Zurück im Wasser, Saturna Island, Rettungsaktion und der Blick in die Sterne

Vor Anker mit Blick auf den 90 km entfernten Mount Baker

Flora schwimmt wieder. Der Wellness-Aufenthalt an Land hat ihr gut getan, das Coppercoat-Unterwasserschiff ist wieder sauber und glatt, der Propeller ist gereinigt und gefettet, die Anoden sind neu, das Ruderlager geschmiert und sogar das von uns selten genutzte Bugstrahlruder quirlt nicht mehr nur das Wasser, sondern schiebt Floras Bug bei Bedarf zur Seite, nachdem die Muschelzucht im Inneren des Tunnels entfernt wurde.

Mit dem “haul out self propelling trailer” wird Flora abgeholt und wieder in ihr eigentliches Bestimmungs-Element gesetzt.

Einen Tag später als ursprünglich geplant, weil zwar die ersetzten drei Borddurchlässe und Seeventile rechtzeitig drin waren, aber auch noch ein Seewasserfilter gewechselt werden musste. Das gestaltete sich tricky: die originalen (europäischen) Seewasserfilter sitzen direkt auf den Seeventilen. Das ist sehr kompakt, bewirkt aber auch einen relativ großen Hebel etwa beim Öffnen eines festsitzenden Deckels. Angeblich aus diesem Grund ist das nordamerikanische System anders: vom Seeventil führt ein Schlauch zu dem senkrecht an einer Wand montierten Seewasserfilter. Der Filter selbst ist zudem auch um einiges größer. Es wird deutlich mehr Platz benötigt. Ein europäischer Filter ist natürlich nicht vorrätig oder kurzfristig zu beschaffen. Den Vorschlag der Montage des großen amerikanischen Filters am Schott zwischen Motorraum und Salon muss ich ablehnen, dort würde er mich beim Wechsel des Impellers zu sehr behindern. Wir einigen uns auf eine Montage an einer Halterung auf einem Stringer, die muss aber erst gebaut werden.

Größenvergleich. Der nordamerikanische Filter steht hier noch verkehrt herum.
Eingebaut. Ganz schön eng, aber es geht.

Nach den Verprovierungseinkäufen (im Costco Großmarkt, frisch vom Feld an einem Straßenstand mit Geldeinwürfen wie in Dänemark und im normalen Supermarkt) sind wir startklar. Wir ziehen wieder aufs Boot. Von Melanie und Chris müssen wir uns trotzdem noch nicht gleich verabschieden, SolarCoaster und Flora laufen zu einem gemeinsamen Wochenende in den Gulf Islands aus. Wochenende zur Hauptsaison, da sind die meisten schönen Ankerbuchten der direkt an die US-amerikanischen San Juan Islands angrenzenden Inselgruppe gut besucht. Aber unsere Gastgeber wissen in ihrem Heimatrevier Abhilfe: der Anker fällt im äußersten Osten des Archipels, in der Narvaez Bay auf Saturna Island.

Den Ankerplatz mit Blick auf den von Gletschern bedeckten und weit drüben am Festland gelegenen Vulkanberg haben wir zunächst ganz für uns allein, erst kurz vor Sonnenuntergang kommen noch zwei kleine Motorboote dazu.

Es ist die Nacht mit dem Höhepunkt des Perseiden-Schauers. Chris als begeisterter Nacht-Fotograf kann sich das natürlich nicht entgehen lassen. Das ist klasse, denn so bekomme ich eine Einweisung in die Grundlagen und kann meine neue Kamera (eine Sony RX 10 IV) entsprechend voreinstellen, um unsere Ankerlieger und den Sternenhimmel abzulichten.

Melanie nimmt Chris und mich auf und fängt damit die Stimmung wunderbar ein:

Und hier ein Ergebnis von Chris:

Die Mehrzahl der Meteoriten zeigt sich aber erst am frühen Morgen. Dass Wiebke und ich auch zu dieser Zeit wieder einige Sternschnuppen zu sehen bekommen, liegt an unserem Motorboot-Nachbar. Kurz vor drei Uhr nachts frischt der Wind kräftig auf. Wiebke schaut nach, ob alles in Ordnung ist und ruft mich dann nach draußen. Unser Nachbar driftet in 20 m Entfernung an uns vorbei Richtung offenes Meer. Sein Anker hält nicht.

Wiebke gibt Schallsignale und ich springe ins Dinghy, fahre hinüber und klopfe am Rumpf, bis der Eigner aufwacht und ein neues Ankermanöver fährt.

Danach sind wir erstmal hellwach, außerdem wollen wir schauen, ob sein ziemlich kleiner Anker (mit kurzem Kettenvorlauf und dann Leine) jetzt besser hält. Also legen wir uns aufs Vorschiff und beobachten in der wunderbar lauen Sommernacht noch einmal den Sternenhimmel.

Die Milchstraße direkt über dem Masttop

Am nächsten Tag (Sonntag) machen wir einen größeren Hike. Saturna bietet mehrere schöne Trails, wir entscheiden uns für die Wanderung hoch auf den Bergrücken und am westlichen Cliff entlang zum rund 400 Meter hohen Mount Warburton Pike. Das sind zwar rund 15 km, aber die Ausblicke auf dieser Strecke sind fantastisch. Nachdem der Aufstieg geschafft ist geht’s hoch über dem Meer auf Ziegenpfaden mal durch den Wald, mal am steilen Abhang entlang. Gulf Islands und San Juan Islands liegen uns zu Füßen, der Blick geht hinüber bis Vancouver Island und Mount Olympia. Nebenbei können wir auch gut erkennen, wie lokal die Wind- und Strömungsfelder in der Inselgruppe sind, die das Segeln hier trotz der kurzen Entfernungen so spannend und anspruchsvoll machen.

Zurück bei den Booten (etwa 24.000 Schritte Training für die Seglerbeine) heißt es dann wirklich Abschied nehmen von unseren Freunden. Chris und Melanie segeln nach Hause, wir dagegen bleiben noch etwas in den Gulf Islands und bereiten uns auf den langen Schlag nach San Francisco vor.

Danke für alles, Ihr Lieben.

Rund Vancouver Island: weitere Eindrücke von der Westküste

Verwöhn-Segeln, Flauten-Motoren, 2. Reff im Nebel. Die Küste mal schroff, mal lieblich, mal mit Sandstrand, mal mit skurriler Felsen-Landschaft. Grün und Grau. Inselwirrwarr, schnuckelige kleine Orte oder jetzt gerade die Großstadt Victoria.

Gemeinsam mit Floras Buddyboat, der SolarCoaster, machen wir die Runde um Vancouver Island komplett. Auf Noforeignland sieht unser (engerer) Track um die große Insel jetzt so aus:

Seit wir Ende April in Campbell River wieder losgefahren sind, haben wir 1.688 weitere Seemeilen in British Columbia geloggt. So langsam naht der Abschied aus Kanada, aber ein paar Wochen sind es noch. In der ersten Augustwoche ist noch ein kurzer Werftaufenthalt geplant. Ein paar Seeventile sollen getauscht und das Unterwasserschiff fit für die Fahrt nach Süden gemacht werden.

Aber noch ist es nicht ganz so weit.

Seit Hot Spring Cove haben wir noch einmal die ganze Vielfalt der wilden Westküste genießen können. Erst einmal zieht es uns wieder tief hinein in die Insel. Wir segeln in das Shelter Inlet. Dieser Fjord führt hinter Flores Island herum und versteckt ganz an seinem Nordende die schmale und erst aus der Nähe überhaupt erkennbare Einfahrt in die Bacchante Bay. Spektakulär mit ihren steilen Gebirgsflanken und den vom Logging verschonten Wälder (Strathcona Provincial Park).

Das ausgedehnte Flach im Scheitel der Bucht ist das Delta des Watta Creek. Wir erkunden ihn ein ganzes Stück mit dem Dinghy, bis das steinige Bachbett einfach zu flach wird.

Am nächsten Morgen gehts mal wieder früh raus. Wir wollen durch die Sulphur Passage östlich an Obstruction Island vorbei, das geht nur um Stillwasser herum. Wie so oft herrscht am frühen Morgen absolute Flaute. Landschaft und Wolken verdoppeln sich im Spiegel des Wassers.

Die Passage selbst ist tief, es macht also nichts aus, dass es Niedrigwasser-Still ist, sondern bietet eher den Vorteil, die sonst überspülten Felsen rechts und links des Fahrwassers erkennen zu können und durch das aufschwimmende Kelp die schmale Rinne gut sichtbar markiert zu finden.

Nachdem die Engstellen passiert sind, geht es 10 Meilen den Millar Channel hinunter, bevor wir uns bei Vargas Island um Flachstellen und Felseninseln herum in den offenen Pazifik manövrieren können. Hier wechseln sich schroffen Steinküste und ausgedehnte Sandstrände ab, während im Hintergrund schneebedeckte Berge das Panorama bilden.

Unter Gennaker segeln wir an der Küste hinunter – traumhaft der Blick auf den Gebirgszug.

Wir lassen Tofino, dass wir ja schon von Land aus besucht hatten, an Backbord liegen. Ebenso den berühmten Ganzjahres-Kaltwasser-Surferstrand Long Beach. Unser Ziel ist das etwas südlicher gelegene und weniger touristische Ucluelet.

Der tägliche Weißkopfseeadler. In Ucluelet einer von ziemlich vielen.

Genau richtig, um im Supermarkt mal wieder die Frisch-Vorräte aufzustocken und am nächsten Tag vor der Abfahrt noch einen schönen Hike auf einem Teil des West Pacific Trail zu unternehmen.

Fischotterweibchen mit Jungtier

Danach dann aber flott los: der Nebel hat sich aufgelöst. Wind ist allerdings fast keiner, unter Motor fahren wir in Richtung der Broken Island Group.

Die Broken Islands bieten reichlich geschützte Ankerplätze, allerdings auch ein Gewirr von einigen passierbaren und vielen nur für Kayaks geeigneten Passagen. Wirklich ein Labyrinth.

Am Ankerplatz treffen wir auf die „New Era“, Freunde von Melanie und Steve, die aus Port Alberni mit ihrem kleinen Motorboot hier her gekommen sind. Gemeinsam verbringen wir den Abend auf der SolarCoaster und verabreden uns für den nächsten Tag im nur wenige Meilen entfernten Bamfield. Sehr gut: bevor wir hineinkommen, angeln wir uns einmal mehr Lachs: zwei (allerdings etwas kleinere) Spring-Salmon gehen an den Haken. In Bamfield macht dann die Crew der New Era den Tourguide, Liz und Darren nehmen uns mit auf den Hike durch den schmucken Ort, weiter zum Brady Beach mit seinen imposanten Felsformationen und dem herrlichen Sandstränden. Danach ist ein Tisch im einzigen Restaurant am Ort reserviert und zum Abschluss gibts Cocktails und „Nanaimo-Bar“ Nachtisch bei Liz und Darren. Wir werden rundum verwöhnt.

Dann folgt wieder einmal Nebel-Segeln. Mal licht, mal dichter. Aber immerhin müssen wir auf dem Weg nach Port Renfrew die Maschine ganz überwiegend nicht einsetzen.

Port Renfrew ist hauptsächlich auf kleine Motorboote ausgerichtet, aber für uns Segler findet sich am äußeren Steg auch noch ein Plätzchen. Das Bild des leeren Hafens täuscht, als wir zu unserer Wanderung aufbrechen wollen, sind die Angelboote alle schon ausgelaufen.

Wir haben Glück, Hafenmeister Simon fährt uns mit seinem Auto die 4 km zum Juan de Fuca Park und holt uns sogar wieder ab. So können wir die geologischen Besonderheiten dort in aller Ruhe erwandern. Im Tidenbereich finden sich unzählige Pools, die wie Aquarien in der Felslandschaft wirken. Bei Abfahrt vom Hafen scheint die Sonne, hier aber sorgt Nebel für eine ganz besondere Stimmung.

Als wir gegen Mittag zurück im Hafen ankommen, hat auch hier der Nebel Einzug gehalten. Unter Radar segeln wir aus der Bucht heraus, denn trotz Nebel weht es ordentlich.

Ziel ist die Becher Bay an der Südspitze von Vancouver Island, rund 40 Meilen weiter im Westen, wir können also den Wind ganz gut gebrauchen, denn wegen der Tide in der Streit of Juan de Fuca können wir erst am frühen Nachmittag aufbrechen. Zum Glück lichtet sich der Nebel nach ein paar Stunden, vor dem Wind rauschen wir dahin.

Am Abend erwartet uns am Ankerplatz eine Überraschung: Melanie hat an unseren 24. Hochzeitstag gedacht und verwöhnt uns mit einer Apple Pie.

Bei der Weiterfahrt nach Victoria bleiben wir heute von dem hier so häufigen Nebel sogar ganz verschont. Nur drüben auf der amerikanischen Seite der Strait zeigt sich etwas Hochnebel.

Und jetzt: zur Abwechslung mal Großstadt. Wir sind gespannt auf Victoria.

Nootka oder: das war knapp!

Es ist einfach zu verlockend. Kaum 7 sm sind wir von Walters Cove aus gefahren, da stoppen wir die Flora schon wieder. Der Anker fällt in der Nordbucht von Rugged Point vor zwei Sandstränden. Der Platz ist nicht sonderlich gut geschützt, aber bei dem ruhigen Wetter reicht es allemal für einen Zwischenstopp und einen ausgedehnten Hike über die Halbinsel zu den langen weißen Sandstränden der Südbuchten.

Das Anlanden klappt diesmal gut …

Chris kombiniert Schuhe anziehen mit Yoga

… und der Hike durch den Wald und die kleinen Trennstücke zwischen den Felsen ist zwar mitunter steil, dann aber mit Kletterhilfen versehen, denn der Trail liegt in einem “Provincial Park”

Der Spaziergang am Strand bietet dann sogar noch eine Ballettvorführung der Strandläufer 😉

Da müssen sich die Fotografen für die beste Perspektive allerdings ein bisschen ins Zeug legen …

Dann heißt es Weitersegeln, denn für die Nacht haben wir uns die deutlich besser geschützte Queen Cove als Ankerplatz ausgesucht.

Von dort aus geht’s am nächsten Morgen nördlich durch die schmalen aber unproblematischen Tahsis Narrows um Nootka Island herum. Ein Kaffee-Stop im Princess-Channel …

… und dann weiter zur Friendly Cove im Südwesten von Nootka Island.

Wer sich mit der Geschichte von British Columbia beschäftigt, wird auf jeden Fall über diesen ganz besonderen Ankerplatz stolpern. Denn dies ist der Schauplatz der “Nootka Sound Controversy”, bei der ab 1789 die konkurrierenden Ansprüche der Briten und der Spanier hinsichtlich des amerikanischen Nordwestens beinahe zu einem Krieg dieser damaligen Großmächte geführt hätten. Die Spanier hatten hier in der “Friendly Cove” unfreundlicherweise mehrere britische Handelsschiffe beschlagnahmt. Beide Seiten machten Ihre Flotten klar. Der Krieg wurde dann doch knapp vermieden.Vermutlich insbesondere weil Spaniens Verbündeter Frankreich nach ersten Zusagen deutlich machte, dass er Spanien doch nicht bei einem solchen Krieg unterstützen würde (wegen der französischen Revolution war man gerade anderweitig beschäftigt) willigten die Spanier dann allerdings in Verhandlungen ein.

Die anschließenden Verträge führen zwar formal nicht dazu, dass eine der Parteien auf ihre Gebietsansprüche verzichtet, faktisch aber setzen die Briten ihre wesentlichen wirtschaftlichen und politischen Interessen durch und ebneten damit den Weg für ihren weiteren Einfluss im heutigen westlichen Kanada.

Ebenfalls historisch: bereits in diesen frühen Zeiten des Kontakts zwischen den Europäern und den hier lebenden Nuu-chah-nulth First Nation kommt es sowohl zu intensiven Handelskontakten als auch zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit Massakern, Geiselnahmen und Versklavungen.

Am Yuquot Point auf der Südwestspitze von Nootka steht eine (in den 1990er Jahren entwidmete) ehemals katholische Kirche.

Zu Zeiten der Franco-Diktatur schenkten die Spanier der (indigenen) Gemeinde Glasfenster, die an die hier erfolgte Unterzeichnung der Nootka-Verträge (mit Nuu-chah-nulth als Zuschauern) und an die Bekehrung der Indigenen zum Christentum erinnern.

Interessant zu sehen, dass diese Fenster unversehrt erhalten geblieben sind, obwohl die ehemalige Kirche inzwischen mit kunstvoll geschnitztem Donnervogel, zweiköpfiger Schlange, Wal und Totempfählen für anderweitige Nutzung ausgestattet ist, was dem missionierenden Priester wohl kaum gefallen hätte. Umgekehrt lässt es sich scheinbar besser vereinbaren.

Noch etwas näher am Ankerplatz findet sich ein anderes interessantes Gebäude, der Nootka-Leuchtturm .

Er ist einer von 26 noch bemannten Leuchttürmen und so treffen wir auf den Leuchtturmwärter Doug und seine als “Assistent lighthouse keeper” ebenfalls fest angestellte Ehefrau Donna. Seit sechs Jahren betreuen die beiden das Nootka Lighthouse. Sie freuen sich über unseren Besuch und bestätigen, dass wir Segler gerne über Funk (Kanal 82a) beim Leuchtturm z.B. das tatsächliche Wetter vor Ort abfragen dürfen. Die Handfunke ist auch immer greifbar, während uns die beiden ihren Leuchtturm erklären, zeigen und geduldig unsere Fragen beantworten.

Unfassbar: die winzig kleine Glühbirne in seiner Hand ist tatsächlich das einzeln angefertigte Original-Leuchtmittel, dass für eine Erkennbarkeit des Leuchtturms aus 18sm Entfernung (Tragweite) sorgt.

Nachdem wir uns im Gästebuch eingetragen haben, sehen wir vom Leuchtturmgelände aus, wie unter uns in der Bucht ein Wasserflugzeug landet. Doug erklärt, das es Wanderer vom Endpunkt des Nootka-Trail abholt. Dieser Wanderweg führt 37 km an und in der Nähe der Westküste von Nootka entlang. Typischerweise wird dieser Hike in 4 bis 7 Tagen zurückgelegt, was dem nicht ganz einfachen Gelände an der Küste und im Regenwald geschuldet ist (manche Teilstrecken am Strand sind auch nur bei Niedrigwasser passierbar).

Tja, und dann saust das Wasserflugzeug wieder los, unmittelbar an der Flora vorbei:

Hm. Das ist dann (für unseren Geschmack) auch ganz schön knapp 😅.

Walters Cove / Kyuquot

Wir haben die Uchuck III verpasst. Das Versorgungsschiff kommt am Donnerstag in Walters Cove an, entlädt mit ihrem Kran Fässer, Boxen, Elektrogeräte und alles mögliche andere. Unter anderem auch: Kayaks, die im Gestell herunter gelassen werden, wobei die Kayaker schon drin sitzen und gleich lospaddeln. Ebenso werden natürlich auch neue Fahrgäste aufgenommen. Dass muss eine echte Show sein, unsere Motorboot-Nachbarn erzählen uns davon, aber wir sind erst am Freitag dort. Auch das hat seinen Vorteil. Als das Postflugzeug vor der Terrasse vorbeikommt erzählt uns Eric, der Besitzer des einzigen Restaurants am Ort, dass heute auch die „Mall“ geöffnet hat. Das Flugzeug kommt Montags, Mittwochs und Freitags, und an diesen Tagen öffnet eben auch der einzige Laden. Leicht zu merken. Und so kommen wir wieder zu frischer Milch, Tomaten und Bananen. Ansonsten ist das Angebot recht übersichtlich.

Trotzdem, der Ort in der kleinen, rundum geschützten Bucht ist einfach klasse. Und – wie Eric es formuliert – einer der wenigen noch wirklich funktionierenden Gemeinden an der Westküste von Vancouver Island.

Eric ist ein Original, eine echte Type. Kennt und grüßt jeden, der vorbeikommt. „Ihr seid die Segler.“ Nicht als Frage formuliert, eher eine Feststellung zu unserer Begrüßung. Stimmt. Und außerdem war die Crew des Motorbootes am Public Dock gestern schon hier, sie hatten uns das Restaurant im ehemaligen Schulgebäude wärmstens ans Herz gelegt.

Warum funktioniert dieser Ort noch? Laut Eric, weil es hier alles Nötige gibt. Das Versorgungsschiff, den Laden, aber auch sein Cafe-Restaurant und sogar ein Hospital. Daran waren wir schon vorbei gekommen, es liegt an der engen Einfahrt in die innere Bucht und vermittelt schon einen guten Eindruck, wie das Leben hier in Walters Cove wohl so tickt. Es gibt laut Eric sogar noch ein zweites Hospital auf der anderen Seite der Bucht in der First Nation Siedlung Kyuquot, man muss halt gucken, wann man wo hin geht, denn es wird von derselben Krankenschwester betreut. Einmal pro Woche kommt zudem ein Arzt vorbei.

In der charmanten Ortschaft selbst wechseln sich viele gut in Schuss gehaltene und einige wenige verfallende Gebäude ab, es wird auch neu gebaut.

Manchmal nagt der Zahn der Zeit mehr oder weniger offensichtlich …

Aber hier eben doch immer irgendwie charmant, wie bei diesen beiden (funktionsfähigen) Telefonzellen auf dem Public Dock, freundlicherweise mit Klappstühlen ausgestattet:

Und ausnahmslos jeder den wir ansprechen nimmt sich Zeit und ist freundlich. Der Wanderweg zum Strand? Da müsst Ihr beim Haus mit dem Namensschild „Beach House“ durch den Garten in den Wald gehen. Im Wald gibts einen Trail. Am Haus noch mal nachgefragt: „Ja klar, einfach hier durch unseren Garten und rechts am Geräteschuppen vorbei.“

Na dann, ab durch die Rabatten, wir klettern ein bisschen durch den Wald und auf der anderen Seite des Hügels wieder hinunter zum Ufer mit seinem massiven Treibholz und der aufgehängten Schaukel. Wer könnte widerstehen?

Foto: Melanie, S/V SolarCoaster
Foto: Chris, S/V SolarCoaster

Chris steht sogar mitten in der Nacht nochmal auf, um die besondere Atmosphäre des Ortes auch bei Sternenlicht fotografisch einzufangen. Eine Straßenanbindung für Autos hat Walters Cove nicht. Aber die Milchstraße ist dafür um so präsenter:

Daajing Giids (ehemals Queen Charlotte City) auf Haida Gwaii mit ein paar Tierbildern

Was hat Mecklenburg-Strelitz mit Haida Gwaii zu tun? Unmittelbar nichts. Aber mittelbar in Form der kolonialen Namensgeschichte der Inselgruppe dann doch eine ganze Menge.

Sophie Charlotte von Mecklenburg-Strelitz heiratete 1761 mit 17 Jahren König George III und wurde Königin von England und Irland. (Trivia: sie hat die Tradition des Weihnachtsbaums in England eingeführt). Nach ihr wurde nicht nur die Paradiesvogelblume “Strelitzia” benannt, sondern auch das Schiff HMS Queen Charlotte, mit dem Kapitän George Dixon in den Jahren 1786 und 1787 die Küsten Nordwestamerikas erkundete, Pelzhandel betrieb (er verkaufte die Felle später in China) und eben auch für die Europäer die Inselgruppe Haida Gwaii (Inseln des Haida Volkes) sowie die Durchfahrt zwischen diesem Archipel und dem zu Alaska gehörenden Prince of Wales Island entdeckte. Die Passage heißt nach ihm Dixon Entrance, Haida Gwaii benannte er nach seinem Schiff: Queen Charlotte Islands. Erst seit Dezember 2009 lautet der offizielle Name (wieder) Haida Gwaii.

Gut die Hälfte der insgesamt nur etwa 4.500 Einwohner dieser 300 km langen Inselgruppe sind Haida First Nation, wobei die vier Hauptorte relativ gleichmäßig jeweils etwa um die 1.000 Einwohner haben. Verwaltungssitz ist das in der Inselmitte gelegene Daajing Giids, ehemals eben Queen Charlotte City.

Das ist auch der Grund, warum wir den deutlich längeren Weg nach Daajing Giids gesegelt sind, statt den kürzesten Weg über die berüchtigte Hecate Strait zu nehmen. Denn nur hier können wir das notwendige Permit, die Genehmigung für das Besuchen des Gwaii Haanas National Park Reserve and Haida Heritage Site bekommen. Dieser Nationalpark umfasst 1.500 Quadratkilometer Fläche im heute praktisch unbesiedelten Süden der Inselgruppe. Dort befinden sich neben Rückzugsgebieten für viele Tierarten auch wichtige historische und kulturelle Stätten der Haida. Teilweise können sie besichtigt werden, wenn man sich zuvor per UKW-Funk bei dem dortigen Haida-Watchman anmeldet.

Die Stimmung in Daajing Giids gefällt uns ausgesprochen gut, die Leute sind freundlich und überaus aufgeschlossen. Die Dame vom Informationszentrum gleich am Hafen bietet uns freundlicherweise an, uns die 7 km zum Haida Heritage Centrum zu fahren.

Dort, im Haida Heritage Centrum erhalten wir eine “Orientation”, eine vorgeschriebene Einführung zum Nationalpark mit seinen Geboten und Verboten, die auch z.B. Kanuten und Wanderer und selbst Teilnehmer geführter Touren zu absolvieren haben. Wir müssen für das abgelegene Gebiet einen Törnplan einreichen und sollen auch unsere Satelliten-Telefonnummer sowie eine Notfall-Kontaktadresse angeben. Sicherheit wird beim Besuch dieses entlegenen Gebietes groß geschrieben. Aber auch die Geschichte der Inseln und des Haida-Volkes sowie deren Werte und Verhaltenserwartungen werden bei der “Orientation” vermittelt. Außerdem ist ein gutes und spannendes Museum angeschlossen (in dem aber drinnen nicht fotografiert werden darf).

Der Ort Daajing Giids ist klein, hat aber Charme und bietet einen Supermarkt zum Aufstocken von Frischwaren. Relikte der früheren Holzverarbeitung liegen an der Bucht. Die Tide von bis zu über 7 Metern bietet zudem die Möglichkeit, sein Schiff an einem „Tidal Grid“ trockenfallen zu lassen, etwa um am Propeller zu arbeiten oder das Echolot zu wechseln. Das schauen wir uns allerdings nur bei einem anderen Boot an.

Bootsarbeit bei uns bleibt aber auch nicht aus: die Ankerwinsch hatte sich leider doch nicht mit einem Hammerschlag repariert. Also bauen wir den Elektromotor der Ankerwinsch aus, was trotz der relativ guten Zugänglichkeit im Vorschiff bei dem schweren Ding doch mit etwas Bootsyoga verbunden ist, drei Arme gleichzeitig lassen sich nicht gut in den Hängeschrank quetschen. Dann wird der Elektromotor geöffnet und vom Staub der Kohlebürsten gereinigt. Nachdem der schwere Klotz wieder an Ort und Stelle gewuchtet und angeschlossen wurde, läuft die Ankerwinsch wieder. Wunderbar.

Tierbegegnungen müssen nicht auf die Weiterfahrt in den Nationalpark warten, schon im Hafen hier in Daajing Giids werden sie uns beschert. Zum einen sind da natürlich die auf Haida Gwaii sehr häufigen Weißkopf-Seeadler, aber auch die von ebenfalls schwarz-weißen Taubenteisten, die dicht an der Flora nach kleinen Fischen jagen und mit ihren knallroten Füßen und Rachen auch einen farblichen Akzent setzen.

Eine besondere Freude bereitet uns ein Fischotterweibchen. Nachdem wir sie schon ein paar mal durch den Hafen schwimmen sahen, wo sie dann unter den Stegen lautstark Muscheln abknusperte, ruht sie sich direkt neben der Flora auf unserem Schwimmsteg aus:

Außerdem machen wir noch einen herrlichen Hike in den Wald am Ortsrand.

Wiebke begutachtet einen Einschnitt für ein „Springboard“, auf dem die Holzfäller für standen, um mit Axt und Säge gut oberhalb des Wurzelbereichs ansetzen zu können.

Heute ein (Zaun-)König … (Pacific Wren)

ein Haarspecht-Weibchen (Hairy woodpecker) …

und mehrere Feuerkopf-Saftschlecker (Red-breasted sapsucker) 😁

…, eine Spechtart des Pacific Northwest, die tatsächlich in Ringen Saftlöcher in die Rinde von Bäumen hackt. Neben anderer Nahrung wie Insekten und Beeren schleckt er mit seiner Zunge eben auch den Saft aus der Borke. Zur Fütterung seiner Jungen taucht er sogar gefangene Insekten vorher kurz in den Saft ein. Ein echter Feinschmecker.

Aber bevor wir noch im wirklich guten Restaurant gleich am Hafen ebenfalls schlemmen (wieder nimmt uns ein freundlicher Autofahrer mit, dieses Mal Archie, der in den 50er Jahren aus Deutschland hierher ausgewandert ist und eine Haida geheiratet hat), flitzt uns noch etwas über den Weg und vor die Linse: ein Douglas-Hörnchen:

😍

Lurchi in der Shoal Bay

Frühe Prägung: als Kind der 60er und 70er habe ich auch heute immer noch Lurchi vor Augen, den Feuersalamander, dessen Comic-Hefte es beim Schuhe kaufen dazu gab. Leider konnte ich aber bisher keine Salamander oder Lurche in freier Wildbahn beobachten.

Unser zweiter, diesmal etwas kürzerer Hike in der Shoal Bay ändert das. Wir wandern zu einem für die Frischwasserversorgung genutzten kleinen Teich den Berg hinauf. Sieht ziemlich unspektakulär aus, klares Wasser über braun-grünem Waldboden, ein paar Äste liegen darin. Fische können wir nicht entdecken. Aber da bewegt sich doch was? Ein Frosch? Nein, sondern eben …

… ein rauhhäutiger Gelbbauchlurch 😃.

Als wir sie erstmal gesehen haben, entdecken wir gleich eine gute Handvoll dieser zur Familie der Salamander zählenden Lurche. Ich gehe sogar extra noch mal zum Boot zurück und hole die GoPro:

So possierlich diese Amphibien auch aussehen, streicheln sollte man sie lieber nicht. Sie produzieren auf ihrer Haut das Nervengift TTX, das auch in Kugelfischen vorkommt. Es soll sie vor Fressfeinden schützen und mit einer Ausnahme klappt das auch ganz gut. Die Strumpfbandnatter (die wir ja in Prideaux Haven gesehen haben) hat zum Leidwesen der Lurche eine Resistenz gegen das TTX entwickelt, und nicht nur das, sondern sie bezieht sogar einen Teil ihre eigenen Giftigkeit aus diesen Beutetieren.

Wie hieß es zum Ende der Comics doch immer: Lange schallt’s im Walde noch: Salamander lebe hoch! 😉 Wir drücken ihm jedenfalls die Daumen.

Wiebke erntet noch einmal Salat und Rhabarber im Garten von Cynthia und Mark. Wir backen einen Rhabarber-Baiser-Hefekuchen und bringen den beiden zum Dank auch welchen hinüber. Für uns gibts außerdem an Bord auch leckeren Rhabarber-Fenchel-Salat (Danke an Catalina für den Tip).

Aber nach jetzt doch einigen Tagen in der wunderbar entspannten Atmosphäre der Shoal Bay verabschieden wir uns. Früh morgens um halb sechs geht es bereits los, damit wir bei Slack-Tide durch die Greene Point Rapids kommen. Danach saugt uns die ablaufende Tide in die Johnstone Strait und durch die “Current Passage”. Leider findet der Nordwestwind früher als angesagt wieder zu über 20 kn Stärke, das beschert uns nördlich von Helmcken Island eine ziemlich unangenehme See.

Die Wellen auf der elektronischen Seekarte deuten aber schon an, dass die Seegangsverhältnisse hier häufiger ziemlich kabbelig sind. 10 sm weiter haben wir ohnehin unser Tagesziel erreicht. Wir machen am Public Dock in Port Neville (kostenlos) fest.

Port Neville, das hört sich nach einem Ort mit Hafen an. Aber tatsächlich ist dieser Anlegesteg nur ein Relikt der Zeit, als die Familie Hansen hier eine kleine Poststation betrieb. Das Haus immerhin steht noch, dazu ein paar kleine Nebengebäude, die von der Familie noch als Sommerresidenz genutzt werden. ansonsten: Landschaft. Heute mal mit mehr Grau, aber trotzdem schön.

Shoal Bay

Die drei kurz aufeinander folgenden Rapids bringen wir ganz gut hinter uns. Entsprechend der Angaben im Revierführer sind wir eine Stunde vor Stillwasser an den Yuculta Rapids. Es strömt uns ordentlich entgegen, aber als wir uns ab Harbott Point eng am Ufer von Stuart Island halten, können wir vom dortigen Neerstrom profitieren, der uns bis Kellsey Point schiebt. Hier wechseln wir hinüber auf die andere Seite und versuchen dabei die uns fast 40 Grad hin und her drehenden Whirlpools einfach zu ignorieren. Dicht am anderen Ufer gibt’s wieder eine Zeit lang nordsetzenden Neerstrom, dann müssen wir wegen der Felsen ins Fahrwasser wechseln und uns noch eine Dreiviertel Meile mit zwei bis drei Knoten Gegenstrom in die Big Bay kämpfen. Auch in der kurzen Gillard Passage haben wir noch Gegenstrom, aber danach ist Stillwasser und das gilt auch noch, als wir 2 Meilen weiter die Dent Rapids passieren. Alles in allem ganz gut getimt, 10 Minuten später wäre vielleicht noch besser gewesen, aber: wer weiß? Wir sind jedenfalls problemlos durchgekommen.

Kurz nach den Dent Rapids springt genau zwischen der Flora und dem ein Stück vor ihr fahrenden Segelboot mehrfach ein Buckelwal. Immer wieder ein tolles Erlebnis, wenn sich diese riesigen Meeressäuger aus dem Wasser wuchten und zurück in das Meer klatschen.

6 Seemeilen weiter biegen wir dann schon ab zu unserem Ziel, dem Public Dock in der Shoal Bay.

Hier liegen wir sehr geschützt (die nächsten Tage soll es nämlich ordentlich aus Nordwest blasen) und haben zugleich ein wunderbaren Ausblick in den gegenüber liegenden Phillips Arm und die dahinter aufragenden hohen Berge.

Bei dem vorhergesagten Nordwest von 25 bis 35 kn macht es keinen Sinn, weiter in Richtung Johnstone Strait zu fahren. Statt dessen genießen wir die ruhige Shoal Bay, fahren wieder Paddelboard und wandern den Trail in Richtung der stillgelegten Goldmine oben in den Bergen hinter der Bucht. Den Pfad müssen wir mehrfach suchen, entdecken dabei aber zum Beispiel auch eine Wild-Kamera und Reste einer eisenummantelten hölzernen Wasserleitung aus den Zeiten der Goldmine.

Cynthia und Mark betreiben ein kleines Airbnb mit drei liebevoll eingerichteten Hütten an der Shoal Bay und ihre Gastfreundschaft schließt die Boater vom Public Dock mit ein. So treffen sich die Gäste des Airbnb und die im Laufe der windigen Tage zahlreicher werdenden Besatzungen der Boote zum Sundowner auf der Terrasse, am Samstag werfen die beiden dort sogar ihren holzbefeuerten Pizza-Ofen an und stellen den selbstgemachten Teig, wir bringen nur den jeweils gewünschten Belag mit. Es wird ein wunderschöner Abend, wie überhaupt die Stimmung hier einfach wunderbar entspannt ist.

Wir dürfen sogar im Gemüsegarten von Cynthia und Mark Salat und Rhabarber ernten 😁.

Auch die Bootsarbeit kommt nicht zu kurz. Wo wir mal wieder am Steg liegen, nehmen wir uns den blauen Streifen auf der Steuerbordseite vor (Backbord hatten wir ja in Campbell River schon bearbeitet). Mit der Poliermaschine und per Hand wird das ausgekreidete Blau wieder auf Hochglanz gebracht – war auch mal wieder Zeit.

Außerdem wird gebacken. Lecker. Und was zu schauen gibts auch: mehrfach fahren riesige Logging-Flöße an der Shoal Bay vorbei in Richtung der Rapids. Jeweils gleich zwei Schlepper mühen sich mit ihnen ab, einer zieht, einer ist hinten wohl eher für das sichere Manövrieren in den engen Stromschnellen zusätzlich dabei. Das Floß selber (ohne Schlepper und Schleppleine) ist alleine schon gut 250 m lang. Wir sind froh, dem nicht in den Rapids begegnet zu sein.

Ein beeindruckender Anblick ist es aber trotzdem.

Sommer. Spaziergänge und sogar Baden in BC. Und FLORA ISLAND!

Das Wetter und die Trails meinen es gerade RICHTIG GUT mit uns. Bisher sind wir bisher hier in British Columbia auf unseren Hikes durch den “Temperate Rainforest” (Regenwald in kühlgemäßigten Klimazonen) auf zumeist steilen und oft rutschigen Pfaden unterwegs gewesen. Die letzten zwei Tage aber hatten wir eher leichte und trotzdem wunderschöne Wanderungen.

Am Ankerplatz in Deep Bay auf Jedediah Island nehmen wir zum ersten Mal einen der “Stern Anchor Tie Pins” in Anspruch. Die schmale und kurze Bucht bietet einfach nicht genug Schwoiraum zum freien Ankern, wenn wir uns nicht mitten in die Durchfahrt legen wollen. Also machen wir zusätzlich zum Anker mit dem Dinghy eine Landleine an der Kette eines der “Pins” fest. Klappt ganz gut, wir haben schließlich in Griechenland ausgiebig Ankern mit Landleine geübt.

Für den Landgang müssen wir dann mit dem Dinghy bei über vier Metern Tidenhub ähnlich verfahren.

Unser Spaziergang führt uns dann einmal längs über die Insel, hin zur ehemaligen Farm, deren Obstbäume gerade in voller Blüte stehen. Und weiter zum Driftwood Beach (warum heißt der wohl so) und zur Codfish Bay. Es ist wunderschön, einfach durch den lichten Wald, über Wiesen und durch ehemalige Felder zu spazieren.

Eine mit über 10 km fast doppelt so langer Wanderung wird es bei unserem nächsten Stop. Den Ankerplatz in der Tribune Bay auf Hornby Island haben wir diesmal allerdings nicht für uns allein. Kein Wunder, lockt er doch mit seinem langen breiten Sandstrand jetzt am Wochenende Bootsausflügler auch aus Nanaimo, Comox und Courtenay von Vancouver Island herüber.

Die Wanderung führt ein ganzes Stück oben am steilen Ostkliff der Bucht bis hinaus bis zum St. John Point im Helliwell Provincial Park. Und von dort haben wir einem Blick hinüber zur vorgelagerten Felsinsel FLORA ISLAND. Ganz viel Flora dürfte sich dort allerdings nicht finden lassen, dafür aber umso interessantere Fauna: neben nistenden Seevögeln haben sich sowohl Steller-Seelöwen als auch Kalifornische Seelöwen eingefunden, außerdem Seehunde. Ein echtes kleines Robbenparadies, das wir bis hinüber nach St. John Point hören können.

Auf dem Rückweg kommen wir dann auch noch an blühendem weißen Flieder vorbei, damit hat für Wiebke der Sommer begonnen 😉.

Und das bekräftigen wir auch gleich, indem wir unser erstes Pazifik-Bad der Saison nehmen. Hier in der vergleichsweise flachen Tribune Bay hat das Wasser heute nur knapp unter 18 Grad Celsius, also Zeit zum Anbaden!

Und nach der willkommenen Abkühlung mit einem Drink in die Hängematte auf dem Vorschiff. Genau hinschauen, die Kuchenbude haben wir nämlich heute wieder gegen das Bimini getauscht.

Sommer, Wärme, Sonnenschein! Keineswegs selbstverständlich und vielleicht auch nur vorläufig, wir nehmen jedenfalls jeden der warmen Sonnentage einzeln und sehr dankbar wahr.

🌞

Sommertage im April in BC

Schon klar, Tropennächte sind damit nicht verbunden. Aber die letzten Tage haben uns in Prideaux Haven im Desolation Sound tatsächlich mit sommerlichem Wetter verwöhnt. Sind wir wirklich nicht mehr gewohnt. T-Shirt und kurze Hose auf Flora!

Wir nutzen das wunderbare Wetter für Dinghyausflüge und für ausgedehnte Hikes. Der Tidenhub und die mit scharfkantigen Austern bewachsenen Felsen machen es nötig, das Beiboot während unserer Abwesenheit vom Ufer weg zu halten. Unser „Anchor Buddy“ bewährt sich einmal mehr: das starke Gummiband in der Ankerleine zieht Florecita zuverlässig ins tiefe Wasser, obwohl wir landseitig wir an einer der Ketten (stern tie pin) festgemacht haben.

Es gibt mehrere gekennzeichnete Trampelpfade durch den Wald und sie führen buchstäblich über Stock und Stein. Besonders der Hike zum Unwin Lake hat es in sich, über mehrere Bergrücken hinweg geht es fast nur steil bergauf und bergab, dazwischen abgesehen von der sumpfigen Niederung am See kaum einmal ein paar Meter in der Ebene zum Luftschnappen. Insgesamt sind es eigentlich nur 7 km aber trotzdem sind wir rechtschaffen fertig und ordentlich durchgeschwitzt, als wir wieder am Dinghy ankommen. Was für eine herrliche Wanderung.

Etwas einfacher ist der Hike am nächsten Tag, er führt über die Halbinsel, die unseren Ankerplatz von der südlicher gelegenen Melanie Cove trennt.

Wie schon am Vortag gibt es auch hier ein paar ganz besondere Naturerlebnisse. Wieder sehen wir eine Schlange, wie am Vortag ist es eine Puget Sound Garter Snake, eine farbenprächtig grün-gelbe Unterform der Strumpfbandnatter.

Sie ist eine der wenigen lebendgebärenden Schlangenarten und gehört zwar zu den Giftschlangen, aber ein Biss der eher scheuen, nur gut daumendicken Reptilien ist für den Menschen normalerweise ungefährlich, löst allenfalls Jucken, Hautreizung und Schwellungen aus.

Wir hören gelegentlich die Rufe wilder Truthähne und vor allem häufig flötende Vogel-Stimmen, aber es dauert eine ganze Zeit, bis wir einen der Urheber zu sehen bekommen. Es ist eine Wanderdrossel (American Robin). Ein ganzes Stück fliegt sie von Ast zu Ast vor uns her, bis sie uns endlich auch einen Blick auf ihre rötliches Brustgefieder erhaschen lässt.

Auch rötlich: die Rinde des Amerikanischen Erdbeerbaums (sic!), hier Madrone genannt. Er ist einer der wenigen Laubbäume in diesen von Nadelbäumen geprägten Regenwäldern. Mit seinen ledrigen Blättern zählt er zu den immergrünen Gewächsen, aber die farbenfrohe Rinde scheint diese Einordnung verhöhnen zu wollen:

Vor allem aber: was für ein Wald, was für eine traumhafte Landschaft!

Ein ganz anderes Abenteuer

Ziemlich genau vor einem Jahr sind wir aus der Chesapeake Bay aufgebrochen, die US-Ostküste hinuntergesegelt (die in diesem Jahr aktuell von “Nicole”, einem eher seltenen Novemberhurrikan heimgesucht wurde), über Mexiko, Panama, Galápagos, Hawai’i, Alaska und durch British Columbia bis nach Vancouver Island gesegelt. 12 Monate, gut 13.000 Seemeilen!

Und jetzt wollen wir von Seattle aus mit dem Auto quer durch die Vereinigten Staaten zurück zur Chesapeake Bay fahren (direkte Strecke ca. 4.370 km,) und spätestens an Thanksgiving am 24.11. in Washington sein. Von heute aus also in zwei Wochen.

Das wird ein weiteres, ganz anderes Abenteuer. Zumal wir ein paar Abstecher eingeplant haben und uns ziemlich nördlich bewegen. Mit Bedacht haben wir uns ein Allradauto ausgesucht und zusätzlich Schneeketten gekauft. Es ist schon winterlich in den Rocky Mountains, und da wollen und müssen wir nun mal rüber.

Einen ersten Vorgeschmack bekommen wir gleich nachdem wir Seattle in Richtung Osten auf der Interstate 90 verlassen haben. Gleich hinter der Stadt beginnen die Berge. Noch nicht die hohen Rocky Mountains, erstmal “nur” die Issaquah Alps und die Cascade Range. Und trotzdem, gerade noch die Segelboote auf dem Puget Sound und jetzt:

Noch vor dem 919 m hohen Snoqualmie Pass biegen wir von der Interstate ab und wandern zu den Franklin Falls.

Winter-Wunderland. Aber die Weiterfahrt beschert uns nochmal eine Pause vor dem weiteren Winter, denn östlich der Cascade Range zeigt sich Washington State ganz anders: extrem trocken. Selbst auf Google Earth im großen Maßstab lässt sich das leicht nachvollziehen, die Farbe wechselt von Grün nach Braun. Die Cascade Range hält die Niederschläge ab, erst die deutlich höheren Rocky Mountains werden wieder bedacht.

Für uns verheißt das bei unserem Besuch der Segelfreunde in Ellensburg schönes Wetter und blauen Himmel.

George und seinen Sohn Ben mit ihrer “Island Time” hatten wir in der Kwatsi Bay kennengelernt und in Campbell River nochmals getroffen. Die Gastfreundschaft von ihnen und Georges Frau Lucy ist umwerfend. Weil ihre Mieter gerade ausgezogen sind, sollen wir doch gerne ihr sonst vermietetes Haus in der Nachbarschaft beziehen.

Sprachlos.

Auch sonst werden wir rundum verwöhnt, bekommen die Universität und die Stadt gezeigt, klönen und diskutieren viel (die US-Midterm-Elections sorgen nochmal für zusätzlichen Gesprächsstoff). Haben einen tollen Abend mit Freunden und Verwandten der drei. Aber auch Zeit für uns, um uns einen ruhigen Tag nach der in Ellensburg vorgenommenem Booster-Impfung mit dem neuesten Covid-19-Impfstoff zu gönnen.

Zum Abschied begleitet uns der passionierte Felsenkletterer Ben noch ein ganzes Stück mit dem Auto und zeigt uns die Frenchman Coulee, einen tollen Ort zum Hiken und Klettern in der wüstenähnlichen Landschaft eines tiefen Canyon.

Für uns geht es danach weiter gen Osten auf der i90, dem mit über 3.000 Meilen längsten US Interstate Highway. Hinter Spokane beginnt der Anstieg in die Rocky Mountains, wir fahren durch den Panhandle von Idaho, dann weiter nach Montana. Von dort soll es in den Yellowstone Nationalpark gehen. Die meisten Straßen dort sind zwar gesperrt und werden erst im Dezember wieder geöffnet – dann aber auch nur für Snowmobile! Der nördliche Eingang und ein kleiner Teil der Straßen ist derzeit noch offen, das werden wir morgen ausprobieren.