Santa Barbara: ein bisschen Bürokratie, eine wunderschöne Stadt, Ausflug nach L.A. und ein Kanu

Wir ankern vor Santa Barbara. Erstmal. Die Nacht ist dann etwas unruhig, die nächsten Tage soll die See noch bewegter sein, der nationale Wetterdienst hat sogar eine „Small Craft Advisory“ herausgegeben. Die Wind- und Wellenwarnung ist zwar nicht dramatisch, aber unangenehm würde es am Ankerplatz wohl schon werden. Deshalb möchten wir in den Hafen gleich nebenan verholen. Über Funk und Telefon bekommen wir allerdings jeweils Absagen: kein Platz, vielleicht später noch mal probieren. Also erkunden wir erst einmal zu Fuß die Stadt, sie gefällt uns auf Anhieb richtig gut.

Auf dem Rückweg gehen wir beim Hafenmeister vorbei, schildern die Situation. Die Antwort ist gleich: kein Platz. Aaaaber: als wir ins Spiel bringen, dass wir auch ins Päckchen gehen würden (was in Nordamerika nicht so üblich ist wie in Deutschland oder Dänemark) fällt dem Hafenmeister ein, dass ja die Small Kraft Advisory im Raum steht und der Hafen ein „Safe Harbor“ (also ein Schutzhafen) ist. Er weist uns einen Platz an einer (der vier!) Absaugstationen des Hafens zu. Zuerst sollen wir aber am Ankunftspier anlegen und mit unseren Papieren ins Büro kommen. Machen wir prompt. In der Zwischenzeit hat er dann doch eine Box für unser Schiff gefunden. Wir berichten Heather und Jim auf der draußen vor Anker liegenden „Kavenga“ davon, die darauf hin auch herein an die Ankunftspier kommen und für die der Hafenmeister nach Hinweis auf die Small Craft Advisory ebenfalls eine Box findet.

Mit dem Anlegen an der Ankunftspier hat es in Santa Barbara übrigens eine besondere Bewandtnis. Bei allen Booten mit WC an Bord kommt nämlich ein Offizieller an die Pier und platziert eine Färbe-Tablette im WC. So soll verhindert werden, dass heimlich (und illegal) die Fäkalien in das Hafenbecken entleert werden. Eigentlich gut, nur wären die Bemühungen zum Umweltschutz deutlich überzeugender, wenn die Bohrinseln vor der Küste nicht dafür sorgen würden, dass wir auf der Anfahrt zum Hafen mehrfach durch riesige, stinkende Ölteppiche fahren müssen. Beim ersten Mal haste ich ins Boot, reiße die Tür zum Motorraum auf. Aber nein, der Gestank kommt von draußen und wir fahren durch regenbogenfarbig schillernde Lachen auf dem Wasser. Ob die aktiven Bohrinseln wirklich die Verursacher sind, können wir nicht mit Sicherheit sagen, die Seekarte weist an diesen Stellen auch mehrere „Sub Surface Well ; Heads Covered“ aus, also abgedeckte ehemalige Quellen.

Die Stadt Santa Barbara allerdings nimmt uns sofort für sich ein. Palmenalleen am Strand entlang, dann wunderschöne Gebäude den gemächlich ansteigenden Hang hinauf bis die Berge dann mit Steilhängen in die Höhe zu schießen scheinen.

Sehr schön lässt das vom Uhrenturm des Gerichtsgebäudes aus anschauen, wobei man in der Ferne auch die Bohrinseln ausmachen kann:

Das Gerichtsgebäude ist aber auch sonst einen Besuch wert. Obwohl es in Betrieb ist (während unseres Besuchs fanden auch Verhandlungen statt, wenn auch nicht im Mural-Gerichtssaal) kann es kostenfrei besichtigt werden.

Und die Stadt: einfach WOW!!!

Vor allem in der zentralen Fußgängerzone, aber nicht nur dort, stehen bunt bemalte Klaviere. Sie werden genutzt. Manchmal klimpern Kinder, häufig aber setzt sich für kurze Zeit ein Passant ans Klavier und lässt die vorbei Spazierenden meist erfreut aufhorchen. Auch Wiebke gibt ein kurzes – längst verschollen geglaubtes – Musikstück aus ihrer Jugend-Klavierlern-Phase zum Besten. Klappt.

Im gesamten Innenstadtbereich finden sich alte Gebäude im Adobe-Stil, aber auch viele neuere Bauten, die Optik dieses Lehmziegelstiles aufnehmen, manchmal auch neu interpretieren.

Wir sind begeistert. Was wir aber leider nicht finden: der örtliche REI (Outdoor-Spezialist) hat leider das aufblasbare Doppelkanu nicht vorrätig, mit dem wir schon einige Zeit liebäugeln. Der Versand hierher würde zu lange dauern.

Wenn das Kanu nicht zu uns kommt, wie kommen wir zu ihm? Wiebke googelt, der REI in Burbank bei Los Angeles hat noch eins. Wir sichern es uns telefonisch und mieten ein Auto. Der nächste Landausflug steht also fest.

In Burbank holen wir das Kanu ab, und wo wir schon in der Nähe sind, reicht es auch für Hollywood und einen Blick auf L.A.

Die Rückfahrt über führt dann über Beverly Hills, das letzte Stück der Route 66 nach Santa Monica ans Meer und dann wieder auf dem Highway 1 am Pazifik entlang nach Santa Barbara. Eine Teilstrecke geht es auf dem “El Camino Real” (dem Königsweg), der die spanischen Missionsstationen zwischen Santa Bruno auf der Baja California und dann San Diego und San Francisco verbindet. 21 Missionen waren es ursprünglich, jeweils etwa 50 km bzw. einen Tagesritt voneinander entfernt. Mit diesen verleibten die Spanier ab 1684 nach und nach diese Region ihrem damaligen Weltreich ein. Geblieben sind die spanischen Namen der katholischen Heiligen, nach denen die Missionen benannt wurden. Oft sind es noch heute die Namen der Städte, deren Keimzelle die entsprechende Mission bildete. So wie in San Diego, in San Francisco und eben auch in Santa Barbara.

Heute machen wir – neben einem weiteren langen Gang durch die wunderschöne Stadt – auch gleich eine kleine Probefahrt mit unserem neuen Zweit-Dinghy, dass sich dann auch besser den Strand hinauf tragen lässt. Das Paddeln klappt ganz gut und macht uns richtig Spaß.

Weiterhüpfen an Kaliforniens Küste

Von Morro Bay gehen wir nur einmal kurz um die Ecke. Aber trotzdem begleiten uns bei diesem kleinen Hüpfer Delfine, wenn auch in einiger Entfernung. Der Ankerplatz hinter Point San Luis am Avila Beach liegt zwischen zwei weit ins Meer hinaus gebauten Piers. Eine dritte Pier etwas weiter westlich hinter dem riesigen Mooringfeld ist die einzige, die derzeit betreten werden darf.

Landgang muss aber für uns hier gar nicht sein. Erstens ist nur ein Stop für die Nacht geplant, vor allem aber wird uns direkt am Ankerplatz eine Wal-Show geboten. Einige Buckelwale jagen unweit der östlichen Pier nach Nahrung und versetzen damit auch die örtliche Vogelwelt in Aufruhr.

Der nächste Tagestörn ist dann etwas länger, es soll an der Küste entlang weiter nach Süden und um das Cape Conception herum gehen.

Wie so viele Kaps genießt auch Conception einen eher zweifelhaften Ruf. insofern sind wir nicht böse, dass wenig Wind angesagt ist. Zunächst müssen wir auch tatsächlich motoren und haben bei dem glatten Wasser das Glück, abermals Delfine zu sichten. Wir schalten in den Leerlauf und beobachten, wie sie offenbar einen Fischschwarm zusammentreiben. Es folgt eine Festmal für sie und für die scheinbar aus dem Nichts herbei geeilten Vögel.

Und danach spritzen die Delfine mit Freudensprüngen weiter:

Kurz darauf setzt dann Wind ein, erstaunlicherweise aus Südwest, aber wir können segeln. Ein paar Kreuzschläge sind erforderlich, o.k.

Aber dass wir zwischenzeitlich weit vor dem Kap ins zweite Reff wechseln müssen, lässt dunkle Vorahnungen aufkommen. Unberechtigt, denn kurz nachdem wir die Rakentenabschussrampen der Vandenberg Space Force Base am etwas nördlicher gelegenen Point Arguello erreichen, flaut der Wind so weit ab, dass wir wieder Vollzeug setzen. Übrigens finden auch hier SpaceX-Starts statt, wir hatten ja in Cape Canaveral einen solchen Start beobachtet und nutzen jetzt mit unserem Starlink wahrscheinlich die damals in die Umlaufbahn gebrachten Satelliten.

Als die Ölbohrinseln vor dem Kap näher kommen, nimmt der Wind weiter ab und so ziehen wir an dem weiterhin gerefft parallel segelnden Kanadier flott vorbei.

Am Leuchtturm Point Conception ist der Wind dann ganz eingeschlafen, unter Motor runden wir das Kap. Ziemlich abwechslungsreiche Bedingungen heute.

Der Ankerplatz in der Cojo Bay ist relativ offen, das ruhigere Wetter kommt uns also sehr entgegen.

Licht und Wolken geben dann zum Sonnenuntergang noch einmal alles:

😊

Küstenhüpfen in Kalifornien: über Santa Cruz nach Morro Bay

Wir schaffen es, dem schönen San Francisco auf Wiedersehen zu sagen. Die lauten Nebelhörner der Golden Gate Bridge geben uns ein Abschiedskonzert, aber außerhalb der Bucht verzieht sich die undurchsichtige Suppe. Wir können das Radar wieder auf Stand By schalten und haben eine schönen Segeltag. Auch noch den Großteil der Nacht hindurch bleibt uns der achterliche Wind erhalten, erst um 5 Uhr rollen wir die Segel ein und starten den Motor. Da ist es schon gar nicht mehr weit bis zum Ankerplatz vor Santa Cruz.

Allerdings: der Kettenzähler unserer Ankerwinsch streikt. Er hat schon beim Aufholen in der Horseshoe Bay nicht angezeigt und sich auf der Strecke leider nicht selbst repariert. Ein wenig Recherche ergibt, dass in der ausgetauschten Kettennuss ein Magnet enthalten war, mit dem der Zähler arbeitet. Wir untersuchen die alte Kettennuss, finden den Magneten, aber der lässt sich nicht ausbauen. Egal, um die Länge der ausgebrachten Ankerkette einigermaßen abschätzbar zu machen, müssen wir die Kette im Abstand von 10 Metern markieren. Das wäre auch bei funktionierendem Kettenzähler ein gutes Backup. Am zweiten Tag gehen wir daher in den Hafen von Santa Cruz, tanken, und ziehen dann die Ankerkette auf den Steg.

Hm, zwei nicht so schöne Überraschungen warten.

Zum einen rauscht die Kette komplett aus. Das dürfte eigentlich nicht passieren, denn das Ende (the bitter end) der Kette ist mit einem Stück Leine im Ankerkasten befestigt. (Leine deswegen, damit man sie im Notfall einfacher kappen kann). Nur: der Edelstahlschäkel am Ende ist einfach durchgerostet. Hätten wir bei großer Wassertiefe versehentlich die Kette ganz ausgebracht, hätten wir jetzt Anker und Kette verloren.

😖

Mit etwas Überlegung ist die Ursache schnell klar. Im Ankerkasten steht oft ein Rest Salzwasser und der heizt sich auf. Normaler V4A-Edelstahl bildet in über 25 Grad warmem Salzwasser leicht Lochfraß, rostet also von innen her weg. Das ist ja auch der Grund, warum wir eine Cromox-Ankerkette haben.

Direkt anknoten möchten wir die Leine aber auch nicht, dafür ist der einlaminierte Beschlag im Ankerkasten zu scharfkantig. Bleibt nur, einen verzinkten Schäkel zu wählen oder den Schäkel öfter zu tauschen.

Die zweite unangenehme Überraschung ist das Aussehen des selten benutzten letzten Teils unserer 100 Meter Ankerkette. Zum Glück ist es kein Rost, sondern nur festsitzender brauner Algenschleim, aber das erfordert doch eine größere Aktion mit der Handbürste und viel Süßwasser.

Sehr nett dagegen: in Santa Cruz treffen wir Andreas, den Leiter des Trans-Ocean-Stützpunktes hier. Er versorgt uns mit guten Tips und wir verbringen einen schönen Abend zusammen.

Für uns folgt dann eine weitere Nachtfahrt: gut 120 sm sind es bis nach Morro Bay. Wieder wird es ein angenehmer Törn mit überwiegend gutem Wind, außerdem sehen wir mehrfach Wale und Delfine.

Morro Bay hat eine von Molen geschützte Einfahrt und bietet dann hinter der Nehrung ein großes Mooringfeld, wobei die meisten Anlegebojen privat sind. Es gibt dadurch nur wenig Platz zum Ankern in der Lagune; wo keine Moorings liegen ist es hier außerhalb des freizuhaltenden Fahrwassers meist zu flach.

Wir haben aber Glück und ergattern einen der nur drei bis vier Plätze am Steg des örtlichen Yachtclubs. Der ist – wie seine Mitglieder – ausgesprochen Cruiser-freundlich, wir fühlen uns sehr willkommen. Und wir lernen von den Clubmitgliedern, dass in den USA diverse Nebelhörner so installiert sind, dass wir sie bei Bedarf mit unserem UKW-Funkgerät einschalten können. Das Ganze nennt sich MRASS (Mariner Radio Activated Sound Signal). Drückt man auf dem Boot innerhalb von 10 Sekunden fünfmal auf Kanal 83A die Sendetaste, aktiviert zum Beispiel der nächstgelegene Leuchtturm für die nächsten 45 Minuten das Nebelhorn. Hört sich erst ein bisschen nach verspätetem Aprilscherz an, ist aber wahr. Und was das A hinter dem UKW-Kanal angeht: in den USA muss das Funkgerät auf die amerikanischen Kanäle umgestellt werden, was selbst beim Furuno-Menü ausnahmsweise mal ziemlich einfach geht. Die Küstenwache wickelt nach dem Anruf auf Kanal 16 den Funkverkehr (außer in Notfällen) regelmäßig auf Kanal 22A ab, der in der europäischen Standardeinstellung nicht erreichbar ist.

Wir leihen uns Fahrräder aus, radeln erst einmal an der Lagune entlang nach Süden. Im kleinen Museum of Natural History erfahren wir einiges über die Entstehung und Entwicklung der Lagune und der Nehrung. Wir lernen, dass der an einen Turban erinnernde Felsen namensgebenden für Morro Bay war. Inzwischen hat der Vulkanschlot aber längst nicht mehr seine ursprüngliche Kegelform und Größe, weil er (obwohl Heilge Stätte der First Nation) als Steinbruch für die Molen hier und in Nachbarhäfen benutzt wurde.

Auch über die Besonderheiten der Tierwelt erfahren wir einiges und können glücklicherweise manches davon gleich live erleben. Zwar finden wir in dem uns beschriebenen Eukalyptus-Hain noch nicht die erhofften Trauben von Monarchfaltern auf ihrer Wanderung nach Mexiko. Die Migration dieser Schmetterlinge scheint gerade erst hier anzukommen, nur vereinzelte Exemplare sehen wir hoch in den Bäumen.

Aber auf der Wanderung von der Straße hinauf zu den Eukalyptusbäumen macht uns die Vogelwelt viel Freude:

zuerst hüpft uns mit dem California Thrasher ein besonderer Sichelspötter über den Weg …

dann erspähen wir Schopfwachteln …

und schließlich noch einen Nuttal-Specht.

Allen diesen drei Arten ist gemeinsam, dass sie im Wesentlichen nur in Kalifornien vorkommen. Das gilt auch für die Nuttall Dachs-Ammer, die uns etwas später direkt am Moro Felsen begegnet:

Dachs-Ammer

Bis auf die Antarktis kommt dagegen der Wanderfalke sogar auf allen Kontinenten vor. Trotzdem schätzen wir uns glücklich, das zwischenzeitlich in Kalifornien fast ausgestorbene schnellste Lebewesen der Erde (er erreicht im Sturzflug bis zu 320 km/h) stillsitzend vor seinem Nistplatz hoch im Felsen betrachten zu können.

Hier (wie schon bei der Aufnahme des Monarchfalters) kommt das eingebaute optische 600er Teleobjektiv der in Kanada gebraucht gekauften Sony RX10 zum Einsatz, ich bin echt begeistert von meiner neuen spiegellosen Kamera.

Am langen Surfer-Strand nördlich des Felsens stelzt dann mit dem “Long Billed Curlew” auch noch die nordamerikanische Spielart des Brachvogels am Wellensaum entlang:

Überhaupt, es ist einfach wunderschön hier!

Der Ort Morro Bay ist suuuuper entspannt und entspannend. Und die Tierwelt setzt halt noch i-Tüpfelchen drauf.

Zum Beispiel mit dem Kalifornischen Ziesel, einem tagaktiven Erdhörnchen, näher mit dem Murmeltier verwandt als zum Beispiel mit dem Eichhörnchen.

Oder – für uns immer wieder toll – durch Begegnungen mit Seeottern. Ob einen Krebs mümmelnd direkt neben unserem Boot

oder in der Mutter-Kind-Gruppe im Seetang kurz vor der Dämmerung:

Da geht uns das Herz auf.

Bootsarbeit mit der Golden Gate Bridge im Blick

Die Golden Gate Bridge ist wahrscheinlich neben der Freiheitsstatue das bekannteste Wahrzeichen der USA. Haben wir doch schon reichlich fotografiert? Stimmt, aber sie fasziniert uns immer wieder. Außerdem sind es Abschiedsbilder, den morgen werden wir – wenn das Wetter mitspielt – aus der San Francisco Bay nach ziemlich genau einem Monat (echt, schon ein ganzer Monat !?!) wieder heraus segeln und uns weiter Richtung Süden aufmachen.

Aber heute ankern wir noch einmal ganz nah an der berühmten Brücke, dieses Mal in der Horseshoe Cove am Nordufer.

Ein bisschen Bootsarbeit steht an. Unsere Ankerwinsch hat uns vor einiger Zeit mit losen Teilen (eine Sperrklinke und eine Feder) auf dem Vorschiff überrascht. Auf Langfahrt ist die Ankerwinsch immens wichtig, zum Glück war aber nur eine Schraube abgebrochen, welche die Sperrklinke für manuelles Aufholen der Ankerkette (bei Ausfall des Elektromotors) hält. Die Winsch funktionierte also weiterhin, wir konnten erstmal aufatmen. Aber nachdem die Ersatzteile eingetroffen sind, veranstalten wir ein bisschen Chaos auf dem Vorschiff:

Die Ankerwinsch wird zerlegt und der abgebrochene Rest der Schraube mit etwas Überredungskunst aus dem Gewinde geholt. Bei der Gelegenheit tauschen wir auch gleich die Kettennuss der Ankerwinsch:

Die alte hat noch funktioniert, aber die vielen Ankermanöver unserer Langfahrt haben deutliche Spuren hinterlassen, die Mitnehmer für die Kette sind schon ziemlich angesägt. So sieht’s dann doch wieder besser aus.

😁

Und Abendstimmung:

San Francisco V: Sausalito

Diesmal also schnappen wir uns das “tiefe” Bojenpaar. Bei Zero-Tide reicht es gerade so eben, dass Floras Kiel nicht auf dem Grund herumkratzt. Die versprochenen 8 Fuß sind das sicher nicht, aber egal.

Jedenfalls können wir in aller Ruhe eine weitere wunderschönen Wanderung auf Angel Island unternehmen. Diesmal geht’s um die Ostseite der Insel herum, mit Blicken Richtung San Pablo Bay, Richmond und später Berkeley.

Auch wenn das Immigration-Museum auch an diesem Tag geschlossen ist, unser Weg führt daran vorbei und so werden wir an die lebensrettende Zuflucht für die einen (in diesem Fall Deutschen) und ebenso an die wirksame Ausgrenzung anderer (in diesem Fall von Asiaten) erinnert.

An der vormals miltärisch genutzten Südspitze der Insel sehen wir vor San Francisco Downtown als Kulisse ein wohl auf Grund gelaufenes Schiff. Ein Schlepper drückt es ganz langsam seitlich von der Untiefe und nach einer halben Stunde kommt es trotz ablaufender Tide frei.

Unsere Wanderung führt uns auf dem Northern Ridge Trail zum höchsten Punkt der Insel, dem Mount Livermore. Beim Abstieg auf der anderen Seite können wir dann unser nächstes Ziel sehen. Die Richardson Bay mit Sausalito. Typisch, über den hinter dem Ort liegenden Bergrücken wälzen sich die Wolken hinüber und lösen sich dabei langsam auf.

Sausalito ist ein nur 7.500 Einwohner zählender Ort, der aber mit seinem schmucken Ortskern und den Villen am Hang sowie seiner großen Hausbootsiedlung zahlreiche Touristen anlockt. Hilfreich dafür ist auch, dass man es gut mit dem (Leih-)Fahrrad von San Francisco aus erreichen kann. Dabei führt die Strecke über die Golden Gate Bridge, die die beiden Städte verbindet. Zurück kann die regelmäßig verkehrende Fähre genommen werden.

Fähre von Sausalito nach San Francisco, da klingelt doch was? Genau, Jack Londons “Der Seewolf” von 1904 beginnt damit, dass der Protagonist Humphrey Van Weyden diese Fähre nimmt (damals gabs die Golden Gate Bridge auch noch nicht). Im dichten Nebel wird die Fähre von einem Dampfer gerammt und versenkt. Van Weyden wird vom Robbenschoner “Ghost” gerettet. Dessen intelligenter und zugleich brutaler Kapitän Wolf Larsen (der Seewolf, in der deutschen Fersehfassung von 1972 gespielt vom Kartoffel-zerdrückenden Raimund Harmstorf) ist der sozialdarwinistische Gegenpol zum humanistischen Schöngeist Van Weyden.

Auch wenn wir vor zweifelhaften Charakteren auf teilweise ziemlich herunter gekommenen Ankerliegern im hinteren Teil der Bucht gewarnt werden, bei uns geht’s zum Glück weniger dramatisch zu und der Nebel hält sich auch in Grenzen.

Wir treffen uns mit Raffi und dessen Freundin Kristin, die uns ihren schönen Ort mit seinen vielen steilen Treppen zeigen.

Raffi holt uns ein weiteres Mal mit seinem Auto ab und fährt uns aus dem sonnigen Sausalito zur Rodeo Cove westlich der Golden Gate Bridge. Das Wetter dort ist – wie so oft am Nachmittag im Brückenbereich – eher abweisend grau in grau. Trotzdem lassen sich die Surfer nicht abschrecken.

Gemeinsam mit Raffi wandern wir auf der beeindruckend hohen und schroffen Steilküste weiter.

Ein klasse Ausflug, den wir noch mit einem Besuch in der Horseshoe Bay am Fuß der Golden Gate Bridge abschließen:

Unsere Flora haben wir inzwischen an eine Boje des Sausalito Yacht Club verholt. Dort können wir die Einrichtungen des Clubs nutzen, vor allem aber können wir dort einfach und zentral mit dem Dinghy anlegen.

Interessantes Detail: Weniger als die Hälfte der Clubmitglieder hat tatsächlich ein Boot. Der Club (mit Bar und Restaurant) wird eher als erweiterte Familie, als sozialer Treffpunkt mit schöner edler Wasserlage, denn als aktiver Sportverein gesehen. Selbst die (vorhandenen) Jollen werden augenscheinlich kaum genutzt.

😉

Gibt’s doch Boote im Yachtclub?

Das geht natürlich auch anders, die Sportsegler-Szene in der San Francisco Bay ist ziemlich aktiv. Als wir von Sausalito mal wieder an den Ankerplatz bei Treasure Island verholen, zeigt der Blick zurück auf Sausalito ein Regattafeld beim Kampf um die Tonnen. Die Rolex Big Boat Series sind im St. Francis Yacht Club zu Gast:

Und auch vor Downtown gehen jetzt am Wochenspende vermehrt die Segel hoch.

San Francisco: erste Eindrücke

Angekommen am Ankerplatz in Aquatic Parc, lassen wir erst einmal die Umgebung auf uns wirken. Das fast herzförmige Becken wird nach Nordwesten (in Richtung Golden Gate Bridge) durch eine geschwungene Mole gebildet. Die ist allerdings seit dem letzten größeren Erdbeben am 25.10.2022 baufällig und darf nicht mehr betreten werden.

Landseitig grenzt ein makelloser Sandstrand an die Bucht, dahinter schließt sich der öffentliche “Maritime Garden” an. Bei dem wunderbaren (für San Francisco untypisch warmen) Sommerwetter werden Park und Strand ausgiebig genutzt. Vor allem aber gibt es in der Bucht von frühmorgens bis spätabends viele Schwimmer. Gleich zwei Schwimmclubs haben hier ihre Stege und trotz der kräftigen Strömung trainieren ihre Mitglieder auch noch bei Dunkelheit. Motorboote dürfen daher nicht auf diesen Ankerplatz. Früher mussten die Segelboote auch unter Segeln einlaufen und ankern, heute darf aber der Hilfsmotor genutzt werden. Am Dinghy sind aber Motoren über 5 PS unzulässig. Unser Außenborder bleibt also am Heckkorb, wir rudern an Land.

In die andere Richtung schließen sich erst der Museums- und dann ein Fischereihafen an. Auch zur bekannten Pier 39 ist es zu Fuß nicht weit. Und dann geht’s den Berg hoch nach San Francisco hinein. Und in die Bucht hinaus geht der Blick zur berühmten Gefängnisinsel Alcatraz. Was für ein wunderbarer Ankerplatz!

Ok, also Fisherman’s Wharf und Pier 39. Das scheint als touristisches Pflichtprogramm in San Francisco zu gelten. Kneifen wir uns das? Wir sind versucht, aber dann haken wir es doch einfach mit einem Spaziergang ab. Es ist touristisch, besonders die Pier 39 ähnelt einem einzigen Jahrmarkt, aber es hat auch nette Seiten, zumal es alles andere als überfüllt ist. Wir sind scheinbar schon in der Nachsaison, spätestens ab nächstem Wochenende (Labour Day).

Einzig an der Spitze von Pier 39 drängeln sich die Menschen, um einen Blick auf die Seelöwen zu haben, die sich auf den davor befestigten Pontons sonnen und die Aufmerksamkeit zu genießen scheinen. Die am nächsten liegenden Pontons sind am dichtesten belegt.

Nette Idee auch: das Hard Rock Cafe am Eingang der Rummelmeile hat den Eingangsbereich nebst überdimensionierter Gitarre aus Stahl gebaut und in der Farbe der Golden Gate Bridge gestrichen.

Wir haben uns zwar (über die Munimobile-App) für 41 Dollar eine Wochenkarte für den öffentlichen Nahverkehr in San Francisco gekauft, die sonst 8 Dollar pro Einzelfahrt kostenden Cablecar-Wagons sind dabei eingeschlossen. Aber die Spannung darauf heben wir uns noch ein bisschen auf und erschließen uns die Umgebung erst einmal zu Fuß. Unser Weg führt uns im Zickzack in den Stadtteil North Beach, zurecht auch „Little Italy“ genannt.

Umwege hier her wären eigentlich nicht nötig (machen aber Spaß und sind ein guter Ausgleich nach der Zeit auf dem Boot). Die Stadt ist im Wesentlichen mit Straßen im Schachbrettmuster gebaut. Dies völlig unabhängig davon, dass die steilen Hügel eigentlich eine andere Wegeführung nahelegen würden. Aber dadurch entsteht eben auch der einzigartige Charakter der Stadt. Teilweise führen die Straßen mit 30 Prozent Steigung den Berg hinauf, im 90-Grad-Winkel zu terrassierten Straßen am Hang entlang. Die Verfolgungsjagden in den Krimis “Die Straßen von San Francisco” mit den springenden Autos lassen grüßen, Karl Malden und Michael Douglas auch.

Von North Beach aus haben wir zum Beispiel einen tollen Blick hinüber auf die Lombard Street. Die ist in einem Abschnitt so steil ist, dass auf dem eigentlich geraden Teilstück im Stadtteil Russian Hill Serpentinen hineingebaut wurden:

Da gehen wir auf dem Rückweg zur Flora natürlich auch lang. Von den steilen Passagen aus bieten sich auch immer wieder tolle Blicke:

Den Kaffee nach dem leckeren italienischem Essen nehmen wir denn auch erst, als wir fast schon wieder am Boot sind. Es wird ein besonderer Kaffee. Die Spezialität des “Buena Vista” ist nämlich Irish Coffee, man nimmt für sich in Anspruch, diese besondere Mischung aus (Irish) Whiskey und heißem Kaffee mit einer Schicht kalter flüssiger Sahne obendrauf 1952 in den USA eingeführt zu haben.

Und “Buena Vista” stimmt auf jeden Fall: als wir heraus kommen, sehen wir zwischen zwei Cablecars hindurch unten im Wasser genau …

… unsere Flora!

Am Abend hat dann zunächst die Sonne einen farbenprächtigen Abgang …

… und dann der Mond einen ebenso beeindruckenden Auftritt. Supermoon (wegen Erdnähe auf der elliptischen Umlaufbahn besonders groß) und außerdem noch Blue Moon (der zweite Vollmond in einem Monat), da wird alles gegeben:

Unter der Golden Gate Bridge hindurch nach San Francisco …

… das ist schon ein Träumchen.

Um das zu verwirklichen, ist der nächste Schritt von Crescent City aus ein etwa zwei Tage (und zwei Nächte) dauernder Törn um Kap Mendocino herum zur Drakes Bay. Wir nehmen in Kauf, dass wir eventuell einen größeren Teil davon unter Motor zurücklegen müssen. Aber wir haben Glück mit dem für seine Starkwinde bekannten Kap Mendocino, doppeltes Glück sogar: zunächst einmal begleiten uns bei spiegelglattem Wasser Pazifische Weißstreifendelfine (mit Kussmund-Zeichnung) um das Kap …

… und dann setzt kurze Zeit später segelbarer Wind ein. Eine Zeitlang fahren wir den Gennaker, die “Joy” unserer Segelfreunde Arianne und Michiel lüftet sogar das Besanstagsegel ihrer Contest 38 und fährt damit gleich vier Segel gleichzeitig:

Der Wind wird uns für den Rest des Törns nicht mehr verlassen, sondern entgegen der ursprünglichen Vorhersage weiter zunehmen, die bunte Pracht weicht also schon bald gerefften weißen Tüchern.

In die Ankerbucht der Drakes Bay laufen wir nach dem rund 40 Stunden dauernden Törn fast zeitgleich ein. Ein paar Stunden später gesellt sich die “Fidelis” von Jeanette und Jeroen dazu. Witzig, alle drei Yachten haben zusammen in Campbell River überwintert.

Der Stop in Drakes Bay gibt uns Gelegenheit auszuschlafen und den nur knapp 30 sm langen verbleibenden Schlag nach San Francisco mit mitlaufender Tide zu gestalten. Jeder kalkuliert ein bisschen anders: als wir Anker auf gehen, ist die Joy schon 6 sm voraus. Die Fidelis wiederum lässt uns einen ähnlichen Vorsprung.

Wir können segeln, aber zunächst löst sich die tief hängende Wolkendecke nur sehr zögerlich auf.

Am Point Bonita Lighthouse vorbei, der erste Blick auf die Golden Gate Bridge. Die Spitzen der Pfeiler sind noch in den tiefhängenden Wolken (oder ist es Hochnebel) verborgen.

Aber dann reißt der Himmel immer mehr auf, Gänsehaut, wir passieren die Golden Gate Bridge:

Nach der ersten vorsichtigen Durchfahrt unter Motor drehen wir gleich wieder um, nehmen die Segel hoch. Bei dem Wetter, das können wir doch jetzt auch unter Segeln genießen. Wir kreuzen wieder zurück. Wiebke hat pünktlich für San Francisco ihren Sommer-Pullover fertig gestrickt (mit Blumenmuster, wenn wir schon keine Blumen im Haar tragen).

Passt doch!

Und jetzt kommt auch die Fidelis an, wie wir zunächst unter Motor. Sie machen Fotos von der ihnen entgegen segelnden Flora …

…, drehen dann um, nehmen die Tücher hoch und lassen sich von uns vor der Golden Gate Bridge fotografieren:

Nach der Fotosession geht’s gemeinsam zum Ankerplatz im Aquatic Parc, ganz nahe am historischen Zentrum von San Francisco gelegen und mit Blick auf die Gefängnisinsel Alcatraz. Eigentlich eine Badebucht mit Sandstrand und mehreren Schwimmclubs, aber nach Online-Reservierung unter http://www.recreation.gov können wir hier für fünf Nächte direkt in der Stadt ankern.

Danke, San Francisco, für den netten Empfang.

Victoria, Vancouver Island.

Nun also Großstadt. Nach gut einem Jahr Segeln durch die größtenteils nur spärlich besiedelten Gebiete von Alaska und British Columbia laufen wir mit der Flora in Victoria ein. Hauptstadt der kanadischen Provinz British Columbia, Sitz des Parlaments, internationaler Fährhafen und Kreuzfahrt-Terminal.

Und doch: Großstadt ist schon ein bisschen geschummelt. Victoria selbst hat nur rund 80.000 Einwohner im eigentlichen Stadtgebiet, die Metropolregion Greater Victoria kommt aber auf fast 400.000.

Für uns fast ein Kulturschock: mehr Einwohner als Seeotter! 😊

Die Einfahrt mit Flora erfordert denn auch eine andere Art von umsichtiger Navigation. Statt Kelpfeldern auszuweichen sind Fahrwassertonnen zu beachten, wie wir sie bisher noch überhaupt nicht hatten: gelbe Bojen markieren den Trennstreifen für ein- bzw. ausfahrende Yachten, sie sind eng an Backbord zu lassen. Dahinter ist zwar reichlich Platz, aber das ist die Start- und Landebahn für die vielen Wasserflugzeuge, die sich ihre Runway zudem mit den Fähren teilen müssen. Die “Coho” pendelt zwischen dem US-Amerikanischen Port Angeles und Victoria, sie macht im inneren Hafen jenseits der Engstelle fest und muss zu Ausfahrt in diesem Becken auch noch drehen. Als wäre das alles noch nicht genug, flitzen noch reichlich kleine Hafenfähren wie Busse zwischen den verschiedenen Anlegern hin und her, Whalewatchingschiffe und Whalewatching-Zodiacs, außerdem eine Vielzahl von knuffigen Wassertaxis.

Der Revierführer Waggoner warnt: “HEAVY TRAFFIC”, “USE CAUTION”.

Aber da müssen wir durch, denn wir haben einen Platz in der Causeway Marina, ganz drinnen im inneren Hafen.

Und was für ein Platz. In der ersten Reihe, direkt vor dem “Empress”, dem wie ein Loire-Schloss gestalteten Grand Hotel im Stadtzentrum.

Vom Cockpit aus beobachten wir die Menschen (gefühlt: -massen), die zwischen uns und dem Hotel auf der Promenade bummeln, sich von Gauklern, Predigern und Souvenirsverkäufern unterhalten lassen und dann am Ufer weiter zum um die Ecke liegenden Parlament schlendern.

Erstaunlich: vor dem Parlament der einzige von einem Loon gekrönte Totempfahl, den wir bisher gesehen haben. Loon, der Seetaucher, der auch die 1$-Münze (=Loonie) ziert. Loon bedeutet im englischen allerdings auch “Blödmann”. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Auch erstaunlich: das Parlament ist nachts so beleuchtet, dass wir das bei unserem landseitigen Besuch im Winter fälschlich für Weihnachtsillumination gehalten hatten.

Aus dem Bootsfenster. Nachts darf es regnen.

Die schöne Innenstadt erscheint englisch, gar “viktorianisch” (konnte nicht widerstehen). Downtown steht unter Denkmalschutz. Schon früh wurden die Geschäftsgebäude in Stein errichtet, Wohnhäuser dagegen in Holz. Aber was heißt früh? Das älteste noch am ursprünglichen Errichtungsort stehende Gebäude der Region ist das Wohnhaus des deutschstämmigen Arztes John Sebastian Helmcken, dessen ältester Teil 1853 errichtet wurde. Helmcken erlangte Bekanntheit vor allem dadurch, dass er die Bedingungen für den Beitritt British Columbias zu Kanada sehr geschickt verhandelte und dabei auch den Bau einer transkontinentalen Eisenbahnlinie zur Voraussetzung machte.

Sein Wohnhaus ist heute Teil des “Royal British Columbia Museum”. Von dem sind wir allerdings etwas enttäuscht. Naturkunde mit überwiegendem Dinosaurier-Anteil, der “Human”-Teil derzeit geschlossen. In einem Schaufenster diverse Totems. Draußen ein Langhans und weitere Totems verschiedener First Nations, leider ohne sinnvolle Beschriftungen oder Erläuterungen. Schade. Da war das sehr gute Museum in Campbell River deutlich aufschlussreicher.

Sprachlos.

Was wir in Helmckens Haus nicht erzählt bekommen, aber später nachlesen: der Mediziner hat einen wesentlichen Anteil daran, dass die verheerende Pocken-Epidemie von 1862 die in Victoria heimische Songhee-Nation weit weniger heimsuchte als andere Nationen. Mehrere hundert Songhee ließen sich von Helmcken impfen.

Teil des touristischen Pflichtprogramms in Victoria ist “Fisherman’s Warf”. Ein paar Fischerboote liegen tatsächlich noch an den Stegen, aber deshalb kommt kaum jemand hierher. Anziehungskraft haben eher die vielen bunten Hausboote und die – wie Food Trucks, nur eben zu Wasser – schwimmenden Imbissbuden am Rand. Einige der Hausboote sind auf Airbnb verfügbar, die Bewohner werden von den vielen Wassertaxis aber ordentlich durchgeschüttelt.

Wir bleiben noch in Victoria, verlegen uns aber in einen Außenbezirk und ankern außerhalb des Bojenfeldes in der von Villen gesäumten Cadboro Bay vor dem Royal Victoria Yachtclub. Auch belebt, aber ganz anders. Die Mittwochsregatta des Clubs findet draußen vor der Bucht statt und die Ausbildungsabteilung ist ebenfalls ziemlich aktiv: Optis, 420er, 470er und einige andere segeln um uns Ankerlieger herum, ein Feld der 2.4-Klasse ist mit ihren Foliensegeln unterwegs.

Und wir haben einen Logenplatz.

Rund Vancouver Island: weitere Eindrücke von der Westküste

Verwöhn-Segeln, Flauten-Motoren, 2. Reff im Nebel. Die Küste mal schroff, mal lieblich, mal mit Sandstrand, mal mit skurriler Felsen-Landschaft. Grün und Grau. Inselwirrwarr, schnuckelige kleine Orte oder jetzt gerade die Großstadt Victoria.

Gemeinsam mit Floras Buddyboat, der SolarCoaster, machen wir die Runde um Vancouver Island komplett. Auf Noforeignland sieht unser (engerer) Track um die große Insel jetzt so aus:

Seit wir Ende April in Campbell River wieder losgefahren sind, haben wir 1.688 weitere Seemeilen in British Columbia geloggt. So langsam naht der Abschied aus Kanada, aber ein paar Wochen sind es noch. In der ersten Augustwoche ist noch ein kurzer Werftaufenthalt geplant. Ein paar Seeventile sollen getauscht und das Unterwasserschiff fit für die Fahrt nach Süden gemacht werden.

Aber noch ist es nicht ganz so weit.

Seit Hot Spring Cove haben wir noch einmal die ganze Vielfalt der wilden Westküste genießen können. Erst einmal zieht es uns wieder tief hinein in die Insel. Wir segeln in das Shelter Inlet. Dieser Fjord führt hinter Flores Island herum und versteckt ganz an seinem Nordende die schmale und erst aus der Nähe überhaupt erkennbare Einfahrt in die Bacchante Bay. Spektakulär mit ihren steilen Gebirgsflanken und den vom Logging verschonten Wälder (Strathcona Provincial Park).

Das ausgedehnte Flach im Scheitel der Bucht ist das Delta des Watta Creek. Wir erkunden ihn ein ganzes Stück mit dem Dinghy, bis das steinige Bachbett einfach zu flach wird.

Am nächsten Morgen gehts mal wieder früh raus. Wir wollen durch die Sulphur Passage östlich an Obstruction Island vorbei, das geht nur um Stillwasser herum. Wie so oft herrscht am frühen Morgen absolute Flaute. Landschaft und Wolken verdoppeln sich im Spiegel des Wassers.

Die Passage selbst ist tief, es macht also nichts aus, dass es Niedrigwasser-Still ist, sondern bietet eher den Vorteil, die sonst überspülten Felsen rechts und links des Fahrwassers erkennen zu können und durch das aufschwimmende Kelp die schmale Rinne gut sichtbar markiert zu finden.

Nachdem die Engstellen passiert sind, geht es 10 Meilen den Millar Channel hinunter, bevor wir uns bei Vargas Island um Flachstellen und Felseninseln herum in den offenen Pazifik manövrieren können. Hier wechseln sich schroffen Steinküste und ausgedehnte Sandstrände ab, während im Hintergrund schneebedeckte Berge das Panorama bilden.

Unter Gennaker segeln wir an der Küste hinunter – traumhaft der Blick auf den Gebirgszug.

Wir lassen Tofino, dass wir ja schon von Land aus besucht hatten, an Backbord liegen. Ebenso den berühmten Ganzjahres-Kaltwasser-Surferstrand Long Beach. Unser Ziel ist das etwas südlicher gelegene und weniger touristische Ucluelet.

Der tägliche Weißkopfseeadler. In Ucluelet einer von ziemlich vielen.

Genau richtig, um im Supermarkt mal wieder die Frisch-Vorräte aufzustocken und am nächsten Tag vor der Abfahrt noch einen schönen Hike auf einem Teil des West Pacific Trail zu unternehmen.

Fischotterweibchen mit Jungtier

Danach dann aber flott los: der Nebel hat sich aufgelöst. Wind ist allerdings fast keiner, unter Motor fahren wir in Richtung der Broken Island Group.

Die Broken Islands bieten reichlich geschützte Ankerplätze, allerdings auch ein Gewirr von einigen passierbaren und vielen nur für Kayaks geeigneten Passagen. Wirklich ein Labyrinth.

Am Ankerplatz treffen wir auf die „New Era“, Freunde von Melanie und Steve, die aus Port Alberni mit ihrem kleinen Motorboot hier her gekommen sind. Gemeinsam verbringen wir den Abend auf der SolarCoaster und verabreden uns für den nächsten Tag im nur wenige Meilen entfernten Bamfield. Sehr gut: bevor wir hineinkommen, angeln wir uns einmal mehr Lachs: zwei (allerdings etwas kleinere) Spring-Salmon gehen an den Haken. In Bamfield macht dann die Crew der New Era den Tourguide, Liz und Darren nehmen uns mit auf den Hike durch den schmucken Ort, weiter zum Brady Beach mit seinen imposanten Felsformationen und dem herrlichen Sandstränden. Danach ist ein Tisch im einzigen Restaurant am Ort reserviert und zum Abschluss gibts Cocktails und „Nanaimo-Bar“ Nachtisch bei Liz und Darren. Wir werden rundum verwöhnt.

Dann folgt wieder einmal Nebel-Segeln. Mal licht, mal dichter. Aber immerhin müssen wir auf dem Weg nach Port Renfrew die Maschine ganz überwiegend nicht einsetzen.

Port Renfrew ist hauptsächlich auf kleine Motorboote ausgerichtet, aber für uns Segler findet sich am äußeren Steg auch noch ein Plätzchen. Das Bild des leeren Hafens täuscht, als wir zu unserer Wanderung aufbrechen wollen, sind die Angelboote alle schon ausgelaufen.

Wir haben Glück, Hafenmeister Simon fährt uns mit seinem Auto die 4 km zum Juan de Fuca Park und holt uns sogar wieder ab. So können wir die geologischen Besonderheiten dort in aller Ruhe erwandern. Im Tidenbereich finden sich unzählige Pools, die wie Aquarien in der Felslandschaft wirken. Bei Abfahrt vom Hafen scheint die Sonne, hier aber sorgt Nebel für eine ganz besondere Stimmung.

Als wir gegen Mittag zurück im Hafen ankommen, hat auch hier der Nebel Einzug gehalten. Unter Radar segeln wir aus der Bucht heraus, denn trotz Nebel weht es ordentlich.

Ziel ist die Becher Bay an der Südspitze von Vancouver Island, rund 40 Meilen weiter im Westen, wir können also den Wind ganz gut gebrauchen, denn wegen der Tide in der Streit of Juan de Fuca können wir erst am frühen Nachmittag aufbrechen. Zum Glück lichtet sich der Nebel nach ein paar Stunden, vor dem Wind rauschen wir dahin.

Am Abend erwartet uns am Ankerplatz eine Überraschung: Melanie hat an unseren 24. Hochzeitstag gedacht und verwöhnt uns mit einer Apple Pie.

Bei der Weiterfahrt nach Victoria bleiben wir heute von dem hier so häufigen Nebel sogar ganz verschont. Nur drüben auf der amerikanischen Seite der Strait zeigt sich etwas Hochnebel.

Und jetzt: zur Abwechslung mal Großstadt. Wir sind gespannt auf Victoria.

Hot Springs Cove

Es sind unsere fünften heißen Quellen hier oben in Pacific Northwest. Bisher jeweils zweimal in Alaska (White Sulphur Hot Springs und Baranof Warm Springs) und in British Columbia (Bishop Bay Hot Springs und Hotspring Island auf Haida Gwaii) hatten wir ein Bad in den natürlichen Thermalquellen genossen, alle hatten ihren ganz eigenen Charakter.

So auch jetzt wieder in der Hot Springs Cove an der Westküste von Vancouver Island. Wunderschön ist schon der etwa 2 Kilometer lange “Boardwalk” durch den Regenwald, der vom Dinghysteg am Ankerplatz zu den heißen Quellen führt.

Nur vier Boote ankern in der Bucht und die von Tofino und anderen Orten herüber kommenden Tourboote haben jetzt am späten Nachmittag alle schon wieder den Heimweg angetreten. Die Crew des einen Bootes kommt uns auf der Wanderung durch den “Old-Growth-Rainforrest” entgegen.

Wir müssen uns das Entspannungsbad ein bisschen erarbeiten, der liebevoll angelegte Bohlenweg geht oft treppauf und treppab. Aber er schlängelt sich eben auch um die zum Teil Jahrhunderte alten Zedern und Fichten herum, bietet Ausblicke auf die Bucht und führt oft auf Stelzen über die Unterholz- und Farnlandschaft mit mal felsigen, mal sumpfigen Abschnitten. Am Ende geht es auf einer Brücke über den dampfenden Bach, in dem das an der Quelle etwa 50 Grad heiße Wasser in Richtung Küste fließt und nur leicht schwefelig zu uns hinauf dampft.

Foto: Melanie, S/V SolarCoaster

Als wir ankommen, verlässt gerade der letzte Benutzer die Becken. Fein, so haben wir Crews von SolarCoaster und Flora dieses kleine Naturwunder ganz für uns.

Was die heißen Quellen hier in Hotspring Cove besonders macht: zum einen: die Quellen sind WIEDER heiß. Nach einem Erdbeben ohne größere berichtete Schäden (4,8 auf der Richterskala) am 7. Januar 2015 waren sie zwischenzeitlich erkaltet, wenn auch nur für ein paar Tage. Ähnliches gilt allerdings auch für die Quellen von Hot Spring Island auf Haida Gwaii, die nach dem heftigen Erdbeeren (7,7 auf der Richter-Skala) vom 27. Oktober 2012 sogar für mehrere Jahre kalt blieben und nur ganz langsam wieder dem Inselnamen Ehre machten.

Zum zweiten fächert sich der Bach auf und fließt auf einige Meter breiter Front über eine Klippe in eine Felsspalte hinab, bevor er dann über mehrere kleine Becken weiter in Kaskaden ins Meer fließt. Wir können also erst einmal unter der Felsenklippe heiß duschen und uns dann in einem der drei Becken bei Badewannentemperatur so richtig einweichen.

Ein dritter Punkt: auch die Becken sind natürlich, wurden nicht extra angelegt um das Wasser aufzustauen, sondern ergeben sich aus dem Verlauf der Felsspalte in Richtung Meer (welches noch dazu im Hintergrund an die unteren Felsen brandet).

Ein tolles Erlebnis. Wir bleiben so lange, dass die Sonne schon tief steht als wir in der rustikalen Umkleide wieder in unsere Klamotten schlüpfen.

Als wir am nächsten Morgen den Ankerplatz verlassen, liegen bereits zwei Tourboote am Steg. Timing ist alles.

😉