Passage nach Hawaii, Tag 8

Was für Kontraste. Um ein derzeit eher schmales, jedoch weit von Ost nach West ausgreifendes Schwachwindgebiet (noch nicht die ITZ) zu vermeiden leiten wir einen Schlenker nach Norden ein. Nach der vorherigen Rauschefahrt ist damit aber auch ein ziemliches Bremsmanöver verbunden, weil wir direkt vor den Wind gehen müssen. Und kaum ein paar Stunden auf diesem Kurs, bricht der Wind dann ein (hätte er auf dem anderen Kurs auch getan). Wir dümpeln in der noch recht hohen Restwelle. Probieren alle möglichen Segelstellungen, selbst eine Passatbesegelung mit ausgebaumter Fock, Code0 auf der anderen Seite und zusätzlich dem Groß. In die Nacht geht es mit ausgebaumtem Code0 und dem per Bullenstander gesicherten Groß auf der anderen Seite (Schmetterling). Aber während der ersten Nachtwache nimmt der Wind noch weiter ab, die Segel flappen, die Beschläge ächzen und quietschen unter den ruckartigen Belastungen. Grrr.

Normalerweise würden wir jetzt den Motor starten, aber mit noch über 3.000 Meilen und der ITZ vor uns ist das erst einmal keine Option, den Diesel wollen wir noch sparen. Trotzdem, die Bewegungen und vor allem die Geräusche schmerzen fast körperlich. Gegen Ende dieser Wache dann Regen … Dankeschön. Denn mit der Regenwolke kommt auch Wind, und der bleibt auch, als das Regenfeld durch ist. Wir können wieder segeln statt dümpeln.

Bei Tagesanbruch wechseln wir auf den Gennaker und luven etwas an, laufen damit wieder über 5 kn. Herrliches, wunderbares Segeln, denn auch die Ozeanwelle hat sich inzwischen beruhigt, schüttelt uns nicht mehr durch sondern wiegt uns nur sanft mit ihrer langen Dünung.

Ah, die Verpflegung: Nach dem der Mahi Mahi gleich am ersten Tag für Ceviche genutzt wurde, gibt es diesmal Mahi Mahi in Koriander-Mango-Buttersoße, Kochbananen und Salat. Ein Gedicht. Außerdem backen wir Brot und machen Crunchy-Müsli-Nachschub.

Bootsarbeit des Tages: Das in den Davits aufgehängte Dinghy verliert in der Bugkammer Luft. Ärgerlich bei einem so neuen Dinghy. Ein Loch können wir nicht finden, wir vermuten ein schleichendes Entweichen durch das Ventil. Das Beiboot sitzt dadurch nicht mehr ganz fest in den Davits. Also muss nachgepumpt werden. Allerdings reicht das Kabel unserer elektrischen Kompressorpumpe nicht so weit. Wir suchen die manuelle Pumpe unter der Achterkoje heraus, lassen das Dinghy ein kleines Stückchen ab und können tatsächlich nachpumpen, auch wenn es ein Balanceakt auf der Badeplattform ist. Bei dem ruhigen Wetter jedenfalls gut machbar. Und wir stellen eine Scheuerstelle bei der zusätzlichen Verzurrung des Gennakers am Top-Beschlag des Antitorsionskabels (um das der Rollgennaker aufgewickelt wird) fest, die wir gleich vernähen und mit Scheuerschutz umwickeln.

Seit 4 Tagen die erste Schiffsbegegnung: Die Zhou Yu 919 läuft 3,5 sm vor uns durch. Vor zwei Tagen hatte Jan uns geschrieben, dass rund 100 chinesische Fischer sich auf einer Linie etwa 100 sm nördlich von uns über eine Länge von 400 sm synchron bewegen. Vielleicht ist es eines dieser Schiffe.

Etmal 115 sm (unser bisher schlechtestes Etmal nach dem bislang besten mit 172 sm gestern), auf dieser Passage gesamt gesegelt jetzt 1.180 sm, noch geschätzte 3.120 sm nach Hawaii.

Passage nach Hawaii, 7. Tag

Herrliches Ozeansegeln. Rund 15 kn wahr, segeln mit raumem Wind, Groß und Fock. Etwa 2,5 m Welle, blauer Himmel.

Wir sind schon eine Woche unterwegs, haben heute die 1.000 Seemeilen geknackt. Am Morgen wieder viele fliegende Fische und Kalmare an Deck und auch tagsüber sehen wir große Schwärme fliegender Fische, ein paar Mal geschätzte 50 bis 100 Stück, die sich schräg vor unserem Bug über die Wellen heben und zur Seite hin wegsegeln. Wenn eine Welle sie zu erreichen droht schlagen sie mit der Schwanzflosse darauf und scheinen sich damit weiteren Schwung zu holen. Tagsüber landen auch keine auf unserem Deck, aber nachts scheinen sie das Schiff zwar als Bedrohung zu spüren, es selbst aber im Flug nicht sehen zu können.

Was uns bewegt: eine taktische Entscheidung steht an. Wann und wie queren wir am besten die ITZ, also die Innertropische Konvergenzzone. Hätte gar nicht gedacht, dass wir die Erdkunde aus der 8.Klasse, in diesem Fall die „Hadley-Zelle“ so viel brauchen würden ;-).
Grundsätzlich weht auf den Ozeanen in den nördlichen Tropen der Nordostpassat, in den südlichen Tropen der Südostpassat. Das Zusammenströmen (also die Konvergenz) dieser beiden starken Windsysteme verstärkt das durch den hier hohen Sonnenstand ohnehin kräftige Aufsteigen von feuchter Luft. Die ITZ liegt nicht genau um den Äquator herum, sonder jahreszeitlich bedingt derzeit etwas nördlich davon. Sie ist gekennzeichnet von wechselhaften und flauen Winden, vielen Wolken und leider auch Gewittern. Also eine Zone, die man als Segler so schnell wie möglich hinter sich lassen möchte.
Die ITZ muss man sich aber nicht als eine feste Einrichtung vorstellen, eher wie ein waberndes Band, typischerweise ist sie näher am östlich gelegenen Festland (hier also am amerikanischen Kontinent) breiter und wird Richtung Westen eher schmaler.

Für uns gilt es jetzt also, um kleinere Schwachwindgebiete herum einen Weg zu einer (bei Ankunft) möglichst schmalen Stelle der ITZ zu finden, was natürlich auf die Schwierigkeit von ungenauen mittelfristigen Wetterprognosen stößt. Außerdem wäre es für den Winkel im derzeit recht starken Nordostpassat (nach dem Queren der ITZ) besser, wenn wir die Zone so früh, also so östlich wie möglich queren. Je weiter westlich, um so höher müssen wir auf der weiteren Strecke nach Hawaii an den Nordostpassat gehen (also desto mehr bekommen wir den Wind von vorn). Und um es noch ein bisschen komplizierter zu machen wollen wir die kräftigen Strömungen und Eddies idealerweise auch noch mit einbeziehen. Ihr könnt das z.B. auf http://www.windy.com ganz gut sehen.

Also wälzen wir die über Satellit bezogen Grib-Files Wetterdaten von PredictWind und von Wetterwelt in Kiel. Und zum Glück unterstützt uns unsere Shore-Crew in Hamburg (Chief Jan) mit dem für uns schwierigen Blick auf die großräumigere Lage.

Wer unseren Kurs auf Noforeignland verfolgt, sollte jedenfalls über irgendwelche Schlenker nicht irritiert sein.

Sorry an die Nichtsegler, wenn dieser Bericht mal wieder etwas „technisch“ geraten ist, aber das sind halt die Überlegungen, die uns gerade ziemlich beschäftigen.

Etmal letzte 24 Stunden: sehr gute 172 sm, von 12.00 Uhr bis 12.00 Uhr wegen der Zeitumstellung 25 Stunden: 178 sm. Und wo wir schon am korrigieren sind nehmen wir die bisher unterschlagenen 5 sm von der Abfahrt in Santa Cruz bis zum ersten Schiffsmittag auch noch dazu, bisher gesegelt insgesamt somit 1065 sm, noch geschätzte 3.235 sm nach Hawaii.

Passage nach Hawaii, Tag 6

Zeit für die Zeitumstellung. Was, schon wieder?
Das letzte Mal hatten wir die Bordzeit bei der Ankunft auf den Galapagos umgestellt, eine Stunde zurück gegenüber Panama. Aber klar, die jeweiligen Orte gehören zu einer Zeitzone, so wie eben in Deutschland MEZ (Mitteleuropäische Zeit) bzw. jetzt MESZ (Mitteleuropäische Sommerzeit) gilt. Und irgendwie habe ich auch noch diese Bilder aus dem Lufthansa Bordmagazin vor Augen, in dem immer auch eine Weltkarte mit den Zeitzonen enthalten war. Lustig, wenn dann für manche Länder wie z.B. Tonga die Zeitzone auf einmal eine Ausbuchtung hat, weil Tonga per Gesetzt beschlossen hat, zu einer anderen Zeitzone zu gehören.

Und wie machen wir das auf dem offenen Ozean, wo eine Zeitzonenkarte gerade nicht zur Hand ist? Na ja, immerhin haben wir Zeit zum Überlegen, mentalen Herauskramen des Geo-Unterrichts aus der 8. Klasse und Rechnen.
Die Zeitzonen verlaufen entlang der Längengrade, reihen sich also in Ost-West-Richtung aneinander. Kapstadt z.B. liegt grob im gleichen Längengradabschnitt wie Berlin oder Rom, haben also grundsätzlich auch die gleiche Uhrzeit. New York und Madrid liegen zwar auf dem gleich Breitengrad (also gleich weit vom Äquator weg), aber 6 Zeitzonen auseinander.
Stellt sich aber die Frage, wie breit eine Zeitzone denn nun eigenlich ist. Da sich die Erde in 24 Stunden einmal um die eigene Achse (also um 360 Grad) dreht, ist eine Zeitzone 15 Grad weit (360 : 24).
Das macht es für uns einfach. Im Moment segeln wir ja praktisch genau von Ost nach West, dabei legen wir am Tag etwa zweieinhalb Grad in dieser Richtung zurück. nach 6 Tagen sind das … 15 Grad. Galapagos liegt auf 90 Grad West, heute überqueren wir den 105ten Längengrad W. Also wird die Borduhr eine Stunde zurückgestellt und der Sonnenuntergang springt von kurz nach 19.00 wieder auf kurz nach 18 Uhr.
Hier am Äquator entspricht ein Längengrad übrigens 60 Seemeilen, so wie das die Breitengrade überall auf der Welt tun. Die Zeitzonen sind also 900 sm auseinander. Das gilt aber in anderen Breiten nicht. In Oslo muss man auf dem dort 60ten Breitengrad nur genau die Hälfte, also 450 Seemeilen nach Osten oder Westen reisen, um 15 Längengrade zu überwinden. New York und Madrid liegen beide ungefähr auf dem 40ten Breitengrad rund 70 Längengrade auseinander. Die Entfernung beträgt dort rund 3.100 sm, während 70 Längengrade auf dem Äquator 4.200 sm ausmachen würden. Klar, so ein Längengradbereich zieht sich ja wie die Apfelschale auf eine Apfelspalte von Pol zu Pol, ist in der Mitte am breit und an den Enden spitz.

Langer Rede kurzer Sinn: ab jetzt sind wir 9 Stunden hinter der Zeit in Deutschland. Wenn es hier Mittag ist, ist es in Deutschland schon 21.00 Uhr.

Ehrlich, so etwas beschäftigt mich unterwegs. Und ich kann herrlich meine Nachtwachen damit verbringen, mir darüber Gedanken zu machen und es mir an ein paar durchgerechneten Beispielen zu verdeutlichen 😉

Bootsarbeit des Tages: Gasflaschenwechsel. Das bedeutet auch, die achtere Backbord-Backskiste ganz leer zu machen um an die Ersatzflasche heranzukommen und gibt Gelegenheit zur Neusortierung/-Ordnung. Hört sich leichter an als es ist, denn auf dem Deck kann in den mitlerweile doch recht ordentlichen Wellen nichts davon einfach zwischendurch aufs Achterschiff gelegt werden, ohne mit der nächsten Welle davon zu rutschen. Kreative Befestigungs- und Stopftechniken sind gefragt. Die alte Gasflasche hat übrigens immerhin von Mexiko bis hierher gereicht, fast vier Monate. Trotz Brot- und Kuchenbacken, crunchy Müsli machen und fast täglichem Kochen.

Seit zwei Tagen sind wir keinem anderen Boot oder Schiff mehr begegnet, schaukeln hier (heute meist recht flott) scheinbar ganz allein durch die Gegend. Ein paar Vögel leisten uns ab und an doch Gesellschaft, insbesondere die kleinen Sturmtaucher finden sich immer wieder ein. Und unter der Wasseroberfläche? Ein Biss an der Angel, aber die schöne Dorade konnte sich wieder freikämpfen. Dafür zähle ich heute morgen 8 fliegende Fische und 9 Kalmare an Deck, hm.
Die werfe ich aber über Bord, es gibt leckere Bohnesuppe mit Augenbohnen, grünen Bohnen und Chorizo.
Während ich gerade schreibe, wieder ein Biss und wieder ein Fight, aber diesmal bekomme ich die 90 cm Golddorade (Mahi Mahi) an Deck und filetiere sie gleich auf dem Achterschiff in unserer bewährten Fischbox (eine flache 80 x 40 cm Plastikbox, in der wir in der Backskiste die Schnorchelflossen aufbewahren). Noch kein Boots-Yoga, aber schon eine Arbeit in verkrampfter Knieposition bei der Schaukelwelle. Egal, für die nächsten Tage ist wieder Fisch gesichert, die Angel werfe ich erstmal nicht wieder aus und auch die andere Leine wird eingeholt.

Etmal 166 sm (in 24 Std, also vor Zeitumstellung), gesamt gesegelt 882 sm, noch geschätzte 3.418 sm nach Hawaii.

Passage nach Hawaii, Tag 5

Morgens bewölkt, aber noch vor Mittag klart es auf und wir haben einen blankgeputzten Himmel, so war es auch die letzten Tage bereits.
Ein paar kleinere Bootsarbeiten: eine der Großschotklemmen hat sich gelockert, also Deckenverkleidung in der Achterkammer abbauen und Muttern nachziehen, ein paar Rostnasen auf dem Edelstahl wegpolieren, IridiumGo durch herausnehmen und Wiedereinsetzen der Batterie wieder zum Arbeiten überreden, Kartoffeln durchsortieren, waschen, in der Sonne trocknen.
Generator eine gute Stunde laufen lassen, da die Solarpanele erst ab 11.00 (wenn die Wolken weg sind) richtig Strom geben, aber ab ungefähr 15.00 auf unserem Kurs schon wieder zum Teil von den Segeln verschattet werden, zudem der Windgenerator zwar etwas Strom produziert, aber die Winde eigentlich zu leicht für ihn sind. Und – anders als etwa vor Anker – verbraucht unser elektrischer Autopilot natürlich eine ganze Menge Strom. Andererseits: Dafür ist der Generator ja da und er ist natürlich auch wesentlich effizienter als es die Lichtmaschine des Motors wäre, also alles gut.
Wiebke backt Orangenkuchen mit Kokosflocken – wir müssen ja dem Skorbut vorbeugen ;-).
In der Nacht wieder eine kurze Flautenphase, durch die wie uns aber unter Code0 mit 3 kn Fahrt durchlavieren, ansonsten läuft es wieder ganz gut. Wir genießen das ruhige Segeln durch die blaue Weite.
Etmal 151 sm, gesamt gesegelt 716 sm, noch geschätzte 3.584 sm nach Hawaii

Passage nach Hawaii, Tag 4

Wir haben uns in den Rhythmus der Passage eingefunden, die Nachtwachen wirken weniger anstrengend, es fühlt sich gerade ganz gut an, in unserem kleinen Raumschiff scheinbar fernab von allem und auf noch ziemlich unabsehbare Zeit durch die Unendlichkeit zu segeln. Ein ganz eigener Mikrokosmos.
Der hell erleuchtete Lichtfleck eines einzelnen Fischtrawlers in 6 sm Entfernung zeigt uns in der Nacht, dass wir doch nicht ganz allein sind (kein AIS-Signal).

Wir wechseln vom Code0 auf die Fock und nach der ersten Nachtwache wieder zurück, machen gute Fahrt mit ein paar kürzeren Schwächeperioden, in denen die Segel aber immer noch stehen und nicht schlagen. Das dürfte gerne so bleiben.

Seit längerem zum ersten Mal sehen wir wieder mehr fliegende Fische, außerdem hat sich heute Nacht ein kleiner Kalmar auf unser Deck katapultiert.

Der letzte Rest von dem gefangenen super leckerem Großaugenthunfisch wird verarbeitet. Insgesamt hat Wiebke aus ihm gezaubert:
– Thunfischsteaks in Koreander-Limettensoße mit Radieschen auf Reis mit Teriyaki-Paprikagemüse (ja, der Markt gab einiges her) – Thunfischbowl
– Kartoffeln mit Thunfisch-Kaperncreme (Verarbeitung des Restes an gebratenem Thunfisch) – Asiasuppe mit Thunfisch
– Thunfisch-Taccos mexikanisch
Also auch mal Mittags und Abends Fisch. Das Angeln hatte ich erst einmal eingestellt, ab heute nachmittag gehen die Leinen wieder raus. 😉

Etmal 158 sm, gesamt gesegelt 565 sm, noch geschätzte 3.735 sm nach Hawaii

Passage nach Hawaii, Tag 3

Ziemlich abwechslungsreich. Erst ein herrlicher Segeltag mit schönem Wetter, ganz allein durch die Weite des Pazifiks. Ganz allein? Wohl doch nicht. Wir sehen zwar kein anderes Boot oder Schiff, auch nicht auf dem AIS, aber plötzlich schwebt ein orangeroter Helikopter heran und dreht in niedriger Höhe eine Runde um die Flora. Als er wieder davon fliegt rufe ich ihn über Funkkanal 16 an und er antwortet auch prompt. Er sei auf der Suche nach Fisch, habe unser Boot gesehen und wollte nur nach dem Rechten schauen. Ich danke ihm und eine dreiviertel Stunde später kommt uns auch der Fischdampfer entgegen, geht aber mit 2 sm Abstand an uns vorbei. Auf dem AIS zeigt er sich nicht, auf dem Radar aber natürlich schon. Herkunft und Flaggenstaat bleiben so aber natürlich unklar, das gute Englisch mit amerikanischem Akzent machen einen chinesischen Fischer allerdings unwahrscheinlich. Ein solcher (mit AIS) wird uns in der Nacht mit 6 sm Abstand passieren, es sind unsere einzigen S chiffssichtungen.
Bootsarbeit heute: Steuerbordgenuawinsch auseinander nehmen, reinigen und wieder zusammensetzen, sie hatte ein paarmal gehakt. Auf dem schwankenden Schiff durchaus eine Herausforderung, nichts über Bord plumpsen zu lassen. Wir spannen sicherheitshalber ein Tuch an der Reling auf, aber dieses Mal fliegt keine der kleinen Federn oder Klinken durch die Gegend. Jetzt scheint wieder alles in Ordnung.
Außerdem versuche ich ein vernünftiges Foto der nur etwas größer als schwalbengroßen Petrels zustande zu bringen, die immer wieder mit ziemlich hektischen Flugmanövern dicht über den Wellen die Flora begleiten. Es sind wohl Wedge-Rumped Storm Petrels.
Jetzt, da wir etwas weiter südlich der Galapagos und damit des Äquators sind und nach Westen segeln, fällt erst so richtig auf, dass die Sonne inzwischen für uns Mittags im NORDEN steht. Klar wussten wir das vorher, aber wenn man es dann das erste Mal praktisch sieht, verwirrt es trotzdem.
Wunderschöner Sonnenunter- und Mondaufgang. In der vierten Nachtwache (von 04.00 bis 07.00 Uhr) dann leider ein Flautenloch. Der Wind ist wirklich komplett weg, wir rollen den an Wanten und Salingen scheuernden Code0 ein. Wir – weil nachts keiner das Cockpit verlassen darf, ohne vorher den anderen hoch zu rufen. Die Freiwache muss also ins Cockpit. 8.30 kann ich den Code0 wieder setzen, aber nur eine Stunde später landen wir im nächsten Flautenloch. Im Moment segeln wir wieder, sogar recht flott. Wir halten uns aber weiter südwestlich, weil im Süden weniger Flautengebiete sein sollten. Der zusätzliche Weg verlängert natürlich die Gesamtstrecke (schließlich wollen wir eigentlich nach Nordwesten) aber das ist allemal besser als in der Flaute zu dümpeln.

Etmal 137 sm trotz Flautenlöchern, gesamt gesegelt 407 sm, noch geschätzte 3.893 sm nach Hawaii.

Passage nach Hawaii, Tag 2

Wieder ziemlich bedeckter Himmel und zunächst wenig Wind, aber immerhin segelbar. Die Strömung schiebt mit gut 2 Knoten, so dass die Fahrt über Grund tagsüber um die 5 kn pendelt, was wir vormittags mit mehreren Segelwechseln zu halten versuchen. Seit letztem Mittag steht jetzt aber der Code0. Wir laufen etwas südlicher, dort ist laut Vorhersage ein bisschen mehr Wind zu erwarten. Zum Abend diesmal keine Delfine, dafür aber eine Gabelschwanzmöve (auf Galapagos gesehen, mit den knallroten Ringen um die Augen), die sich auf unserem Solarpanel niederlässt und ausgiebig ihr Gefieder pflegt, bis sie sich mit Einbruch der Dunkelheit für ihre nächtliche Jagd davon macht.
Während der dritten Nachtwache (wir gehen ab 19.00 3-Stunden-Schichten) setzt leichter Nieselregen ein, danach frischt der Wind etwas auf und es wird eine flottere, gleichwohl wegen der nur flachen Wellen sehr ruhige Fahrt durch eine dann schöne Vollmondnacht.
Am Ostersonntagmorgen herrliches Wetter mit jetzt strahlend blauem Himmel und um die 8 kn wahrem Wind. Dazu noch ein Osterfrühstück mit Pfannkuchen und frischer Papaya – wunderbar!
Wegen der „Dunkelflaute“ der letzten beiden Tage und dem jetzt gerade laufenden Wassermacher (der pro Stunde etwa 38 Amp aus unserer Batteriebank zieht und dafür rund 50 l Frischwasser produziert) lief zur Stromproduktion für 2 3/4 Stunden der Dieselgenerator, aber der ist im Cockpit kaum zu hören.

Etmal: 146 sm, noch geschätzte 4.030 sm bis Hawaii.

Wir wünschen Euch allen ein frohes Osterfest!

Passage nach Hawaii, Tag 1

Beim Ausklarieren gabs noch einmal eine kleine Überraschung: 5 Personen kommen mit dem Wassertaxi angebraust. Neben dem Agenten Javier je ein Offizieller von der Armada (hier auch Küstenwache), der Policia Nacional, der Nationalparkverwaltung und der Immigration (obwohl wir die Ausreisestempel im Pass ja schon am Vortag im Büro der Immigration bekommen hatten). Wieder sind diverse Formulare zu unterschreiben, die angekündigte Inspektion des Bootes unterbleibt aber. Nach 15 Minuten sind wir fertig.
Klar ist jetzt auch, dass wir unseren Heckanker nicht mehr wiederbekommen. Die Taucher haben noch einen zweiten Anlauf unternommen, aber gleich wieder abgebrochen, die Sicht ist derzeit einfach viel zu schlecht. Statt des Bruce hängt ab jetzt also doch der 25 kg Delta in der Heckankerhalterung. Am Bug bleibt es bei unsererm zuverlässigen 30 kg Spade-Anker.
Wir motoren aus der Bucht hinaus und setzen die Segel: erst Groß und Code0, dann relativ schnell der Wechsel auf den Gennaker. Der Kurs passt, der Wind ist aber ziemlich mau. Mit nur 2 bis 3 Knoten Fahrt durchs Wasser machen wir trotzdem um die 5 kn über Grund, die Strömung schiebt enorm.
Stimmung an Bord ist trotz immer mal wieder flappender Segel gut, zumal wir eine leckere Thunfischbowl essen und außerdem der gestern gebackenen Möhren-Streuselkuchen die Laune zusätzlich hebt.
Zum Sonnenuntergang spielt eine große Schule Delfine an Floras Bug. So oft gesehen und jedes Mal wieder ein Gänsehaut- und „Lächeln-in-Gesicht-zauber“-Moment.
In der Nacht und am Morgen dann weiter sehr schwacher Wind, der zudem einmal um die ganze Kompassrose dreht, was mehrere Segelmanöver und Bullentaljenwechsel nötig macht (das ist die Leine, die den Baum vom Großsegel gegen das unbeabsichtigte Umschlagen auf die andere Bootsseite sichert). Wir haben jetzt auf beiden Seiten des Bootes eine solche Leine vorbereitet.
Das Wetter ist trüb, Nieselregen seit der Nacht. Erst gegen 10.00 Uhr morgens hört der Regen auf und ein bisschen Wind stellt sich ein, wir setzten den Code0, der bringt jetzt gerade 5 bis 6 kn durchs Wasser.

Etmal von 12.00 gestern bis 12.00 heute (Bordzeit, also 20.00 Uhr in Deutschland): 124 sm, noch geschätzte 4.176 sm bis Hawaii.

Dieser Beitrag wird per Satellit und deshalb ohne Bilder übermittelt, weil es auf hoher See mit vertretbarem technischem Aufwand und vertretbaren Kosten derzeit für uns einfach noch keine Möglichkeit gibt, Internet mit höherer Bandbreite an Bord zu bekommen. Es reicht gerade, um Textnachrichten zu übersenden und ganz klein „gepackte“ Grib-Dateien zu erhalten. Das sind Dateien mit Wetterdaten, so dass wir für unsere Routenentscheidungen immerhin ein grobes Bild von der Wetterlage und der Windentwicklung in den nächsten Tagen haben. Auf die sozialen Medien wie Facebook, Instagram und WhatsApp haben wir aber ebensowenig Zugriff wie auf unserem Blog (außer dem Einstellen der Textbeiträge eben). Entsprechend können wir auf Kommentare erst wieder zugreifen, wenn wir wieder Internet haben, also in etwa einem Monat 😉 Lasst Euch aber bitte nicht abhalten, wir antworten und freuen uns dann eben später darüber, dass Ihr so an unserer Fahrt Anteil habt!

Galapagos. Die verzauberten Inseln. Und wie es für uns weitergehen soll.

Einer der früh verwendeten Namen für die Inselgruppe auf dem Äquator, weit draußen im Pazifik, lautet “Las Islas Encantadas”, die verzauberten Inseln. Er taucht bereits in einer Seekarte von 1589 auf. Das war ganz und gar nicht hochachtungsvoll auf die uns so bezaubernde einzigartige Tierwelt des Archipels bezogen, sondern damals eher ein verzweifelter Erklärungsversuch. Die Inseln schienen zu erscheinen und zu verschwinden. Manchmal konnte man Galápagos einfach überhaupt nicht finden, dann wieder waren die Inseln scheinbar an einem völlig anderen Ort auf dem Meer. Da mussten unchristliche Mächte am Werk sein, es war ja wie verhext. Ab und zu wurde sogar die Vermutung geäußert, es könne sich um schwimmende Inseln handeln, wie sie schon in der griechischen Mythologie existierten, zum Beispiel Aiolia als Sitz des Windgottes Aiolos.

Wie so oft: wenn der Bauer nicht schwimmen kann, ist die Badehose schuld! Aber es war auch schwierig, bevor die Satellitennavigation oder zumindest Sextant und exakte Uhren den Seglern ihre eigene Position auf dem Globus klar machten. Die Winde hier am Äquator sind schon recht unstet, außerdem verbergen sich die Inseln oft im Dunst. Viele Flautentage machten die gekoppelten (also geschätzten) Positionen immer unsicherer. Denn für den Navigator schwer einschätzbar waren früher auf der Fahrt zu den Galápagosinseln die (auch heute noch vorhandenen) Strömungen. Gleich drei völlig unterschiedliche Strömungen treffen bei den Galápagosinseln aufeinander und machen deren reiche Tierwelt überhaupt erst möglich. Gemeinerweise sind die Strömungen dabei aber auch keineswegs so verlässlich wie etwa der Golfstrom im Atlantik, sondern verändern sich etwa in „El Niño“-Jahren massiv, weil dann der Humboldtstrom deutlich schwächer wird oder sogar fehlt.

Dieser wohl bekannteste Strom ist kalt und nährstoffreich, er wird vom Südostpassat zu den Galápagos hinaufgedrückt. Umgekehrt schiebt der Panamastrom, gefüttert vom Nordäquatorialgegenstrom warme Wassermassen aus Nordosten heran und hilft den wärmeliebenden tropischen Tierarten. Der dritte Mitspieler kommt aus dem Verborgenen: aus dem Westen und damit gegen die vorherrschende Windrichtung zieht in der Tiefe der Cromwellstrom als (kalte) Äquatoriale Unterströmung heran, er wird an der unterseeischen vulkanischen Galapagosplattform nach oben gedrückt. Das kalte, wiederum sehr nährstoffhaltige Wasser dieses Stroms sorgt dafür, dass sich zum Beispiel die Pinguine an den Küsten der westlich gelegenen Inseln Fernandina und Isabela wohlfühlen.

Und alle drei Ströme umspülen die Inseln, versetzen die Schiffe und verwirrten die frühen Seefahrer. Islas Encantadas.

Eines der schönen, zugleich aber auch schwierigen Phänomene der spanischen Sprache ist, manche Wörter so viele völlig unterschiedliche Bedeutungen haben. „Encantada“ ist ein gutes Beispiel dafür. Es kann verzaubert, verhext oder verdammt bedeuten. Aber auch glücklich, begeistert oder entzückt. Und sogar für einen ganzen Satz stehen:

„Schön, Sie kennenzulernen.“

Wir sind jedenfalls sehr glücklich, diese bezaubernden Inseln kennengelernt zu haben. Und wir sind sehr gespannt, ob Strömungen und Winde im Pazifik uns auf unserer Weiterfahrt nach Hawaii 🌺 wohl gesonnen sind. Etwa gut einen Monat wird die Passage dauern, wenn alles glatt läuft.

Warum Hawaii? Für die weitaus meisten Boote hier in Santa Cruz sind die Galápagosinseln das Sprungbrett zu den Marquesas, das sind rund 3.000 Seemeilen. Eine richtig lange Strecke. Unsere Atlantiküberquerung von Mindelo auf den Kapverden bis Bequia in St. Vincent und den Grenadinen waren dagegen nur 2.200 sm. Der Pazifik ist groß, riesengroß.

Nach Hawaii sind es von den Galápagosinseln aus mindestens 4.000 sm direkte Strecke, auf dem wahrscheinlicheren Kurs 4.300 sm, nämlich erst einmal 2.000 sm nach Westen und dann 2.300 sm im Bogen nach Nordwesten. Ganz schön weit! Und davor haben wir auch gehörigen Respekt. Aber wir wollen zurück auf die Nordhalbkugel segeln und eine nordpazifische Runde über Hawaii, Alaska und British Columbia im Westen Kanadas segeln um irgendwann im Herbst in der Gegend von Vancouver oder vielleicht Seattle (das wäre dann schon wieder USA) zu sein. Ein deutlicher Schlenker von der klassischen Barfußroute, der uns nach fast drei Jahren durchgehendem Sommersegeln – Maine im August 2020 geht dabei als Spätsommer durch – jetzt aber sehr reizt.

Und danach? Die US-Westküste hinunter zu Mexikos Baja California (Sea of Cortez) schwebt uns vor. Und von da vielleicht unser Absprung nach Französisch Polynesien. dann wären wir auch wieder auf der klassischen Barfußroute. 🦶 ⛵️

😊

Vögel auf Galápagos: nicht nur die Darwin-Finken

Neben der Riesenschildkröte ist eines der ersten mit Galápagos assoziierten Tiere der Darwin-Fink. Der Biologie-Unterricht wirkt offenbar im Langzeitgedächtnis nach. Und diese Vögel begegnen uns überall, auf den Kakteenbäumen im Hinterland ebenso wie mitten in den Ortschaften.

Tatsächlich hat sich Charles Darwin mit den nach ihm benannten “Finken” (die eigentlich nicht zu den Finken sondern den Ammern gehören) weder bei seinem Aufenthalt auf Galápagos 1835 noch später bei der Entwicklung seiner Evolutionstheorie intensiver beschäftigt. Er hat die geschossenen Finken nicht einmal den verschiedenen Inseln zugeordnet. Aber er hat gut 31 “Finken”, die 13 Arten zugeordnet wurden, zur Zoologischen Gesellschaft nach England geschickt, wo sie von John Gould als Species einer völlig neuen Gruppe erkannt wurden.

Gleichwohl sind die inzwischen 18 entdeckten Darwinfinkenarten ein gutes Beispiel für die Evolution, denn die fast durchgängig unauffällig braunen oder schwarzen Vögel unterscheiden sich je nach Herkunftsinsel und dadurch Nahrungsangebot erheblich insbesondere in ihrer Schnabelform. Eine Species, der Vampirfink, fügt (wenn auch nur zur Nahrungsergänzung) den Boobies kleine Wunden zu und trinkt deren Blut. Es wird vermutet, dass die Boobies sich das gefallen lassen, weil es auf die Befreiung von Parasiten zurückgeht.

Viel zu farbig für einen Darwinfinken: es gibt zwar einen Waldsänger-Darwinfink, aber der ist auch eher unauffällig gefärbt. Ganz anders dieser Goldwaldsänger auf San Christobal.

Für Darwin ergab sich ein stärkerer Impuls für seine Evolutionstheorie aus der Beobachtung der vier verschiedenen Spottdrosselarten, die es auf den verschieden Inseln des Archipels gibt. Die etwas größeren Vögel verblüfften ihn zum einen damit, dass sie – anders als ihre Verwandten auf dem amerikanischen Festland – nicht spotten, also nicht die Gesänge anderer Vogelarten oder sogar sonstige Geräusche immitieren. Vor allem aber auf den verschiedenen Inseln wiederum unterschiedliche Schnabelformen entwickelt, und bei den Spottdrosseln ordnete Darwin seine Sichtungen den Inseln auch zu und zog daraus die entscheidenden Schlüsse, dass diese Arten sich aus einer gemeinsamen Art unterschiedlich weiterentwickelt hatten.

Española Spottdrossel

Was uns besonders fasziniert: wo sonst findet man Flamingos und Pinguine auf einer Insel?

Und dann die wunderbaren Boobies: drei Tölpelarten brüten auf Galápagos: die großen Nazca-Boobies, die Rotfuß- und die Blaufußtölpel.

Fast schon gemein, wie wenig Beachtung wir den hier ebenfalls zahlreichen Fragattvögeln und die Tropikvögeln schenken, die wir in der Karibik, insbesondere auf Antigua und Barbuda so ausgiebig beobachtet hatten. Oder den Pelikanen.

Manche der hiesigen Vögel hätten wir gern gesehen, konnten sie aber nicht entdecken. Saisonbedingt oder weil wir einfach zu wenige Inseln der Gruppe besucht haben oder nicht lange genug gesucht haben. Die Galápagos-Waved-Albatrosse und die Galápagos-Eulen gehören dazu, ebenso der rote Vermillion-Fliegenfänger und der flugunfähige Galápagos-Kormoran.

Und wieder andere haben wir entdeckt und fühlten uns (manchmal nur auf den ersten Blick) an die Tierwelt in Deutschland erinnert. So etwa bei den (amerikanischen) Austernfischern, der Ralle oder den Enten.

Und es gibt noch so viel mehr (und Meer) zu entdecken. Hier auf Galápagos – aber eben auch anderswo. Wir stecken schon in den Vorbereitungen, Freitag segeln wir weiter.

Jetzt erstmal Frisches einkaufen und Wäsche abholen, die nachgefüllten Dieselkanister wieder voll machen. Und hoffen, dass die Taucher morgen unseren verlorenen Heckanker wiederfinden. Ich habe ihn gestern nicht wiedergefunden und selbst für die professionellen Taucher war die Sicht unter Wasser heute einfach zu schlecht. Nicht schlimm, ist unser Drittanker (20 kg Bruce), aber er passt halt gut in die Halterung am Heck mit dem ausklappbarem Ankergalgen. Die Schäkelsicherung aus Kabelbinder scheint durch die UV-Strahlung mürbe geworden zu sein. Und anders als beim Hauptanker hatten wir den selten benutzen Heckanker nicht zusätzlich (Gürtel und Hosenträger) mit einem Softschäkel gesichert.

Immerhin können wir uns auf dem extrem schwelligen Ankerplatz hier vor Santa Cruz mit unserem Zweitanker (25 kg Delta) am Heck ausrichten. Trotzdem: das Geschaukel macht Lust aufs Weitersegeln.