Tracy Arm

Nach ein paar Tagen in Taku Harbor machen wir die Leinen vom Floating Dock los und fahren weiter nach Süden. Ziel ist Tracy Arm, einer der beiden Fjorde von Holkham Bay. Der eigentlich fast zwei Seemeilen breiten Eingang weist eine Barre auf, die unsichtbar unter dem Wasserspiegel die Einfahrt auf nur ein Zehntel davon mit für uns nutzbarer Tiefe verkleinert und selbst dort die Tiefe von mehreren Hundert Metern auf nur etwa 20 m verringert. Das führt bei dem herrschenden Tidenhub von normalerweise etwa 5 m zu extremen Strömungen, Verwirbelungen und sogar Strudeln. Und schon vor der Einfahrt kommt uns das erste Eis entgegen, dass die beiden in den Fjord kalbenden Gletscher Sawyer Nord und Sawyer Süd auf die Reise geschickt haben.
Aber wir timen unsere Anreise gut, was immer auch ein bisschen Glückssache ist. Weder die Büchlein der Tidentabellen noch die Strömungsanzeigen der elektronischen Seekarten sind hier sonderlich akkurat, insbesondere starke Niederschläge in den Bergen können die Strömung stark verändern und dafür sorgen, dass selbst bei steigender Tide das Oberflächenwasser den Fjord hinunter drückt.
Wir ankern in der No-Name-Cove, der ersten Bucht nach der Einfahrt und zugleich dem einzigen vernünftigen Ankerplatz im ganzen, etwa 25 sm langen Fjord. Nur wenig Eis verirrt sich in diese Bucht, aber ein größerer und mehrere kleinere Eisblöcke sind trotzdem an ihrem Ufer gestrandet. Gletschereis für unsere Drinks ist also gesichert und malerisch sehen sie ohnehin aus.
Als wir ankommen ist die Crew des einzigen anderen Ankerliegers in der Bucht schon mit dem Beiboot auf Erkundungstour, kurz darauf picken sie mit ihrem Dinghyanker auch schon handhabbare Stücke aus den aufgelaufenen Eisblöcken. Vermutlich tausende Jahre altes Eis im Getränk, die Chance möchte sich kaum jemand entgehen lassen.

Am Abend steigt der „Blutmond“ über die Berge, der Vollmond im August. Dass heißt allerdings auch, dass wir Springtide haben, also eine besonders starke Ausprägung von Ebbe und Flut. Bei Ebbe sinkt das Wasser an unserem Ankerplatz mehr als einen Meter unter Normal-Null, mit der 5 m Flut kommen wir also auf gut 6 m Tidenhub. Da wollen Ankerplatz und gesteckte Kettenlänge besonders wohl überlegt sein.

Am nächsten Tag steht für uns die lange Fahrt in die Sackgasse zum Gletscher und zurück an. Und die wird ein unvergessliches Erlebnis, zumal uns das Wetter mit Sonnenschein und blauem Himmel ein zusätzliches Geschenk macht.

Der Fjord wird bald deutlich schmaler und windet sich mit seinem hunderte Meter tiefen Wasser durch steil an seinen Ufern aufragende, teils senkrecht abfallende Granitwände. Die Gipfel der umliegenden Berge sind deutlich über 1.000 m hoch, Schneefelder und „hanging glaciers“, also in den Bergen hängende, nicht bis zum Wasser herunter reichende Gletscher blitzen immer wieder an den Flanken auf. Unzählige Wasserfälle schießen in die Täler hinunter, mal als breite Kaskade, mal heben sie sich wie dünne weißgraue Haare von den Schultern der graugrünen Bergen ab.


Laut Tidenkalender sollten wir auflaufendes Wasser haben, tatsächlich aber verlangsamt uns eine leichte Gegenströmung. Trotzdem kommt uns immerhin nur wenig Eis entgegen und wir können bis kurz vor die Sawyer Insel fahren. Erst dort, am Treffpunkt der beiden kleinerem Arme hin zu den Gletschern, wird das Eis dichter. Große Brocken bleiben aber selten. Durch das von kleinen weißen Eisstückchen gespenkelte milchig mintgrüne Gletscherwasser schlängeln wir uns noch ein Stückchen weiter. Ab und zu schieben wir etwas größere Schollen mit dem Bootshaken zur Seite.

Wir sind früh aufgebrochen und hatten Tracy Arm die meiste Zeit für uns allein, aber jetzt gegen Mittag flitzen die schnellen Tourboote aus Juneau heran. Sie schenken den Eisstücken wenig Aufmerksamkeit und brausen einfach durch. Wir könnten uns in die dadurch gebildete Gasse einreihen, aber nachdem auch zwei Kreuzfahrtschiffe ankommen, treten wir doch lieber den Rückweg an. Praktisch, denn so haben wir das
Vergnügen auch auf der Rückfahrt durch den Fjord fast keinen Verkehr um uns herum zu sehen.


Zurück in der No-Name-Cove finden wir wiederum nur ein einziges anderes Boot vor, diesmal allerdings die Denali Rose unserer Freunde Donna und Bill. Sehr schön, so gibt es Tapas auf der Flora und dazu passend Vermouth mit Gletschereis. Schmeckt in Gesellschaft ja immer noch besser als sowieso schon.

Nachdem heute wieder ein richtig guter Alaska-Tag ist – wir also gar kein Fitzelchen Internet haben und das die nächsten Tage wohl auch so bleibt – wird dieser Beitrag per Iridium-Satellit übermittelt. Bilder gibts also erst einmal nur in Eurer Vorstellung, Kopfkino halt. Mal schauen, ob sie mit den von mir dann nachträglich einzustellenden Fotos in Einklang zu bringen sind.

Und??? Sind sie?