Stützen gegen das Vergessen

Die Wellen im Delaware-River halten uns noch ein bisschen in Lewes fest. Bis zum Eingang in den Chesapeake-Delaware-Canal müssen wir gut 50 sm den Fluss hinauf, der sich hier unten aber eher als eine bis zu 40 km breite Meeresbucht präsentiert.

Etwa 25 kn Wind aus Nordnordost haben wir, der Fluss geht nach Nordwest hinauf, eigentlich segelbar. Bloß, die Strömung im Fluss beträgt bis zu drei Knoten und wechselt tidenbedingt, wir müssen also mit auflaufender Tide hoch. Wind gegen Strom, aber nur schräg, nur ein bisschen also, das könnte doch gehen? Wir machen einen Versuch. Als wir um den äußeren Breakwater herumkommen, werden wir unsanft daran erinnert, dass es nicht geht! Wilde Kabbelsee, vielleicht auch noch verstärkt durch den Schwell des Hurrikans Teddy weit draußen auf dem Atlantik. Alle Naselang läuft eine Welle komplett bis zu unserer Windschutzscheibe durch. Umdrehen. Zurück hinter dem zweiten Breakwater ankern wir wieder am gleichen Platz in ruhigem Wasser.

Und die Salzwasserflecken auf der Vorschiffskoje erinnern uns zusätzlich daran, dass sich die Dichtung des Vorschiffsluks (auf Lanzarote erneuert) an der Schnittstelle einen kleinen Spalt weit geöffnet hat und Schwallwasser jetzt einen Weg hindurch findet. 😖

Na gut, der verlängerte Ankeraufenthalt (für die nächsten beiden Tage sind keine besseren Bedingungen vorhergesagt) bietet ja Gelegenheit, sich der Sache anzunehmen. Und wenn wir schon bei Schiffsarbeiten sind, fällt uns gleich noch mehr ein. Ein Check im Motorraum, Ölstand, Seewasserfilter, Kühlwasser. Ah, die Handpumpe für den Dieseltank. Der sollte doch auch mal wieder kontrolliert werden 😊.

Das ist auf unserer Hallberg-Rassy 43 eigentlich eine feine Sache. Im Motorraum gibt es eine Handpumpe, mit der Diesel aus dem Sumpf am tiefsten Punkt des unter den verschraubten Bodenbrettern im Salon montierten Dieseltanks gefördert werden kann. Wenn sich (Kondens-)Wasser oder Verschmutzungen im Tank befinden oder die gefürchtete Dieselpest zugeschlagen hat und einen zähen Schlamm aus Mikroorganismen im Dieseltank bildet, würde man das bei der mit der Handpumpe heraufgeförderten Probe (zumindest mit einiger Wahrscheinlichkeit) feststellen. Ein Blick ins Wartungslogbuch bestätigt: schon wieder zu lange nicht kontrolliert. Erstmal die Niedergangstreppe abbauen, den Teppich hochnehmen, Kontolldeckel im Fußboden auf, Ventil für die Handpumpe öffnen. Welches der sechs war es gleich? Zum Glück sind sie beschriftet.

“Drain Fuel Tank” öffnen, dann in den Motorraum und pumpen. Ein bisschen heller Diesel aus dem Schlauch fließt ins Glas, dann wird das Pumpen schwer und nix kommt mehr. Verstopft? Etwa Dieselpestplocken? 😨

Nachdenken. Da war doch letztes Mal auch irgendwas? Irgendwann fällt der Groschen. Ein zweites Absperrventil sitzt versteckt unterhalb der Pumpe, ohne Knebel, nur mit einem Schraubenzieher zu bedienen, wie Chief Jan herausgefunden hatte, als wir die Pumpe wegen Festsitzens austauschen mussten, der Vorbesitzer hatte sie wohl auch nicht allzuoft benutzt. Das war mir blöderweise schon wieder entfallen.

Schlitz quer: Ventil geschlossen

Nochmal soll mir das nicht passieren, also muss gleich der Etikettierer dran:

Wie man sieht, sind im Motorraum schon andere Etiketten angebracht. Der ein oder andere mag das für übertrieben halten, aber z.B. die Neun❗️Seeventile im Motorraum möchte ich im Notfall nicht erst zuordnen müssen und auch die vier Wasserpumpen im Motorraum (Frischwasser, WC, Duschwanne, Bilgepumpe) sind mit Labeln versehen (im Bad im Vorschiff sind noch ein paar weitere).

Übrigens fördert die Handpumpe dann zum Glück nur Diesel, aber trotzdem eine Überraschung: er ist rosa gefärbt. Hm. Aus englischen Yachtzeitschriften ist mir die Steuerproblematik um “Red Diesel” in Erinnerung, in Deutschland das Färben von Heizöl aus gleichem Grund, wobei das auch einen anderen Schwefelgehalt und andere Additive haben sollte. Wie sieht es in den USA aus? Der Diesel ist an den Bootstankstellen nicht billiger als an den Straßentankstellen, wenngleich mit zumeist weniger als 3$ pro US-Gallone (=3,78 Liter) deutlich günstiger als in Deutschland. Und doch, das Prinzip ist das Gleiche. “Dyed Diesel”, also (rot) gefärbter Diesel, wird an den Bootstankstellen verkauft und ist “not to be used for on-road vehicles”. Wieder was gelernt.

Und im Hinterkopf die Fragen, ob wohl in Europa Yachten Ungemach droht, die in den USA mit “Dyed Diesel” betankt und z.B. per Frachter zurück über den Atlantik gebracht wurden. Oder wann durch Nachtanken mit ungefärbtem Diesel der Art Farbstich wieder verschwindet ⁉️.

Bordalltag

Volkmar hat in seinem Kommentar zu unserem letzten Blogpost ein paar Fragen aufgeworfen, die ich gern beantworten möchte. Zunächst mal zu der Kommentarfunktion selbst: wir haben die Standardeinstellung in „WordPress“, also dem Programm in dem wir die Blogs erstellen und veröffentlichen, weitgehend beibehalten. Das führt dazu dass diejenigen, die zum ersten Mal kommentieren, nicht unmittelbar die Veröffentlichung des Kommentars sehen. Zur Spamvermeidung müssen wir den Erstkommentar erst genehmigen, alle weiteren Kommentare des selben Bloglesers erscheinen dann aber direkt.

Wie versorgen wir uns?

Flora ist ziemlich gut ausgerüstet, um einige Zeit autark sein zu können. Strom produzieren wir über die Solarzellen und den Windgenerator, alle paar Tage mal werfen wir den neben dem Motor im Motorraum angebrachten und zusätzlich schallgedämmten Dieselgenerator an. Der lädt sehr schnell unsere Lithium-Ionen-Batteriebank wieder voll, sorgt dabei gleichzeitig für einen Vorrat an Heißwasser im Boiler und stellt uns während er läuft auch 230 Volt zur Verfügung. Deshalb wird vorzugsweise in dieser Zeit der Staubsauger benutzt und Ladegeräte angestöpselt (Drohne, Fotoapparat, Zahnbürste, eben alles was 230 V benötigt). Das könnten wir alles auch über den 12 V – 230 V – Inverter betreiben, was aber einen höheren Stromverbrauch bedeutet. Machen wir trotzdem manchmal, wenn sowieso genug Strom da ist. Der 5-KW Dieselgenerator verbraucht dabei (lastabhängig) etwa 2 l Diesel pro Stunde. Was die Ausbeute der „Erneuerbaren“ angeht: meist bringen unsere nur 200 WP Solarzellen mehr als der Windgenerator und tatsächlich überlegen wir, weitere Solarzellen zu installieren. An bedeckten bis regnerischen Tagen mit viel Wind (wie heute früh) sieht es anders aus:

Im Moment bringen die Solarzellen 2,9 Ampere, der Windgenerator aber 8,5 Ampere (unsere Windanzeige zeigt über 20 kn Wind an aber die misst natürlich in 20 m Höhe, der Generator läuft auf auf etwa 4 m Höhe). Damit werden zusammen 11,4 Ampere produziert, da nur 6,08 in der Batteriebank ankommen (rechts oben) verbrauchen wir gut 5 Ampere (hauptsächlich verantwortlich sind die beiden Kühlboxen). Zur unteren Zeile: der Inverter ist aus, wir haben 195 Amperestunden (=Ah) verbraucht, es verbleiben noch 55 % unserer Batteriekapazität. Letzteres stimmt strenggenommen nicht, denn wir haben ja nominal 540 Ah Kapazität, hätten also noch 64 %. Aber selbst Lithium-Akkus sollte man nicht völlig leersaugen und die von uns eingestellte „Reserve“ wird in der Anzeige bereits berücksichtigt.

Zur Wasserversorgung: wir hatten auf den Kanaren reichlich 250 l Trinkwasser in Flaschen gebunkert, ein kleiner Teil davon ist noch übrig. Wasser zum Kochen, Waschen und Duschen kommt aus unserem 600 l Einbautank. Der wird ab und zu durch unseren Wassermacher (50 l pro Stunde im Tausch gegen 38 Ampere) wieder aufgefüllt. Wenn die Wasserqualität gut war, haben wir den Tank in der Vergangenheit auch mit Wasser aus dem Wasseranschluss am Steg in der Marina (durch einen „fliegenden“ Aktivkohlefilter) befüllt.

„Fliegend“ an den Wasserschlauch anzuklipsendender Filter

In der Rückschau hätten wir den Wassermacher bisher nicht wirklich benötigt. Selbst hier in der Karibik gibt es oft einen Fischersteg, an dem man Wasser tanken könnte. Manchmal – wie z.B. in der Prince-Rupert-Bay vor Dominica – eine Boje in der Bucht, an der man durch einen Schlauch Frischwasser nehmen kann. Andere Boote haben eine Regenauffanginstallation geriggt, z.B. durch Regenrinnen am Bimini. Trotzdem: wir lieben unseren Wassermacher. Bei uns ist der Weg umgekehrt: unser Vertrauen in die Verlässlichkeit des Wassermachers und die Qualität des produzierten (und mineralisierten) Wassers ist inzwischen so hoch, dass wir kein neues Wasser in Plastikflaschen mehr kaufen sondern die Trinkwasserflaschen mit dem Wassermacher selbst befüllen (ohne Umweg über den weiterhin genutzten Tank).

Die Dieselversorgung hat sich ebenfalls bisher als völlig unproblematisch gezeigt. Floras Dieseltank fasst 400 l, wir haben noch einen 20 l Reservekanister, hauptsächlich eigentlich für den Fall, dass wir einmal an einer Autotankstelle Diesel besorgen müssen. Aber wir verbrauchen wenig, viel weniger als es im Mittelmeer der Fall war. Wir haben in Gibraltar vollgetankt, auf den Kanaren noch einmal 80 l nachgetankt und zur Sicherheit für die Atlantiküberquerung in Mindelo nochmals 40 l aufgefüllt. Jetzt in Guadeloupe ist der Tank noch knapp halbvoll (allerdings müsste der Dinghytank mal wieder etwas Benzin bekommen 😉).

Es ist also tatsächlich so, dass unsere Versorgung trotz der ganzen Strom- und Wasser fressenden Luxusausstattung bisher ziemlich problemfrei war. Das mit dem Luxus empfinden wir selbst so, der ein oder die andere wird bei der elektrischen Zahnbürste schon gezuckt haben, aber insbesondere die 3,5 kg – Waschmaschine (im Schrank im vorderen Bad) ist schon eine große Erleichterung. Für die elektrischen Klos gilt das weniger, schlichte Pumptoiletten wären zudem weniger reparaturanfällig.

Und unser Bordalltag sonst? Das ist der eigentliche Luxus. Hier in der Karibik mit ihren kurzen Entfernungen heißt das z.B. meistens: Ausschlafen, Kaffee, in den großen Infinity-Pool hinterm Heck springen, Frühstücken, überlegen, was man machen möchte. Nach den ganzen Ausflügen dann zur Abwechslung vielleicht mal etwas Bootsarbeit? Oder einfach entspannen?

Heute ist einer der bisher erstaunlich wenigen Tage mit häufigeren Schauern, außerdem viel Wind. Also erst mal an der Boje noch eine weitere Leine anbringen, ein kurzer Festmacher mit Kausch und Schäkel, der im Ring der Boje also nicht durchscheuern kann. Man käme in einer Extremsituation trotzdem schnell los, müsste nur die kurze Leine erstmal an der Boje lassen, die anderen beiden Leinen sind auf Slip gelegt, können also vom Boot aus gelöst und eingeholt werden.

Der schon heute Nacht sehr frische und böige Wind hat das Boot etwas geschaukelt, aber bei dieser Windrichtung steht nur mäßig Schwell in unsere Bucht. Oder wie Wiebke es heute morgen formuliert hat: „Schlimm war es nicht. Man konnte auf der Seite schlafen ohne umzufallen.“

Ein bisschen im Cockpit sitzen, Blog schreiben. Dann wieder ein Schauer, also rein. Vielleicht Brot backen? Gute Idee.

Für den Mixer muss diesmal der Inverter ran.

Der Backofen läuft übrigens (wie auch der Herd) mit Gas, da ist die Versorgung etwas kniffliger, wie wir schon in Griechenland und dann wieder in Spanien feststellen mussten. Aber wir haben zwei 11 kg – Flaschen an Bord, die vor fast 4 Monaten in La Línea in Spanien getauschte ist noch nicht geleert (aber fast).

Gerade scheint mal wieder die Sonne. Nochmal Baden? Der Brotteig muss eh noch etwas gehen. Oops, schon wieder ein Schauer. Ist die Süßwasserdusche halt inbegriffen 😁.

Uns geht’s gut!