Robben-Show in der Ballet Bay an der Sunshine Coast, British Columbia, 🇨🇦

SUNSHINE COAST. Ein bisschen dick aufgetragen klingt das, wie gemacht für die Prospekte in Reisebüros. Und doch, es ist die offizielle Bezeichnung des Verwaltungsbezirks (Regional District, entspricht etwa den deutschen Landkreisen). Er grenzt nordwestlich an den Metro-Vancouver-District, Hauptort und Verwaltungssitz ist Sechelt. Das Städtchen stellt mit gut 10.000 Einwohnern auch schon über ein Drittel der Gesamtbevölkerung. Aber wir nehmen Sunshine-Coast wörtlich, fahren bei dichter Wolkendecke mit dem Morgenhochwasser durch die Malibu Rapids und dann mit tatsächlich langsam auflockernder Bewölkung den Jervis Inlet hinunter an die “Küste”. Unser Ziel ist die rundherum durch Inseln geschützte Ballet Bay. Und dort angekommen, strahlt denn auch wirklich die Sonne von einem blauen Himmel herunter, nach Wetterbericht soll das für die nächste Woche auch so bleiben.

Die Küste in diesem Abschnitt bekommt durch die geografischen Gegebenheiten in der Regel mehr Sonnenschein ab, die Bewölkung hängt eher in den hohen Bergen auf Vancouver Island und dem Festland. Das lässt sich auf dem aktuellen Windy-Bild (mit eingeblendeten Wolken) ganz gut erkennen:

Noch viel besser aber zeigt sich das live an unserem Ankerplatz im Naturhafen der Ballet Bay:

Das Video dazu ist leider etwas groß für unsere Blogseite, Ihr findet es aber unter diesem Link.

Was die Ballet Bay für uns ganz besonders macht ist unter anderem die Show, die uns die Robben hier bieten:

Außerdem bekommen wir unseren ersten Dungeness-Krebs der Saison beschert, der schmeckt natürlich besonders gut.

Und zum Abend lassen sich dann doch noch ein paar Wolken blicken und machen damit das Farbenspiel des Sonnenuntergangs an der Sunshine Coast eher noch ein bisschen schöner.

Die Natur ist von Beruf Künstler!

Totempfähle? Steinmetz-Arbeiten an einem Indiana Jones Tempel? Rätselhafte Fels-Skulpturen vergessener Kulturen?

Quatsch! Unsere Phantasie schlägt Purzelbäume, aber es sind natürlich nur um 90 Grad gedrehte Spiegelungen der Felsen an der Wasserlinie hier am Ankerplatz in Prideaux Haven. Trotzdem, von mystischen Schlangen bis zu Vogelmenschen oder Katzenköpfen bis hin zu Comic-Figuren lässt sich für uns alles darin erkennen. Nach den Wolken-Tierchen auf der Atlantiküberquerung und den Eisskulpturen in Alaskas Glacier Bay sind jetzt also mal die Felsen dran für kurzweilige Spielchen mit der Vorstellungskraft.

Und weil es hier so schön ist, bleiben wir noch ein bisschen und spielen weiter.

Endlich wieder mit Flora unterwegs!

Leinen los. Wir sind wieder unterwegs.

Die Vorbereitung mündet in einer Punktlandung. Zwei Tage vor Abfahrt wird das Update für den Autopilot installiert, ab jetzt versteht sich Floras elektrische Selbststeuerung auch mit dem neuen Plotter. Direkt am Tag vor der Abfahrt verkaufen wir privat (über Facebook Marketplace) unser Auto, nachdem uns der Händler ein nur als “unverschämt” zu bezeichnendes Angebot gemacht hatte. Fast wäre das der Verkauf noch daran gescheitert, dass die Belastungsabfrage einen Kredit auf dem Auto ausgewiesen hat, obwohl derselbe Händler uns das Auto als lastenfrei verkauft hatte (wozu er in Kanada gesetzlich verpflichtet ist). Aber mit Wulfs Hilfe können wir zum Glück rasch klären, dass nur die Löschung wegen Ablösung des Kredits im Verwaltungsweg untergegangen ist.

Wulf, Lynn und Lorraine lassen es sich auch nicht nehmen, uns bei der Abfahrt am Steg zu verabschieden, Hund Fritz ist natürlich auch dabei. Lieben Dank für alles, Ihr habt Campbell River für uns zu einem ganz besonderen Ort gemacht.

Ein letzter Blick zurück auf Campbell River …

… dann schauen wir nach vorn. Wir fahren über die Strait of Georgia zu den Fjorden auf der Festlandsseite.

Direkt ans Festland geht es aber nicht, wir haben uns als erstes Ziel Prideaux Haven im Desolation Sound ausgesucht. Ein Inselgewirr mit tollen Ankerplätzen in einer bezaubernden Landschaft.

Wie unterschiedlich Geschmäcker sein können, wie sehr Wetter und Stimmung das Empfinden beeinflussen, das lässt sich beim Namen “Desolation Sound” leicht ableiten. Captain George Vancouver hatte 1792 ziemlich schlechtes Wetter hier, zudem litt seine Crew unter Lebensmittelvergiftungen durch Muscheln. Den erkundeten Tiefwasser-Meeresarm, der einmal mehr eine Sackgasse und eben nicht die Nordwest-Passage war, nannte er Desolation Sound (Desolation = Trostlosigkeit, Verwüstung). Heute aber – noch dazu bei bestem Wetter – ist der Sund als Naturschönheit bekannt. Die Provinz hat einen Marine Park eingerichtet, aber man darf in dem Schutzgebiet ankern.

Insbesondere in der Hochsaison wird das auch rege genutzt. Wenn es eng wird, wird halt mit Landleine geankert. Um die Bäume zu schützen, gibt es für die Landfesten “Stern Tie Anchor Pins”, extra gekennzeichnete Ketten, die von gelben Markierungen oberhalb der Hochwasserlinie bis zum Wasser herab reichen. Sehr praktisch bei drei bis fünf Meter Tidenhub und den scharfkantigen Muscheln auf den Felsen.

Ohnehin haben auch die Gezeiten selbst hier um die Strait of Georgia einige Besonderheiten. Statt einfach nur alle 6 Stunden hin und her zu schwappen, bilden sich durch die lokalen Gegebenheiten ganz variable Tiden heraus ( hier ein Auszug aus der offiziellen kanadischen Seite zur Tidenvorhersage):

Schön zu erkennen, dass im Monatslauf die Tiden speziell in den Tagen nach Neumond und Vollmond fast regelmäßig auftreten und als Springtiden eben auch kräftiger ausfallen, typischerweise nach Halbmond sich aber eine große und eine manchmal kaum vorhandene kleine Tide abwechseln (besonders in Campbell River und der Owen Bay).

Jetzt, Ende April, finden wir die Inselwelt des Prideaux Haven zum Glück alles andere als überlaufen vor und können frei in der Mitte der von uns ausgesuchten Bucht südlich der Williams Islands ankern.

Direkt vor dem begehrten “Fenster”, dass den Blick auf die schneebedeckten Spitzen der Berge ermöglicht, der sonst von den bewaldeten steilen Inseln verdeckt wird.

Was für ein Start. 😁

Re. Oder: Die verflixte Strömung

Der Chatham Channel kann bis zu 8 kn Strömung erreichen. Das hört sich toll an, nach dem Motto: da muss man ja nur auf den richtigen Zeitpunkt warten und dann wird man bei 5 kn Fahrt mit 13 kn seinem Ziel entgegen geschoben. Schön wärs.

Aber so einfach klappt das leider nicht. Technisch gesehen liegt das an einer physikalischen Kennzahl, der Reynolds-Zahl (Formelzeichen Re). Sie ist in der Strömungslehre von besonderer Bedeutung und ermöglicht zum Beispiel Modellversuche im Windkanal, Berechnungen zum Turbulenzverhalten von Flugzeugtragflächen oder von potentiellem Strömungsabrissen, sei es am Flügel von Windkraftanlagen oder am Steuerruder eines Bootes.

Oder eben Aussagen dazu, wann fließendes Wasser nicht mehr (laminar) dahinströmt, sondern chaotisch wird, Eddies und Wirbel, stehende Wellen und Strudel bildet. Das passiert selbst in einem glatten Rohr bei entsprechender Fließgeschwindigkeit, wird aber durch Verengungen, Felsen und Flachstellen deutlich begünstigt, der kritische Re-Zahlenwert wird dann schneller erreicht.

Und dann würde das Wasser unsere Flora eben nicht mehr durch den Chatham Channel schieben, sondern uns steuerlos herumwirbeln. Um das zu vermeiden, stellen wir den Wecker und fahren mit nur langsam schiebenden Strom durch die Enge. Bis zu drei Knoten erreicht die Strömung, das passt gut und wir kommen völlig problemlos durch. Selbst der Nebel hat ein Einsehen, habt sich ein wenig und erlaubt uns etwas Sicht, bevor er kurz nach der Passage wieder pottendick wird. Unter Radar tasten wir uns weiter bis zu unserem Tagesziel, Port Neville.

Wir machen am Schwimmsteg vor der alten Poststation fest. Die ist zwar heute ein Privathaus und nicht mehr ganzjährig bewohnt, der Steg ist aber immer noch kommunal und wird von den Behörden gut in Schuss gehalten. Wir dürfen kostenlos dort anlegen und auch das Gelände betreten. Am Strand finden wir frische Bärenspuren, es lässt sich aber keiner sehen.

Die nächste Tagesetappe führt uns die Johnstone Strait hinunter und wir können hier – bei reichlich Platz – mit den Verwirbelungen der schiebenden Tide weitere Erfahrungen sammeln. An Helmcken Island führt nördlich die “Currant Passage” südlich die “Race Passage” vorbei. Als Verkehrstrennungsgebiet ausgeführt, ist es für uns die Race Passage. Obwohl dem Fahrwasser folgend, müssen wir bei 4 Knoten Schiebeströmung teilweise bis zu 45 Grad vorhalten (also den Bug in die “falsche” Richtung steuern) und werden immer mal wieder 20 Grad nach rechts oder links gedrückt. Beeindruckend.

Tagesziel ist der Ankerplatz hinter Turn Island.

Der nämlich liegt nur 13 Seemeilen vor den Seymour Narrows. Und für genau die war das Ganze der Aufgalopp zum Üben. Bis zu 15 Knoten können die Strömungen hier erreichen, es ist DIE berühmt berüchtigte Passage in British Columbia. Selbst Wikipedia fabuliert von einer astronomischen Reynolds-Zahl für diese zentrale Enge. Die offiziellen kanadischen Sailing Directions empfehlen allen kleinen Booten (unter 20 m !!!) nachdrücklich, sie nur um Stillwasser herum zu befahren.

Stillwasser ist in den Seymour Narrows maximal 15 Minuten, oft weniger. Das reicht nicht für die Strecke, also soll die erste leicht mitlaufende Tide helfen.

Und das wollen wir morgen versuchen. Uns also bei Gegenstrom etwa drei Stunden lang heranarbeiten, um dann zum genau richtigen Zeitpunkt (morgen um 11.00 Uhr Ortszeit herum) hindurch zu fahren. Drückt uns die Daumen, dass wir richtig gerechnet haben. Wenn nicht, sollten wir es auf den 13 Meilen schon merken und können dann (Plan B) umdrehen oder (Plan C) in die Brown Marina direkt vor den Narrows einlaufen.

Wetterglück in British Columbia

Es ist eigentlich kaum zu fassen, was für ein Glück wir mit dem Wetter hier in BC haben. Wohlgemerkt: wir. Die Lachse nicht so sehr. Wann immer wir Einheimische ansprechen, hören wir, dass es für die Jahreszeit viel zu trocken ist. Für die Lachse ist das schlecht, sie bleiben in tieferem (Meer-)Wasser und warten auf den großen Regen, damit sie dann die anschwellenden Bäche und Flüsse hinaufwandern können. Lachse im tiefen Wasser sind wiederum auch schlecht für die Fischer, denn dort sind sie wesentlich schwieriger zu erwischen.

Auch wir haben bisher nur wenig Lachs gefangen, sind aber trotzdem sehr froh über das schöne Spätsommerwetter. Zu diesem gehört hier in BC der Morgennebel wohl dazu, navigatorisch manchmal anstrengend, aber auch von magischer Schönheit. Fast jeden Tag führt er dazu, dass wir etwas länger in der Koje bleiben und erst losfahren, wenn sich der Schleier über der Landschaft etwas hebt und zumindest erste Blicke in den blauen Himmel freigibt.

Nebel und Sonnenschein, diese Kombination führt zu dem farbenprächtigen Halo, den die Drohne um Flora herum aufgenommen hat:

Von Port Hardy aus geht es erstmal wieder in die Einsamkeit: die Broughton Islands sind unser erstes Ziel. In dem Inselwirrwarr wählen wir die Waddington Bay als Ziel, ein toller Tip von Tereza und Jakub.

Und wir haben Angelerfolg. Ein großer Grünling geht an den Haken, wieder mal eine neue Art Fisch für uns, sehr lecker.

Die nächste Ankerbucht haben wir auch wieder für uns allein, Shoal Harbor nur etwa 5 sm weiter östlich. Die Einfahrt ist eng mit Flachs gleich neben uns, aber der Bewuchs mit Kelp zeigt die Lage der Unterwasserfelsen gut an und so können wir uns problemlos hindurchschlängeln.

Mit dem Dinghy fahren wir ein Stück zurück zur Echo Bay. Michelle und Tom von der Paraiso hatten uns in Alaska ans Herz gelegt, hier unbedingt das kleine Museum in den grünen Häuschen zu besuchen.

Wir machen Florecita am Steg fest und oben am Hang erhebt sich Billy aus seinem Gartenstuhl und kommt langsam zu uns herunter. William “Billy” Proctor ist 87 Jahre alt. Fast ebenso lange hat er am Strand Fundstücke aufgesammelt und zusammengetragen, Muscheln ebenso wie Gebrauchsgegenstände der Ureinwohner, kleine und medizinballgroße Netzbojen aus Glas, die vom fernen Japan herüber getrieben sind, Flaschen aller Art, Otter-, Wolfs- und Bärenfallen, schön säuberlich handbeschriftet, Angelköder allenthalben, ergänzt mit Haushaltsgegenständen und Werkzeugen, wie sie hier in Gebrauch waren zu einem Einblick in die Zeitgeschichte.

Die eigentliche Attraktion des Museums aber ist Billy selbst. Still, fast schüchtern, weiß er doch (auf unsere Frage) zu jedem Ausstellungsstück eine kleine Geschichte zu erzählen. Die Fallen etwa hat er selbst benutzt, er erklärt uns, in welchen Wintermonaten man die besten Felle erhält und zeigt uns die Werkzeuge, mit denen die Pelze weiter bearbeitet wurden. Erzählt, das über den Fallen ein Werkzeug zum Öffnen in die Bäume gehängt wurde, für den Fall, dass versehentlich ein Mensch hinein trat.

Ungefähr ein Eintrag pro Tag findet sich im Gästebuch. Billy nimmt sich Zeit, wir auch.

😊

Zurück auf Flora sind wir zwar noch immer das einzige Boot am Ankerplatz und sehen auch keinen anderen Menschen, dafür haben es sich aber Robben auf den Holzstämmen vor einer Hütte am Ufer bequem gemacht. Knapp 30 von ihnen zählen wir in der kleinen Bucht.

Wenn sich die Tiere hier so wohl fühlen, sollte dann auch …

Ja, unser Krebskorb ist endlich mal wieder gefüllt. Die beiden Weibchen gehen gleich zurück ins Wasser, aber das große Männchen sorgt für ein Festmahl auf Flora.

Am nächsten Morgen motoren wir bei sich lichtendem Nebel weiter durch den Tribune Channel in die Kwatsi Bay.

Der Törnführer verspricht spektakulär steile Hänge rund um die Bucht und damit hat er recht. Nicht aber mit der erwähnten Marina, der wir wegen des schlechten und steil ansteigenden Ankergrunds eigentlich den Vorzug geben wollten. Die Anlage ist verlassen, die Landverbindung des Schwimmsteg versunken.

Der vordere Teil des Steges allerdings ist noch nutzbar, wir machen für die Nacht fest und erkunden die Umgebung. Die steilen Felsen am Ufer zeigen mit ihrem Farbenspiel, dass hier wohl Eisen und Schwefel am Werk sind. Ein Fender hängt ein Stück entfernt in einem Baum. Als wir mit dem Dinghy dort anlanden, entpuppt er sich als der erhoffte Wegweiser für einen kurzen Trail hinauf zum Wasserfall im Wald. Mangels Regen (!) nur ein Schatten seiner sonstigen Fülle, aber trotzdem ein schöner Anblick und so können wir ein bisschen im Bachbett herumklettern.

Kurz vor dem Dunkelwerden tuckert dann doch noch ein zweites Boot in die Bucht, George und Ben aus Washington (State), wie Tereza und Jakub mit einer Hans Christian 38 unterwegs. Wir haben zusammen einen schönen Abend auf der Flora und werden am nächsten Morgen zu Pancakes auf die “Island Time” eingeladen.

Wie üblich, danach hat sich der Nebel gelichtet, es kann weitergehen. Strategisch günstig nah am Eingang des etwas kniffligen Chatham Channel gelegen, haben wir uns als Tagesziel die Lagoon Cove Marina ausgesucht (wieder eine Empfehlung von Michelle). Marina ist dabei vielleicht etwas irreführend: ein Schwimmsteg mit zwei Querstegen, von denen einer das Fueldock ist. Familiengeführt und liebevoll ausgestattet. Wir sind die einzigen Gäste und es ist ziemlich günstig: jetzt in Nachsaison 45 kanadische Dollar, umgerechnet gut 33 Euro pro Nacht. Mit perfektem leistungsstarken WiFi über Starlink, mit dem wir endlich einige benötigte Updates laden können. Und mal wieder einen Blogbeitrag posten 😉.

Grau oder Schwarz-Weiß

Von der wunderschönen und farbintensiven Codville Lagoon fahren wir bei schlechter werdendem Wetter 15 Meilen weiter nach Süden. Es wird grau. Die Seekarte zeigt “Namu Harbour”, aber der Törnführer hält desillusionierendes bereit: Namu ist ein Ruinenort, sogar vollständig “off limit” – darf also nicht betreten werden. Wie Butedale weiter im Norden war Namu ein prosperierender Ort, bis die große und vordem sehr erfolgreiche Cannery dicht machte, wurde danach verlassen und dem Verfall preisgegeben. Hier wie dort scheiterten verschiedene Versuche der Revitalisierung. Inzwischen taugen die zusammenbrechenden und ins Meer rutschenden Gebäude nur noch als traurige Mahnung. Goldgräberzeiten (auch unternehmerische) haben hier an der abgelegenen pazifischen Nordwestküste immer auch Glücksritter angezogen. Für sie gab es nur schwarz oder weiß: war das Geld (erst Pelze, dann Gold/Lachs/Bodenschätze/Holz) nicht mehr leicht zu machen, zogen sie halt weiter. Die zurückbleibenden Ruinen würde die Natur schon schnell wieder unsichtbar machen. In Teilen stimmt das, hier in Namu wird es aber wohl noch etwas dauern.

Das Rock Inlet eben nördlich von Namu führt mit einem schmalen Fahrwasser zu einem guten, 11 m tiefen Ankerplatz. Die vielen kleinen baumbestandenen Felseninseln im Inlet verbergen gnädig den Blick auf die zerfallenden Gebäude und schirmen uns zugleich vor dem Schwell ab, der mit dem aufkommenden Südostwind schnell steile und hackige Wellen im breiten Fitz Hugh Sound aufgebaut hat. Auf der Fahrt hierher hat erstmals seit langem unser Windgenerator mal wieder maßgebliches zu unserem Energiehaushalt beigesteuert, hier drinnen aber schafft es das Lüftchen kaum, seine Flügel überhaupt zu bewegen.

Grauer Himmel, Wolkenfetzen hängen in den Bergen, als wir uns am nächsten Morgen Richtung Calvert Island aufmachen, die den Fitz Hugh Sound vom offenen Pazifik trennt. Vormittags soll es eine Windpause geben, danach folgen nach der Prognose einige Tage mit kräftigem Südwind. Die wollen wir in der Pruth Bay abwettern. Gut geschützt und zugleich mit der Möglichkeit, Spaziergänge und Hikes an die Pazifikküste zu machen.

Die Pruth Bay beherbergt in dieser sonst menschenleeren Gegend das Hakai Institute, eine Forschungsstation, die sich mit der Langzeitentwicklung der Küstenregion zwischen Pazifik und Regenwald in den letzten 15.000 Jahren beschäftigt. Freundlicherweise sind Besucher willkommen, dürfen ihr Dinghy am Dock (mit Miniatur-Bull-Rails) festmachen und die Wege in der „Hakai Lúxvbálís Conservancy Area“ benutzen.

Machen wir gleich. Zum West Beach ist es ein bequemer Waldspaziergang durch ungewohnt flaches Gelände. Der Strand selbst macht dann seinem Namen alle Ehre. Feiner, heller Sand zieht sich jetzt bei Ebbe weit hinaus. Was aber noch viel mehr beeindruckt: oberhalb des Spülsaumes liegt Treibholz in rauen Mengen. Riesige Baumstämme, Wurzelwerk, Äste und Baumstümpfe sind durcheinandergeworfen und ineinander verhakt angespült. Sicher sind auch verlorene Stämme von Flößen der Holzindustrie und vereinzelt Balken dabei, der Großteil aber scheinen ins Meer gespülte Bäume und ihre abgebrochenen Einzelteile zu sein. Wund geschlagen, entrindet, die Oberflächen von der Brandung geschmirgelt zu einer Mischung aus Glätte und Rauheit, wie nur altes Treibholz aufzuweisen scheint.

Die vorgelagerten Schären, die die Bucht bei dem jetzigen Südwind ruhig erscheine lassen, halten den Pazifik bei Westwind offenbar nicht davon ab, die gigantischen Hölzer hoch hinauf auf die Küste zu werfen.

Auch am North Beach, dem wir noch am gleichen Tag nach einem schönen Hike durch den Wald entlang des sumpfigen Hood Lakes besuchen, sieht es genauso aus.

Am nächsten Tag dann eine längere Tour: vom West Beach aus führt ein Trail über die Kliffs und durch die Wälder zu weiteren Stränden. Die Himmelsrichtungen sind wohl ausgegangen, die Strände sind einfach nummeriert. Wir arbeitendes vom ersten bis zum siebten Strand vor, wobei uns die Tide allerdings den Zugang zu Nummer 5 und Nummer 6 verwehrt.

Auch ein Abstecher zum hoch gelegenen Lookout ist drin, von dort geht der Blick über die vorgelagerten Schären auf das heute ziemlich aufgewühlte Meer und zum diesigen Horizont. Es ist spannend, wie sehr die Landschaft und auch der Wald auf den nur vier Kilometern (hin und zurück 8 km) variiert. Hochmoor oben auf dem Lookout Hill, der Wald mal dicht, mal licht. Zwischen zwei Stränden mit hohem Farn, um die nächste Klippe herum und zwischen den beiden nächsten Stränden dagegen dichtes Buschwerk mit dunklen Beeren (Salal?) als Unterholz.

Was aber immer gleich bleibt: über und über Treibholz auf den Stränden. Wir haben täglich Treibholz gesehen (in BC deutlich mehr als in Alaska), sind ihm mit der Flora ausgewichen. Manchmal ist es leicht zu erkennen, etwa wenn es die „kanadischen Möven durch Daraufstellen höflich markieren“, wie es Bill so wunderbar ausgedrückt hat. Oder wenn noch Äste oder Wurzeln daran aufragen. Manchmal aber – insbesondere bei Welle oder Gegenlicht – sind sie nur schwer auszumachen. Ganz besonders betrifft das die gefürchteten „Deadheads“, vollgesogen Baumstämme, die senkrecht im Wasser treiben und mit den Wellen nur auf und nieder hüpfen oder sich gar in flacherem Wasser in den Grund gebohrt haben. Wir waren bisher schon vorsichtig, aber die schiere Menge am Treibholz mahnt uns zu künftig noch größerer Aufmerksamkeit.

Wir sind früh aufgebrochen, denn ab Mittag sollten laut Wetterbericht Wind und Regen einsetzen. Aber unser ausdauerndes „Beachcombing“, dauert lange. Wir studieren neben dem Treibholz auch verschiedenen Arten Kelp, das schimmernde Perlmutt der Austern, die anderen Muscheln und Steine, Plastikmüll findet sich dagegen erstaunlicherweise kaum. Nur eine Flasche und ein größeres Plastikteil sammeln wir ein und legen es auf die eingerichtete Sammelstelle.

Ab 13.00 Uhr zeigt sich dann, dass Wettervorhersagen doch nicht nur Horoskope mit Zahlen sind. Der Regenwald trägt seinen ersten Namensteil nicht zu Unrecht und wir beeilen uns, zum Boot zurück zu kommen.

Malerisches BC

British Columbia verwöhnt uns weiter mit einigen richtig schönen, sonnigen Spätsommertagen. Fast immer sind wir das einzige Boot in der Ankerbucht. So auch in der Fancy Cove, obwohl sie recht nah an New Bella Bella liegt, der einzigen Ortschaft in diesem Abschnitt der Inside Passage südlich von Klemtu.

Am nächsten Tag ist es dann nur ein kleiner Hüpfer von 5 Meilen durch die Lama Passage und quer über den Fisher Channel bis zur Lagoon Bay. So können wir die Ankunft dort gut timen und darauf kommt es uns an. Wie der Name andeutet liegt hier eine größere Bucht, die nur über eine enge und flache Einfahrt zugänglich ist. Das bedeutet eben auch, dass das Wasser der gesamten Bucht bei Ebbe und Flut durch den Flaschenhals des schmalen Zu- und Abflusses muss und entsprechende Strömung aufweisen kann, also am besten um Stillwasser herum zu passieren ist. Die Codville Lagoon wartet zwar nicht mit dem Türkisblau auf, was man vielleicht mit Lagunen verbindet, wohl aber mit einem wunderschönen Ankerplatz auf für hiesige Verhältnisse flachen 15 Metern Wassertiefe in einer der vielen kleinen Buchten der Lagune. Der Clou: ein ausgeschilderter Wanderweg hier mitten in der Wildnis, der zu einem Süßwassersee oberhalb der Lagune führt. Einmal mehr leistet unser “Anchor Buddy” gute Dienste und zieht unser Dinghy nach dem An-Land-Gehen aus der Tidenzone heraus in das tiefere Wasser.

Der Trail führt herrlich über buchstäblich Stock und Stein durch den Regenwald. Zum ersten Mal kommen unsere noch in Alaska gekauften Teleskop-Wanderstöcke zum Einsatz (und bewähren sich). Der See überrascht dann mit einem langen hellen Sandstrand, für diese Gegend eigentlich völlig ungewöhnlich.

Unsere Segelfreunde Tereza und Jakub hatten uns berichtet, dass sie in dem See schwimmen waren. Etwas ungläubig haben wir vorsichtshalber unsere Badesachen eingepackt und – tatsächlich – die Temperatur in dem recht klaren, aber durch die Holzteile im Wasser und am Grund rotbraunen Wasser ist nach den sonnigen Tagen annehmbar, wir baden hier wirklich. Windstill und sonnig wie es ist, schließen wir noch einen ausgiebigen Strandspaziergang an. Barfuß im Sand hatten wir zuletzt länger nicht mehr.

Einiges an verwittertem Schwemmholz liegt hoch auf dem Sandstrand, darunter auch der massige Rest einer riesigen Zeder einschließlich Wurzelstumpf. Die Maserungen und Holzverläufe der Wurzel sind ein einziges die Phantasie anregendes Kunstwerk. Nach Wolkentieren im Passat und Eisskulpturen in Alaska finden wir jetzt hier im schon grau gewordenen Holz Figuren oder gar Abbildungen von Wasserstrudeln. Dann wieder scheint es, als könnten sich Edvard Munch oder Vincent van Gogh hier die Anregung für ihre Pinselführung abgeholt haben.

Die nächsten Tage wird wohl mal wieder eine Front durchziehen, das sonnige Wetter macht also dann Pause, aber bisher können wir uns echt nicht beklagen. Und bevor das Grau kommt, legt Mutter Natur mit der Abendsonne noch mal ordentlich Farbe auf:

Klemtu: von Geister-Bären und Klassiker-Gänsen

(Einen) Schwarzbären haben wir ja jetzt gesehen, aber Klemtu bietet uns die Chance auf eine extrem seltene Unterart: den Spirit Bear, also Geister-Bär. Genau genommen ist Klemtu nicht der einzige Ort, an dem diese Tiere gesichtet werden können, die Chance ist ohnehin nicht gut, allerdings besser als anderswo.

Denn der Spirit Bear ist ein weißer Schwarzbär. Hört sich seltsam an und ist es auch, denn diese Unterart des amerikanischen Schwarzbären gibt es tatsächlich mit weißem oder cremefarbenem Fell. Keine Albinos, sondern eine natürliche Genmutation, die diese nur hier vorkommende Unterart (Kermodebär) von den anderen Schwarzbären unterscheidet. Selbst innerhalb der Unterart sind zumeist 90 Prozent der Bären schwarz. Auf einigen wenigen Inseln aber sind fast ein Drittel der Kermodebären hell, so auf Gribbel Island und eben auf Swindle Island, wo Klemtu liegt. Der Ort ist eine First Nation Gemeinde, eine der größeren. Etwa 500 Kitasoo und Xai’xais leben hier. In ihrer Mythologie hat der Schöpfer einen von zehn Schwarzbären weiß gemacht, um an die (gar nicht so weit zurück liegende) Zeit zu erinnern, in der Gletscher das Land bedeckten. Die Menschen sollen dankbar dafür sein, es nicht als selbstverständlich hinnehmen, dass stattdessen nunmehr Bäume und andere Pflanzen das Land bedecken und die dazwischen liegenden Wasser befahrbar und fischreich sind.

Am öffentlichen Steg in Klemtu können wir kostenlos festmachen. Die “bull rail”, an der auch hier statt Klampen die Leinen festgemacht werden, hat zwar schon bessere Tage gesehen, aber der Steg selbst ist in Ordnung. Ein Obmann der Gemeinde spricht uns beim Landgang an, erklärt uns, wie die Bewohner versuchen, selbstständig zu bleiben und gleichzeitig nachhaltig zu wirtschaften, in der Forstwirtschaft, mit den gemeindeeigenen Lachsfarmen ebenso wie der Hatchery (Wildlachsaufzuchtstation) und auch besonderen Regeln beim Fischen. Für uns bedeutet das, keinen Krebskorb ausbringen zu dürfen, angeln ist aber erlaubt. Wir erfahren auch, dass auf UKW-Kanal 6 der allgemeine Dorffunk läuft und wir dort George Robinson anfunken sollen, wenn wir das Long House von innen besichtigen möchten. Probieren wir, erreichen ihn aber leider nicht. Von außen ist es schon mal imposant:

Das Wasserflugzeug ist übrigens eine Grumman Goose G21A, ein Flugboot, das auf dem Wasser und auch auf normalen Landebahnen aufsetzen und auch starten kann. Von 1937 bis 1944 insgesamt 345 mal gebaut ist es ein echter Klassiker und hier immer noch im normalen Betrieb, wie Wasserflugzeuge überhaupt ein ganz übliches und auch notwendiges Verkehrsmittel in BC (und auch in Alaska) sind.

Bei unserem Landgang sehen wir dann zwar Spirit Bears, aber leider nur auf den Abbildungen, die in dem Örtchen die (bärensicheren) Mülleimer zieren. Die Erinnerung an Bewusstheit und Nachhaltigkeit findet also ihre Fortsetzung.

Selbst auf unserem ausgedehnten Hike hinauf durch das Hochmoor und den Wald bis hin zum weit über Klemtu liegenden Süßwassersee sehen wir keine Bären. Ist aber auch kein Wunder, wir machen vor unübersichtlichen Stellen absichtlich ordentlich Lärm und rufen den Bären zu, dass wir gleich um die Ecke kommen.

😊

Trotz der wenigen Touristen (es gibt nach unserer Kenntnis nur eine Lodge und wir sind das einzige Gastboot im Hafen) sind die Trails aufwändig angelegt. Bohlen, Holzscheite und Baumscheiben machen das Hochmoor gut begehbar, auch wenn die Baumscheiben beim Schwereren von uns beiden mit schmatzendem Geräusch bis fast zum Rand einsinken, obwohl es daneben fast trocken aussieht.

Der weitere Weg durch den Regenwald zum See ist dann noch deutlich rutschiger, manchmal im Bachbett verlaufend und zwischendurch auch abenteuerlich, an den steilen Stellen ist das Halteseil unerlässlich. Aber es lohnt sich:

Im Ort finden wir (wenn auch nur durch Nachfragen) einen gut ausgestatteten Supermarkt, wobei wir das Glück haben, dass am Tag unserer Ankunft die große BC-Fähre am örtlichen Terminal angelegt und die neue Lieferung mitgebracht hat.

Supermarkt in Klemtu. Das Tor rechts ist der Eingang 🤔

Nach zwei Nächten am Steg verholen wir eine knappe Meile weiter in die herrliche Ankerbucht eben südlich des Ortes.

Liegt nicht nur wunderbar idyllisch, sondern beschert uns auch gleich Angelglück, ein stattlicher Coho-Lachs geht uns an den (widerhakenlosen) Haken. Für das Abendessen ist also gesorgt und wer weiß, vielleicht zeigt sich am Waldrand im Lachsbach ja noch ein echter Geister-Bär.

Ganz viel Landschaft

Es klappt mit dem Tankstop in Hartley Bay. Zwingend notwendig wäre es nicht, der Tank ist erst etwa halb leer. Aber vor uns liegt einiges an Strecke durch die wild verzweigten Fjorde um den nördlichen Teil der Inside Passage in British Columbia. Zwischen Hartley Bay und Port Hardy auf Vancouver Island liegen zwar noch zwei weitere Tankmöglichkeiten (Klemtu und New Bella Bella), aber bei beiden warnt der Törnführer, dass eine vorherige Anfrage hinsichtlich der tatsächlichen Verfügbarkeit angeraten sei. Zudem wissen wir nicht, wie viel wir in den zum Teil engen Fjorden segeln können bzw. motoren müssen.

Und außerdem wollen wir auch noch ein paar Umwege oder Abstecher machen, den ersten gleich im Anschluss. Statt Whale Channel und MC Kay Reach Richtung Südosten schwenken wir im Zickzack erst einmal in die Verney Passage 13 Seemeilen wieder nach Norden, dann den Ursula Channel (liebe Grüße, Uschi) wieder nach Süden und kurz darauf wieder nördlich in die Bishop Bay. Der Grund dafür: die Bishop Bay Hot Springs. Zweimal haben wir ja in Alaska bereits die heißen Quellen zum Baden benutzt (White Sulphur Springs und Warm Springs Baranof). An der Küste British Columbias sind neun Standorte zugänglicher heißer Quellen verzeichnet. Mal mit, mal ohne Badehaus und mit Temperaturen zwischen 39 und 59 Grad Celsius. Die Quelle in Hot Spring Island auf Haida Gwai erreichte sogar 60 Grad, war aber nach dem Erdbeben 2012 zeitweise versiegt und ist seitdem kühler.

In den Bishop Bay Hot Springs sind es angenehme 40 Grad. ☺️

Der Ankerplatz in Bishop Bay ist etwas tricky, der Fjord ist bis 400 m tief und steigt zum Ufer hin entsprechend sehr steil an. Ankern mit Heckleine zum Land ist angeraten, es gibt aber auch eine öffentliche Mooring und einen kleinen Schwimmsteg. Wir haben doppelt Glück, die Mooring ist frei und als wir näher kommen, verholt das kleine Motorboot am Steg ein Stück nach vorn, damit wir hinter ihm anlegen können.

Hier, irgendwo im nirgendwo, mit ein paar Hundert Quadratkilometern drumherum ohne menschliche Siedlung, steht ein Badehaus. Zu erreichen vom eigens angelegten Steg über einen kurzen Bohlenweg. Jippie!

Wir nutzen das Bad gleich zweimal. Einmal am ersten Abend und ein zweites Mal am nächsten Morgen, nachdem wir gelesen haben, dass im äußeren Becken Shampoo benutzt werden darf. Ganz nebenbei: während wir uns im warmen Wasser aalen, können wir nicht nur unser Boot am Steg sehen, sondern auch einige Buckelwalen in der Bucht beobachten.

Auch als wir später den Ankerplatz verlassen, sehen wir dicht am Ufer ihren Blas und ihre Fluken.

Unser nächstes Ziel ist Butedale, gut 20 sm den Fraser Reach hinunter. Die ehemalige Cannery soll einen Anlegesteg haben. Die Angaben im Törnführer und in den Community Edits auf Navionics sind nicht sehr vielversprechend, aber Michelle hatte uns in Hoonah den Stop hier empfohlen. Tatsächlich haben wir den Ponton, an dem mindestens vier Schiffe Platz fänden, ganz für uns allein.

Obwohl an Land alles völlig verfallen ist, zieht uns die Location sofort in ihren Bann. Schon bei der Anfahrt passieren wir einen beeindruckenden Wasserfall. Die Bucht mit ihrem sanft ansteigenden Gelände und den dahinter liegenden hohen bewaldeten Bergen sieht malerisch aus. Wir träumen uns zurecht, wie idyllisch Butedale aussehen würde, wenn jemand (mit allerdings gewaltigem Aufwand) die maroden Gebäude in Schuss bringen und den angehäuften Schrott beseitigen würde. Da sind wir sicher nicht die einzigen, aber der Investor, der das Ensemble vor einigen Jahren erwarb, hat bisher jedenfalls nicht allzu viel seiner ambitionierten Pläne umgesetzt und der zwischenzeitlich wohl dort lebende “Caretaker” scheint nicht mehr dort zu sein. Trotzdem, was für ein wundervolles Stückchen Erde.

Immerhin, vom Boot am Steg aus fange ich eine Scholle, eine weitere hatten wir schon unterwegs bei einem kurzen Angelstop an Bord gezogen. Es gibt Schollenfilets in Maismehlkruste mit Backofenkartoffeln und Orangen-Krautsalat.

Heute Morgen fahren wir zeitig weiter, gut 40 sm sind es bis nach Klemtu. Der zunächst noch bedeckte Himmel reißt auf und beschert uns einen traumhaften Segeltag. Ja, SEGEL-Tag. Der achterliche Wind variiert zwar in der Stärke, aber er bleibt uns den ganzen Tag treu und schiebt uns – durch die Fjorde kanalisiert – immer hübsch voran.

Und so gleiten wir heute ohne Motorengedröhn durch eine Landschaft, die vor Hunderten von Jahren wohl auch nicht anders ausgesehen hat. Steile Hänge, dicht bewaldet mit Tannen und Zedern, blanker grauer Granit oberhalb der Baumgrenze. Die gestaffelten Bergrücken changieren von einem satten dunklen Grün in der Nähe zu dunstig hellerem und immer bläulicherem Ton in der Ferne.

Immer wieder freuen wir uns an einem Blas, dem Rücken oder der Fluke von Walen. Fast den ganzen Tag sehen wir tatsächlich nicht ein einziges Haus, keine Stromleitungen, keine Straßen, keine Mobilfunknasten. Erst kurz vor Klemtu zwei Hütten, die auf Flößen montiert eine Lachsfarm markieren. Unsere erste überhaupt, denn in Alaska sind Lachsfarmen ja verboten, anders als hier in Kanada.

Das erste “echte” Haus dann kurz darauf, der 1907 eingeweihte und gut erhaltene Leuchtturm “Boat Bluff” an der Südspitze von Sarah Island mit seinen Nebengebäuden, der noch heute mit Leuchtturmwärter bemannt ist.

Das gibt’s noch, genauso wie die scheinbar unberührte Naturlandschaft auf den 40 sm davor!

Morgennebel

Es wird etwas kälter, die Nachttemperaturen sinken jetzt bei klarem Nachthimmel in den einstelligen Bereich. Weil das Pazifikwasser aber immer noch 12 Grad warm ist, haben wir morgens jetzt häufiger Nebel.

Bleiben wir halt ein bisschen länger in der Koje und fahren etwas später los, wenn die Sonne den Nebel aufgelöst hat. So funktioniert das an unserem ersten Ankerplatz in BC, Kelp Passage Cove:

Drei Krebse sind am Morgen in unserem Krebskorb, allerdings: einer zu klein, die beiden anderen sind Weibchen. Also kein Krebsschmaus diesmal. Von Kelp Passage Cove aus haben wir dafür dann aber einen wunderherrlichen Segeltag, können bei achterlichem Wind sogar den Gennaker wieder setzen.

Unser Ziel am nächsten Tag ist das Kumealon Inlet, am nördlichen Ende des Grenville Channels. Im hinteren Teil dieses Inlets, abgeschirmt durch kleine Inselchen, findet sich ein wunderbar geschützter Ankerplatz. Mit dem Dinghy oder einem Kajak könnte man von hier aus auch durch die Narrows in die Kumealon Lagune fahren. Allerdings müsste man die Zeit genau abpassen, denn die Narrows sind nur um Stillwasser herum passierbar. Dieses kleine Abenteuer hatten wir in Warm Springs in Alaska schon einmal (erfolgreich) ausprobiert, wo der Zugang zur Lagune sich bei Niedrigwasser sogar in einen Wasserfall verwandelt. Hier in Kumealon sind aber die Entfernungen um einiges größer und so bleiben wir diesmal auf der Flora und erkunden die Umgebung nur mit der Drohne, genießen den sonnigen Tag an Bord. Wiebke backt leckere Erdnusskekse 😋, ich versuche mich erfolglos beim Angeln.

In der Abenddämmerung können wir mit dem Fernglas am Waldrand unseren ersten Schwarzbären beobachten, der ein paar mal zwischen den Bäumen und dem felsigen Tidenbereich hin und her pendelt.

Am nächsten Morgen ist die Welt wieder in weiße Watte gepackt, okay. Was aber dann beim verschlafenen Blick aus dem Fenster doch irritiert: schwimmen da etwa Eisbrocken um uns herum?

Kann doch nicht sein, hier gibt’s keine Tiden-Gletscher. Ein paar Mal geblinzelt, die Gedanken sortiert. Das muss Schaum sein, oder? Ein deutliches Zeichen, wie kräftig das Wasser aus der höher gelegenen Lagune durch die Narrows sprudelt.

Ganz langsam kommt die Sonne durch, verzaubert mit dem sich lichtenden Nebel die ohnehin schon beeindruckende Szenerie und beleuchtet die Doppelbilder auf dem von keinem Windhauch berührten spiegelglatten Wasser.

Diesmal warten wir nicht, bis sich der Nebel ganz auflöst. Der Tidenstrom im hier mit teilweise nur 350 m sehr engen Grenville Channel kann bis zu 6 kn erreichen, da müssen wir die richtige Strömungsrichtung abpassen. Insofern tasten wir uns unter Radar auf unserem alten Track aus der Bucht, müssen aber feststellen, dass sich der Nebel im Kanal noch etwas dichter gehalten hat. Nur auf Radar und AIS sehen wir, dass uns zwei Boote mit bis zu 26 kn entgegenkommen. Zu Augen bekommen werden wir sie nicht, nur hören. Diese Geschwindigkeit bei weniger als 50 m Sicht finden wir um so erstaunlicher, als hier im Kanal doch erschreckend viel großes Treibholz unterwegs ist, zum Teil auch bei guter Sicht nicht ganz einfach zu erkennen. Selbst als sich der Nebel endlich verzogen hat, müssen wir dem mehrfach ausweichen und die felsige Uferböschung sieht am Rande der Tidenzone teilweise aus wie ein Lagerplatz für Baumstämme.

Kurz vor unserem Tagesziel überholt uns ein Kreuzfahrer und biegt ebenfalls in das Lowe-Inlet ab.

Die “National Geographic Venture” ist allerdings eines der kleineren Kreuzfahrtschiffe und ankert zudem im vorderen Teil der Bucht, während wir noch um Pike Point herumgehen und im inneren Nettle Basin in der Nähe des Wasserfalls ankern. Bei Hochwasser arbeiten sich Lachse die etwa 5 m hohen Stromschnellen an seiner Seite hinauf, bei Niedrigwasser haben sie keine Chance, denn die Fallhöhe hat sich verdoppelt.

Zum zweiten Mal hintereinander bringen wir fast unsere gesamte Kettenlänge aus (wir fahren 100 m Kette), denn wie schon in Kumealon ankern wir auch hier bei etwa 25 m Wassertiefe (und zusätzlich 6 m Tide). Es gibt genug Schwoiraum zum Herumschwingen, aber durch die starke Strömung vom Wasserfall bewegen wir uns ohnehin kaum. Es soll einen Trail entlang der Wasserfälle hoch zum See geben, aber trotz intensiver Suche finden wir weder den Einstieg noch eine (bei der herrschenden Tide) geeignete Stelle zum an Land gehen. Dann eben Kaffee und frisch gebackener Blaubeerkuchen im Cockpit.

Als ich morgens den ausgebrachten Krebskorb einhole, taucht dicht neben dem Dinghy mehrfach ein Seehund auf und scheint mich mitleidig interessiert zu beobachten. Tatsächlich ist außer Seegras nichts drin, sicherlich am falschen Platz ausgebracht. Was die Robbe vielleicht weiß, für mich aber in dem undurchsichtig dunklen Wasser nicht zu erkennen war. Na gut.

Für uns geht es heute morgen (diesmal ohne Nebel, die Nacht war bewölkt) weiter durch das Labyrinth der fjordähnlichen Wasserstraßen von British Columbia. Die Navionics-Seekarte zeigt, dass sich hinter den mit Regenwald bestandenen und von Bächen und Flüssen durchzogenen Bergen auch noch unzählige Seen verbergen was für eine Landschaft!

Erst noch den fast geraden Grenville Channel hinunter und dann soll es mit einigen Windungen hinüber nach Bishop Bay gehen. Rund 40 sm motoren, denn es ist fast kein Wind. Eventuell halten wir zwischendurch in Hartley Bay zum Tanken und können dort mit Mobilfunknetz diesen Beitrag bebildert rausschicken.

😊

P.S: For the English speaking readers: Google translate usually does a great job. Still, the headline should be Morning mist or Morning fog, not Morning crab.

Crabby mist, misty crab. 😂