 aus der Kanalzone herausgelöst und bildete danach eine panamesische Enklave in dieser Zone. Zudem wurde dort bereits 1953 eine Freihandelszone eingerichtet. So richtig nach vorne gebracht hat das die Stadt allerdings nicht. Große Teile der Bevölkerung verarmten. Colón galt als einer der kriminellsten und gefährlichsten Bereiche Panamas. Auch wenn sich das in den letzten Jahren etwas gebessert hat, die Stadt ist definitiv ziemlich heruntergekommen, vermüllt und mit einer Unmenge verfallener und verfallender Häuser.
Dennoch, zweimal täglich fährt ein Bus der Shelter Bay Marina dorthin, die Segler können dort dann in verschiedenen Geschäften zollfrei einkaufen.
Wir tragen uns in die Bus-Liste ein, aber in den Freihandelsbereich fahren wir – anders als die meisten Mitfahrer – heute nicht. Dankenswerterweise fährt der Busfahrer für uns beide noch etwas weiter in die Stadt.
Unser Ziel ist der „Salón de Vacunación“.
Sieht unscheinbar aus – abgesehen davon, dass das Gebäude so gut in Schuss ist. Aber wie der Name schon verrät, hier wird geimpft. Und so bekommen wir ohne Schlangestehen oder Anmeldung hier unsere Booster-Impfung gegen COVID 19 mit Pfizer-Biontech. Nach Vorlage der Reisepässe und der bisherigen Impfnachweise kostenlos und ratzfatz, nach 10 Minuten sind wir schon wieder draußen.
Einige Straßen zurück zum Markt an der Hauptstraße gehen wir zu Fuß, aber die Gegend wird nicht besser und das Innere der Markthalle ist heute geschlossen.
Also greifen wir uns eins der unzähligen Taxis und fahren zum Supermarkt „Rey“, wo in eineinhalb Stunden auch der Bus für die Rückfahrt zur Shelter Bay Marina starten wird. Was für ein Kontrast:
Mit zwei ziemlich vollgepackten Rucksäcken und ein paar weiteren ebenfalls gut gefüllten Taschen nehmen wir dann den kostenlosen Shuttlebus zurück zur Marina.
Der Weg geht übrigens über die neue, erst 2019 eingeweihte „Puente Atlantico“. Zwei 212 m hohe Pylonen halten die Tragseile der Schrägseilbrücke, 75 m Durchfahrtshöhe sollen auch für die großen Frachter reichen.
Schön ist, dass wir so von dort oben auch einen ersten Blick auf die beiden nebeneinander liegenden Schleusentreppen werfen können. Jeweils drei Kammern sind dort miteinander verbunden (die Ausfahrt aus der ersten Schleusenkammer ist zugleich die Einfahrt in die zweite).
Aber: da soll es für uns erst in einem Monat hindurch gehen. Als Termin haben wir den 8. März beantragt, das ist jetzt auf dem Behördenweg. Unser Cruising Permit für Panama ist auf diesem Weg schon etwas weiter, unser Agent hat es uns für morgen angekündigt. Wir schauen mal, wie wir die Booster Impfung vertragen und warten noch ein paar Tage, aber Ende der Woche werden wir mal nach einem Wetterfenster für die Fahrt in die San Blas Inseln (Guna Yala) sehen.