Auf in die Broughtons.

Etwas westlich von Port Neville können wir die breite, offene und bei Nordwest eben auch ziemlich ungemütliche Johnstone Strait wieder verlassen. Flora biegt in den Havannah Channel ein und damit in eine geschützte Welt von kleinen felsigen Inseln und verschlungenen Wasserwegen. Unzählige Ankerplätze, einige wenige kleine familienbetriebene Marinas, praktisch keine Ortschaften mehr, allenfalls kleine Siedlungen der First Nation mit wenigen Häusern, schneebedeckte Bergspitzen im Hintergrund.

Der Cruising-Guide beschreibt es kurz und treffend so: rustic, remote and majestic.

Die Narrows des Chatham Channel passieren wir bei Niedrigwasser, laufen dann die Lagoon Cove an. Hier können wir tanken, bleiben aber auch gleich zwei Nächte. Dan und Kelley haben die kleine Marina vor ein paar Jahren übernommen und betreiben sie mit viel Herzblut.

Für die Cruiser gibt’s jeden Nachmittag um 5 eine “Happy Hour“ auf der Terrasse vor dem mit Standern geschmückten Workshop oben auf dem Steg. Die Getränke bringt jeder selbst mit, dazu Appetizer, die wie bei einem Potluck ein Buffet für alle bilden. Dan und Kelley steuern jeweils eine große Schüssel Shrimps zu dem täglichen Festschmaus bei.

Kleine Hiketrails führen durch den Wald hinter der Marina, es gibt ein bisschen Stegschnack mit den Crews der vier anderen Boote. Alles sehr entspannt hier und der ausgebrachte Krebskorb beschert uns wieder einmal eine schöne Dungeness Crab.

Und dann gehts wieder in die Einsamkeit der Ankerplätze. Als erstes haben wir uns Mound Island Anchorage ausgesucht und damit die ein bisschen einschüchternd benannte “Beware Passage” für die Anfahrt. “Caution Rock”, “Beware Rock“ und “Dead Point” wollen auf verschlungenen Pfaden umschifft werden, aber bei Niedrigwasser sind die Hindernisse überwiegend ganz gut zu erkennen und die überspülten anderen felsigen Flachstellen werden durch das aufschwimmende Kelp angezeigt. Wir motoren langsam und im Zickzack durch die unbetonnte aber gut kartierte Passage und haben keine Probleme, trotz des an diesem Tag etwas trüben Wetters mit tief hängenden Wolken.

Heute machen wir zunächst einen Abstecher ins Tsatsisnukwomi Dorf auf Harbledown Island. Die kleine Ansiedlung der Da’Naxda’Xw First Nation wird auch (für uns leichter aussprechbar) New Vancouver genannt, sie hat nur 10 ganzjährig hier lebende Bewohner. Wir werden von Amy begrüsst, die uns auch eine geführte Tour durch das Dorf und in das traditionelle fensterlose Big House (den gesellschaftlichen und zeremoniellen Mittelpunkt jeder First Nation Gemeinde) anbietet.

Das lassen wir uns nicht entgehen und Amy erläutert uns auf dem Rundgang nicht nur Hintergrund und Bedeutung der aufgestellten Totems, sondern sie bringt uns die Geschichte der Da’Naxda’Xw und auch die persönliche Geschichte ihrer Familie nahe. Im Big House erklärt sie uns die verschiedenen kunstvollen bemalten Holzmasken, die auch heute noch bei den festlichen Zusammenkünften für unterschiedliche Tänze Verwendung finden und gibt uns einen kleinen Einblick in die Figuren der Mythologie und die heute noch gepflegten Traditionen und Rituale wie etwa die jährliche Herstellung eines besonderen Fischöls, die im April aufwändig am ursprünglichen Siedlungsort im Knight Inlet erfolgt.

Im traditionell fensterlosen Big House (in dem nicht fotografiert werden darf) finden sich um die im Zentrum angeordnete und in den Sandboden eingelassene Feuerstelle außerdem weitere kunstvoll geschnitzte und bemalte Totems, daneben bemalte rituelle Paddel und Festumhänge, deren Herstellung und Bedeutung uns Amy ebenfalls erklärt.

Am Beispiel von Amys Familiengeschichte wird auch deutlich, welche tiefen Wunden das zwangsweise Herausreißen der Kinder aus den First Nation Familien und deren Verteilung auf entfernte „Residential Schools“, verbunden mit der bewussten Unterdrückung der Muttersprache und der Kultur gerissen hat. Und auch, wie diese bis in die 1990er Jahre geübte Praxis das Leben und auch die Wohnsitzwahl der First-Nation-Familien verändert hat. Auch das Dorf Tsatsisnukwomi wurde komplett verlassen, die Familien zogen mit den verbliebenen Kindern nach Vancouver Island oder auf das Festland, damit diese Kinder auf normale staatliche Schulen gehen konnten und nicht aus aus den Familien gerissen würden. Nur der Hartnäckigkeit von Amys Großeltern ist es zu verdanken, dass der Ort wieder besiedelt und (immerhin mit staatlicher Hilfe) am gleichen Platz neu aufgebaut wurde.

Für uns geht es nach diesem Besuch weiter hinein in die Inselwelt der Broughtons. Unser nächster Ankerplatz ist Goat Island Anchorage. Wie gemalt, quasi archetypisch für dieses Revier. Eben „rustic, remote and majestic“, oder?

Über Comox nach Quadra

Von der Tribune Bay aus segeln wir um die Südspitze von Denman Island und in den Baynes Sound hinein, vorbei am gut in Schuss gehaltenen und mit Leuchtturmwärtern besetzten Chrome Island Lighthouse.

Im Baynes Sound erwartet uns dann eine auf dem Ozean eher ungewohnte Verkehrsregelung: es gibt eine Ampelanlage! Die Fähre über den hier etwas mehr als eine Seemeile breiten Sund ist kabelgebunden, wenn die Kabel gespannt sind, ist entsprechend die Durchfahrt untersagt. Das wird mit einer roten Ampel am Ufer angezeigt. Das Fernglas liegt parat. Gar nicht so ganz leicht zu erspähen, aber hier zeigt sie grün, wir dürfen passieren.

Im Comox Valley Harbour sind die Public Docks ganz überwiegend von Fischern belegt, aber es finden sich noch freie Plätze. Und die Atmosphäre im und um den Hafen ist toll. Sommerliche Stimmung schwappt aus dem angrenzenden Park herüber, in dem Kinder in den Planschbecken und Wasseranlagen spielen, auf der Wiese gepicknickt wird und verschiedene Foodtrucks diejenigen versorgen, die ohne mitgebrachtes Essen gekommen sind. Wir nutzen den Liegeplatz am Steg, um Flora mal wieder richtig abzuspülen, bevor wir das schnell wieder getrocknete Deck mit Boracol behandeln. Und auch unsere Cockpitpolster und die Sprayhood werden gereinigt.

Gleich zweimal bekommen wir Besuch. Erst kommen Lynn und Wulf aus dem nahen Campbell River angefahren. Und nachdem wir gerade unsere in der Tribune Bay gefangenen Red-Rock-Crabs zum Abendessen verspeist haben, finden sich auch Adrianne und Michiel von der Joy auf einen Digestif ein. Schön, denn nachdem wir in der hafeneigenen Laundry unsere Wäsche gewaschen und am nächsten Tag im nahen Supermarkt nochmal die Vorräte ergänzt haben, geht es jetzt wieder an etwas einsamere Ankerplätze.

Diesmal nehmen wir die Abkürzung durch die Nordausfahrt aus dem Baynes Sound über das betonnte Flach. Nach den normalen Navionics Charts zu flach, nach den Sonar Charts aber gut machbar. Tatsächlich haben wir trotz Niedrigwasser stets mindestens 4 m Wassertiefe. Und schon kurz danach können wir die Segel setzen. Bei meist knapp unter 10 kn raumen Wind geht es gemütlich unter Furlström und Groß nach Norden.

Um nicht zu tief laufen zu müssen (dann steht unser Gennaker nicht gut), weichen wir von der direkten Route etwas nach Osten ab. Das erweist sich als Glücksfall, denn so kommen wir dicht an Mitlenatch Island vorbei, einem Naturschutzgebiet mit vielen brütenden Vögeln. Unter anderem hat eine Kolonie rotgesichtiger „Pelagischer Kormorane“ die Felsen mit weißem Guano überzogen. Vor allem aber beeindrucken uns einmal mehr die Seelöwen, die sich hier offenbar ebenfalls ausgesprochen wohl fühlen.

Nach diesem Abstecher motoren wir – der Wind ist inzwischen eingeschlafen – das letzte Stückchen hoch bis zu unserem Ankerplatz hinter Rebecca Spit an der Ostküste der Insel Quadra. Motoren ist auf diesem Stück ohnehin eine ganz gute Wahl, denn wir müssen zwischen dem vielen Treibholz fast Slalom fahren. Dankenswerterweise markieren immer mal wieder Seevögel die ansonsten nicht immer einfach auszumachenden treibenden Baumstämme, Wurzeln oder Äste. Leider nicht alle, wir müssen ziemlich aufpassen.

Aber wir werden belohnt mit einem weiteren wunderschönen Ankerplatz:

Sommer. Spaziergänge und sogar Baden in BC. Und FLORA ISLAND!

Das Wetter und die Trails meinen es gerade RICHTIG GUT mit uns. Bisher sind wir bisher hier in British Columbia auf unseren Hikes durch den “Temperate Rainforest” (Regenwald in kühlgemäßigten Klimazonen) auf zumeist steilen und oft rutschigen Pfaden unterwegs gewesen. Die letzten zwei Tage aber hatten wir eher leichte und trotzdem wunderschöne Wanderungen.

Am Ankerplatz in Deep Bay auf Jedediah Island nehmen wir zum ersten Mal einen der “Stern Anchor Tie Pins” in Anspruch. Die schmale und kurze Bucht bietet einfach nicht genug Schwoiraum zum freien Ankern, wenn wir uns nicht mitten in die Durchfahrt legen wollen. Also machen wir zusätzlich zum Anker mit dem Dinghy eine Landleine an der Kette eines der “Pins” fest. Klappt ganz gut, wir haben schließlich in Griechenland ausgiebig Ankern mit Landleine geübt.

Für den Landgang müssen wir dann mit dem Dinghy bei über vier Metern Tidenhub ähnlich verfahren.

Unser Spaziergang führt uns dann einmal längs über die Insel, hin zur ehemaligen Farm, deren Obstbäume gerade in voller Blüte stehen. Und weiter zum Driftwood Beach (warum heißt der wohl so) und zur Codfish Bay. Es ist wunderschön, einfach durch den lichten Wald, über Wiesen und durch ehemalige Felder zu spazieren.

Eine mit über 10 km fast doppelt so langer Wanderung wird es bei unserem nächsten Stop. Den Ankerplatz in der Tribune Bay auf Hornby Island haben wir diesmal allerdings nicht für uns allein. Kein Wunder, lockt er doch mit seinem langen breiten Sandstrand jetzt am Wochenende Bootsausflügler auch aus Nanaimo, Comox und Courtenay von Vancouver Island herüber.

Die Wanderung führt ein ganzes Stück oben am steilen Ostkliff der Bucht bis hinaus bis zum St. John Point im Helliwell Provincial Park. Und von dort haben wir einem Blick hinüber zur vorgelagerten Felsinsel FLORA ISLAND. Ganz viel Flora dürfte sich dort allerdings nicht finden lassen, dafür aber umso interessantere Fauna: neben nistenden Seevögeln haben sich sowohl Steller-Seelöwen als auch Kalifornische Seelöwen eingefunden, außerdem Seehunde. Ein echtes kleines Robbenparadies, das wir bis hinüber nach St. John Point hören können.

Auf dem Rückweg kommen wir dann auch noch an blühendem weißen Flieder vorbei, damit hat für Wiebke der Sommer begonnen 😉.

Und das bekräftigen wir auch gleich, indem wir unser erstes Pazifik-Bad der Saison nehmen. Hier in der vergleichsweise flachen Tribune Bay hat das Wasser heute nur knapp unter 18 Grad Celsius, also Zeit zum Anbaden!

Und nach der willkommenen Abkühlung mit einem Drink in die Hängematte auf dem Vorschiff. Genau hinschauen, die Kuchenbude haben wir nämlich heute wieder gegen das Bimini getauscht.

Sommer, Wärme, Sonnenschein! Keineswegs selbstverständlich und vielleicht auch nur vorläufig, wir nehmen jedenfalls jeden der warmen Sonnentage einzeln und sehr dankbar wahr.

🌞

Ach soooo geht das!

Zwei Wochen sind wir jetzt schon wieder unterwegs mit Flora. Zeit, den Frisch-Proviant mal wieder etwas aufzustocken. Da kommt Pender Harbour gerade recht, zumal wir den Weg dorthin komplett unter Segeln zurück legen können. Bei herrlichem Wetter und perfekter Brise kreuzen wir ein Stück die Sunshine Coast nach Süden hinunter.

In Pender Harbour könnten wir auch ankern, aber wir entscheiden uns für das Public Dock am Madeira Park. Von dort ist nur ein kurzer Fußweg zum gut sortierten Supermarkt. Nachdem die Einkäufe an Bord verstaut sind, widmen wir uns der Steuerbord-Genuawinsch. Die hat heute ein paar Mal blockiert, kein gutes Zeichen.

Eigentlich ist die Winschenwartung eine Routinearbeit, aber diesmal wird’s etwas knifflig. Zwei der Zahnräder lassen sich nur ausbauen, wenn die Winsch komplett vom Sockel gelöst wird. Von den sechs Schrauben des Sockels wehren sich drei leider sehr vehement, so dass wir sie erst mit Kniffen (Hitze aus dem Gasbrenner und rohe Gewalt) lösen können. Dann aber ist der Übeltäter leicht zu entdecken:

Der eine Arm einer nur fingernagelgroßen Feder ist gebrochen und konnte die Sperrklinke nicht mehr wie vorgesehen ausstellen. Kleine Ursache, große Wirkung. Zum Glück haben wir Ersatzfedern dabei und nachdem alles zunächst mit Bremsenreiniger entfettet, dann gereinigt, die Zahnräder neu gefettet und die Klinken geölt sind, funktioniert die Winsch wieder einwandfrei.

Am nächsten Tag gehts bei weiterhin herrlichem Segelwetter aus dem schönen, aber dicht mit Häusern umstandenen Buchten von Pender Harbour heraus, wiederum auf eine Kreuz.

Wir spielen mit den Einstellungen der Segel herum, schoten die Fock innerhalb von Hauptwant und achteren Unterwant und können tatsächlich einige Grad mehr Höhe heraus kitzeln. Herrliches Segeln bei wenig Welle, da macht das Amwindsegeln Spaß.

Ziel ist diesmal die Water Bay in den Thormanby Islands. Dieser Ankerplatz bietet einige Besonderheiten. Auf der Ostseite ist er zwar wie die meisten Buchten hier von Felsen gesäumt, aber auf der Westseite und im Scheitel der Bucht findet sich ein befreiter Sandstrand. Ungewöhnlich in dieser Gegend.

Noch erstaunlicher (aber bei dem Tidenhub von über vier Metern andererseits auch wieder nicht): dem Sandstrand vorgelagert ist ein dicker Streifen Watt, durchsetzt mit einigen Steinen. Als wir mit unseren Gummistiefeln anlanden, versucht der Schlick gleich, uns unser Schuhwerk weg zu saugen. Aber für eine Barfuß-Wanderung ist uns die Wassertemperatur mit 11 Grad doch noch etwas zu frisch.

Zu diesen kleinen Inseln gibt es keine feste Fährverbindung, auch keinen größeren Kai. Trotzdem stehen hier einige Häuser, auch moderne größere. Wie machen die das eigentlich mit dem Baumaterial?

Eine Antwort darauf bekommen wir am nächsten Morgen präsentiert. Als wir aus der Bucht auslaufen, kommt uns ein Motorboot entgegen. Eigentlich eines der hier häufigen Aluminium-Arbeitsboote, aber dieses betätigt sich als Schlepper. Auf einem offenen Schwimmponton mit Landeklappe zieht er zwei beladene LKW hinter sich her.

Dann rangiert er an den Strand (wir haben Hochwasser, kein Wattstreifen), Matten gegen das Einsinken der Räder werden ausgerollt und los geht’s:

Ok, wieder was gelernt. Jetzt erstmal Segeln.

Und da kreuzt doch gleich der nächste ungewöhnliche Schlepper unseren Weg. Aus der Ferne wirkt es zunächst wie ein Containerschiff, aber bei Näherkommen wird klar, es ist wieder ein Schleppverband:

So weit, so gut. Aber ein näherer Blick auf die Ladung …

… offenbart neben Containern auch LKW, zwei Busse, Pkw, Wohnmobile, Boote und ein halbes Haus als Decksfracht. Und damit verschwindet der Schlepper “Ocean Titan” in der nächsten Enge. Unterwegs ist er übrigens laut AIS nach Ketchikan, Alaska.

Auch wir fahren um die Südspitze der großen Insel Texada herum, stoppen aber gleich erst einmal auf. Auf den vorgelagerten Felsen lümmelt sich eine Kolonie Kalifornischer Seelöwen, die sich in diesem nördlich Verbreitungsgebiet in letzter Zeit prächtig vermehren sollen, die wir hier bisher aber noch nicht gesehen hatten.

Mit solchen Erlebnissen lassen wir uns den Segeltag um so mehr gefallen!

Robben-Show in der Ballet Bay an der Sunshine Coast, British Columbia, 🇨🇦

SUNSHINE COAST. Ein bisschen dick aufgetragen klingt das, wie gemacht für die Prospekte in Reisebüros. Und doch, es ist die offizielle Bezeichnung des Verwaltungsbezirks (Regional District, entspricht etwa den deutschen Landkreisen). Er grenzt nordwestlich an den Metro-Vancouver-District, Hauptort und Verwaltungssitz ist Sechelt. Das Städtchen stellt mit gut 10.000 Einwohnern auch schon über ein Drittel der Gesamtbevölkerung. Aber wir nehmen Sunshine-Coast wörtlich, fahren bei dichter Wolkendecke mit dem Morgenhochwasser durch die Malibu Rapids und dann mit tatsächlich langsam auflockernder Bewölkung den Jervis Inlet hinunter an die “Küste”. Unser Ziel ist die rundherum durch Inseln geschützte Ballet Bay. Und dort angekommen, strahlt denn auch wirklich die Sonne von einem blauen Himmel herunter, nach Wetterbericht soll das für die nächste Woche auch so bleiben.

Die Küste in diesem Abschnitt bekommt durch die geografischen Gegebenheiten in der Regel mehr Sonnenschein ab, die Bewölkung hängt eher in den hohen Bergen auf Vancouver Island und dem Festland. Das lässt sich auf dem aktuellen Windy-Bild (mit eingeblendeten Wolken) ganz gut erkennen:

Noch viel besser aber zeigt sich das live an unserem Ankerplatz im Naturhafen der Ballet Bay:

Das Video dazu ist leider etwas groß für unsere Blogseite, Ihr findet es aber unter diesem Link.

Was die Ballet Bay für uns ganz besonders macht ist unter anderem die Show, die uns die Robben hier bieten:

Außerdem bekommen wir unseren ersten Dungeness-Krebs der Saison beschert, der schmeckt natürlich besonders gut.

Und zum Abend lassen sich dann doch noch ein paar Wolken blicken und machen damit das Farbenspiel des Sonnenuntergangs an der Sunshine Coast eher noch ein bisschen schöner.

Die Natur ist von Beruf Künstler!

Totempfähle? Steinmetz-Arbeiten an einem Indiana Jones Tempel? Rätselhafte Fels-Skulpturen vergessener Kulturen?

Quatsch! Unsere Phantasie schlägt Purzelbäume, aber es sind natürlich nur um 90 Grad gedrehte Spiegelungen der Felsen an der Wasserlinie hier am Ankerplatz in Prideaux Haven. Trotzdem, von mystischen Schlangen bis zu Vogelmenschen oder Katzenköpfen bis hin zu Comic-Figuren lässt sich für uns alles darin erkennen. Nach den Wolken-Tierchen auf der Atlantiküberquerung und den Eisskulpturen in Alaskas Glacier Bay sind jetzt also mal die Felsen dran für kurzweilige Spielchen mit der Vorstellungskraft.

Und weil es hier so schön ist, bleiben wir noch ein bisschen und spielen weiter.

Endlich wieder mit Flora unterwegs!

Leinen los. Wir sind wieder unterwegs.

Die Vorbereitung mündet in einer Punktlandung. Zwei Tage vor Abfahrt wird das Update für den Autopilot installiert, ab jetzt versteht sich Floras elektrische Selbststeuerung auch mit dem neuen Plotter. Direkt am Tag vor der Abfahrt verkaufen wir privat (über Facebook Marketplace) unser Auto, nachdem uns der Händler ein nur als “unverschämt” zu bezeichnendes Angebot gemacht hatte. Fast wäre das der Verkauf noch daran gescheitert, dass die Belastungsabfrage einen Kredit auf dem Auto ausgewiesen hat, obwohl derselbe Händler uns das Auto als lastenfrei verkauft hatte (wozu er in Kanada gesetzlich verpflichtet ist). Aber mit Wulfs Hilfe können wir zum Glück rasch klären, dass nur die Löschung wegen Ablösung des Kredits im Verwaltungsweg untergegangen ist.

Wulf, Lynn und Lorraine lassen es sich auch nicht nehmen, uns bei der Abfahrt am Steg zu verabschieden, Hund Fritz ist natürlich auch dabei. Lieben Dank für alles, Ihr habt Campbell River für uns zu einem ganz besonderen Ort gemacht.

Ein letzter Blick zurück auf Campbell River …

… dann schauen wir nach vorn. Wir fahren über die Strait of Georgia zu den Fjorden auf der Festlandsseite.

Direkt ans Festland geht es aber nicht, wir haben uns als erstes Ziel Prideaux Haven im Desolation Sound ausgesucht. Ein Inselgewirr mit tollen Ankerplätzen in einer bezaubernden Landschaft.

Wie unterschiedlich Geschmäcker sein können, wie sehr Wetter und Stimmung das Empfinden beeinflussen, das lässt sich beim Namen “Desolation Sound” leicht ableiten. Captain George Vancouver hatte 1792 ziemlich schlechtes Wetter hier, zudem litt seine Crew unter Lebensmittelvergiftungen durch Muscheln. Den erkundeten Tiefwasser-Meeresarm, der einmal mehr eine Sackgasse und eben nicht die Nordwest-Passage war, nannte er Desolation Sound (Desolation = Trostlosigkeit, Verwüstung). Heute aber – noch dazu bei bestem Wetter – ist der Sund als Naturschönheit bekannt. Die Provinz hat einen Marine Park eingerichtet, aber man darf in dem Schutzgebiet ankern.

Insbesondere in der Hochsaison wird das auch rege genutzt. Wenn es eng wird, wird halt mit Landleine geankert. Um die Bäume zu schützen, gibt es für die Landfesten “Stern Tie Anchor Pins”, extra gekennzeichnete Ketten, die von gelben Markierungen oberhalb der Hochwasserlinie bis zum Wasser herab reichen. Sehr praktisch bei drei bis fünf Meter Tidenhub und den scharfkantigen Muscheln auf den Felsen.

Ohnehin haben auch die Gezeiten selbst hier um die Strait of Georgia einige Besonderheiten. Statt einfach nur alle 6 Stunden hin und her zu schwappen, bilden sich durch die lokalen Gegebenheiten ganz variable Tiden heraus ( hier ein Auszug aus der offiziellen kanadischen Seite zur Tidenvorhersage):

Schön zu erkennen, dass im Monatslauf die Tiden speziell in den Tagen nach Neumond und Vollmond fast regelmäßig auftreten und als Springtiden eben auch kräftiger ausfallen, typischerweise nach Halbmond sich aber eine große und eine manchmal kaum vorhandene kleine Tide abwechseln (besonders in Campbell River und der Owen Bay).

Jetzt, Ende April, finden wir die Inselwelt des Prideaux Haven zum Glück alles andere als überlaufen vor und können frei in der Mitte der von uns ausgesuchten Bucht südlich der Williams Islands ankern.

Direkt vor dem begehrten “Fenster”, dass den Blick auf die schneebedeckten Spitzen der Berge ermöglicht, der sonst von den bewaldeten steilen Inseln verdeckt wird.

Was für ein Start. 😁

Re. Oder: Die verflixte Strömung

Der Chatham Channel kann bis zu 8 kn Strömung erreichen. Das hört sich toll an, nach dem Motto: da muss man ja nur auf den richtigen Zeitpunkt warten und dann wird man bei 5 kn Fahrt mit 13 kn seinem Ziel entgegen geschoben. Schön wärs.

Aber so einfach klappt das leider nicht. Technisch gesehen liegt das an einer physikalischen Kennzahl, der Reynolds-Zahl (Formelzeichen Re). Sie ist in der Strömungslehre von besonderer Bedeutung und ermöglicht zum Beispiel Modellversuche im Windkanal, Berechnungen zum Turbulenzverhalten von Flugzeugtragflächen oder von potentiellem Strömungsabrissen, sei es am Flügel von Windkraftanlagen oder am Steuerruder eines Bootes.

Oder eben Aussagen dazu, wann fließendes Wasser nicht mehr (laminar) dahinströmt, sondern chaotisch wird, Eddies und Wirbel, stehende Wellen und Strudel bildet. Das passiert selbst in einem glatten Rohr bei entsprechender Fließgeschwindigkeit, wird aber durch Verengungen, Felsen und Flachstellen deutlich begünstigt, der kritische Re-Zahlenwert wird dann schneller erreicht.

Und dann würde das Wasser unsere Flora eben nicht mehr durch den Chatham Channel schieben, sondern uns steuerlos herumwirbeln. Um das zu vermeiden, stellen wir den Wecker und fahren mit nur langsam schiebenden Strom durch die Enge. Bis zu drei Knoten erreicht die Strömung, das passt gut und wir kommen völlig problemlos durch. Selbst der Nebel hat ein Einsehen, habt sich ein wenig und erlaubt uns etwas Sicht, bevor er kurz nach der Passage wieder pottendick wird. Unter Radar tasten wir uns weiter bis zu unserem Tagesziel, Port Neville.

Wir machen am Schwimmsteg vor der alten Poststation fest. Die ist zwar heute ein Privathaus und nicht mehr ganzjährig bewohnt, der Steg ist aber immer noch kommunal und wird von den Behörden gut in Schuss gehalten. Wir dürfen kostenlos dort anlegen und auch das Gelände betreten. Am Strand finden wir frische Bärenspuren, es lässt sich aber keiner sehen.

Die nächste Tagesetappe führt uns die Johnstone Strait hinunter und wir können hier – bei reichlich Platz – mit den Verwirbelungen der schiebenden Tide weitere Erfahrungen sammeln. An Helmcken Island führt nördlich die “Currant Passage” südlich die “Race Passage” vorbei. Als Verkehrstrennungsgebiet ausgeführt, ist es für uns die Race Passage. Obwohl dem Fahrwasser folgend, müssen wir bei 4 Knoten Schiebeströmung teilweise bis zu 45 Grad vorhalten (also den Bug in die “falsche” Richtung steuern) und werden immer mal wieder 20 Grad nach rechts oder links gedrückt. Beeindruckend.

Tagesziel ist der Ankerplatz hinter Turn Island.

Der nämlich liegt nur 13 Seemeilen vor den Seymour Narrows. Und für genau die war das Ganze der Aufgalopp zum Üben. Bis zu 15 Knoten können die Strömungen hier erreichen, es ist DIE berühmt berüchtigte Passage in British Columbia. Selbst Wikipedia fabuliert von einer astronomischen Reynolds-Zahl für diese zentrale Enge. Die offiziellen kanadischen Sailing Directions empfehlen allen kleinen Booten (unter 20 m !!!) nachdrücklich, sie nur um Stillwasser herum zu befahren.

Stillwasser ist in den Seymour Narrows maximal 15 Minuten, oft weniger. Das reicht nicht für die Strecke, also soll die erste leicht mitlaufende Tide helfen.

Und das wollen wir morgen versuchen. Uns also bei Gegenstrom etwa drei Stunden lang heranarbeiten, um dann zum genau richtigen Zeitpunkt (morgen um 11.00 Uhr Ortszeit herum) hindurch zu fahren. Drückt uns die Daumen, dass wir richtig gerechnet haben. Wenn nicht, sollten wir es auf den 13 Meilen schon merken und können dann (Plan B) umdrehen oder (Plan C) in die Brown Marina direkt vor den Narrows einlaufen.

Wetterglück in British Columbia

Es ist eigentlich kaum zu fassen, was für ein Glück wir mit dem Wetter hier in BC haben. Wohlgemerkt: wir. Die Lachse nicht so sehr. Wann immer wir Einheimische ansprechen, hören wir, dass es für die Jahreszeit viel zu trocken ist. Für die Lachse ist das schlecht, sie bleiben in tieferem (Meer-)Wasser und warten auf den großen Regen, damit sie dann die anschwellenden Bäche und Flüsse hinaufwandern können. Lachse im tiefen Wasser sind wiederum auch schlecht für die Fischer, denn dort sind sie wesentlich schwieriger zu erwischen.

Auch wir haben bisher nur wenig Lachs gefangen, sind aber trotzdem sehr froh über das schöne Spätsommerwetter. Zu diesem gehört hier in BC der Morgennebel wohl dazu, navigatorisch manchmal anstrengend, aber auch von magischer Schönheit. Fast jeden Tag führt er dazu, dass wir etwas länger in der Koje bleiben und erst losfahren, wenn sich der Schleier über der Landschaft etwas hebt und zumindest erste Blicke in den blauen Himmel freigibt.

Nebel und Sonnenschein, diese Kombination führt zu dem farbenprächtigen Halo, den die Drohne um Flora herum aufgenommen hat:

Von Port Hardy aus geht es erstmal wieder in die Einsamkeit: die Broughton Islands sind unser erstes Ziel. In dem Inselwirrwarr wählen wir die Waddington Bay als Ziel, ein toller Tip von Tereza und Jakub.

Und wir haben Angelerfolg. Ein großer Grünling geht an den Haken, wieder mal eine neue Art Fisch für uns, sehr lecker.

Die nächste Ankerbucht haben wir auch wieder für uns allein, Shoal Harbor nur etwa 5 sm weiter östlich. Die Einfahrt ist eng mit Flachs gleich neben uns, aber der Bewuchs mit Kelp zeigt die Lage der Unterwasserfelsen gut an und so können wir uns problemlos hindurchschlängeln.

Mit dem Dinghy fahren wir ein Stück zurück zur Echo Bay. Michelle und Tom von der Paraiso hatten uns in Alaska ans Herz gelegt, hier unbedingt das kleine Museum in den grünen Häuschen zu besuchen.

Wir machen Florecita am Steg fest und oben am Hang erhebt sich Billy aus seinem Gartenstuhl und kommt langsam zu uns herunter. William “Billy” Proctor ist 87 Jahre alt. Fast ebenso lange hat er am Strand Fundstücke aufgesammelt und zusammengetragen, Muscheln ebenso wie Gebrauchsgegenstände der Ureinwohner, kleine und medizinballgroße Netzbojen aus Glas, die vom fernen Japan herüber getrieben sind, Flaschen aller Art, Otter-, Wolfs- und Bärenfallen, schön säuberlich handbeschriftet, Angelköder allenthalben, ergänzt mit Haushaltsgegenständen und Werkzeugen, wie sie hier in Gebrauch waren zu einem Einblick in die Zeitgeschichte.

Die eigentliche Attraktion des Museums aber ist Billy selbst. Still, fast schüchtern, weiß er doch (auf unsere Frage) zu jedem Ausstellungsstück eine kleine Geschichte zu erzählen. Die Fallen etwa hat er selbst benutzt, er erklärt uns, in welchen Wintermonaten man die besten Felle erhält und zeigt uns die Werkzeuge, mit denen die Pelze weiter bearbeitet wurden. Erzählt, das über den Fallen ein Werkzeug zum Öffnen in die Bäume gehängt wurde, für den Fall, dass versehentlich ein Mensch hinein trat.

Ungefähr ein Eintrag pro Tag findet sich im Gästebuch. Billy nimmt sich Zeit, wir auch.

😊

Zurück auf Flora sind wir zwar noch immer das einzige Boot am Ankerplatz und sehen auch keinen anderen Menschen, dafür haben es sich aber Robben auf den Holzstämmen vor einer Hütte am Ufer bequem gemacht. Knapp 30 von ihnen zählen wir in der kleinen Bucht.

Wenn sich die Tiere hier so wohl fühlen, sollte dann auch …

Ja, unser Krebskorb ist endlich mal wieder gefüllt. Die beiden Weibchen gehen gleich zurück ins Wasser, aber das große Männchen sorgt für ein Festmahl auf Flora.

Am nächsten Morgen motoren wir bei sich lichtendem Nebel weiter durch den Tribune Channel in die Kwatsi Bay.

Der Törnführer verspricht spektakulär steile Hänge rund um die Bucht und damit hat er recht. Nicht aber mit der erwähnten Marina, der wir wegen des schlechten und steil ansteigenden Ankergrunds eigentlich den Vorzug geben wollten. Die Anlage ist verlassen, die Landverbindung des Schwimmsteg versunken.

Der vordere Teil des Steges allerdings ist noch nutzbar, wir machen für die Nacht fest und erkunden die Umgebung. Die steilen Felsen am Ufer zeigen mit ihrem Farbenspiel, dass hier wohl Eisen und Schwefel am Werk sind. Ein Fender hängt ein Stück entfernt in einem Baum. Als wir mit dem Dinghy dort anlanden, entpuppt er sich als der erhoffte Wegweiser für einen kurzen Trail hinauf zum Wasserfall im Wald. Mangels Regen (!) nur ein Schatten seiner sonstigen Fülle, aber trotzdem ein schöner Anblick und so können wir ein bisschen im Bachbett herumklettern.

Kurz vor dem Dunkelwerden tuckert dann doch noch ein zweites Boot in die Bucht, George und Ben aus Washington (State), wie Tereza und Jakub mit einer Hans Christian 38 unterwegs. Wir haben zusammen einen schönen Abend auf der Flora und werden am nächsten Morgen zu Pancakes auf die “Island Time” eingeladen.

Wie üblich, danach hat sich der Nebel gelichtet, es kann weitergehen. Strategisch günstig nah am Eingang des etwas kniffligen Chatham Channel gelegen, haben wir uns als Tagesziel die Lagoon Cove Marina ausgesucht (wieder eine Empfehlung von Michelle). Marina ist dabei vielleicht etwas irreführend: ein Schwimmsteg mit zwei Querstegen, von denen einer das Fueldock ist. Familiengeführt und liebevoll ausgestattet. Wir sind die einzigen Gäste und es ist ziemlich günstig: jetzt in Nachsaison 45 kanadische Dollar, umgerechnet gut 33 Euro pro Nacht. Mit perfektem leistungsstarken WiFi über Starlink, mit dem wir endlich einige benötigte Updates laden können. Und mal wieder einen Blogbeitrag posten 😉.

Grau oder Schwarz-Weiß

Von der wunderschönen und farbintensiven Codville Lagoon fahren wir bei schlechter werdendem Wetter 15 Meilen weiter nach Süden. Es wird grau. Die Seekarte zeigt “Namu Harbour”, aber der Törnführer hält desillusionierendes bereit: Namu ist ein Ruinenort, sogar vollständig “off limit” – darf also nicht betreten werden. Wie Butedale weiter im Norden war Namu ein prosperierender Ort, bis die große und vordem sehr erfolgreiche Cannery dicht machte, wurde danach verlassen und dem Verfall preisgegeben. Hier wie dort scheiterten verschiedene Versuche der Revitalisierung. Inzwischen taugen die zusammenbrechenden und ins Meer rutschenden Gebäude nur noch als traurige Mahnung. Goldgräberzeiten (auch unternehmerische) haben hier an der abgelegenen pazifischen Nordwestküste immer auch Glücksritter angezogen. Für sie gab es nur schwarz oder weiß: war das Geld (erst Pelze, dann Gold/Lachs/Bodenschätze/Holz) nicht mehr leicht zu machen, zogen sie halt weiter. Die zurückbleibenden Ruinen würde die Natur schon schnell wieder unsichtbar machen. In Teilen stimmt das, hier in Namu wird es aber wohl noch etwas dauern.

Das Rock Inlet eben nördlich von Namu führt mit einem schmalen Fahrwasser zu einem guten, 11 m tiefen Ankerplatz. Die vielen kleinen baumbestandenen Felseninseln im Inlet verbergen gnädig den Blick auf die zerfallenden Gebäude und schirmen uns zugleich vor dem Schwell ab, der mit dem aufkommenden Südostwind schnell steile und hackige Wellen im breiten Fitz Hugh Sound aufgebaut hat. Auf der Fahrt hierher hat erstmals seit langem unser Windgenerator mal wieder maßgebliches zu unserem Energiehaushalt beigesteuert, hier drinnen aber schafft es das Lüftchen kaum, seine Flügel überhaupt zu bewegen.

Grauer Himmel, Wolkenfetzen hängen in den Bergen, als wir uns am nächsten Morgen Richtung Calvert Island aufmachen, die den Fitz Hugh Sound vom offenen Pazifik trennt. Vormittags soll es eine Windpause geben, danach folgen nach der Prognose einige Tage mit kräftigem Südwind. Die wollen wir in der Pruth Bay abwettern. Gut geschützt und zugleich mit der Möglichkeit, Spaziergänge und Hikes an die Pazifikküste zu machen.

Die Pruth Bay beherbergt in dieser sonst menschenleeren Gegend das Hakai Institute, eine Forschungsstation, die sich mit der Langzeitentwicklung der Küstenregion zwischen Pazifik und Regenwald in den letzten 15.000 Jahren beschäftigt. Freundlicherweise sind Besucher willkommen, dürfen ihr Dinghy am Dock (mit Miniatur-Bull-Rails) festmachen und die Wege in der „Hakai Lúxvbálís Conservancy Area“ benutzen.

Machen wir gleich. Zum West Beach ist es ein bequemer Waldspaziergang durch ungewohnt flaches Gelände. Der Strand selbst macht dann seinem Namen alle Ehre. Feiner, heller Sand zieht sich jetzt bei Ebbe weit hinaus. Was aber noch viel mehr beeindruckt: oberhalb des Spülsaumes liegt Treibholz in rauen Mengen. Riesige Baumstämme, Wurzelwerk, Äste und Baumstümpfe sind durcheinandergeworfen und ineinander verhakt angespült. Sicher sind auch verlorene Stämme von Flößen der Holzindustrie und vereinzelt Balken dabei, der Großteil aber scheinen ins Meer gespülte Bäume und ihre abgebrochenen Einzelteile zu sein. Wund geschlagen, entrindet, die Oberflächen von der Brandung geschmirgelt zu einer Mischung aus Glätte und Rauheit, wie nur altes Treibholz aufzuweisen scheint.

Die vorgelagerten Schären, die die Bucht bei dem jetzigen Südwind ruhig erscheine lassen, halten den Pazifik bei Westwind offenbar nicht davon ab, die gigantischen Hölzer hoch hinauf auf die Küste zu werfen.

Auch am North Beach, dem wir noch am gleichen Tag nach einem schönen Hike durch den Wald entlang des sumpfigen Hood Lakes besuchen, sieht es genauso aus.

Am nächsten Tag dann eine längere Tour: vom West Beach aus führt ein Trail über die Kliffs und durch die Wälder zu weiteren Stränden. Die Himmelsrichtungen sind wohl ausgegangen, die Strände sind einfach nummeriert. Wir arbeitendes vom ersten bis zum siebten Strand vor, wobei uns die Tide allerdings den Zugang zu Nummer 5 und Nummer 6 verwehrt.

Auch ein Abstecher zum hoch gelegenen Lookout ist drin, von dort geht der Blick über die vorgelagerten Schären auf das heute ziemlich aufgewühlte Meer und zum diesigen Horizont. Es ist spannend, wie sehr die Landschaft und auch der Wald auf den nur vier Kilometern (hin und zurück 8 km) variiert. Hochmoor oben auf dem Lookout Hill, der Wald mal dicht, mal licht. Zwischen zwei Stränden mit hohem Farn, um die nächste Klippe herum und zwischen den beiden nächsten Stränden dagegen dichtes Buschwerk mit dunklen Beeren (Salal?) als Unterholz.

Was aber immer gleich bleibt: über und über Treibholz auf den Stränden. Wir haben täglich Treibholz gesehen (in BC deutlich mehr als in Alaska), sind ihm mit der Flora ausgewichen. Manchmal ist es leicht zu erkennen, etwa wenn es die „kanadischen Möven durch Daraufstellen höflich markieren“, wie es Bill so wunderbar ausgedrückt hat. Oder wenn noch Äste oder Wurzeln daran aufragen. Manchmal aber – insbesondere bei Welle oder Gegenlicht – sind sie nur schwer auszumachen. Ganz besonders betrifft das die gefürchteten „Deadheads“, vollgesogen Baumstämme, die senkrecht im Wasser treiben und mit den Wellen nur auf und nieder hüpfen oder sich gar in flacherem Wasser in den Grund gebohrt haben. Wir waren bisher schon vorsichtig, aber die schiere Menge am Treibholz mahnt uns zu künftig noch größerer Aufmerksamkeit.

Wir sind früh aufgebrochen, denn ab Mittag sollten laut Wetterbericht Wind und Regen einsetzen. Aber unser ausdauerndes „Beachcombing“, dauert lange. Wir studieren neben dem Treibholz auch verschiedenen Arten Kelp, das schimmernde Perlmutt der Austern, die anderen Muscheln und Steine, Plastikmüll findet sich dagegen erstaunlicherweise kaum. Nur eine Flasche und ein größeres Plastikteil sammeln wir ein und legen es auf die eingerichtete Sammelstelle.

Ab 13.00 Uhr zeigt sich dann, dass Wettervorhersagen doch nicht nur Horoskope mit Zahlen sind. Der Regenwald trägt seinen ersten Namensteil nicht zu Unrecht und wir beeilen uns, zum Boot zurück zu kommen.