Kneif mich mal. Die Baja California überrascht uns immer wieder. So auch an unserem ersten Stop in der Sea of Cortez.
Was ist das denn für ein Ankerplatz? Mit diesen Farben und einer Kulisse vom Feinsten. Klares Wasser, traumhafter Sandstrand, eine Lagune mit Mangroven und die Gebirgskette unmittelbar dahinter.
Nur zwei andere Segler sind da, einer davon läuft aber kurz nach unserer Ankunft aus. Wir nutzen das und verholen Flora noch näher zum Strand.
Die innere Bucht ist landseitig per Straße zugänglich und bietet einen Kayak-Verleih. Allzu viel ist um diese Jahreszeit aber offenbar nicht los. Einige Tourboote laufen die Bucht an, bleiben aber meist nicht lange. Wir warten mit unserem Strandausflug bis kurz vor Sonnenuntergang. Da sind alle wieder weg, wir haben die zum Strand gewordene Sandbank zwischen innerer und äußerer Bucht ganz für uns allein.
Am nächsten Morgen ist von dieser Sandbank nichts mehr zu sehen. Hochwasser. Wir blassen unser Kayak auf und erkunden die innere Bucht und auch die Mangroven an der Lagune. Auch dort sind wir erstaunlicherweise wieder allein unterwegs.
Selbst den Platz an der Selfie-Attraktion dieser Bucht, dem pilzförmigen Felsen “El Hongo”, macht uns niemand streitig.
Und da der andere Ankerlieger früher aufbricht als wir, bekommen wir als Abschiedsgeschenk noch die Illusion, das Kleinod der Bahía Balandra ganz exklusiv genießen zu dürfen.
Der 180 sm Übernacht-Törn von Bahía Asunción nach Bahía Santa Maria ist nicht der angenehmste. Es startet eigentlich recht gut, und die Vorhersage sieht achterlichen Wind vor.
Die Wellen werden zwar 2,5 m erreichen, sollen aber ebenfalls von Achtern auflaufen. Allerdings – hinsichtlich der Wellen bewahrheitet sich die Vorhersage nur bezüglich der Höhe. Die Richtung – na ja – gibts eigentlich nicht, die aufgeworfene See wird zunehmend konfus. Wir werden ordentlich hin und her gerollt, bekommen nur wenig Schlaf. Als wir am nächsten Tag in die Bahía Santa Maria einlaufen, brechen sich die Wellen an der Punta San Lázaro ziemlich spektakulär.
Aber nachdem wir dieses Kap der Baja California mit gehörigem Abstand gerundet haben, finden wir in Lee des Bergrückens und der Isla Magdalena eine wunderbar geschützte Bucht. Die Landschaft ist faszinierend vielseitig: der kahle, schroffe Hügelzug im Westen mit seiner Felsenküste geht nach Norden hin in eine flache, sandige Dünenlandschaft über. In diese wüstenähnliche Ebene ziehen sich aber einzelne Wasserarme mit Mangroven wie grünblaue Lebensadern hinein.
Und man merkt, dass wir uns langsam den Tropen nähern. Das Wasser in der Bucht ist herrlich. Bei 24 bis 25 Grad springen wir endlich wieder gerne vom Boot aus ins Meer.
Es gibt keinen richtigen Ort, nur zwei kleine Fischercamps in den Mangroven und ein etwas größeres an der Mündung. Die Barre vor dem Mangrovenflüsschen fällt bei Ebbe fast trocken, selbst die Fischer mit ihren offenen Pangas kommen dann kaum durch, müssen ihre Boote teils sogar über den Sand ziehen.
Tidenbedingt verhindert am Morgen der gegen die Dünung stehende Ebbstrom unsere geplante Dinghyfahrt in die Mangroven. Auf der Barre steilen sich die Wellen dramatisch auf. Ein Fischer mit seiner Panga kommt zwar durch, springt dabei aber spektakulär in den Wellen. Gemeinsam mit der Crew der Terikah disponieren um und machen statt dessen mit Jen, Chris, Calder und Cora lieber einen Hike über den Bergrücken.
Hinter einigen Felsen der rauhen Küste versteckt sich ein kleiner Sandstrand. Hier landen wir mit den Dinghies an und wandern dann einem kleinen Canyon den Berg hinauf. Manchmal führt der Weg im ausgetrockneten Bachbett entlang, meist aber gibt es einen Trampelpfad an seinen Seiten.
Auf der anderen Seite angelangt sehen wir, mit welcher Kraft die Wellen hier auch heute anrollen, obwohl der Ozean draußen viel weniger aufgewühlt wirkt.
Auf dem Rückweg wählen wir den Pfad auf einen der Hügel hinauf und können im Kontrast unsere Boote am ruhigen Ankerplatz liegen sehen.
Foto Courtesy: Jen, S/V Terikah
Auf der Flora schaffen wir es, die Einroll-Leine des Fock zumindest provisorisch wieder in der Furlex-Trommel zu befestigen und damit die Rollfock wieder nutzbar zu machen. Die Metallklemme im Inneren der Plastiktrommel war herausgebrochen und hatte sich gleich über Bord verabschiedet. Ein Ersatzteil ist bestellt und wahrscheinlich kann es Jan schon aus Hamburg mitbringen, wenn er uns über Weihnachten in Mexiko besucht.
Schön ist auch, dass wir in der Bahía Santa Maria einige Segelfreunde wieder treffen. Wir haben Doris und Wolf von der Nomad zu Kaffee und Kuchen auf der Flora, die beiden österreichischen Seenomaden hatten wir zuletzt in San Diego getroffen. Und beim Sundowner auf der Terikah sind auch Camille und Pat von der Pelican dabei.
Aber für’s erste trennen sich unsere Wege hier wieder. Wir hoffen, die anderen in La Paz wieder zu treffen, oder sonst vielleicht irgendwo anders auf dem Weg.
Wer beim Auslaufen aus Bahía Tortugas unseren Kurs auf Noforeignland.com oder AiS verfolgt hat, wird sich vielleicht über eine Extrarunde zurück zum Ankerplatz gewundert haben. Kurz vor Sonnenaufgang gehen wir fast zeitgleich mit drei anderen Booten ankerauf, um die Strecke nach Bahía Asunción gut bei Tageslicht zu schaffen. Aber schon im Ausgang der Bucht meldet sich das Boot vor uns mit Motorproblemen und bittet um einen Schlepp. Wir ziehen das Boot des amerikanischen Einhandseglers wieder zurück zum Ankerplatz vor dem Ort, wo er sich jetzt in Ruhe um seinen Motor kümmern kann.
Danach sind wieder aber gleich wieder unterwegs und mit dem inzwischen einsetzenden guten Wind wird es ein wunderbarer Segeltag. Fast die ganze Zeit unter Gennaker, wie auch die ursprünglich mit uns ausgelaufenen Boote, die wir sogar wieder einholen.
Die Angel ist auch draußen, aber nur kurz. Erst beißt ein kleiner unechter Bonito, den lassen wir wieder frei. Nur wenig später holen wir einen schönen Großaugen-Thunfisch herein und damit hat die Angel dann gleich wieder Pause.
Unsere Lieblingsgröße: noch gut zu handhaben und reicht locker für vier Mahlzeiten für uns beide.
Die Bahía Asunción ist wieder eine sehr große Ankerbucht. Sie wird gegen die vorherrschenden Winde geschützt von einer schmalen Landzunge im Nordwesten und einer Insel mit vorgelagerten Felsen im Westen.
Abgesehen von der felsigen schmalen Halbinsel ist das Ufer zumeist ein breiter Sandstrand, der sich scheinbar bis zum Horizont erstreckt.
Der Ort: eine geteerte Hauptstraße mit einigen kleinen Geschäften, ansonsten staubige Sandstraßen und viiiiiel Landschaft:
Freundliche Menschen, anhängliche Straßenhunde. Manchmal skurrile Verarbeitung der Knochen von angespülten Walen.
Und natürlich das inzwischen scheinbar überall dort, wo man auf Tourismus hofft, unvermeidliche Monument mit dem Ortsnamen aus bunten Buchstaben.
Die vorherrschenden Vögel sind in Bahía Asunción diesmal nicht die Pelikane (die es aber natürlich auch gibt) , sondern eindeutig die Truthahngeier. Mit ihren bis zu zwei Metern Flügelspannweite sind sie ja eigentlich schon beeindruckend genug, aber der leuchtend rote federlose Kopf gibt ihnen noch ein ganz besonders markantes Aussehen. Angst brauch man nicht vor ihnen zu haben: die Cherokee nennen sie sogar Peace Eagles (Friedensadler), weil sie anders als andere Geier nicht selbst töten, sondern ihren Fleischkonsum tatsächlich auf Aas beschränken. Straßen in abgelegenen Gegenden kommen ihnen da sehr entgegen.
Sind die roten Köpfe schön? Oder eher … speziell?
Über dem Pazifik jedenfalls zeigen sich einmal mehr wunderbare Sonnenuntergänge, bei denen die Rot-Färbung dann wieder jedem gefällt:
Und wieder 50 Seemeilen nach Süden. Schönes Gennakersegeln. Rechtzeitig vorm Dunkelwerden laufen wir in die geschützte Bahía Tortugas ein. Bei den nordwestlichen Winden bietet sich der Ankerplatz vor dem Ort an, der einfach den Namen der Bucht trägt. Nur fünf Boote liegen vor Anker in der großen Bucht, zwei kommen in der Nacht noch dazu. Etwa die Hälfte der Crews sind Bekannte, die anderen lernen wir in den nächsten beiden Tagen kennen.
Das ist kein Kunststück, alletreffen sich am Dinghystrand, dem kleinen Supermarkt oder der Sundowner-Bar an der Pier.
Angekommen in der Provinz der auch für mexikanische Verhältnisse abgelegenen wüstenähnlichen Baja California. In dem entspannten kleinen 2.600 Seelen-Ort ist die Hauptstraße befestigt, fast alle anderen sind Sandwege. Entsprechend viel Staub ist in der Luft und der muss ja irgendwie heruntergepült werden.
😉
Was sofort auffällt ist der offenbare Fischreichtum der Bucht: noch nirgends haben wir so viel Seelöwen und vor allem so viele Pelikane gesehen:
Und auch Fischadler sind erstaunlich zahlreich. Allerdings haben sie in dieser außerhalb des Ortes baumlosen Landschaft Probleme, ihre Nester wie anderswo üblich aus Zweigen zu bauen. Bei genauem Hinschauen wird deutlich, dass dieses Nest auf dem Strommast zu einem großen Teil aus Netz- und Leinenresten besteht, sicher nicht ungefährlich für die Vögel und ihren Nachwuchs.
Auch eine andere ungewöhnliche Zweitverwertung jagt uns einen Schauer über den Rücken. Dieses Garagendach stützt sich auf die Reste eines Segelboot-Mastes:
Allgegenwärtig im Ortsbild sind kleine Fischerboote, viele im Ort leben ganz oder teilweise vom Fischfang.
Die ins Meer hinausgebaute Pier macht mit den fehlenden, weggerosteten und geflickten Stützen keinen allzu Vertrauen erweckenden Eindruck. Aber als wir gerade diskutieren, ob sie noch betreten werden kann, fahren zwei Auto drauf. Hm. Die Locals haben da offenbar andere Vorstellungen als wir.
Der größeren Fischereischiffe können aber an der Pier nicht entladen werden. Stattdessen kommen Amphibienfahrzeuge für die Ausrüstung und Entladung zum Einsatz. Die machen zwar unwahrscheinlich viel Krach, sind aber doch putzig anzusehen:
Und an Bord lassen wir es uns auch gut gehen, putzen schnorchelnd in der 23 Grad warmen Bucht den Wasserpass, schwelgen im Luxus des unterwegs gefangenen Fisches und den restlichen von den Fischern auf San Benito geschenkten Lobstern, backen frisches Sauerteig-Brot und herrlichen Walnuss-Orangen-Schokokuchen.
Wir segeln weiter an der Pazifikküste der Baja California hinunter. Derzeit mit eher leichten Winden, nachts und vormittags meist aus östlicher Richtung, nachmittags aus nordwestlicher. Wir wechseln auf dem Törn zur Isla San Benito viermal zwischen Code0 und Gennaker.
Mit dem blauen Gennaker geht’s dann auch in die Nacht, farblich passend zum aufgehenden Vollmond.
Herrlich, bei fast glatter See zieht uns das Segel auch bei Fast-Flaute voran, erst zum Wachwechsel um 3.00 Uhr werfen wir dann doch den Motor an.
Am Morgen erreichen wir die Islas San Benito, eine kleine Gruppe von kargen Felseninseln etwa 25 km westlich der größeren Isla Cedros. Die Anfahrt zum Ankerplatz ist etwas tricky, denn unsere aktuelle C-Map-Charts auf dem Plotter sind hier extrem ungenau: ihnen zufolge würden wir auf der Insel ankern:
Die Navionics-Charts auf dem iPad sind sind hier besser, gaukeln uns allerdings bei der Anfahrt große Bereiche mit 30 m Wassertiefe vor, obwohl wir noch deutlich über Hundert Meter unter dem Kiel haben. Wir tasten uns in die Ankerbucht und finden: es lohnt sich! Sehr!
Auf Isla San Benito Oeste werden wir herzlich begrüßt. Zuerst von einem Pulk verspielter junger Seelöwen, die unser Dinghy zum Strand begleiten. Und an Land dann von den freundlichen Fischern. Sie arbeiten für eine Gesellschaft, die hier und an anderen Orten einfache Fishing-Camps unterhält. Die Fischer werden dann für 14 Tage im Wechsel zu diesen Camps geschickt. Derzeit ist Lobster-Saison, eines der hoch motorisierten offenen Boote haben wir draußen auch Körbe ausbringen sehen. Als wir an Land gehen, sind die Jungs allerdings gerade dabei, das Dach einer der Hütten instand zu setzen.
Zeit für einen kurzen Schnack ist trotzdem. Sie zeigen uns den Beginn des Pfades zu den beiden Leuchttürmen der Insel.
Vorbei an der türlosen und geduckt wirkenden Mini-Inselkirche …
… und dann in Serpentinen den Geröllpfad hinauf. Die Vegetation ist eher spärlich und niedrig. Aber trotzdem zum Teil wunderschön. Neben flachen, eher bodendeckenden Kakteen …
… findet sich Eiskraut, das mit seinen Papillen aussieht, als würden Tautropfen oder gar Kristalle an den Pflanzen haften.
Wilde Malven setzen weitere Farbtupfer in die Landschaft.
Aber einzig die Agaven ragen etwas in die Höhe, weshalb die zahlreichen Raben sie gerne als Aussichtspunkt wählen, egal ob die Blütenstände schon abgestorben sind oder sich noch in gelbgrüner Pracht zeigen.
Der niedrige Leuchtturm auf dem 200 m hohen Hügel in der Inselmitte steht offen, über Alu-Leitern können wir bis zur Optik mit den Fresnel-Linsen hinaufsteigen.
Und der Ausblick vom umlaufenden Balkon über die Inselgruppe mit Flora am Ankerplatz und bis hinüber zur Isla Cedros ist phantastisch:
Die Drohne kann das noch toppen, indem sie auch noch die Brandung an der Westküste mit erfasst. Was für eine wilde, kraftvolle Landschaft:
An den Stränden der abgeschiedenen Inselgruppe finden sich neben Seelöwen auch mehrere Kolonien der deutlich selteneren Seeelefanten.
Von Kämpfen um seinen Harem gezeichneter Seeelefantenbulle
Ja, es riecht etwas …
Zurück im Camp rufen uns die Fischer zu ihrer Küchenhütte und schenken uns gleich einige Lobsterschwänze. Was für eine Gastfreundschaft! Bedanken können wir uns, als wir ihnen später über unser Starlink-WLAN aus der Abgeschiedenheit der Insel Kontakt zu ihren Familien ermöglichen.
Wir segeln weiter an der kalifornischen Küste entlang nach Süden.
Der Wind steht leider nicht ganz durch, wir wechseln zwischen Motorfahrt und Gennakersegeln. Aber immerhin, einige Male zeigen sich Delfine. Einen Übernachtungsstop legen wir in Oceanside ein. Wir überlegen, im Vorhafen zu ankern, aber trotz des geringen Windes steht doch ein ziemlicher Schwell herein. Also fragen wir kurzentschlossen doch in der Marina nach einem Platz, mit einem Dollar pro Fuß ist sie für amerikanische Verhältnisse ohnehin sehr günstig. Praktisch: direkt neben uns legt die “Sari Timur” von Pauline und Mark an. Mit Pauline hatten wir uns in Sitka mehrfach unterhalten. Tatsächlich haben die beiden ihr Boot von Singapur über Japan und die Aleuten nach Alaska SE gesegelt und dann dort einige Jahre verbracht. Es ist wunderbar, sie jetzt hier unten wieder zu treffen.
Während die beiden noch im Hafen bleiben, geht’s für uns am nächsten Morgen weiter. Wieder ist es eine Mischung aus Segeln (diesmal Code0) und motoren und wieder sehen wir Delfine. Diesmal allerdings so viele wie nie zuvor. Deutlich über 100 von ihnen kommen uns entgegen und ziehen in einer akrobatischen Prozession mit etwas Abstand an der Flora vorbei. Es ist, als würden wir die Parade der Kunstspringer abnehmen.
Auch bei unserem nächsten Stop in Mission Bay können wir zwischen Marina und Ankerplatz wählen, diesmal entscheiden wir uns für das Ankern.
Ein Dinghyausflug in die Marina zeigt, dass zumindest die Dauerlieger an den Bojen dort ein Sch…-Problem mit Pelikanen und Kormoranen haben, zumal der lange Fischerdock in der Mitte des Hafens die Vögel geradezu magisch anzuziehen scheint.
Bei uns am Ankerplatz gibts ebenfalls Dauerlieger an Bojen, aber ganz so schlimme scheint es dort nicht zu sein. Vögel im Rigg gibts auch hier, aber der Belted Kingfischer (Gürtelfischer, ein gut 30 cm großer amerikanischer Eisvogel) macht dann doch nicht ganz so viel Dreck.
Dafür hat sich an Floras Unterwasserschiff ein bisschen was angesammelt. Wasserpass abschrubben lieber im Neoprenanzug, das Wasser hat hier nur knapp über 18 Grad. Und den Prop von aufgesammelten Algen und Seegras freimachen.
Zur Belohnung: was für ein Sonnenuntergang. California Dreaming!
Die (extrem) widersprüchlichen Vorhersagen gehen etwas an die Nerven, aber die Santa Ana Winds sind zum Glück diesmal gnädig. Der kräftige Wind kommt in zwei Wellen, einmal am Sonntag Vormittag und dann noch einmal in der Nacht auf Montag. Aber er ist eben nur stark, nicht stürmisch. In der Spitze messen wir nur 33 Knoten, das obere Limit von Windstärke 7. Kein Problem an unserem Ankerplatz. Inzwischen ist auch das Bimini wieder aufgebaut, der Sonnenschutz macht es im Cockpit deutlich angenehmer.
Um Flora herum, quer durch den Ankerplatz und auch mitten durch die Bojenfelder, findet eine große Jollen-Regatta statt.
Spannend anzuschauen, ein ums andere Mal scheinen die Jollensegel Floras Bordwand putzen zu wollen, aber die Jugendlichen sind offenbar keine Anfänger. Die CFJ-Zweipersonen-Jollen wuseln einige Male dicht um uns herum, aber sie berühren uns trotz des Regattafiebers ihrer Besatzungen nicht.
Wir backen Brot und Kuchen (Apfel-Zimt-Kranz und Butterkuchen), treffen uns mit Rachel und Volker von unserem Nachbar-Ankerlieger, dem Trimaran “Tomorrow”. Volker hat das Boot für wissenschaftliche Walbeobachtungen extra auf Elektroantrieb umgerüstet.
Wir machen uns noch mal auf in den Ort, bummeln am breiten Strand herum, geraten in eine Oldtimer-Show, schauen von der Seebrücke aus den Surfern zu.
Und wir finden einen tollen Second-Hand-Bootsausrüster. Minney’s hat eine Riesenauswahl an Gebrauchtsegeln, Pumpen, Riggbeschlägen, Seekarten und Büchern, Dinghys, Motorteilen und und und.
Ein “Candy store for boaters”.
Wir finden einen Aluminium-Fortress FX55 Anker, der uns als Ersatz- und ggfs. als zusätzlicher Sturmanker dienen soll. Weil diese Anker demontierbar sind, lassen sie sich besonders gut stauen und relativ zu ihrem Gewicht bieten sie eine sehr hohe Haltekraft. Damit hatte ich schon länger geliebäugelt, jetzt passt auch der Preis.
Kaum am Festland angekommen, ploppt auf dem Handy eine Extremwetter-Warnung auf. Starkwind bis 40 mph für Samstag Abend in Newport Beach.
Als die Harbor Patrol vorbeikommt, um uns eine Färbetablette ins WC zu werfen, sprechen wir sie darauf an. Ja, “Santa Ana Winds” sind angekündigt. Wenn wir deshalb länger als die eigentlich zulässigen fünf Tage bleiben müssen, sei das kein Problem.
Auch auf den Channel Islands waren wir schon vor dieser Wetterlage gewarnt worden: “Wenn die Berge am Festland glasklar erkennbar werden, solltet ihr schnell auf die Südseite der Inseln oder besser gleich ans Festland wechseln.“
Immerhin: noch liegen die Berge ziemlich im Dunst. Und tatsächlich, die Vorhersage auf Windy verschiebt die Ankunft der starken Winde ein paar Mal, nach jetzigem Stand beim Vorhersagemodell ECMWF sollen sie erst am Sonntag Vormittag unseren Ankerplatz in Newport Beach erreichen.
Aber was sind eigentlich die Santa Ana Winds?
Ganz ähnlich wie der Mistral im Löwengolf oder die Bora an der Adria sind die Santa Ana Winds starke bis stürmische Fallwinde. Wie bei ihren Kollegen ist dafür eine Großwetterlage erforderlich, bei der einem Hochdruckgebiet im Gebirge ein Tiefdruckgebiet über dem Meer gegenüber steht. Für die Santa Anna Winds bedarf es hohen Luftdrucks im Great Basin nördlich der Mojave Wüste, zusätzlich dazu eines (relativ) niederigeren Luftdrucks (10 Millibar Differenz reichen) in der Bucht vor Los Angeles. Gerade im Herbst blasen dann die Fallwinde aus dem Great Basin über die Majavewüste. Sie werden dabei heiß und trocken, daher auch die mit ihnen oft verbundene gute Fernsicht. Die relative Luftfeuchtigkeit fällt manchmal unter 10 % (sic!). Das bedeutet auch eine extreme Waldbrandgefahr. Auf dem Weg zur Küste beschleunigen die Winde durch einige der großen Gebirgstäler (etwa das namensgebenden Santa Ana Valley). Im Dezember 2011 erreichten die Santa Ana Winde nicht nur Orkanstärke, sondern brachten Böen bis zu 269 km/h.
So schlimm ist es jetzt bei weitem nicht angekündigt, aber bis zu 54 Knoten (Windstärke 10) könnten durch die Täler blasen. Für unseren geschützten Ankerplatz sagen die verschiedenen Vorhersagemodelle total unterschiedliche Windstärken voraus. Das lässt zwar viel Platz für Hoffnung, ist aber eigentlich kein gutes Zeichen. Gegenüber den 36 kn des europäischen Modells ECMWF prognostiziert das amerikanische GFS nur 22 kn, ICON sogar nur 18 kn. Allerdings fällt umgekehrt die Vorhersage bei den beiden amerikanischen Regionalmodellen um so heftiger aus. Im Modell HRRR sind es 46 kn, das wird aber vom Modell NAM mit 49 kn sogar noch übertroffen. Immerhin sind sich alle Modelle einig, dass der Wind nur eine kurze Phase von wenigen Stunden so stark sein soll. Zudem auch nur am Vormittag, obwohl länger anhaltende Santa Ana Winde zumeist nachts am stärksten sind.
Unser Ankerplatz ist rundum von Land umgeben und somit vergleichsweise gut vor sich durch den Wind aufbauenden Wellen geschützt. Außerdem scheint der sandige Ankergrund gut zu halten.
Wir bauen das Bimini ab, sichern die Rollreffleine der Fock zusätzlich zur Klemme noch auf der Achterklampe und binden noch einen Zeising um die Fock. Alles was wegfliegen könnte und unnötige Windangriffsfläche bietet (wie etwa der Rettungskragen) kommt ins Schiff. Der Anker wird nochmal gecheckt, der Ankeralarm gesetzt. Den Windgenerator schalten wir an, das sollte uns wecken, wenn der Wind (entgegen der Vorhersagen) vorzeitig mitten in der Nacht stark auffrischen sollte.
Und jetzt warten wir ab, was da morgen früh auf uns und die Flora zukommt. Drückt uns die Daumen.
Eine ganze Woche verbringen wir in Avalon auf Santa Catalina, so gut gefällt es uns in dem kleinen Urlaubsörtchen.
Wir haben Sundowner bei unseren Nachbarn Lynn und Hugh auf ihrer Moody 43 DS “Happy” und umgekehrt Nachmittagskaffee und Kuchen auf der Flora, wandern mit Heather und Jim von der “Kavenga” zum Botanischen Garten und machen auf dem Rückweg regen Gebrauch von der Happy Hour beim Mexikaner. Spielen Minigolf, nutzen die Laundry und die guten Einkaufsmöglichkeiten in Avalon.
Mit der Kavenga-Crew auf der Flora
Ein bisschen Arbeit streuen wir auch ein. Der komplette Stauraum im Vorschiff wird neu sortiert, außerdem die Lebensmittel durchgesehen. Während Wiebke Flora innen putzt, kümmere ich mich um Floras Bart. Über die Zeit hat sich auf dem weißen Rumpf mal wieder ein gelblich-brauner Film angesammelt, vor allem am Bug. Schon vor längerer Zeit hatte ich “On & Off – Hull & Bottom Cleaner” gekauft, jetzt probiere ich ihn erstmals aus. Wird mit einem Schwamm aufgetragen und verrieben, nach kurzer Einwirkung dann mit Wasser abgespült.
Heute lösen wir dann aber doch die Mooringleine und segeln bei herrlichem Wetter hinüber ans Festland.
Unser Ziel ist Newport Beach, zwischen Los Angeles und San Diego gelegen. Viel wissen wir nicht über die Stadt, nur, dass sie einen gut geschützten Ankerplatz bietet und man mit dem Dinghy gut die vielen Häuser mit Bootsstegen davor bewundern kann. Das machen wir dann auch. Und sind ziemlich beeindruckt. Ganze Stadtteile im Mündungsgebiet des San Diego Creek sind Inseln, etwa Balboa Island und Lido Isle, daneben gibt es eine Vielzahl weiterer kleiner Inseln und Halbinseln. Es ist unfassbar, wie viele Boote hier liegen. An den Stegen vor den Häusern und Villen, in mehreren Häfen und vor allem in riesigen Bojenfeldern. Und mittendrin: unser Ankerplatz.
Kleine Strände finden sich auch an der Innenseite, aber vor allem ist die Pazifikseite der Stadt ein einziger, beeindruckend breiter, wunderbarer Sandstrand.
Die Channel Islands können auch anders. Hatten wir sie bisher praktisch nur bei sonnigem Wetter erlebt, begrüßt uns nun am Morgen eine niedrige Wolkendecke und eher schlechte Sicht. Ganz anders als am Abend zuvor, können wir vom Ankerplatz in der Smugglers Cove auf Santa Cruz die nur 4 Seemeilen entfernte Nachbarinsel Anacapa nicht mehr sehen. Aber genau da wollen wir hin. Nicht zum Ankern, die beiden einzigen leidlich vernünftigen Plätze sind bei dem herrschenden Schwell nicht zu empfehlen. Aber das 8 km lange schmale Anacapa ist landschaftlich besonders. Es wirkt, als schaue nur der Felsgrat eines Gebirges aus dem Wasser. Als sich die Insel langsam aus dem trüben Grau schält, würde das Ambiente auch zu einem düsteren Endzeitfilm passen. An der Ostspitze der schwer zugänglichen Anacapa gibt es auf einem der wenigen etwas flacheren Bereiche einen Leuchtturm. Ansonsten ist die Insel – wie an der vom Kot weißgetünchten Oberfläche des Felsbogens erkennbar – ein Vogelparadies.
Und irgendwie schaffen es auch die Seelöwen, auf diesen unwirtlich steilen Felsen ein Plätzchen oberhalb der Brandung zu erklimmen.
Als wir auf der Südseite der Insel unsere Umrundung fortsetzen, wird es endlich heller, vereinzelt blinzelt die Sonne schon durch die Wolken, die Farben finden zurück in die Welt.
Für uns geht’s zurück nach Santa Cruz Island, dessen Steilküste im Vergleich dann doch um einiges lieblicher wirkt, zumal sich in manchen Buchten zwischen den auch hier steilen Felsen sogar Sandstrände finden lassen.
So auch an unserem nächsten Ankerplatz “Willows”. Was für ein Ambiente.
Wir wählen den Ankerplatz östlich der beiden Felsnadeln, aber auch vor dem Sandstrand westlich könnte man liegen. Dort allerdings ist dann ein zusätzlicher Heckanker unerlässlich. Nach den mäßig guten Erfahrungen auf Galápagos (auf der namensgleichen Insel Santa Cruz) üben wir das Liegen zwischen Bug- und Heckanker lieber mit mehr Raum für Flora zum Herumschwingen. Eine weise Entscheidung, denn mitten in der Nacht müssen wir den nicht mehr haltenden Heckanker aufholen, damit sich die Ankerleine nicht um Ruder oder Kiel wickeln kann.
Wir ersetzen die zugegeben etwas kurze Ankerleine des Heckankers durch 40 m geschlagenes Tauwerk, das sich noch tief unten in der Backskiste findet, allerdings das kleine Projekt eines Augspleißes mit Kausch nach sich zieht.
Bei unserer steif gewordenen alten Ankerleine etwas mühsam (und außerdem von mir lange nicht mehr gemacht), aber es klappt und verkürzt mir die Zeit auf der Motor-Fahrt nach Santa Barbara Island. Wind will sich nämlich leider nicht einstellen. Dafür aber begleiten uns mehrmals Delfine oder springen in einiger Entfernung.
Außerdem sehen wir erstmals wieder Boobies (Brauntölpel), ein Zeichen, dass wir weiter nach Süden kommen. Einer dieser eleganten Gleiter umkreist lange unser Boot und lässt sich dann neben einem im Wasser gelandeten Geburtstagsballon nieder. Es ist wirklich eine Pest mit diesen Ballons, die immer wieder als zusätzlicher Müll im wahrsten Sinne im Ozean landen.
Es bleibt die ganze Fahrt bis nach Santa Barbara Island grau.
Die eigentlich beabsichtigte Wanderung über die karge Insel lassen wir ausfallen, …
…, denn das Anlanden am einzig möglichen Platz, in der Seekarte extra als “Landing” ausgewiesen, erfordert doch mehr Abenteuerlust als wir heute bei diesen ja schon eher ruhigen Bedingungen aufbringen.
An den Stelzen unterhalb der Plattform sind ein paar Handläufe angebracht, an denen man sich vielleicht festhalten und über das glitschige Gestein zur Treppe hangeln könnte. Bei etwa einem Meter Schwell würde das wahrscheinlich feucht und eventuell lustig sein – oder eben auch nicht.