Angekommen im Minerva-Riff. Irgendwo im Nirgendwo.

Es ist fast unwirklich. Wie eine maritime Fata Morgana in der Wasserwüste tauchen sie auf. Masten, die still stehen, obwohl doch um sie herum der Pazifische Ozean braust. Und ja, er braust noch, obwohl der Wind zuletzt etwas nachgelassen hat. Trotzdem, die zu den Masten gehörenden Segelboote liegen ruhig da, als ihre Rümpfe beim Näherkommen langsam sichtbar werden. Das ist es. Minerva, wir haben Dich erreicht.

Was für ein Ritt. Nach nur knapp über 48 Stunden liegen die 328 Seemeilen von der Ha’apai-Gruppe aus hinter uns, wir laufen durch den Pass ins Minerva-Riff ein.

Der Anker fällt irgendwo im Nirgendwo, ein paar hundert Meilen südlich von den Inselwelten in Tonga und Fiji, tausend Seemeilen nördlich von Neuseeland, mitten im tiefblauen Südpazifik. Aber er fällt eben nur 13 m tief, gräbt sich sofort in den Sandgrund der Lagune. Das lässt sich vom Bug der Flora wunderbar verfolgen, denn das Wasser ist kristallklar. Kein Bächlein trägt hier bei Regen Sedimente ein, weit und breit ist kein Land in Sicht.

Ein Atoll ohne Insel. Nur ein fast kreisrundes, perfektes Ringriff mit einem einzelnen Pass umfasst die Lagune.

Es wirkt als hätte die Natur hier einen Rastplatz für die Segler eingerichtet, die jetzt im Oktober aus dem Zyklongürtel der Südhalbkugel-Tropen heraus nach Süden gen Neuseeland ziehen und im April oder Mai wieder nach Norden Richtung Fiji oder Tonga segeln. Wir sind jedenfalls sehr froh über die Möglichkeit, nochmal inne zu halten und auszuschlafen. Dazu kommt, dass das Wetterfenster für die weitere Passage jetzt „nur“ eine Woche und nicht mehr 10 Tage umfassen muss. Die Vorhersagen werden deutlich präziser, je kürzer der Zeitraum ist. Bei den hier schnell wechselnden Wettersystemen ist das um so wichtiger.

Und es ist natürlich auch einfach faszinierend, mitten auf dem Ozean zu ankern.

Übrigens sind die Minerva-Riffe vielleicht kurz davor, Inseln zu werden. Langsam streben sie aus dem Meer empor, in den letzten 100 Jahren hat sich ihre Struktur um gut einen Meter angehoben. Wenn nicht ein ansteigender Meeresspiegel dagegen arbeitet, werden sich irgendwann die ersten Motus auf dem Riff bilden. Noch aber überspült das Wasser zumindest bei Flut praktisch das ganz Riff, bei Niedrigwasser dagegen kann inzwischen (mit feuchten Füßen) auf dem breiten Riffdach spaziert werden.

Abgesehen von der bei Seegang an das Riff tosenden Brandung sind die Minerva-Riffe aber noch immer schwer auszumachen. Immerhin sind sie in den Seekarten korrekt verzeichnet und in Zeiten der GPS-Navigation somit vergleichsweise einfach anzulaufen oder zu umschiffen. Aber das war eben nicht immer so, die Reste mehrerer Wracks finden sich auf den Riffen. Selbst regelmäßige Lotungen helfen nicht, ohne Vorwarnung steigen die Wände des Riffs steil aus der blauen Tiefe, in denen das klassische Lot noch keinen Grund findet. Und so geht auch der Name auf einen Schiffbruch zurück: 1829 strandete der Walfänger Minerva auf dem südlichen Minerva-Riff, die Besatzung konnte sich in einem völlig überladenen Walboot auf eine Insel der Lau-Gruppe im entfernten Fiji retten.

Ein kleines Video von Flora im Minerva-Riff:

Den Schaden an unserem Frischwassersystem können wir zum Glück auch beheben. Eine Dichtung am Boiler war verrutscht. Bei ruhigerem Wasser ein Easy-Fix.

Tonga: ausklariert und auf nach Minerva

Fast zwei Monate sind wir schon in Tonga. Offizieller Beginn der Zyklonsaison im Südpazifik ist der erste November, es wird also langsam Zeit, uns auf den Weg Richtung Neuseeland zu machen.

Ein Wunschziel liegt auf dem Weg: Minerva. Ein fast unwirklich erscheinender Ankerplatz mitten im offenen Ozean. Keine Insel, nur ein Unterwasser-Riff im ringsherum buchstäblich tausende Meter tiefen Pazifik. Kein Land in Sicht für Hunderte von Seemeilen. Das Minerva-Riff ist ein Atoll, nur eben knapp unter dem Meeresspiegel. Irgendwo im Nirgendwo zwischen Tonga, Fiji und Neuseeland. Auf der Navionics-Seekarte und auf Google Earth sieht das so aus:

Da wollen wir hin!

Formal gehören die beiden Riffe Minerva Nord und Minerva Süd zu Tonga und weiten damit Tongas Fischereirechte weit nach Süden aus, darüber gab es früher durchaus auch schon Streit mit Fiji.

Ausklarieren müssen wir trotzdem vorher. Und so führt uns unser Weg erst einmal wieder zurück ins Örtchen Pangai und dort zunächst zum “Ministry of Infrastructure”. Ganz leicht zu finden ist es nicht, denn das große weiße Schild würde zwar eigentlich das Ministeriumslogo und seine Bezeichnung tragen, nur ist es von der tropischen Sonne komplett ausgeblichen.

Aber es ist die auf Noforeignland angegebene Position, also klopfen wir und – siehe da – werden freundlich im Ministerium begrüßt. Aus der Tonnage unseres Bootes wird die zu entrichtende Gebühr von 9,80 TOP ermittelt, etwa 3,50 €.

Mit der Quittung laufen wir dann durch den Ort zum Zollbüro, wo wir ohne weitere Gebühr ausklarieren können. Auch hier ist das Hinweisschild ausgeblichen, aber von der Seite ist die ehemalige Aufschrift immerhin noch zu erahnen.

Zurück auf der Flora machen wir unser Boot klar für die Passage. Der Außenbordmotor wandert auf den Heckkorb, das Dinghy wird in den Davits mit “Bellybands” zusätzlich gesichert. Drinnen wird alles seefest verstaut, Flora ein letztes Mal gecheckt und dann kann es los gehen. Jetzt, unmittelbar vor der Abfahrt, können wir auch die nächsten Onlineformulare nach Neuseeland schicken. Das “ANA” (Advanced Notice of Arrival) mit diversen Anlagen und dann für jeden von uns jeweils eine “Traveller Declaration”. Also auch für das übernächste Ziel geht es voran.

Wir lichten den Anker morgens am 7:30 bei leichtem Nieselregen und aufgebauter Kuchenbude, weil der achterliche Wind den Regen von hinten ins Cockpit drückt.

Inzwischen aber scheint die Sonne, mit ausgebaumtem Vorsegel rauschen wir an den äußeren Inselchen der Ha’apai-Gruppe vorbei unserem Ziel entgegen. Etwa zweieinhalb Tage sollten wir bis Minerva unterwegs sein.

Passage Samoa nach Tonga, Tag 1

Es ist noch dunkel, als wir aufstehen. Um 6:30 lösen wir das Spinnennetz der Leinen, mit denen Flora so lange hier in Apia vertäut war. Das Ablegemanöver klappt gut, obwohl unsere Motorschaltung immer noch hakt. Über Standgas hinaus können wir nur entweder vorwärts oder rückwärts gehen, das Umschalten dazwischen funktioniert nur mit einem Griff in die Steuersäule hinein (wofür ein Instrumentenpanel losgeschraubt sein muss). Eine neue Schaltmechanik haben wir aus Deutschland mitgebracht, aber noch nicht installiert, weil sich die alte nicht so recht lösen will. Da möchten wir zur Sicherheit jedenfalls eine Werft in der Nähe haben für den Fall, das wir das Ganze bei einem Reparaturversuch verschlimmbessern.

Von der Windrichtung her passt das Wetterfenster, allerdings sind durchaus starke Böen angesagt. Ähnlich sieht es bei den Wellen aus. Die Richtung stimmt, aber bei gut 2,5 m Höhe und nur 8 Sekunden Frequenz.

Und so kommt es auch. Wir sind schnell unterwegs, aber so richtig angenehm sind die Bedingungen nicht. Zweimal erwischen uns Schauerböen bis 38 kn (8 Bft), aber Flora schlägt sich gut.

Bei dem Geschaukel liegen wir fast nur herum und schlafen viel.

Etmal in den ersten 24 Stunden unter gnädiger Hilfe der mitsetzenden Strömung 190 sm.

Essen: vorgekochter Linsen-Chorizo-Eintopf.

Passage nach Samoa, Tag 2

Bewegte See, Seegang um 2,5 m. Schönwettersegeln mit leichtem Achterbahneffekt.

Nach zwei Nächten auf See haben wir uns an die Schiffsbewegungen aber inzwischen ganz gut gewöhnt, die zweite Nacht auch mit gutem Schlaf.

Skipjack Thuna gefangen. Elisa hilft beim Filetieren. Eine neue Erfahrung für sie.

Essen: Elisa zaubert Thunfisch-Sashimi in Kartoffelcreme-Gurkenrolle mit Cashew.

Etmal: 150 sm, gesamt bisher 288 sm, noch etwa 482 sm bis Apia, Samoa.

Passage nach Samoa, Tag 1

Bob ist am Montag wieder im Einsatz im kargen Übergangsbüro des Zolls, wir können also in Aitutaki ausklarieren. Interessanterweise sind dafür mehr Angaben zu machen als beim Einklarieren, so sollen wir zum Beispiel die Marke und das Fassungsvermögen der Rettungsinsel und die Seriennummer der EPIRB Seenotfunkbake im Formular eintragen.

Aber gut, letztlich klappt alles und kurz vor Mittag laufen wir aus.

Die Bedingungen sind gut, um sich in die Passage einzugewöhnen. Nicht allzu schaukelig, etwa 2 m seitliche Ozeanwelle. Erst Segeln wir auf Steuerbordbug mit Fock und Großsegel, seit heute früh ist die Fock an Backbord ausgebaumt. Schmetterlings-Segeln.

Ein schöner Sonnenuntergang und zudem fast Vollmond. Jeder von uns hat eine Nachtwache von vier Stunden, also 8 Stunden Freiwache. Das ist komfortabel, auch wenn der Schlaf in den ersten beiden Nächten einer Passage meist noch nicht so gut ist. Das Wetter ist etwas besser geworden. Bob hatte uns noch offenbart, dass auf Aitutaki um Vollmond und Neumond herum jeweils mit unstetem Wetter und Regen zu rechnen ist. Tatsächlich hat es bis kurz vor unserer Abfahrt genieselt.

Aber die Nacht bleibt trocken und es gibt auch einen schönen Sonnenaufgang.

Essen: Asiatische Glasnudelpfanne mit Pak Choy.

Etmal: 138 sm, noch etwa 632 sm bis Apia/Samoa.

Passage zu den Cook Islands, Tag 6: angekommen auf Aitutaki

Kiaorana. Das K vorne ist neu, in Französisch Polynesien hieß es zur Begrüßung noch Iaorana. Aber hier in den Cook Islands ist es eben ähnlich, aber anders. Vielleicht noch ein bisschen entspannter.

Gut gemeint 😇 ist ja manchmal das Gegenteil von Gut gemacht. Um vernünftig einklarieren zu können, wollen wir extra nicht am Wochenende ankommen, Montag scheint die bessere Wahl. Bloß, Montag, der zweite Juni ist naturgemäß der erste Montag im Juni, und da wird auf den Cookinseln „Kings Birthday“ begangen, ein nationaler Feiertag. Behörden also grundsätzlich geschlossen. Aber eben nur grundsätzlich.

Gleich sechs Boote kommen heute im kleinen Hafen von Aitutaki auf den Cookinseln an und würden gern einklarieren. Da kommen die Behördenvertreter dann auch an ihrem eigentlich freien Tag raus. Das ermöglicht uns, die Q-Flagge einzuholen und an Land zu gehen. Da wird dann auch schon mal das „Office“ eingepackt und der Papierkram auf der Sitzfläche des Scooters am Dock erledigt. 31 Tage dürfen wir bleiben, „enjoy the Island“.

„Meitaki“ dafür, also Dankeschön. Das hätte in Französisch Polynesien noch „Māuruuru“ geheißen, da werden die Unterschiede in den polynesischen Sprachen dann schon deutlicher.

Jedenfalls haben wir genug Gelegenheit, uns zu bedanken, insbesondere auch bei anderen Seglern. Aitutaki ist ein nicht ganz unkomplizierter Hafen. Die Lagune hat keinen für Yachten schiffbaren Zugang, es gibt aber eine schmale Rinne zu einem künstlichen Hafenbecken.

Die Rinne neigt zur Verlandung, wird aber gelegentlich ausgebaggert. Barbara von der Lille Venn hatte uns berichtet, dass dies kürzlich wieder erfolgt sei. Schon mal die halbe Miete. Die schmale Rinne wartet mit starker Tidenströmung auf. Aktuelle Tiefenangaben für den Hafen sind schwer zu erhalten. Das Wasser ist milchig undurchsichtig. Eine weitere Besonderheit ist, dass die Segelboote im Hafen weder an einem Steg, noch direkt an der Pier anlegen können. Vielmehr wird geankert, um dann vom Heck aus Landleinen auszubringen. Direkt von Bord gehen kann man trotzdem nicht, weil das Heck mangels Wassertiefe fast überall Abstand von der Pier halten muss. Aber ist in dem engen Hafen überhaupt Platz für uns?

Tja, quasi als Selbsthilfegruppe gibt es die „Aitutaki Welcoming Group“ auf WhatsApp. Segler, die schon im Hafen liegen, geben hier bereitwillig Auskunft. Und – weit darüber hinaus – helfen sie bei der Planung und der Ankunft. Das geht so weit, dass sie die aktuellen Tiefen und Strömungen messen, sogar einen Plan für die bestmögliche Unterbringung der erwarteten Boote erstellen und in die Gruppe posten. Das sieht dann so aus:

Gemeinsam mit drei weiteren frühmorgens angekommenen Booten drehen vor Aitutaki bei und warten auf ein Abschwächen der noch sehr kräftigen Strömung. Als wir dann einlaufen, werden wir von vier(sic!) Dinghies erwartet, die uns zum Platz geleiten, den besten Platz für den Anker zeigen und unsere Heckleinen übernehmen. Die Leinen werden an weitere Helfer auf der Pier übergeben, die damit auf die Lagunenseite der Pier hinübergehend die Leinen an den dortigen Felsen festmachen. Wir holen die Lose aus den Leinen und sind fest.

Was für ein Service, nur eben nicht vom Hafen, sondern komplett von anderen, uns bisher unbekannten Seglern. Wow.

Und so kommen auch wir unbeschadet zu unserem ziemlich ungewöhnlichen Hafenplatz an der Westpier.

Um so schöner, dass ein Großteil der von der Passage doch recht müden Neuankömmlinge am Abend auf eben dieser Westpier mit den Helfern die erfolgreiche Aktion feiern.

Meitaki.

Passage zu den Cook Islands, Tag 4

Herrliches Segeln. Allerdings sind wir zu schnell, zugegebenermaßen ein Luxusproblem. Also segeln wir trotz 15 kn Wind im zweiten Reff, während der Nacht sogar im dritten. Tagsüber bei langsam abnehmendem Wind wieder im zweiten Reff. Angenehme Bedingungen, Sonnenschein, tefblaues Meer. Offshore-Segeln vom Feinsten.

Um das Blauwassererlebnis wirklich perfekt zu machen gehört dann auch noch Angelerfolg dazu. Der kleine fliegende Fisch, der sich während Elisas Wache ins Cockpit verirrt, zählt nicht als solcher. Dann aber am Nachmittag: beide Angelleinen rauschen aus. Es wird ein ordentlicher Kampf mit Bauchgurt im Drill. Auch Elisa versucht sich zwischenzeitlich, aber die Kräfte sind doch ein bisschen groß. (Für bessere Auflösung auf Foto klicken)

Wir bekommen beide Fische tatsächlich an Bord, es sind jeweils kapitale Mahi Mahi. Allerdings schaffen wir das nicht ganz ohne Schwund: die vorsorglich herausgestellte altbewährte Plastikwanne (zum Ausbluten und Filetieren) ist viel zu klein und gleich der erste Mahi Mahi zertrümmert sie schon vor dem Hineinlegen mit einem Schwanzschlag. Beim zweiten Mahi Mahi bricht dann unser altes Gaff (ein Haken an einem Stiel, mit dem große Fische an Bordgehievt werden). Zum Glück erst, nachdem der Mahi Mahi schon auf dem Achterdeck zappelt.

Nach dem Filetieren sind die Kühlschränke übervoll und ich bin erstmal völlig fertig, Nachmittagsschlaf ist angesagt.

Vorher müssen allerdings noch die Spuren des Gemetzels auf dem Achterdeck beseitiget werden, gefolgt von ausgiebigen gegenseitig verabreichten Eimerduschen.

Essen: Kartoffel-Lauch-Eintopf. Der Fisch muss im Kühlschrank noch ein bisschen warten.

Noch rund 200 Seemeilen bis Aitutaki.

Szenenwechsel und doch das Gleiche?

Wir segeln etwa dreißig Seemeilen nach Norden. Herrlich geschütztes Segeln ohne Ozeanschwell, einfach innerhalb des Atolls. Immer noch Fakarava. Nur liegen wir jetzt wieder vor dem Ort Rotoava. Eine der ersten Aktionen ist tatsächlich, den Müll wegzubringen, der sich innerhalb der letzten drei Wochen angesammelt hat. Sehr viel ist es eigentlich nicht, etwa eine mittlere Mülltüte pro Woche, den Hygienemüll aus dem Bad schon dabei. In Rotoava gibt es die einzige legale Möglichkeit der ganzen Gegend (einschließlich der umliegenden Atolle). Glas, Plastik und Dosen werden getrennt gesammelt, die Beutel mit dem Restmüll kommen auf ein Gestell direkt am Dinghydock.

Einen Termin für die Laundry machen. Und dann einkaufen. Das Versorgungsschiff ist gerade da, wir finden also einen ausnahmsweise gut gefüllten Obst- und Gemüsetisch im Markt vor. Was zu Hause als sehr bescheidene Auswahl gelten würde, zaubert hier glückliche Gesichter.

Außerdem mache ich gemeinsam mit Ralph von der Lille Venn sowie Theresa und Joe von der Freefall noch einmal zwei Tauchgänge, diesmal am Nordpass von Fakarava. In dem breiten Pass ist das Finden des Highlights Ali-Baba-Canyon nicht ganz einfach, wir gehen deshalb mit der Tauchschule TopDive hinaus. Wieder gibt es unfassbar viele Haie, insbesondere am Dropoff, der äußeren Grenze des Passes. Hier fällt die Wassertiefe von etwa 20 Metern auf kurzer Distanz steil auf mehrere hundert Meter Tiefe ab.

An dieser Kante tummelt sich Schwarmfisch – und eben Haie.

Und wie schon am Südpass finden sich auch hier wieder die riesigen Napoleonfische. Mit Ihren zumeist bedächtigen Bewegungen, ihrer “Denkerstirn”, den wulstigen Lippen und der feinen Labyrinth-Zeichnung sehen sie faszinierend aus.

Sie sind zumeist eher scheu als neugierig. Und doch: unterschätzen sollte man sie nicht. Nach dem ersten Tauchgang ist eine junge dänische Taucherin aus einer parallelen Tauchgruppe immer noch sichtlich geschockt. Ein Napoleon ist plötzlich von unten her auf sie zu geschossen und hat sie ins Handgelenk gebissen. Wohl nicht dramatisch, aber es blutet doch etwas. Hm.

Für unsere Gruppe führt der zweite Tauchgang (nach der Pause) dann zum Ali-Baba-Canyon. Wie beim letzten Mal mit Wiebke ist es auch diesmal ein strömungsreicher Drift-Tauchgang, aber wiederum begeistert der Fischreichtum im Canyon.

So. Erstmal genug getaucht, morgen wollen wir Fakarava mit seiner für die Tuamotus so seltenen Infrastruktur (Ver- und Entsorgung, Servicebetriebe wie Wäscherei, Restaurants, Tauchbasen) wieder verlassen. Es soll noch ein kleines Stück weiter nach Norden gehen, diesmal also hinaus auf den offenen Pazifik und ins nächste Atoll, nach Toau.

Um es mit Detlef Buck zu sagen: “Same same but different.“

Über die Korallen fliegen – Driftschnorchelgänge an den Pässen von Tahanea

Tahanea weist gleich drei befahrbare Pässe in die Lagune auf. Der mittlere ist der breiteste und tiefste, für unsere bisherigen drei Passagen haben wir stets diesen Pass benutzt. Aber die anderen beiden haben auch ihre Vorteile, insbesondere für Driftschnorchelgänge. Wir ankern deshalb diesmal zunächst am östlichen Pass, dem schmalsten und flachsten.

Ein fast dreieckiges Flach aus Korallen teilt ihn in zwei enge Arme auf. Beide eignen sich hervorragend zum Schnorcheln. Bei einlaufender Tide fahren wir mit dem Dinghy gegen die Strömung hinaus, gleiten mit Flossen und Taucherbrillen ins Wasser und lassen uns mit dem Dinghy zurück in die Lagune treiben. Es ist ein Gefühl, als würden wir schwerelos über einen Teppich aus Korallen und Fischen fliegen. Unbeschreiblich schön.

Ein Video dazu hier.

Nach einer zwischenzeitlich etwas schaukeligen Nacht – die Strömung ist stärker als der Wind und dreht Floras Heck in die Wellen – ankern wir um und liegen jetzt zwischen Nordpass und mittlerem Pass. Inzwischen ist auch die Easy-One hierher gekommen, gemeinsam machen wir im Nordpass einige weitere Driftschnorchelgänge.

Wir haben mächtig Glück, denn hier treffen wir dieses Mal auf Manta-Rochen. Und auch sonst sind die Korallenlandschaft und der Fischreichtum eine wahre Freude.

Trotzdem: morgen früh um fünf Uhr soll es weitergehen. Wir wollen zurück nach Fakarava segeln. Die Lebensmittelbestände müssen mal wieder mit Frischwaren aufgestockt werden, zumal wir bald Besuch an Bord bekommen. Unsere Freundin Katrin wird in einer Woche in Fakarava zusteigen. Wir freuen uns schon.

Nachtwanderung und Palmendiebe

Nachtwanderung. Mit Taschenlampen bewaffnet durch die Dunkelheit streifen. Schatten von Bäumen, die sich zu bewegen scheinen, die gespitzten Ohren lauschen auf das Geraschel huschender Kreaturen im Unterholz.

Wann haben wir so etwas zuletzt gemacht? Auf Klassenfahrt? Ist jedenfalls Ewigkeiten her. Die von einem Guide geführte Tour im nächtlichen Dschungel von Costa Rica kommt in den Sinn, die leuchtenden Augen von Spinnen (weiß), Baumfröschen (rot) und – von uns nicht gesehen – Katzen wie dem Ozelot oder gar Jauguar (grün). Aber das Gefühl dort war anders. Auch ein Abenteuer, aber eben mit Guide.

Hier auf Tahanea ist es eher der Klassenfahrt-Modus. Wir verabreden uns, brechen bei Neumond in stockdunkler Nacht um 9:00 abends (Sailor’s Midnight) mit zwei Dinghies auf zum übernächsten Motu.

Am mondlosen Himmel leuchten nur die Sterne, die Milchstraße bildet ein grandioses Panorama, davor lassen sich die Konturen der Palmen erahnen.

Schon die Anfahrt in der Finsternis ist eine Herausforderung, denn auch im Schein der starken Taschenlampe sind die Bommies in Ufernähe erst sehr spät zu erkennen. Wir schleichen in Slalomfahrt zum Strand. Große Löcher im Korallenschutt deuten darauf hin, dass wir dort eine gute Chance auf Palmendiebe habe.

Und deshalb sind wir hier. Palmendiebe, auch Kokoskrabben genannt, gehören wie Garnelen, Hummer und Langusten zu den Zehnfußkrebsen. Sie werden allerdings deutlich größer, die Spannweite der Beine kann einen Meter betragen. Sie sind die größten landlebenden Krabben. Aber wieso Palmendieb? Sie klettern tatsächlich auf Bäume. Ihre Scheren sind so kräftig, dass sie damit die hier so reichlich vorhandenen Kokosnüsse öffnen können und dann das weiße Fruchtfleisch fressen. Wer sich schon einmal mit Machete oder Messer an einer Kokosnuss versucht hat, weiß, dass er sich vor der Kneifkraft dieser Scheren (über 3.000 N pro cm2, etwa viermal soviel wie die Beißkraft eines Wolfes!) in Acht nehmen sollte.

Tagsüber halten sie sich verborgen, erst Nachts kommen sie zum Fressen aus Felsspalten und Sandlöchern heraus.

Neben ihrer immensen Größe beeindrucken sie auch mit ihren farbenprächtigen Panzern. Die Körperfarbe variiert stark, blau, violett, türkis, orange, braun und helles Ocker sind in unterschiedlichen Kombinationen vertreten.

Wenn man wie wir das Glück hat, dass während der Beobachtung ein Regenschauer niedergeht, leuchten die Farben ihrer Panzer im Schein der Taschenlampen umso mehr.

Auch das Klettern auf Bäume können wir beobachten:

Die Palmen müssen dabei nicht schräg stehen, auch senkrechte oder gar überhängende Passagen sind für Palmendiebe kein Problem.

Aber auch auf dem Boden sind diese wie aus der Zeit gefallenen Geschöpfe beeindruckend. So sehr, dass wir die erst mit 5 bis 6 Jahren geschlechtsreifen Tiere nicht für den Kochtopf einsammeln, sondern einfach nur bestaunen.

Weibchen mit Paket befruchteter Eier am Hinterleib

Neben den Palmendieben sind am Strand natürlich noch weitere Krabben unterwegs. So sehen wir “Yellow Nipper” (Blasse Strandkrabben), Abolineatus und natürlich eine Vielzahl von Einsiedlerkrebsen. In einer frühen Wachstumsphase schützen übrigens auch Kokoskrabben ihren (später zumeist unter den Körper geklappten) Hinterleib durch Schneckengehäuse, im jugendlichen Alter manchmal auch durch Kokosnussschalen.

Über zwei Stunden sind wir unterwegs. Erlebnis Nachtwanderung.

Ingo und Andrea (Easy-One), Teresa (Freefall), Wiebke und Ralf (Flora), Jeroen (My Motu), Ralph (Lille Venn), Rajesh (My Motu)